Stanley Cavell: Die Sinne von Walden

Cover.htmlDas Walten von Waldos Wilder Waldwelt, Thoreaus Theorie und Heideggers Hütte

Near the end of March, 1845, I borrowed an axe and went down to the woods by Walden Pond, nearest to where I intended to build my house, and began to cut down some tall, arrowy white pines, still in their youth, for timber.

When first I took up my abode in the woods, that is, began to spend my nights as well as days there, which, by accident, was on Independence Day, or the Fourth of July, 1845

(Warnung: Der folgende Text läuft häufiger Gefahr und erliegt ihr wohl auch zuletzt, das Buch, von dem er ausgeht, zu verfehlen oder sich von ihm verfehlen zu lassen. Somit kann er in die Irre führen.)

Thoreau, thorough

Amos Bronson Alcott and Thoreau’s aunt each wrote that „Thoreau“ is pronounced like the word „thorough“ (pronounced THUR-oh/ˈθʌr/—in General American,but more precisely THOR-oh/ˈθɔːr/—in 19th-century New England). (wikipedia)

1845 baute sich Henry David Thoreau, Sohn eines Bleistiftfabrikanten, 28-jährig, ein, nach eigenen Worten, „thoroughbred business man“, seine Blockhütte, bezog sie, „by accident“, genau am amerikanischen Unabhängigkeitstag, um, mit Unterbrechungen, zwei Jahre, zwei Monate und zwei Tage an selbigem Ort zu verweilen.
Die verstörend überüppige Darstellung, die er späterhin (1854), sieben Jahre in acht Fassungen über- und umgearbeitet, zwei Jahre auf eines raffend, davon publiziert und Walden; or, Life in the Woods betitelt, will (Nach-)Erzählung (recount), oder gar Roman, weit weniger sein als penibel buchhalterischer Rechenschaftsbericht (account). Er spricht von „portions“. Eine inhomogene Mischung aus eindringlichen Naturbeobachtungen, Poesie, philosophischer Reflexion und Gesellschaftskritik, welche sprachlich die überkommenen Regularien wie Lexik, Grammatik, Syntax in ihren Notationen mit peinlicher Akkuratesse und „Extasen der Exaktheit“ (Cavell) neu ordnet und Wörter in ihren etymologischen Tiefen und Bezügen zueinander kalkuliert austariert. Einzig zusammengehalten wird alles durch den, oft losen, Bezug zum nahegelegenen Waldsee und die Ordnung nach dem Gang der Jahreszeiten. Nichts scheint indes, näher besehen, in dieser eklektischen, metaphern- und wortspielreichen Wildnis, gleichermaßen wohlgeordnet und wüst chaotisch, nur so dahingesagt.
„Was bedeutet es, der Leser eines solchen Schriftstellers zu sein?/What will it mean to be the reader of such a writer?“, welcher den Leser als Fremden und Lesen als „eine weitere Metapher des Schreibens selbst“setzt?

Den Text sorgfältig zu lesen heißt, seine Berechnungen einzuschätzen, seine Sätze gegen den Strich zu lesen, die Ableitung seiner Worte zu überprüfen. Da jedes Zeichen zählt, besteht die Aufgabe darin, der Reihe nach auf jedes einzelne zurückzukommen wie zu einer Schlussfolgerung. Eine Tiefenlektüre ist nicht von der Art, dass man absinkt von der Oberfläche der Worte. Worte umfluten uns schon immer. Sie ist von er Art, dass man von einem gegebenen Wort ausgeht als von einem Herkunftsort, man geht in die Tiefe der Wälder. Verstehen ist eine Sache der Orientierung, von Einflüssen, der Fähigkeit, sich an einen Kurs zu halten und auf natürlichem Weg von jedem Punkt aus zu jedem anderen zu gelangen. Die Tiefen des Buches sind nichts von seinen Oberflächen Getrenntes. (To read the text accurately is to assess its computations, to check its sentences against our convictions, to prove the derivation of its words. Since every mark counts, the task is to arrive in turn at each of them, as at conclusions. A deep reading is not one in which you sink away from the surface of the words. Words already engulf us. It is one in which you depart from a given word as from a point of origin; you go deep as into woods. Understanding is a matter of orientation, of bearings, of the ability to keep to a course and to move in natural paths from any point to any other. The depths of the book are nothing apart from its surfaces. (Cavell; zur Problematik der Übersetzung, siehe unten.)

Drinnen im Draußen – Outwardness

I, a descendant of Northmen who worshipped Thor, spend my time worshipping neither Thor nor Christ (Journal of Henry David Thoreau (1817-1862), May 3, 1857)

„…wälder wird seit Opitz nach lat. sylvae für schriften, namentlich gedichte, vermischten inhalts gebraucht. (Deutsches Wörterbuch von J. und G. Grimm)

Paradoxale Unauflösbarkeiten, Aporien, Holzwege, unentwirrbares Gestrüpp allenthalben charakterisieren gleichwohl diese polystilistisch vom Hölzchen aufs Stöckchen kommende Schrift, die sich selbst zur Heiligen, zur als Offenbarung zu empfangender scripture sakralisiert und gleichzeitig zum Heldenepos einer Nation stilisiert. Tiefes rein und hinab („down to the woods“) ins Draußen (in das er sich „einsperrt“) und dafür in zivilem Ungehorsam raus aus dem Drinnen gesellschaftlicher und Selbst-Versklavung („It is hard to have a Southern overseer; it is worse to have a Northern one; but worst of all when you are the slave-driver of yourself“) sind die gegenstrebigen Unabhängigkeits-Bewegungen, die topologisch ihren Gang bestimmen. Das Finden eines (Sich) Verlierens/Verirrens, bildet eine weitere:

“Not till we are lost, in other words not till we have lost the world, do we begin to find ourselves, and realize where we are and the infinite extent of our relations.”

Sodann besteht das entschlossene, separatistische Projekt darin, ein isoliertes Areal getrennt von Anderen (doch in deren Nähe), und letztlich auch mit Abstand zu sich selbst, außerhalb und als Ausnahme, weniger nomadisch zu durchkreuzen als, häuslicher, sedentär zu besetzen und -sitzen, um dergestalt dem von „stiller Verzweiflung“ bestimmten Konformismus zu entkommen.

„[…]to explore the private sea, the Atlantic and Pacific Ocean of one’s being alone.“

Wohnstatt, Bleibe gilt es, über Locke und Hobbes hinaus, aus der Fähigkeit heraus, sich als zeitweiliger Gast (sojourner) einem Ort zu überlassen von dem aus man aufbrechen, den man verlassenkann, zu verstehen.(„Wherever I sat, there I might live, and the landscape radiated from me accordingly. What is a house but a sedes, a seat?-) Das Desiderat besteht somit in einer spartanischen Residenz, Armut in Form elaborierter Simplizität, welche den wahren Reichtum der Lebensfülle zu Tage fördern hilft.

Simplicity, simplicity, simplicity!

In proportion as he simplifies his life, the laws of the universe will appear less complex, and solitude
will not be solitude, nor poverty poverty, nor weakness weakness

Gesucht wird das Findenlernen, von unstillbarem Heimweh nach dem Verlorenen und nie Besessenen getrieben, ein neuer Sitz, aber auch eine reformierte Standhaftigkeit und Haltung; ein habitus und ethos, eine Weise der Domestikation und Verhäuslichung, die Wildheit, Umtriebigkeit nicht auszumerzen trachtet, sondern, unter Berufung auf das Motiv der Mauser oder Häutung (moulting), gerade neu zu erwecken hilft.

Durch die Natur hindurch ist die Natur zu überwinden. Durch Worte hindurch sind Worte zu überwinden.

Folglich gilt es auf der Hut zu sein vor der, selbst simplen Hütten („Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ hatte Georg Büchner elf Jahre zuvor ausgerufen) immanenten Gewalt und doch die Begründbarkeit und Auslotbarkeit einer wesentlich grundlosen, fremden und von Fremden (aber in ihrer Distanz einander Naheseienden) bewohnten Welt nicht verleugnen. Neben sich und den anderen stehen, nahe bei, wie der Nachbar und „gegenseitige[r] Obhut“ anheimgegeben, dazu bedarf es zunächst der Trennung, des Zwischenraums.

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Concord, conquered
Physis ist das aufgehende Walten, das In-sich-dastehen, ist Ständigkeit“ (Heidegger)

Im Gehölz von Wald und Forst sich vorfinden, d.h. im Draußen sein gibt diesem Begehren ein Modell vor. (Forst, forest, vielleicht, forse, wie der Fremde, the foreigner, von lat. foris, draußen sich herschreibend.) Es stellt ein u- und atopisches Begehren dar, dem die deutsche Romantik am ehesten durch ihr dunkles Sehnen nach „Waldeinsamkeit“ Ausdruck meinte verleihen zu können. In Tiecks Kunstmärchen Der Blonde Eckbert taucht der Ausdruck erstmals, von einem in Gedichtform sprechenden Vogel eingeführt, auf; Eichendorff sodann räumt Wort und Motiv im gesamten Lyrik und Prosaschaffen zentralen Rang ein. Wenngleich nun einer, der den Zweitnamen Waldo trug und mit Walden Pond ein Waldstück mit See besaß, die „Waldeinsamkeit“ als unübersetzen Germanismus in die amerikanische Lyrik importieren sollte, unbeschadet hervorgehen würde er, der Term und Topos, indes aus dem Transfer über den Atlantik nicht. (vgl. hierzu etwa Patrick Labriola: Von Jena nach Concord: der Geist der Romantik in Deutschland und Amerika.)

Waldeinsamkeit

I do not count the hours I spend
In wandering by the sea;
The forest is my loyal friend,
Like God it useth me.

[…]

Denn das was Ralph Waldo Emerson (mit dem Spitznamen „Concord Sage“, der seine Ausbrüche auf Spaziergänge mit schlußendlicher Rückkehr in zivilisiertere Gefilde beschränkte) und weit radikaler sein Freund Thoreau, dem Emerson den Grund und Boden für sein Umsiedlungsprojekt stellte, aus diesem Topos und Tropos existenz-experimentell kreieren würden, war etwas anderes als die kontinentale Spielart der Romantik poetisch vorentwickelt hatte. Zum Wald kam ein Teich, Tümpel, Weiher, dem zusätzlich auf den Grund zu gehen ist. Im Walten Walden Ponds nahe Concord (Massachusetts), am Rand des Großraums Boston — dem, nach Henry James, der Emerson und Thoreau mit Goethe und Schiller verglich: „American Weimar“ — verschob sich der, sich u.a. auf Kant, Schelling und Colerdidge beziehende, neoidealistische Tranzendentalismus hin zum Pragmatischen, zum experimentell lebensphilosophischen, mit allen Beimengengungen, die später für eine genuin amerikanische Literatur und Philosophie bezeichnend sein würden.

Die Hinwendung zum Ordinären, Alltäglichen, zum Lebensvollzug lief allerdings nicht auf eine vollständige Entleerung des kargen, endlichen Dasein von allen es tranzendierenden Eigenschaften hinaus. Sondern das Mystische und, im romantischen Sinne, Unendliche selbst galt es in profaner Praxis erspüren zu lernen. Zen in der Kunst des Bogenschießens oder eben (für Thoreau, der sich der Bhagavad Gita verpflichtet fühlte): Schreiben als pflügen, eggen und säen, et vice versa. In achtsamer Ausübung präsentieren sich alle als Berufung erfahrenen Tätigkeiten in ihrer Isomorphie. Ineinander übersetzbar. („Alle Berufung — was der Schreibende (und mehr oder weniger jeder) unter einem „Feld“ der Handlung oder Arbeit versteht– ist isomorph. Daher sind das Bauen eines Hauses und das Hacken und Schreiben und Lesen (und wir könnten hinzufügen, das Gehen und das Vorbereiten des Essens, das Empfangen von Besuchern, das Spenden für wohltätige Zwecke, das Einhämmern eines Nagels und das Vermessen des Eises) einander Allegorie und Maßstab. Einzig und allein das wahre Bauen ist erbaulich. Einzig und allein erbauliche Handlungen sind geeignet für eine menschliche Behausung.“)

Like Walden, the Bhagavad Gila is a scripture in eighteen parts; it begins with its hero in despair at the action before him; and it ends with his understanding and achieving of resolution, in particular his understanding of the doctrine (in which the image of the field and the knower of the field is central) that the way of knowledge and the way of work are one and the same, which permits him to take up the action it is his to perform and lead his army against an army of his kindred.

Ordinary Language

In Hinblick auf diese intrikate Gemengelage lässt sich, und diesen Versuch unternahm Stanley Cavell 1972 mit seinen Senses of Walden, die jetzt, lang erwartet, in deutscher Übersetzung von Klaus Bonn bei Matthes&Seitz vorliegen, Henry David Thoreaus labyrintisches, rhapsodisches, stilistisch inhomogenes und „zuweilen […] ungeheuerlich langes und langweiliges“ Buch als eine Erneuerung fordernde Inauguralschrift in systematischer Philosophie der Sprache lesen. Es bildet überdies eine Sammlung von Meditationen zur Ersten Amerikanischen Philosophie, die sich, pragmatisch, als Ethik, Unterweisung zum richtigen, guten Leben, aber auch Lehre von der rechten Art zu bleiben, zu verweilen durch Schaffung gegründeter Behausungen, in Szene setzt. Nextness (mit „Am-nächsten-Sein“ vielleicht nicht gerade glücklich übersetzt), Benachbarung (neighboring) und Befreundung (befriending), Exteriorität (outwardness, outsideness), Getrenntheit (seperateness) fungieren als Schlüsselbegriffe einer neuen Sozialontologie von den Relationen.

Cavell:

Weil die Position nach außen oder der Umstand in dieser Welt genau die Position des Draußen, des Äußeren gegenüber der Welt ist, die Distanz zu ihr, die Position des Fremden. Der erste Schritt, der bei der Besorgung unserer Erziehung zählt, besteht in der Wahrnehmung der Fremdheit unseres Lebens, unserer Entfremdung von uns selbst, dem Fehler der Notwendigkeit dessen, was wir als notwendig erklären. Der zweite Schritt besteht darin, die wahre Notwendigkeit der menschlichen Fremdheit als solcher zu ergreifen, die Gelegenheit des Draußen.

Because the outward position or circumstance in this world is precisely the position of outwardness, outsideness to the world, distance from it, the position ofstranger. The first step in attending to our education is to observe the strangeness ofour lives, our estrangement from ourselves, the lack of necessity in what we profess to be necessary. The second step is to grasp the true necessity of human strangeness as such, the opportunity of outwardness.

Wachet auf, ruft uns die Stimme – Chanticleer’s prophecy und Neo-Puritanismus

Vor allem jedoch findet man sich, so Cavell, mit Walden einer (Theorie von) Sprache als Schrift gegenüber, die ihre Schriftlichkeit, ihren Schreibakt explizit als Eigenwert thematisiert, sie nicht, wie die Derridasche Diagnose (der gegenüber Cavell sich un-informiert zeigt) der gesamten Tradition attestierte, zu einem der Mündlichkeit bloß Nachgeordneten degradierend.

Dass Thoreau, den Cavell durchgehend als „the writer“ den Handwerkern zurechnet, dazu einerseits die Identifikation mit dem Tonfall alttestamentarischer Prophetie eines Jeremias und Ezechiel und der heroischen Tradition klassischer Literatur wählt, andererseits aber freimütig und mit“ Yankee shrewdness“ das weckende und warnende Krähen des prahlerischen Gockels (Chanticleer) wie die puritanische Predigtform zu Paradigmen seines Sprachgestus kürt (deren Überholtheit er dennoch dort erkennt, wo sie auf der stimmhaft verlautbarten Rede insistiert; Thoreaus Verfahren ist eines, das originär auf dem Prozeß des Schreibens fußt), arbeitet Cavell in seinem Buch über ein Buch (das in seinen Augen seinerseits ein Buch über ein Buch abgibt, aber wohl darüber hinaus auch ein Buch über Cavell und dessen Gründungsversuch einer neuen Art des Denkens und Schreibens verkörpert) sorgfältig und eingehend, thoroughly, heraus.

„Die Reinheit der Prophetie des Gockels besteht darin, dass er nur sprechen kann, um zu wecken und warnen; sein wesentlicher Ruf ist der, Acht zu geben.“

„[…] Der wahre Prophet muss schlichtweg weitermachen und seine Nachricht wiederholen: Du hast das Bündnis gebrochen, kehre um.“

Nichts weniger leistet Walden für Cavell als eine tranzendentale Deduktion der „Kategorie“ des Dings an sich zu liefern, was in einer längeren Fußnote ausführlich erläutert wird. Unsere Beziehung zur Welt als Welt (dem Ding an sich, das kein Ding sein kan) kann keine des Wissens sein, muss auf einer vorgängigen Intimität gründen, die als solche keinen Grund hat.

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Heideggers Hütte

Hier aber wollen wir bauen. (Hölderlin, Der Ister)

…and here I will begin to mine. (Thoreau, Walden)

Walden for me is a combination of Heidegger and Hölderlin. It’s as if Thoreau, reincarnated in Hölderlin, were writing Heidegger, trying to answer him, combining the world of both – as if Thoreau were playing Hölderlin to his own Heidegger.” (Cavell, An Apology for Skepticism)

Cavells eigenes Denken, das sich in Auseinandersetzung mit dem Skeptizismus und als Kommentar zum späten Wittgenstein, Austins Sprechakttheorie und eben vor allem dem amerikanischen Transzendentalismus Emersons und Thoreaus entwickelt hat, zeigt stets, so auch in dieser frühen Schrift, eine frappante Nähe zu Heidegger, einem weiteren Bewohner von Hütte und Wald („Heideggers Heimat ist der Wald. Dort ist er zu Hause – im Unbegangenen und auf den Holzwegen“, so Ernst Jünger. Allerdings vor dem Hintergrund einer entscheidenden Differenz: „Thoreau Thinks of Ponds, Heidegger of Rivers“, wie Cavell es im Titel eines andernorts publizierten Aufsatz fasst.) Nicht allein jenem Heidegger von Sein und Zeit; die Aufsätze Bauen, Wohnen, Denken und Was heißt Denken? geistern in Gestalt stiller Heimsuchungen in vielen der Ausführungen Cavells umher.

The substantive disagreement with Heidegger, shared by Emerson and Thoreau, is that the achievement of the human requires not inhabitation and settlement but abandonment, leaving. Then everything depends upon your realization of abandonment. For the significance of leaving lies in its discovery that you have settled something, that you have felt enthusiastically what there is to abandon yourself to, that you can treat the others there are as those to whom the inhabitation of the world can now be left.(Stanley Cavell, An Emerson Mood.)

Ob dem wirklich so ist, bleibt, angesichts desjenigen Denkers, der Denken als Handwerk, somit als Schreiben gefasst hat und, andernorts, so viel auf Gelassenheit setzt (die man dem an Tuberkulose sterbenden Thoreau nachsagt) und eine Sicherheit, die sich nur im Schutzlosen findet (Wozu Dichter?), ungewiß.
Zu sinnieren immerhin gibt Cavell von der Vielsinnigkeit und Überfülle eines komplexen Text-Terrains, das allen erdenklichen Pfaden und Fährten folgt, indem es Walden, den Ort, als konhärenzstiftendes Ausgangszentrum, aufbrechend und Walden, das Buch schreibend, immer schon verlassen hat, mehr als der Leser ihm vorerst wird danken können.

Walden zu verlassen, wie Walden zu verlassen, ist so schwer und vielleicht das Gleiche, wie dort Einlass zu finden.

(Die Übersetzung aus dem Amerikanischen von Klaus Bonn erweist sich als gründlich und doch in vielen Punkten hinsichtlich der fein abgestimmten Terminologie Cavells, die eben jenes Konjekturalverfahren des Mitdenkens breitgestreuter Konnotationen jenseits einfacher Denotation verlangt, welches Thoreau vom Lesen einfordert, irreführend. Weshalb sich, zur Orientierung, ein Abgleich mit dem Original, dem, statt des Mark Greif-Essays zwei weitere Aufsätze Cavells über Emerson beigefügt sind, in jedem Fall empfiehlt. Wird etwa, um nur ein Beispiel heraus zu greifen, im Satz „When his imagination and his body sit down at the same table to eat they are etymologically companions“ der entscheidende Terminus durch „Gefährten“ wiedergeben, lässt sich der Bezug auf die Etymologie, der auf „panis“ und somit den Tischgenossen, mit dem man das Brot teilt abzielt, nicht mehr erkennen.)

Tillmann Reik

Stanley Cavell: Die Sinne von Walden. Mit einem Vorwort von Mark Greif, übersetzt von Kevin Vennemann. Matthes&Seitz Berlin. 2014 Seiten. Aus dem amerikanischen Englisch von Klaus Bonn. 24,90 €
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