Nathan Englander: Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden

Das (selbst-)gerechte (Nicht-)Juden-(Nicht-)Spiel

„Der Hauptunterschied, wenn man den alten
Geschichten glauben kann, bestand darin, dass
Gott nicht mehr seine eigene Faust im Kampf erhob.“

Wenn Nathan Englander sich in seinem jüngsten Erzählband, dem der vielbeachtete Roman „Das Ministerium für besondere Fälle“ vorausging, erneut – wie bereits im prämierten Erstlingswerk „Zur Linderung unerträglichen Verlangens“ – den short stories zuwendet, kann man staunend beobachten, dass sich das zwischen zwei Isaacs, Singer und Babel, stilistisch zu verortende Talent des Autors weiter verfeinert hat. Welches nunmehr von einer Weisheit zeugt, die weniger dem Lessingschen Namensvetter und dessen für die Neuzeit so entscheidenden Toleranzbegriff verschworen ist, als dass die Erzähl-Haltung auf andere Art genuin GERECHT daher kommt. Dies weder im Sinne einer blind abwiegenden justitia, noch gar nach dem Bild alttestamentarischer Auge um Auge-Talion.

Güte-Siegel

Was ist dann aber gemeint mit dieser – weder auf- noch abgeklärten – Gerechtigkeit, worüber reden wir also, wenn wir über „Worüber wir reden wenn wir über Anne Frank reden“ reden?

Nicht direkt über das, wovon man, nach Wittgenstein, weil sich eben nicht darüber sprechen lässt, schweigen müsse. „Das Geheimnis des Glaubens“, wie der Katholizismus es nennt, wird explizit zwar weitestgehend ausgespart. (Wobei mitunter, wie in „Peep Show“, davon etwas aufblitzt). Judentum, von dem der 1970 geborene, orthodox aufgewachsene Englander sich schreibend immer weiter abgelöst hat, erscheint deshalb in seiner mit hebräischen und jiddischen Wort-Stolpersteinen (die in einem Glossar erklärt werden: „Er ging zu Cheder, hatte die peyes und all das. Aber in Amerika wurde er ein klassischer galusmonger.“) gespickten Prosa weniger in seiner religiösen Dimension, denn als sozialpsychologisches Milieu. (Dass der Autor vor kurzem eine von Jonathan Safran Foer herausgegebene Haggada neuübersetzt hat, widerspricht diesem Befund nur scheinbar.)
Aber eine seltsam mystische, kabbalistische Aura umwebt dennoch die acht in diesem Band versammelten, ihrerseits subtil miteinander verwobenen Erzählungen (oder Geschichten, Parabeln?), so unterschiedlich sie inhaltlich und formal beschaffen sein mögen, und hebt sie über die Sphäre bloß guten der gar meisterlichen Schreibhandwerks hinaus (die Arbeitsmethode Englanders folgt, wie man einem Interview entnehmen kann, der Maxime, die eigenen Texte zu lesen als wären es Fremde, Andere, denen geholfen werden muss und dabei zu erkennen, was ihnen fehlt, wo sie geändert werden müssen.) Vielleicht weil man spürt, dass hier nicht nur – mit eindrucksvollem Erfolg – versucht wird, dem Stoff, den Charakteren, der Dramaturgie technisch gerecht zu werden, sondern damit und dadurch, der aporetischen Problemlage ihrer Handlungen adäquat beizukommen.
Diese bewegen sich überwiegend im Spannungsfeld von Konflikten mit unendlichem Verhandlungsbedarf. Zwischen Juden und Juden (orthodox und liberal, fanatisch und moderat, wie in „Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden“, „Alles, was ich über meine Familie mütterlicherseits weiß“), Juden und Nichtjuden, Juden und Palästinensern („Ewige Nachbarn“), Juden und Antisemiten („Wie wir die Blums gerächt haben“). Und, in der Erzählung „Der Leser“ die scheinbar außerhalb jeglicher Religionszugehörigkeit angesiedelte, nichtsdestotrotz krypto-theologische Hassliebe zwischen dem letzten Autor alten Schlages und dessen einzig übriggebliebenem vergreisten Leser-Stalker.

Was resultiert aus der Art, wie Englander diese Stoffe behandelt, ist ein Eindruck von „Güte“, Gutsein, im doppelten Sinne: ethische Tugend (chesed, Huld, Wohlwollen) und Qualitätsprädikat.

Eingang zum „Garten der Gerechten“ in der Gedenkstätte Yad Vashem

Chassidim

„Es ist kein Spiel“
„…dass es kein Spiel ist, sondern eine Art Vorbereitung, aktiv pathologisch“
„Wie spielt man dieses Nicht-Spiel?“

Lauten die vorherrschenden Attribute „humorvoll“, „mutig“, „provokant“, „feinsinnig“, „komisch“, „tragisch“, „klug“, mit denen die Kollegen Foer, McCann, Roth, Franzen Engländers Werk rühmen, ist ein in diesem Güte-Sinne – und damit so unpathetisch wie möglich – verstandenes „gerecht“ (auch im Sinne frappanter immanenter Stimmigkeit einer nur vordergründig unprätentiös und konventionell daherkommenden Prosa), so scheint es, geeignet sie alle zu umfassen.

Umso wundersamer nimmt sich da die Entscheidung des Übersetzers Werner Löcher-Lawrence aus, das der Titelerzählung entstammende, den äußersten Ernst – einen sich wiederholenden Holocaust – antizipierende Anne-Frank-Spiel, was, wie wir erfahren, eher ein „Nicht-Spiel“ darstellt (im Original „The Righteous Gentile Game“) mit „Das selbstgerechte Nicht-Juden-Spiel“ wiederzugeben.
Ist es nicht jener „Gerechte unter den Völkern“ (‏חסיד אומות העולם‎ Chassid Umot ha-Olam), der vom Staate Israel an solche Nicht-Juden verliehene Ehrentitel, die während des Nationalsozialismus Juden vor der Ermordung retteten, auf den hier angespielt wird?
„Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet“, lautet das aus dem Mischna-Traktat Sanhedrin stammende Zitat, das der verliehenen Medaille eingeprägt ist.

Besagtes „Wer-wird-mich-verstecken-Spiel“ hat es also keineswegs darauf abgesehen, einen Selbstgerechten zu imaginieren (solche wären doch in der Überzahl und gerade zu meiden). Sondern es gilt dem gedankenexperimentellen Aufspüren genuin rechtschaffener, aufrichtiger, redlicher, charakterlich integerer – ja eben: gütiger – nichtjüdischer Bekannter, Gojim, in deren Obhut man vor antisemitischen Verfolgern im Falle neuer Pogrome sicher sein würde. Gerechte, denen man es wert ist, sein Selbst, für den anderen, der Gefahr auszusetzen.

Diese ungemein schwer auszulotende Demarkationslinie, von keiner göttlichen Heilsordnung mehr garantiert, welche das Gerechte vom Un- und Selbstgerechten trennt und Gerechtigkeit von Rache und Vergeltung (um die es in “Wie wir die Blums gerächt haben“ geht: „Als ich ihn so sah, begriff ich, dass ich immer denken würde, verletzt zu werden sei besser als zu verletzen – meine Schwäche.“), Spiel von Nicht-Spiel, Juden von Nicht-Juden, grundiert erkennbar Englanders gesamtes Schreibverfahren.

Diese sehr spezielle „Was, wenn es wieder losgeht?“-Angst

„Was ich zu sagen versuche, ob ihr das nun versteht oder nicht, ist, dass ihr das Judentum nicht allein auf ein schreckliches Verbrechen gründen könnt.“

Voller Enthüllungen von Verstecken in Verstecken in Verstecken präsentiert sich die titelgebende Eröffnungserzählung, eine Hommage an Carvers autodynamische Eskalationsstory „What We Talk About When We Talk About Love“ und beschreibt dabei das bizarre Szenario einer wahrhaften Heimsuchung:

Die seit ihrer Schulzeit vor 20 Jahren getrennten, einst besten Freundinnen Debbie und Lauren samt deren Ehegatten Mark und der Ich-Erzähler finden – nun so verschieden, wie man kaum sein kann (die eine in Florida lebende säkulare Jüdin, die andere zur chassidischen Ultra-Orthodoxie radikalisierte Jerusalemerin: sie und ihr Mann nennen sich fortan Shoshana und Yurisham) – im Zuge eines Besuchs der Israelis im Heim der US-Amerikaner über Wodkatrinken und das Pott des gerade aushäusigen Sohnes Trevor rauchen (das die treusorgende Mutter in dessen Wäschekorb, und dort wiederum in einer Bonbondose gefunden hat) in die unheimlichen Abgründe der jeweils anderen Partei, des anderen Ehepaars, hinein.

Stellt sich doch heraus, dass die weltlichen und um ihr Jüdischsein scheinbar so unbekümmerten Amerikaner in ihrem Haus eine Art Krypta errichtet haben, als geheimes Versteck, welches im Falle einer Judenverfolgung (in Florida!) ein unbemerktes Asyl abgeben könnte.

Jüdischkeit

„»Ist ’ne heikle Sache, ein Jude zu sein«, sagte Ace“

Was meint Jüdischsein, wer entspricht ihm eher und wird ihm angemessener gerecht, wer sind die echten Chassidim: Jene, welche auf dem Boden eines laizistischen Atheismus die Angst, aufgrund ihrer irreduziblen Andersheit verfolgt zu werden in sich nicht abtöten können, oder solche, die ihr Leben nicht länger bloß negativ über diese Angst definieren wollen und ihm im bewussten Vollzug religiöser Praktiken und der Einhaltung von Vorschriften im gelobten Land Judentum einen positiven, nicht „auf ein schreckliches Verbrechen“ gegründetes Fundament zu verleihen versuchen? Dabei wie Shoshana und Yuricham die Mischehe zwischen Juden und Nichtjuden als die eigentliche Bedrohung unserer Tage ansehen. Was davon ist gerecht, was selbstgerecht? Englander lässt diese Frage – gerechterweise – offen. So offen wie das Ende, in dem sich im Laufe des Spiels für alle Beteiligten der Eindruck breitmacht, der gläubige Mark/Yuri werde seine Frau aller Wahrscheinlichkeit nach NICHT verstecken.

Von den restlichen sieben short stories stellt mit Sicherheit – fabelhaft sind sie durchweg – „Alles, was ich über meine Familie mütterlicherseits weiß“ aufgrund ihrer experimentellen Anlage die interessanteste dar. Englander präsentiert in ihr eine numerisch geordnete Assoziationsabfolge dessen, was ihm wie in einem brainstorming zur eigenen Familiengenealogie in den Sinn kommt. Auch hier erweist sich die lose Anordnung, die aleatorische Serialität formal als so richtig und angemessen, so glücklich gefügt, dass der Eindruck entsteht, das zu Berichtende habe eben nur diese und keine andere Gestalt annehmen können, soll ihm keine Gewalt angetan werden.

*

Die Antwort auf die Frage, worüber wir reden, wenn wir über „Worüber wir reden…“ reden, wird sich mit einem Provisorium begnügen müssen, das gleichzeitig dringende Leseempfehlung sein will: Wir reden just, schlicht und einfach, über nicht mehr und nicht weniger als die mysteriöse Unausdeutbarkeit, die geheimnisvolle Richtig-, Stimmig- und Gerechtigkeit, das Nursoundnichtandersseinkönnen großer Literatur.

Tillmann Reik

Nathan Englander: Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden. Stories (Originaltitel: What We Talk When We Talk About Anne Frank). Aus dem Amerikanischen von Werner Löcher-Lawrence. Luchterhand. München, 2012. geb., 240 Seiten, 18,99 €.Verlagsinformationen zum Buch.Interview mit Englander in der Jüdischen Allgemeinen.

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