Jean Luc Nancy: Banalität Heideggers

Kein Sein, nirgends. Die Irr-Reflexivität des Logos im Hexagramm

die Sucht des Widerlegens ist der erste Abfall vom eigentlichen Denken (Überlegungen XI, in GA 95, S.410)1

Im Anfang, der, unfassbar vom Umfang und nicht zu fangen, bisher zu beginnen und als Unfang sich zu entwinden nicht aufgehört hat, war das eine Zwei-Wort: “Fang an!”, das sich, sich selbst unablässig ins Wort fallend, selbst unterbrechend skandiert. Skandalisiert.

Das Denken sagt das Diktat der Wahrheit des Seins. Das Denken ist das ursprüngliche dictare. (Anmerkung a 1.Auflage 1950: d.h. Denken ist Ent-Sagen, d.h. die Sage des Ereignens)2

1.

— Was soll das heißen?
— Das soll vieles heißen, zu vieles, als daß wir es eingrenzen könnten.
(Blanchot, L´entretien infini)

How can everything start with a complication?

Denken, dieses kaum denkbare Ding, beim Wort genommen…Um dahinter zu kommen, was die mitunter bösartige Banalität eines Denkens ausmachen könnte, müsste man einen Begriff, ein Bild, oder wenigstens eine Ahnung davon haben, was denken, das vom Banalen Abstand nimmt, mit ihm nicht ohne Weiteres verwechselbar ist, charakterisiert. Denn mit der bösartigen Banalität oder banalen Bösartigkeit im Sinne Arendts könnte, wenn es aufs Denken selbst bezogen wird, nicht nur der unhinterfragte Aufgriff von im Schwange befindlichen Trivialitäten und Stereotypen gemeint sein. Sondern darüber hinaus die Normalisierung unhinterfragter Stupiditäten, Gewaltsamkeiten, Barbarismen in vielgelobten Routinen, sich selbst legitimierenden formalen Verfahren, die, einmal etabliert, jene fürs Funktionieren bestimmter Denkprozesse unersetzbaren Ungedachtheiten in sich selbst notorisch vor jeder skeptischen Nachfrage in Schutz nehmen muss, um das zum Absturz der Routine führende Paradox zu vermeiden, durch das sein Zeigen (und sein “Zeihen”, Kategorisieren, Inkriminieren) gewissermaßen kurzschlüssig mit dem Gezeigten zusammenfiele. Jede noch so kritische Selbstreflexion unter der Kautele sorgsamer Beobachtung gerade der eigenen Operationen muss, strukturell konstititiv, sobald sie ihre Diagnosen und Analysen vornimmt, jene Instanz von der die Beobachtung ausgeht, sich selbst, vom eigenen Befund ausnehmen.

Fange man also mit einer Selbstzuwendung, aus der man niemals hinaus und niemals wirklich hinein kommt, und von der man nichts weiß, als dass sie von einem Selbst ausgehen muss, dass keines ist und sich nicht hat, an, die trotz notorischer Repetition abweicht:
Was heißt, eigentlich, ein weiteres Mal denkend darauf zurückkommend, in enervierender Umständlichkeit gefragt — und tut man es bereits, wenn man fragt? — vor dem Hintergrund der scheinbar überbordenden Automatisation algorithmisierter Kalküle und neurowissenschaftlicher Kognitionsforschung, die sämtlich im Verdacht stehen, wie die Dummheit und die Banalität, es präzise, zumindest im emphatischen Sinne, nicht zu sein, sondern, als Techno-Logik, bloße programmierte Verbuchungen, Verrechnungen, Identifikationen auf der Basis von Wenn-Dann Verknüpfungen, die emphatische Ereignishaftigkeit dezididert nicht zulassen und sich gegen sie gerade sperren, sie, alles Neue auf das immer Alte in bruchloser Kontinuität zurückführend, neutralisieren, “denken”? Vorausgesetzt ist, scheint es, wie immer, wenn nach Bedeutungen, und besonders der einen, alles aussteuernden gefragt wird, man wüsste, im Versuch dies “denken” zu denken, was hier wie überhaupt heißen heißt, zum Beispiel im Sinne von “bedeuten”, σημαίνειν3, oder besser, man wüsste, dass dieses Wissen — zum Beispiel in Gestalt einer Lösung des Rätsels: was bedeutet eigentlich bedeuten?, und seinen schwindelerregend labyrinthischen Zirkularitäten, sowie der sisyphosschen Vergeblichkeit, sie zu eliminieren — zum Fragen nicht benötigt wird. Dass ein gewisses Nicht-Wissen, ein Ausstand von Geltung in unbedingtem Geltungsanspruch Bedingung der Möglichkeit zu sein unabgegolten erscheint? Man müsste von vornherein schon so etwa wie die Fähigkeit zur Unfähigkeit, zum Unvermögen sein eigen nennen, das Begehren, dies Vermögen erst anzueignen als irreduzible Unananeigbarkeit.

Rhetorisch appellativ gewendet könnte also die Frage lauten: “heißt “denken” nichts anderes als heißen, Namen geben, deuten und bedeuten und letztlich sich selbst deuten? Und zu diesem heißen geheißen, angewiesen werden, von wem auch immer?

Aber einen Schritt zurück (oder beiseite), was meint überhaupt das Wort? Denn es ist zunächst und bis auf Weiteres ein solches, wenn nicht ein Name, und entstammt, als teilbarer Teil und Zeichen dem Verweisungsspiel einer Sprache, von der diese Frage, unabdingbar pragmatisch, Gebrauch machen muss; die umgekehrt einen in Gebrauch, in ihren brachen Brauch (der nach wortgeschichtlichem Befund ein Bruch und Brechen der Frucht, zu deren Genuß, sein könnte, mit der er verwandt ist)4, nimmt? In Verweisungen, auf die man angewiesen ist, die Anweisungen oder Winke geben, Andeutungen machen und Geheiße erlassen, eingelassen. Welche Meinung hat es also von sich, das “denken”, und was will es glauben machen? Befragt man, im stillen bereits geleitet vom Verdacht der traditionellen Vor-Annahme, es handle sich um eine Art stilles Sprechen — ein schweigendes reden, sagt Grimm in Übereinstimmung mit der platonischen Deutung eines monologischen Sagens, das der öffentlichen Kundgebung entsagt 5

Denken ist Ent-sagen (?)

die gängige Online-Ausgabe des Duden-Wörterbuchs daraufhin, was man sich unter “denken”, dem Lexem zu denken, wofür man es zu halten und nehmen hat, wird von der Eintragsinformation zum gleichnamigen Lemma, das gibt, wofür man etwas zu nehmen hat,

Lemma n. ‘Annahme, mathematischer und logischer Hilfssatz, der zum Beweis eines anderen Satzes dient, den Hauptinhalt eines Werkes kennzeichnende Überschrift, Stichwort’, gelehrte Entlehnung (um 1800) von lat. lēmma ‘Annahme, Inhalt, Überschrift’, griech. lḗmma (λῆμμα) ‘alles, was man nimmt oder bekommt, das Empfangene, Einnahme, persönlicher Vorteil, Annahme, Voraussetzung’, zu griech. lambánein (λαμβάνειν) ‘nehmen’.

auf acht Bedeutungen weiterverwiesen und die Aufmerksamkeit somit gestreut, der Blick geteilt. Doch in dem Schein einer Geschlossenheit gehalten. Eine Polysemie mithin wird angeführt, keine Eindeutigkeit, in die sich “denken”, ein und dasselbe Wort, um sich einzudeuten von sich abweichend, prismatisch aufzufächern, um nicht zu sagen: zu – brechen, scheint. Allegorisch etwas anderes sagend als es sagt. Oder, um dem Wink des Lemmas zu folgen, das aufs Nehmen verweist: Annahmen werden präsentiert, offeriert, als was dieses Etwas zu nehmen sei, die zunächst als für ausgemacht Geltendes hinzunehmen sind. Zum bloßen (Hin)Nehmen gemacht (fast eine Übersetzung des Wortes “dogmatisch”, wie auch die Doxa auf zum Hin-Nehmen sich Gebendes verweist) bieten sich folgende Definitionen. Denken, das will sagen

  1. die menschliche Fähigkeit des Erkennens und Urteilens anwenden; mit dem Verstand arbeiten; überlegen
  2. eine bestimmte Gesinnung haben, gesinnt sein
  3. annehmen, glauben, vermuten, meinen
  4. eine bestimmte Meinung von etwas haben, etwas von etwas halten
  5. sich etwas [in bestimmter Weise] vorstellen
  6. sich erinnern, gedenken
  7. seine Gedanken, sein Interesse auf jemanden, etwas richten
  8. eine bestimmte Absicht haben, etwas Bestimmtes vorhaben

Nicht erwähnt wird allerdings, ob die kumulative Aufzählung, die in acht Eindeutigkeit beanspruchende Definitionen zerteilt, ja zersetzt — oder eine Zersetzung als Ganze, gibt — hierarchisch nach Wichtigkeit sortiert ist und in Gänze als abgeschlossen, erschöpfend und vollständig betrachtet werden darf, das gesamte “Meinungsspektrum” des Wortes abdeckt, oder, womöglich sogar unendlich, ergänzbar wäre. “Denken” damit offen für immer neue Deutungen seinerselbst. Denn es bleibt nicht nur fraglich, ob die Begriffsextension mit dieser enumerativen Juxtaposition einer mehrere eindeutige Bedeutungen umfassenden Übersicht klar umzirkt sich, befriedet eingehegt, sammelt, oder die angeführten Determinationen des Terminus ihrerseits in Nuancen aufsplittern, die so unzählige Beispiele erforderten, dass die summarische Klassifikationsabsicht eines Lexikons dieser Fatalität nicht Rechnung tragen kann. Mit der lexikalischen, lexigraphischen Erfassung von “denken” als semantischer Entität jedenfalls lassen sich, wie es scheint, Bedenken an der Fassbarkeit, Fangbarkeit, Empfangbarkeit an der “Denkbarkeit” des “Denkens” als Wort der Sprache, wie die jedes Worts, nicht vollends zerstreuen, sie werden im gleichen Maße, wenn nicht im hyperbolischen Übermaß, gesät. “Denken”, das, gemäß einer kanonischen Suggestion ein Sprechen eines Selbst mit sich Selbst als einem Anderen sein soll (und einem Anderen, der immer nur eine weitere Variante dieses Selbst sein kann), streut, schweift im Versuch zu sagen, was es sagen will, sich auf sich selbst, seine semantische Bedeutung, auszurichten, ab und ohne erkennbares Paradigma, herum, streunt; und mit ihm der Versuch dies “Denken” zu denken. Zu sagen, was es sagen will. Meint mehr und anderes als es meint, als es bedeuten will, weil die Semantik, der Wille zum sich als etwas bestimmtes zeigendes Bedeuten sich in seiner Offenlegung vielfach, kritisch und krisenhaft, spaltet und desorientiert. Ist — Paradox oder petitio principii –diese Desorientierung, die es dem Denken so schwer macht, sich zu denken, die Irre — und damit ein gewisses Unterwegs der Sprache — das Denken? Dann hinge das Dilemma des Lemma vielleicht an der Teilung der Semantik von sich selbst zur Semi-Semantik einer Sprache, die eine Bleibe nur im Unterwegs, in stetem Exodus, Exil und Diaspora, in Aufbruch, Abschied und Aussetzung bietet. Präzsise auf diese Erranz referenziert denn auch ein weiterer sprachgeschichtlicher Befund:

Die Schweden haben noch ein Wort, welches danka heißt, und herum schweifen, herum irren bedeutet, welches Ihre für das Frequentativum von dem Griech. δονειν, δινειν, hin und her bewegen, hält. Wenigstens gibt dieses Wort ein Bild für die Kraft zu denken, welches der Denkungsart der frühen einfältigen Zeiten völlig angemessen ist. (Adelung)

Was heißt “denken”, wenn es so wesentlich auf ein Nicht-Denken und Nicht-Denken-Können in sich selbst als seiner eigensten Möglichkeit bezogen bleibt? Herumirren und also: Sprechen?

*

Mein Denken, könnte man, ausgehend vom Aufgriff einige Anregungen des Wörterbucheintrags weiterhin meinen,

Meinen […]Die Bedeutung ‘seine Gedanken auf etw. richten, (freundlich) gesinnt sein’ entwickelt sich im Mhd. weiter zu ‘lieben’, die in Prosatexten bis ins 17. Jh., in der gereimten Dichtung bis ins 19. Jh. (Freiheit, die ich meine, Schenkendorf) bewahrt wird.

sich diese Auffassung als die Seine zu eigen, zu meinem, machen — und meinen und Meinung sind, wie engl. mind und also lat. mens — verwandt mit Minne

was hieße hier Verwandtschaft, wenn nicht, dass sich eins, von sich abrückend, unverwandt ins andere wendet.

— ist eine (wenn auch den Haß) liebende Zuwendung. Oder die Liebe hassende Abwendung?

Man denkt, angesichts dieser Ambivalenz, an Faust, der alles andere als Faustus, der Glückliche, behauptet, er weihe sich “Schmerzlichstem Genuß,/Verliebtem Haß, erquickendem Verdruß”…Dem Denken also?

Jedenfalls, ob Apotrop oder Apostrophe und Adresse, Denken mag eine Wendung, Neigung und Kehre, Abweichung und Clinamen, eine Bezugnahme und ein Verhältnis zu einem Verhältnis sein, mit Neigung zum Paradoxen, wenn nicht Aporetischen. Ambivalenz und Ambiguität.

Oder doch eher eine Erregung wie die orgé, Gemütswallung und Emotion, die, unentschieden vor aller Eindeutung in Affinität oder Aversion, Präferenz oder Rejektion in Bewegung versetzt und agitiert. Die Menis Achills (laut Johannes Irmscher etymologisch in Kontakt zu Nous und somit eine “noetische Bewegung) und das Mentale, sind sie ein und dasselbe? “Ist” Denken also diese exzitatorische Bewegung oder geht´s es aus ihr, als etwas ihm gegenüber anderem, hervor? Ist der Anfang ein bebender Groll, letztlich gegen sich selbst, der nicht aufhören kann, sich über seine eigene Ungerechtigkeit zu empören, diese Ur-Verletzung sich selbst ewig nachtragend, seine ganze Energie aus dem Begehren nach einer Wiederaneignung dessen, was ihm nie gehörte, nie zueigen war, beziehend. Odysseus, der heimkehrende Irrfahrer, wird von und nach seinem Großvater der Zürnende geheissen:

Eben da seine Tochter ihm einen Enkel geboren.
Eurykleia setzte das neugeborene Knäblein,
Nach dem fröhlichen Mahl, auf die Kniee des Königs, und sagte:
Finde nun selbst den Namen, Autolykos, deinen geliebten
Tochtersohn zu benennen, den du so herzlich erwünscht hast.

405

Und Autolykos sprach zu seinem Eidam und Tochter:
Liebe Kinder, gebt ihm den Namen, den ich euch sage.
Vielen Männern und Weibern auf lebenschenkender Erde
Zürnend, komm‘ ich zu euch in Ithakas fruchtbares Eiland.
Darum soll das Knäblein Odysseus, der Zürnende, heißen.

Wie die Illias beschreibt die Odyssee das Weltgeschehen als ein immer weiter um sich greifenden Zorngeschehen, als Begehren sich selbst zu zernieren, das sich in diesem Zuge dis-cernierd, von sich selbst immer weiter trennt.

Das ist die arché der Ilias als des Zorngeschehens des Achilleus.

Das Zorngeschehen hat die ganze Welt ergriffen.Was als Zorn im Innern des Achilleus aufkam und in ihm gegen besseres Wissen fortgrollte, hat Not und Tod über die Achaier und die Troer gebracht und hat auch auf die olympischen Götter übergegriffen. Dieser Zorn war nicht nur ein aufkommender Affekt in einem Menschen, sondern eine über den Menschen ausgreifende Macht. Er hat eine Störung im Weltzustand hervorgerufen und kann, nachdem er ein so ungeheures Geschehen in einem Kurvengang durchmessen hat, nun mit dem Tod Hektors nicht ohne weiteres wieder zur Ruhe kommen. (Schadewaldt, Der Aufbau der Illias)

Ob als Wut, Eifer, Furor, Inbrunst, Groll, Grimm, es ginge, beim Denken als solchem, um die genuin *kritische* Bewegung noch vor jedem anerkannten Kriterium; als Proto-Kriterium selber unkritisiertbar, welche sich in der kathartischen Dramaturgie des Denkens, das sich, projizierend, von sich selbst reinigen will, noch davon, ein Selbstreinigungsakt zu sein nur zeigt, als etwas, das, als solches, nicht gezeigt werden kann. Sublimation, jedoch: von was? Wut, einer proto-kritischen Krisis, zornige Dis-Zernierung?

Wer denkt, ist in aller Kritik nicht wütend: Denken hat die Wut sublimiert.Weil der Denkende es sich nicht antun muß, will er es auch den anderen nicht antun. (Adorno, Resignation, GS 10.2, 799)

*

Ich denke, das heisst immer auch, ein Ich denkt, dass es denkt; ihm kommt es — unabweisbar — so vor, als ob es es täte, aber gleichzeitig — sonst wäre der Bruch zwischen dem Denken und dem zu denken denken (also meinen oder, noch ein weiteres Supplement: glauben) nicht merkbar und keine weitere Anstrengung, kein weiterer Schritt, nötig, noch möglich: als ob nicht.
Ausgelöst durch eine Unterbrechung, die unabweisbare (da vorgängige) Dazwischenkunft von etwas Anderem, das das selbe von sich trennt und etwa bei Kant in der Frage-Gestalt einer manifesten Belästigung das kritische Unternehmen der Instituierung selbsteinschränkender Vernunftgerichtsbarkeit eröffnet. Eröffnet wird dieses genauer mit der Feststellung, dass eine andere Art Selbsteinschränkung — Einschränkung des Selbst des Eigenen durch Fremdes — aller willentlichen Eingrenzung der Vernunft als Tätigkeit als Ermöglichung voraus gegangen sein muss:

Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: daß sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann

Ist die allgemeinste — diese Gattung übergreifende — aller derartigen Unterbrechungen — das anfängliche Vernehmen einer Belästigung, die, wie es nur wenig später heisst, in Verlegenheit bringt — schon Frage, oder steht nicht selbst diese zunächst in Frage? Steht nicht immer die Frage selbst als Frage in Frage, muss erst als solche identifiziert und verstanden werden, Gestalt annehmen, um eine ihr entsprechende Antwort zu provozieren? Wenn eine solche Antwort denn möglich wäre und nicht das Vermögen von vornherein übersteigt

Fragen […], die sie aber auch nicht beantworten kann; denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.

Alle Last liegt in der die Möglichkeit der Bildung von Lagen und Lagern zerlegenden Verlegenheit einer Belästigung durch etwas Unabweisbares, wiewohl Unbeantwortbares, da alles Vermögen übersteigendes, durch die Vernunft ohne ihre Schuld schuldig wird von Fragen infrage gestellt.

In diese Verlegenheit, in diese Schuld gerät sie ohne ihre Schuld.

*

Ich denke, das heißt also zunächst, initial, innerhalb eines Geschehens, dessen Subjekt “ich” nicht ist, methinks, “es dünkt mir/mich”, dokei moi, mir scheint, mir ist zur Nahme gegeben und ich nehme an. Wie ein Lemma. Wie ein Dilemma.

Denken, annehmen eines “Es gibt”?

Wodurch im anfänglichen nicht-symmetrischen, non-reziproken Bezug auf die Alterität eines Dogma oder einer Doxa und deren offenbar offenbarem Scheinen, ein “ich” nur im Akkusativ (in Vorladung und Anklage) oder Dativ (Empfang einer Gabe) des Objekts subjektiviert, sich gegeben wird als Objekt eines von allen seinen Setzungen vorausgesetzten Vor-Rechts des Anderen. Etwas anderen als des Rechts.
Somit ursprünglich bereits nachträglich in Reaktion auf ein Widerfahrnis und dessen Anspruch, primär sekundierend, in der aller Pflicht und Schuldigigkeit vorausgehenden Verantwortung steht, antworten zu müssen, dünkt es. Selbst wenn dies Denk-Ich mit einem “Nein, danke!” diese Verantwortung des Dünken sich für unzuständig erklärend oder empört von sich weist und abwehrend für Beweislastumkehr plädiert, Rechtfertigungsnarrative und Ausweispapiere einfordert, kann es, als Instanz der Abwehr, den Verdacht, es sei nicht das Erste, Entscheidende, nicht der Anfang, den sein Apotrop zerstreuen sollte, nur stetig neu säen. Natürlich gäbe es eine weitere Möglichkeit: “sich” von diesem Ruf nicht gemeint zu fühlen, ihn nicht zu verstehen und vernehmen zu können.6

Ich denke, mich dünkt, das heisst, ein Denk-ich dankt zuallererst für die Gabe seinerselbst (mit allem Fluch und Segen) durch den Anderen. Zeigt sich, im Erkennen, erkenntlich, erwidert mitunter nur, re-signierend gegenzeichnend, einen Gruß, versucht wieder gut zu machen oder rechnet , richtend und rächend, im Versuch einer restitutio ad integrum auf einen phantasmatischen status ante, an dem ein Erstes nicht bereits verdoppelt zu seinem eigenen Zerfall je schon ein zweites gewesen wäre, ab. Rache, nach Heidegger/Nietzsche der Wider-Willen gegen die Zeit und ihr “es war” ist einer gegen diese Vorgängigkeit und die Rache rächt sich an ihrer eigenen Unmöglichkeit, rächt sich daran, dass sie nicht gelingen kann, rächt sich an sich.

Was heißt nun, in Abwandlung einer weiteren Frage Kants, sich im Denken — dem Dünken, dieser ursprünglichen, hypothesenbildenden prototechnischen Prothese, das stetig dankend sich in (für es selbst) heilsamen oder giftigen pharmako-logischen Gegengaben, in Boni und Mali, erkenntlich zeigen will — des-orientieren?
Heißt das nicht, quer zum klassischen, sich als Logik-Organon verstehenden Bild des Denkens (von sich selbst), das ausgehend von der Aristotelischen Maschine (Gotthard Günther) sich an stabilen zweiwertigen Differenzen auszurichten, versichern und zu beruhigen sucht, eigentlich denken? Denken, das zu denken versucht, was unter diesem Denken zu denken sei?
Also heißt diese cogitatio (co-agitatio, vielleicht: umtriebiges Zusammentreiben) nicht, sich — da bis auf Weiteres die Antwort aussteht, was es es ist, das gerade geschieht — anarchisch und ateleologisch, ohne Anfang und Ende einer gewissen Desorientierung, Ungerichtetheit, Richtungslosigkeit, sich nur am Des- oder Dis- und seinem -kurs orientierend, von ihm ausgehend,nolens volens überlassen zu müssen, herausgeworfen aus der Mitte, exzentrisch? Einer diasporischen Zerstreuung, exilierenden Irre, Erranz, Erratik, Errotik, ausgesetzt zu sehen, die “falsch”, Error, zu nennen, zu Fällen von Falschheit und Verfehlung proto-juridisch pfahlartig auszufällen und zu Fall zu bringen ein anfänglicher Grundirrtum über diese Irre sein mag, der ihren Geschehnischarakter verkennt und sie als nichtig denunziert?

Jedoch ein Irrtum dieser Irre — oder Unentscheidbarkeit –, wessen sonst, über sich?
Letzeres eine Art autojuridifizierende Selbst-Abstoßung oder unfreiwillige Devianz der Irre, Scheidung der Unentscheidbarkeit von sich, weil das Sich als Sammlung, ursprüngliche Krise des Logos — und damit der Inbegriff ihres Begriffs des Gelingens — ihr eben nicht glücken kann? Irrnisfuge, wenn das meint, dass sich die Irrnis, ihre Unfügbarkeit und ihren Unfug letztlich doch wie in einem Lichtkegel zusammenhält, dann hätte ihre Selbstaufbäumung schon die Oberhand gewonnen.

Die Irre eröffnet alles als nicht-nichts; so auch ein aus- ein- und hinrichtendes Verfahren, ein Iudicium gegen sich selbst, eine Kritik gegen ihr ungeregeltes krinein oder ihre dialysis, eine Urteilskraft gegen die Kraft einer prä-propositionalen Ur-Teilung. Gegen dieses sich ur(sprünglich)teilende Selbst, das sie nicht hat. Die Irre ermöglicht, instan mit ihrer Eröffnung, die (ihre) Behauptung, sich nicht zu irren, wie jene, dass sie sich darin ein weiteres mal verfehlt. Ebenso weckt sie den Zorn (ira7) über sich, dem sie entstammt, und der eine Spielart ihrer fundamentalen Concussion, ihres mystischen Bebens, Zitterns, Oszillierens, d.h. ihrer (der Irre) Unentscheidbarkeit sein könnte.
Was bleibt ist, dass dieses Denken der Irre Geschmack daran findet, sich, sein eigenes Urteilen verurteilend, zu aporetisieren. Il s´apore. Wäre ein besserer Name für die bisher mit Denken bezeichnete konstitutitiv dekonstitutive Verfassung (oder pher-Fassung, als sie in nichts als einem Über- und Austragen des Untragbaren und Unerträglichen, der Traglosigkei besteht) nicht: Sprache? Ich denke, mich dünkt, also irre ich, aufgrund von Sprachlichkeit. Es scheint die “Bindung” des Denkens an Bodenlosigkeit wie schlechthin Ungebundenes, Exil und Diaspora, unauflöslich.

2.

“Sich in einer Stadt nicht zurechtfinden heißt nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man in einem Walde sich verirrt, braucht Schulung”, schreibt Benjamin.

Also heißt Denken nicht viel, sei weiterhin, um Aufschub der Rüge bittend, zu wiederholen erlaubt, wenn es sich nicht, gleichsam im methodischen Exodus, verirrt, sondern, ohne je in Verlegenheit zu geraten, Bescheid weiß und erteilt sowie auf geradem Weg seine maschinenartigen Algorithmen und Kalküle, konditional-programmierte Entscheidung-Protokolle abschnurren lässt in Obervanz kodifizierter Präskriptionen. Ist eine Maschine (die rechnende am meisten) etwas, über das entschieden ist, dass es sich nicht nicht-entscheiden kann? Außer, es ist kaputt?. Dass sich, deshalb nicht wirklich entscheiden kann, weil es sich nicht gegen die Entscheidung entscheiden kann und gegens Können. Außer, ein fataler Defekt liegt vor, ein Error? (Was ja auch hieße, dass eine genuine Entscheidung etwas von dieser Kaputtheit, Defektheit, Defizienz haben müsste, sich immerhin schwer tun müsste mit sich.) Vielleicht.

Aber: Da — weil auch die binäre Opposition von Denken und Rechnen, Spontaneität und Maschine reproduktiv nicht stabil gehalten werden kann, sich nur als Instablität stabilisierend, sie verschleißt — Denken diese reibungslos funktionierende, proto-prothetische, techno-logische Komputations-Maschine je auch ist, ratio richtet, rechnet und kalkuliert und mithilfe standardisierter Syllogismen unter Rekurs auf einen nicht-inkonsistenten, eindeutigen Befehlssatz urteilend schlußfolgert, Entscheidungen fällt, als formalisierbares Verfahren der Urteils- und Aussagenproduktion eine bestimmende Instanz vorstellen will, denkt es im besten Fall in diesem emphatischen Sinn — zu ganz, zu heil, zu wenig defekt — nur selten und meist noch nicht. Es muss sich auch in dieser Hinsicht systematisch verfehlen. Sein Bedenklichstes und gleichzeitig Undenkbares ist, dass es noch nicht, in diesem unbedingten Sinne, denkt, sondern konditionierter Reflex bleibt, der sich für den Reflex zurückweisende Reflexivität hält.

Wer denkt, denkt sein Nicht-denken-können.

Heidegger dachte dieses in Gestalt eines Noch-nicht des Denkens in Konkretisierung seiner Lebensfrage “Was ist Logik?” (die sich ihm immer mehr als eine (Selbst-)Zurichtung des Wesen der Sprache verdeutlichte), aber immer auch noch nicht. Im Dezember 1951 schrieb er an Hannah Arendt “Ich komme jetzt erst in die rechte Nähe der eigentlich denk-würdigen Sachen.”, und meinte damit das Denken selbst angesichts einer herausfordernden Kybernetisierung, die, ausgehend von der Deutung des Logos als Aussage und Urteil, über die Logik und Logistik zur Umschreibung der Sprache als Übermittlung von Befehlsnachrichten, in der Rechenmaschine das Denken als solches (welches sie ersonnen hatte) zu spiegeln meinte.

Das wachsende Bestreben, die bisherige Lehre vom Denken, die Logik, in die Logistik zu »transformieren «, das zunehmende Rechnen darauf, die Sprache überhaupt auf die logistische Technik umzulegen, der Wille, alles Sagen (Sprechen im Rundfunk) und Schreiben als Anfertigung von Literatur sicherzustellen, deuten darauf, daß die Vollendung der Metaphysik, die vom Nicht-Bedenken der Zwiefalt hinsichtlich ihrer Wesensherkunft lebt, erst an ihrem tastenden Beginn steht.

In der kybernetischen Maschine steht das sich als rechnendes und schaltendes vorstellende Denken vor sich selbst. Ist die als Law of Thought von George Boole beschriebende binäre Schaltagebra, welche sich die Regelkreise der kybernetischen Automaten aussteuert ein weiterer Fall dieses “Nicht-Bedenken(s) der Zwiefalt” oder nicht bereits die Zwiefalt selbst in ihrem schaltenden Walten als Denken? Ist Elektrizität wie Elektronik im Moment geboren, wo “Alles steuert der Blitz” Herklit zum Gedankenlitz werden konnte?

3.

Wagen wir zu sagen —

Wird im Denken nicht alles gewagt? Ist das Wagnis nicht der Anfang der Irre? (Peter Trawny, Irrnisfuge)

scheinbar ungeachtet allen furchtlos jungsiegfriedhaften Drachentötertums des maschinenhaft richtigen Denkens eines orthos logos8, das diesen Gedanken, um sich als alltauglicher Problemlöser zu bewähren anfänglich unter Obskurantismusverdacht stellen und verwerfen muss; es geht ums Wagen nicht als Vorpreschen gerüsteter Wehrhaftigkeit (das dann keines ist), sondern Wagen der Wehrlosigkeit — nicht ganz ohne leises Zittern, vielleicht dies um, schon längst mittendrin, das vermeintlich erste Mal, erneut anzufangen, ohne dass es sich womöglich auszahlen wird:

Es gibt das unauflösbare Paradox und es ist wesentlich nicht eines, nicht es selbst.

Paradoxien, insbesondere solche, die mit massiven innergesellschaftlichen und moralischen Konflikten verbunden sind, lassen sich nicht leicht ertragen. Die Trauerarbeit am Denken, die solche Paradoxien auferlegen, stellt keine Gratifikationen in Aussicht. […] Eine Arbeit, auf deren Erfolg keine Prämie gesetzt sein kann, weil sie die Begriffe von Erfolg und Prämie selber außer Kraft setzt, entzieht aber noch das Mimimum an Orientierung, das sie institutionenfähig machen könnte. Das probate Mittel, eine solche Arbeit zu vermeiden, ist die Zuwendung zu Idealbildungen und Programmen, die eine sichere Orientierung im Denken und Verhalten begünstigen…(Hamacher, Reparationen)

Ja, das “Es gibt” selbst, die “Gabe” ist ein solches, z.B. schon deshalb, weil sie auf die Wurzel ie. *ghabh-, *ghab-, *ghap- zurück geht, die ‘fassen, nehmen’ bedeutet und damit, unheimlicher “Gegensinn der Urworte”, einerseits zu einer Weise der Nahme sich, veruneindeutigend, oxymoronisch präzisiert, andererseits semantisch sogar, zum Verdruß aller auf sie rekurrierenden Versuche, aus Kredit und Zinsknechtschaft zu befreien, mit dem Kapital verwandt ist. Aber es so, Paradox, zu nennen würde ihm nicht gerecht, verfehlte es.
Was mit Paradoxen — also kontradiktorischen Prädikationen — dieser Art prädiziert, was mit ihnen gesagt sein sollte, wären überhaupt erst

“Freigaben für Prädikationen, Kontradiktionen und Diktionen jeder logischen und alogischen Art und lassen sich nicht unter den Titel dessen subsumieren, was sich ihnen verdankt; sie sind hypoparadox, weil sie vorprädikativ sind.” (Werner Hamacher).

Ein Paradox ist kein Paradox, sondern, sich verfehlend, bereits dessen Entzug oder Selbst-Abirrung: Para-Paradox. Die Aporie, ein anderes Wort für solche verquere (Un)Möglichkeit, ist der Weg als das unvermeidliche Sich-(Ver)Fehlen seinerselbst.

Nicht lässt sich, damit einhergehend also, in militanter Dogmatismuskritik, ein als die dogmatische Doxa eines “Essentialismus” verbrämtes Vorgehen durch die dezidierte Geste sich entgegensetzenden Anti-Essentialismus´, die es kritisiert, einfach überwinden. Wenn “dekonstruiert” werden, also die den Dingen inhärente Autodekonstruktion affirmiert werden muss, dann vor allem doch zuallererst das dogmatische (oder gar dogmatistische) Dispositiv der Kritik selbst, sowie die Legitimität die ihre institutionalisierten Tribunale sich selbst zugesprechen:

Die Dekonstruktion ist keine kritische Operation, die Kritik ist ihr Gegenstand; die Dekonstruktion richtet sich stets gegen das Vertrauen, das der kritischen, der kritisch-theoretischen, das heißt der entscheidenden Instanz und der allerletzten Möglichkeit des Entscheidbaren entgegengebracht wird; die Dekonstruktion ist Dekonstruktion der kritischen Dogmatik.

Vielleicht aber der ihm und seinem Anti- gemeinsame Zug in Gestalt einer im obigen Sinne so paradoxen wie paradogmatischen Konstruktion ent-stellen, in seinem neben sich stehen aufzeigen. Denn worum es geht, ist eine der Reflexivität intrinsische Irreflexivität, Irr-Reflexivität, der es wieder und wieder (re-) unmöglich ist, auf sich selbst, auf ein Selbst zurück (re) zu kommen und versucht, diesem Moment der Verfehlung ihrerselbst, die von einem Wider-Willen zu zeugen scheint und einen solchen erwecken kann, ein in sich identifizierbares Bild zu geben. Zum Beispiel, und das ist eben nicht einfach nur ein Beispiel: Jude. Figur fürs rechnende Denken, wie für die Unberechenbarkeit dieses Rechnens.

“Unanfänglicher Anfang”,

das eine solche Kontra-Diktion unter vielen (und doch nicht ein einfach nur beliebiges Beispiel) wäre, hätte somit für Heidegger, der immer nahe daran war, das zeitweise gekreuzte Sein als Differenz seinerselbst, als Enzug seinerselbst, als Vergessenheit seinerselbst (und als Vergessenheit dieser Vergessenheit, an die zu erinnern wäre), ja als Differenz allen Selbst von sich selbst, ein Sich-Lassen und Sich-Verlassen zu denken (also nicht über es zu urteilen und zu vermessen, sondern auf sein Geheiß zu hören, statt ihm Befehle zu erteilen), eine Selbstverständlichkeit sein können. Diese Selbstverständlichkeit einer Unselbstverständlichkeit der wesentlichen Unwesentlichkeit des Keinseins hat sich in vielerlei oxymoronischen, wie Unfug anmutenden Fügungen Ausdruck verschafft: Geläut der Stille — Sprache erweist sich nicht von ungefähr mehr und mehr als Synonym des Seins — wäre etwa nur eine Spezifikation des “Grund”-Oxymorons” von dessen Unbegreiflichkeit alle Überlegungen Heideggers ihren Ausgang nehmen: “Sein des Seienenden”.

4.

Heidegger war ums Denken des Oxymorons zu tun, insofern als es mit dem Pleonasmus zusammen fällt.

Wo vom Anfang in einem nicht mehr ursprungsmetaphyischen, an-archischen und ateleologischen Sinne die Rede ist, wäre immer mitzusagen, dass dieser keinen hat und auch kein Ende, sowohl bereits aufgehört hat, wie nicht aufhört anzufangen.

Denn Initialität, Inauguralität, sofern sie in dieser Zeitstruktur des Seins gedacht wird, die sich in Sein und Zeit lichtet, kommt nicht umhin, als ein unendliches Noch-Nicht eines Bereits-Schon zu imponieren. Noch nicht ganz entspricht das dem, was einmal différance heißen sollte — die emphatische Privilegierung der Versammlung durch Heidegger, als wäre sie möglich, gegen alle nur abgeleitete Dispersion ist verschiedenlich konstatiert worden, und blockiert diesen Durchbruch gewissermaßen — aber doch bereits schon fast irgendwie auch. Heidegger (der Name sei hier vor allem für die von ihm signierten Texte metonymisch) ist nicht er selbst, seine Texte sind, so schmerzlichvoll das sei, eine Weise des Schieds ihrerselbst selbst.

Dass die bedrohliche Banalität der Schwarzen Hefte — die den Juden als eine Figur für die Vergessenheit, die Bodenlosigkeit, die Ungebundenheit des Seins, eine Zerstreuung und Verwüstung, die es als Versammlung verhindert (oder nur als Versammlung einer Verwüstung möglich und also unmöglich macht), an sich selbst an wenigen aber ernst zu nehmenden Stellen hypostasiert — daher in der (aus Heideggers seltsamem Anarchismus selbst erwachsenden) Forderung nach einem neuen, anderen, zweiten Anfang (als sei der erste nicht bereits notwendig eine Fortsetzung gewesen eines unhintergehbaren “Prozesses” von Selbst-Verabgründung) hervorgeht, der das Verfehlte des vorherigen tilgt, die Vergessenheit selbst vergessen lässt, das Sein ganz bei sich sein lässt, sich schließen und eben (das Stichwort aller Stichworte, transzendentaler Signifikant: ) versammeln lässt, liegt daher nahe. Und die minutiöse Rekonstruktion dieses Motivs und seiner Verwicklungen bestimmt die Hauptaufgabe von Jean-Luc Nancys Studie, die zu den wenigen ernstzunehmenden “philosophischen” Antworten auf Heideggers oft beklagtes und empört angeprangetes Versagen, die er selbst einmal zur “größten Dummheit meines Lebens” verharmlost hat (und da ging es ja bloß ums Direktorat und an die antisemitischen Anleihversuche, war noch nicht zu denken, womöglich aber waren sie zu ahnen), gehört.

Das Seyn Heideggers ließe sich als das resümmieren, was das Selbstsein oder das Sein als Selbst übersteigt. Aber der Heidegger dieser Hefte hat es abgefälscht zu einer Art Selbst, das allem anderen feindlich ist. (45)

Heidegger — der immer an dem einen Ort, woher alles, also die eine Geschichte, kommt, an dem einen Geschick (des einen Volkes), das sich beinahe zeitgleich mit seinen ersten Bekundungen in seiner Wahrheit verfehlt, festhielt —

Hätte es nicht mehr als eine Geschichte gegeben? Könnte das Geschichtliche nicht plural sein, aufgelesen auf einem weniger geordneten Weg als dem, den dieses Denken dem Abendland zuspricht? Eine destinerrance, wie Derrida sagt, der vielleicht ein Gespür hatte für ein “Irren” bei Heidegger, das aber in den Heften vor allem auftauch als eine Form, “ sich allen Richtigkeiten und Urichtigkeiten” zu entziehen, damit “Die Wahrheit des Seyns die Gründung findet” (Zitat aus Überlegungen VII, in Ga 95, S.34) (43)

hätte es besser wissen müssen, wenigstens wissen müssen, dass er es anders zu wissen schon wusste und später wieder erneut dazu anheben würde, die Intrikationen zu vervielfachen. Stattdessen ist er dem vulgärsten “Weltbild” seiner Zeit auf den Leim gegangen, hat eine falsch gedeutete Empirie seinsgeschichtlich mythologisiert, sich eines stringente Geschichte, eine genuin ursprungsmetaphsische Story ersonnen, um das widerspenstige, sich nicht zum Sein eindeutende Sein verfügbarer, zuhandener zu machen. Die damit einhergehende seinsgeschichtliche Mythologie ist dadurch viel platter historizistisch, als ihm hätte lieb sein dürfen.

Aber vielleicht muss ein urteilender, zum Verfehlungen zeihenden Stabbrechen ansetzender Beobachter auch dessen gewahr bleiben, dass ein Denken niemals (und immer) weiß, was es weiß, nicht auf der Höhe seinerselbst denkt, mit sich selbst im Unreinen ist bis zum offenen performativ gescholtenen Widerspruch hin. Und nur dadurch überhaupt zu denken vermag, was über die Sichselbstgleichheit der Sichselbstgleichheit in ihrer Selbstverständlichkeit hinausginge.

Selbstzerstreuung, Selbstzersetzung oder Selbstverbergung, das macht letztlich das Jüdische aus (33)

Der Jude ist der Mensch des Urpsrungs, der sich auf den Ursprung bezieht, nicht indem er bleibt, sondern indem er sich entfernt und so zum Ausdruck bringt, daß die Wahrheit des Anfangs in der Trennung liegt. (Blanchot, Jude sein)

Nicht auf der Höhe seiner Erkenntnisse leben, kann dann nicht nur bedeuten, im Handeln hinter dem intellektuell Begriffenen zurückzubleiben, sondern radikaler, bereits im Denken selbst diesem Denken nicht zu genügen. Das hat Heidegger in einen auch in diesem Sinne ausdeutbaren Satz gefasst. “Das Bedenklichste aber ist, dass wir noch nicht denken” kann diese Inadäquanz des Denkens mit sich selbst bedeutet, das Unvermögen der Erkenntnis sich (ihren Forderungen, ihrem Anspruch) zu entsprechen, genügen, gerecht zu werden, die als Dummheit wie ein Unfall peinlich berührt, dadurch aber von ihrem gleichsam transzendentalen Status ablenkt: die Bezogenheit des Denkens auf ein Nicht-Denken in ihm selbst, die als konstitutive Stupidität in aller Banalität seine Bedingung der Möglichkeit ausmacht. Wer sich auf dieses Bedenklichste nicht einlässt, rechnet ab und macht reinen Tisch, aber schüttet aus dem Geist der Rache heraus, welcher der nie in sich aufgehenden, sondern aus sich herausgehenden Sprache — weniger das Haus, als das Aus des Seins: von Anfang an ist es mit ihm, in ihr, zu Ende, es ist fichu, weil es sich verlässt — als Möglichkeit, sich an ihrem eigenen Brechen (und Brechen des Eigenen), im Versuch der domestizierenden Schließung in sich selbst mit ihm brechend, zu rächen, innewohnt, das Kind mit dem Bade aus.

5.

Im Antisemitismus gibt es den Hass auf das, was sich der Selbstbegründung entzieht. (68)

Jean-Luc Nancy, dessen Text “Exclu le juif en nous” (Edition Galilée, 2018) das Motiv weiter ausarbeitet, nimmt den “metaphyischen” (di Casare) oder “seinsgeschichtlichen Anti-Semitismus” (Trawny) (man müsste wohl, die beiden zusammenführend, konstatieren, dass Seinsgeschichte hier aufs Vulgärste in Metaphysik — ihrerseits durchgeistert von Verortungsversuchen “des Juden” — , oder immerhin den Heideggerschen Pappkameraden, zurückfällt), Heideggers Versuch ein gespenstisches Motiv mit seinsgeschichtlichen Weihen auszustatten, unterm Blickwinkel eines Selbsthasses des Abendlandes auf sich (rejet de soi, haine de soi, rancoeur de soi) in den Blick. Die Wut, der Ingrimm und Groll einer telelogisch auf Vollendung und Schließung sich denkenden Geschichte auf das Versagen dieser Bemühung, aufgrund ihrer eigenen, konstitutiven Unmöglichkeit, aufgrund ihres eigenen Ungrunds, treibt das Bedürfnis hervor, diesen Rest — indem sich alle Momente der Unversammelbarkeit versammeln — beim Namen zu nennen.

Heideggers ethischer und politischer Zusammenbruch während der Rektoratszeit, wie Werner Hamacher ihn gedeutet hat, als “Zusammenbruch philosophischer Differenzierungen” und “Kollaps der ontologischen Differenz”, Umstellung auf eine Fundamental-Ergontologie, ist eine Weise spezifischen Nichtdenkens als Nicht-Bedenkens der Zwiefalt, eine veritable Tötung, aufgrund deren sein gesamtes folgendes Denken die Trauerarbeit leistet. Verquickt mit den Einlassungen über die Juden, die über das rechnende Denken, das Gestell und wiederum einer gewissen Juridifizierung der ursprünglichen Wahrheit des Logos durch Rom (wie sie besonder die Parmenides-Vorlesung herausarbeitet) verflochten sind, entsteht ein Szenario, dass den Schluß zulässt, Heidegger — der Advokat und Ankläger der Irre zugleich — habe die ursprüngliche Kontamination des Verfallens, des Vergessens, mit der Wahrheit der Versammlung immer ausgehend und sich abstossend von der Versuchung ihrer banalen, gnostischen Opponierung denkerisch bis zu einem Extrem vorangetrieben.

Denken, Rechnen mit dem Unberechenbaren, dieses wagende Wiegen, Wägen, Wëgen, ist dann selbst ein Pharmakon, toxisch und heilbringend und dieser Unberechenbarkeit ausgesetzt: Denken der Unberechenbarkeit im doppelten Genitiv. Sowieso der Jude als Figur für die Unberechenbarkeit des Rechnens: auf eine Art: das Denken selbst.

6.

Was heißt also denken? Man könnte meinen, es sich dünken lassen, es sei, als Versuch einer Selbstzuwendung einer Sprache zu sich und also als Vermögen zur Abweichung (vom Vermögen) schlechthin ungebunden, ein unberechenbares Rechnen mit der Unberechnbarkeit, stets aufs neue, sich von sich absetzend, anfangend, anders als es selbst. Ein anfänglicher Bruch, Anbruch, eine Korruption des Anfangs und seines in ihm gelegenen Versprechens, zerfällt es stets in eine primordiale Desidentifikation.

Das “Es gibt” jenseits des Seins, die Gabe, erweist sich dann als jene Spezialform des Nehmens, aktiver Passivität, das ein Teilen ist und auch unter dem Namen Sprache und ihrer Namen in den Blick, ins Wahr-Nehmen, gerät. Was sich gibt, gibt sich, von Anfang an (dem apriorisch aporetischen An-Bruch), nicht als ganz Ganzes, sondern immer nur als das ganz und gar sich-mit-teilende. Brechung der Berechnung und Berechnung der Brechung.

Tillmann Reik

1 Dem Motiv der Widerlegung bei Heidegger (und Hegel) sind entscheidende Passagen in Derridas früher Vorlesung Heidegger : la question de l’Être et l’Histoire gewidmet.

2 Heidegger, Der Spruch des Anaximander, GA 5, S.328

3 Dass dieses ein Zugleich von Sagen und Verbergen

4 brauchen Vb. ‘nötig haben’, ahd. brūhhan, brūhhen ‘genießen, nutzen, ausüben’ (8. Jh.), mhd. brūchen, asächs. brūkan, mnl. brūken ‘brauchen, genießen’, afries. brūka ‘nötig haben’, aengl. brūcan ‘nützlichen Anteil haben’, engl. to brook ‘gebrauchen’, got. brūkjan ‘genießen, sich erfreuen, gebrauchen’ (germ. *brūk-) zeigen unterschiedliche Flexionsweisen (stark im Aengl., schwach im Got., sonst starke Präsens- und schwache Präteritalformen). Verwandtschaftlich nahe steht wohl lat. fruī ‘genießen, Nutzen ziehen’ und frūx, frūctus (s. ↗Frucht). Das nur aus dem Germ. und Ital. zu erschließende ie. *bhrūg- ‘Frucht, genießen, gebrauchen’ ist vielleicht Gutturalerweiterung des in ↗Brosame (s. d.) und seinen Verwandten mit s-Erweiterung vorliegenden ie. *bhrē̌u-, *bhrū̌- ‘abschaben, abstreifen, zerschlagen, zerbrechen’ (zur Wurzel ie. *bher- ‘mit einem scharfen oder spitzen Werkzeug bearbeiten, schneiden’). (DWDS, Online-Ausgabe, aufrufbar unter: https://www.dwds.de/wb/brauchen

5 Zu der Heidegger in der Sophistes Vorlesung ausführliche Erläuterungen liefert: “Die διάνοια ist έντός τής νυχής πρδς αύτήν διάλογος άνευ φωνης γιγνόμενος (263e4 sqq). Das νοεΐν ist ein λέγειν, nur fehlt ihm die mitteilende Kundgabe in der Verlautbarung […]. […]. Das έντδς Γής ψυχής meint nur: es ist ein Sprechen μετά σιγής (264a2), nicht mitteilend. Aber gerade als dieses schweigende Sprechen ist es ein ganz in die besprochene Sache Aufgehen.(GA19, S.607-608)

6 Werner Hamachers Kommentar zu Kafkas Prüfung mit dem Titel “Ungerufen” (in Neue Rundschau 2007/2) liest Kafkas Welt als eine des radikalen Amessianismus der Unrufenheit in die Arbeitswelt.

7 Während die gemeinsame Wurzel von ira und gr.hieros etymologisch bezeugt ist — über das Heilige als Mysterium tremendum und seinen Zorn kann man bei Rudolf Otto einiges lesen –, gibt es zwischen Ira und Irre keine direkte Verbindung; und doch kann irr auch rasend, wütend, tobsüchtig bedeuten.

8 Dem konsequent ein (un)redliches beigesellt werden soll, mit der Hoffnung, dass dessen Impertinenz der “Sache” angemessener sein möge. Wie subtil das, was hier Redlichkeit genannt worden ist, mit dem verwoben ist, was bei Heidegger als das “rechnende Denken” die ganze Last eines Rejektionswerts tragen muss

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