Alain Badiou: Theorie des Subjekts

Alains Elan

Denken und Sein sind also zwar unterschieden, aber zugleich in Einheit miteinander. (Karl Marx, Ökononomisch-philosophische Manuskripte, MEW 40, S.536, bei Badiou S.250)

Man muss hier in aller Deutlichkeit sagen, dass die Konsistenz inkonsistent ist (Badiou, S.302)

Definiert Alain Badiou in seiner aus Seminaren der 70er Jahre zusammengestellten frühen Publikation „Theorie des Subjekts“ (im Original 1982 erschienen) den Materialismus als eine wütende „Philosophie des Angriffs“, seiner inneren Verfassung nach „niemals pazifiziert“, mit „Mut zur Vereinfachung“ und „böswilliger Polemik“, durch die sich das subtile Denken angewidert fühle, durch die sich aber ebenso die Emergenz der Kraft im Begriff bezeuge[1], so ist man geneigt, darin mehr als bloß laue Sympathie zum Genannten, nämlich vielmehr Reaffirmation des derart Charakterisierten, wenn nicht Beschreibung seines eigenen, oft harschen performativen Vorgehens zu erkennen. Wie überhaupt in der, scheint´s trotzigen, aber dadurch einer neuen Bejahung fröhlicher Wissenschaft, die sich nicht aus der Verneinung der Verneinung gewinnen lässt, den Weg bahnenden Identifikation mit dem vom postmodernen Diskurs verstoßenen alteuropäischen Erbe (wie vor allem der platonischen Ontologie) ein pueriler Nonkonformismus der besonderen Sorte liegen mag: Solidarität mit dem vom dominanten Diskurs zu voreilig Geschmähten.

Die überstürzte Gleichung: „Ontologie ist Mathematik“ und diese sei wiederum Lehre vom Mannigfaltigen, wie aus „Das Sein und das Ereignis“ bekannt, gehört in die Reihe jener provokativen, posen- und possenhaften Gegen-Subtilitäten Badious mit dem Anstrich unredlicher Simplifikation, deren Vorläufer man bereits, zusammen mit einem post-althusserianischen Marxismus (der hier noch unverblümter zum Maoismus sich bekennt) in Kollaboration mit Lacan in jenem frühen Werk findet.

Genau besehen allerdings wird deutlich, wie die Parteinahme dieses Voluntarismus, ein Dezisionismus auf der Spur des Ereignisses („Was ist von einer Theorie des Subjekts zu erwarten, als dass sie das Geheimnis der Entscheidung ein wenig erhellt“ (230), beschaffen ist: nicht so sehr gilt sie dem einen wider das andere, sondern nistet sich zwischen den Stühlen ein. Im Bereich eines Weder-noch oder Sowohl-als-auch, das im statischen Plazierungsraum keine Repräsentanz für sich verbuchen kann und später der Ausarbeitung des Ereignisbegriffs dient. Der hier noch einem, gleichsam als Wahrheitsprozeduren-Effekt verstandenem, aller Substanz ledigen, jedoch materiellen, materialistischen “Subjekt“ zukommt, das dann, immer bereits politisch, einer revolutionären Masse, einem unverortbaren Proletariat entsprechen kann.

Das Subjekt, wenn ein solcher Effekt existiert, ist, wie alles, was ist, materiell. Es ist also erfassbar als Spiegelung und Asymptote, als Algebra und als Topologie. (309)

Wenn man der Algebra zuviel einräumt, gibt es für den Unort keinen Ort und für die Unzeit keine Zeit mehr. (321)

Mathematik – in der dialektischen Intersektion von Platzierungsraum und heterogener Kraft als Überschuß; von Algebra, einem kalkulatorischen Denken der Identität qua Reflexionslogik, das sich auf die diskreten, homogenen Elemente einer Menge bezieht und Topologie, dem asymptotischen Rest als Störung, die Teile einer Menge, in ihrer mehrfachen Inklusion alle einfache Zugehörigkeit übersteigend, durch Bezug auf Nachbarschaftsverhältnisse des-identifiziert und kompliziert und unter nunmehr letzterer Primat (die Mengenlehre von Cantor bis Cohen kommt hier ins Spiel) – findet bei Badiou eine durchweg katachrestische, abusive Verwendung, ist selbst metabasis eis allo genos, sobald sie als „Metapher“ in Gebrauch genommen wird, um Fragen nach dem, was Zugehörigkeit und Partizipation heißen kann zu verhandeln, die sich in ihrem Kern als genuin politische erweisen. Es ist im Grunde die Frage, wie mit dem Seinenden in seiner Mannigfaltigkeit zu rechnen sei, in Anbetracht seiner Unberechenbarkeit:

Wenn ich das Vokabular der Mathematiker metaphorisch anwende, riskiere ich es, mich ihrer Verdammung auszusetzen, ebenso wie ich mich bei den Philosophen verdächtig mache, wenn ich darauf verzichte, meine Lehnworte im Licht der reinen Wissenschaft erglänzen zu lassen.
Dieser doppelte Pfad der Interpretation ist der meine. (269)

Durch die Treue zum Doppelten, heraklitischen, sich weiter spaltenden Einen (welches, im Gegenzug zu seinem Revers, einer Zwei, die zur Eins verschmilzt, für Badiou zum Inbegriff einer materialistischen Dialektik gerinnt) gewinnt diese militante und in ihrem Aufwand komplizierte Vereinfachungskunst (dennoch in ihren Resultaten gerade ein gewaltiges Es-kompliziert-machen) ihre Raffinesse und beweist sich an innovativen Lektüren von Lacan (dem schlagend nachgewiesen wird, inwiefern seine Topologie dem algebraischen struktural-symbolischen Denken verhaftet bleibt), Hegel und Marx, aber auch Mallarmée, Sophokles, Aischylos und Lukrez. Das „Eine“ allerdings muss dabei in jedem Fall sorgsam vom „Ganzen“ separiert werden:

„Das Eine vom Ganzen zu unterscheiden: eine einfach und äußerst anspruchsvolle Aufgabe. Merken Sie sich, dass in dieser Kluft die ganze Frage des Sujekts liegt.“

„Ein Ganzes ist immer der Tod des Einen.“ (86)

„Nur, was einem Ganzen fehlt, kann ihm Konsistenz geben.“(94)

Demgemäß handelt es sich um eine Subjektivierung, deren generische Formen dialektisch als die Angst — Blockade angesichts eines Zuviel an Realem — und der Mut — eine Antizipation, die aufs Eintreten eines Künftigen vertraut — bestimmt werden (328), und die niemals schlicht in der Ausführung eines Algorithmus besteht, sondern dessen Unterbrechung markiert: „das Auftreten der Kraft zerbricht das Gesetz, dem sie verdankt, an ihrem Platz zu existieren.“ (326) Und einen „subjektiven Prozess“ (von der Subjektivierung unterschieden, der die Neukomposition angesichts der durch die Subjektivierung erfolgten Zerstörung benennt.) mit sich bringt. Das Subjekt als solches, nicht mehr, wie das klassische, etwas (Zentrum oder Substanz), wovon ausgegangen werden kann, „ist dem Bewußtsein niemals gegeben und muss gefunden werden“ (352); z.B. im Marxschen Proletariat, im Freudschen Unbewußten oder im lacaniaschen und mathematischen Modell der Torsion:

„Die Torsion ist für die Algebra der Rand. Sie ist pervers, sie ist Subjekt.“ S. 204

Nachgespürt wird verschiedenartigsten „Figuren“ dessen, was als der „schwindende Term“, der „Schleuser“ auftaucht und die Abweichung markiert, die im Homogenen aus der Bahn wirft und damit erst ein Geschehen anstößt:

„Wohin geht die blitzartige und irreparable Devianz, aus der jede Ordnung sich herstellt?“ (S.1100)

In einer Nachstellung der atomistischen Ur-Konstellation des Lukrez (und im demokritischen Atomismus, über den Marx promovierte, findet wohl jeder Materialismus seine Wurzeln) stellt sich folgende Problemlage dar: Hier die Leere, dort die ihrerseits parallel angeordneten Atome, einander gegenüber, ein stabiles Gefüge aus einer starken Differenz in der schlichtweg nichts passiert. Doch, dann, ex abrupto, der Unfall, die Imbalance als Clinamen:

„Ein Atom ist vom Weg abgekommen, die Welt kann geschehen. Die plötzliche Abweichung einer Bahn zerbricht die identische Bewegung der Atome und produziert eine Kollision von Partikeln, aus der schließlich eine kombinierte Mannigfaltigkeit entsteht, ein Ding, das hinreicht, eine Welt zu bilden.“

Wie aber kann die hereinbrechende Plötzlichkeit dieser Abweichung auftreten, wenn nicht derart, dass sie im vermeintlich Regelkonformen immer schon sich „präsent“ hält?

„Die Devianz, obwohl in dem Sinn verschwunden, dass kein Atom sie in der realen Welt besonders trägt, ist in Wirklichkeit in jeder Verbindung von Atomen omnipräsent.“

Badious postcartesischer Subjekt-Effekt-Diskurs in Gestalt kühner Übertragungen komplexer mathematischer Operationen, Formalisierungen und Diagramme, auf die Probleme von Arbeitern und Einwanderern, zeugt in der Tat von einer Angriffslust und einem Furor — weniger aus Verbissenheit, als aus freudvollem Elan stammend –, der dem von ihm beschriebenen aus der Angst erwachsenen Mut sehr genau zu entsprechen scheint. (Verkörpere die Angst eine Frage ohne Antwort, damit Blockade und Verengung, so öffne der Mut, als Antwort ohne Frage, dafür, vertrauensvoll sich einzulassen.) Er zeugt vom, seiner „Denkpolitik“ und ihrem Wahrheitsbegriff immanenten von bloßem Glauben (croyance) in einen beweisbaren Sachverhalt abgesetzten Vertrauen[2], einer confiance, in die die ethischen Erwägungen am Ende des Buches einmünden.

Der Grundbegriff der Ethik des Marxismus ist das Vertrauen. (392)

Das Wesen des Vertrauens ist, Vertrauen ins Vertrauen zu haben. (409)

…so gibt es nur eine Weise des Aufgebens, und die ist, das Vertrauen zu verlieren. (405)

Vertrauen darauf, dass, wenn im Gehen gedacht werde („Der Sieg gehört dem, der es auf sich nimmt, im Gehen zu denken“), in notwendiger Überstürzung und Vorwegnahme, das unüberwindliche Warten suspendierend, sich das Ereignis, unterwegs, schon zeitige. An vielen verblüffend eindrucksvollen Stellen ist man bereit, ihm auf diesem, für manchen Geschmack in seinem Schritt etwas zu unerschrocken forschen Marsch durch unwegsames Terrain zu folgen.

„In der Tat ist das Wesen der Politik das Abwarten. Einerseits ist das Abwarten unüberwindlich. Aber wenn Lenin sagt, dass der Aufstand eine Kunst ist, will er auch sagen, dass es das Wesen der Politik vergewaltig.“

Tillmann Reik

Zur Verlagsseite des Buches

 

[1]Alain Badiou: Theorie des Subjekts. Diaphanes Verlag 2014. S. 241. Alle weiteren Zitate ebenda.

[2] Badiou nimmt damit eine ähnliche Scheidung vor wie Jean-Luc Nancy, der zwischen foi und croyance einen heuristischen Hiatus einzieht. Im Paulus-Buch Badious heißt es: „[…] aber der Glaube oder die fides oder das, was man unter dem Wort πίστις versteht, ist ja das ganze Problem des Paulus“. (Paulus. Die Begründung des Universalismus, Zürich/Berlin 2002, S.12). Ein Glaube nicht in Menschenweisheit, sondern in Gottes Kraft (1. Kor. 2, 1-4), „Triumph der Bejahung über die Verneinung.“ (ebenda, S.134) „Für Paulus ist es dagegen eben das Fehlen von Beweisen, welches den für das christliche Subjekt konstitutiven Glauben erzwingt.“ Die Figur einer dem Vertrauen ins Vertrauen ähnlichen Autoreferentialität findet sich auch dort in Gestalt einer Treue zur Treue, als welche die Hoffnung definiert wird: „Die Hoffnung ist Subjektivität einer siegreichen Treue, ist Treue zur Treue, nicht die Vorstellung ihres künftigen Ergebnisses.“ (S.177)

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