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1024px-Satyros_Cdm_Paris_DeRidder509[1]Wann ist´s genug?

You can’t escape satire (Daniel Hooleys „Roman Satire“)

Die Satire freilich ist ganz unser (Quintilian,Institutio Oratoria X, 1)

Wie sattsam bekannt, ad nauseum bekundet (das Übelkeit erzeugende Zuviel ist das Thema!), hat Satire entstehungsgeschichtlich, einem hartnäckigen Volksglauben zuwider, den weinseligen Satyrn — ithyphallischen Walddämonen aus dem Gefolge des Dionysos/Bacchus/Liber —

Von römischen Dichtern werden sie mit den Faunen identifiziert.

Als ähnliche Naturgeister trugen sie Attribute des „Allgottes“ Pan ebenso wie manche des Priapos. Ihr Name bedeutete in einem Dialekt des alten Peloponnes „die Vollen“, was sich sowohl auf ihren Körperbau als auch auf den erotisch erregten Zustand bezog.

etymologisch wenig zu verdanken. Wurde spät erst mit diesen und den antiken Satyrspielen gedanklich assoziiert. Hat dann allerdings doch wieder, was nicht wunder nimmt, mehr als man denkt, die subversive Natur in Gestalt eines Ungezähmten, spitzbubenhaft Unartigen namentlich, mit ihnen gemein. Schelmische Ungebärdigheit als trotziges Aufbäumen gegen herrschende Gepflogenheiten scheint beiden zueigen:

Though Roman satire is sometimes linked to the Greek satyr plays, satire’s only connection to the satyric drama is through the subversive nature of the satyrs themselves, as forces in opposition to urbanity, decorum, and civilization itself. (wikipedia)

Der Satyr steht demnach sinnbildlich ein für die subversive Natur der Natur und die Doppeldeutigkeit von deren übergewaltigem Walten: nicht nur Schutz und Obhut gewährende Grundlage stellt sie dar, Rahmenbedingung und Vorbild aller gesellschaftlichen Machenschaften, sondern stets auch deren bedrohliche, exzessive (aber auch kühne und kesse) Transgression und provokative Infragestellung. Sinnbild sowohl maßloser Verausgabung wie besonnen wirtschaftenden Kalküls. (An)Ökonomie. Des Menschen „Naturbeherrschung“ genannte Geschichte sieht sich diesem Kontext einerseits engegegengesetzt, andererseits ist sie deren Erbe und führt ihre Operationen weiter.

Schale und Karren: Überladung

Demgegenüber und damit einhergehend findet sich eine semantische Verwandtschaft im satis, dem „Genug“, das Satyr, Satire, Satisfaktion, Sattheit, aber auch die Traurigkeit (sadness), miteinander verbindet:

Saturate comes from Latin satura, meaning “filled, stuffed.” It is related to Latin satis (“enough”) and English satire and satisfaction. (J.Hillis Miller, For Derrida)

Des Satyrs („der Volle“) Fülle, sein alkohol- und völlerei-induziertes Vollsein, seine strotzende, pralle Saturiertheit, sein bacchantisches Basta, immer im Begriff, dreist alle für verbindlich gehaltenen Grenzen zu sprengen, ist auch die der Satire: Sattsamkeit und Sättigung, sowie deren Überschreitung (eine Sattheit, die immer schon in Gefahr steht, zuviel gewesen zu sein: satt meint immer irgendwie auch „zu satt“) im Bilde der vollgestopften Überüppigkeit einer Obstschale:

Der Name »S.« stammt von satura, was ursprünglich eine Schüssel mit allerlei Früchten, sodann jedes Allerlei bezeichnete und zuerst von dem römischen Dichter Lucilius auf dasjenige angewendet wurde, was heutzutage S. heißt. Das Pasquill wurde zuerst von den Griechen (Jamben des Archilochos), die eigentliche S. dagegen durch die Römer ausgebildet. In ihr glänzten, nachdem sie durch Ennius eine geordnete poetische Form erhalten hatte und durch Lucilius zur literarischen Kunstgattung erhoben worden war, vorzüglich Horatius, Persius und Juvenalis. (Meyer)

Hochaufgetürmt und überquellend beladene Schale, die, so die Spekulation anderer römischer Etymologen, von einem Satyr im Gefolge des Dionysos/Bacchus dargeboten wurde. Immer schon geht es dann, in Wort oder Bild – und das gilt gerade auch für sparsame, auf den Punkt bringende Spitzen – um karikierende Überzeichnung: die, in ihrer taktlosen Unangemessenheit einzig angemessene Darbietung einer (nicht einmal zwingend inhaltlichen, aber doch sittlichen) „too-muchness“ als gezielt unartige, oft springteufelchenhaft reflexartige Reaktion auf ein anderes Zuviel: jenes gesellschaftlicher, meist moralischer Unziemlichkeiten, die so nicht länger hinnehmbar zu sein scheinen. Zuviel versus Zuviel, Genug gegen Genug.

Bezieht sich die Satire ihrem Namen nach auf die Überladenheit einer Obstschale, so deutet auch das Wort Karikatur – gemeint ist die bildliche Form der Satire – in diese Richtung:

Karikatur f. ‘übertrieben, komisch, grotesk, humoristisch verzerrte künstlerische Darstellung von Personen oder Sachen, Zerrbild, Spottbild’, um 1760 als Fachwort der Malerei aus ital. caricatura, eigentl. ‘Überladung, Übertreibung’, entlehnt, abgeleitet von ital. caricare ‘beladen, übertrieben komisch darstellen’ (spätlat. carricāre ‘beladen’, zu lat. carrus ‘Karren’, s. Karre). (dwds)

Überladene Schale, überladener Karren.

Grenzen

„Satis“, die Bestimmung, ja Bemessung der Grenzen und Limits, des Rahmens dessen, was „genug“ zu sein hat, wird für Horaz zum Zentrum der Satire, die er wie sein Vorgänger Lucilius „Sermones“ nennt. Dabei geht es ihm primär ums Erkennen jener von der Natur gesteckten Grenzen (fines), an denen sich vergeht, wer immer mehr braucht, wem nie etwas genug sein kann.

Sie [die Horazschen Satiren, TR] erheben den philosophischen Anspruch, die Laster in der Welt zu nennen, die für den Unfrieden in der Welt verantwortlich sind: Habgier, Ehebruch, Aberglaube, Maßlosigkeit usw

Doch wann eigentlich ist die anprangernde Kritik des Nichtgenughabenkönnes ihrerseits genug, wie ist sie angemessen, hin- und zureichend zu lancieren? Ist der Naturegriff als Kriterium der Maßgabe von Suffizienz in ihrer genannten Ambivalenz (vorbildliche Selbst-Moderation und bedrohliche Selbst-Transgression, ja, Unersättlichkeit in einem) zu gebrauchen? Zudem erschwert eine weitere Komplikation den Rekurs auf Natur als unanzweifelbarer Ratgeberin: Ihr Name (physis, natura) teilt sich auf in, einerseits, die Bezeichnung für eine Region des Seins, die einer anderen (techné, nomos …) entgegengesetzt ist. Andererseits hat Natur noch bei Kant und in heutiger Zeit die Bedeutung alles Seienden im Ganzen. Verfügt dementsprechend über kein Außen.

Horaz

Drei interessante englischsprachige Publikationen gehen der Selbst-Reflexion der Satire, ihrer versuchten, doch mißglückenden Selbstbezähmung bei Horaz, auf verschiedene Art, nach: Daniel Hooleys „Roman Satire“ (RS), Catherine Schlegels „Satire and the Threat of Speech in Horace’s Satires.“ (ST) und „Satires of Rome: Threatening Poses from Lucilius to Juvenal“ von Kirk Freudenburg. Und damit auch dem Paradox des Genug und der Sattheit:

„Satire’s favorite bad pun is satis; a moralizing ‘‘what’s enough.’’ Paradoxically, satire fills itself beyond satisfaction until the writer or reader, too late, cries satis, ‘‘enough,’’ naming the genre even while trying to escape it: you can’t escape satire.“ (RS)

Each of the first three Satires takes a slightly different turn on the concept of sufficiency, of what is satis. The outlook of these three poems expands from the point of view of one’s relation to oneself, outward to one’s relation to others. Horace’s pun on satura, through his use of the word satis and its affines, points to the theoretical path he will follow in his satire. If fullness is possible, then there necessarily are borders or limits (fines) that delineate this condition of satiety. (ST)

Demnach wird bereits deutlich: Wollte man die Satire zurechtweisen, in ihre Grenzen und Schranken verweisen, man hätte sich schon ihres ureigensten Prinzips, des „iam satis“ („es reicht!“) bedient, sie wider Willen bloß fortgesetzt.

Die Frage aber bleibt, wie das goldene Maß der Suffizienz zu bestimmen sei. Wann reicht es und ab welchem intolerablen Zuviel muss etwas durch anprangernde Intervention zum Aufhören provoziert werden? Wann ist die Intervention selbst genug und bereits zuviel, über eine — für eine in der Natur der Sache gelegene — Grenze hinaus vorgeprescht, die besser hätte respektiert werden sollen?

„To know what is ‘‘enough,’’ satis, is to know where the beginning and end are, where the center, the center of values, is.“ (ebd.)

Kann man das wissen, im Vorhinein? Geht es nicht jeweils neu darum, Limits zu definieren und damit auch die Limits der Limits? Bis zur Befriedigung, die im Gewande einer Satisfaktionsforderung, vergeltende, wiedergutmachende Genugtuung erwartet, die schlechterdings nie gegeben werden kann? Es ist nie genug und immer schon:

“ If satire in its root sense is all about overstuffing poems, or books of poems, with this and that, Horace would innovate by reading the pun negatively: (new) satire is about defining limits, finding satisfaction with satis, enough (RS, 117–119):

Thus how rare it is to find someone who can say he’s lived a happy life, who content with his given span, departs life as a satisfied guest (conviva satur); ‘‘that’s enough’’ (iam satis est).

It is hard not to feel the truth of this argument; the pun, satur/satis, is so obvious. And as Freudenburg points out, Horace’s last words, verbum non amplius addam (‘‘I’ll not add another word’’), demonstrate that ‘‘he, the poet who writes the poem and ‘defines’ its beginning and end, has found the very thing that the pile-obsessed fools inside the poem were so notoriously unable to find; that basic ‘enough’ of nature,’ and, as he goes on to say, of poetry.“ (ebd.)

 

Schlegels Einschätzung zufolge scheitern Horaz Satireversuche darin, sich selbst zu temperieren und angemessene Kriterien anzugeben für das, was angemessen gewesen sein wird.Gerade wo doch eine bestimmte Angemessenheit Unangemessenheit, ja Impertinenz, zu einem nicht unentscheidenden Teil voraussetzt und erfordert. Freudenburg fasst den Tatbestand folgendermaßen zusammen:

By now it is clear that, despite all protestations of containing just enough and no more, Horace’s Sermones are in fact big, thick poems, stuffed just as full and piled just as high as the works they try so aggressively to discredit.

Die Maßreglung der Satire, mit der sich ihr Autor immer unwohl gefühlt hat, aus sich selbst heraus, schlägt fehl, weil das satis seine Doppelbödigkeit nicht ablegen kann: es zieht und überschreitet eine Grenze im selben Zuge. Horaz wendet sich einem anderen Genre zu. Unangemessenheit wird Bedingung der Möglichkeit aller Anmessung geblieben sein.

Verbum non amplius addam. Iam satis est.

 

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