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Marcus Steinweg: Inkonsistenzen/Evidenzterror

τραῦμα. Die Autoaggressivität des Denkens. Überlegungen zum Schreiben Marcus Steinwegs

Philosophie „die unheilbare Irrfahrt“ (Lacan)

„Diese Dominanz des philosophischen Logos verdankt sich … seinem Vermögen, alles Andere in die Ökonomie des Gleichen zurückzuführen.“ (Luce Irigaray)

I.

»Er bebte vor Gewalt […].«

Primum non nocere, secundum cavere, tertium sanare. Dem fraglos wohlmeinenden hippokratischen Grundsatz, erstens nicht zu schaden, zweitens vorsichtig zu verfahren, drittens zu heilen war medizingeschichtlich von alters her beschieden, unliebsame aporetische Konsequenzen nach sich zu ziehen. Hinsichtlich des Erfordernis´ von Zurückhaltung des Handelns zwar Plausibilität für sich zu verbuchen, doch genauso, im lebenspraktischen Vollzug, vor Paradoxien zu stellen, deren man sich nicht eben leicht – und wenn nur mittels eskamotierender Invisibilisierung[1] – entledigen kann. „Wie nicht schaden?“, lautet die das „Was tun?“ heimsuchende traumatische Kernfrage praktischer Vernunft (oder „Wie tun, um die dem Tun eigene Schädlichkeit zu minimieren?“), da unabweisbar ersichtlich ist, dass schlichtes Nichtstun keines mehr ist, im Sinne unterlassener Hilfeleistung sich apriori eine Schadenszufügung zu Schulden kommen lässt; jede Verwicklung in Interaktionsverhältnisse von Beginn an notwendig nicht umhin kommt, der Gefahr einer gewissen Schädlichkeit der eigenen Taten ausgesetzt zu sein. Taten, die, sobald handeln schuldigwerden heißt, egal, wie und was getan wird, und wie es am Ende ausgeht, nie einfach nur, rein und unverschmischt, werden „gut“ gewesen sein können?[2]

Es gibt aus der Verstricktheit keinen Ausweg/il n’y a pas de hors-texte

Jegliche Einlassung auf den Anderen, selbst und gerade jene mit der therapeutischen Absicht, mag sie sich in anderen Kontexten auch als pädagodisch-didaktische präsentieren, diesen vom Übel zu kurieren (maximal-/minimalinvasive Chirurgie bietet dafür nur den einschneidensten Beleg) muss sich eingestehen, aufgrund übergriffiger Eindringlichkeit stets schon als gewaltsame Körperverletzung gelten zu können; was in juristischer Hinsicht auch heute noch – und angesichts der Proliferation apparativer Interventionsmöglichkeiten mehr denn je – der Fall ist. Jedes Heilversprechen ist Gewaltdrohung; als Drohung kommender Gewalt bereits, hier und jetzt, Gewalt. Im Anfang war die Gewalt als apriorische Aporie. Juristische Absicherungsmechnismen, etwa im medizinischen Bereich, haben deshalb den seltsam masochistischen Gedanken der rechtfertigenden Einwilligung in die Verletzungshandlung in ihren Vertrag aufgenommen, der die Strafbarkeit ausschließt, obwohl der objektive Tatbestand – die Verletzung – und auch der subjektive Tatbestand – Wollen und Willen der Tathandlung – vorliegen. Doch ein manifestes Problem bleibt weiterhin hartnäckig bestehen: das der Feststellungsfähigkeit eines solchen Willens, der die Einwilligung abgeben soll.[3]

Dem Leiter der Gießener Universitätsbibliothek kam, sicher im Zuge ähnlicher Erwägungen der Intrikationen solcher Zusammenhänge, der Gedanke, diesem Paradox und seiner Dialektik  – die im klassischen Sinne keine mehr ist, da zwar sehr wohl Verletzung ohne Heil, aber keineswegs Heil ohne Verletzung sich denken lässt –  jene prägnante sprachliche Prägung zu verleihen, die seit dem Jahr 1907 über dem Hauptportal des dortigen Chirurgie-Gebäudes zu lesen ist: VULNERANDO SANAMUS: Indem wir verwunden, heilen wir. Unerwähnt und verdrängt bleibt nach der gängigen Lesart, welche die Inkaufnahme von Kollateralschäden, einem alles wiedergutmachenden höheren Zweck zuliebe darin erkennt, einzig das vice versa: ein Heil, das sich durch Verwundung herstellt, kratzt sich selbst an. Und schreibt eine irreduzible Kaputtheit in sein dadurch nicht restitutitves, sondern allenfalls reparatives Konzept von Unversehrtheit ein. Die Umkehrung Sanando vulneramus gilt somit nicht minder, insofern reparatio im Gegensatz zur restitutio eine Defektheilung bezeichnet, bei der eine Narbe oder Funktionseinschränkung zurückbleibt und damit den Geheilten unweigerlich als Beschädigten “zeichnet”: mit dem Mal der Selbst-Separation durchs Fremde, Andere, das einschneidend-trennend dazwischengeht. Gewalt, das heißt mithin: strukturelle, öffnende Entaneignung, scheint unhintergehbar, und diese vorgängige Dimension wäre von aller (nichtsdestoweniger nötigen) moralischen Verdammung ihrer Grausamkeiten vorab in Rechnung zu stellen.

In der Grammatologie heißt die arché-trace auch arché-violence. Das ist die différance als Gewalt der Unterbrechung. Sie markiert die Unmöglichkeit reiner Selbstaffektion oder Selbstpräsenz oder Selbstidentität als Selbstaffektion, Selbstpräsenz und Selbstidentität. Eine Art strukturaler Gewalt oder Differenz arbeitet in sämtlichen Selbstsystemen. Sie verhindert ihre narzisstische Schließung, weshalb sie die Merkmale einer Öffnung annimmt, die ins Verschlossene (in Heideggers Entzug/Verbergung oder λήθη) reicht. (Inkonsistenzen, S.22)

II.

Sollte sich das Gesagte auf eine écriture und ihre Inzisionen übertragen lassen, als welche Denken sich, somit in alter Tradition ärztlich, aber nicht länger therapeutisch begreifen lässt, dann vielleicht so und in Hinblick auf Marcus Steinwegs neuerschienene beiden Bücher, die augenscheinlich fast in der Weise chirurgischer Operationen dazwischengehen und eingreifen: zuallererst sich selbst zerschneiden die Gedankensplitter und damit einhergehend das Phantasma einer heilen, gerundeten Intaktheit. Gleichzeitig aber eine andere Unversehrtheit aufscheinen lassen, die im Zurgeltungkommen der Differenz liegt, achtsam und verhalten bewahrt und verteidigt zu werden verdient.

Es ist nicht allein die unwiderlegbare Präzision des Tentativen, das, flüchtig, ohne Anspruch auf Gründlichkeit im Sinne des Soliden, Hieb- und Stichfesten, Oberflächen touchiert, um ihrer und der eigenen flaumhaarbedeckten Poren gewahr zu werden, die den Gestus von Steinwegs Denkbewegung auszeichnet. Seine fragmentartigen “Notizen, Bemerkungen, Aphorismen, Maximen und Kurztexte”[4] zeugen vielmehr von Operationen, die perfor(m)ativ eingreifen und -schneiden wollen in die sogenannte (und im Nennen schon perspektivisch zersplitterte) Realität einer Welt, die selbst aus nichts anderem besteht als dem Scheiden und Schneiden, den Ent-Sch(n)eidungen differenzieller Markierungen und Malen und deren löchrigem, durchlückten, zernarbtem oder von offenen Wunden entstellten Gewebe. Verwundung, der keine Heilheit voraus gegangen ist. Sie ließe sich auch als ein in sich inkonsistenter Zusammenhalt dessen verstehen, was “wesentlich” nicht zusammenhält (und wesentlich darum kein Wesen hat), weil seine Kohärenz einzig im abschiedlichen Auseinander-, im Zer-fall besteht, bezogen auf eine Mitte als klaffende Divergenz. In diese inkonsistente Immanenzebene der Wirklichkeit verwickelt, also Teil von ihr, kann jeder einzelne Gedanke sich selbst nicht, sich bei sich beruhigend, intakt lassen, steht unter Zwang sich, wie nach dem Krankheitsbilds eines generalisiertes Borderlinesyndroms (namens Schrift), selbstverletzend anzuritzen, wie das englische to write – kritzeln zum gewaltsamen reißen und ritzen auslegend – es anklingen lässt; schon um jene Öffnung zu erwirken, mit deren Hilfe sich der Logos tomologisch im Medium der Schrift für sein Anderes freimacht, sich aussetzt und rückhaltlos preisgibt. Verstrickt ins Schneiden:

“Es gibt kein Denken jenseits einer gewissen Auto-Aggression.”

„Der Logos ist Offensein für das Chaos. Das Logossubjekt ist nur bei sich, indem es außer sich ist. Sein Wahnsinn und Hyperbolismus: dass es nur als Selbstverletzung existiert.” (Inkonsistenzen, Konsens, S.101)

““Souverän sein, heißt nicht unverletzbar oder unangreifbar zu sein. Souverän ist, wer der Versuchung zur Eingeschnapptheit bei faktischer Verletztheit widersteht.” (Evidenzterror, Kränkung, S.75)

Worin bestünde ein solcher Widerstand, der hier als Desiderat des denkerischen Habitus selbst aufscheint, wenn Eingeschnapptsein, Beleidigtsein, Gekränktsein, etwas krumm und übel nehmen und nachtragen wesentlich darauf hinaus läuft, auf unabsehbare Zeit nicht verzeihen zu können oder wollen? Hauptsächlich vielleicht doch im Verzicht auf das Bedürfnis nach Rache, Absehen und -stehen vom Anspruch auf Vergeltung, Revanche, Wiedergutmachung des erlittenen Unrechts. In der Aufgabe des Phantasmas finaler Entschädigung und – schuldigung. Ist der Logos (als logon didonai und reddere rationem) nicht aber mit diesem inbrünstig grollenden Wiedergutmachungswunsch untrennbar verknüpft? Ließe sich Denken als begehrende und mit-teilende Lese/Schreib-Praxis (und nicht mehr Gespräch der (schönen) Seele mit sich selbst, wie noch bei Hannah Arendt: soliloquy als innerer Dialog) mit einer solchen Ver-Gebung, Ver-Zeihung, eben Ver-Söhnung (der Verzicht auf Sühne, auf welche noch für Adorno alles bezogen bleiben musste) zusammendenken, zuletzt noch als Verzicht aufs Bezichtigen und Zeihen selbst sich vollziehen? Das erfordert, und Steinweg weist diesen Weg, allem Ressentimentalen, Reaktiven, Revanchistischen, das Nietzsche und Deleuze etwa schon in Sokrates, der Gründungsfigur abendländischer Philosophie als Metaphysik ausmachen konnten, abzuschwören und zu einem responsiven, responsiblen und affirmativen Duktus zu finden, der mit dem absegnenden Gutheißen bestehender Verhältnisse, deren manifest spaßgesellschaftlichen Züge ja von einer latenten Griesgrämigkeit nicht zu trennen sind, nichts zu schaffen hat.

III.

Von hieraus führt immerhin ein Weg zu jener umfangreicheren Diagnose, deren Konsequenzen durchzuarbeiten nicht nur die exzentrische Mitte von Steinwegs Denken ausmacht, sondern den gewaltigen Mythos vom Logos des Abendlandes – d.h. des Abendlandes selbst, insofern sich als Logos in sich selbst zu sammeln versucht – im Ganzen betrifft. Die beiden von Freud zunächst in ihrer Relevanz individualpsychologisch reduzierten, später metapsychologisch und kulturtheoretisch ausgeweiteten Leit-Figuren Ödipus und Narziß weisen auf eine gleichsam transzendentale Verletzung (in der Form einer nach Wiedergutmachung lechzenden Kränkung, nach Wiederaneignung strebenden Expropriation) im Herzen der Finsternis Europas, die sich ebenso im Zorn Achills wie in Odysseus Irrfahrt ausgeprägt findet. Insofern beide Figuren, die dem Schmerz des Getrenntseins gleichsam Gestalt verleihen ihrerseits untrennbar zusammengehören, sticht neben dem Problemkomplex des Narzißmus unterschwellig auch der des Ödipuskomplex heraus als jenes, woran Steinweg sich abzuarbeiten scheint. Vielleicht weil hier jener – immer auch erotisch-brünstig gefärbte – Ingrimm der rachsüchtigen Wiedermachungsphantasmas eines in Fülle und Selbstpräsenz sich bei sich versammelnwollenden, aber je schon zerstreuten und außer-sich-seienden Geistes am deutlichsten konfrontiert wird mit dem, was er abwehrt: das Loch, die Lücke, den Riß, den Schnitt, der für immer auseinanderhält und widerspruchslose Selbstpräsenz sowohl des Subjekt als auch des Seins verunmöglicht. Sowohl der Titel Inkonsistenz – meist als die Widersprüchlichkeit zweier (!) Unvereinbarkeiten gedeutet, besser jedoch als die Disparatheit einer Zusammenhanglosigkeit, eines Unzusammen gefasst – als auch Evidenzterror – die Tyranei dessen, was sich, da nun einmal Fakt, von selbst verstehen soll – bezeichnet somit einander ergänzende Sachverhalte (der eine affirmativ, der andere diagnostisch-kritisch), die zu jenem sich selbst bestätigenden, letztlich lethal verlaufenden, strukturellen Ödipo-Narzißmus in intimen Bezug stehen.

IV.

Dass „echte“ Gedanken nicht argumentativ entwickelt werden dürfen, ist eine Behauptung, so unwiderlegbar wie unendlich begründungsbedürftig. Dass sie vielmehr sich in einer von trotzigem Beharren und Rechthabenwollen oft kaum merklich abweichenden Weise repetieren, durch diskrete Insistenz sodann imponieren und einen dennoch merklichen Unterschied machen, hatte Blanchot zunächst wirklich bloß behauptet. Dann doch, zum Beweis, dass jedes ernstzunehmende Denken mit dem Axiom, auf das es baut brechen muss – d.h. zum Beweis, dass es ums Beweisen nicht gehen kann, eher ums Bezeugen – , in einem seiner unendlichen Gespräche des Bandes L’Entretien infini, Polylog von mindestens zwei Interlokutoren, expliziert.

Marcus Steinwegs Bücher, deren Seiten, wie zur Illustration ihres Autornamens, von opaken Blöcken in sich geschlossenen, doch fragmentarischen Texts monolithisch zerlückt, skandiert und rhythmisiert werden, exemplifizieren das. Sie sind, in ihrem Gestus und Duktus (besser noch: Skriptus), vom einem Furor und Raptus insistenten Behauptens, ohne Absicherung durch die Syllogismen lückenloser Beweisführung, gespeist. Mit Hegelianismus in Adornoscher materialistischer Radikalisierung hat sein Verfahren, neben der deutlichen Beeinflußung von einer Lacan und Deleuze gemeinsamen Anti-Dialektik, gemein, dass es sich beständig bestätigt darin, Denken dürfe die Beschwichtigung seiner ihm genuinen Unruhe nicht zulassen, könne einzig im gegen sich selbst, im Außer-Sich-Sein zu sich selbst kommen. In dieser Beunruhigung wiegt es sich in einer Trance, die nichtsdestoweniger rauschhaft anmutet und dem mystischen immanem quietem des Dionysius ähnelt, das Diego mit “wilde, ungestüme Ruhe” übersetzt und von Derrida in seinem Text über Michel Certeaus Mystische Fabel (“Vielzahl Ja”) aufgriffen wird. Inwiefern sich überbordende Auto-Adversarität (in manchen Zügen ihrer Autoaggressivität dem selbstverletzenden Verhalten einer Borderline-Störung des Denkens ähnelnd), diese sich bekräftigende polemische Gegnerschaft des Denkens (und der nicht aufhörenden Anfänglichkeit, das es ist, Jakob Böhmes Gewalt und Rasen, Qual und Quellen des Ursprungs) gegen sich selbst aus einer mithilfe schreibenden Ritzens die Öffnung herbeisehnenden Affirmation speist, legt sich, weniger sukzessive, denn ex abrupto, frei, sprengt sich, durchaus mit einem der Materie inhärentem Groll, heraus. Jenes Gegen-Sein (und noch gegens Gegensein sein) setzt die Vorgängkeit und stille Begleitung eines Für und Vor bereits voraus (ist ein Fürsgegensein), das wie ein unstillbares Begehren dazu antreibt, weiter hinein ins Offene zu gelangen, im Zuge einer “Öffung auf Verschließung” (S.35). Im sich selbst opponierenden Gegen, das an sich als dem Widersprochenen duellartig festhängen würde, ist es immerschon dafür, auf ein Für hinzuführen. Seine Aggression ist ein gradus ad, Schritt auf etwas zu, ent-gegen:

FÜR STATT GEGEN

So, wie die Philosophie nicht Philosophie über ist, ist sie nicht Philosophie gegen. Immer geht es in der Philosophie um die Überschreitung des Über und des Gegen auf ein Für hin. Immer geht es darum, für die Unbestimmtheit dessen zu denken, was (noch) nicht existiert: »Kein Buch gegen etwas, was dies auch immer sei, hat jemals Bedeutung; es zählen allein die Bücher ›für‹ etwas Neues, und die Bücher, die es zu produzieren wissen.« (Inkonsistenzen, S.54. Das Zitat stammt von Gilles Deleuze, Woran erkennt man den Strukturalismus?, Berlin 1992, S. 60.)

Ob dann die Funktion der Philosophie noch darin liegen kann, “der Dummheit Schaden zu tun”, wie es der Aphorismus Samurai (Inkonsistenzen, S.21) mit einem auf Foucault gemünzten Zitat von Deleuze behauptet? Vielleicht nur insofern, als Philosophie jenen als professionalisierter metaphysischer Herrschaftsdiskurs selbst zweifelhaft gewordenen Apparat bezeichnet, der einst angetreten war mit dem Anspruch, Dummheit wie Sophistik externalisierend von sich zu weisen und kategorisch zum ausgemachten Gegner seines Feldzugs zu erklären. Dabei aber unweigerlich den Effekten von Kontamination mit und Heimsuchung durchs Verfemte anheim fiel, auf die sie nur mit Verdrängung zu antworten weiß. Denken allerdings (in Abwesenheit eines treffenderen Namens) könnte jenen auf ein tranzendental stupides Nicht-Denken in ihm bezogenen Überschuß bezeichnen, der in und neben ihr stets dessen gewahr zu werden versuchte, was jene verfehlen muss. Philosophie denkt, insofern sie Philosophie, d.h. Wissenschaft ist, die sich mit eingeschliffenen Prozederes der lückenlosen logischen Beweisführung begründend-begründeter Begründungen gegenüber ihren Abgründen absichern muss, nicht. Marcus Steinwegs Wegmarken, minoritäre Literatur der Fragmente, Splitter, Notizen und Denkbilder deshalb dieser zuzurechnen, täte ihnen Unrecht. Denken, das dafür ist, gegen sich selbst zu denken (und damit dafür, für etwas Anderes zu sein, weil es sich selbst als ein stetes Noch-Nicht-Denken für das Bedenklichste hält), d.h. sich traut im unversöhnten Widerspruch, der Aporie und dem Double-Bind (als dem unmöglich aushaltbaren) auszuharren, unterbricht sich unaufhaltsam und setzt, gegen sich selbst resistent, neu an, um sich in weiterem Anlauf zu ent-gegnen. Was bisher (und die dialektische, spekulative Philosophie ist vielleicht so alt wie das Abendland selbst) als Negation gedacht wurde, nunmehr als ereignishafte Unterbrechungen und Zerlückungen einer Kraft und Gewalt zu betrachten, deren Mächtigkeit sich allein aus einer rückhaltlosen Bejahung speist, macht Steinwegs Schreiben (das sich — das wäre das aller Philosophie bereits eingeschriebene Gegenparadigma, durch das sie sich ausschreibt — immer wieder einschlägig obsessiv auf die écriture Duras bezieht) gleichsam körperlich erfahrbar.

Tillmann Reik

Verlagsinformationen zu Inkonsistenzen und Evidenzterror.

Link zur amerikanischen Ausgabe Terror of Evidence (erscheint February 2017).

[1] als welche größtenteils jenes, was Marcus Steinweg als “aktives Nicht-Denken” bezeichnet, sich in Szene setzen wird. Ob für den Lebensvollzug nicht dennoch unerlässlich, bliebe mit in die Überlegung hinzunehmen.

[2] vielleicht auch deshalb, weil die reine und unvermischte Gutheit in der (Selbst)Affirmation eines Differentierungsgeschehens des Scheidens und Trennens bestehen könnte: Wenn Gott im erste Anfang der Genesis (Moses 1,1ff) – und also vorm dem die Unterscheidung von gut/böse überhaupt erst ermöglichendem Sündenfall – seine als Schöpfung bekannt gewordene Scheidungsoperation nach jedem der sechs Teilschritte (Tage) selbst absegnet (“Und Gott sah, dass es gut war./Vidit Deus quod esset bonum”), gilt diese das bonum konstatierte Gegenzeichnung der Differenz als solcher, wie sie noch von der Unterscheidung gut/böse vorausgesetzt wird.

[3] “Eine Operation erfüllt nach der geltenden Rechtslage in Deutschland den Straftatbestand der Körperverletzung.[2] Sie ist also nur rechtmäßig, wenn zugleich ein Rechtfertigungsgrund vorliegt. Im Normalfall besteht ein solcher in der Einwilligung des Patienten, nachdem dieser über den geplanten Eingriff aufgeklärt worden ist. Um das Risiko einer Strafbarkeit zu vermeiden, wird die erfolgte Aufklärung und die Einwilligung des Patienten üblicherweise mit einer Einverständniserklärung dokumentiert. Spätere Rechtsstreitigkeiten bezüglich eines Operationsfehlers benutzen diesen Umstand gerne, indem die ausführliche Aufklärung angezweifelt wird. Im Falle einer fehlerhaften Aufklärung des Patienten kommt es zu einer Beweislastumkehr zuungunsten des behandelnden Arztes.” (https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_%28Medizin%29)

[4] So die Gattungsbezeichnungen aus der Verlagswerbung zu “Evidenzterror”.

58682[1]

Niklas Luhmann: Der neue Chef

Köpfe/Rollen

„Der neue Chef ist ein Problem, das sich mit strukturbedingter Typizität laufend wiederholt, eines der wenigen Organisationsprobleme, dem mit Recht universelle Bedeutung beigemessen werden kann.“ (Niklas Luhmann, S.10)

„As for my title, I suppose that the word Cape is from the French cap; which is from the Latin caput, a head; which is, perhaps, from the verb capere, to take, — that being the part by which we take hold of a thing.“ (Henry David Thoreau, Walden)

Das aus dem Französischen entlehnte Substantiv “Chef” schreibt sich, ebenso wie Kapital, Kapitän, Kapitel, der zwei- und dreiköpfige Bi- und Trizeps, aber auch das erfolgreiche Erreichen eines Ziels, die Vollendung innerhalb einer Teleologie, achievement (ad caput venire), vom lateinischen caput her. Es deutet damit, anfangs nur im militärischen Kontext, dem straff durchorganisierten Heer, wo es den kommandoführenden General bezeichnet, hinauf auf den Kopf und das Oberhaupt; die höchste und wichtigste, durch die exponierte Lage jedoch ebenso höchst verletzliche zephalische Stelle innerhalb einer den machtpolitischen Stellenwert ihrer Teile und die Richtung der Befehlskette ordnenden Hierarchie. Zunächst besteht die Hauptsache der Hauptsache als zentraler kybernetischer Steuerungseinheit darin, zahlenmäßig beschränkt, wenn nicht Unikat zu sein, ihre Exzellenz verdankt sich ihrer raren Exklusivität. Doch es dauert nicht lange, bis diese am Aufbau des biologischen Organismus orientierte Metaphorik, spätestens nachdem der Kopf des absolutistischen Herrschers, der im Übrigen schon lange verdoppelt und multipliziert – nämlich in Person einerseits und Erwartungen stabilisierende Rollen andererseits aufgesplittert – war, gefallen und ebenso schnell durch vielfältig nachwachsende Supplemente ersetzt wurde, auch in anderen sozialen Verhältnissen Verwendung fand, zu proliferieren begann und eine Diversität von Häuptlingen einer aus dieser Sicht als poly-tribaler Stammesverbund erscheinende Gesellschaft generierte, wie sie sich etwa in der folgenden bürokratischen, der Ordnung halber alphabetisch sortierten Beispiel-Liste eines gängigen Online-Wörterbuchs niederschlägt, die unendlich ergänzbar ist:

Abteilungschef, Aufsichtsratschef, Betriebsratchef, Ex-Chef, Fraktionschef, Gruppenchef, Konzernbetriebsratchef, Konzernchef, Kreml-Chef, Küchenchef, Länderchef, Landeschef, Marketingchef, Nationalbankchef, Notenbankchef, Parteichef, Polizeichef, Regierungschef, Ressortchef, Terrorgruppenchef, Staatschef, Stabschef, Strategiechef, Verwaltungschef, Vorstandschef, Zentralbankchef

nach Firma/Organisation: Al-Kaida-Chef, Belvedere-Chef, BMW-Chef, Chrysler-Chef, CIA-Chef, Daimler-Chef, Euro-Gruppe-Chef, Ex-Grünen-Chef, Ex-Linken-Chef, EZB-Chef, Flughafenchef, Formel-1-Chef, FPÖ-Chef, Grünen-Chef, IPCC-Chef, IS-Chef, Mercedes-Chef, ÖBB-Aufsichtsratschef, ÖGB-Chef, ÖVP-Chef, PKK-Chef, SPD-Chef, SPÖ-Chef, Volkswagen-Chef (VW-Chef)

Chefdirigent, Chefetage, Chefinstruktor, Chefkoch, Chefkombination, Chefredakteur, Chefsache, Chefsalat, Chefsessel

***

Köpfe, die ins Rollen geraten und andererseits (weil sich die Soziologie früh, einschlägig bei Goffman, der Theaterterminologie bedient, um deutlich zu machen, wie sich Soziales inszeniert) Rollen markieren, die selbst stabil bleiben müssen, während die sie spielenden Akteure wechseln. Ist in tribalen Formationen die Rollenzuteilung weitgehend festgeschrieben und geregelt, erweist sie sich in funktional differenzierten Verhältnissen als variabel:

Stabilität ist im sozialen Leben nur erreichbar, wenn das Verhalten der anderen Menschen voraussehbar ist, wenn also zuverlässige wechselseitige Verhaltenserwartungen durchweg erfüllt werden. Dazu gehört, daß diese Verhaltenserwartungen in verschiedener Hinsicht generalisiert sind: daß sie zu komplexen Typen mit verschiedenen Ausführungsmöglichkeiten zusammengefaß sind, daß sie wiederholbar sind, daß sie Konsens finden und daß sie normativen Sinn erhalten und dadurch fortbestehen, auch wenn sie im Einzelfall faktisch enttäuscht werden. Generalisierte Verhaltenserwartungen solcher Art werden heute allgemein als Rollen bezeichnet. (11)

Das Familienoberhaupt ist zugleich Produktionsleiter, Kriegschef, Vortänzer, Mitglied des Stammesrates und anderes mehr. Sein Nachfolger rückt in alle diese Rollen ein. (12)

Ein Konzernpräsident kann verheiratet oder unverheiratet, Tänzer oder Nichttänzer, Kirchenmitglied, Jäger usw. sein. Für das Zusammentreffen solcher Rollen in einer Person gibt es kaum noch soziale Regeln und für Rollenkonflikte keine sozial akzeptierten Lösungen mehr. Jede Nachfolge in eine Rolle bringt daher neue Kombinationen und neue Probleme mit sich. (13)

Immer geht es, wenn – austauschbare – Vorgesetzte im Spiel sind, um Organisation, die sich hierarchisch strukturiert, mit Über- und Unterordnung einer Rangfolge von Mitgliedern über Rollen Kohärenz und Erwartungssicherheit stabilisiert und dadurch Reste segmentärer und stratifikatorischer Gesellschaftsformationen in die moderne, basal funktional differenzierte (und damit laut der gängigen Terminologie: heterarchische, hyperkomplexe und polykontexturale) überführt. Dort wirken derlei per Ein- und Auschluß Mitglieder rekrutierende und “Leute funktional substituierende” Entitäten wie archaische, anachronistische, atavistische Relikte aus grauer Vorzeit, garantieren andererseits jedoch überhaupt erst die strukturelle Kopplung grundsätzlich inkompatibler Funktionssysteme, sind selbst so etwas wie aus den Funktionssystemen herausragende Köpfe. Die Zeit der Moderne (und Postmoderne) ist insofern aus den Fugen und mit sich selbst uneins, als das Entscheidende (und Organisiationen mit ihren legitimierten und legitimierenden formalen Verfahren sind insofern wichtig, als sie Entscheidungen mit Bindungskraft kommunizieren können, um damit die besagte re-ligio/Wiederanbindung des Disparaten zu leisten) an modernen Gesellschaften eben auch etwas ist, was ihre wertvollsten Errungenschaften (die funktionale Differenzierung selbst) stets radikal in Frage stellt:

Der Luhmannschüler Peter Fuchs schreibt dazu in seinem Manuskript “Hierarchien unter Druck – ein Blick auf ihre Funktion und ihren Wandel”(abrufbar unter http://fen.ch/texte/gast_fuchs_hierarchie.pdf):

Organisationen sind in der Lage, die ‚Leute’ funktional zu substituieren. Genau deswegen sind sie diejenigen Einrichtungen, die die strukturelle Kopplung der Funktionssysteme durchführen und damit jene Kompossibilität ins Werk setzen, ohne die funktionale Differenzierung nicht existieren könnte.

Und Fuchs zitiert den späten Luhmann, dessen Ausführungen darin kulminieren, die Ambiguität von Einrichtungen zu betonen, deren Unverzichtbarkeit mit einer Infragestellung gerade jener Errungenschaften einhergeht, die sie andererseits garantieren:

„Sie (die Organisationen, P.F.) können die Personen auswählen, die für eine Tätigkeit in ihren Organisationen in Betracht kommen, und andere ausschließen. Nicht alle Bürger werden Beamte. Funktionssysteme können also mit Hilfe ihrer Organisationen dem Inklusionsdruck der Gesellschaft widerstehen. Jeder ist rechtsfähig, aber nicht jeder bekommt vor Gericht Recht. Das Gleichheitsgebot ist kein Konditionalprogramm. Jeder hat die Schule zu besuchen; aber da es sich um eine Organisation handelt, kann intern entschieden werden, auf welchem Niveau und mit welchem Erfolg. Über Organisationen macht die Gesellschaft sich diskriminationsfähig, und zwar typisch in einer Weise, die auf Funktion, Code und Programme der Funktionssysteme abgestimmt ist. Innerhalb der Organisationen und mit ihrer Hilfe läßt die Gesellschaft die Grundsätze der Freiheit und der Gleichheit scheitern.”

***

All diesen und weiteren Verstrickungen, welche die späten organisationssoziologischen Überlegungen Luhmanns, gesammelt im postumen Werk Organisation und Entscheidung (2000), zu Bedenken geben (und die u.a. durch einen starken Exklusionsbegriff frühere Theorieprämissen der systemischen All-Inklusion destabilisieren), sind in den drei frühen Aufsätzen, die das gelbe Suhrkampbüchlein Der neue Chef enthält nur zu erahnen; dafür zeigt sich sich eine (tranzendental-)empirisch gesättigte Binnenperspektive vor allem der bürokratischen Verwaltung der biedermeierlichen Bonner Bundesrepublik weniger als 20 Jahre nach Kriegsende. Bürokratie, die heilige Herrschaft des Beamtenapparats in seinen Schreibstuben und Amtszimmern bildet das kafkaeske – allerdings auf die modernen industriegesellschaftlichen Bürokratien bezogene Szenario dieser Überlegungen. Weder Vademecum noch Handorakel für die Bewältigung des Alltags in hierarchisch organisierten Arbeitsverhältnissen – wenngleich das von Jürgen Kaube erstmals publizierte und wohl nicht ohne Grund vom Autor zurückgehaltene Typoskript “Unterwachung oder Die Kunst, Vorgesetzte zu lenken” als Leitfaden der subtilen Subversion von scheinbar eindeutigen Machtverhältnissen dienen kann – bieten die im 111 Seiten umfassenden Band “Der neue Chef” versammelten drei Texte einen Einblick in Luhmanns organisationssoziologische Frühphase, der entscheidende Schnitte und terminologische Feinunterteilungen, mit denen Luhmann später die Gesellschaft zerlegen wird, um sie danach wieder zusammenzusetzen, noch nicht vorgenommen sind.

Allesamt im Umkreis der Schrift Funktion und Formen formaler Organisation (1964) mit der Luhmann 1966 auch promoviert wurde, entstanden und von Erfahrungen der Jahre 1954-62 als Ministerialbeamter in Lüneburg gespeist, gewähren sie dennoch aufschlußreiche Vorführungen der seltsamen, mitunter grotesk anmutenden Beobachtungsgabe des späteren Bielefelder Soziologieprofessors, dem guter Geist trocken war und der Gag die Mittel heiligt: einer Mischung aus naivster, ja blauäugig-ahnungsloser Überraschungsbereitschaft (wie sie der Band “Gibt es eigentlich den Berliner Zoo noch?” vielfältig illustriert), die ein bescheidenes, tastendes, phänomenologisch-deskriptives Vorgehen mit sich bringt und gleichzeitigem beherzten, risikoaffinen Drauflostheoretisieren, nicht selten allerdings über geschlossener Wolkendecke mit dem eingeschaltetem Autopilot formalisierender Hochabstraktion. Schlagend belegt dies methodisch paradoxe und so sympathische wie problematische Doppel von Zurückhaltung und Überstürztheit jene von Andrea Frank überlieferte Anekdote über einen Luhmann in orangfarbenem Volvo, der, zunächst perplex angesichts der Aporie, eine Kreuzung mit ausgefallener Ampelanlage, offenbar im blinden Vertrauen darauf, dass es schon gutgehen werde, überquert:

„Was ist denn hier los, was soll ich denn hier machen …?“, um sogleich entschlossen hinzuzufügen, „Ach, ich fahre einfach!“ Sprachs, nahm den Fuß von der Bremse und überquerte ohne weiteren Blick nach rechts oder links die kreuzende Vorfahrtsstraße (glücklicherweise ohne damit sich oder sonst jemanden zu gefährden). In diesem Augenblick wurde ihr klar, warum Luhmann in seinen Vorträgen so häufig Beispiele aus dem Bereich des Straßenverkehrs wählte: Er wunderte sich einfach darüber, wie das alles funktioniert und die Beteiligten in den meisten Fällen schadlos hält.“ (vgl. Andrea Frank: Weder Naserümpfen noch Augenaufschlag, in: Theodor Bardmann, Dirk Baecker (Hg.): „Gibt es eigentlich den Berliner Zoo noch?“ Erinnerungen an Niklas Luhmann, Konstanz 1999, S. 69.)

Der neue Chef, titelgebender erster Aufsatz (der dem Namen nach an Kafkas Der neue Advokat und Derridas Das andere Cap erinnert, mit denen er durchaus zu tun hat) und der zweite namens Spontane Ordnungsbildung untersuchen ausgehend von der alles leitenden Annahme, Stabilität setze Erwartungssicherheit voraus, jene nach Luhmanns Ansicht von der bisherigen Verwaltungswissenschaft vernachlässigten Probleme, die sich aus einer Neubesetzung der Führungsrolle ergeben können, da zwar formale Funktionen weitgehend bruchlos an nachfolgende Amtsträger übergeben werden, die nebenherlaufenden informalen („mit all ihren gefühlsmäßigen Bindungen, mit ihren Hilfeleistungen, Gunsterweisen, Informationen, Tauschansprüchen, persönlichen Verpflichtungen und emotionalen Sicherheiten“, 38) hingegen nicht ebenso. Welche Folgeprobleme sind zu erwarten, wenn die Erwartungssicherheit durch Wegfall vertrauter Strukturen plötzlich gefährdet ist, und wie lassen sich derartige unliebsame und an Konfliktpotential reiche Situationen bereits im Vorfeld abwenden oder zumindest mildern und in ihrer Schockhaftigkeit durch antezipierende Vorwegnahme absorbieren?
Denn daran ist innerhalb dieser Axiomatik alles gelegen: Komplexität muss reduziert, Unsicherheit stabilisiert werden, Erwartungen (auch die das Einzelnen von sich selbst) bestätigt, nicht enttäuscht werden. Wie schwierig und unwahrscheinlich dieses Normale reibungslos geregelter Abläufe überhaupt umzusetzen ist, macht Luhmann ebenso deutlich, wie er auf der Notwendigkeit von Stabilisierung als Hauptfunktion von Gesellschaft besteht. Obwohl zuweilen der neutrale, rein konstative Duktus seine Unbrauchbarkeit für Wegweisungen zu behaupten müssen meint („Diese Überlegungen lassen offensichtlich keine allgemeinen Empfehlungen zu“, 32), erweist sich für Luhmann der parallel mitlaufende informale Bereich, in welchem auch ein neugedeuteter Begriff von Spontaneität zum Zuge kommt, in der seinerzeit bisherigen an dem Theorem formaler Zweckorganisation orientierten (vor allem amerikanischer) Forschung als weitgehend unterschätzt:

Die Probleme der Chefüberlastung, die Unvermeidlichkeit widerspruchsvoller Leistungsstandards, die Mängel der am Zweck-Mittel-Schema und am Befehlsmodell der Autorität orientierten klassischen Organisationslehre, die Vorteile eines persönlichlich ausgerichteten „natürlichen“ Handlungssystems, in dem Takt, Vertrauten, Tausch von Gunsterweisen, Prestigeunterschiede und die feinereren Formen gesellschaftlicher Sanktionen das Verhalten steuern — diese und andere einsichten der jüngsten Forschung dürften das Interessen an einer stärker generalisierten Systemsteuerung wecken. (39-49)

Takt wird insgeheim taktisch — obwohl sich die Ausführungen eine Reserve gegenüber Rezepten aus dem Ratgebergewerbe (und der tragischen Frage „Was tun?“) aufzuerlegen versuchen, der sie jedoch nicht standhalten mögen — als eine Art Proto-Ethik (einer Ethik, deren Hauptfunktion für den späteren Luhmann war, vor Moral zu warnen) nicht nur funktional sinnvoll bewertet und, wie alles, auf den zu erzielenden Gewinn, die zu erwartende Effizienz hin untersucht, sondern nachgerade zur conditio sine qua non störungsfreier Abläufe nobilitiert. So heißt es gegen Ende von Unterwachung Oder die Kunst, Vorgesetzte zu lenken, das mit subversiven Ratschlägen aufwartet, wie dem, den Chef durch komplizierte Formulierungen, die längere Zeit des Verstehens erfordern, die Widerspruchsmöglichkeit zu nehmen:

Wichtig ist natürlich Respekt als formale Anerkennung der ranghöheren Rolle. Hier wird oft das Problem der Servilität befürchtet. Es gibt aber Möglichkeiten, Mißachtung respektvoll zum Ausdruck zu bringen, etwa indem man sich als nicht verstehenden, gelangweilten Zuhörer zeigt. Oberste Bedingung ist Takt: Man muß den anderen als den behandeln, der er sein möchte, sozusagen die beabsichtigte Selbstdarstellung im eigenen Handeln auffangen und reflektieren. Ich habe immer wieder versucht, an den Grenzen der Taktlosigkeit zu experimentieren, es zahlt sich nicht aus. Man kann irritieren, die Situation in ein leichtes Vibrieren bringen, vielleicht so stark stören, daß Aufmerksamkeit von einem unangenehmen Thema wegkommt. Vielmehr ist damit nicht zu erreichen.

Dass Takt, Vertrauen, ebenso wie Selbstdisziplin hier taktil-strategisch, d.h. funktionalistisch als effektive Mechanismen der Komplexitätsreduktion, nicht moralische Verhaltensvorgaben behandelt und empfohlen werden und sich von der Einsicht herleiten, dass „Macht […] effektiv nur in Form von Kooporation, nicht in der Form von Konflikt“ ausgeübt werden kann, weist voraus auf die erstmal 1968 erschiene Studie Vertrauen: Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität.
Die Notwendigkeit hingegen, sich (fast ein wenig im Sinne des anerkenntistheoretisch gedeuteten frühen Hegel) im anderen als der bestätigt zu sehen, der man sein möchte (mithin etwa auch die systemtheoretische Aktualisierung der Erwartung eines augustinischen volo ut sis), hält sich durch bis zur, gegenüber den Texten im Band, fast 20 Jahre später veröffentlichten Liebe als Passion. Dort nämlich heißt es:

„Was man als Liebe sucht, was man in Intimbeziehungen sucht, wird somit in erster Linie dies sein: Validierung der Selbstdarstellung. Es geht nicht so sehr darum, daß der Liebende den Geliebten überschätzt oder gar idealisiert. Das kann diesem als ständige Aufforderung, besser zu sein, und als ständiges Diskrepanzerleben eher unangenehm sein, jedenfalls auf Dauer.“

Wie deutlich diese das spätere Werk prägenden Grundprämissen bereits im frühen verwaltungssoziologischen angelegt sind (in deren unmittelbaren Umkreis übrigens auch das vielgelesene Lob der Routine (in 55 Verwaltungsarchiv (1964)) verortet werden muss), lässt sich nun weitergehend erforschen.

Tillmann Reik

Informationen zum Buch

 

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Titus Meyer: Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung / Jürgen Buchmann: Wahrhafftiger Bericht über die Sprache der Elfen des Exter-Thals

Permanente Permutation: Auf Biegen und Brechen

Sator Rotas[1]

sprechen Vb. ‘reden’, ahd. sprehhan (8. Jh.), mhd. sprechen, asächs. sprekan, mnd. mnl. sprēken, nl. spreken, afries. spreka, aengl. sprecan (westgerm. *sprekan) und die r- losen Formen ahd. spehhan (9. Jh.), asächs. spekan, mhd. spehten ‘schwatzen’, aengl. specan, engl. to speak ‘reden’, mnl. spēken werden wie mnd. sprāken ‘Funken sprühen’, mnl. sparken, aengl. spearcian, anord. schwed. spraka ‘knistern, prasseln’ und die unter Sprache (s. d.) genannten Formen als Schallwörter mit alban. shpreh ‘ich spreche aus’, kymr. ffreg ‘Geschwätz’ und aind. sphū́rjati ‘donnert, grollt’, griech. spharagḗīsthai (σφαραγεῖσθαι) ‘knistern, zischen, strotzen, zum Platzen voll sein’, lit. (ablautend) sprógti ‘bersten, platzen’, ohne anlautendes s- kslaw. prъžiti, pražiti ‘rösten, dörren’, russ. (älter) prjážit’ (пряжить) ‘in Butter backen’ auf ie. *(s)p(h)ereg-, *(s)p(h)erəg-, *(s)p(h)rēg- zurückgeführt, eine g- Erweiterung der unter Sporn (s. d.) genannten Wurzel ie. *sp(h)er(ə)- ‘zucken, zappeln, schnellen’ (auch ‘streuen, sprengen, spritzen’, s. sprühen, Spur)

“Dieses Register, dessen Siglen unter der Lektüre zu bröckeln und zu zerkrümeln scheinen wie der Lehm im Rutengeflecht afrikanischer Hütten, wird offenbar umso chimärischer, je mehr Posten es aufführt.” (Buchmann, Wahrhaftiger Bericht über die Sprache der Elfen des Exter-Thals[2])

“Ehcarps”, also, “Er sah PC.”[3] Anders, das heißt, gängiger gewendet, “Sprache”, aus deren Arche, ach, so sei´s geklagt[4], der englische Schmerz, ache, sowie Rache und Brache (in ihrem Plural gar der Rachen) heraussplittern: vielleicht ein, den sprühenden, spritzenden, sprengenden, knisternden, zischenden, strotzenden, platzenden, berstenden, donnernden, grollenden, vor allem: Spuren streuenden Klang des Sprechens nachahmendes lautmalerisches Schallwort. Darüber hinaus aber (sobald es Sprache gibt, ist sie Meta-Sprache ihrerselbst[5]) Wendung für nichts als eine aufbrechende, sich stets entwindende, gewunden (das heißt sich schlingend und verflechtend) wandernde Wind- Wend- und ergo Wandelbarkeit, morphologische mutatio, meta- und hyperbolé, die allem Geschraubten, Geschwurbelen ihrer Verwendungen voraus geht.[6]

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Sollte zutreffen, dass das Wesen des Literarischen gerade darin besteht, emphatisch über keines zu verfügen, sich in hakenschlagenden Fluchtbewegungen (preschen: ein Anagramm von sprechen) von allem Essentiellen, die Sprache zur Sprache, d.h., siehe oben, zur berstenden Streuung, kommenlassend, frei- und auszuschreiben? Die frühromantische Kunstkritik bis hin zu Blanchots Auslotungen des Literarischen Raums haben das, ohne dadurch je den vorherrschenden, mit ontologischen Präjudizien gerüsteten Rezensionsbetrieb nachhaltig zu stören, implizit zur Prämisse gehabt. Dann nämlich läge die vorrangige Aufgabe einer adäquaten Auseinandersetzung mit Geschriebenem, die, da ebenso auf literarische Mittel zugreifend, notwendig auch eine in ihm ist, womöglich nicht darin, zu kritisieren. Zumindest wenn darunter, wie meist, vulgär die mit Lob oder Tadel sanktionierende, zensurenvergebende Einschätzung einer Leistung, ihres Gelingens oder Mißlingens, verstanden wird. Gemessen an einem Maßstab, der festlegt, wie etwas nun einmal gattungs- oder genrespezifisch beschaffen sein müsse. Über den Wert oder Unwert literarischer Hervorbringungen, deren Gut-, Schlecht- oder gar Bösesein zu entscheiden, – man erinnert sich daran, dass Bataille eben in diesem Bezug aufs Böse, in dieser Teilhabe an devianter Delinquenz, ohnehin ein unvermeidliches Charakteristikum aller Literatur erblickt hat -, richterlich evaluierende Urteile zu fällen, erwiese sich als apriori insuffizient und defizitär hinsichtlich des Textuellen; hätte ihrerseits die Rüge zu gewärtigen, den Gegenständen, ihrem Niveau, das ihnen als Texten zukommt, nicht gerecht zu werden.

Eher hingegen wäre das — mit aller Emphase, aber ohne jedes falsche Pathos: genuin ethische — Erfordernis, sich, schreibend (also streunend-streuend) an literarische Gebilde zu richten, ohne über sie Richtsprüche ergehen zu lassen. Vielmehr ihrer windungsreichen Fluchtbewegung sich anzuvertrauen; den unbeirrbaren Juridismus der Urteilsbildung, der stellen und zu Fall bringen will, folglich nicht nur thematisch zu problematisieren, einzuklammern und in dieser epoché womöglich zu öffnen, sondern aus-schreibend so weit wie möglich zu entkräften. Den randlosen Gespinsten der Schrift gegenüber sich ins gemäße Verhältnis, das nicht selten in einer angemessenen Unangemessenheit bestehen muss, zu setzen. Und in diesem Zuge die je singuläre Weise wie eine befremdliche, heterogene Alterität, ein Aporon in der Form eines Textes sich dem bündigen Verstehen in wohlbegründeter Rede, dem begreifendenwollenden Bemächtigungsgestus eben gerade in idiomatischer und -synkratischer, vielleicht idiosyntaktischer Uneigentlichkeit widerständig verweigert, mitzuvollziehen. Was allem zuvor bedeutet, sich der Schrift, ihren eigensinnigen, mitunter störrischen Krümmungen und Wendungen in mimetischer Anschmiegung folgend, auszusetzen und zu überlassen, doch gleichzeitig sie lassen und, von ihr aufbrechend, verlassen. Selbst und zuallererst dort, wo dies mit einer alle rezeptive Behaglichkeit erschwerenden oder verunmöglichenden Verunsicherung einhergeht, die ihren Grund nicht unbedingt nur in der Desastrosität alles Textlichen findet, sondern genauso sich dem Versagen oder Unbrauchbarwerden jeglicher eingeübten Strategien der Reduktion des Anderen aufs Selbe, vermeintlich bereits Bekannte verdankt.

Entgegenkommend dünken dabei der Einübung in derartiges anderes Verstehen, oder ein Anderes als Verstehen, für das es sogleich nichts und unendlich viel zu erfassen gibt, weil Über- und Unterdetermination ununterscheidbar werden, solche Texte, die ihrem äußeren Erscheinungsbild nach (aber nichts als die reine Äußerlichkeit phänomenaler Non-Phänomenalität sind ja Texte) bereits mit einer, eingeschliffene hermeneutische Mechanismen aushebelnden Fremdartigkeit aufwarten, wie es für zwei Bücher zutrifft, die im Reinecke&Voss Verlag herausgegeben wurden.

Logos-Lego als Titus´ Ritus: Die Semantik, diese Mantik

Muster-Yeti, anagrammatisch, das y für ein i genommen z.B. auch Ritusmiete, Timer-Suite, Reisemutti, Mister Etui: Titus Meyer. Seine Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung verunsichert zuweilen tiefgreifend, ennerviert infantil, mehr noch als sie erheitert und belustigt (“Diese Uneigentlichkeit, eine Art Ironie, die nicht auf Lustigkeit hinausläuft”[7], aber vielleicht auf: Gag, der die Mittel heiligt?), durch die Ernsthaftigkeit ihres kuriosen Spiels mit dem formal rigiden textgenerativen Verfahren, gleichermaßen antik, barock und spätestens seit Oulipo avantgardistisch, des Palindromierens und Angrammierens als Versatzstücke aufsprengende (“Wortkernschmelze” S.56) und re-montierende bricolage. Es erscheint als Wirklichkeitslego. Lichtkreiswolkige Logikwischrelikte (S.56). Der semiotische Mikrokosmos der Wortmanipulation, religiösen und magischen Ursprungs, legt die dynamische Wandelbarkeit, als welche Sprache sich konstituiert, frei:

Tischtänze des Riesenwinds
dieser Silbe. Nerve! Sei Kind!
Sprich! Lach! Nur ein Gag?
Lego-Wesen bilden sie.
(Trostraum Traumrost, S.55)[8]

[…]

Kam Melodei,
Lego-Wege retten
Ohres Eid. Nie hat sie Idole!
Meine geistre ohne Wagnis!
(Sing a! Wagnis?, S.41)[9]

Da das reigentanzende Logos-Lego (Ich möcht dem Faden, roten, zeigen/dass schöner ist der Zoten Reigen., S.48) mittels dieser eröffnenden Limitierung alle vermeintliche Kenntnis darüber, was Sinn (und/oder Bedeutung), den es, Zeilen biegend, spaltet, sei, die diesen ungern als bloß aus “moderiertem Sprachgeröll” (Bertram Reinecke) herausspringenden Effekt betrachtet, unbrauchbar werden lässt. (Oh Plagegeist Sinn!, S.52)

Ich möchte lieber Zeilen biegen:
Sinn spalt ich, wie mit Beilen Ziegen.
Ich wackel an den Zielen-Beigen,
die sich von Ulm bis Bielen zeigen.
(Bienendichter und Zeilenbieger, S.48)[10]

[…]

Enges nie Verbchaotherr anhielt.
Zusammenhaenge innerhalb
Teicherdigem bersten.
(Sterben Reimgedichte?, S.49)[11]

Wie kann man vermeiden, in vernutzten Konventionen (Sitten sind öde, S.23), die mitunter nicht einmal als solche erkannt, sondern für die Freiheit selbst gelten wollen, zu sprechen und demgegenüber die Sprache genötigt werden, sich selbst unablässig zu überraschen? Vielleicht so wie Meyers “Technik” des constrained writing – von der man, ähnlich wie von Zwölfton- oder Reihentechnik in der Musik sprechen könnte, um damit gleichzeitig die im techné Begriff gelegene Bedeutung des Know-How, savoir-faire und der Geschicklichkeit im Fügen zu bezeichnen – es in Szene setzt. Die strenge Form, die den Möglichkeitsraum des Sagbaren von einem ohnehin stets auf einen Fundus des standardmässig erlaubten bezogenen anything goes auf strenge Regularien hin restringiert, scheint quasi maschinenhaft-automatisch nicht gesuchte Findungen emergieren zu lassen. Serendipität kommt ex machina zum Zuge. Trouvailles, die sich dem Verfügungswillen des Autors, der bloß zum pflichtgetreuen Exekutor des entfesselten Gesetzes der Buchstabendrehungen und -wendungen degradiert ist, entziehen. (Im trobar, dem vom gr. tropos abstammenden altokzitanischen Wort fürs Dichten als Finden, findet sich dieses noch als ein Wenden und Drehen, trepein). Weshalb diesen als Silben-Artist im akrobatischen Sinne zu verstehen vielleicht zu kurz greift: die virtuose Akrobatik liegt eher auf Seiten der Sprache als findiger Drehung, Wendigkeit, Biegung, also Topos, und Flexion, und im Zuge dieser ständigen Überspanntheit: streuender Brechung, Atropie[12], denn in einem wie auch immer geniehaft über sie gebietenden, herrisch sie zu- und herrichtenden Dompteur[13].

Aufbrechende Windungen und Wendungen, Kehren, Drehungen, Torsionen, Per- und Kon-Versionen: Sprache entbirgt sich als die ursprüngliche Deviation, die Abweichung vom rechten, richtigen, geraden Weg, die sie ist: verquerer dis-cursus, doch spiegelbildlich auf sich zurückgeboten. Die für die tropische lexis wie anhand der Wörter “Strophe” (Wendung) oder “Vers” (von vertere, umwenden) ersichtlich, üblichen Bewegungen des Richtungswechsel oder Wechsels der Gerichtetheit, sorgen aufs Wort und seine Lettern selbst bezogen für beinah babylonische Konfusion. Denn Sinn, der teleologisch Orientierung, die man Bedeutung nennt (und nennen, Vorsicht, liest sich auch rückwärts uniform), gewähren soll, sieht sich angewiesen auf referentielle Uni-Direktionalität, Irreversibilität, Einhaltung der Reihenfolge, Immutabilität der Wort- und Satz-Einheit. Was passiert, wenn, im Palindrom, identische Zeichenfolge wiedergebende und eine schwindelerregende Zirkularität des Kreisens erzeugende Umkehrbarkeit vice versa zur Voraussetzung erhoben wird, die erfüllt sein muss, damit ein Text sich generiert, als formal korrekt validiert und dabei die die intakte Worteinheit umgrenzenden Spatien beim retrograden Lesen überschritten werden dürfen? Ein Hiat wird überbrückt, nachdem an der Mittelachse (im a des arid) gespiegelt wurde, dafür stets ein anderer aufgebrochen, die scheint´s unspaltbaren Segmente dieser DNA-artigen Palindromsequenz ihrer Dividualität, Wege rüttelnd, überführt. Die Sprache bricht, indem sie sich augenfällig unendlich ringförmig und selbstgenügsam auf sich selbst zurückbiegt; ihr Sprechen, in Wendungen, ist die ars combinatoria einer unaufhaltsamen rumpelten Ruptur, keine prästabilierte Harmonie bruchloser Übergänge. Leben eben, findige Wendbarkeit, wie im folgenden Buchstabenpalindrom mit “hundertprozentige[r] Spurtreue”(S.68):

Leben

Kredo liegt. Sitten sind öde.
Im Geiste begehe Welttür!
Eine Dressur, grell: Ehre
Ruettle Wege! Lebe!

In dir, arid: Nie belege
weltteurer, heller Gruss Erde.
Nie rüttle & wehe Gebet.

Sieg mied Ödnis.
Nett ist geil, oder
Knebel.
(Leben, S.23)[14]

Ob das noch Sprache ist, die etwas mitteilen will, mit dem man etwas anfangen kann, sich seinen Reim (den, im Plural, ebenso wie den Eimer, Meyer ja im Namen trägt. Bei Meyer sind Reime, Konsistenzgaranten der alten Schule, einerseits im Eimer, andererseits subtiler regeneriert) darauf machen kann, wird zunächst fragwürdig, weil Zeichen derart desorientiert im Zeigen, Weisen und Deuten von ihrem unmittelbaren Verständigungszweck entbunden wie waise und versprengt in die Nutzlosigkeit gewissermaßen entlassen zu sein scheinen. Aber kann man nicht, wie bereits geschehen, dennoch oder gerade deswegen genauso etwas womöglich mystisch Tiefsinniges hinein oder herauslesen wie in den vermeintlich bedeutungsvollen Ausdruck subjektiver Befindlichkeit etwa eines Goethe-Gedichts? Macht nicht die Literarizität eines Textes eben aus, von den konventionalisierten und legitimierten Verknüpfungsmitteln der alltäglichen Sprache als Kommunikationsmittel gerade zu befreien, der Weise, dass die zum Zweck gewordene Medialiät der Textur in ihrem Eigenwert die einfache Übermittlungen von Botschaften stört oder gar unterbindet und ein emphatisches Verhalten des Lesens einfordert, das anderes verlangt als das bloße Entziffern des Was hinter dem Wie? Vielleicht entbirgt sich hierin, was die Magiker und Mysteriker geahnt haben mögen, etwas vom Unwesen der “Sprache überhaupt”, die Benjamin der Sprache des Menschen an die Seite stellte; oder über dessen Haupt und vielleicht als eigentliches Oberhaupt.[15]

Immerhin findet sich in der fremdartig parataktisch anmutenden Kette von änigmatischen Wörtern und Interpunktionszeichen eine neue, wenn auch unsichere Bezügigkeit, die obgleich zunächst frei von den Funktionen der Designation und Referenz, sofort Mutmaßungen aufspringen lässt, die ein Ausgreifen auf eine externe Wirklichkeit durchprüfen, so als würde Welt bloß (und das ist ein Phantasma, das Sprache selbst erst möglich macht) von Sprache repräsentiert. Gnomisch geprägte Sentenzen von apodiktischer Bündigkeit springen merksatzhaft ins Auge, “Sitten sind öde” und “Nett ist geil, oder Knebel” (ob die constraints dieses Kompositionsprinzip etwa geil oder Knebel sind, bleibt in der Schwebe) und erweisen sich als fähig, für spruchweisheitliche Tatsachenbehauptungen genommen zu werden, deren Richtigkeitkeit schlechterdings schwer zu bestreiten ist.

(Überdies, so öde, mies oder nett Sitte auch sein mag,

Tugend

Rotzte jeder Eide?
Ist Sitte nett? Ist
sie mies? Bei leisem
Muss lauert nur Unheil.

[…]

Gutes, sie hell Ehre lieh,
nur untreu. Als Summe sie
lieb sei. Meist Sitte nett ist.
Sie die Rede jetzt ordne gut.
(S.19)

sie wird, schon weil Unordnung auch eine Ordnung ist und möglicherweise der älteste aller Bräuche, die Oberhand behalten:

Setting weint:

Wie nett singt
Wittgenstein:
“Sitte gewinnt!”
(S.53)[16])

In diesem Moment allerdings, weicht schon das wie Wahn- oder Unsinn (die archaische, dem Mantis überantwortete Mania) anmutende, schlechthin Nichtsagende Murmeln der Wörter herausspringenden Sinnfetzen, die die Zeichen und ihre Konstellation, ihren Ton, ihren Rhythmus als sekundäre Träger einer Bedeutung abwerten und in den Hintergrund drängen. Bertram Reinecke hat die Uneigentlichkeit dieses Murmelns der Zeichen und Laute in seinem Nachwort treffend mit dem Geraune Sterbender verglichen; es mag auch an die närrische Amnesie Dementer erinnern (Amneseie mag Narr, er eselt im Reden, S.52). Indessen entpuppt es sich, bedeutungsloses, da überbordend bedeutsames, klangvolles Parlando, bei Jürgen Buchmann als bezirzende Elfensprache, in der wir “eine Privilegierung des Zeichens [natürlich gut phonozentrisch zunächst als Klang und Laut] erblicken dürfen, wie sie uns auch in der Dichtungslehre der Zeit [des Barock] begegnet.” (WbüdSdEdET, S.10)

Sirenenklänge

“Denn wenn wir anderen lesen, so ist es uns in unserer Einfalt um die Bedeutung des Textes zu tun; Sie aber triumphieren, wenn sie zu schillern beginnt und davonschwebt, um zu platzen, wie die Seifenblasen eines Kindes. Unvergessen bleibt mir, wie Sie eine Vorlesung zur Hermeneutik mit der Bemerkung quittierten, ein Satz sei “keine Batterie von Feldschlanangen, die Sinn speien, sondern ein flämisches Glockenspiel mit ebensoviel Glocken als Worten.” (ebd., S.28)

3ac203ec96[1]“Was treibt Sie, so kaltblütig Sinn für ein Spiel hinzugeben? Welche Sirenenklänge, uns anderen nicht hörbar, verhexen Sie?” (28) fragt Briefpartner Leander Eß den schließlich am 29. September 1701 44jährig cum infarcto cordis tot im Wald aufgefundenen Dorfpfarrer in St.Jakobi zu Almena Martin Oestermann (mit Dehnungs e) und rät ihm als Mittel gegen den Bruch und die Dispersion zur phallischen Aufbäumung, die Verankerung im tranzendentalen Signifikanten: “Ich sehe sie lächeln, doch kann ich nicht anders, teurer, wunderlicher Freund, als eingedenk so mannigfach vermeldeten Schiffbruchs in sie zu dringen, sich fest an den Mastbaum des Kreuzes zu binden. (…)”.

Hätte er sich mal an diesen Rat zur Selbstbindung gehalten, sich wie Odysseus vom Sirenengesang nicht dahinreißen und davon tragen lassen, dann wäre die Passion des “vom Monde heruntergekommenen” Geistlichen für der Güter Gefährlichstes, Sprache, und deren Geläut womöglich nicht zur verfrühten Unzeit lethal verlaufen.

“Einer der unter den Elfen gelebt hat, wird nicht mehr heimisch unter den Seinen und stirbt über ein kurzes.” (14)

Ob er einer manisch-depressiven Psychose, jener auch bipolare Störung genannten Affektstörung litt, wie die (fingierte — aber was wäre in diesem “Wahrhaftigen Bericht”, der auch ein wahnhaftiger ist, denn bloß fingiert? — )Psychoanalytikerin Judith Adler 2005 in einem Aufsatz in der Zeitschrift Risse schlußfolgert oder das Explodieren und Proliferieren der Sprache nicht eher von jenem Symptombündel aus akustischen Halluzinationen, Akoasmen, Stimmenhören zeugt, wie es lange als für die Schizophrenie typisch galt, lässt sich diagnostisch wohl nicht klären. Um Wahnsinn handelt es sich insofern, als es um eine Erfahrung geht, die des Sinnes (oder dessen, was man rechtmäßig darunter verstanden wissen will: der rechten Richtung) entbehrt und wie das ursprünglich agrarische lateinische delirare (de lira ire) aus der Spur geraten, von der geraden Furche abgewichen ist.

“Und so wandere ich allein durch den Frühling als Fremder unter Fremden, allein unter Wundern und Geheimnissen” (ebd.S.15)

Buchmanns barockes Büchlein Wahrhaftiger Bericht über die Sprache der Elfen des Exter-Thals, sicher falschverstanden, wenn man es wohlwollend, doch zu possierlich als vergnügliche und unterhaltsame Novelle rezipiert und damit in seiner gewaltigen Sprengkraft unterschätzt, ist zwar Kleinod, aber alles andere als harmlos. Es ist ungeheuer und unheimlich nicht wegen seiner zauberhaften Märchenerzählung mit kriminalistischem Anstrich, sondern aufgrund des Einblicks, den es im Kleide dieser inszenierten Affäre gewährt: in die Abgründe, die eine ausufernde Beschäftigung mit Lauten und Lettern eröffnen kann.

 

Tillmann Reik

Informationen zur Milchwuchtordnung und zum Wahrhafftigen Bericht.

 

[1] Eine der einfachsten Lesarten der änigmatischen antiken Sator arepo Wortfolge liegt bereits in dem Bezug des Säens und Streuens (des Sämanns, Sator) zum Drehen und zum Rad (Sator (tenet) rotas: Der Sämann hält die Räder/Sämann, du drehst!) wie sie das Palindrom Sator (ent)hält (“Sator” tenet “Rotas”). Diese Volte ist vielleicht auch in den folgenden Überlegungen zu erkennen: der streuende Sator, die Sprache, dreht (und rädert!).

[2] S.15. Künftig in buchstabensalataffiner Weise abgekürzt durch WBüdSdEdET

[3] “Selbst wenn eine Maschine also möglicherweise schneller Anagramme oder Palindromworte entdecken mag, schreibt sie damit noch lange nicht bessere Anagramm- oder Palindromtexte.[…]Titus Meyer verwendet den Rechner deshalb nur um seine Texte anschließend auf formale Richtigkeit zu prüfen, ansonsten arbeitet er mit Wortlisten und Nachschlagewerken wie andere Dichter auch.” (Bertram Reinecke, Anstelle eines Nachworts. Einige Bermerkungen zum Gespräch über die sehr strengen Formen. S.74)

[4] Für Nachforschungen über ein der sprAche und allem Sagen gleichermaßen inhärentes wie vorausgehendes schmerzensreiches Klagen, vergleiche: Werner Hamacher :„Bemerkungen zur Klage“, in: „Lamentin Jewish Thought“ (edited by Ilit Ferber and PaulaSchwebel), Walter de Gruyter:Berlin 2014; S. 89-110.

[5] siehe hierzu auch Fußnote 15

[6] Der Versuch, in dem Gedanken an Sprache als Wendung, alles, was in Sprache auf Biegen und Brechen hinausläuft (und im Winden aufs Schlingen und Verflechten), mit ebensolcher sprichwörtlichen Rücksichtslosigkeit zusammenzuzwingen, kann als solcher sicher auch seinerseits nur gebrochen Konsistenz beanspruchen. “Wendung” soll hier jedenfalls nicht als innersprachliches Phänomen eine Rolle spielen, sondern als etwas, das Sprache insgesamt konstituiert und also dekonstituiert.

[7] so Bertram Reinecke im Nachwort

[8] “2.2. Silben-Palindrom, geschüttelt: Siehe 2.1 [Silbenpalindrom, TR]. Allerdings kommt hierbei erschwerend hinzu, dass die Anlaute der Silben immer paarweise ausgetauscht werden: Die Anlaute der ersten und vorletztem Silbe; der zweiten und letzten; der dritten und viertletzten; der vierten und drittletzten …etc. des Textes sind dabei identisch. Daraus folgt, dass die direkte Palindromität einzig auf die Silbenstämme wirkt und die indirekte Palindromität auf die Silbenanlaute, welche palindromisch paarweise alterniert werden.” (S.68)

[9] Buchstabenpalindrom, siehe Fußnote 14.

[10] “7.1 Schüttelreimgedicht, doppelt: Gedicht, bei dem stets die Anlaute UND die darauffolgenden Vokale der der letzten beiden Wörter beziehungsweise betonten Silben zweier Verse ausgetauscht werden.” (S.69)

[11] “3. Wortpalindrom, anagrammatisch: Siehe 1.1 [i.e. Buchstabenpalindrom, TR]. Allerdings ist hierbei das Wort die Zeicheneinheit, die dem Palindromitätsprinzip unterliegt. Erschwerend kommt hinzu, dass die palindromisch korrelierenden Worte Anagramme zueinander sind. Bei diesem Verfahren handelt es sich unseres Wissens ebenfalls um eine Novität.” (S.69)

[12] Atropos (griechisch Ἄτροπος „die Unabwendbare“) ist in der griechischen Mythologie die älteste der drei Moiren.[1] Als Zerstörerin war es ihre Aufgabe, den Lebensfaden zu zerschneiden, der von ihren Schwestern Klotho gesponnen und von Lachesis bemessen worden war. (wikipedia)

[13] Wenn auch die Bemerkung Bertram Reineckes, es ginge ums “Moderieren von Sprachgeröll” den Sachverhalt gut wiedergibt.

[14] “1.1. Buchstabenpalindrom: Zeichenfolge, die vor- und rückwärts das Gleiche oder etwas anderes ergibt. Interpunktion (auch das &-Zeichen) sind dabei außer Acht gelassen. Bei sämtlichen buchstabenpalindromischen Texten dieses Bandes wirkt eine hundertprozentige Spurtreue; d.h. beispielsweise werden “ch” und “sch” als Folge von zwei bzw. drei Buchstaben palindromiert und nicht als die entsprechenden Laute auch wenn daraus ein erheblich höherer Schwierigkeitsgrad bei der Verwendung solcher Laute resultiert.” (S.68)

[15] Thomas Schestag hat daraufhin gewiesen, dass bereits in Benjamins Titel Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen, vom dreifachen Über skandiert, sichtbar wird, in welchem Maß dieses Über das eigentliche und einzige Sujet des Textes (über die Sprache) darstellt, Vgl. Thomas Schestag, Lampen (Fragment), in: Übersetzen : Walter Benjamin, hrsg. von Christiaan L. Hart Nibbrig, Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag 2001, S. 38-79.

[16] “4.1. Anagramm-Gedicht: Die Buchstaben eines Verses (meist eines Wortes oder Satzes) werden zeilenweise permutiert. Umlaute können zuihrem Vokal +e aufgelöst werden und umgekehrt.” (S.69)

 

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Simone Weil: Anmerkung zur generellen Abschaffung der politischen Parteien

Der Mechanismus der Aufmerksamkeit

L’attention, à son plus haut degré,
est la même chose que la prière. Elle
suppose la foi et l’amour. Il s’y trouve
lié une autre liberté que celle du choix.
A savoir la grâce.
(Simone Weil)

„Die Verstorbene hat sich selbst getötet und zerstört, indem sie sich in einer Phase von Geistesgestörtheit weigerte zu essen“, vermerkt die auf den 24. August 1934 datierte, eine letzte, in ihrer Konsequenz suizidale Weigerung beinahe schon wie einen verurteilenswerten Straftatbestand anklagende Sterbeurkunde. Das Dokument spricht von jener Unzugehörigen von schwer zu greifender Irregularität (Blanchot), zum Todeszeitpunkt im Sanatorium Kent 34 jährigen jüdischen Denkerin Simone Weil, die sich, trotz zeitweiliger Sympathien für Anarchismus, Syndikalismus, Kommunismus, ein Leben lang geweigert hatte, einer Partei beizutreten. Sowie sich irgendeiner sonstigen Institution oder Organisation, am Ende auch der katholischen Kirche durch den Akt der Taufe, einzufügen.

Das kat holon der Una Sancta Catholica et Apostolica Ecclesia fungierte dabei für sie gleichsam als Archetyp aller sich totalisierenden, ihre Mitglieder auf unverbrüchliche Gefolgschaft einschwörenden und die Abweichung rigoros mit dem Anathema sanktionierenden parteiischen Kollektivbildung:

Es ist eine tragische Wahrheit, dass die von Christus gegründete Kirche den Geist der Wahrheit weitreichend erstickt hat […]

Auch deshalb muss die Kirche als Inbegriff einer Ur-Partei betrachtet werden, weil ihr herrschaftliches Streben, vom Teil ausgehend, der sie ist, das Totum im Modus der Selbstexpansion zu umfassen, die Exklusion, die Opferung des Anderen impliziert.

Somit ist der Totalitarismus die Erbsünde der Parteien auf dem europäischen Kontinent.

Wenn die in einem kurzen Memorandum vorliegende und aus der letzten Londoner Zeit stammende Parteinahme von 1943 (aber erst 1950 postum erschienene) Note sur la suppression generale des partis politiques nicht nur für Unparteiischkeit, sondern Parteilosigkeit der politischen Praxis kompromißlos und mit schlafwandlerisch unverunsicherbarer Apodiktizität – einer certitude1, die den waghalsigen Charakter eines sich aus einem Begehren speisenden Wetteinsatzes trägt – die radikale Abschaffung des von der demokratietheoretischen Tradition als konsensfördernde regulierte Rivalität begriffenen Parteinwesens fordert und als ein “beinah reines Gut” bewertet, dann (dies spätestens darf als “Interpretation” gelten) aus dem Impuls heraus, einer Verpflichtung zu dem, was sie als Wahrheit des Denkens versteht keinerlei kollektive Bindung aufzuerlegen, die von der Verantwortung fürs Gedachte auch nur im Mindesten dispensieren könnte. “Wahrheit”, von Weils platonischem, aber im Kern mystischen Denken mit Gerechtigkeit enggeführt und samt dem Gemeinwohl (dessen Status im Rousseauschen Gesellschaftsvetrag die Autorin eine kurze Analyse widmet) an zweiter Stelle als einziges Kriteriums des Guten zugelassen – von ihr gibt es nur eine, während der Ungerechtigkeiten viele sind – kann dabei nicht in einer vorgefertigten Doktrin bestehen.

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Sondern läge eher in einem Begehren ihrerselbst, bestünde aus nichts als dem Verlangen, sich im erfahrenden Vollzug als Bezeugungsakt des Denkens teilhaftig zu werden. Die beinahe2 zirkelförmige Bewegung, die sich in der petitio principi-nahen Bestimmung, Wahrheit als Emergenz oder Emanation des Begehrens nach Wahrheit, niederschlägt, lässt sich auch dahingehend auslegen, das erstrebte Desiderat könne eben niemals etwas bereits Vorliegendes, an das man sich gebunden fühlt, abgeben, sondern sei, ähnlich wie das Augustinische veritatem facere der confessio, performativ erst, im Zeugnis, kommen zu heißen. Es emaniert abrupt und ereignishaft als letztlich unverdienter Gnadenakt (auf den man zwar nicht rechnen, aber hoffen darf) im Zuge des sich der versunkenen Aufmerksamkeit wie einem Exerzitium geduldig hingebenden und damit eine Stätte des Empfangs bereitenden Denkens:

Als Pontius Pilatus Christus fragte: “Was ist die Wahrheit?”, hat Christus nicht geantwortet. Er hatte schon vorher geantwortet, als er sagte: “Ich bin gekommen, um für die Wahrheit zu zeugen.“

Es gibt nur eine Antwort. Die Wahrheit, das sind die Gedanken, die im Geist eines denkenden Geschöpfes aufkommen, das einzig, total, ausschließlich die Wahrheit begehrt.

Dieses totale, sich auschließlich der Wahrheit überantwortende désir de vérité (das wohl mit dem Begehren nach Gott zusammen zu denken ist) und das auf es antwortende “innere Licht der Evidenz” nicht zu verraten3, an die Wirksamkeit des Begehrens und Verlangens zu glauben, rückt Weils implizites Gebot einerseits in die Nähe von Kants Kategorischem Imperativ (dessen Verschränkheit mit dem sapere aude des ohne Leitung eines Anderen zu gebrauchenden Verstandes deutlich wird: Denken als Handeln aufs Allgemeine oder Universelle bezogen- in Absenz eines Begriffs, der nicht schon in die Dialektik von Ganzem und Teil verstrickt wäre – bedarf der Besonderung der idiosynkratischen Zufälligkeit im Modus der Stellvertretung. Denn jene eben ist es, die allen, aneinander teilhabend ohne Zugehörigkeit, gemein ist.) und erinnert zum anderen an Lacans Mahnung “ne pas cider sur son desir”. Denn mit dem Begehren, das vielleicht immer auch begehrt, sich selbst als Aneignungsbewegung durchzustreichen, würde auch der Bezug zum Anderen aufgegeben.

Im Verlangen nach der Wahrheit, in ihrer Leere, und ohne den Versuch, ihren Inhalt im Voraus zu erahnen, empfängt man das Licht. Eben das ist der Mechanismus der Aufmerksamkeit.

Als derart in der auslangenden Bewegung eines sich der Leere und Schutzlosigkeit preisgebenden – und damit Halt und Rückendeckung gewährende Konformität aufgebenden – désir verortete “Aufmerksamkeitsbemühung” (effort d´attention), einer Anstrengung zur Achtsamkeit, die den geheimen, spirituellen wie intellektuellen Kristallisationskern der Abhandlung ausmacht (esoterisch insofern, als nur zu erkennen, wenn man ihn auf den aus anderen Schriften bekannten attention/attente-Begriff bezieht), eignet dem Engagement jedes authentischen singulären Denkeinsatzes der impersonelle Zug des Universalen. Demgegenüber jede sich über die Zugehörigkeit zu einer Partei ermächtigende und beglaubigende Meinungsbekundung unweigerlich dem Partikularismus einer, ihre eigene bornierten Beschränktheit totalisierenwollenden Leidenschaft (passion) verhaftet bleibt, welche als kollektive überhaupt mithilfe von Propaganda zu erzeugen eine der von Weil bezeichneten drei Hauptaufgaben und vornehmlichen Anliegen einer jeden Partei darstellt.

Maurice Blanchot schrieb (in der englischen Übersetzung von L´entretien infini):

Yet how can one not be struck, in reading certain of her writings (at least those having a certain volume), by the tone that is hers and by the manner in which she makes her assertions: with a certitude so remote from herself, so distant from all proof and all guarantee, yet so restrained and nearly effaced that one indeed feels one cannot refuse her a hearing, without hoping in return ever to be heard by her. Not that she would be unable to listen or attend to the words of others; but it is certain she will always respond in this blank and monotone voice, and with the authority that, while imposing itself without the least violence, will nonetheless never yield inasmuch as impersonal truth is incapable of making concessions.

Gerade für eine Beschäftigung mit den stets wie neuerlich brisanten Fragen “Wie ist es um die Möglichkeit eines jeden Einzelnen bestellt, sein Urteil über Probleme des öffentlichen Lebens kundzutun? Wie lässt sich verhindern, dass in dem Moment, da das Volk befragt wird, dies im Klima kollektiver Leidenschaft geschieht?” (so die Werbung des Verlags) müsste sich eine Auseinandersetzung mit Weils intransigentem, zu weitgehend jeder kurrenten Doxa inkongruenten Ansatz als unumgänglich erweisen.

Tillmann Reik

Verlagsinformationen zum Buch

1 Blanchot beschreibt Weils Denken in L´entretien infini als eines, was sich, statt von Frage zu Frage fortzuschreiten, um die am Ende einer Frage-Kette stehende Frage als Antwort zu lesen, von Affirmation zu Affirmation, von Antwort zu Antwort entwickelt. Die daraus erwachsende “certitude” bezeichnet er als aus dem rigorosen Gespür einer Exigenz erwachsene Wette.

2 Dass es sich um einen Kreis handelt, der sich nicht (zumindest nie vollständig, sondern stets nur annährend) schließt, weil in der Drehbewegung etwas Hinzukommendes – vielleicht entspricht dem der klassische Begriff der Gnade – alterierend aus der Bahn wirft und deshalb im strengen Sinne, da elliptisch, keiner ist, vermag vielleicht den Ausdruck der Beinahe-Zirkularität zu rechtfertigen.

3 Es gehört zu den dialektischen Intrikationen, die Weils Denken nicht immer auszutragen (ver)mag, dass eben jener Vorwurf, der dem der Exkommunikation überantwortete (und damit aus dem Schutz der Kirche ent- und sich selbst überlassene) Häretiker zu gewärtigen hat (“Wer den einen wahren Gott, den Schöpfer und Herrn der sichtbaren und unsichtbaren Dinge leugnet, der sei ausgeschlossen”) gefährlich nahe an dem ist, den Weil dem Partei-Konfirmisten zu machen hat: dass er den unsagbaren, undenkbaren Gott (und damit das Gute) selbst leugne.

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Albrecht Koschorke: Adolf Hitlers „Mein Kampf“. Zur Poetik des Nationalsozialismus

Lust am Machtwort. Über die propagandistische Verfertigung der Wahrheit im Prozeß der Rede

Dass der hehre Begriff der Dichtung sich ebenso wie jener pejorativ konnotierte der Diktatur vom lateinschen dictare – vorsprechen zum Nachschreiben, im weiteren Sinne aufzwingen und befehlen – herschreibt, dieses wiederum von dicere, sagen[1], stammt, bedarf, außer dem Verweis auf gängige Etymologien und der Kautele, dass letztere weniger eindeutige Herkunfsnachweise, lineare Ableitungen des einen Terms aus dem Ursprung des Anderen, als Einblicke in die verwickelte Kontamination der Worte durcheinander ermöglichen, keiner umständlichen Beweisführung. Jene intime Begriffsverwandtschaft, soweit sie behauptet werden darf, gibt indes zu bedenken, dass der nach unbeschränkter Macht gierende Gewaltherrscher und Tyrann augenscheinlich (dies zunächst so allgemein wie möglich formuliert) in einem komplexen, intrikaten Verhältnis zur Sprache und ihren Parolen, ihrer Performanz zu verorten sein könnte. Eine These, die bereits Voraussetzung der „vergleichenden Diktatorologie“ war, wie sie der von Albrecht Koschorke und Konstantin Kaminskij herausgegebene Band „Despoten dichten“ explizieren wollte. Würde man die Despoten im Titel durch Diktatoren ersetzen, bliebe beinahe eine Tautologie stehen, chiasmatische Dopplung ein und desselben Wortes in Subjekt und Prädikat, Namens- und Tätigkeitswort, Diktatoren dichten/Dichter diktieren, die zwar die Frage aufwirft: Wie denn auch nicht? Dabei aber doch einen Wink gibt, was das Diktat des Gewaltherrscher als solches, vor allem anderen auszeichnet: dass es sich nämlich, eben darin liegt sowohl seine genuine „Macht“ (in der Form imperativer Befehlsgewalt) wie seine charismatische, hypnotische und suggestive Magie, als Sprache in ihrer stimmlichen Verlautbarung, als Rede, und mitunter Gebrüll, vollzieht.[2] Und wenn als in ehernen Lettern niedergelegte Schrift, wie im Falle des zur Debatte stehenden Machwerks, eines Manuals über die Machart von Macht (Koschorke), dann als eine solche, die dem mündlichen Sprachgestus eines der als passiv und feminin begriffenen Masse aufrecht gegenüberstehenden Rhetor-Agitators möglichst getreu nachempfunden ist.[3]

Spricht der Untertitel der knappen, gehaltvollen Studie zu Adolf Hitlers „Mein Kampf“ [4]also von einer „Poetik“ des Nationalsozialismus (wo der Begriff einer persuasiven Rhetorik näher läge, aber ohne eine genuine Poetitizität gleichsam mythischer Gesetzeskraft wohl nicht denkbar ist), so ist dies im übertragenen Sinne nur insofern zu nehmen[5] (ob im Sinne einer treffenden Metapher oder der semantischen Impertinenz der Katachrese) als jener seinerseits eine Figur darstellt für die Unmöglichkeit einen eigentlichen Sinn zu stabilisieren, der nicht sogleich davongetragen würde von der nomadisch-migrativen sprachlichen Verweisungsstruktur als metaphorischem Transportunternehmen und Transferleistung: die Übertragung ist wörtlich zu nehmen, die Wörtlichkeit hört nicht auf sich zu übertragen, vom vermeintlichen angestammten Kontext (der als autochthoner stets schon bloß fiktionalisiert ist) greift sie aus und setzt sie über, hin zu Verwendungen, die eben auch befremdlich und ungehörig erscheinen können, wie es im vorliegenden Beispiel möglicherweise der Fall ist.

Verfügt der Nationalsozialismus mithin aber über eine Poetik oder besteht gar in einer solchen, wäre neben soziologischen Untersuchungen, die darüber Auskunft erteilen, was ihn gesellschaftspolitisch hat ermöglichen können (mit der Einschränkung, dass Aufzählungen der Bedingungen der Möglichkeit eines Geschehens, niemals dessen im emphatischen Sinne “unmögliche” Emergenz in ihrer erruptiven, irregulären Singulariät werden erfassen können), die literaturtheoretische und sprachwissenschaftliche Dimension seines Phänomens auszuleuchten.

Zur Erläuterung der typischerweise mit dem Aufkommen von ideologischen Bewegungen, die eine Massenbasis erreichen, verbundenen Faktoren wie sie der erste Teil liefert, bezieht sich Koschorke auf den Historiker Robert Darnton und dessen klassische Studie Literaten im Untergrund. Lesen, Schreiben und Publizieren im vorrevolutionären Frankreich. Dies um ein gewisses Prekariat zu charakterisieren, was jene publizistisch tätigen, liminalen Charaktere (hier im Rekurs auf die einen Schwellen- und Übergangszustand kennzeichnende Liminalität von Victor Turner) hervorbringt – akademischen drop-outs, Bohèmiens mit Ideenfieber und Degradierungserfahrung, obsessiven Persönlichkeitstypen, fähig zu einem “semantischen Exzess”, der manischen Produktion von Sinnbezügen in Zeiten der Desorientierung (28) – die Triggerfunktion einnehmen. Das heißt für Koschorke, dass sie Erregungen um ein Zentrum sammelnde oder auf ein Ziel ausrichtende Artikulationshelfer oder Katalysatoren sind, insofern es ihnen als “dritte Instanz” gelingt, logistisch und organisatorisch aus a.) einem frei flottierenden diffusen Gemenge von Ideen und b.) dem kollektiven Erregungszustand einer in Spannungslagen nach Stimmigkeit und vereindeutigten Ambivalenzen Ausschau haltenden Gesellschaft eine sie sättigende, auf einen alle Beobachtungen künftig aussteuernden Punkt (etwa den “Feind”) hin zuspitzende Beschreibung ihrerselbst performativ aufzuprägen, bis sich diese aus einer unbedeutenden esoterischen, sektiererischen Auffassung über volkstümliche Popularisierung zum von breiter Öffentlichkeit geteilten Selbstbild verfestigt.

Soziale Spannungslagen, die zu radikalen Umbrüchen führen, haben in der Regel ein äußerst kompliziertes und für die Beteiligten nur teilweise überschaubares Geflecht von Ursachen. Einer Beschreibung der Lage, die kommunikativ verdaulich und breitenwirksam sein soll, haftet deshalb ein hohes Maß an Willkür an. (9)

Derart würde sich die Ideogenese innerhalb totalitärer Formationen aus sozialer Randständigkeit (29) entwickeln und im Sinne Gustave le Bons zirkelförmig (und dabei eher von den unteren zu oberen Schichten aufsteigend als umgekehrt) ausbreiten, bis sich bestimmte Selbstdiagnosen und Zustandsbilder der Gesellschaft von sich selbst sozial, und das heißt kommunikativ, immer mehr Einfluß gewinnend, schließlich durchgesetzt haben.

Begreift man dergestalt die Herstellung gesellschaftlicher Selbstbeschreibungen als schöpferische und das heißt: performative Handlung von personalen oder institutionellen Akteuren, dann wird es erforderlich, in den Dualismus von Tatsachen und Ideen, von sozialen Gegebenheiten und kultureller Semantik eine dritte Größe einzuführen. Das ist die Funktionsstelle derjenigen, denen es gelingt, ein für sich genommen amorphes Gemenge von Fakten, Tendenzen und Mutmaßungen zeichenhaft in Form zu bringen und ihm eine Beschreibungsweise aufzuprägen, die in immer breiteren Kreisen Anerkennung findet und sich so am Ende zum ›offiziellen‹ Selbstbild der Gesellschaft verfestigen kann. Diese Funktion wird vor allem in Phasen sozialen Umbruchs entscheidend, in denen sich ein hoher Grad von Brisanz – ablesbar an wachsender Gewaltbereitschaft – mit einem ebenso hohen Grad von Unartikuliertheit, wenn nicht Desorientierung verbindet. (9)

Der zweite Teil des Buches gewinnt Brisanz und Brillanz zunächst aus der für humanistische Ohren mitunter empörenden These, die Buchkultur – das gebundene Druckwerk folglich als sakrales Zentrum mit quasi-religiöser Funktion dessen, was Kultur ausmacht verstanden – habe ihre letzte hypertrophe Ausbildung im Totalitarismus des 20.Jh. gefunden; “Mein Kampf” sei das erste “diktatorische Buch” des 20. Jahrhunderts zu nennen, “heilige Schrift”, die gleichzeitig ihren Adepten Orientierung verspricht und dabei doch inkonsistent und eklektisch bleibt (36).

 Wie in dem Aufsatzband Despoten dichten dokumentiert, sind viele Diktatoren des 20. Jahrhunderts schriftstellerisch tätig gewesen, und einige von ihnen haben ihre Gewaltherrschaft auf einen regelrechten Kultus des Buches gegründet. So sehr sich die Werke Hitlers, Stalins, Maos oder Gaddafis im Stil und in der Ideologie unterscheiden, sie kommen in der bibliozentrischen Ausrichtung des jeweiligen Regimes überein. Idealtypisch vereinfacht, kann deshalb von dem Buch als der symbolischen Mitte des totalitären Systems gesprochen werden. (33)

Wer dauerhafte Kontrolle über die kommunikativen Kanäle ausüben will, braucht neben den technischen auch ein ideelles Vehikel – eine Ideologie, oder genauer: ein Konglomerat von mehr oder weniger locker zusammenhängenden Ideologemen, die den eigenen hegemonialen Anspruch in die Weiten des Raumes tragen. Deutungshoheit gewinnt derjenige, dem es gelingt, eine den Machtbereich umspannende kommunikative Logistik mit einer ins Universale ausgreifenden Trägersemantik zu verknüpfen. (12)

Neben der Andeutung verschiedenster Strategien, die dem im ersten Teil (Eine Abrechnung) als autobiographische Werdegangsschilderung angelegten Buch zumindest bei denen, die es tatsächlich lasen (Hitler selbst hält die Masse für nicht sonderlich aufnahmefähig: “Fünfhundert Seiten später, im zweiten Band, breitet er sich offenherzig darüber aus, dass »die Masse der Menschen an sich faul ist«, keine Bücher lese und ohnehin nur über eine sehr beschränkte Aufmerksamkeitsspanne verfüge”), die Gefolgschaft sichern sollten (so inszeniert sich Hitler, dessen Hauptfeind die zum Teil die gleichen politischen Inhalte teilende Sozialdemokratie war, als einen nur widerstrebend vom toleranten Menschenfreund zum leidenschaftlichen Judengegner sich entwickelnden Antisemiten[6]), schält Koschorke vor allem ein Moment heraus, das auch bei jenen Wirksamkeit zeigte, die das Buch nicht oder unvollständig lasen, oder (wie in Nazikreisen durchaus üblich) dessen Inhalt in seiner possenhaften Unhaltbarkeit nicht mittrugen: die Lust am Machtwort und der Teilhabe daran:

Es ist weniger ein blinder Fanatismus als die Lust am Machtwort, an der Hitler den inneren Kreis seiner Parteigänger teilhaben lässt: an einer performativen Ermächtigung im rhetorischen wie im politischen Register, die sich zwar aller herkömmlichen Legitimationsmittel, soweit sie zur Hand sind, bedient, aber ihre heimlichste und tiefste Freude aus der gewaltbewehrten Grundlosigkeit der eigenen Rede gewinnt. (59)

In seinen mitklingenden Obertönen indessen kommuniziert Mein Kampf noch eine andere Lust, die den leeren Aktionswert von Worten genießt, die ihre Wirkung tun: die Faszination einer Macht, die ihren einzigen Grund in ihrer Ermächtigung hat und sich aus dem Nichts selbst erschafft. Man hat diese Nachbarschaft mit dem Nichts als Nihilismus gedeutet und auf philosophische Einflüsse zurückgeführt. Aber sie ist doch eher auf eine Art des Wortgebrauchs zurückzuführen als wieder auf ein Ideensystem: eines Wortgebrauchs, der nicht Vorgegebenes artikuliert und in Form setzt, sondern sich darin gefällt, kraft seines puren sprachlichen Vollzugs über Sein und Nichtsein, Leben und Tod zu verfügen. (69)

Dem bei aller gründlichen Durchsicht sonstiger Motive gleichsam ins Zentrum der Studie gerückten und „Dezisionimus“ genannten Faktor der willkürlichen und allem Einspruch gegenüber immunen Selbstermächtigung und -beglaubigung wäre einzig noch die Frage zu stellen, deren Antwort Koschorke schuldig bleibt. Ob sich nämlich die „finstere Dezision“ „gewaltbewehrter Rede“, welche Gefolgschaften weniger durch Inhalte, denn geteilte, unerbittliche, eiserne Entschlossenheit der großen aber leeren Worte zusammenhält, historisch als Modephänomen der 20er Jahre begrenzen lassen kann, oder nicht doch strukturell der Bewegung des Wort- und Parteiergreifens, kurz der Poetik jeder Rhethorik (sofern sie immer auf Ansteckung und Wirkung zielt: magisch kommunitäre Effekte zu erzielen anstrebt, und seien sie auch nur „Konsens“ genannt) zumindest auf eine Art unvermeidbar inhärent bleibt. Und wie ihm beizukommen sei, welche Alternativen sich einem (außerhalb der bloßen geschickten Eskamotage oder einem Rekurs auf eine externe Autorität wie Gott oder die universelle Vernunft) (auch) politisch eigentlich bieten könnten. Die mit einem Idealismus (man erinnere sich noch an Hegels „desto schlimmer für die Tatsachen!“), der den Wirklichkeiten, die ihm Paroli bieten ein triumphalistisches Hohngelächter entgegenschleudert, einhergehende unerbittliche Einschwörung auf die Unerbittlichkeit des sprachlichen Fiats, und damit dem Be- und Verschwörungscharakter der immer schon ein-schwörenden Sprache selbst, kann wohl am ehesten, doch noch das bleibt unsicher, mit Mitteln aufgebrochen werden, die Koschorke Hitlers Kampfschrift in ihrer nicht-zynischen Variante abspricht: die des Humors und der Ironie.

Tillmann Reik

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[1] Bzw. dicāre ‘feierlich verkünden, weihen, widmen’. Dieses dicere übrigens weist (für Heidegger, in jener Vorlesung aus dem Wintersemester 34/35, die vom “Machtbereich der Dichtung spricht”, ist Dichtung ein “Sagen in der Art des weisenden Offenbarmachens”, GA39, S.30), übers deiktische Zeigen, das dem Zeichen zueigen ist, eine Verwandtschaft auf zum Deutschen „zeihen“: beschuldigen, bezichtigen, und damit in Richtung einer gleichsam transzendentalen Denunziatorik (bereits auf Zeichenebene), der in säkularisierterer Betrachtung oft als ein „Juridismus des Denkens“ (soweit es sich im Modus von Begriff, Urteil und Schluß vollzieht), das, nicht erst seit Kants Gerichtshof der Vernunft, anklagt und an den Pranger stellt, in den Blick geraten ist. Vgl dazu etwa: Erich Hörl: Römische Machenschaften. Heideggers Archäologie des Juridismus. Abrufbar unter: http://www.ruhr-uni-bochum.de/ifm/_downloads/hoerl/hoerl_2006_roemische%20machenschaften..pdf

[2] In Thomas Manns Erzählung Mario und der Zauberer, die oft für eine Parabel faschistischer Demagogie genommen wurde, zeigt sich diese diktatorische Dimension des Machtwortes auch insofern in Übereinstimmung mit bestimmten Analysen des vorliegenden Buches, als Cippola, der verwachsene Zauberkünstler und Hypnotiseur sowohl als überlegener Rhetoriker wie gescheiterte Künstlerfigur dargestellt wird.

[3] Dementsprechend mustergültig hinsichtlich eines die Schrift und das Schreiben verdammenden Phonologozentrismus fallen die antiintellektualistischen Invektiven gegen das durchweg als jüdisch attribuierte zu Papier gebrachte Wort aus:

„Daher möge jeder Schreiber bei seine Tintenfasse bleiben, um sich „theoretisch“ zu betätigen, wenn Verstand und
Können hierfür genügen zum Führer aber ist er weder geboren noch erwählt. “ Bereits das Vorwort konstatiert: „Ich weiß, daß man Menschen weniger durch das geschriebene Wort als vielmehr durch das gesprochene zu gewinnen vermag, daß jede große Bewegung ihr Wachsen den großen Rednern und nicht den großen Schreibern verdankt.“

[4] Nachdem das Urheberrecht des Freistaates Bayern am 1.1. 2016 erloschen ist, veröffentlichte das Institut für Zeitgeschichte eine “kritische Edition” von “Mein Kampf”. Koschorkes Studie ist vornehmlich diesem Anlaß geschuldet.

[5] Korschorke erläutert den Gebrauch des Begriffs Poetik in einem Interview wie folgt: SPIEGEL „ONLINE: Wieviel Ironie steckt in dem Begriff „Poetik“ im Titel Ihres Essays?

Koschorke: Gar keine. Poetik ist ein „Machen mit Worten“: Dass Ideologen aus dem Nichts eine Realität schaffen, macht sie zu Magiern. Es ist auffälllig, dass viele Diktatoren des 20. Jahrhunderts künstlerisch tätig waren, in Wort oder Bild. Goebbels war übrigens promovierter Germanist, also – es ist unangenehm, das zu sagen – ein Fachkollege. „Poetik“ heißt eben auch, dass literarisches Schreiben nicht immer auf der Gegenseite der Macht ist. Es kann auch Propaganda sein und dem Totalitarismus dienen.“ Abrufbar online unter http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kommentierte-version-von-mein-kampf-blaupause-fuer-massenmord-a-1080107.html

[6]“Noch sah ich im Juden nur die Konfession und hielt deshalb aus Gründen menschlicher Toleranz die Ablehnung religiöser Bekämpfung auch in diesem Falle aufrecht. So erschien mir der Ton, vor allem der, den die antisemitische Wiener Presse anschlug, unwürdig der kulturellen Überlieferung eines großen Volkes. Mich bedrückte die Erinnerung an gewisse Vorgänge des Mittelalters, die ich nicht gerne wiederholt sehen wollte. Da die betreffenden Zeitungen allgemein als nicht hervorragend galten – woher dies kam, wußte ich damals selber nicht genau –, sah ich in ihnen mehr die Produkte ärgerlichen Neides als Ergebnisse einer grundsätzlichen, wenn auch falschen Anschauung überhaupt.”

9783869068527[1]

Alexandru Bulucz: Aus sein auf uns

„Ich habe mich sozusagen verloren.“ Aus sein. Auf uns, Un-s und Unds

„Wie macht man Gedichte?“

Dieses Handwerk hat bestimmt keinen goldenen Boden – wer weiß ob es überhaupt einen Boden hat. Es hat seine Abgründe und Tiefen – manche (ach, ich gehöre nicht dazu) haben sogar einen Namen dafür.

[…]

Man komme uns hier nicht mit “poiein” und dergleichen. Das bedeutete, mitsamt seinen Nähen und Fernen, wohl etwas anderes als in seinem heutigen Kontext.

(Paul Celan in einem Brief an Hans Bender vom 18.Mai 1960)[1]

I.

in den Sudelheften rauscht Welt auf“

Der Brauch fügt das Un- (Heidegger, Der Spruch des Anaximander)

Poiein: Machen – mit Worten; sich etwas aus ihnen, Worten, machen?[2]
Verschiedentlich ist gemutmaßt worden, und das mag als inauguratives Diktum firmieren, die Dichtung, „dies unschuldigste aller Geschäfte“, sei, vielleicht weil sie, zweifelsohne tollkühn und wagemutig, mit „der Güter Gefährlichstes“ operiert, Sprache, und an deren offenem Herzen, als solche die Domäne der verübten Un-Taten.[3] Und zwar nicht nur im kriminalistischen Sinne der gewaltsamen Gesetzestransgression, insofern sie nämlich, wie alle Literatur und womöglich Kunst überhaupt, in Bezug zum verwerflichen, frevelhaften Bösen steht, der schaffende Künstler seinerseits in actu, deviant, delinquent und delirant, außenseiterischer Bruder des zu aller Legalität und Normativität der ersten oder zweiten Natur „souverän“ in Opposition tretenden Verbrechers und Verrückten, Übeltäters und Unruhestifters[4] genannt werden kann.

„Un poète ne justifie pas – il n’accepte pas – tout à fait la nature. La vraie poésie est en dehors des lois. Mais la poésie, finalement, accepte la poésie.— Georges Bataille, L’Impossible[5]

Sondern ihr, der Poesie in praxi, spezifisches, exzeptionell über den Ausnahmezustand verfügendes, gleichermaßen machtvolles und absolut ohnmächtiges Machen, Tun (wie thesis auf ie. *dhē- ‘setzen, stellen, legen’ zurückgehend, also zunächst positionierend und in Pose bringend, lateinisch sowohl facere wie agere, operari und efficere umfassend) und, sozusagen, magisch-evokatorisches, beschwörendes und bannendes Bewirken, ihre Aktivität, die Art somit, wie ihr versemachendes poiein – doing things with words – tut, etwas ihnen, den Worten und Dingen, den Wortdingen antut und, wohl nicht selten schmerzhaft in Wunden und Malen[6], Worten gegen Worte hämmernd: beifügt, ähnelt weit eher, wenn nicht passivem Nichtstun und Müßiggang, dann doch einem lockernden, aus- und freisetzenden Lassen und Lösen, denn einem verfertigenden, herstellenden, fabrizierenden Festschreiben und erzeugenden Auf-den-Weg-bringen (was es andererseits freilich nicht einfach nur nicht ist. Vielmehr eignet umgekehrt wohl jedem so charakterisierten Pro-duzieren, Hinaus- ad extra und Vorführen, sei´s eines Gemäldes, Stuhls oder Atomreaktors, der Zug des Dichterischen:

„Du weißt doch, daß Dichtung/poiesis etwas gar Vielfältiges ist. Denn was nur für irgend etwas Ursache wird, aus dem Nichtsein in das Sein zu treten, ist insgesamt Dichtung.“ (Platon, Das Gastmahl, 205b)[7]

Überhastetes Fazit aus Gründen der gnomischen Verknappung:

„Gedichte sind nicht herstellbar.“

Ein Gedicht:

„il se laisse faire, sans activité, sans travail, dans le plus sobre pathos, étranger à toute production, surtout à la création.“[8]

Es lässt, entlässt, verlässt, verliert – sich.

„Ich habe mich sozusagen verloren.“

Somit wäre es mithin, das Tun und Machen der ars poetica (Aristoteles unterscheidet beide, praxis und poiesis in Nikomachische Ethik 1240a sorgsam, wert darauf legend, dass das Hervorbringen der Kunst kein Handeln sei, was hier gerade in Frage steht),  auf eine Art,  ein un-doing, die Operation einer De-Aktivierung, zu nennen.[9]
(Überdies: Dichten – von lateinisch „zum Niederschreiben vorsagen“: was einen Bezug der Schrift zur dämonisch soufflierenden Stimme bezeichnet,

„je suis une dictée, prononce la poésie“[10],

– dichtet nicht, wenn es auch mit sparsamen Mitteln ökonomisch verknappt und auf den Punkt bringt, in der Weise des verengenden Undurchlässigmachens qua Eliminierung von Zwischenräumen, und wenn es doch, aporetisch, in Exerzitien der Intransigenz den Zugang versperrt, dann allenfalls in der Weise, dass dem hermeneutischen Willen zur Transparenz eine gerade aufgrund ihrer Deutungsoffenheit hermetische, opake, kryptische, enigmatische Alterität gegenübertritt, deren Unbezwingbarkeit sich einer fragilen, vulnerablen Porosität verdankt. Nur als diese ursprünglich defekte und ruinöse Un- und A-Monumentalität kann ein lyrisches Gebilde seine igelhafte Geschlossenheit wahren, einem singulären „Jetzt“ Bleibendheit, Über-Leben stiften, auf mnemotechnische Weise unsterbliches Gedächtnis (athanatos mneme), Grabmal für ein Andenken, Gedenken, Eingedenken sein. Dessen, was nicht da ist. Immer als ein Erinnern jedoch, was eine spezifische Form des Vergessens darstellt: anamnesis als Amnesie, Vergessen und Demenz: Un-Verstand.[11]
Damit steht, in und als Dichtung, ein Denken zu Gebote, das schon deshalb von Platon im Buch X der Politeia mit gewaltsamer Exklusionsgeste aus der Polis verdammt werden musste, weil es logos und dianioa, d.h. diskursiver Rationalität als folgerichtigem Durch-Denken entlang einer Kette von Argumenten und dem Mathem, wie ein unheimlicher Anderer erscheint. Wohl auch deswegen, weil es, statt zu sammeln und die Contenence zu wahren, einer radikalen, unheilbaren Dispersion eine Stätte einräumt.)

II.

Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.
(Pascal)

[..]der geheime
Geist der Unruh, der in der Brust der Erd und der Menschen
Zürnet und gärt, der Unbezwungne, der alte Erobrer,
Der die Städte, wie Lämmer, zerreißt, der einst den Olympus
Stürmte, der in den Bergen sich regt, und Flammen herauswirft,
Der die Wälder entwurzelt und durch den Ozean hinfährt
Und die Schiffe zerschlägt und doch in der ewigen Ordnung
Niemals irre dich macht, auf der Tafel deiner Gesetze
Keine Silbe verwischt, der auch dein Sohn, o Natur, ist,
Mit dem Geiste der Ruh aus Einem Schoße geboren.
(Hölderlin, Die Muße)

Das Werden ist eine haltlose Unruhe, die in ein ruhiges Resultat zusammensinkt.
(Hegel)

Aus sein auf uns, Alexandru Bulucz´ Debüt-Gedichtband, der zu diesen neuerlichen Überlegungen anregt, bietet über Un-Taten im skizzierten Sinne hinaus, oder als deren dezidierte Ins-Werk-Setzung (so jedenfalls belehrt das sein Mißfallen erklärende und eine Poetik ex negativo liefernde Nachwort von Kristoffer Patrick Cornils – der sich dem Nietzsche´schen Diktum, wo man nicht lieben könne, da solle man vorüber gehen, nicht gefügig erwies und ein anfängliches Damitnichtsanfangenkönnen zum Ausgangpunkt seiner Beschäftigung machte: er ließ sich in seiner Unfähigkeit, sich etwas aus den Gedichten zu machen  – Index dafür, dass auch und gerade ästhetische Rezeption mit ihren Erwartungen brechen und einer poetischen, erfindungsreichen Empfindungsfähigkeit, eines neuen Sensoriums bedarf – von Bulucz ein dem trotzendes: Macht nichts! zurufen) – : Un-Dinge und Un-Welt feil. (Immerhin, das macht die Angelegenheit so kompliziert, erkennt Cornils in seinem Unding-Vorwurf selbst ein Unding):

„Kurz: ich sah in diesen Gedichten keine Dinge, nichts Handfestes. Sondern Undinge“. (S.59)

„Oder vielleicht Unwelt. Keine Umwelt.“ (S.60)

Störend, „die Abwesenheit der Medienwelt“: „Ich finde darin keine Möglichkeit zur Dialogaufnahme“.

„Wer bin Ich und wer bist Du?“ hatte Gadamer in seinen Kommentaren zu Celans Atemkristall gefragt: wie verhält es sich hier in Hinblick auf den für einen Dialog erforderlichen „Partner“, dem „ich“ als Leser in überlegener Pose (und womöglich unter Verweis auf eine objektive Kriteriologie der Beurteilung von Kunstwerken), den Vorwurf einer Dialogaufnahmenerschwernis entgegenbringen könnte? Handelt es sich durchweg um schwer essbares „Krudes“, der glatten Einerleibung schmerzhafte Widerstände entgegensetzende „erfrorene Stachelgespräch[e]“?
Könnte man, nicht ohne dies an den Gedichten zu überprüfen, vermuten, Dichten im Sinne des besagten Nichttuns sei im Allgemeinen, doch jedesmal anders und singulär, ein Aus sein auf UN-s (bis hin zum Un-Uns) und das würde von Bulucz´ Poetik zum ersten Mal und einmal aufs Neue singulär (und deswegen stets schon perfekt oder plusquamperfekt), zwar bloß in Worten, doch gleichsam bühnentechnisch und theatral in Szene gesetzt? Ein unbezwingbares Begehren oder – die Etymologie mutmaßt die Bedeutung dieser Wendung im „außer Haus [und vielleicht jenes des Seins, das Heidegger „die Sprache“ nennt] sein um etwas zu suchen“ zu finden – Verlangen, Sinn zu machen, in der Weise einer öffnenden Aus-Setzung, verlassen des Hauses (und damit aller domestizierten Bedeutung) gerät dann zur teleologischen, intentionalen, apostrophischen Bewegung einer jede Innerlichkeit stetig fliehenden Selbst-Entäußerung von Sprache, der somit auch eine ihr vorgängige Objektwelt als Wirklichkeit mangelt, da solche überhaupt erst aus ihrer Produktionsstätte hervortreten und poetisch erfahren werden kann. „Dichtung als Erfahrung“ bedeutet, dass sich objektive Erfahrung nur in und als Dichtung (und quasi transzendentale Fiktionalität, d.h. auch Er-Findung, trobar) ermöglicht sieht.
Man eigne sich die Aus-Häusigkeit[12] der folgenden, fragmentarisch herausgesprengten Verse, die ebenso von einem Aussein aufs Aussein (und aus dem Haus sein) zeugen, in der exakten Literarizität ihrer Lettern (deren jeder für sich eine postalische Sendung ist) in- und auswendig zu und an und versuche in seiner apostrophischen Referenz auf ein Du und seiner deiktischen Verortung in einem Dort eine Selbstansprache des Gedichts zu erkennen, in der es blühend dort/dorrt (am durch es selbst eingeräumten Ort) seine eigene Exzedenzbewegung zugleich beschreibt und vollzieht:

Dort, wo es blüht wie
verdorrt, öffnest Du wieder
und wieder dich, schlägst Du
die Kissen auf, straffst Du das
Laken, verlässt du das Haus

Sowohl Suspension, Einklammerung, Vermeidung als Kohärenzgaranten – „wenn etwas die Gedichte zusammenhält, dann dies, dass sie physische (nicht „sinnliche“) Erfahrungswelt vermeiden“ [13] –  scheinen darin auf (es wird, a-mimetisch, nicht ein extralinguistisches Ereignis repräsentiert, sondern das Gebilde ist in der Weise der paradoxen Gegenwärtigkeit eines Passierens für sich selbst ereignishaft), als auch das sich einem Außen, einer Exteriorität Exponieren: ‚La poésie ne s’impose plus, elle s’expose‘.

„Atem, das heißt Richtung und Schicksal.“ (Celan, Der Meridian)

Wie vollzieht sich nun aber diese, wieder und wieder, statthabende Öffnung, dieses aufschlagende, straffende, verlassende Aufstehen und Ausgehen („vom Bett aus“, der Liege, in der man vielleicht auch den logos sehen darf[14]), mit dem ein Lüften und Sich-Luftmachen einhergeht, das der programmatischen Respiration des dem Band vorangestellten Cioran-Mottos entspricht („Fragt mich nicht nach meinem Programm: Atmen, ist das keines?“) und einem „gierig“ genannten Wind („Der gierige Wind tut sein Übriges, der Text, von Beruf Traktor und Heuwender, auch.“) mit Augen korrespondiert, der, nach Innen, durch die Löcher pfeift („Ins Innere schauend mit den Augen des Winds, der durch die Löcher pfeift“) und den Dichter zum mit Wolken und Winden (und Wendungen der Tropen) beschäftigten Wetterkundler bestimmt („Der aufhört,/ein Meteorologe zu sein, hört auf,/ein Dichter zu sein.“), ebenso zum auf der Wache aussagenden Zeugen („Ich meldete mich auf der Wache, um als Zeuge/auszusagen.“),

[…]

Er sieht sie
am Dachfenster Weißwäsche
lüften von den Ausdünstungen
des Schlafs.

wenn nicht in der Art einer stetigen Ent-Deutung, Ent-Eindeutigung, hin zum Un-:

[…]

Die menschliche Bühne

erleichtert
um Eindeutigkeiten,
indem sie nichts gibt oder sich
von links an das Beiwort
schleicht mit einem Un.
Wie aus Sein,
nur aus sein auf uns.

(Und den Rest der Welt)

Das von links ans Beiwort sich anschleichende Un (als Mitbringsel der menschlichen Bühne: dem alltäglichen mise en scène und staging auf welcher, lebensweltlich, die Dinge sich schauspielerisch präsentieren?), Präfix und Verneinungspartikel, griechisch a- wie A-Lexander, fungierte demnächst als transzendentaler Begleiter der spezifischen Setzungen des Poeten, die dadurch stets Ent- und Aus-Setzungen sind, bis hin zu der durch sie erzeugten Un-Ruh (lat. negotium: Bulucz ist auch Aktivist einer Literaturzeitschrift mit dem Titel Otium, Muße; verboten ist sicher nicht, darin den Atem, Odem oder Othem zu hören) oder doch der alternierenden, oszillierenden ruhig-unruhigen Folge von Ruhe und ihrem vermeintlichen Gegenteil:

„(otium post negotium, negotium post otium)“

Sie, die (Un-)Ruh ist Herzstück und rhythmusscheuer Taktgeber des metronomischen Werks der Uhr (Anagramm von Ruh), Dispositiv der Gabe (wie der Nahme) von Zeit, in ihrer Essenz ein „Essen“:

Und aufgezogen die Unruh,
die Uhr,
die Zeit, die rhythmusscheu
bleibt. Denn wir essen das
Essen, selbst das erfrorene
Stachelgespräch.

(Gastritis, Celan mit Clownsmaske)

Aufgrund der vom Un- (lat. In-) ausgehenden Unruhe (welche die abschiedliche Selbstentäußerung der Sprache im Gedicht charakterisiert), verweisen die, auf die dissoziative Assoziativität des Traums zurückgehenden Gegenbilder des Gedichts auf ein Innen, das als Ausgangsort uneinholbar scheint. Stetiges „von innen her“ bedeutet vor allem, dass jener Ursprungsort ungreifbarer Interiorität aus nichts besteht als aus seiner aus sich herausgehenden Nichtung: Un-In und Ent-In:

[..]

Ins Innere
schauend mit den Augen des Winds,
der durch die Löcher pfeift.
(Der Clown unter den Mystikern)

 

[..]

Von innen
her träumen wir früher,
rollen schneller die Augen, weben wie Spinnen im Fenster
Bilder, hungrige Bilder.
(Von deiner weißen Zunge)

Zum einen bringt sich durch diese Zeilen, wie in einem Echo, Keats „emsige Lässigkeit“ (hier: des Gedichts) als einer Variante tätigen Untätigseins in Erinnerung:

„Nun, ich möchte meinen, daß jeder Mensch wie die Spinne aus seinem Innern heraus sich eine eigene luftige Zuflucht weben kann.“ [15]

Zum anderen wird eklatant, dass „Essen“wohl deshalb nach Auffassung des Nachwortverfassers zwar vorkommt (und das häufig), aber es nicht „ist“ und er (wer, er?) es nicht ißt, weil der Hunger selbst die Nahrung darstellt, die verzehrt wird. Derart zeugt er sich unablässig neu. Essen aber, weil es sich, sich selbst essend, nicht im telos der Sättigung befriedet, unaufhörlich ent-ißt, ist als äße es nicht. Seine hungrige Oralität gleicht damit jener der Rede, deren Anagram „Erde“ den Band seltsam grundiert: Bulucz´Lyrik redet erdig[16]:

„Nie hattest du nach dem Diebstahl des Lauchs/die Schwarzerde im Mund./Schwarzrede an Gott.“

Während Pferde Rede und Erde zur Trias zu komplettieren scheinen:

„So werde ich/eine Wolke gepeitschten Staubs von Schlacht zu/Schlacht,/eine Wolke Schaum vor dem Maul der Pferde.“

Essen i(s)st (insofern es nicht isst und nicht ist): Rede/Erde

Meine Leib- und Magensätze
ziehen nicht mehr. Dorthin, wo dein Blick
den Weinberg wässert, rede ich.
Mund auf, Mund zu. (Der Säer, S.45)

III.
Wer könnte je ein „wir“ wagen, ohne zu zittern?[17]

Aus Sein auf UN-s als transzendentalpoetische Bewegung des Dichtens als solchem und des Buluczschem im Besonderen, bezieht sich letztlich und anfänglich auch auf Kohärenz und Syntheseprobleme des Fügens und Komponierens mit den beinahe politischen Implikationen, wann ein Zusammen derart trägt, dass es ein Ensemble abgibt. Überall, wo sich die Frage nach einem „Uns“ stellt, kann die nach dem „Un-„ ebensowenig ausbleiben, wie jene, welche das „Und“ (und seinen Mund) in den Blick nimmt. Aus sein auf und. Wann ist etwas vollgültig EIN Gedicht (im Rahmen eines Zyklus oder einer Kollektion mehr denn je), sowohl als auch die Frage: wann sind wir ein WIR („von innen/ her träumen wir früher“) und können von „uns“ , ohne dass dieses zugleich und irreduzibel, weil es den offenen Bereich des Zwischen eines Mit sagen will („was sich zwischen uns abspielt[e]“), nicht die abschlußhafte Totalisierung einer Grenzziehung, ein Un-Uns sein muss, sprechen?

und all das, was sich zwischen uns
abspielte, lag auf der Hand,
die wir nicht in Frage gestellt
hätten, ohne eine Nacht
drüber zu schlafen. Wir wollten
mehr Wärme und gaben, ich spreche
für mich, uns eins ums andere.

Kann die prekäre Gabe des immer Wolke bleibenden Uns anders als im „ich spreche für mich“ sich ereignen? Im Sprechen eines ebenso diffusen Ich, das anderswo als tertium datur zwischen zweien, damit aber auch öffnende Mitte gleichsam eingeklemmt wirkt, auf das es (von dem andernorts gesagt wird, es blühe und verdorre) jedoch ankommt:

Und umspielte
uns alle, in der linken
ein Glas, in der rechten
die eine Gitarre. Ich
stand in der Mitte.
Auf mich kommt es an.
(Luzifer)

Die Referenzen auf ein, grammatisch das Plurale einfassendes Kollektiv scheinen im Band, dem täuschenden Titel entgegen, zunächst spärlich, tatsächlich jedoch liegen acht uns und elf wirs in den Zyklus eingebettet.[18]

Ein paar weitere Beispiele, fragmentarisch unverbunden und versprengt, ohne Wissenwollen, was diese wirs miteinander gemeinsam haben und auf ein höheres wir hin zusammenhält (dass es kein solches gibt, bliebe vielmehr die Unterstellung), seien aneinandergereiht:

[…]

Vom Bett
aus verwischen wir Spuren
von Wasser, von Samen, von Talg,
von Harnstoffen, Säuren und
Salz.

[…]

Dann stellte sich heraus, dass wir beide Wolken waren,
aus der Turksprache aufgetaucht.
(Die Wolke im Namen)

[…]

Dabei hatten wir Gold
wie die Tagelöhner.
Alles für dich. Es bläht nicht
mehr auf, sagte
dein salzerfahrener Magen,
es passt viel mehr rein.
Wir sind längst wieder gut.
(Gespräche mit Kupfer)

[…]

Wir stehen beide auf der
Geraden des jeweils andern. Einer von uns beiden ist der
Berg, dessen Wurzeln unter die Meere greifen, der andere
alles andere: das Atmen aller Schlafenden dieser Welt,
das / Stöhnen aller Liebenden und das Schreien / aller
Gepeinigten. Alles zugleich / und auf einmal
(Gespräch im Gebirg II)

Und das Ende des Nachworts, dass die eigenen, von den Gedichten enttäuschten Erwartungen vertröstet mit der Hoffnung, der Autor möge sich diesen, geläutert, künftig angleichen, schließt mit dem Satz:

„Wir sehen uns da.“

IV.

„Und ich mag mich nicht bewahren!“
Joseph von Eichendorff, Frische Fahrt

„Ich habe mich sozusagen verloren“.

Die „beim Schreiben“ getätigte Äußerung der dementen Auguste Deters, Patientin von Alois Alzheimer, die im Gedicht „Morbus Korsakow“ aufblitzt, darf als konstitutiv für die Poetologie der gesamten Gedichtsammlung gelten; nicht nur eines ihrer Teile, des dritten von vier, dem sie als Überschrift dient.

Zu Mittag isst Frau Auguste D. Schweinefleisch mit Karfiol.

„Was essen Sie?“

„Spinat.“ (Sie kaut das Fleisch)

„Was essen Sie jetzt?“

„Ich esse erst Kartoffeln und dann Kren.“

„Schreiben Sie eine fünf.“

Sie schreibt: „Eine Frau“

„Schreiben Sie eine Acht.“

Sie schreibt: „Auguste“ (Beim Schreiben sagt sie wiederholt: „Ich habe mich sozusagen verloren“.)[19]

Nicht dass die Gedichte in einem klinischen Sinne pathologisiert werden sollen; vielmehr scheint auf, inwiefern der Verlust von Gedächtnis und Erinnerungsfähigkeit für das Denken und antizipative An-Denken der Dichtung (das aus der Sicht des andereren Denkens, welches sich als regelgerechtes Schlußfolgern mißversteht, wie ein Un-Denken erscheint) nicht erst als sekundäres Verfallssyndrom ins Spiel kommt, sondern der Arbeit von Mnemosyne vorausgeht. Amnesie und Demenz, die Unverfügbarkeit sowohl jeder beglaubigten Erinnerung, welche einfach nur wieder hervorgeholt werden müsste, als auch aller objektiven Regeln, die zu deren Verknüpfung benötigt werden, machen die conditio sine qua non poetischer Erfahrung aus. Aus… Aussein, diese unendlich ausdeutbare Wendung kann auch sagen: Es ist aus, d.h. zuende mit etwas, das nachträglich betrachtet, vorher noch möglich schien, aber wohl doch nie gewesen ist.

„An einem Tag des Jahres 1970, als er seinen Tod kommen sah, vertraute mir mein Vater an: “Je suis fichu” – “ich bin fertig”, “mit mir ist es aus”.

Il s’agissait de changer en fichu une poésie.“[20]

Aus diesem Aussein ein Gedicht zu machen (und dabei das Machen selbst zu ent-machen und ent-machten), nicht aus der Überfülle hochinspirierter Genialität, subjektiver Gefühlsinnigkeit oder Erfahrungsfülle: darauf kommt es an.

„Auf mich kommt es an“ sagt das Gedicht und dies mag ein Echo eines Gedichts von Paul Celan sein, der für Bulucz´ Lyrik von entscheidendem Einfluß ist:

Zwei Finger im Abgrund

AN DIE HALTLOSIGKEITEN
sich schmiegen:

es schnippen
zwei Finger im Abgrund, in den
Sudelheften
rauscht Welt auf, es kommt
auf dich an.

Paul Celan
(Zeigehöft)

„Warum sich dran klammern?“ (S.52) fragt sich insofern nicht nur hinsichtlich des im im Meer tanzenden, durchlöcherten Schiffsrumpfs:

[…]

Ins Innere
schauend mit den Augen des Winds,
der durch die Löcher pfeift. Der von der Flut
durchlöcherte Rumpf des Schiffs tanzt
auf dem Meer. Warum sich dran klammern?
Er tanzt ja. Der vitruvianische Mensch
am Abend in der Krone des Buchsbaums.
(Der Clown unter den Mystikern)

Es ist die stetige, insistente Frage einer im Gedicht den herrischen Klammergriff der Begriffe wie den Bezug auf eine vorgängige objektivierbare Wirklichkeit selbst lösenden Sprache, die sich, sozusagen[21], verlierend, angstfrei preisgibt, um der Haltlosigkeit eines Glücksstücks willen, das (und eben nicht nur das Unglück) in der Unfähigkeit liegt, nicht hinauszugehen, um auf uns, un-s und unds, „wieder und wieder“, aus zu sein.

[…]

Auch der kleine Wind ist zu groß,
um ein Streichholz zu halten
an ein Stück Glück
(Der im Café)

 

Tillmann Reik

Informationen zum Buch

 

[1] GW III 177. Wenn dennoch in diesem Text, „barock wie ein Begleitschmerz“, damit gekommen werden soll, dann um zu erweisen, inwiefern dieses Herstellen, wenn es mit Worten macht, sich selbst ent-stell und auflöst: Auf Un-s aus ist. Der Brief im vollständigen Wortlaut:

Lieber Hans Bender,

ich danke Ihnen für Ihren Brief vom 15.Mai und Ihre freundliche Aufforderung, an Ihrer Antohlogie “Mein Gedicht ist mein Messer” mitzuarbeiten.

Ich erinnere mich, daß ich Ihnen seinerzeit sagte, der Dichter werde, sobald das Gedicht wirklich da sei, aus seiner ursprünglichen Mitwisserschaft wieder entlassen. Ich würde diese Ansicht heute wohl anders formulieren bzw. sie zu differenzieren versuchen; aber grundsätzlich bin ich noch immer dieser — alten — Ansicht. Gewiß, es gibt auch das, was man heute so gern und so unbekümmert als Handwerk bezeichnet. Aber — erlauben Sie mir diese Raffung des Gedachten  und Erfahrenen — Handwerk ist, wie Sauberkeit überhaupt, Voraussetzung aller Dichtung. Dieses Handwerk hat ganz bestimmt keinen goldenen Boden — wer weiß, ob es überhaupt einen Boden hat. Es hat seine Abgründe und Tiefen — manche (ach, ich gehöre nicht dazu) haben sogar einen Namen dafür.

Handwerk — das ist Sache der Hände. Und diese Hände wiederum gehören einem Menschen, d.h. einem einmaligen und sterblichen Seelenwesen, das mit seiner Stimme und seiner Stummheit einen Weg sucht.

Nur wahre Hände schreiben wahre Gedichte. Ich sehe keinen prinzipiellen Unterschied  zwischen Händedruck und Gedicht. Man komme uns hier nicht mit “poiein” und dergleichen. Das bedeutete, mitsamt seinen Nähen und Fernen, wohl etwas anderes als in seinem heutigen Kontext.

Gewiß, es gibt Exerzitien — im geistigen Sinne, lieber Hans Bender! Und daneben gibt es eben, an jeder lyrischen Straßenecke, das Herumexperimentieren mit dem sogenannten Wortmaterial. Gedichte, das sind auch Geschenke — Geschenke an die Aufmerksamen. Schicksal mitführende Geschenke.

“Wie macht man Gedichte?”
Ich habe es vor Jahren eine Zeitlang mit ansehen und später aus einiger Entfernung genau beobachten können, wie das “Machen” über die Mache allmählich zur Machenschaft wird. Ja, es gibt auch das, Sie wissen es vielleicht. — Es kommt nicht von ungefähr.

Wir leben unter finsteren Himmeln, und — es gibt wenig Menschen. Darum gibt es wohl auch so wenig Gedichte. Die Hoffnungen, die ich noch habe, sind nicht groß; ich versuche, mir das mir Verbliebene zu erhalten.

Mit allen guten Wünschen für Sie und Ihre Arbeit

Ihr Paul Celan

Paris, den 18.Mai 1960

Paul Celan: Ein Brief. In: Hans Bender (Hg.): Mein Gedicht ist mein Messer.  Lyriker zu ihren Gedichten. München 1964.

[2] Allem vorweg sei in Erinnerung gerufen, dass man, dem Wort Heideggers zufolge, nur vermag, was man mag. Das würde zumindest bedeuten, dass die Poesie, sofern sie tut oder macht, dies nur kann, in dem sie einer Neigung folgt, indem sie liebt, indem sie auch Philologie ist. Im Mögen mag man überdies jedoch ebenso die im Zyklus (mehr qualitativ als quantitativ) dominanten Mägen mithören (et vice versa). Figuren der gastlichen wie gastro-logischen Verinnerlichungsfunktion von Sprache. Liebe markiert weiterhin die Bewegung, der Anne Carson in Bezug auf Sapphos bittersüßen Eros-Begriff, in Fragment 31 mit einem Alles-Wagen assoziiert (pan tolmaton), ein spezifisches, ek-statisches Außersichsein und Sich-Verlassen, ein bestimmte Aus-Sein, konstatiert: “ Love dares the self to leave itself behind, to enter into poverty.“ (vgl. Carson: Decreation).
[3] Zu beiden einander augenscheinlich widersprechenden Hölderlinzitaten siehe Heideggers 1936 gehaltende Rede Hölderlin und das Wesen der Dichtung. „Un-Tat“ im desaktivierenden Sinn, wie in der Bedeutung eines Königsmords „am Prinzip Geschichte, Gesicht, Gedicht“, wird von Werner Hamacher in „Geschichte Jetzt. Jorie Graham“ ausführlich elaboriert.

[4] «Der Künstler ist der Bruder des Verbrechers und des Verrückten“ lässt Thomas Mann im Doktor Faustus den Teufel zu Adrian Leverkühn sagen.

[5] Erinnert sei darüber hinaus, um zu sehen, was es mit dieser seltsamen Souveränität, die eine Gegen-Souveränit ist, auf sich hat, an Celans Meridianrede und die sich dort findende Deutung des Lucileschen „Es lebe der König!“ aus Büchners Leonce und Lena als „Gegenwort“: „Gehuldigt wird hier der für die Gegenwart des Menschlichen zeugenden Majestät des Absurden. Das, meine Damen und Herren,hat keinen ein für allemal feststehendenNamen, aber ich glaube,es ist… die Dichtung.“ Vgl. auch: J.Derrida: Sovereignties in Question. The Poetics of Paul Celan.

[6] Geschwüre, Ulcera, vor allem des Magens werden im besprochenen Band von einer solchen verletzenden Verletzlichkeit zeugen.

[7] Siehe zu einem solchen Begriff von Perfektion, der nicht nur das Getane, sondern auch das Tun vollendet und über sich hinausführt, hin zu einem Un-Tun: Jean-Luc Nancy: Making Poetry, in: Multiple Arts. The Muses II. Vgl. auch, ders.: http://www.usc.edu/dept/comp-lit/tympanum/4/nancy.html

[8] Jacques Derrida: Che cos’è la poesia? Abrufbar unter: http://redaprenderycambiar.com.ar/derrida/frances/derrida_poesie.htm

[9] Operation, ein Ausdruck den Mallarmé, der ansonsten auch von der „action restreinte“ sprach, bevorzugte, lässt hinter der Unscheinbarkeit einer Beschäftigung oder Darreichung, den Bereich sakralen Opfers durchscheinen.

[10] Siehe Fußnote 8.

[11] Als interessante trouvaille (trobar ist der vom gr. tropos abstammende Ausdruck der altokzitanischen Sangesdichtung fürs Dichten als ein „Finden“) am Rande sei nur erwähnt: Minte, das rumänische Pendant zum lateinischen mens, so belehrt Herta Müller „Mein Vaterland war ein Apfelkern“, heißt sowohl Verstand als auch lügen.

[12] Die übrigens des physischen „Hinaus ins Offene“ wohl nicht bedarf: „Es ist nicht notwendig, daß Du aus dem Haus gehst. Bleib bei Deinem Tisch und horche. Horche nicht einmal, warte nur. Warte nicht einmal, sei völlig still und allein. Anbieten wird sich Dir die Welt zur Entlarvung, sie kann nicht anders, verzückt wird sie sich vor Dir winden“ (Kafka). Eine Exposition ist damit gemeint, die in den Worten Heideggers Worten, Dichtung zu etwas werden lässt, was  „kein Sichumhertreiben in den eigenen seelischen Erlebnissen, nicht ein Erlebniszusammenhang irgendwo drinnen, sondern das äußerste Draußen der nackten Ausgesetztheit den Gewittern“ ist (GA 39, 31).

[13] Badiou hat es vielleicht ähnlich ausgedrückt: „The poem has neither an anecdote nor a referential object. It declares from beginning to end its own universe.

Not only does the poem have no object, but a large part of its operation aims precisely to deny the object, to ensure that thought no longer stands in a relation to the object. The poem aims for thought to declare what there is by deposing every supposed object. Such is the core of the poetic experience as an experience of thought: to give access to an affirmation of being that is not arranged as the apprehension of an object.“ […]“The poem brings to language the following: what is an experience without object? A pure affirmation, which constitutes a universe that nothing assures either in its right to be or even its probability?

The thought of the poem does not begin until after a complete de-objectification of presence. This is why we can say that, at the farthest remove from knowledge, the poem is exemplarily a thought that is obtained in the retreat, or the defection, of everything that supports the faculty to know. And no doubt this is why the poem has always disconcerted philosophy.“ (The Age of Poets)

[14] Tatsächlich kommt es im Rahmen der Übersetzung des Heideggerschen Logos-Fragments durch Lacan dazu, dass die „lesende Lege“ (so eine von Heiddeggers Logos-Formeln) zu „le lit“, der Liege, dem Bett transformiert. Vgl. Gondek, Hans-Dieter: »Logos und Übersetzung. Heidegger als Übersetzer Heraklits–Lacan als Übersetzer Heideggers«. In: Übersetzung und Dekonstruktion. Hrsg. von Alfred Hirsch. Frankfurt a. M. 1997.263–348

[15] Brief an Reynolds v. 19. Februar 1818.

[16] Erde, gaia, Erda/Hertha, die „grünende“ (Hölderlin) als Emblem des Dichtens hat eine lange Tradition, auch insofern die tragende und grundgebende terra mater in ihm als die fruchtbare Brache der (Mutter)Sprache aufscheint: „Of the multiple given or disclosed, retained at the outer limits of its disappearance, which the poem makes into its truth, the emblem is the Earth, this affirmative and universal Earth about which Mallarmé declares:

Yes, Earth has cast into this night afar the startling mystery of sheer dazzlingness.“ (Badiou, The Age of Poets). Vgl. zur in den liebenden Streit mit Welt befassten Erde auch Heideggers „Ursprung des Kunstwerks“: „Die Erde läßt so jedes Eindringen in sie an ihr selbst zerschellen. Sie läßt jede nur rechnerische Zudringlichkeit in eine Zerstörung umschlagen. Mag diese den Schein einer Herrschaft und des Fortschritts vor sich hertragen in der Gestalt der technischwissenschaftlichen Vergegenständlichung der Natur, diese Herrschaft bleibt doch eine Ohnmacht des Wollens. Offen gelichtet als sie selbst erscheint die Erde nur, wo sie als die wesenhaft Unerschließbare gewahrt und bewahrt wird, die vor jeder Erschließung zurückweicht und d. h. ständig sich verschlossen hält. Alle Dinge der Erde, sie selbst im Ganzen, verströmen sich in einen wechselweisen Einklang. Aber dieses Verströmen ist kein Verwischen. Hier strömt der in sich beruhte Strom des Ausgrenzens, das jedes Anwesende in sein Anwesen begrenzt. So ist in jedem der sich verschließenden Dinge das gleiche Sich-nicht-Kennen. Die Erde ist das wesenhaft Sichverschließende. Die Erde her-stellen heißt: sie ins Offene bringen als das Sichverschließende. (GA5, 33)

[17] J.Derrida: Lyotard und wir.

[18] Eine Analyse der Worthäufigkeit, angewandt auf den gesamten Band inklusive des Nachworts, lässt „uns“ mit 22 Treffern zum häufigsten Wort aufsteigen, gefolgt von mich, noch, nur, Wolke, habe, mir, Bilder, dich, nie, nichts, ohne, zwei, nie, war…Dabei finden sich allerdings nur acht „uns“ in den Gedichten selbst.

[19] https://de.wikipedia.org/wiki/Alois_Alzheimer#Der_Fall_Auguste_Deter

[20] “Erlauben Sie mir, zunächst einen Satz zu lesen, den Walter Benjamin eines Tages, eines Nachts auf Französisch träumte […]. Er hat ihn Gretel Adorno auf Französisch in einem Brief anvertraut, den er ihr am 12. Oktober 1939 aus der Nièvreschrieb, wo er interniert war. Camps de travailleurs volontaires, “Freiwilligen-Arbeitslager”, hieß dergleichen damals in Frankreich. In seinem Traum, der, wenn man ihm glauben darf, euphorisch war, sagt Benjamin sich also auf Französisch: Il s’agissait de changer en fichu une poésie. Und er übersetzt: “Es handelte sich darum, aus einem Gedicht ein Halstuch zu machen.” Wir werden später diesem fichu nachsinnen, dieses Halstuch oder diesen Schal durch die Finger gleiten lassen und uns jenen Buchstaben des Alphabets vor Augen führen, den Benjamin im Traum auf ihm zu erkennen glaubte. Und fichu, auch das wird uns beschäftigen, ist nicht bloß irgendein französisches Wort für den Schal oder das Halstuch einer Frau.” (Derrida, Fichus)

[21] für welches das konsultierte Synonymlexikon mit der Beschreibung „Einleitung eines metaphorisch (bildlich) gemeinten Ausdrucks“ neben „gewissermaßen, gleichsam, quasi, auf eine Art, im Grunde genommen, wenn man so will, auf bestimmte Weise“, usw., auch (wohl über den Umweg von „im Grunde genommen“), in diesem Kontext unheimlich befremdlich, „von Hause aus“ vorschlägt.

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Jean-Luc Nancy: Die Erfahrung der Freiheit

Freibeuterschrift[1]

Die Erfahrung der Freiheit ist also die Erfahrung, dass die Freiheit Erfahrung ist. (111)

Das Wesen der Freiheit kommt erst dann eigentlich in den Blick, wenn wir sie als Grund der Möglichkeit des Daseins suchen, als dasjenige, was noch vor Sein und Zeit liegt. (Martin Heidegger)

Vitiöse Deliberationen setzten gleichsam freischwebend, ohne Geländer und jeden Halts bar, ihre kreisende Tastbewegung in Gang, dem inaugurativen Appell einer vorgängigen – und wie man sehen wird, da sie bereits Antwort ist, „rhetorischen“ – Frage folgend, die, vage, etwa wie folgt lauten könnte (damit, da nach etwas fragend, was die Frage selbst bereits voraussetzt, nach etwas fragend, was nicht in Frage stehen kann: „Mit anderen Worten: die Freiheit kann nicht Gegenstand einer Frage sein, sie ist „nur“ das Worum einer Affirmation“, 25, einer immer zu re-affirmierenden Selbst-Affirmation):
Sind „wir“ – und damit soll, mit Hölderlin, am ehesten „ein Gespräch“ gemeint sein[2] – eigentlich schon de facto und nicht erst de jure so frei, oder können uns die Freiheit zumindest, per selbstermächtigendem Entscheidungsakt, vor dem Abgrund illegitimer Selbstlegitimation, piratenhaft freibeuterisch, gesetzlos und unrechtmässig kapernd, hic et nunc, nehmen oder einräumen, um „Freiheit“ anders als dies für gewöhnlich getan worden ist, zu denken, ohne wiederum bloß ein weiteres, wenn auch noch so elaboriertes metaphysisches „Konzept“ von ihr zum Gegenstand einer Debatte zu machen, mithin ihre Möglichkeit zu beweisen oder widerlegen? Was oder wer nähme dann, wenn das möglich wäre, was oder wen und woher? Freiheit wohl am Ende, und anfänglich, sich selbst? (Letztlich dreht sich womöglich alles um die Selbigkeit dieses Selbst selbst, die Freisetzung, die seinen öffnenden Schließungsversuchen eignet?):

In einem bestimmten Sinne, der hier der ursprüngliche und letztendliche sein könnte, lässt sich die Freiheit als die Sache selbst des Denkens nicht aneignen, nur erbeuten; ihre „Ergreifung“ ist immer illegitim. (22)

Immerhin: Wäre sie nichts, was man, einer ontologischen oder subjektphilosophischen Deutung folgend (von der wir uns befreien müssen , 44) hat oder je in Besitz bringen kann, keine Idee, Eigenart oder Eigenschaft, die einem Subjekt wie ein Attribut oder Prädikat zukommt (und also auch kein Recht), fiele sie vielleicht, so bar und schnöde wie glanzvoll, mit dem kruden, lapidaren, prosaischen (Nicht-)Nichts der Existenz in ihrer Faktizität zusammen – wäre kein Gut und, da aller Bemächtigung vorausgehend, un(be)greifbar, sondern die absolute (d.h. unendlich abgelöste) Position, der basale Habitus und Ethos eines Ist. In der faktischen Je-weiligkeit eines singulären „Das-Da-sein“ als Öffnung aufbrechend (wie die Dehiszenz oder bifurkative Zwiesel und Zwille im „il y a“), sich als Extase und Exposition, Selbst-Transzendenz einer Immanz aussetzend und ausliefernd. Nicht gälte es dann mehr, sie zu denken, nach Art einer metaphysischen (sei´s platonisch konstativen oder Kantisch regulativen) Idee oder ein dem der Notwendigkeit entgegengesetztes unabhängig neue Kausalketten anstossendes Verursachungsprinzip (Kant spricht von einer „besondern Art von Kausalität“), den ein intelligenter Algorithmus (woher nähme er die Freiheit zu seinem zirkelnden, hermeneutischen Leer- und Freilauf?[3]) als Bearbeitungsgegenstand seinen unermüdlichen Proceduren zuführt. Sondern es käme vordringlicher darauf an, sich ihrer zu besinnen als dessen, was am Denken undenkbar und von seinen Begriffen nicht greifbar ist und bleibt, es anstößt und freisetzt von sich selbst.
Somit also erführe sich (in einer Erfahrung, die vom experiri her, auf poros, Durchgang und peran, hindurchkommen verweist, sowie aufs Freibeutertum des P(e)iraten (eigentlich: Versucher, Erprober) sich das offene Meer durchreisend einer Gefahr, einem Wagnis aussetzen) das denkende Existieren im tastenden, touchierenden Erproben und Prüfen (einer gleichsam, oxymoronisch, „tranzendentalen Empirizität“), als die Freiheit, die es schon ist, getragen von der archi-originären Ethizität (212) eines Seins, dem als von einnehmender Überraschung gezeichnete einräumende Freigebigkeit (générosité), Frei-Setzung (dé-livrance) eignet, Teilhabe an einem spationierenden Teilungs- und Zuteilwerdungsgeschehen (vielleicht auch dem einer regellosen Ablösbar- und Entbindbarkeit), das womöglich im Anklang an Lacans Heideggerübersetzung, und dort die „moira“ übertragend, partage genannt wird. Sie, die Mit-teilung bringt mit sich, dass eine Freiheit nicht dort endet, wo eine andere beginnt, sondern: eine fängt dort an, wo die anderen anfangen: in der Teilhabe an einer Mit-Teilung des Teilens. Derart, wenn Ontologie zur Eleutheriologie mutiert und in die Gabe des Seins (Verb, nicht Substantiv) und sein Ereignis eingeschrieben (18) wird, setzt sich Denken selbst frei.

Die ungemein „kraftvolle“ Denkbewegung im Ausgang von Heideggers brachliegenden Befreiungsversuchen der Freiheit – man sieht sich tatsächlich hinsichtlich des eigenen Eindrucks bei Lesen mit Derridas Charakterisierung insofern in Übereinstimmung, als ein Überschwang lockendes Spiel von mannigfaltigen Kräften in dieser atemberaubend abenteuerlichen Freibeuterschrift brodelt -, welche unter dem Titel „La expérience de la liberté“ 1987 Gerard Granel als „thèse“ vorgelegt und 1988 bei Edition Galilée publiziert wurde, ist nun, fast 30 Jahre verspätet, dem diaphanes Verlag sei´s gedankt, in deutscher Übertragung nach- und mitzuvollziehen.

Tillmann Reik

Jean-Luc Nancy: Die Erfahrung der Freiheit. Aus dem Französischen von Thomas Laugstien. diaphanes Verlag, Zürich. 224 Seiten.€ 29,95. Verlagsinformationen zum Buch.

 

[1] Wieder einmal scheint der methodisch-stilistische Versuch (im piratischen Sinne des unlegitimierten Erprobens, Prüfens, ob es gelingen möge) naheliegend, sich mit einigen Freiheiten dem Gestus und Habitus (und also: Ethos) des vorliegenden Buches (dessen Politizität auch in der Weise gelegen ist, Sätze nach anderem Kalkül „zusammen zu stellen“ als dies in standardisierter Wissenschaftssprache Brauch ist), wenn auch „frei“, mimetisch anzuschmiegen, sich von seinem Duktus und seiner Diktion anstecken zu lassen und damit auch dem in aller nachahmenden Epigonalität gelegenen Risiko, zu dem, wovon ausgegangen wird in mimetische Rivalität zu treten, als bloß glossierende Persiflage oder Parodie aufgefasst werden zu können, nicht auszuweichen.

[2] Der kommunistische (und nicht kommunitaristische) Impetus von Nancys prekären Denken einer „Gemeinschaft“ (deren Begriff in vielerlei Hinsicht völkisch und identitär kontaminiert zu sein scheint) versteht es im gewissen Sinne, die Zugehörigkeitsfragen, die mit der Postulation eines Kollektiv einer Logik von Inklusion und Exklusion unterworfen blieben, zu unterlaufen, in dem deren Kriterien (das was scheidet und trennt) tiefergelegt werden in die „ontologische“ Zone des Sich-Unterscheidens selbst: Die „partage“ der Mit-Teilung weist auf ein de-klusives Miteinander-Erscheinen (comparution), das grundsätzlich keine Grenzen seiner Tragweite an den Tag legen kann, da es sie selbst stetig de-limitiert.

[3] Zu diesem Freilauf (roue libre), siehe: Jacques Derrida. Schurken. Zwei Essays über die Vernunft. Cover: Schurken. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003, S.21ff.