Hendrik Jackson: Sein gelassen. Aufzeichnungen

Dikranoi — Deconsolatio poetica 

Μακάριοι οἱ πενθοῦντες, ὅτι αὐτοὶ παρακληθήσονται

Wovor werden die Phänomene gerettet?
Nicht nur, und nicht sowohl vor dem Verruf
und der Mißachtung in die sie geraten sind
als vor der Katastrophe wie eine bestimmte Art
ihrer Überlieferung, ihre »Würdigung als Erbe«
sie sehr oft darstellt. –
Sie werden durch die
Aufweisung
des Sprungs
in ihnen
gerettet.
(Benjamin)

dieser eine Parmenides

ich ging zu Parmenides nicht wie zu einer Autorität, ältesten, unangefochtenen, sondern zu diesem einen Parmenides, in philosophischer Meditation, um es ihm gleich zu tun. (72)

I’m goin‘ to Jackson, I’m gonna mess around

Haplodiploid. Parmenides´ paradoxes Nicht-Paradox.
Komisch-gnomischer Vorsatz zum Sein-Seinlassen
(Still messy as fuck)

Fast wie ein authentischer autistischer Monolog mit ergänzender Selbst-Unterbrechung mutet es an:

☐ Ach! Man müsste, kurz und bündig, ganz einfach gesagt

— gleich als würde sich allein schon mit dem lauteren Vorsatz zur Verlautbarung dieser Losung das, in all seiner sentimentalischen Naivität, desaströseste [*] Désir, sowohl des Parmenides, wie jeglicher noch so sophistizierten modernen Dichtung und Denkung, nach dem geheimen labenden reinen Reim der Dinge, ihrem gemeinsamen Nenner, dem Zauberwort, das Denken und Sein ins Einvernehmen setzt, Ausdruck verschaffen –:

ES sagen. In extenso, ad nauseaum. Bis zur Erschöpfung und letzthinniger inniger Selbst-Preisgabe. Und diese bejubelnd.

Sagen, und zwar, genauer, etwas ganz Bestimmtes auf bestimmte, kunstvolle Art, in einzig passendem modus loquendi. Mit ganz bestimmter ars.

☐ Man müsste nämlich, noch genauer gesagt,

— mit so gnomischer, engmaschig-enigmatischer, kryptisch-opaker, wie komischer, aus seliger Loslösung der Logik, ja, des Logos, von „sich“, oder eher deren beider koboldhaft-scharlatanesker (A)Tomik keimend aufbrechend, diese und die an sie geknüpfte Erwartungshaltung durchkreuzender Esoterik:

Einfach nur:

Das Einfache /
einfach sagen

Nicht? Komisch-Gnomisch-(A)tomisch.

„Einfach sagen“ soll, muss wohl weiter explizierend appendiziert werden,

dieser sich immer schlimmer entzündende Wurmfortsatz wird, sich ringelnd wie ein (H)egel, schlichtweg schlecht-unendlich, da Sprache, gewesen sein, usw. Schlechte Unendlichkeit: Sprache: Hang zum Übermut ohne Grenzen.

besagen, sowohl geradeheraus, frank und freimütig und ohne zu zögern, als auch kunstlos ungeschmückt, non-artifiziell. Auf den Punkt. Man müsste ES — einfach, also kunstvoll kunstlos gesagt —  kunstvoll kunstlos sagen.

Fast wie ein obszöner kategorischer Imperativ aller sprachlichen Performanz, mutet dieser kupitiv-optative Jussiv an. Joussif (Derrida).

☐ Ganz simpel sprachlich mitten in es hinein, direkt zu ihm oder ihr, der Einfalt, der einen Falte, hin, sich in sie, als sie (und nichts anderes), ein (und also zurück-)faltend, gelangen. Auslangen, sich expandieren im Modus jenes zentripetalen petere-Impetus, jenes Appetitus, der alle Kompetenz und Kompetivität anfeuert und in einer petitio prinicipi-Repetition kreisen lässt. Dabei von ihr her, der einfältigen Appetitik des Selbst-Verspeisungshungers, aus ihrem Geheiß, kommend. Schlicht sagen heißt dann, Sich Selbst sagend, sich selbst sicheln. Nichts anderes.

☐  Man müsste, bis zur Erschöpfung, nichts Anderes sagen. (Als Sich / das Andere).

☐ So unkompliziert, wie ES eben, in Wahrheit, womöglich, tatsächlich, ist, ES, vor jeder sexuellen Spezifikation, sagen, darum sollte einem zu tun sein.

Mit dem Ziel, das transzendentale, alle Gattungen transzendierende Geschlecht des schlechthin nicht-schlechten und also guten Schlicht1, zu treffen. Es, möge es dieses, jenseits aller Sancta Simplicitas-Verspöttelung, so Gott oder die Göttin will, wären diese nicht eventuell gerade ihrerseits schon Chriffren fürs Gesuchte selbst, keineswegs etwas anderes, als das gütig Gebende [**] selbst, geben, aufzufinden. Und womöglich sich in ihm, seiner tröstend-treusorgenden Sage, ein für alle Mal halten, einrichten. Eine Bleibe, ein Refugium finden, das einen einfach einfasst und umschließt, wofür man es dankbar umarmte. Aber auch stabilen Grund, Referenzpunkt für jede weitere orientierende Rückversicherung böte.

Letztlich wird es eine Wiederaneignung gewesen sein: das einfache Begehren ins Einfache zu gelangen, strebt, wenn es nach dem Einfachen trachtet danach, sich mit sich selbst zu versöhnen, seinen Zwist, mit sich, der es „ist“, zu schlichten. Die Teilung zu ent-entbinden. Wieder zu versöhnen und ein für alle Mal Schluß mit allem Wieder und Wieder des Wider zu machen.

*

☐ Eben allein am, alles Verworrene nur wie eine Täuschung aus sich entlassenden, einfach Einfachen, in seiner unversehrten Gegebenheit, unterstellt der trostsuchende Glaube ans elementar Ungebrochene, Integre, wo er eher einem Willen zur Versicherung entspricht, als einem Vertrauen, das sich ans Haltlose wegwirft, könnte alles gelegen sein. Allein, so ist seine, dieses Willens zu einem bestimmten Wissen, Hypothese — und setzt damit schon teleo-theseo-technologisch das Sein als Setzung, setzt auf es, zählt auf es, misst es ab, baut auf es und rechnet ganzzahlig mit ihm: nimmt es in Dienst als Mittel für Zwecke — könnte die Beschaffenheit des einen Seins, die Verfassung des Seins als reiner Eins, die konstitutive Konsistenz des reinen Einseinseins liegen. (Pythagoras, der Religionsstifter und Mathematiker, der Stifter der Mathematikreligion: in welchem Verhältnis stand er zu Parmenides? Und beide zu Leibniz, dem Erfinder des Satzes vom zureichenden Grund und der Lebensversicherung?) Und solches und das, was es ist, sich, im Sagen und als Sagen, Sein und Denken (also Sagen) als dasselbe erweisend, zeigen.

*

Das Einfache /
einfach sagen:

Möglich ist das indessen, ach, sei´s gleich geklagt, und damit das Sagen ursprünglich ins Klagen verwickelt, — kaum. Quod erat demonstrandum, ex negativo, in extenso, ad nauseam.

Ist dies Sagen vielleicht auch nicht gleich „ganz und gar nicht“ möglich, so doch immerhin „nicht-ganz nicht“, fast nicht. Also mehr oder weniger als einfach „nicht“, weil noch das Nicht sich selbst unterbricht, ihm ein anderes Nicht und etwas anderes als ein Nicht, dazwischenkommt. Eine Art Nicht-Nicht, und was in diesem Syntagma zählt und gemeint ist, ist der Trennstrich in seiner Mitte. –

Kaum ist es möglich, kaum kann es gelingen, das heisst „nicht ganz nicht“. Käme die Dazwischenkunft des Kaum nicht ins Spiel als dessen permanente Eröffnung, gäbe es die Möglichkeit, als „nicht ganze“, als (Un)Möglichkeit, nicht. Dafür als ganz Ganzes für dessen Glanz der vollen Möglichkeit und ihrer restlosen Verwirklichung die Tradition ein Schauder erweckendes Wort bereit hält: Tod.
Nicht also nur nicht — ganz — möglich, gleichermaßen nicht ganz wünschbar kann dieses einfache Begehren, einfach nur das Einfache einfach zu sagen, sein. Sein Wunsch ist, wie wohl jeder Wunsch, der double-bind einer (das) „sich selbst“ unterbrechen-müssenden, sich von ihrem Zweck abschneidenden Teleologie: Man müsste (nicht).

☐ Von Kaum, barely, und den Algo-Rhythmen seiner bartleby-haften Kaum-Möglichkeit und ihrer Präferenz für ein bestimmtes „not to“, im französischen à peine, semantisch mit Kummer wie treusorgendem Sich-kümmern (cura und souci) verwandt, geht, au, ein Schmerz, eine Pein aus. Eine Trauer, die wahrhafte Quelle jedes Ausdrucksbedürfnis, fürs Sprechen überhaupt, sein könnte. Aber eben auch, zur gleichen Zeit mit diesem Schmerz, in Ur-Ambivalenz, ein Scherz, ein Witz, ein éspirt, ein Geist: Komik des Kaum-Raums ohne Zaum seines Saums. Comely: wohlgestalt und ziemlich.

Kaum. Sprechen: Radebrechen. Nur beinahe und nahebei: par(a).

Sich treusorgender kümmern um dieses Kaum, dieses bare Barely und para, das müsste man wohl in Wahrheit. Darum wie es barrt, bahrt, ent- und gebärt, über- und austrägt wie sagend einsargt. Da in ihm von Sprache — dem Kau´n des Kaum — und ihrer Fast-Verfassung die Rede ist. Zu ihm müsste man, eigentlich, hin, ES und das Bare müsste man sagen.

*

☐ Es erweist sich nunmehr wohl, schließlich und endlich, dass das anfängliche désir, wenn es, gerade im Sagen, um die Gunst dieses sich mit sich selbst reimenden Seins in seinem Reineinseinsein (und nichts außerdem) buhlt –also letztlich, irgendwie, wenn auch verborgen, immer und nie, überall und nirgends —

Das Dasein ist ein Seiendes, das nicht nur unter anderem Seienden vorkommt. Es ist vielmehr dadurch ontisch ausgezeichnet, daß es diesem Seienden in seinem Sein um dieses Sein selbst geht. (MH)

es stets bereits um eine seltsame, sich multiplizierende Zwiesel, ein Zwiesel aus Zwieseln-Dickicht, sich sowohl kümmert, wie selbst dieser Teilung Teil ist.

Denn es bricht sich.

Kann nicht wollen, was es will. Es will (nicht/Nicht). Ein in sich gebrochenes, von sich aufbrechendes “Nicht-Nicht”, pas-pas, par-par, greift begehrlich eruptiv um sich wie Zunder. Anders gesagt, ES markiert oder dichtet, unmittelbar die Unmittelbarkeit endend, lichtend, die Widerfahrnis des Bruchs mit sich als Ende aller Nichtung. Schlichtweg und schlechterdings nichtschlicht, ihre, der Nichtung, Nichtung und Selbst-Hinrichtung. Sui-Dekapitation, als selbstverabgründigender Grund und nicht anzufangen aufhörender Ur-Sprung und -Riß. Nur eben nicht einer, nicht ganz. Dieses hen diapheron heauto ist ein disseminierender Auto-Polemo-Logos und in diesem Satz (auch aber nicht nur) das Ist. Nicht? Vielleicht.

*


☐ Alles Sprechen, und mehr noch, Schreiben — dort, wo logos an- und eingedenkend unterm Patronat der Mnemosyne wahren und die Toten, Bleibendes stiftend, nicht sterben lassen will, dem Schnitter durch mit Graphemen Grabstätten stiftendes sargendes Sagen, trotzend

Tod, wo ist dein Stachel? (1.Korinther 15)

— zollt dieser Nichtungs-Nichtung fortwährend im Vollzug Tribut. Schließt sich ihrer Klage-Sage, diesem Selbst-Wider-Spruch der Performation, über „sich“, an. Motiviert von der seinem Tun (praxis wie poiein seines logos) impliziten, es befeuernden, paradoxen Parole, Maxime, Devise: “Tod, dem Tod!”.2 Schlecht, und also zu schlicht, übersetzt vielleicht auch: „Tu´s nicht, du Nicht!“. „Lass sein!“. „Lass Sein sein!“. Es wäre die intrikatere Variante jenes initalen Fiats, performativer Erz-Sch(m)erz, die verdeutlicht, dass der orthos logos im Anfang stets nichts als ein Gewährenlassen von sich selbst einfordert. Afformation. Ein Ablassen. Eine Bestreikung seiner Strikturen. Let there be being: let there be letting-be. Let leave and get lost.

*


☐ Wirklich nicht tot zu kriegen mithin, erweist sich, wie gesagt, unabweislich, ist die sich begehrlich öffnende Dopplung. Teilung, Spaltung. Zwiesel. Wiewohl Hiatus, Wunde und Mal, Na(r)be. Chiastisch selbst-barrende Durchkreuzung und Bruch- wie Trennstrich, um die sich alles dreht.

O Y V U X / – …

Sie macht mit ihrem geteilten Zug die in sich widersprüchliche, gebrochene, einfältige Sehnsucht nach dem Einfachen, wo es zuvörderst das ganz und gar Undoppelte, frei von Trug und hinterlistiger Zwieschlächtigkeit zu sein hätte, einfach schwierig. Macht also den Glauben an das souverän Ungeteilte und seine religio, wenn nicht zuschanden, dann doch unendlich komplizierter. Im Anfang, der keiner ist, war der medial-apriorische aporetische double standard eines Seins, das (k)eins ist. Nicht also das eine, alles versammelnde Wort als vielmehr die ganze Sprache (und das heißt: die ganze Unganzheit). So lautet die schlichte Moral von dieser Verwicklungs-Geschicht´ und zugleich die Formel ihrer Initial-Intrige, primordiale Korruption.

*


☐ Die Frage, die im Trost der Trauer über das Kaum, par(a) und Nicht-Nicht, pas-pas — von dem her eine gesamte Geschichte des Seins, seit dem ersten Auftauchen des Worts bei Parmenides und damit die Philosophie als onto-theo-teleo-theseologische Metaphysik: im steten Scheitern ruinöses und in sich nur als und in diesem Ruin gründendes begründendes Selbst-Versicherungsunternehmen verstanden werden könnte — virulent wird, lautete dann nämlich grundsätzlicher, anders. Eine sich immer schon in anfänglichem Mißtrauen bezweifelnde Fraglichkeit wundert sich: Kann die doppelte Verneinung, oder die Dopplung, durch welche sich eines als eines, (A=A),

[Natürlich geht es auch darum, den Ekel vor einem gewissen (H)Egel und seinem Gewinde, der diesen Überlegungen gleichermaßen Wirt und Parasit ist, — und im initialen Wurmfortsatz sein karikierendes Double hat –, zu überwinden oder zur Freude wenden lernen, welcher Identität als jene Gestalt doppelter Negation expliziert hat, die sich so ausdrücken ließe: A ist alles das nicht, was es nicht ist. Siehe dazu: klick. Doch dabei wäre dieser (H)Egel mit seinem verfemtem Freund, namens Freud, zusammen zu führen.]

stets schon negiert, mit Des-Identifikation infiziert, schlichtest denkbare Litotes3, überhaupt je konsolidierende Positivität — verlässlich und reliable — begründen? Oder zieht sie nicht vielmehr, allein deren Bewegung bejahend, immer schon umso tiefer hinein in Strudel undialektisierbarer (meint: nicht aufhebbarer, nicht nicht-sein könnender, da nur, als solche, nicht-sein könnender) ruheloser Negativität ohne Halt, Schutz und Trutz? Bleibe bietend allein in Unzuhause, Exil und Diaspora?

Die Antwort lautete redlicher Weise: jein. Negativität — oder was man nach diesen Intrikationen nur noch mit schlechtem Gewissen so wird nennen wollen — ist immer nur dort wirklich eine solche, wo sie, emphatisch, (k)eine ist. Sich selbst — eroto-polemo-logisch — leidenschaftlich bestreitet. Bekämpft, abweist, verleugnet und dadurch bestätigt. Als De- oder Un-Negation wiederholt sie notorisch, exzessiv hyperbolisch, was sie versucht zu vermeiden, affirmiert, was sie negieren will. Wie (dies) (nicht) verleugnen?

☐ Solche geschehnishafte, seinlassende (Nicht-)Nichtung immerhin ist es, die, in ihrer paradoxen, überschwänglichen, aufrichtigen Selbst-Affirmation, weder (in dieser Hinsicht ist sie „neutral“: ne uter) für negativ noch einfach nicht-negativ gelten kann. Von keiner juridisch-ökonomischen Buchhaltung aufs Haben- oder Schuldenkonto verbuchbar, stünde sie — in ver-zeihender Zeitigung — zum sühnenden Geist der Rache wie dem vindizierenden der Schuld und Schulden seltsam schräg. Queer und crank.

es ist ein sagenhafter, haftender Schmerz in dem nie aufhörenden Schuldabgleich des Anaximenes, den nur die Sage von etwas Bleibendem lindern kann, nicht wahr? (128)

Es handelte sich nunmehr, ein letztes Mal unmerklich anders wiederholt, um eine gar nicht so negative „Negativität“, von welcher darüber hinaus keineswegs für ausgemacht gelten darf, dass ihr ausschließlich mit tragischem Pessimismus zu begegnen ist. Sie ist ein Sch(m)erz. Weswegen auch der anfängliche Verweis auf die Notwendigkeit einer Komik der Gnomik der (A)Tomik des koboldhaften Nicht-Wicht Kaum für mehr als bloßen Ulk genommen werden sollte.

Denn ein Nicht — im deutschen selbst bereits eine Negation oder Leugnung — ist, etymologisch bezeugt, (k)ein Wicht:

and nichts (“nothing” in German), not a Wiht, a little demon, in terms of muthos, or, in terms of logos, not a Wicht, from Wesen, “essence.” (Barbara Cassin)

Nicht ein Wicht

Kleine unbestimmte Mengen stellte man sich gern konkret und gegenständlich vor. Daher besteht ahd. io-wiht, mhd. iht in der Bedeutung »etwas« aus einem Präfix io- und einem Substantiv ahd. wiht »Wesen, Ding; Kobold« und meint »irgendein Wesen«. Dieses Wesen, das auch dem Wort Wicht zugrunde liegt, steckt auch in den Negationswörtern nicht und nichts. Sie sind aus der Verbindung von wiht mit der Negation ni entstanden. Aus nicht ein Wicht, nicht ein Wesen wird also nicht. (Duden, Herkunftswörterbuch)

☐ Vielleicht sollte man zu wagen erwägen, sich dem Gewicht dieser komisch-gnomisch koboldhaften „Wichtigkeit“ dieses anontologischen, nicht-negativen wie nicht-privativen Nicht, — kaum ein nicht, nicht mal wirklich ein Nicht — auszusetzen. Mit Sinn für den Ernst des Spasses (in beiden Genitiven) seines Spiels, sich ihm oder ihr! — der Viel-Geschlechtlichung selbst — dichterisch gewogen zu zeigen. [***]. Es ist das komisch-gnomisch Tomische, es ist das, von Allem geteilte Teilen, „selbst“.


☐ Doppelkopf4 sollte man dieses scherbenreich janushafte Spiegel-Spiel nennen. Dessen einzige Regel besteht darin, dass eine als narzißtische Auto-Affektion des Seins-Selbst sich inszenierende Reflexivität sich bricht. Im Versuch einschließender Selbstzuwendung — „sich“ einfach zu sagen und sargen — abdriftet und zur absoluten, selbstbezüglichen Negativität, die keine ist, verdeutlicht.

Das heißt aber, aus den Mündungen, den aporetischen Poren dieser sich von Anfang an vervielfältigen einfachen Dopplung, dem Haplodiploid herausspringend: spricht. Dabei zur gleichen Zeit schlichtend, in seinen mindestens zwei Bedeutungen des pazifizierenden Glättens und Ebnens, und, vervielgeschlechtlichend zerschlagend, schlachtend.5 Kann erstere ebenso Mediation bedeuten, welche, nicht richtend, doch im Sinne des ausgleichenden Kompromisses, auf den einfachsten gemeinsamen Nenner bringt, so soll hier, einmal mehr, aufs bare (s)Brechen der fraction bars selbst, als geteiltem Maß, heruntergebrochen werden. Im Strich / streicht sich der Bruch, bricht sich.Das schlechthin Schlichteste, was nicht nicht (oder NUR nicht) sein kann, sei somit, in halb bescheiden, halb aufschneiderisch voreiliger Antwortofferte, gleichermaßen überraschend wie erwartbar, das schlichtend-schlachtende Scheiden/Schreiben in seinen (sich-)(s)einlassenden (Ob)(l)iterationen. Es vollzieht, zeitigt, die Rettung des Sprungs, anders gesagt, Satzes, in noch anderen Worten, Ur-Teilens, im doppelten Genitiv und aktiver Passivität, im Zuge seines Aufweises, das heißt: -risses.

*

☐ Liest man nun den Anfang erneut, liest er sich anders.

Man müsste (nicht):

Das (nicht) Einfache /
(nicht) einfach (nicht) sagen

Man müsste NICHT sagen. NICHT tun.

„So bleibt noch die Kunde des einzigen Weges: Das Sein ist.

Nicht. Der einzig gangbare Weg, denn Gehen ist Nicht-Gehen, ist der Schritt des pas, bleibt die triviale Aporie.

 

(S)Einlass

Sein-lassen ist das Sicheinlassen…(Heidegger)

I

Bei Gelegenheit

Schreiben heißt sich zurückzuziehen. Nicht in sein Zelt, um zu schreiben, sondern von seiner Schrift selbst. (…) Dichter sein heißt, die Rede sein zu lassen. Sie ganz von allein sprechen zu lassen, was sie nur in der Schrift zu tun imstande ist. Die Schrift zu lassen, heißt nur da zu sein, um ihr den Durchgang zu lassen, um das durchscheinende Element ihres Ausgehens zu sein: alles und nichts. (Jacques Derrida, Edmond Jabès und die Frage nach dem Buch)

In einem Nachsatz genannten Epilog seiner Aufzeichnungen, der die lange Inkubationszeit des vom Leser in Händen gehaltenen Buches betont

dieses Buch hat lange gelegen. (153)

— weist die Logik der lange Lage auf eine der günstigen Gelegenheit, kairos,  occasio harrende Reifezeit, oder war es die zähe Weile siechenden, morbid-moribunden Darniederliegens, ewige Hinfälligkeit und Fäulnis bezeugend? — und mit einem demonstrativen, die gängigen Setzungen und Satzungen resolut entsetzenden Sitzstreik unter der Losung

“Nichts ist die Lösung”

endet, dessen Zeuge der Erzähler per Zufall wird, rundet sich die an den von Platons Fremdem “unser Vater” genannten Vorsokratiker Parmenides von Elea und dessen hexametrisches Lehrgedicht geknüpfte, von den ersten Seiten an das Ganze durchstimmende untröstliche (und insofern: unstillbare wie unversöhnlich-intransigente) Trostbedürftigkeit zur losen Unschlüssigkeit, nicht zur vollen, in sich gesättigten, bauchigen Kugel, Sphaira. Jener Parmenides, mit der Trauerbetreuung betraut, dessen Name, ohne dass das definitiv feststünde, womöglich aufs Stehen, aufs fest in sich selbst oder anderem bei-stehen abstellt. Die Assistenz. Para: das heisst nahebei und beinahe, in unbestimmbarer Distanz: dieser Tröster, vielleicht Freund, ist nicht hier oder da, nicht innen und außen, sondern irgendwie: nahe, er, der Hirt und Hüter (ho poimèn) begleitet mich und uns6 .(Beistand ist denn auch eine der Übersetzungen des von Luther mit Trost oder Tröster wiedergegebenen Parakletos: des herbeigerufenen Fürsprechers, Advokats. Parmenides ist demgemäß Parakleitos, dessen Stecken und Stab bekanntlich die als Leidtragende Seliggesprochenen tröstet.7) Es schließt sich mit anderen Worten der Kreis einer diverse Gebiete nach Orientierung abgrasenden Rumination, eben im Modus dieser fortwährenden hyperbolisch-parabelnden Selbst-Abschweifung, ein Sich-Verlieren, zur Pforte und zum torbogenartigen Gewölbe. So dass sich, von Anfang an, ein Durchlass auftut, der, wenn nicht schon die Passage gestattet — vermutlich wird auch hier der Eintritt zum Gesetz aller Sätze von einer Art Kafkaschem Türhüter in unabsehbare Zukunft prokrastiniert — dann immerhin das oft beschworene, glücksverheissende Lichtlein am Ende in Gestalt dieser Höhlung selbst erahnen lässt. Auf die Frage

“ob es ein Sein gäbe, das nicht nicht sein könne. ein etwas, jenseits meiner inneren Phantasmagorien — nicht die Welt dort draußen, die Welt der doppelköpfgen Menge, wie Parmenides schrieb — nicht die harsch abweisende des Todes und der Vergänglichkeit, sondern, ergänzte ich für mich: ein Tröstendes, das nicht nur in mir läge, das nicht verginge und nicht täuschte.” (17)

das nicht gespaltene, einfache sein, einfach sein.

Einfach das Einfache sagen. (42)

rekurriert im Anfang einer Phase der Trauerarbeit (gibt es andere Anfänge und können sie je nur “Phasen” bleiben?), wer gleichermaßen unhintergehbarer Trostlosigkeit, Untröstlichkeit und Nicht-bei-Trost-sein nicht nur im alltäglichen Trott “vertierter” (Adorno) gesellschaftlicher Praxis ausgesetzt ist, sondern den “Todesfall” in singulärer Exemplarität hautnah (und in “Betroffenheit”, die dann, aller theatralen Allüre bar, schlicht eine Situation bezeichnet, die mich nicht nicht angehen und aufreiben kann) dort zu verarbeiten hat, wo die Freundin sich — in freiem Entschluß (wenn solche Entschlüsse je frei, wenn Freiheit selbst je einfach nur frei wäre) — das Leben nahm. Oder, wie es auch heißt, den Tod gab. Der Tod, der Andere, immer der Tod des Anderen, nie meiner, selbst wenn es meiner sei… Es ist ein Buch von Trott, Tod, Trost und Trotz. Trauer und einer Art trust, Treue und Vertrauen, sowie truth, einer Wahrheit, der vor allem darum zu tun ist, die Toten zu bewahren; bewahren vorm Vergessenwerden. (Was voraussetzt, dass sich das Denken/Schreiben in jedem Zug selbst daran erinnern muss, dass es vergisst. Es wird, ganz, zu diesem Eingedenken seines eigenen Vergessens.) Ein Buch überdies, das schwer der therapeutischen Textgattung Consolatio zuzurechnen ist, weil es erbaut und erhebt nur um desto rücksichtsloser aufzuwühlen und verstören. Dennoch in gewissem Sinne, fast heiter, lichtet, schlichtet und die Vision einer anderen ars vivendi und moriendi aufscheinen lässt, sofern es sich, ganz simpel, einer Erfahrung der Aporetik (immer gleichwohl die Erfahrung der Unmöglichkeit von Erfahrung), sie präzise dokumentierend, überlässt, statt partout mantrahaft und mit deiktisch-didaktischer Gewalt und falscher Schlichtheit Unterkomplexität zu beschwören. Oder Konsistenz herzustellen, in dem Inkonsistenzen einfach umgangen oder an andere Orte verschoben werden. Von dieser Aporieerfahrungsbereitschaft zeugt die Unentschiedenheit, die das Buch — angesichts der Schestow zum Zeugen aufrufenden Einsicht, dass die Philosophie im Ganzen (und nicht etwa nur eines ihrer Binnen-Genres, die besagte consolatio) sich selbst labende und versichernde Trostrede sei — zwischen einerseits verwirklichtem Trostbuch und andererseits bloß und allenfalls Vorbemerkungen zu einem solchen, im Zeit verdrehenden Konjunktiv II Futur II Passiv: “Prolegommena zu einem Trostbuch, das nie geschrieben worden sein würde.” schwanken lässt.

Das Buch selbst (Bruch vielmehr, gebrochenes Volumen) ist: (k)ein Trost. Kein Buch, Bruch.

Die seit den Anfängen des abendländischen Denkens nicht enden wollende trotzige Frage nach dem Trost: die Frage nach dem Sein(ssinn). Parmenides seitdem unser Beistand und ständiger Begleiter. Doch wie sich das “Du bist bei mir” des 23.Psalms wie das jesuanische Wort “ich bin mitten unter euch” auf einen toten oder immer stetig sterbenden Gott bezieht (der aufersteht nur als Toter und damit zu denken gibt, dass Leben nichts anderes sein könnte als stetig auferstehendes Totes, zu Stande kommen von Darniederlage), erweist sich die Adjutanz des Parmenides (und des Begehrens für das sein Name einsteht), sein Para, als die ständige Präsenz eines Ruins. Paranoia des Nous. Wenn Platon in seinen Dialogen Parmenides und Sophistes das Denken am unerbittlichsten seinen Inkonsistenzen zuführte (und fortan hauptsächlich damit befasst war, die daraus erwachsenen Schäden wieder zu beseitigen), dann steht der, beim Wort in seiner vollen Konsequenz genommene Parmenides nicht nur als Gorgias dar, bildet mit ihm zusammen einen Doppelkopf, sondern steht auch ein für das Dabei-Sein (das Absolute will bei uns sein, heisst es auch bei Hegel) eines Fehls: er hat den Bruch, der das Sein als bauchiges Buch und Volumen ent-bindet, mit-gegründet und konsolidiert. Denn bei seinem Sein, das als ständig Stehender Beistand, ewigen Halt bieten soll, findet sich, als sein anderes, mit ihm selbst, ein weiterer Begleiter: der azephallische Zer-Fall, der alle Versammlung noch des kognitiven Kapierens und seiner Konzentration (die hier wieder nur in der meditativen Zerstreuung zu ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit findet), in sprichwörtlichem Sinn, versemmelt.

Wer sich fortan am chiastisch gebarrten être/lettre tröstet, tröstet sich auch an ihm, dem im Trost enthaltenen Rost. Die irreduzible Korrosion und Korruptibilität ist es, die, als ewig kommender Bevorstand eines “Vorbei!”, bleibt, sich unerbittlich durchhält. Er ist das Nichts, das nicht nicht sein kann. (K)ein Trostbuch/Rostbruch.

II

Geht es wirklich um Arbeit, fragt sich angesichts solcher Trauer mehr denn je, um ein, sich als Bewältigung verstehendes Machen, Beherrschung widerspenstigen Rohstoffs, dem mit gewissem Zwang beigekommen werden muss, damit er sich dem forcierten Willen zur Form fügt? Das Bewahrenwollen und -müssen jedenfalls, worum es sich, beim Schreiben, handelt, unterliegt einem doppelten Imperativ: “Die Toten nicht sterben zu lassen, sie einzubeziehen.” und die Uneinbeziehbarkeit, die Unbewahrbarkeit, die Unbewältigbarkeit, d.h. den alle Beschwichtigung als Verrat erscheinen lassenden Skandal dieses Todes, zu hüten. Einbeziehung unter Einbeziehung der Uneinbeziehbarkeit, die keine Marginalie ist, sondern die Hauptsache.

Die Toten nicht sterben zu lassen, sie einzubeziehen.

Und also, ohne glorioses Heil und Auferstehung, retten allein als Verfallen(d)e. Es gibt keine kompensatorische Wiedergutmachung für diesen Verlust, noch lässt er sich a-mortisierend zu einem Gewinn ummünzen. Aus der Lage könnte vielmehr wohl quintessentiell die Lehre gezogen werden (die oben genannte lange “Gelegenheit” des Buches umwendend/umreimend), welche Hölderlin in der Blödigkeit (“Blödigkeit, Blödigkeit”, S.144, bêtisen)

»Blödigkeit« — ist nun die eigentliche Haltung des Dichters geworden. In die Mitte des Lebens versetzt, bleibt ihm nichts, als das reglose Dasein, die völlige Passivität, die das Wesen des Mutigen ist; als sich ganz hinzugeben der Beziehung. Sie geht von ihm aus und auf ihn zurück. (Benjamin)

betitelten Ode in asklepiadischem Versmaß (die in einer anderen Fassung auch einmal Dichtermuth hieß und vermuten lässt, dass der Musen-Mut des Dichters gerade in der Gemütslage einer Blödigkeit genannten passiv-lässigen Empfänglichkeit liegen muss, womöglich nah an Keats´ vielfach als emsige Lässigkeit übersetzten “diligent indolence”) aus dem Zyklus Nachtgesänge so wiedergibt:

Was geschiehet, es sei alles gelegen dir!
Sei zur Freude gereimt, oder was könnte denn
Dich beleidigen, Herz, was
Da begegnen, wohin du sollst?

Bereits zu Beginn schiebt sich (im Nachsatz wird es rekapituliert), bei Gelegenheit, vors vom Begehren nach rostfreier Festigkeit, Beständigkeit, seelischem Halt, Ermutigung im Leid: Schmerzlinderung schreibend Rudernden ein Nichts,

Sein schien mir immer mehr: unausweichlich, ungerührt, unantastbar, unverlockbar, letztlich uninteressant in seiner Beschlossenheit. Frage nach der Möglichkeit des Denkens überhaupt, quälende Frage nach Notwendigkeit. immer mehr schob sich mir dabei die Frage nach dem Nichts vor die Frage nach dem Sein. (153)

was gegenüber der Schreckgestalt, die das nicht-nicht-sein-könnende (und nicht Nichts sein könnende) Sein bannen soll, ein anderes Nichts, das, gebender, löst und lässt. Dass ein Nichts nicht nicht sein könne, scheint nun mehr einzuleuchten als dasselbe von seinem Gegenteil zu behaupten; das Nichts imponiert vor allem als Antwort auf die Frage nach einem Machen, das nach handfesten, vergewisserbaren Resultaten trachtet — Was, nun, tun? –. Es ermuntert, ermutigt, ermächtigt zur paradoxen (Un)tätigkeit. Blödigkeit. “zugleich die Müdigkeit”. (43)

Macht was, macht nichts

Seine Vervollkommnung fände das Tun, wie sich hier erschreibt und fast zur Beschreibung des Schreibens selbst präzisiert, in einer bestimmten Unterlassung, dem Ablassen von allem plangeschmiedeten, zielgerichtet machen wollenden Wollen.

Im Zuge des Gewahrwerdens eines “Gelassen sein”, bereits in der Sehsucht nach ihm, das sich, gerade in seiner ruhevollen Gelöstheit vom Parmenideischen Vorbild detachiert – “dieser eine Parmenides”, dessen Name, als Metonym seiner Lehre, die sich wie das Eine gesammelt vor sich hinzustellen aufforderd,

und gar nicht soll dich die recht gerissene Gewohnheit in die
Richtung dieses Weges zwingen,
daß du dich verlierst im nicht-sehenden Gaffen und im lärm-
vollen Hören

und in der Zungenfertigkeit, sondern entscheide scheidend,
indem du in eins gesammelt vor dich hinstellst die Aufwei-
sung des vielfachen Widerstreits,
die von mir gegeben.«8

wird sich denkend-schreibend bald als Vielheit, als Nicht-Einer und höchstens sequenzierbares Palimpsest, Zeit- und Bewegungsbild, herausstellen —

Parmenides als Daumenkino […]

konturiert sich ein “Seinendes”, dem, wie dem Denunziator dieses Ausdruck und seiner unterscheidung zwischem wahren Weg (Fg. 8. 17-18) und “nicht wahrem, unwahrem, ungangbarem Weg” ebenso, die Doppelköpfigkeit selbst eingeschrieben ist.

let´s get lost

Wer bei Trost ist, kann nicht anders als in trauter Untröstlichkeit verbleiben und dennoch (darin liegt der Trotz eines möglichen unmöglichen Trostes) getrost aufatmen im Innewerden dessen, dass das ersehnte Feste nichts als das Lose, nichts als das nicht einmal zum Nichts eindeutbare Nichts ist. Eben also wohl das nicht-nicht, nicht? Plus d´un rien. Kein Nichts mehr/Mehr als ein Nichts. Kann man es Sprache nennen? Kein Wesen kann zu nichts zerfallen, weil jedes Wesen, unzerstörbar in seiner radikalen Zerstörbarkeit, immer schon bereits zu nichts zerfällt, weil es dieses ge- und ent-schehende und schichtende Nichts ist, das zu sich selbst zerfällt.

Kein Wesen kann zu nichts zerfallen!
Das Ewge regt sich fort in allen,
Am Sein erhalte dich beglückt!
Das Sein ist ewig: denn Gesetze
Bewahren die lebendgen Schätze,
Aus welchen sich das All geschmückt.

Goethe hat, schlicht, recht. Wenn auch anders (als er denkt. Oder wir denken, dass er dächte).

Ewige Vergängnis, ewiger Zerfall.
Ebenso hat also Parmenides, dem Goethe hier vergötzend das Wort redet, recht. Es gibt ein Sein, das nicht nicht sein kann. Das vor allem auch nicht kann, im Sinne jenes tätigen Sich-Durchsetzens vor dem Hintergrund einer Befähigung und Befugnis, sondern das sich selbst zustösst und widerfährt. Von diesem Nicht(s)-Können könnte sich “Kunst” herleiten. Es könnte heissen (in einer supplementären Serie aus Nicht-Synonymen): Nichtung ohne Richtung, (Ent-)Schichtung oder, schlicht: Dichtung.

*

Die Lage ist und bleibt: „a mess“. Jackson hält ihr eine messianische — einen gewissen Ausstand des Trostes, den Beistand allein dieses Ausstands — denn DU bist nicht bei mir, Du NICHT(Wicht) bist bei mir — feiernde — Messe.

Zu begreifen wäre diese Dichtung dann nicht als Mischung aus Dickung und Lichtung, vielmehr trägt sie beider unschlichtbares Zugleich, als ein Doppel, aus. Ein Dunkles, das ein Helles in sich trägt, ein Schweres, das leichter macht, lichtet und löst, verwickeln sich. Im chiastischen Schisma. Hier, in Jacksons ohne Beistand des Vaters (sei es des konsistenzgarantierenden Logos oder des Parmenides) umherschweifender Schrift im Exil und ihrer Suche nach einer anderen Sicherheit, die nicht mehr die des zureichenden Grundes und unerschütterlichen Fundaments, sondern die der Sprache und ihrer anderen Lösungen und Losungen — ihrem glückvoll lockernden wie schmerzvoll zersetzenden Sich-Frei-Machen — ist, denen es sich vertrauensvoll zu überlassen gilt, wird´s, ausschreibend, Ereignis.Wird´s: Sein gelassen. Wird´s Sein sein- und bleibengelassen. Mit Nichten. Den verzeihenden Sprung — im emsig untätig-medi(t)ativen Zu-, Durch-, Passieren-, Zeitlassen — ihn aufweisend, -reissend: rettend.9

eine Müdigkeit lässt Sein passieren, lässt es zu, das Brummen in den Erscheinungen aber beruhigt, lässt dich zu, es in dir passieren lassen, durch dich hindurch. und dann unschuldig warten, dass auch die Schuld des Werdens vergeht. es bleiben, sein lassen. (129)

 

(to be/continued…)

Tillmann Reik

[*] Die Anspielung auf auf Blanchots L’Ecriture du désastre, die Sternlosigkeit, Des-Aströsität des schreibenden Begehrens (desiderum-von den Sternen herbeiwünschen) soll die Logik des Verfalls und Vergehens erstmals aufrufen, die zu beschreiben sich der Text verschrieben sieht.

[**] Geben und Nehmen sind freilich ineinander verwickelt, insofern sie etwas gemeinsam haben, etwas teilen: das Teilen. Wenn das Geben von der Etymologie auf die Wurzel eines gewissen Nehmens zurückgeführt wird — ie. *ghabh-, *ghab-, *ghap- ‘fassen, nehmen’ (die letzte Variante wohl unter Einfluß der Wurzel ie. *kap- ‘fassen’, s. ↗heben) gestellt. — dann mit der Erklärung, nur was man genommen (wohl im momentan geglückten Glaube an ein Partizip Perfekt, ungebrochener Teilhabe eines Teils an sich) habe, könne man geben. Geben wird zu einem Modus des Nehmens. „Was man hat, auswählend ergreift, „nimmt“, kann man darreichen, schenken, „geben“.“ In den Worten Thomas Schestags „Jede Gabe und jedes „Es gibt“ bleibt teilbarer Effekt des Nehmens.“ (Para, S.48)

[***] Was das Beiseite-Lassen eines gewissen Beiseite-Lassens bedeuten kann: „Ein häufiger Begleiter des Spaßes ist die Forderung, ihn zu vermeiden. So Fritz Mauthner in Sprache und Logik (1913), wenn er den Satz vom Widerspruch und den Satz vom ausgeschlossenen Dritten als tiefsinnigen Unsinn betrachtet und verlangt: Lassen wir aber die logischen Kunststücke und anderen Spaß beiseite, […]. “ https://de.wikipedia.org/wiki/Spa%C3%9F . Spaß, von lat.expandere, ist zunächst das, was um sich greift und ansteckend im Raum ausbreitet. Aber ist er nicht darüber hinaus auch als diese sich-zeitigende Verräumlichung des Raumes selbst zu denken? Spaß, espacement, spacing: différance.

1Zu schlecht und schlicht, ehemals schlecht und recht dasselbe Wort, merkt Grimm an, nachdem im Lemma schlecht versucht wurde, das gute vom schlechten Schlecht bzw. Schlicht zu sondern:

— die schlimme bedeutung (s. R. Bechstein ein pessimistischer zug in der entwickelung der wortbedeutungen in d. Germ. 8, 330 f. J. Grimm kl. schr. 6, 339), in der in neuerer sprache schlecht fast ausschlieszlich (abgesehen von der formel schlecht und recht) gebraucht wird, ist verhältnismäszig jung; die so entstehende zweideutigkeit des wortes war die veranlassung, dasz sich die nebenform schlicht im sprachgebrauche befestigte und die guten seiten der bedeutung von schlecht an sich zog. schlicht (vgl. unter diesem worte) ist zunächst nd., wo noch jetzt slicht in einzelnen gegenden völlig das hochd. schlecht vertritt; andererseits ist im neueren nd. slecht unter hochdeutschem einflusse wieder gebräuchlich neben slicht oder auch allein, s. brem. wb. nachtr. 313. 314. Schütze 4, 115. 117. Schambach 193b. — :

schlicht, adj. , ursprünglich völlig synonyme nebenform zu schlecht […]

1) in ursprünglicher, sinnlicher bedeutung ‚grade, eben, glatt‘, s. oben schlecht 1—6, planus, slichtglat Dief. 440c, levis, slicht 326a; schlicht, planus, non crispatus, aequus, aequatus, glatt gemacht, nicht höckerig, nicht rauh. Frisch 2, 198a; schlichte fläche, glatte, ebene fläche Adelung. in dieser allgemeinen anwendung wird das wort nicht mehr gebraucht, nur wenn das glatte, ebene zugleich das einfachere, kunstlosere, weniger oder gar nicht geschmückte ist, z. b.: der architect wirkt in diesem raume durch ganz schlichte flächen und ähnl. vom haar: schlichte haare, coma non crispata sine cincinnis sive annulis Frisch 2, 198b (vgl. DWB schlecht 4); der zweyte .. war mit braunen und schlichten haaren geziert. Göthe 21, 5; die vom scheitel an schlichten, unterwärts aber sanft sich kräuselnden haare. 39, 128.

2) einfach, kunstlos, dem kostbaren oder reichgezierten entgegengesetzt (s. DWB schlecht 8, a). von kleidung, schmuck, auftreten, äuszerer lebenshaltung: schlichter anzug Campe; er trägt sich schlicht, geht schlicht einher; ein schlichtes haus bewohnen; ein schlichtes mahl, schlichte lebensweise u. ä. ein schlichter becher, ohne besondere verzierung; schlichter ring;

die, anspruchslos, in schlichter alltagshaube,

die niedern seegel gern vor stolzen flaggen streicht.

Gotter 1, 254;

Um später zu besonderen Verwendungen zu gelangen:

in besonderer anwendung:

a) schlichten heiszen die beiden schamseiten, leisten, weichen am menschlichen leibe Schm. 2, 504: um den leib und schligten vom haupt bis auf die füsz. Conbadinus ungerisch sucht (1574) 45; unden in den schlichten am dünnen, neben der scham. Paracelsus (1616) 1, 326 B; bede seiten und schlichten hinabwerts usque ad membrum muliebre. Hohberg landl. 1, 240b.

b) schlichte, bei den webern die masse, mit der sie die kettenfäden glatt machen (s. schlichten 9, a). Jacobsson 3, 626b; schlichte, so die wäber brauchend, colla Maaler 356b (vgl. Scherz-Oberlin 2, 1510); die schlichte auswaschen, lavando auferre collam e texto Frisch 2, 198b. der ausdruck ist durch ganz Deutschland verbreitet, vgl. Schmeller 2, 503. Schöpf 621. Hintner 219. Lexer 220. Hügel 139a. Vilmar 355. Hertel Salzunger wb. 40. Kleemann 19a. Dähnert 430a. Woeste 240a; in gleichem sinne werden sonst gebraucht mäsel (th. 6, sp. 1699), schmeiche, schmitte, schmitze.

2Schrift stünde dann — nicht entgegen aber in Komplikation des klassischen Stereotyps, sie stünde auf der Seite des Todes, während der Geist das Leben repräsentierte, — nicht nur auf der Seite des Todes, sondern eines bestimmten Todestods.

3Von gr. Litos kommen, beruft sich diese rhetorische Figur auf Schlichtheit und Simplizität. “ich kann nichts schwieriges in dem buch finden, außer dass man eine gewisse konzentrierte ruhe haben muss”, “mein buch ist doch im kern schlicht.” (“das „im kern“ gefällt mir bei genauerem hinsehen nicht”), sind dazu passend Aussagen des Autors, von denen implizit ausgegangen wird, um den Verschlingungen dieser Schlichtheit nachzuspüren. Auf der Suche nach einem nicht-schlechten Schlicht käme man zum sog. unendlichen Urteil, das Walter Benjamin, es von einem rein logischen zum genealogischen Konzept erweiternd, von Hermann Cohen übernahm, um von einem Ursprung als Strudel zu sprechen, der ein anders gedachter Anfang wäre. “Im Ursprung wird kein Werden des Entsprungenen, vielmehr dem Werden und Vergehen Entspringendes gemeint. Der Ursprung steht im Fluß des Werdens als Strudel und reißt in seine Rhythmik das Entstehungsmaterial hinein. Im nackten offenkundigen Bestand des Faktischen gibt das Ursprüngliche sich niemals zu erkennen, und einzig einer Doppeleinsicht steht seine Rhythmik offen. Sie will als Restauration, als Wiederherstellung einerseits, als eben darin Unvollendetes, Unabgeschlossenes andererseits erkannt sein. In jedem Ursprungsphänomen bestimmt sich die Gestalt, unter welcher immer wieder eine Idee mit der geschichtlichen Welt sich auseinandersetzt, bis sie in der Totalität ihrer Geschichte vollendet daliegt. Also hebt sich der Ursprung aus dem tatsächlichen Befunde nicht heraus, sondern er betrifft dessen Vor- und Nachgeschichte. Die Richtlinien der philosophischen Betrachtung sind in der Dialektik, die dem Ursprung beiwohnt, aufgezeichnet. Aus ihr erweist in allem Wesenhaften Einmaligkeit und Wiederholung durcheinander sich bedingt. Die Kategorie des Ursprungs ist also nicht, wie Cohen meint, [Fußnote] eine rein logische, sondern historisch.” http://gutenberg.spiegel.de/buch/ursprung-des-deutschen-trauerspiels-6523/2

4Wer etwa meint, es gäbe nicht nur das Seiende, sondern auch das Nicht-Seiende, der ist für Parmenides ein „Doppelkopf“, der führt eine zweideutige Rede, der geht auf einem Weg, auf dem man eigentlich nicht gehen kann. Aber gibt es nicht nur solche Wege?

5Thomas Schestags Para kreist um eine Kunst, “von der Hebel 1809 in einem Sendschreiben anmerkt, an sie erinnere »ein einziges Metier der Europäer«, das die ins Abendland verschlagnen Juden »CON AMORE« treiben: das Fleischerhandwerk. Es ist, in Hebels Worten, die den Juden angestammte »freye Kunst des Schlachtens«: das nehmendere Lesen. Und erinnert sei daran, daß die Vorrede zum »Schatzkästlein« empfiehlt, wie die Juden dort zu lesen anzufangen, wo andere aufhören. Die freie Kunst des Schlachtens, das zurückhaltende nehmendere Teilen des Glaubens an ein eigenes Geschlecht und eine eigne Sprache überhaupt, aus einem regellos genauen, singulären Grund – Lichen –, der weder als gegeben noch entzogen, weder als Etwas noch Nichts gelten kann […]”

6Die Verlässlichkeit der Quelle steht dahin: https://www.behindthename.com/name/parmenas/submitted

7Der HERR ist mein Hirte,

mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue

und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele.

Er führet mich auf rechter Straße

um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,

fürchte ich kein Unglück;

denn du bist bei mir,

dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch

im Angesicht meiner Feinde.

Du salbest mein Haupt mit Öl

und schenkest mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit

werden mir folgen mein Leben lang,

und ich werde bleiben

im Hause des HERRN immerdar.

Psalm 23

8Heideggers Übersetzung von Fragment 7, 2-8,1 in: Einführung in die Metaphysik (GA40), S.182

9Dass, dies sollte deutlich geworden sein, letzte Wendung gleichzeitg als Präzisierung und als Widerruf gelesen werden kann, ist der springende Punkt mit seinem Schlag.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s