Jean-Luc Nancy: Die Wahrheit der Demokratie

Demokrisis

Dämon/Demos/Eudämonia: Zu Nancy mit Seitenblicken auf Badiou, Rancière und Hamacher (und Bennington und…)

 

Demos. From Proto-Indo-European *deh₂mos (“people”)
(perhaps originally a feminine), from *deh₂- (“to divide”),
whence also δαίομαι (daíomai). The original meaning was thus „part“.

Multikulturalisierung, Demokratisierung kann nur eine aporetische Praxis sein. In ihr geht es um die Gewinnung einer Autorität des Mehr als Vielen und mehr als Singulären, aber es kann darum nur gehen unter Bedingungen, die dieser Autonomie nicht günstig sind. Es gibt sie nicht, sie muss sich erst geben und dürfte sich zu geben nicht aufhören. Und es dürfte nicht nur eine geben, es müssten viele sein, unzählig viele, und nur diejenige wäre eine zuviel, die eine und nur eine einzige ist.
(Werner Hamacher, Heterautonomien. One 2 Many Multiculturalisms)1

 

Wann, könnte man guten Gewissens sagen (wenn einen gerade das eigene gute Gewissen nicht, aufgrund seiner unendlichen Listen der sich rechtfertigenden Selbstgerechtigkeit, immer schon misstrauisch machen müsste), ist Politik des Prädikats, eine demokratische zu sein, würdig? Wann gebührt ihr das Verdienst, so bezeichnet werden zu dürfen, so dass sie sich selbst gerecht geworden und also gerade nicht selbstgerecht wäre? Und ab welchem Punkt überhaupt macht Würde, die es doch, als inkommensurablen Zweck und unverwertbaren Wert jenseits aller Kriteriologie und Markt- bzw. Kapitallogik generalisierter Äquivalenz,

Der Kapitalismus, in dem oder mit dem, wenn nicht als welcher die Demokratie erschaffen wurde, ist vor allem, in seinem Prinzip, die Wahl einer Bewertungsmethode: der nach der Äquivalenz/Gleichwertigkeit. (50)

…Herrschaft der Kalküle der allgemeinen Äquivalenz und ihrer Aneignung (genannt “Kapitalismus”). (67)

Das Schicksal der Demokratie hängt an einer Veränderung des Paradigmas der Gleichwertigkeit. Eine neue Ungleichwertigkeit einzuführen, die weder die der wirtschaftlichen Beherrschung (deren Grund die Gleichwertigkeit bleibt), die der Feudalismen und Aristokratien, noch die der Regimes göttlicher Erwählung und göttlichen Heils, und auch nicht die der Geistigkeiten, Heroismen oder der Ästhetizismen ist — das ist die Herausforderung. (52)

Praxis[..]: das Herausreißen des Sockels der allgemeinen Äquivalenz selbst und die Infragestellung ihrer falschen Unendlichkeit. (65)

vor allem anderen zu achten gilt, ihrem Namen Ehre und erweist sich auf der Höhe ihrer selbst, wann ist es Achtung ganz Achtung, wirklich bei sich im Vollbegriff angekommen, verdient als wahrhafte Achtung geachtet zu werden? In sich versammeln könnte diese breite Streuung von Fragen danach, wann ein Name seinem Namen entspricht, an sich selbst also gänzlich und ungebrochen teilhat, eine einzige: Wann ist, im Sinne eines regelgerechten Anwendungsfalls des Identitätssatzes oder einer mathematischen Gleichung (und inwiefern ist das dasselbe?), Demokratie Demokratie? Oder erfordert diese nicht den Bruch mit jenen, hin zu einer aporetischen Praxis der inkonsistenten Mengen? Denn in ihr geht es, mitsamt der Probleme von Teilhabe und Zugehörigkeit, mehr als je um die Fragen nach der Möglichkeit eines Glaubens ans stets Schein bleiben müssende Partizip Perfekt, geht es um die sich substantialisierende Hypothese der Eins. Nicht nur, inwiefern Teile an einem, dialektisch, als ungebrochenem Ganzen vorgestellten Zusammenhang teilhaben können, sondern, ob ungebrochene Teilhabe oder -nahme eines jeden Teils an sich selbst denkbar ist, steht zur Diskussion. Ein Wort, das zunächst Erschütterung bedeutete und von discutio (zerschlagen, zersprengen, zerspalten, zerteilen, zertrümmern…) kommt. Es soll diskutiert, d.h. es muss, mit- und urteilend, zerteilt werden. Distinktionen sollten tingieren, auf die Freiheit in ihnen hin freilegen, und die Nötigkeit eines anderen Zählens und Rechnens mit Brüchen hervortreiben.

Doch im Allgemeinen ist es eine Aufgabe der Unterscheidung, mit der uns der demokratische Anspruch konfrontiert.
(Nancy, 49)

Während Jacques Rancière die Gespaltenheit des griechischen politeia-Begriffs in die ihrerseits wohl wieder weitgehend homogen angelegten Dimensionen von Polizei und Politik sondert und aufdröselt, das was gemeinhin unter Politik verhandelt wird, ersterer zurechnet und nur den Augenblick der ereignishaften Unterbrechung herrschaftlicher Ordnungsverhältnisse mitsamt deren auf restlose Verrechenbarkeit — beruhend auf einer falschen Zählung der Teile des Ganzen — getrimmte Aufteilung des Raumes die Dignität des genuin Politischen verleiht, nimmt Jean-Luc Nancy eine andere Unterscheidung vor, mit dem Vorsatz, die Devise “alles ist politisch” auf Distanz zu halten (47). Für ihn fällt Politik vor allem nicht mit Demokratie — und ihrer Wahrheit oder ihrem Sinn, um deren Willen er gar fürs Oxymoron einer “nietzscheanischen Demokratie” plädiert — zusammen, die nicht in einen “Demokratismus” der Unterschiedslosigkeit aufgelöst und mit den Symbolen der Macht ineins gesetzt werden darf. Steht für einen konstitutiven Nicht-Zusammenfall mit, eine Separation vom être-en-commun, das seinerseits wohl als jene nicht in eine repräsentative und dem Identifikationsbegehren Befriedigung verschaffende Figur zu fassende Teilung begriffen werden muss, die er seit Jahren mit dem Namen partage versieht.

Die Politik – von der der demokratisch-sozialistische Traum wollte, dass sie als getrennte Instanz verschwindet und alle Sphären der Existenz durchdringt (der junge Marx drückt sich ungefähr so aus) — kann nur getrennt sein. Nicht getrennt durch das Abseitshalten, das misstrauisch ist gegenüber den “Politikern”, sondern getrennt nach dem Wesen des In-Gemeinschaft-Seins, das darin besteht, sich in keinerlei Gestalt oder Bedeutung hypostasieren zu lassen. (48)

Politik ist mithin nicht mit Demokratie deckungsgleich — Alain Badiou nennt die Demokratie, dort wo sie sich, barbarisch, als Errungenschaft und Gut einer sich überlegenen dünkenden (Bildungs-)Kultur feiert, Fetisch-Signifikant einer Gegenwarts-Pornographie und “heute der Name der Macht, freudianisch ausgedrückt, „der Phallus unserer Gegenwart“ –,

„Das Symbol der gegenwärtigen Zeit, ihr Fetisch, das, was die Macht ohne Abbild mit einem falschen Bild bedeckt, ist das Wort ‚Demokratie‘“. (Badiou, Pornographie der Gegenwart)

sondern stellt Bedingungen für jene, der er ähnlich Derrida einen konstitutiv destitutiven — différantiell verraumzeitlichenden — Sinn abtrotzen kann2, bereit. Öffnet Räume für sie, setzt sie ins Werk, operationalisiert sie. Es muss, gebietet der doppelte Imperativ, Demokratie tätig ins Werk gesetzt, auf die Beine gestellt, organisiert und institutionalisiert werden, um qua politischer Ambition zielgerichtet zu planen und konzeptualisieren, aber es ist umgekehrt ebenso erforderlich – um nicht nolens volens auftretenden Substantialisierungseffekten auf den Leim zu gehen — die Kautele präsent halten, dass diese Bewerkstelligungen nicht mit “der Demokratie” zusammenfallen, die sich selbst in dieser Hinsicht immer inadäquat und in gewissem Sinne unwürdig bleibt. Vielmehr sie gleichzeitig nur und nicht repräsentieren, indem politische Operationen Demokratie in und mit ihren Formen im gleichen Zuge verstellen wie sie ihr Tribut zollen und zu ihrer Preisung errichtet sind. Zur paradoxen Verwaltung und Sicherung ihrer Unabgeschlossenheit.
Dort wo die Teleologie der zielgerichteten Bewerkstelligung sich, zu einem désœuvrement hin, bricht, verkompliziert, teilt und streut, aufschiebt und verzögert — das heißt von allem Anfang an und immer schon — begänne das genuin politische Denken und Handeln unterm Anspruch der Demokratie. Von allem Anfang an wäre die Erfahrung der (Unter-)Brechung allen Anfangens, Gründens, Ziele setzens und Zwecke verfolgens zu gewahren und wahren — als Chance. Politik fängt dort an, wo Politik fehlt und scheitert (anzufangen). Politik entstammt der Trennung (séparation) von sich selbst.

Die Politik entstand aus der Trennung zwischen ihr selbst und einer anderen Ordnung, die heute unser öffentlicher Geist nicht mehr als göttlich, heilig oder inspiriert auffasst, die jedoch um nichts weniger seine Trennung aufrecht erhält (noch einmal, über die Kunst, die Liebe, das Denken…)[Elemente, in denen das Unberechenbare geteilt werden kann, TR] — eine Trennung, die man die Trennung der Wahrheit oder des Sinns bezeichnen könnte, dieses Sins, der außerhalb der Welt ist, wie es Wittgenstein sagt: der Sinn als offenes Außen inmitten der Welt, inmitten von uns als unser gemeinsamer Anteil. (41)

Wenn nunmehr folglich Politik nicht mit Polizei (und damit das, was gemeinhin als Politik bezeichnet wird nicht mit sich selbst: “there is no politics before, after, or outside the politics of politics. Politics begins with this doubling up.” G.Bennington), Demokratie nicht mit Politik zusammen fällt, Demokratie nicht mit Demokratie3 und demos nicht mit demos (der ja immer schon ein Name für das Ganze und für einen Teil dieses Ganzes gleichzeitig war), muss es sich bei dem, woran das Denken in beiden Fällen laboriert, um eine irreduzible Inkonsistenz jedes Zusammen überhaupt, jeder Menge im Sinne der set theory, handeln.

The art of politics is the art of putting the democratic contradiction to positive use: the demos is the union of a centripetal force and a centrifugal force, the living paradox of a political collectivity formed from apolitical individuals. The demos is forever drawing away from itself, dispersing itself in the multiplicity of ecstatic and sporadic pleasures. (Rancière, On the Shores of Politics)

Inkonsistenz, die, näher besehen einerseits inhärente Spaltung und Öffnung, andererseits unversammelbare Streuung,

„Die Faktizität des Volkes aber liegt in der Unversammelbarkeit des Volks zum Volk. Das wirkliche Volk ist das zerstreute. Das versammelte, als Volk versammelte Volk dahingegen,—Fiktion. Wirklich ist die zur Stimme unbestimmbare, fingiert die zur Stimme bestimmte Stimme. Das wirklich versammelte Volk ist ein Oxymoron. Die Stimme, so sehr sie den Schein der einen, zu- oder abstimmenden, ja oder neinsagenden Stimme des einen Volks verbreitet, streut—indem sie bricht—, was sie vorträgt.“ (Thomas Schestag, „Namen nehmen“)

in fortwährendem thaumazein immer wieder auf sie stossend, zu gewahren, unabdingbar erscheint. Ist dadurch gleichwohl die Forderung jeglichen “Zusammens” mit einer fundamentalen Paradoxie und/oder Aporie konfrontiert, ginge es darum, die Doxa, die westliche Zivilisiation dürfe sich einem in sich Inkonsistenten und seinen Darreichungsformen von Paradoxie, Aporie, Widerspruch usw. gegenüber nicht gastfreundlich erweisen, um sich nicht anstecken zu lassen, müsse aus Gründen des als Grund alles Guten gesetzten guten Grunds – dem der diese basale Exklusion gebietende und rechtfertigende Satz vom gleichzeitig auszuschließenenden und sich selbst ausschließenden Widerspruch die Gestalt einer ehernen Satzung verleiht — den Widerspruch immer wieder aus ihrem Territorium ausweisen, als eines der hartnäckigsten Vorurteile bloßgestellt zu sehen. Die Inkonsistenzvermeidungsstragien sind selbst inkonsistent; wo sie in jüngerer Zeit, und ja mit Recht, das als (mitunter sich selbst so bezeichnendes) Identitäres Denken identifizierte verunglimpfen und zu ihm in Opposition gehen, können sie das nur, weil sie in ihrer ganz Ausrichtung dem Identitätspol als Totempfahl Tribut zollen und auf „richtiges“ Denken vereidigen wollen. An ihrem eigenen Masssstab gemessen, zeigte sich beim Versuch einer Autoapplikation, sind die universale Invarianz beanspruchenden Grund-Sätze abendländischer Ontologie, so wie sie traditionell gelesen wurden, nicht zu rechtfertigen, sondern allenfalls aus der postulierten funktionalen Notwendigkeit, dass etwas Ungerechtfertigtes zugrunde liegen muss und damit eine Aporie als Ungrund qua Verstellung freigelegt wird. Es sind Hypothesen, Unterstellungen nicht nur mit der Neigung ihren Charakter von legal fictions naturalisierend zu verleugnen, sondern damit auch ihre Unhaltbarkeit zu invisibilisieren. Freilich: Es gibt Eindeutigkeit, aber immer als die Eindeutigkeit einer Mehr- Viel- und letztlich Un-Eindeutigkeit. Jede Eins gibt es nur als die Eins einer Nicht-Eins. Für eine Theorie und Praxis der Demokratie ist die Tragweite dieser Einsicht etwa in Bezug aufs Zählen und Verrechnen des Verhältnissen von Ganzem und Teilen (Was ist ein Bürger? Was ist eine Wählerstimme? Was ist ein Volk? Wer gehört dazu und zu was überhaupt?) nicht eingrenzbar.

Die Eins und deshalb jede weitere Zahl (mit der problematischen Ausnahme der Null) erweist sich daran, dass sie sich selbst nicht zählen kann, als eine Markierung, die weder dem Begriff der Zahl noch auch dem der Markierung genügt, sofern dieser Begriff Einheit und Existenz postuliert. (Hamacher, Heterautonomien)

Doch zurück zu Nancy: Liegt die Wahrheit der Demokratie — ist sie auch historisch seit ihrer Geburtsstunde dem Kapitalismus und ihr Egalitarismus dessen genereller Äquivalenz im weitesten Sinne koextensiv — im Begehren des Kommunismus (35, 63,89), wie es sich zuletzt in der aus den Enttäuschungen über den “Wiederaufbau” und der alle konstruktive Siegesgewissheit über eine vermeintliche Restitution des demokratischen Instituts konterkarierenden Unsicherheit hervorgegangenen 68er Bewegung aktualisiert hat (17), so ist dieser Kommunismus nicht als eine Hypothese (wiederum Alain Badiou), sondern als banale Gegebenheit (donnée) zu verstehen. Als eine aporetische jedoch, wäre zu ergänzen, apriorische Apo-empi-rie, nicht — oder nur — leugbare Vorfindlichkeit und basales factum brutum: Das schiere, (vor) anfängliche Gemeinsam-Sein als res communis, dessen Zusammenhalt im Abstandnehmen besteht (95), erweist sich zugleich als unendliche Forderung (exigence) und Forderung eines Unendlichen, eines Überstiegs über jeden status quo.

Wenn die Demokratie einen Sinn hat, dann den, über keine an einem anderen Ort und durch einen anderen Antrieb identifizierbare Autorität zu verfügen als die des Begehrens — eines Willens, einer Erwartung, eines Denkens –, in dem sich eine wahre Möglichkeit ausdrückt und wiedererkennt, alle zusammen zu sein, alle und jeder einzelne von allen. (33)

nous donnée premiere. Tout d’abord, nous sommes en commun.

Was aber in dieser alltäglichen Faktizität anfänglich geteilt wird, so ließe sich weiter paraphrasierend variieren, woran alle und jeder teilhaben, was ihnen gemeinsam ist und in Hinsicht worauf sie zusammengehören — vor und jenseits der Relationen bereits etablierter Identitäten — ist das Geteilt-Sein als Zeitwort, nicht Grund, nicht Substanz, nicht (End)zweck. Denn die Archäo-teleologie selbst, der Wille zum Gründen und Ausrichten, ist einer Streuung, einem scheidend-verteilenden Auseinanderstieben ausgesetzt, deren durchaus und primordial gewaltsamem Walten unterworfen. Der Polos der Politik einem Polemos.

Insofern ist Nancys kurze Bemerkung, nichts sei gemeiner, gemeinsamer als der Staub, dem wir geweiht sind und der Todestrieb (63) aufschlußreich: was alle teilen ist eine gewisse Gewalt.

Ein auf diese Art geteiltes Sein geschieht als -schied in Permanenz, ist Partizipation an einem (K)ein- und Ohne-Grund-Sein, enteignete damit das appropriative, autophage esse, die Öko-Logo-Nomie des Seins — im Deutschen substantiviertes maskulines oder sächliches Possesivpronomen: “zu ihm gehörig”, das weniger Besitz- und Eigentumsverhältnisse ontologisiert als Ontologie als Wissenschaft einer auf Eigentumsrecht basierenden Wirtschaft zu präzisieren– primordial. Auf welches Datum könnte der Dativ “ihm” hier verweisen, wenn nicht auf die Teilung (oder Teil-Barkeit) selbst? Soll heissen, eine Art Ur-Teilung, krinein vor allem Urteil, nomos, der bei Nancy partage heisst, wäre bare, brache Allmende und commons: genuine public domain, stets neu urbar machbares bares Un-Ur.
Der wie zwei seiner semantischen Geschwister, Dämon und Zeit der indoeuropäischen Wurzel *da entstammende demos trägt dem Rechnung darin, dass er mit keiner darstellbaren Gestalt oder Form sich zu identifizieren vermag, sondern dem, was alle verfestigte Figuration aufbricht die Durchsetzungsgewalt — kratos — zuspricht. Ungeteilte Souveränität — nach Bataille ist sie: nichts — eignet allein dieser Teilung, diesem *da-Sein. Wodurch jene Demos-Kratie “prinzipieller An-Archie” gleichkommt. Das “gute Leben”, eu zen, und seine Eudämonia (Glück, “das eine etymologische Vermutung an die Lücke, eine Unterbrechung, bindet”4) eher Eschaton und Kairos — Bruch — als Telos, könnte dann als Affirmation und Einwilligung in diese geteilte Teilung gelesen werden: Es ist gut, geteilt, gebrochen, inkonsistent zu sein und diese Teilung allein, die allen/m gemeinsam ist und alle/s verbindet, kann als das Gute erfahren werden.5

Tatsächlich muss man sagen, dass die Demokratie ihrem Wesen nach etwas von einer Anarchie impliziert, die man fast [als] prinzipiell bezeichnen könnte, wenn man sich eben diese contraditico in adjecto erlauben könnte. (S.85)

Man kann und muss wohl sogar es (sich) erlauben, weil besagte demokratische An-Archie präzise mit der kontradiktorischen (da zugleich unabdingbaren und unerfüllbaren) Forderungen zusammen hängt, die Kontradiktion weder in ein Außerhalb der Grenzen eines von ihr zu verschonenden Innen auszuweisen noch zwar im Herzen zu belassen, aber zu verdrängen (was auf gewisse Art dasselbe ist), sondern sie als konstitutive dekonstitutive Kontradiktion in ihrer (In)Dignität zu achten. Doch auch kontradiktorische Anarchie will, das ist eine weitere Kontradiktion, als solche, verwaltet und organisiert sein, um Anarchie sein und bleiben zu können.

Allem voran scheint es, aus guten Gründen, erforderlich, die Wahrheit der Demokratie in ihrer (und als ihre) Unbegründetheit zu wahren und bewähren; wo sie sich in guten Gründen selbst zu sichern und zu versichern, im Logos zu sammeln trachtet, sich mit dieser Begründungsgründung gar identisch wähnt, ist sie jedoch diesem Dispersions-Desiderat bereits ausgewichen.

Die Demokratie ist zuerst das Andere der Theokratie. Das heißt auch, dass sie das Andere des gegebenen Rechts ist. Sie muss das Recht erfinden. Sie muss sich selbst erfinden. Im Gegensatz zu den frommen Bildern, die wir (und aus gutem Grund…) geliebt haben, uns von der athenischen Demokratie zu machen, zeigt uns die Geschichte, wie sie von Anfang an und immer beunruhigt war über sich selbst und bestrebt, sich neu zu erfinden. Die Ganze Geschichte mit Sokrates und Platon findet in diesem Kontext statt als die Suche nach einer Logokratie, die den Schwächen der Demokratie ein Ende setzen soll. Diese Suche wurde im Grunde bis heute fortgesetzt, über viele Veränderungen, deren wichtigste der Versuch war, mit dem Staat und die Souveränität eine entschieden autonome Gründung des öffentlichen Rechts zu etablieren.

Indem die moderne Demokratie die Souveränität auf das Volk übertrug, legte sie das an den Tag, was durch Anschein des “göttlichen Rechts” der Monarchie (zumindest der französischen noch (schlecht) verborgen wurde, nämlich dass die Souveränität weder im logos noch im mythos gegründet ist. Von Geburt an weiß sich die Demokratie als unbegründet.

Was nunmehr aber eigentlich zu wahren und gewahren wäre, ist dann wohl doch weder Grund noch Unbegründetes, sondern beider aporetisches, einander beinhaltendes und ausschließendes Zugleich. Demokratie=Aporokratie?Nach Nancy geht es darum, sich mit der Betreuung einer Öffnung zu betrauen, sie in Pflege zu nehmen (könnte das nicht auch eine der Definitionen von Kultur sein?) und für sie Sorge zu tragen: der Öffnung des Unendlichen:

Sich der Öffnung anzunehmen bedeutet, die endliche Einschreibung, die endliche Einschreibung des Unendlichen zu ermöglichen. Aus dieser grundlegenden Wahl — man muss wiederholen, dass sie die Wahl einer ganzen Zivilisation ist — folgt die unvermeidliche Aufhebung (I’annulation inévitable) der allgemeinen Äquivalenz, die das perpetuierte Unbestimmte ist, anstatt des eingeschriebenen Unendlichen; die Gleichgültigkeit anstatt der bejahenden Differenz (la différence affirmative), die Toleranz anstatt der Konfrontation, das Grau anstatt der Farben. (65)

*

Vielleicht könnte dort, wo Demokratie zunächst nicht vornehmlich und ausschließlich mehr — heute ist ihre Majoritätsmetaphysik (als mehrheitsprinzipielle Macht der größeren Zahl über die kleinere, Majestät der Majorität) immer noch genuin logozentrisch in merkwürdiger Koinzidenz von merito-, experto- und epistemokratischer Oligarchie und Ochlokratie verankert —

Für die Expertenherrschaft gilt, dass sie wohl unvermeidlich im Hintergrund der Mehrheitsdemokratie steht und stumm mitentscheidet. […] Überspitzt gesagt, ist das Mehrheitsprinzip unser Glaube, die Herrschaft der Experten indessen die Wirklichkeit. (Manfred Schneider, Was heisst „Die Mehrheit entscheidet“?, in: Vismann/Weitin (Hrsg.): Urteilen / Entscheiden, S. 156)

als jurido- humanistischer Gelehrten- und Expertenrepublikanismus aus dem Geiste einer konsensorientierten, argumentativ-kommunikationsrationalen Debattenkultur, mit zwingender Geringschätzung jener Ausdrucksweisen und Sprachen, die sich den für eherne Naturgesetze ausgegebenen Diskursstandards und ihren Missionaren verweigern, verstanden wird, sondern vom kratein dieses dämonisch-hieratischen “Demotischen” und ihrer krisis, Ur-Teilungskraft ganz anderer Art, her, eine Zone der Unschlüssigkeit für die gefährlichen Vielleichts und die unverbrüchliche Solidarität mit dem Jein auftun und ausweiten lassen. In solchen, fürs Politische selbst sich ausgebenden Debatten, agonalen wie kompetitiv-konkurrenzkapitalistischen battles, stünde vor allem und zunächst die souveräne Ungeteiltheit der Kombattanden zur Diskussion, d.h. zur Zerteilung; zur Freilegung ihrer Uneinigkeit mit sich, die vom Zwang zur polemisch zuspitzenden Positionierung stets unterdrückt und verleugnet werden muss.
Ausgehend von der Erfahrung des Teilens (sharing) und Mit- und Verteilens des Teilens (division, distribution) einer, als solche, in keinem Parlament und seinem normierten Parlando repräsentier- und -versammelbaren Dispersion (=Unversammelbarkeit), sowie gleichzeitig und damit einhergehend, der Ausbildung einer Aporetizitäts-Achtung (angefangen mit dem Fundamentalparadox der Zahl und des Zählens, das aufs Setzen von Ein(s)heiten setzt, die nicht eins sind) ergäbe sich eine dezidierte Neukalibrierung und Sensibilisierung, eben Achtsamkeit: vielleicht in Richtung jener Umbewertung des Wertes unter Herausziehung des Sockels der allgemeinen Äquivalenz, wie sie Nancy vorzuschweben scheint. Dafür nämlich, dass — ähnlich wie nach Kafka und invers dazu, ein Recht, was nicht mehr ausgeübt, sondern nur noch studiert wird, die Pforte zur Gerechtigkeit bildet — Demokratie sich dort, wo sie am ostentativsten und plakativsten sich als solche ausstellt und feiert, noch am wenigstens statt hat. Während im Lesen und Schreiben (letzteres immer schon testamentarische Hinterlassenschaft einer bestimmten Lesart) — vor aller standardisierten Alphabetisierung, im weitesten Sinn als die tastende (Be)(ob)Achtung und Be-Merkung von Malen und Marken verstanden: intentionaler Attentionalität, spurenhinterlassendem Spüren — sich etwas zu- und austragen kann, was ihr und ihrem Paradox, an ihm parasitierend, immer schon recht nahe kommt: Sprache überhaupt in ihrem weitesten Sinn, sowie allen ihren noch so unscheinbaren, das Wesentlichste trotz rückhaltloser Verausgabung wesentlich aufsparenden Spuren und Sporen. Nicht nur der Kommunismus ist die Wahrheit dieser demokritisch-diakritischen Demokratie — insofern, hier, Zusammensein als eine Aus-ein-ander-Setzung erfahren wird, angesichts welcher der dem anderen seine Inkonsistenz austreiben wollende Disput der Debattierclub-Kultur agonal versportlichter Intelligenzen ein grotesk vergröbertes Zerrbild abgibt, wo doch der/das Andere in gewissem Sinne mit dieser Inkonsistenz zusammenfällt, ihre erfolgreiche Ausmerzung das Ende des Anderen als Anderen bedeutete –, auch ein spezifischer Materialismus geht ihr einher: der einer ergründenden Anontologie völliger Grundlosigkeit des Unzähligen. Matter as scatter, als Stoff einer a-atomistischen “Demokritie” zugrunde legen6, heisst in den brachen, unberechenbaren Brechungen und Brechungen der Brechungen das Allem gemeinsame geteilte Fundament erkennen. Und die Streuung in jeder relativen Sammlung affirmierend, in ihrer jeweils singulären (In)dignität achten. Würde, in diesem Sinne des inkommensurablen, inkalkulablen, keiner Komparatistik zugänglichen absoluten (Un)Werts, meinte den schrägen, unverwechselbaren, je spezifischen idiosynkratischen Nicht-Zusammenfall jeglichen Selbst, als solches bereits multitudo dissoluta, mit sich selbst. Eine „Oddness“, mit der zu rechnen gelernt sein will.

Die Theorie radikaler Demokratie hat es mit „Gegenständen“ zu tun, die nicht mehr als eins oder mehr als viele, sondern anders als eins und anders als viele sind — und die also anders als sind. Ihr ontologischer Status determiniert und indeterminiert sich nach einem jeweils anderen, anontologischen. (Hamacher)

Tillmann Reik

1in: Gewalt Verstehen. Herausgegeben von Burkhard Liebsch und Dagmar Mensink, Berlin: Akademie Verlag 2003, S. 157-201.

2Derridas ateleologischer Messianismus ohne Messias, einer strukturellen Messianizität also des à venir, lässt die Demokratie weder von einer konstitutiven noch regulativen Idee ausrichten, sondern stellt ihre dekonstruktive Unbedingtheit unters Wappen unendlicher Hospitalität für den/das Andere(n), der/das, ereignishaft und mitunter uneingeladen hereinbrechend, kommt.

3So etwa auch Bennington: ‘Democracy’ (as could easily be shown not only in Aristotle, but also in Hobbes or Spinoza or Rousseau) would name both what opens politics (in all senses of the

verb) and (qua regime name) one way among others of mastering or managing that opening.”

4vgl. Thomas Schestag, Parerga, S.222 Und: “Lücke aber – einer etymologischen Vermutung zufolge – entspringt dem selben Grund wie Glück. Im Innewerden der Teilbarkeit des Eigennamens, wie des Trägers, fällt jenes Glück, ohne Maß, unscheinbar, leis, zu. Es teilt, indem es trifft, den Schein der Trägerschaft, und den an sie geknüpften Glauben, einen Namen – Eigennamen – zu tragen, ihn auszusagen oder zu verschweigen. Das Glück, die beiden Verse deuten das an, ist weder, noch auch zu tragen, sondern: aber schwerer das Glük. Je schwerwiegender und gewichtiger es zufällt, desto uneindeutbarer zur Form und zum

Ermeßbaren, desto einfacher und uneinsammelbarer trifft es. Je schwerer das Zufallende, desto unmeßbarer. Das Gewichtigste hat kein Gewicht. Das Glück, wo es trifft, entsetzt. Es teilt den Schein der Maßgabe, unannehmbar genau. Indem es trifft aber, reißt es in dem, was es

trifft, das Vermögen an, treffen zu lernen: was – und sei es kaum –gegeben scheint, anders zu nehmen.” derselbe, Para, S.9-10

5In diesem Sinne lässt sich auch die Anverwandlung eines suum cuique Gedankens durch den späten Hölderlin der Homburger Foliohefte lesen: “Ein anderes freilich ists, / (…) Unterschiedenes ist / (…) gut. Ein jeder / (…) und es hat / Ein jeder das Seine.”

6Zu “matter thought as scatter” vgl. G. Bennington, The Democricy to Come, : Oxford Literary Review, Volume 39 Issue 1, Page 116-134

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