Jean-Luc Nancy: Der Sinn der Welt

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„Leben, das Sinn hätte, fragte nicht danach.“ (T.W. Adorno)

Zum Lemma „Sinn“ verzeichnet der Duden fünf Einträge:

  1. Fähigkeit der Wahrnehmung und Empfindung (die in den Sinnesorganen ihren Sitz hat)
  2. Gefühl, Verständnis für etwas; innere Beziehung zu etwas
  3. (gehoben) jemandes Gedanken, Denken
  4. (gehoben) Sinnesart, Denkungsart
  5. gedanklicher Gehalt, Bedeutung; Sinngehalt
  6. Ziel und Zweck, Wert, der einer Sache innewohnt

65643873Verrückt nach Sinn und/oder Bedeutung (Frege etwa hat, erfolgreich oder nicht, dieser Unterscheidung Sinn zu verleihen, Bedeutung zu geben versucht):
„Die Erwartung, das Verlangen, die Forderung oder die Sorge um den Sinn“, Ausdruck von Sucht und Sehnsucht nach der Präsenz bedeutungsvoller Fülle, stellt man fest, erhebt sich allerorten und wird mitsamt dem Ruf nach Orientierung und Leitbildern — heißt immer auch: verpflichtenden, maßgebenden Regeln und Normen — unter anderem dem „Philosophen“ als allwissendem Problemlöser einklagend entgegengebracht. Unter der Bedingung eines gefühlten Mangels im Überfluß: er, der Sinn, stehe aus, fehle. Ab-Sens. Stehe andererseits mir oder uns aber doch auch zu.
In welchem Sinne spricht der Straßburger Mitologe — so Alexandru Bulucz´ treffende Bezeichnung — Jean-Luc Nancy vor diesem Hintergrund des Unbehagens in und an der Kultur, des Unbehagens als Kultur, von „Sinn“ und antwortet somit vermeintlich jener begierigen Forderung — wenn womöglich auch nur, um sich ihr auf subtile Art zu verweigern, indem er etwas, affirmativ ohne orientierendes Leitbild, öffnet, einlädt und im Kommen belässt?

Der Sinn, seinerseits, ist die Bewegung des Sein-zu, oder das Sein als Kunft [venue] in die Präsenz, oder auch als Transitivität, als Übergang zur Präsenz — und im gleichen Zuge als Übergang der Präsenz. Die Kunft gehört nicht der Präsentation zu, und übrigens genauso wenig der Inpräsentation.

Was genau hat Nancy demgemäß im Sinn, wenn er sich so, in gleichzeitig messerscharf präzisen und  polyvalent-gewundenen Sentenzen (auch hier steckt der Sinn und das sensibel-sensitive des sensorischen Fühlens), desjenigen Ausdrucks bedient und ihn bearbeitet, der im Französischen nicht nur die lexikalisch verbürgten (aber numerisch schwerlich vollständigen) fünf Sinne (oder Bedeutungen?) von Sinn (zu denen, wohl unter 1., auch die in ihrer Zahl ebenfalls in Frage stehenden „Fünf Sinne“,  visus, olfactus, auditus, gustus und tactus, des Sensoriums zählen) auruft, sondern darüberhinaus noch eine breite, kaum zu bändigende Varietät von Homphonen ins Spiel bringt?

-Sans / s’en / c’en / sens / sent / sang / cent –

Den Klang, son, teilend und somit in gewissem, nämlich sinnlichen Sinne, den Sinn? Sinne sind, partial und partizipial, sinn-teilend, they share and divide. D.h. sie, im Plural, haben ihn, im Singular, gemeinsam, er spielt sich zwischen ihnen (und zwischen uns), inmitten, ab (und somit, wenn es ihn gäbe: zwischen sich selbst). Aber sie zerlegen ihn auch immer schon, immer mehr, so dass deutlich wird, dass niemals Ganzes oder Substanz vorlag, die etwa gemeinsam, als stabile, invariante Rekursinstanz, „gehabt“ hätte werden können.In Folge blitzt ebenso auf, wie dieses nicht-sistierbare Teilungs- und Differenzierungsgeschehen — ein Spiel der Signifikanz, so Nancy, das sich selbst unablässig neu ins Spiel bringt — mit einer Art de-naturierenden Proto-Technizität zusammen gedacht werden muss (vgl. hierzu, wie zu allem anderen: Erich Hoerl, Die künstliche Intelligenz des Sinns).

Sinn.ortsausgang

Das macht uns ohnmächtig, und doch fühlen wir (dafür haben wir einen Sinn), dass wir genau davon leben, dieser Preisgabe des Sinns ausgesetzt zu sein.

Um exakt zu sein (jener exactitude gemäß, die Nancys gesamtes Vorgehen aussteuert), gerade in krisen- und katastrophenbestimmter „condition post-postmoderne“, müsste also dieser besagten Unzähligkeit der Sinne des Sinns, der Uneindeutbarkeit ihrer Richtung („Sinn“ ein Verwandter von „senden“: „eine Richtung nehmen, gehen“), dem flüchtigen „Unterwegs“ ohne Herkunft und Ziel, dafür voller Abschweifung und -lenkung, den Übergängen der einen in die anderen, gerade Rechnung getragen werden. In Folge pluralisiert sich „logos“, fort von der Eindimensionalität begründenden Rechenschaftsberichts (logon didonai, redere rationem) hin zum polymorph-perversen, erogenen Spürsinn. Sinn, plurar singulär, teilt (sich) (mit), ohne je aneigenbar zu sein und Orientierung zu bieten, man kann ihn nicht haben, dingfest machen, sich seiner Sättigung, Fülle und Allgegenwart versichern; er verfügt über keine Bedeutung und Bestimmung, sondern „deutet“ und „bedeutet“ eher gestisch, deiktisch, (de)monstrativ, im Sinne stets weiter öffnender, verweisender Mit-Teilung auf Anderes hin und zu, heillos irrend und wirrend, disseminativ und destinerrant.

Der Sinn kann nur Sinn machen, wenn nicht nach ihm verlangt wird. Das Sinnvollste des Sinns ist, dass es ausgeschlossen ist zu sagen, um welchen Sinn es sich handelt.

Sein/Sinn

„Schreiben wäre: vom vollen Sinn ausgehen, sich von ihm überwältigen lassen und bis zum Nicht-Sinn vorstoßen“ (M.Duras)

Sinn ist Verweis und Bezug (und somit, wie das kopulative „ist“ dieses Satzes und vieler anderer Nancys selbst — allen essentialistischen Vorbehalten entgegen, skandiert seinen Duktus eine Proliferation solcher Ist-Assertionen — das Sinn und Bezug aufeinander bezieht, eher ein als transitives Zeitwort verstandenes „Sein“, als ein „Haben“.) Der „Sinn der Welt“ schließlich erweist sich dann als nichts anderes denn eine in ihrer Verlassenheit und ihrem Ausgesetztsein, ihrer verweisenden Verwaisung sich ent-schließende „Welt des Sinns“.

Somit ist Welt nicht nur ein Korrelat von Sinn, sie ist als Sinn strukturiert, und umgekehrt ist Sinn als Welt strukturiert. Letztlich ist „der Sinn der Welt“ ein tautologischer Ausdruck.

Welt „ganz dezidiert weder cosmos (Lächeln der Unsterblichen) noch mundus („Tal der Tränen), sondern der Ort selbst des Sinns.

Der Sinn sind, vielleicht, wir. Wir alle. Nous tous.
[Cave: Um allen leichtfertigen Umgang mit kollektivistischen, kommunitären Pronomen allerdings zu vermeiden (der Gemeinplatz des Wir), die Zugehörigkeits- und Teilhabeprobleme mengentheoretisch immer erneut aufwerfen, dennoch aber einem gewissen kommunistischen Versprechen treu zu bleiben, bedürfte es einer unendlichen Reihe von Kautelen. Eine Mit-ologie oder Cum-ologie besteht dann wohl vornehmlich aus Achtsamkeitsübungen, die vor dem Phantasma zurückschrecken lehren, das, was ein solches „Wir“ — in seiner ganzen de-limitativen Extension nichts als ein Effekt des „Zwischen“ –, meinen könnte, dürfe als bereits ausgemacht gelten. „Wir“ bleibt wirr.]

Auf den 230 Seiten des nun endlich auch auf deutsch vorliegenden „Le sens du monde“ (Originalausgabe von 1993) bietet Jean-Luc Nancy keine Lösungen oder Heilsversprechen, sondern exerziert, wie gewohnt!, eine skrupulöse praxis des Denkens, des Fährtenziehens und Sinnbahnens, das stilistisch bis in sprachliche Präsentation hinein (oder von ihr ausgehend: Sinn erweist sich allemal als seine Exposition, seine Ent-schreibung), das Nichtaufgehen des Sinns in aller Bedeutung (die er – stets überraschend – überfüllt oder entleert) mit äußerster Konsequenz austrägt.

Das sagt fast nichts – solches ist die Bedeutungslosigkeit des Sinns selbst, die Nacktheit des absoluten und souveränen Bedeutens. Dieses Fast-Nichts zu sagen ist die einzige Aufgabe einer Schrift- doch ihre unbedeutende Aufgabe, sofort entschrieben, durch ihren eigenen Rhythmus herausgeschrieben, der Welt ausgeliefert: Ende der Philosophie.

Tillmann Reik

Jean-Luc Nancy: Der Sinn der Welt. Aus dem Französischen von Esther von der Osten.diaphanes. 2014 · 240 Seiten · 26,95 Euro

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