Werner Hamacher (1948-2017)

ἅμα1
Vers une Lingua licta
(Ablagerungen)

Wie der Mensch sich sezt, ein Sohn der Themis, wenn,
aus dem Sinne für Vollkommenes, sein Geist, auf Erden
und im Himmel, keine Ruhe fand, bis sich im Schiksaal
begegnend, an den Spuren der alten Zucht, der Gott und
der Mensch sich wiedererkennt, und in Erinnerung
ursprünglicher Noth froh ist da, wo er sich halten kann.
(Hölderlin, Pindar-Fragmente, Die Asyle)

Was sich im Versprechen mitteilt, […] muss das,
wenn auch noch so sanfte Entsetzen sein.
(Werner Hamacher)

Vorsatz

Inaugurative Setzungen übers Setzen (Stellen und Legen, deren einander ersetzende Dreieinigkeit das Setzen allein, hier, stellvertritt), das, ein weiteres Mal, Thema sein soll, folgen, gleich, auf den folgenden Satz. Es handelt sich, anders gewendet, um (Anti-)Thesen zum Thema des Thetischen, der Thesis, des tithénai (τιθέναι):

— Alles, was überhaupt zustande kommt und Beständigkeit an den Tag legt, gesetzt den Fall, so verfügte die mythische Ursprungsprothese der ontotheopolitologischen Rechtsinstitutionen2 Europas in performativem Konstativ, geht, nicht erst seit Gutenbergs Typen auch im Bereich dessen, was, unter Druck, dahin gelangt, geschrieben zu stehen, vom fortschreitenden, feststellenden Setzen und Entgegensetzen aus. Geht vom Setzen als Entgegensetzen, aus, das eine konstitutive, souveräne Instanz sich als Vermögen verbucht. Es geschieht dies genauerhin derart, dass besagtes Setzen, wenn es sich in seiner auto-autoritativen, positionierenden Pose als geltendmachendes, legitimierendes, behauptendes Einsetzen und Besetzen (darin ist es eine Nahme) und also Instituieren präsentiert, sowie resultativ in einem Gesetzen, dem prädikativen, propositionalen Satz (als begriffliches Urteil, als folgernder Schluß: S ist P.)

Hegel — noch einmal — will schließen.3

kulminiert, innehält, rastet. Dabei, in dem es sich selbst, als Instanz, re-präsentiert, die (ort)lose, mäandernde, verandernde Bewegung, von der es seinerseits abkünftig ist, das scheidende, schneidende: schreibende Ausgehen und Aufbrechen, die drängende Unruhe seiner Stasus, konstitutiv verstellt, unterdrückt und verdrängt. Dadurch aber aufhebt im doppelten Sinne: auslöscht und bewahrt wie ein Archiv: Museum und Mausoleum ineins. (Das Einsetzen und Besetzen wird in diesem Zug zum Beisetzen: es errichtet eine Grabstätte, indem es seine dogmatische Tafel aufrichtet.) Sodass sich des hypostasierten Satzes Status und Statut in seiner das Geschehnis sistierenden Statik nicht mehr ohne Weiteres als eindrücklicher Ausdruck nomadisch-migrantischer Flüchtigkeit zeigt. Sich nicht länger als vorübergehende und bloß zeitweilige Bleibe, die vergeht, ephemeres Refugium, transitorischer Halt ohne Halt zu erkennen gibt (während das bahnende, trassierende Vergehen, welches sich selbst nicht zeigt, diese Zersetzung, im Kommen, restiert). Sondern vielmehr zum independenten, sui-suffizienten, unerschütterlichen Grund seinerselbst, zum Ersten und Letzten, Einen und Selben, arche-telos, trotzig zusammenzieht und einschnürt; die Gewalt seiner Setzung, die er ist, sichernd, bewahrend und verwaltend. Unnachgiebig der stattgebenden Nachgiebigkeit gegenüber, welcher er sich verdankt, die sich in ihm niederschlägt.
Doch in der Erhaltung der Setzung, die reaktualisierende Wiederholung erfordert, schleicht sich unabdingbar je schon, stets und ständig, Differenz ein. Da diese Erhaltung mit der ersten Setzung beginnt, die immer schon die zweite ist, beginnt dies Einschleichen von Anfang an: Jedes Setzen setzt eine Differenz — von sich.

( — Zwei gegenstrebige Gewalten oder Kräfte zeichnen sich folglich bereits ab: diese der differenzierenden Eröffnung, jene andere der schließenden Festsetzung. Unmöglichkeit, sie zu trennen wie nicht zu trennen.Das Andere und das Selbe, will das heissen,  befinden sich in einer untrennbaren Nicht-Relation, die keines von beiden je rein für sich bestehen lässt, sondern jedes in ursprüngliche Komplizität, Komplikation und Ko-Implikation, bastardisierte Dyade als Minimum, verwickelt zeigt: ἅμα/hama/zugleich erweist sich folglich als das Ungesetz und Entsetz allen Setzens.)

— Nichts geht, somit, andererseits, in Entgegensetzung zu obiger Prämisse und Präsupposition oder schräg zu ihr, vom Setzen einer Instanz aus, das nicht, wi(e)der und wi(e)der, in Iteralteration4, von etwas anderem und anderem als anderem ausgegangen wäre. Die definiten, festgesetzten Sätze erweisen sich als einander (und sich selbst: selbander), einem Nicht ihrerselbst, ausgesetzt und diesem Ausgesetztsein als, Anfang vor allem Anfang, unhintergehbarer Öffnung exponiert. “Vor” aller Position und opponierender Negation (das heißt, in gewissem Sinne auch
in ihnen) “sitzt, steht, liegt” diese Exposition und Disposition selbst (als Zone der Prä-Fixe und Prä-Positionen: ent-, aus-, ab-, auseinander-, etc.) — nicht; sie lässt (gehen und zu), gewährt. Das Ausgehen, von dem das „Ausgehen von“ ausgeht, wäre nunmehr eines von nichts. Auf nichts hin.

*
“Was geschieht ist Abschied”,5

atheisierendes Adieu à dieu, und in der Weise solcher entbindenden Abschiedlichkeit: Ausgang, Exodus: Ab-, Ent- und Aussetzung. Und dies nicht nur zwischen zwei Polen des “Parting”, des départ, der partage, Geburt und Tod, sondern in einem Zwischen, einer Mitte, die ortlos und exzentrisch nirgendwo und überall, von nirgends her und nirgendwohin zu, herumirrt und dabei die Pole überhaupt erst als “Exstasen” auswirft.

Zugleich (hama) gilt demgegenüber jedoch ebenso:

Was geschieht, ist Schuld”.

mythische Verstrickung in einen Zusammenhang der Tauschökonomie deutungsloser Zeichen.

Gibt es Versöhnung und ent-sühnende Verzeihung, dann nur als Zeit

Die Zeit verzeiht. Sie – und sie allein – ist nichts als Verzeihung. Der Satz vom Grund, von der causa, vom αἴτιον, der ätiologische Satz par excellence setzt aus am Nichts dieser Verzeihung. Die Zeit erlaubt eine Geschichte ohne Grund. Sine fundamento, sine culpa et causa.”6

Der imponierende, mit kategorisierenden Zeichen zeihende,anklangend verschuldende Satz (als normierte syntaktische Einheit, präjudzierendes Proto-Dogma vor allem Inhalt, allein durch seine Form) erscheint dann vor allem, noch in seiner Verleugnung, als der Niederschlag, der Rückstand, die Ablagerung eines Lassens, einer grundlosen Verzeihung, die sich in ihm verstellt. Die Setzung des Satzes verstellt das Lassen, das er ist. Sprachgerechtigkeit muss es um dieses Lassen zu tun sein.

*

Hauptsatz

— Werner Hamacher versorgte überreichlich mit Sätzen.

Zugleich, d.h. zur gleichen Zeit, auf einen Schlag und im selben Zug (gr. hama) scheint — aus der Perspektive eines Lesers und in schlechter, aber als Hommage gedachter Mimesis seines Gestus (des „Das habe ich so nie gesagt.“- Verdikts könnte man sich wohl sicher sein) — Hamachers ganze Advokation — in dieser Fürsprache für die Fürsprache lag der Impetus seiner Interventionen, seines Einsatzes — dem Umsatz des Un-Sätzigen und vielleicht sogar Aus-Sätzigen (leprös Entgliederten und Ausgerenkten) der Sprache(n) zu gelten.

— Werner Hamacher versorgte überreichlich mit solcherart Sätzen, die Sprünge sind, die vom Setzen wie vom urteilend-schließenden Satzförmigen, vor allem von den Voraussetzungen (Prämissen), als Grund-Problem des Gründens kündeten, zugleich jedoch “formal” (aber „Form“ im Medium der Sprache kenn nur den gesamten Inhalt meinen) das syntaktische Fassungsvermögen von urteilenden Satzeinheiten, jenes, was diese beim besten Willen noch zu umfassen, greifen, integrieren, synthetisch aufzuheben im Stande sein können, bis kurz vorm Zerreissen — und oft genug darüber hinaus — überspannten. Wie weit kann im Diskursiven eine Integration als Desintegration gelingen, in wie weit muss sie sich, affirmativ, ihrer Dysfunktionalität überlassen?7

Bekümmert war er um jene Anteile der Sprache, in denen sie nicht, gesettled und arriviert, greifbare Verdikte, Doktrinen, Statements, Dikta, urteilende Sentenzen und kosmotheorische Gnomen liefert, die der praktischen Lebensführung und dem Denkvollzug Halt und Orientierung bieten8, sondern das Setzen thetischer Akte, Thesis-Taten (und damit jenes,was er, neben Ergontologie gelegentlich Ontothesiologie nannte und in späteren Jahren immer unabweisbarer mit einer Art Proto-Juridismus verschworen sah) einer Unsettledness exponiert ist, die es wie ein fundamentum concussum (und deshalb — eine bebende und irreduzible instabile Grundlage kann im klassischen Sinne keine mehr sein — ein schlechthinnig diffundierendes Afundament) trägt,– es ist dies das pherein einer Ferenz, die Hamacher noch vor Derrida als solche bezeichnet hat9 — aber indem es rückhaltlos fallen lässt. (Diesem Beben und dem, zufällig stützenden Auseinanderfall verschreibt sich etwa der Kleistaufsatz in Entferntes Verstehen.) Alle Fälle unter einer Regel, die durch diese phallische Fallförmigkeit erektiert, in ihrem Fall aufgefangen, sistiert und stabilisiert werden, als greifbarer casus zustande kommen, fallen jedoch je nur noch als gesetzte, vorliegende Zustände und fallen also, gerade, im Moment, nicht.

Es geht darum, die Identifizierung der Sprache überhaupt mit der prädikativen Urteilsfunktion, die nur eine von vielen ihrer Möglichkeiten ausmacht, aufzubrechen. Um diesem uneindeutbaren Brechen, dieser unaneigenbaren Mit- und Ur-Teilung, inne und gewahr zu werden, die man wiederum, diesmal in einem erweiterten Sinne, Sprache nennen könnte. Sprachen gegen Sprache für Sprache. Für Fürsprache.

Hamachers Plädoyer für den Afformativ, die Affiguration, die Öffnung und Anbahnung von Figuren und damit eine bestimmte, das Strikte und Gerade zugunsten des Krummen und Verqueren –dessen, was odd ist wie Kafkas Odradek, jene seltsame Spule und Sorge des Hausvaters — bestreikende Ent-Setzung und Unter-Lassung musste dessen Bastardisierung mit der Tat der Thesis und ihren Stelen immer wieder eingestehen, konnte dieses Zugleich (jenes temporal-intemporale Adverb hama, das in Derridas Schriften — Ousia et grammè sei nur ein Beispiel, so oft, wenn auch so oft versteckt, beim Namen genannt wird10) von Aporie — der Öffnung einer Unentschiedenheit, deren Präzisierung er immer zum Äußersten trieb –und Euporie — dem frisch-fröhlichen, um derlei Intrikationen unbekümmerten Sich-Einen -Weg Bahnens, zu dem auch die Massenproduktion von Richtsprüchen und Sätzen zählt, offenbar nur als tragisches Verhängnis betrachten. Am Schmerzhaftesten dürfte dabei vielleicht jene Erfahrung der eigenen Verstricktheit gewesen sein, Koimplikation und Kollaboration durch die jedes seiner in ihren Entscheidungen in letzter Instanz doch erstaunlich unbekümmert kurzen Prozeß machenden Worte zugunsten seines Mandanten (innerhalb eines unendlichen Verfahrens) — einer Sprache, die der Urteilsfunktion wenn nicht enträt, so doch sie bis zum Äußersten aufschiebt — den tödlichen Richtspruch über diesen, einerseits, jedesmal besiegelte. So wie in Kafkas Universum das Verlorensein an den anklagenden Urteilsprozeß erst mit der Aufnahme der Verteidigungsbemühungen und damit der Anerkenntnis der juridischen Modalität beschlossene Sache ist, so beerbt Hamachers advokatorisches Sprechen den (ver)urteilenden Juridismus und dessen Paternalismus der Höhe in vielen Aspekten — nicht zuletzt jenem Gestus der rigiden Intransigenz, der Unnachgiebigkeit gegenüber jeder Unnachgiebigkeit — vielleicht unheilvoll. Die Gesetzförmigkeit seiner eben diese aufbrechen wollenden apodiktischen Diktion mit ihrer Proliferation an konsequenzlogischen Konditionalprogrammen “Wenn dies, dann das” und “daraus folgt aber zwingend” — d.h. der Insistenz auf der Konsistenz einer argumentationslogisch korrekten, syllogistisch untadeligen Beweisführung, um damit eben diese zu widerlegen und ihrer Verfehlungen zu zeihen (Hamachers Hamartiologie?)11: über die Philologie hatte er gesagt, für sie gelte das “non sequitur” — steht dann für den Leser oft als Zeugnis eben jener Aporie, die zu verdeutlichen als Diaporie ihm die Hauptsache war. Die nicht auszuhalten, aber als unaushaltbare, unerträgliche ausgetragen werden kann und muss. Ihre Präzisierung — sie impliziert, dass Verstehen, was verstanden werden will, vielleicht nicht verstanden werden kann und wo doch, dann vor dem Hintergrund seiner Unmöglichkeit — ist die einzig mögliche. (Was auch bedeutet, dass Klarheit immer nur in der Verdeutlichung einer gewissen Dunkelheit bestehen kann.)

Wenn nun aber gesagt werden muß, daß die afformative Schicht der Sprache nur läßt, niemals aber setzt, so muß auch gesagt werden, daß alle Setzungen sich diesem Lassen verdanken, die Erinnerung an dieses Lassen bewahren und diesem Lassen ihre Setzung schuldig sind: das Lassen läßt also nicht einfach und läßt sich selber nicht ohne Rest aus dem Kreis mythischer Setzungen aus, sondern hält durch Verschuldung und das, was Benjamin Schickal nennt, an der Form der Setzung, der Rechtsinstitute und damit an einer Gewalt, die nicht rein ist, fest. Bloße Möglichkeit der Sprache überhaupt, kann das Afformative nicht anders, als sich in der Diversität ihrer Inzidenzen zu erhalten. Es kann nicht anders, als das zu werden, was es nicht ist, und wird immer zu dem geworden sein, was es nie war: was unzeitig war, überläßt sich der Zeit der Setzung, der Vorstellung und der Dauer, in der es der Dialektik von Rechtssetzung und Verfall ausgesetzt ist.


Hamachers dekonstruktive Philologie aus dem deutsch-französischen Geiste Szondis, Celans, Derridas und Blanchots suchte im Gefolge seines Lehrers Paul de Man und in einer Radikalisierung Austinscher Spreckakt-Theorie Sprache (die ihm oft Signum einer mit sich selbst nicht identischen Differenz zu sein schien), vor aller Sprache in der Vorsprache eines Versprechens, was selbst insofern je noch keines ist, als es sich bloß erst verspricht, in seiner promissiven, promessianischen Performativität jedoch, zugleich, immer die Drohung beinhaltet, sich gegen sich selbst zu wenden und nicht eingehalten zu werden und damit kein Versprechen zu sein. Bei Hobbes fand er es als kontraktuelles Versprechen („Wilde Versprechen“), in Kants Transzendentalphilosophie als alle sprachliche Äußerung leitender Imperativ, der schon eine Allopraxis über eine Handlungsmaxime fordert, die ein Lassen freilegt,

Der kategorische Imperativ, dieser Performativ, der alle Performative begründet, tut also nichts anderes, als den Afformativ der sprachlichen Mitteilbarkeit erscheinen zu lassen. Er setzt nicht eine universelle Regel, ein Gesetz, sondern setzt der ungesetzten Mitteilbarkeit seiner eigenen Sprache aus. Im Unterschied zu allen anderen, wesentlich performativen Imperativen, ist er kategorische in seiner von Benjamin radikalisierten Fassung Entsetzung alles dessen, was durch normierende oder regulative Setzungen die Mitteilbarkeit der Sprache verdecken könnte.”12

bei Fichte dann in einer originären Thathandlung des Sprechens und bei Marx in der Sprache der Ware („Lingua Amissa“). Einer Warensprache „voll metaphysischer Mucken und theologischer Spitzfindigkeiten“ — das macht sie zur Sprache der gesamten politischen Ontotheologie des Abendlandes und ihrer Spukgeschichte — , die eine wahre Sprache verspricht, aber dieses Wahre doch nie aus dem Bannkreis einer Ware und ihrem Fetischismus entkommen lassen kann.

Oder doch?

Aller Humanismus mit seinen Gleichheitspostulationen spricht mit den Waren von der allgemeinen Äquivalenz und damit: vom Kapital. Mit der A-Kategorie des Versprechens lässt sich allerdings eine Struktur (auch hier würde Hamacher zumindest von Distruktur oder Destruktur sprechen) freilegen, die ein alle Äquivalenz ermöglichendes Surplus ins Spiel bringt, deren Tragweite für Hamacher nicht zu ermessen ist:

Es wird für mich immer erstaunlich bleiben, daß das Motiv des Versprechens, das ich — freilich belehrt durch Heideggers Analysen zur Vor-Struktur des Daseins – zunächst bei Kant und Nietzsche beobachtet habe, zu einem der Berührungspunkte zwischen Derridas Arbeiten und den meinen geworden ist.13

Es ist zunächst als Sprache — Medium aller Medien — das Versprechen eines Versprechens im Sinne einer promissio der eschatologischen, messianischen Verheißung. Aber genauso spricht Sprache, indem sie irreduzibel fehlt, sich selbst mangelt, absentiert und also aussteht; aber auch sich selbst und die Sache, deren externe Referenz Sprache in ihrem Inneren spukhaft herumgeistern lässt, verfehlt. Versprechen ist Sprache deshalb auch als stetiger lapsus linguae, als ein ruinöser, man könnte sagen: auto-dekonstuktives Brechen im und als Sprechen. In und als Sprache so etwas wie eine tranzendentale (Ko)Ruption zu sehen, ein aller kriminologischen Identifikation, allem letztlich überführenden Stellen durch die Maschen schlüpfendes Verbrechen ist eine weitere Dimension. „Wer spricht ist noch nicht gerichtet.“ Nichts als Relikt ihrer Delikte (die Grenzen des mit Fug und Recht Gesetzten Überschreitens) ist sie selbst Überbleibsel und Hinterlassenschaft, -likt, eines linquere: Lassen. Lingua licta, lingua liquens. Linqua. Von hieraus geben die Sätze sich in einem anderen Sinne zu verstehen: als Rückstände, Ablagerungen und also Überbleibsel von etwas, das sich, wieder in voller Äquivokation, die auch das aus dem Staub machen beinhaltet, abgesetzt hat. Spur eines Sich-Davon-Machens. Hamachers eigene Prägung für eine seinem unvollendeten Projekt (soll man sagen: seiner Mission?) eines Denkens der Sprachgerechtigkeit entstammende Spracheinräumung lautet lingua missa, lingua amissa:

Diese Ad- oder Amissiva können nun nicht als fundamentalere Sprachhandlungen gedacht werden, in ihnen wird eben nicht gehandelt und nicht vollzogen, sondern zugelassen und eingeräumt, gewährt und überlassen, und zwar in nicht regulierbarer, jedesmal singulärer Weise, und jedesmal so – deshalb Ad- oder Amissiva –, daß eine Zulassung und Einlassung zugleich ein Fahren- und Fallenlassen, eine Aufgabe und ein Verlust sein kann.14

Jene Amission entpuppt sich nunmehr als Prämisse aller Prämissen.

Über das so, nämlich nicht mehr per-, sondern afformativ, verstandene Versprechen (ein wegbahnendes Er-Sprechen) kann dann Sprache, selbst wenn sie nichts als die funktionale Äquivalenz der Waren verspricht, mehr und anderes sprechen, anderes versprechen als sie selbst:

Was sich im Versprechen mitteilt, muß also über alle Formen der transzendentalen Subjektivität und ihrer polit-ökonomischen Institutionen, es muß über das Kapital und die von ihm bestimmte Arbeit hinausgehen und aus ihrer Exzendenz all ihre Gestalten im voraus, im Voraus- und Ver-sprechen, transformieren und ins Trans jeder Form versetzen. Es muß, von Anbeginn über alles in irgendeiner Weise Gesetzte hinaus, ein Monstrum an der Grenze der Erscheinung, der Sichtbarkeit und Vorstellbarkeit sein. Es muß das,wenn auch noch so sanfte, Entsetzen sein.15

Das oft schreckenerregende, im Wortsinne entsetzliche im unerbittlichen Rigorismus dieses Schreibens mag mit dem Syntagma einer “Kritik der Gewalt” am besten bezeichnet sein, wenn dieses über seinen gewöhnlichen Genitivsinn hinaus gegen den Strich gehört wird als die Gewalt, die dem krinein selber eignet: wüstes, wütendes Walten eines Teilungsgeschehens einer “Urteilskraft”, ursprünglichen Mit-Teilungskraft und ihrer Effekte: Aus-Einander-Setzung.

Nachsatz

Die Herkunft des ersten Elements ist umstritten: Wahrscheinlich liegt hier althochdeutsch waron, „(be)wahren, Acht geben“, zugrunde, oder das verwandte warnon, „sich vorsehen, sich hüten“, (vgl. „warnen“), eigentlich „auf etwas sehen, etwas gewahren“. […] Nach anderer Deutung geht dieser Namensteil zurück auf althochdeutsch weren, „wehren“. 16

Etymologisch leitet sich der Name „Hammacher“ oder „Hamacher“ von rheinfränkischen (oder ribuarischen?) Handwerksbezeichnungen ab, nämlich den „Hamenmachern“. Der Wortstamm „Hamen“ gehört zu „haben“, so es „fangen“ oder „halten“ bedeutet. Im Schwedischen ist „haemta“ gleichbedeutend mit „fangen, nehmen“. Bei den Lateinern heiß die Angel „Hamns“, italienisch „Hammo“, im französischen findet sich dafür das Wort „Hain“. Das lateinische „Hamns“ bedeutete aber auch „einen Ring, der etwas hält“, so wie in der Landwirtschaft das Kuhhamen, einem haltenden hölzernen Ring, den man den Kühen um den Hals legt, um sie damit z.B. an der Futterkrippe zu befestigen. Im „Osnabrückischen“ ist Hamm sowohl ein Hamen zum Fischfang, als auch ein Kummet (Zuggeschirr für Pferde). 17

Werner Hamacher est le nom singulier pluriellement porté par tous les porteurs et les émetteurs de signaux, d’appels. de cris et d’alertes. de gestes. d’emblèmes, de marques, de traits et de tons, de timbres, de couleurs, de clins et de winke, de toutes les facons de Ha ! qui peuvent annoncer nos présences inquiètes […] (Jean-Luc Nancy)

Man wird im einen Teil der Signatur dieser Texte, Werner, den (Ent-)Ferner, so nah er sein mag, mithören müssen; zugleich und gleichwohl (hama) aber auch den prophetisch-apotropäisch wahrenden Warner gewahren, der im Versuch, dem alles Gewahrte überhaupt ermöglichenden wehrlos Unbewährten — der gelassen-lassenden Sprache selbst — zur Sprache zu verhelfen, dieses, in einer Unvermeidlichkeit, um die er weiß, immer auch wieder erneut, zugunsten seines anderen, der verstellenden Setzung, auf Distanz hält. “Hamacher” hingegen — das spanische Verb jamaquear/erschüttern klingt an, der hebräische chaver im cher: Freund mit dem man sich über Buchseiten biegt — das Ach! und das Machen (poesis) und wie sie zugleich aus ein und demselben Unzusammen sich verlieren. Chèr hama.

Der Vortrag “TÒ AUTÓ , THE SAME, – – (Celan with Parmenides and Heidegger)” aus dem Jahre 2014 wendet sich diesem Selben, darin abrückend von Heidegger (dem nichtsdestominder diese Dimension des Lassens, der Gelassenheit, dem Seinlassen als Sich-Einlassen, alles andere als fremd war) nicht mehr als Versammlung in zu-neigender Innigkeit gedacht, die aller Zerstreuung voraus geht18, sondern rückhaltloser Verlust und Vergessen, noch einmal, mit Celan, zu. Im hama, dem gespenstischen Doppelgänger des homo und Verwandten des gotischen sama, von dem die Einsamkeit, die Gemeinsamkeit wie das Zusammen und die Versammlung sich herschreiben, zeigt sich Einunddasselbe als, zugleich Kein-Ein, Zugleich von Zugleich und Unzugleich. Same des sama/hama, der keimhaft aufbricht, damit aber auch: Selbstverlust als Bedingung der Möglichkeit dafür, dass etwas, als Begegnung, sich ereignet:

Getrennt,
fall ich dir zu, fällst
du mir zu, einander
entfallen, sehn wir
hindurch:

Das
Selbe
hat uns
verloren, das
Selbe
hat uns
vergessen, das
Selbe
hat uns – –19

*

Es bleibt (umso mehr vorm Hintergrund des abgründigen Grund-Satzes  aller Sprache: “Das habe ich so nie gesagt.”):

die wildernde Überzeugung,
daß dies anders zu sagen sei als
so. 20

Denn:

Nichts ist noch gesagt.21

 

Tillmann Reik

1Das altgriechische hama, verwandt mit dem gotischen sama, wie es noch etwa in der Versammlung steckt, bedeutet etwa so viel wie zugleich, zusammen, mit und leitet sich her von der proto-indoeuropäischen Wurzel *sem. Vgl. auch Fußnote 8.
2
Inwieweit dieses Kompositium als Pleonasmus verstanden werden kann, Recht als Ontologie verstanden werden muss und umgekehrt, inwieweit es mit “Präsenzmetaphysik” oder “Idealismus” zusammengedacht werden kann, und ob Werner Hamacher sich, wenn er sich an diesem oder etwas ähnlichem abgearbeitet haben sollte einem Popanz oder selbst konstruierten Pappkameraden auf den Leim gegangen ist, sind Fragen von höchster Relevanz, die jedoch in diesem Versuch keine Beantwortung erfahren werden. Zum Popanz siehe immerhin eine Rezension von Dieter Thomä von 1998 zum Entfernten Verstehen, abrufbar unter: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezension-sachbuch-sag-beim-abschied-leise-subjekt-11319580-p3.html
3
So beginnt die monumentale Einführung des 30jährigen Hamacher zu Hegels “Geist des Christentums”. von 1978, die das Mal, die singuläre, aber immer schon der Wiederholbarkeit überantwortete Markierung auch von ihrer inkorporierend-digestiven Seite her denken lässt: ein Mal is(s)t ein Mahl.
4
Die Sprache mit Neubildungen zu befremden kann eine Lizenz von Hamacher mißbrauchen, welche dieser einmal wie folgt beschrieben hat: “Bei der Bildung des Wortes – oder Vor-Worts – »afformativ« (zum erstenmal in »Afformative, Strike«) oder »bifformativ« nehme ich dieselbe Lizenz in Anspruch, die Austin für die Einführung des Begriffs »performative« brauchte. Nicht um die Befremdlichkeit dieser Begriffe zu mildern, sondern um die Befremdlichkeit inzwischen kodifizierter und konventionalisierter zu betonen, erinnere ich daran, daß Austin es mit »performatives« nicht genug sein ließ, sondern auch von»illocutives« und »perlocutives«, von »verdictives«, »exercitives«, »commissives«, »behabitives« und »expositives« spricht (in: »How to do things with words«, Harvard University Press 1962; pp. 153-64).”
5
Dieser Satz findet sich sowohl im Entfernten Verstehen wie in der 34. These der 95 Thesen zur Philologie, hrsg. von Urs Engeler, roughbook 008, Frankfurt a. M. und Holderbank 2010, S. 35.
6
„Schuldgeschichte. Zu Benjamins Skizze ‚Kapitalismus als Religion’“, in: ‚Jüdische’ und‚Christliche’ Sprachfigurationen im 20. Jahrhundert. Herausgegeben von Ashraf Noor undJosef Wohlmuth, Paderborn: Schöningh 2002, S. 215-242. Hier S.217 und S.241-242.
7
“Das Ideal des Kaputten” eine kurze Notiz Alfred Sohn-Rethels zur Neapolitanischen Vorliebe fürs notdürftig geflickte Defekte verlas W.H. ganz zu Ende seines Vortrags “Technik, Löffelheit, gedachter Verstand” am Bochumer Kolloquium Medienwissenschaft. Abrufbar unter: http://www.ruhr-uni-bochum.de/bkm/archivseiten/23_hamacher.html
8
Ganz im Gegenteil etwa zu einem diätetisch-consolatorisch-therapeutischen Gebrauch der Sprache (von dem, manchen Mutmaßungen gemäß, die späten Turmdichtungen Hölderlins als Kompensationsstrategie für das, worin er bis zur “Umnachtung” zu weit gegangen war, zeugen), ist allen Hamacherschen Annäherungen Provokation wie Exzitation (das: “Jezt komme, Feuer!”) eingeschrieben.
9
Und die übrigens mit dem verwegenen “Ver-” des Versprechen von dem gleich die Rede sein wird, semantisch eng verwandt ist.

10
Die gesamte Tragweite des “différance”-ähnlichen hama für Derrida kann hier nicht erläutert werden. Ausschlagebend sind allerdings jene Zeilen in der Beschäftigung mit Heideggers “vulgärem Zeitbegriff” am Beispiele der Aristotelischen Physik: “Toute la gravité du texte d’Aristote est appuyée sur un petit mot à peine visible, parce qu’il paraît évident, discret comme ce qui va de soi, effacé, opérant d’autant plus efficacement qu’il est dérobé à la thématique. Ce qui va de soi et fait ainsi jouer le discours en son articulation, ce qui désormais constituera la cheville (clavis) de la métaphysique, cette petite clé qui ouvre et ferme à la fois en son enjeu l’histoire de la métaphysique, cette clavicule où s’appuie et s’articule toute la décision conceptuelle du discours d’Aristote, c’est le petit mot ama. Il apparaît cinq fois en 218 a. Ama veut dire en grec « ensemble », « tout à la fois », tous deux ensemble, « en même temps ». Cette locution n’est d’abord ni spatiale ni temporelle. La duplicité du simul à laquelle elle renvoie ne rassemble encore et en elle-même ni des points ni des maintenants, ni des lieux ni des phases. Elle dit la complicité, l’origine commune du temps et de l’espace, le com-paraître comme condition de tout apparaître de l’être. Elle dit, d’une certaine manière, la dyade comme le minimum. Mais Aristote ne le dit pas. Il développe sa démonstration dans l’évidence inaperçue de ce que dit la locution ama. Il la dit sans la dire, il la laisse se dire.” Marges – de la philosophie, Les Éditions de Minuit, 1972, p.64f.
11
Womöglich verdankt sich dieses Verhängnis (Derrida hat es in seiner ersten Heidegger-Vorlesung aus den 60er Jahren analysiert) der Resilienz des Dispositivs der “Widerlegung”. Sämtliche Analysen, die sich dem traditionellen Textcorpus mit dem Habitus zuwenden, die dort behandelten Probleme erführen eine unzureichende oder gar verfehlte Behandlung, lassen das ontologische Metaphysikon der “Widerlegung” selbst unangetastet. Kann man aber, wenn es um eine Problematisierung eines bestimmten Urteils selbst geht, Denken als ein Aufspüren von Verfehlungen der Urteilskraft begreifen, wie Kants Juridismus es wollte: „…als Kritik, um die Fehltritte der Urteilskraft (lapsus judicii) im Gebrauch der wenigen reinen Verstandesbegriffe, die wir haben, zu verhüten, dazu (obgleich der Nutzen alsdann nur negativ ist) wird Philosophie mit ihrer ganzen Scharfsinnigkeit und Prüfungskunst aufgeboten.“ (KdrV, Einleitung. Von der transzendentalen Urteilskraft überhaupt
.)
12
Afformativ, Streik, S. 355
13
Lingua amissa, in: Z ä suren . E – Journal für Philosophie, Kunst, Medien und Politik. Heft 1:Juli 2000. S.92 Abrufbar unter http://gctholen.info/wp-content/uploads/2014/11/Z%C3%A4suren-Info.pdf
14
ebenda, S.111
15
ebenda, S.92
16
https://de.wikipedia.org/wiki/Werner
17
http://wiki-de.genealogy.net/Hamacher_(Familienname)
18
Bei aller immer wider aufblitzenden Tendenz der Heideggerschen Texte, Versammlung als eine Versammlung des Nicht-Versammelbaren und also als primordiale Dissemination zu denken, machen sich dominante Deutungsabsichten wie die folgende doch immer wieder geltend: “Denken wir diese alles Sammeln und Lesen durchwaltende >Ver-sammlung<, dann geben wir diesem Wort eine einzige Würde und Bestimmtheit. Ver-sammlung ist das ursprüngliche Einbehalten in einer Gesammeltheit, welches Einbehalten erst alles Ausholen und Einholen bestimmt, aber auch alle Verstreuung und Zerstreuung erst zuläßt. Die so verstandene Versammlung ist das Wesen des Lesens und der Lese. Lese und Sammlung so gedacht sind ursprünglicher als das Verstreute und die Zerstreuung.” GA 55 – Heraklit. 1. Der Anfang des abendländischen Denkens (1943).
19
Celan, Zu beiden Händen (Die Niemandsrose).
20
Paul Celan, UND KRAFT UND SCHMERZ, in Gesammelte Werke, hrsg. von Beda Allemann und Stefan Reichert, Band 2 (Frankfurt am Main: Suhrkamp 1983), 398

21
Der Satz Schlegels wird nach Hamachers Essay Der ausgesetzte Satz. Friedrich Schlegels poetologische Umsetzung von Fichtes absolutem Grundsatz zitert: Entferntes Verstehen – Studien zur Philosophie und Literatur von Kant bis Celan,Frankfurt/Main: Suhrkamp 1997; 2011, S.195

 

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