Lagaties Alogie

Die möndliche Rede oder: Wie den Sinn einer Suppe ohne Schnittmuster lesen? Zu Kathrin Lagaties Einakter Lunatalk (klick)

Die Erde ist ein Mond der Rede.
(Oswald Egger)

Wir bedenken das Wesen des Handelns noch lange nicht entschieden genug.
(Martin Heidegger)

Denn dem Streit, den Herakleitos nachmals auf den zwischen Göttern und Menschen, Freien und Versklavten einschränkt, fehlt das Entscheidende: der Unterschied zwischen Mann und Frau.
(Friedrich Kittler)

Und tatsächlich liegt ja künstlerisches Erleben so unglaublich nahe am geschlechtlichen, an seinem Weh und seiner Lust, daß die beiden Erscheinungen eigentlich nur verschiedene Formen einer und derselben Sehnsucht und Seligkeit sind.
(Rainer Maria Rilke)

…pour l’instant, je ne baise pas, je vous parle, eh bien! je peux avoir exactement la même satisfaction que si je baisais. C’est ce que ça veut dire.
(Jacques Lacan)

In place of a hermeneutics we need an erotics of art.
(Susan Sontag)

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Entr´acte. Exakte Einakter-Karteien

Frei heraus gesagt, was stillschweigend gemutmaßt werden muss; nichts anbrennen lassen, selbst auf die Gefahr überhitzter Schaumschlägerei hin (so jedenfalls die Art, wie er SIE – fast eine luzide Lucinde oder Lucile1, Schaum, Gesang und (Ver-)Locken evozieren Sirene-Rheintochter oder auch Kirke, allesamt Gestalten der Aphrodite2— sieht; anders gesagt: wie Ersie/Sier (um den irreduziblen Hermaphroditismus, die primordiale Androgynie sogleich umißverständlich bi-sexuell -trans-gender und -genre zur Sprache zu bringen, die eigentlich eines geschlechtergerechteren Dualis bedürfte3) singen sieht [womit bereits eine provisorische Charakterisierung eines grundsätzlichen Wesenszugs von ihr bereitsteht: sie singt und wird (ihr Singen, das sie ist, verbergend) gesehen: inwiefern sicheln und sticheln sich, melo(s)-dramatisch, diese Sichten? Und: Wer sind sie, die Singende und ihr Anderer, überhaupt? Ein Paar, Geschwister, gar Zwillinge? Oder ein Zweiling, Zwille, Zwiesel, also weniger in sich geschlossene Dyade, die einer Komplementaritätslogik gemäß mit sich selbst genug hat, denn eine Öffnung, die Überschwänglichkeit eines Mangels, graphematisch gefäßartig darzustellen wie Blütenkelch, Amphore oder, klar, Gral: Y oder V oder U?]:

ER: Kämmst die Locken als wären sie aus Glas
Schäumst alles auf heißer Flamme
Bis die Milch verbrannt ist und
Niemand mehr sieht wie du singst. ):

(Um Flüssigkeiten, Werkstoffe, Gerüche, Beleuchtungsverhältnisse zu registrieren, sortieren und inventarisieren und überhaupt ein spezifisches ästhetisches Sensorium für dergleichen Parameter zu entwickeln – d.h. lernen, sie sich mit allen Sinnen munden zu lassen und dieses Genießen als Verstehen zu begreifen: eine andere Ästhetik wie eine andere Hermeneutik sind nötig4 – würde ein bildgebendes Verfahren, das auf Farbkontraste setzt, Verwendung finden müssen, was hier in voller Konsequenz nicht realisierbar ist. Verbuchen wir also bis jetzt: Milch (gr. gala), als geheimnisvolles Sekret ein hapax legomenon im sezierten Korpus und G(a)las (das im Stück, zählt man die Darreichungsformen Fensterglas, Glasur und Plexiglasdach mit, viermal vorkommt):

“Glas ist nicht umsonst ein so hartes und glattes Material, an dem sich nichts festsetzt. Auch ein kaltes und nüchternes. Die Dinge aus Glas haben keine »Aura«. Das Glas ist überhaupt der Feind des Geheimnises. Es ist auch der Feind des Besitzes.” (Benjamin)

Ist nicht glasklar, dass die reine Durchlässigkeit, diaphane Transparenz und Transluzenz des glatten Glases für den Blick (gesetzt es spiegelt und bricht nicht, und das tut es eben leider doch) und das Licht — Aura nannte Benjamin an anderer Stelle auch die Fähigkeit des Dings, den ihm gewidmeten Blick zu erwidern, dem Glas fehlt sie vielleicht? — die Festsetzungs und Besitzfeindschaft des Glases, also seine Geheimnisfeindlichkeit umso geheimnisvoller macht? Ist es nicht mysteriös, dass das Glas mit mysterium und secretum — fast — nichts zu tun haben will, sich davon absondert?

Verdacht: Hier wird ein glasklares Verhältnis “unterhalten”, in und über Sprache, diese milchige Unverhältnismäßgkeit, von jener selbst.

A relationship is maintained [s’entretient]. It is not completed. (Jean Luc-Nancy, Coming)

Den Anfang macht die Gattung der Gattung. Schon mit dem Titel Lunatalk (Mundus titulis titillatur) ist bereits eine Art Gattung benannt: in dem, was kommt, geht es um sprachlichen Kontakt als Gespräch, Plausch, Schwätzchen, Konversation, Dialog, Unterredung (weil es in medias res des Inter geht, des Zwischen der Zwei) mutmaßt man, bereits mehr als einen Sprecher unterstellend und wohl mit Recht. Obgleich talk auch den Vortrag eines monologisierenden Redners vor einer Zuhörerschaft meinen könnte, die zumindest äußerlich schweigt (während sie innerlich womöglich unaufhörlich antwortet und kommende Antworten vorbereitet), oder selbst noch den Soliloqui bezeichnen könnte, läuft die Annahme einer Nicht-Eins und Mehr als Eins, spätestens so bald Sprache im Spiel ist und die Hauptrolle übernimmt (und wann ist das eigentlich nicht?), nicht fehl. Erst recht durch die dann folgende Gattungsbezeichnung Einakter dieses dramatischen Poems oder poetry plays, am ehesten lyrisches Lust-Spiel, wird auf gewisse Weise Gattung (auch ohne präfixiertes Be-) sui generis in ihrem Vollzugscharakter präzisiert. So verstanden nämlich kann sie werden, als drehte sich, hermeneutisch kreisend, alles um das nomen actionis zu jener Tätigkeit des Gattens, die das Wörterbuch mit “zusammenkommen” und “vereinigen”(oder versammeln wie das englische gathering/gadering) übersetzt und auf das Mittelhochdeutsche gaten, dem auch Gatter, Gitter und gut entspringen, zurückführt5. Gat ist gut. Grimm nennt auch passen und paaren und verweist, was man besonders goutieren mag, auf gattieren und Gattierung:

1.Textilindustrie Baumwolle aus verschiedenen Ballen oder Sorten mischen, damit ein aus ziemlich gleichen Bestandteilen zusammengesetztes Ausgangsprodukt entsteht

2. Hüttenwesen bestimmte Materialien (bes. Metalle) zur gewünschten Zusammensetzung des Endproduktes zusammenstellen.

Angesichts dessen es schwerfällt, zu glauben, dass es das Substantiv der “Gattie” nicht geben soll. Doch ist nicht die Gattie — La Gattie — , die es nicht gibt — L´Agatt(i)e — gar die einzig “es gebende”? Die alle Gattungen gebende Nicht-Gattung als eine Art triton genos (“quod transcendit omne genus”), epikeina tes ousias wie das Gute. Agatie als das Agathon?

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Dieser Talk-Einakter ist die Gattie zweiter Gattungen und bedeutet sie. (Also ginge es von Anfang an nur, monomanisch monistisch, um “Das Eine”, l´una, nämlich sich-begattende Zwei (Das Eine=die Zwei), und zwar in derart unbegrenzbarer Tragweite, dass sich dies einschlägige Beiwohnen sogar wie in eingemeindeter Fremdsprachigkeit als der Familienname der Autorin zu lesen gibt, aus ihm — wenn auch nicht ganz ohne maieutische Assistenz — herausbricht und hervorspringt, als Gesprächs-Gebärde sich, sich ergebend, gebiert: gat, l´acte/lag–t–, und, sie fließt schon wieder: lact aber auch: gala/laga? Unmißverständlicher noch im Verfasserinnen-Vornamen — Kathrin: “Unter anderem könnte es sich um eine Abwandlung des Namens der griechischen Göttin der Magie Hekate handeln” , “vielleicht die mondhafteste aller griechischen Göttinen außer der Selene selbst” (Karl Kerényi)– der den anagrammatischen Wink aufs Akt-Hirn nicht verhehlt, und das, obwohl sie, wie durch eine vertrauliche Mitteilung verlässlich belegt, an Gehirne nicht glaubt, sehr wohl hingegen, dies macht der Text öffentlich explizit, an Gestirne. Man muß schon die Stirn haben, deren Fleischwerdungsgelüste in einer der aufschlußreichen Regieanweisungen als ein siderisches Desiderat zu benennen, es astro-logisch zu Wort kommen zu lassen

Die Sterne wären auch gern aus Fleisch.

Eine Andeutung fiel bereits: Aus der Sphäre des Stellaren wird dem — noch vor Venus (gr. Aphrodite), die an zweiter Stelle kommt6 – hellsten am Nachthimmel eine Einflußnahme zugesprochen, die einem “astrum caro factum est” beinahe entspricht: dem Mond; Kant hat ihm und seiner Übergriffigkeit einen späten, nachkritischen Text gewidmet: Etwas über den Einfluß des Mondes auf die Witterung. Es/er (eigentlich ja eine Sie) wird gleich aufgehen.

 

…schliesse ich an einen Ausspruch Plutarch’s im Liber Amatorius an. „Die Aegypter kennen, so wie die Griechen, einen doppelten Eros, den gemeinen und den himmlischen; für den dritten aber halten sie die Sonne, so wie den Mond für Aphrodite, die sie auch unter allen Göttern am meisten ehren.”7

 

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Einakter von Katerein: Akthirn Agtalei. Ergibt sich das gerade kühn konjizierte so, wie die Berechnung einer, freilich arg seltsamen mathematisch-alchimistischen Gleichung, das Resultat in den Schooß auswirft, eben nach einem nicht zu patentierenden Rezept von der Art

(Nachts riechen sie solange an Porzellan, bis Fensterglas minus Traumdeutung
Sieben Laubfrösche in seinem Schooß ergibt.) ,

dann deutet das auf eine Darreichungsform hermetischer Hexenhermeneutik, für die es, da gegen sie letztlich kein Kraut8 gewachsen ist, dem von der Sprache bezirzten Verstand (ja, sie verwandelt mitunter auch in Schweine) meist durchweg an Verständnis fehlt. Wer mit List liest entdeckt, dass der Text hext.

Doch wie sollte anders der Beharrlichkeit eines Gequatsches begegnet werden, das von der Voraussetzung, man könne den Sinn einer Suppe ohne Schnittmuster lesen, als eben indem man dieses Als-Ob mitmacht und es, sozusagen, mimetisch-methexisch (Methexis meint hier Mit-Hexen) beim Wort nimmt:

(Beharrlich als könnte jemand den Sinn einer Suppe ohne Schnittmuster lesen,
Quatscht sie zur geraden Stunde Weisheiten und nennt sie Gedichte)

Auch um den verstehenwollenden Verstand in dieser Hinsicht aufzuklären, ihm ein Mond-Licht aufgehen zu lassen, bedürfte es eines Ausgangs aus dem Un- der Mündigkeit mitten in sie hinein, und der erforderte Mut und die Entschlossenheit sei einmal mehr mit der kulinarischen und anti-anorektischen Parole sapere aude hedonistisch wie folgt übersetzt, um die Überlegungen letztlich (wann immer das sei) in eine mondäne Lehre von der Mund- und Mond- Art münden zu lassen: sei begierig, [dir] [Sprachen wie Sachen] munden zu lassen, wolle munden!9 Derart gelingt dem lunatischen Talk-Akt Einakter, die ganze Welt zu umfassen: Quod est in mundo, sit in actis )

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Es ist wie so oft ein ganz schöner Akt, eine schwere Geburt, aber wiederholen wir: Dieses Drama ist Akt (das heißt, das, was doch sonst nur ein Glied darstellt, ein Akt, erweist sich als das Ganze, umfasst sich also selbst und stülpt sich ein)10 und agiert ihn aus, inszeniert seine Obszönität bühnentechnisch so, dass eine seltsame Selenologie, poetisch fruchtbar gemacht, Sprache zu jenem dirty talk wird, der sie immer schon ist.

Ebendies Genre, “Einakter” als Gattung, rekuriert somit nicht nur auf eine Textsorte — das one-act-play — neben anderen, redet von einem Akt nicht als einer beliebigen Handlung, einem Vollzug unter Vielen, sondern ruft DEN Akt auf und an, der – unter Umständen, die zu “anderen Umständen” führen – zeugt und aus Begehren gebären will, doch zunächst nur be-zeugt, und zwar, dass es keinen Gott braucht als Eros, den geschlechtlichen, auch unter den Namen Verkehr, Beischlaf, Kopulation oder Koitus im Schwange.

Lunatalk setzt besagte Genesis, den reinen Vollzug, in Szene, enacted ihr acting-out, akted sie, aus-artend, ein, die Zwei erfordert, dieses Spiel ist ein Einakter-Zweitakter, der den durch das secare des sexus markierten Schnitt, die Teilung, Trennung, den Spalt und den Abstand, die Scheide, kurz: das Dazwischen heraustellt:

SIE: Siehst du nicht, ach! den Abstand aus Aluminium,
Den die Verwegenen sehn?

(Ver-Wëgen, also auf eine entschlossene, wenn auch un- und umwegige (a-poretische) munter-mutige Weise von den ihnen gewogenen, sie wiegenden Musen bewegt, die Lage (!) wechselnd, kann nur die Sicht derer sein, die als Enthusiasten noch von der Romantik allem Philiströsen11 kontrastiert wurden. Es geht bei dieser “Tugend” eines Eros-Ethos also um das Verhältnis zur ästhetischen Erfahrung in der Sexuiertheit ihrer Sinnlichkeit, das ein Sensorium für, ach!: Abstände (auf französisch écart) und deren eventuelle muköse Verklebung erfordert: in place of a hermeneutics we need an erotics of art. (Sontag). Warum aber die Aluminium-Allusion et al? Eine Vorahnung von A.L., bzw. A.Lu…? Ein Hinweis könnte zudem sein, naheliegenderweise weithergeholt, dass die Metallbeschichtung, die heute Glas zu Spiegeln machen, the tain of the mirror, aus solchem besteht: “Heute presst man unter Vakuum Aluminiumfolie auf glatte Glasscheiben oder bedampft bzw. besputtert sie mit Aluminium.”). Das Stück sbricht in seinem zersteubenden Prasseln jedes imaginäre, reflexiv-spekulare Phantasma von Sprache als sich selbst vorstellende und einholende, wie eine extralinguistische Referenzzone abbildend und einfangend, von Sprache als Haus (und nicht Aushäusigkeit), auf.

Ein Zwischenakt von dieser Art kommt sich auch insofern in die Quere, geht sich selbst dazwischen, als er das zielgerichtes Sichdurchsetzen seines Agierens ad absurdum führt, durch die eigene Rechnung einen Strich macht und auf sowohl Agonie und Agon (die Strindbersche Dimension der ausgeweiteten Kampfzone, des geschlechtlichen Gemetzels, carnage) als auch traumwandlerische lassitude, ein entspanntes Sichgehenlassen, das passiver als passiv wirkt und webt, hin öffnet.

Zum Verhältnis und Verkehr der Sexuierung kann man (d.h. Mann — und wenn sie sich dessen Dispositiv diskursiver Rationalität bedient, vielleicht auch Frau) nur ein gespaltenes Verhältnis haben, Lacans Formel Il n´y a pas de rapport sexuel deutet es an, in begründeter Beweisführung davon zureichend Rechenschaft ablegen lässt sich nicht, da es an Proportion und Kommensurabilität mangelt. Es gibt also keine Gattung. Doch sie ereignet und bezeugt sich medial, und das heißt vor allem anderen: in und als Erfahrung von Markierungen. Eine von ihnen ist die gesprochene, die über die auch fürs Essen, Atmen und Küssen zuständige Körperöffnung verläuft: die mündliche des Gesprächs.

***

In Lunatalk nun erweist sich — durch Sprache (denn sie, wie gesagt, ist der Hauptakteur!) als passage à l´acte (und lact) — die Rede im Gespräch, im talk-Akt, als mondsüchtig, Mündlichkeit frönt einer lunatischen und somnabulen, wenngleich keineswegs (ganz im Gegenteil!) unmündigen Möndlichkeit. Dieser aber, der Mond, im Lateinischen Luna, im griechischen Salana, Selene (mene), im germanischen Mani (mhd. mâne) stand, als Gottheit, im Ruf nicht nur den Gang der Schlafwandler in hypnotischem Dämmerzustand, sondern auch die Sprache jener zu lenken, die in ihrem unkonventionellen Manierismus unterm Bann einer Mania standen: Verrückte; zu denen immer auch die Dichter zählen.

“Doch verführt hat dich eigentlich der Mond.”

„L’amour (…) est une construction de vérité. (…) vérité sur un point très particulier, à savoir : qu’est-ce que c’est que le monde quand on l’expérimente à partir du deux et non pas de l’un ? Qu’est-ce que c’est que le monde examiné, pratiqué, vécu à partir de la différence et non à partir de l’identité ?“ (Badiou)

Immer tönt der Schwester mondene Stimme …

Tillmann Reik

Abgesang: Mondrausch

Verläßt man hier das Gespräch der Geschwister, um einer Vergleichsmöglichkeit zu folgen, von der es zumindest mitbestimmt wurde, so wäre wohl zu sagen, daß diese Wirklichkeit fürwahr am nächsten mit der abenteuerlich veränderten in Mondnächten verwandt war. Begreift man doch auch diese nicht, wenn man in ihr bloß eine Gelegenheit zu etwas Schwärmerei sieht, die bei Tag besser unterdrückt bleibt, muß sich vielmehr, wenn man das Richtige bemerken will, das ganz Unglaubliche vergegenwärtigen, daß sich auf einem Stück Erde wirklich alle Gefühle wie verzaubert ändern, sobald es aus der leeren Geschäftigkeit des Tags in die empfindungsvolle Körperlichkeit der Nacht taucht! Nicht nur schmelzen die äußeren Verhältnisse dahin und bilden sich neu im flüsternden Beilager von Licht und Schatten, sondern auch die inneren rücken auf eine neue Weise zusammen: Das gesprochene Wort verliert seinen Eigensinn und gewinnt Nachbarsinn. Alle Versicherungen drücken nur ein einziges flutendes Erlebnis aus. Die Nacht schließt alle Widersprüche in ihre schimmernden Mutterarme, und an ihrer Brust ist kein Wort falsch und keines wahr, sondern jedes ist die unvergleichliche Geburt des Geistes aus dem Dunkel, die der Mensch in einem neuen Gedanken erfährt. So hat jeder Vorgang in Mondnächten die Natur des Unwiederholbaren. Er hat die Natur des Gesteigerten. Er hat die der uneigennützigen Freigebigkeit und Entäußerung. Jede Mitteilung ist eine neidlose Teilung. Jedes Gehen ein Empfangen. Jede Empfängnis vielseitig verflochten in die Erregung der Nacht. So zu sein, es ist der einzige Zugang zum Wissen dessen, was vor sich geht. Denn das Ich behält in diesen Nächten nichts zurück, keine Verdichtung des Besitzes an sich selbst, kaum eine Erinnerung; das gesteigerte Selbst strahlt in eine grenzenlose Selbstlosigkeit hinein. Und diese Nächte sind voll des unsinnigen Gefühls, daß etwas geschehen werde, wie es noch nie dagewesen sei, ja wie es sich die verarmte Vernunft des Tages nicht einmal vorstellen könne. Und nicht der Mund schwärmt, sondern der Körper, vom Kopf bis zu den Füßen, ist über dem Dunkel der Erde und unter dem Licht des Himmels in eine Erregung eingespannt, die zwischen zwei Gestirnen schwingt. Und das Flüstern mit den Gefährten ist voll einer ganz unbekannten Sinnlichkeit, die nicht die Sinnlichkeit einer Person ist, sondern die des Irdischen, des in die Empfindung Dringenden überhaupt, die plötzlich enthüllte Zärtlichkeit der Welt, die unaufhörlich alle unsere Sinne berührt und von unseren Sinnen berührt wird.

Achtens und letztens, was denn eigentlich der Mond am Himmel zu verrichten hat? – Antwort: Was die Erde. So viel ist gewiß, er erhellt durch sein mildes Licht, welches der Widerschein von seinem Sonnenschein ist, unsere Nächte und sieht zu, wie die Knaben die Mägdlein küssen. Er ist der eigentliche Hausfreund und erste Kalendermacher unserer Erde und der oberste Generalnachtwächter, wenn die anderen schlafen. (Betrachtung über das Weltgebäude.)

 

1 Eben jene aus Büchners Danton, die in Celans Merianrede “Es lebe der König!” ausruft und über die gesagt wird: “Gehuldigt wird hier der für die Gegenwart des Menschlichen zeugenden Majestät des Absurden. Das, meine Damen und Herren, hat keinen ein für allemal feststehenden Namen, aber ich glaube, es ist… die Dichtung.”

2 Zu Kirke als Doppelgängerin Aphrodites, siehe Kittler, S.27. “Die Zauberei der Medeia ist eher eine Wissenschaft, die der Kirke eher Kunst.” (Kereényi)

3 Mit der sprachphilosophischen Durchdringung des Dualis beschäftigte sich der deutsche Universalgelehrte Wilhelm von Humboldt. Er wies darauf hin, dass es eine irrige Vorstellung sei, den Dualis auf den Begriff der bloßen Zahl zwei zu reduzieren. Seiner Meinung nach vereinigt er zugleich „die Plural- und Singular-Natur“ und sei gleichsam „ein Collectivsingularis der Zahl zwei“, da der Pluralis nur gelegentlich die Vielheit wieder zur Einheit zurückführt. Auf diese Weise drücke der Dualis „das Collectivsingularis“ oder die Idee der „Einheit in der Vielheit“ aus.

In einem seiner letzten Artikel, „Über den Dualis“, betonte Humboldt, es sei ein Irrtum, den Dualis für „einen Luxus und Auswuchs der Sprachen“ zu halten. Auf der Ebene der Sprachphilosophie passe sich der Dualis sehr gut in die Angemessenheit der Redefügung ein, indem er die gegenseitigen Beziehungen der Wörter zueinander vermehrt. Er erhöhe, so Humboldt, den lebendigen Eindruck der Sprache und kommt der philosophischen Erörterung der Schärfe und Kürze der Verständigung zur Hilfe. In diesem Sinne habe er allen anderen Formen „dasjenige voraus, wodurch sich jede grammatische Form in der Schärfe und Lebendigkeit der Wirkung vor einer Umschreibung durch Worte unterscheidet.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Dual_(Grammatik)

4 Die im Ausgang vom Eröffnungssatz der Aristotolischen Metaphysik “Alle Menschen streben von Natur nach Wissen; das beweist schon die Lust an der Sinneswahrnehmung” in ihrer Neuheit doch nur gleichsam Archaisches ander wiederholt.

5 DWDS dazu weiter: Sie führen auf die Wurzel ie. *ghadh- ‘vereinigen, eng verbunden sein, zusammenpassen’, älter wohl ‘umklammern, fest- und zusammenhalten’ (vgl. aind. ā́gadhitaḥ ‘angeklammert’), wozu auch ↗gut, ↗vergattern und wohl auch ↗Gatter, ↗Gitter (s. d.) gehören. Es ist auch in diesem Kontext erstaunlich, dass Jost von Triers Versuch, die entscheidende Matrix des indoeuropäischen Wortschatzes von der einhegenden Umzäunung des Mannrings (“einen Ring besonderer Art, den Bund der Jungmannen, den Männerbund, durchscheinen lassen.”) die Dimension sexueller Differenz zugungsten homophiler Männerbündischkeit verdrängen muss: “Denkt man an ai. vásuh ‚gut‘ und an got. piup ‚gut‘ und an die oben angedeuteten Gründe ihrer inneren Entwicklung aus dem Geiste des Mannrings, so wird man nicht zögern, lat. melior und die Seinen mit μέλος zusammenzufassen,übrigens auch gut und Gatte nicht von Gatter und Vergatterung zu lösen, multum aber und die Seinen entstammen der versammelten Menge selbst.” (Jost Trier, Zaun und Mannring)

6 Das Kommen ist ihr, nach Ciceros von Eymologen als verfehlt angesehener (denn sie käme nicht von Kommen, sondern von Wünschen und Wonne) Herleitung eingeschrieben: Venus, quia venit ad omnia. Die Wonne des Kommens aber ist, in der Bedeutung des “einen Orgasmus erleben” wie der jouissance immer ohne Venus schwer vorstellbar.

7 J.J. Bachofen, Das Mutterrecht, Frankfurt am Main 1975, S.264

8 wie etwa die gegen die Bezirzungskünste Kirkes von Hermes an Odysseus überbrachte Molypflanze.

9 Zur Erklärung dieser unkonventionellen Übersetzung sei eine weitere solche angeführt: “Dem Verstand mangelt es an nichts, außer stets an dem, was sein maßloses Zuviel ausmacht, das ihm fremde Begehren, welches im “Mut” zu anderem in ihm nistet, sowie an seiner “Entschließung”. Die Abwägung, die Eifer, Verlangen, Lust ohne Gier im Mut hören lässt — avidus in audere — und das Schmecken, Schätzen, Mögen im Sinne des Wissens — den sapor des sapere –, macht die gewählte Sprache zum Ausgang des Menschen (“>Sapere aude!< […] ist also der Wahlspruch der Aufklärung”, wie Kant weiter ausruft) zu einer Formel des Wunsches nach dem Wunsch. Wenn das zelebriert wird — und das tun immer viele und wiederholt, indem sie begrüßen, was sie verabschieden, und die Sprache feiert mit – ist der Mensch gerade nicht dabei, sondern eben ausgegangen, über die Liegenschaften seiner Güter hinaus. Und mit ihm sein durch reifizierte und reifizierende Aussagensprache einfachster Machart verstümmeltes Sprechen vom Gegenstand als Tausch-, Waren und Wertobjekt, d.h.als Produkt und Leistung.” (Marcus Coelen, „Verabschiedung der Universität“. In: Kollektiv Unbedingte Universitäten (Hrsg.). Was passiert? Berlin/Zürich: Diaphanes, 2010. S. 95-101, hier 98.

10 Im Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte liest man unter dem Lemma “Akt: “Das Wort A. ist aus dem lat. Drama (actus = Handlung, im Drama selbständiges Stück der Gesamthandlung) übernommen worden.”

11 “Der Ausdruck Philister bezeichnet abwertend jemanden, der Kunst (zumeist Avantgarde-Kunst) und damit zusammenhängende ästhetische oder geistige Werte nicht schätzt oder verachtet, dabei aber unkritisch vorgefertigte, oft als bürgerlich bzw. spießbürgerlich bezeichnete Vorstellungen übernimmt und anwendet.” https://de.wikipedia.org/wiki/Philister_(%C3%84sthetik)

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Alenka Zupančič: What Is Sex?

Die Unzählbarkeit des einen Geschlechts

Es gibt, da, jenseits von allem reifizierten Da und Etwas, wiewohl gleichzeitig mitten in jeder res enthalten und „unter“ ihr, das heißt im und als Zwischen, etwas, ein Reales, selbst wenn es nichts mehr gibt: jenes „es gibt“ (il y a) selbst, was, unzerstörbar und untot über-lebend, endlos übrig bleibt, so oft man auch meinen könnte, sämtliche Rückstände alles Seienden abgetragen, zunichte gemacht, beseitigt und ein reines Nichts freigelegt zu haben. Jenes „Es gibt“ unterliegt irreduzibel als die Inkonsistenz eines Nichts, das nicht nichts ist, sondern, sich negierende Negativität, die Bedingung der Möglichkeit noch des Nichts als Unmöglichkeit öffnet. Solcherart im Freudschen wie Heideggerschen Sinne „unheimliches“ Neutrales (wie Blanchot es nennen sollte), das für den frühen Levinas so äußerst bedeutsam war — eine seltsame Ontologie von der Unmöglichkeit einer Ontologie, eine Nicht-Ontologie der Unmöglichkeit, etc., eröffnend — unterscheidet sich von der ansonsten u.a. unter Neutralität verstandenen Aussetzung der geschlechtlichen Markierung (und von dezidiert männlicher Universalisierungs- und Nivellierungsobjektivität in Regie genommen) darin, dass es für die Zone der Sexuation sui generis und somit eines Risses (und man mag sagen, das secare ausdeutend, von dem der Sex semantisch ausgeht, einer Teilung und Spaltung, einem Scheiden, für das im Soma des Subjekts die Keimzellen einstehen) angesehen werden kann. Bei Freud wie bei Lacan taucht besagte notorische In-, Per- und Resistenz mit jeweils unterschiedlicher Nuancierung unter dem Namen des Todestriebs auf. Mit der Entdeckung frühkindlicher Sexualität, die unzeitig da ist, obwohl weder biologische Ausstattung, noch symbolische Ordnung bereits darauf vorbereitet sind, tat sich daneben für die Psychoanalyse eine Latenz auf, die durch keine „reife Genitalität“, als deren etwaige Wahrheit und Eindeutigkeit, eingeholt und ihrer Unbegreiflichkeit entledigt werden könnte. Ebensowenig von einem Wissen überhaupt: man kann sich dieses ontologisch — und damit ganz und gar nicht natürlich — gedachten Sexuellen in bestimmten Sinne nur unbewußt sein; es bleibt dann ebenso der Name für die Zeugungskraft des Uneindeutbaren, Surplus eines Minus, das die Befriedigung am Sprechen genuin sexueller erscheinen lässt als den ansonsten mit Sexualität identisch gesetzten Vollzug genitaler hetereo- oder homoerotischer (Fortpflanzungs-)Praktiken. Von der polymorph-perversen jouissance des Sprechens aus — besonders dort, wo es besinnungslos plappert und sich den Überraschungen von Lapsus und Pun, anstössigen Stolpersteinen der Bedeutung, ausliefert — kann sich das Geschlechtliche, das keine Gattung ist, sondern eher noch das (Ohne, der Riß, die Spaltung: die Unvollständigkeit), ohne welches die Gattung nicht Gattungen sein können, erschließen. Es, das Reale im Lacanschen Sinne, ist kein Seiendes und kein Sein; es ist jenes, was die klassische Ontologie, im Bestreben das Seiende als Seiendes zu sagen, ausgeblendet hat. Insofern muss die binär- und komplementärlogische Kombinatorik kultureller Archetypen von als Gegensatz und Ergänzung gedachten Entitäten des Yin und Yang, wie der Jungsche Revisionismus sie voraussetzt, ebenso als Desexualisierung gewertet werden, wie die Auflösung des unzählbaren sex zum zählbaren gender anhand von durch performative Sprach- und Machtspiele produzierter gesellschaftlicher Rollen vor dem Hintergrund unterstellter Un- oder Vielgeschlechtlichkeit.

Zone des Risses, Riss der Zone: das Reale, die entsetzende Out-of-jointness der symbolischen Ordnung… Was auch bedeutet, der Sphäre des Triebs — nach Freud stets ein sexueller, nach Lacan immer ein todestriebhafter –, einer Drift und Deviation, für die der gekrümmte Umweg die Abkürzung darstellt, mit dem etwas sein eigenes Zentrum, das Eigene, d.h. einen Mangel — das „-1“ als Fehlen der Eins, dem die Zwei, wie der Überfluß  (1+) der diskursiven Signifikantenketten entspringt — einkreist und damit eine Non-Relation, das Mit eines Ohne „vollzieht“. Die Cogitatio als Co-Agitatio, ursprünglich das kreisförmige Zusammentreiben von Vieh auf der Weide, wäre bloß eine Spielart solcher Umtriebigkkeit; wenngleich eine, in der sich das, auch für Tiere geltende, konstitutiv gestörte Verhältnis eines Körpers zu sich selbst besonders eindrücklich in Szene setzt. Alenka Zupancic setzt, indem sie die ontologische ti esti Frage gegen alle Tabus (wieder) mit dem Sexuellen kopuliert — Was ist Sex? — beinahe eine Art inzestuösen Kurzschluß ins Werk, konstruiert eine neue und doch so alte unterdrückte Verschaltung, der zuzutrauen wäre, die bisherigen Algorithmen psychoanalyse-averser Philosophie in ihrem zwanghaften Repetivitätsautomatismus nachhaltig aus Konzept und Fugen zu bringen. Nicht so sehr allein zu desorientieren nämlich, als einer Desorientierung gewahr werden zu lassen (mit polemischer Spitze gegen eine Modeströmung spricht sie von der Notwendigkeit einer „object-disoriented-ontology“), aus der sich diskursive Formationen bilden, die sich durch die Emergenz eines neuen, eindeutig eine bestimmte Äquivokation formulierenden und formalisierenden Signifikanten destabilisieren lassen, wäre die Aufgabe der psychoanalytischen Intervention, sofern sie keine bloße therapeutische Ego-Orthopädie abzugeben sich begnügt. Wäre zudem vielleicht die Aufgabe eines Denkens, das nicht lediglich mehr weder konsequenzenlose (Schul-)Philosophie noch Lebensratgeber von Kommunikationsexperten sein will.

Tillmann Reik

Informationen zum Buch

Cassin: Sophistical Practice / Buchheim: Die Sophistik als Avantgarde normalen Lebens

λόγος δυνάστης μέγας ἐστίν

Logologisch philosophistieren. Zur Sophistikation der Sprache. (Fragment in Progress with Consistent Inconsistency)

...die Erfahrung der Uneindeutbarkeit der Sprache zur Versammlung – λόγος–. (Thomas Schestag, Buk)

Stimmen:

Die Sophisten sind die Lehrer Griechenlands, durch welche die Bildung überhaupt in Griechenland zur Existenz kam. Sie sind an die Stelle der Dichter und Rhapsoden getreten. (Hegel)

Wer die Sprache an sich interessant findet, ist ein Anderer, als wer in ihr nur das Medium interessanter Gedanken erkennt. (Nietzsche)

Der lächerliche Irrtum ist nur zu bewundern, daß die Leute meinen – sie sprächen um der Dinge willen. Gerade das Eigentümliche der Sprache, daß sie sich bloß um sich selbst bekümmert, weiß keiner. (Novalis)

The psychoanalyst is the presence of the sophist in our time, but with a different status from which the reason has emerged […] why these sophists operated with so much force and also without knowing why. The moment of force is based on something that analysis teaches us: the fact is that at the root of every dyad, there is the sexual dyad. (Lacan)

Sequitur? Selbstredend!

Auf mythische, und, sozusagen, mystisch-irrationale Weise mutet die zu erzählende Geschichte des Problems, welches verfolgt, dem also Spuren lesend nachgestellt werden soll — the story of the history of the plausibility of the implausible itself — logisch an, obwohl sie mit guten Gründen für das Gegenteil gehalten werden könnte. Unlogisch? Logisch! Letzteres ein, wie die zu seinem Ausdruck eingesetzten konjunktiv-disjunktiven Operatoren/Relatoren des Bindens „füglicher“ syntaktischer Einheiten, notorisch inflationär lapidar verwendetes Prädikat und Epitheton. Denn in den meisten Kontexten soll es, wenn auch nicht im engen, rigiden Sinne auf das Befolgen der Regeln der Logik als der Lehre von den formal richtigen Schlussfolgerungen abgestellt, sondern lose und übertragen geredet wird, zwingend, folgerichtig, besagen. Konsistent, kohärent und damit den Verweis auf einen nicht-widersprüchlichen Zusammenhang (eine Co-Existenz) beinhalten, dem unmöglich widersprochen werden kann. Sowie notwendig und begründet, gerechtfertigt, sich auf eine Art so ergebend, sich zeigend (deiktische Didaxe kommt ins Spiel), dass, ohne dass noch ein weiterer Grund angeführt und vorgebracht werden müsste, solche Art billigender Zustimmung nicht verwehrt werden kann, der ein möglicherweise vorausgehendes zweifelndes Mißtrauen, sich lösend, Platz einräumt (aber ob das Mißtrauen zuerst war und nicht seinerseits das in es gesetzte Vertrauen voraussetzt, steht zur Debatte): Konzession und Kredit als emphatischer, dezidierter Nicht-Widerspruch. Von Legitimation könnte legitimerweise erst dann die Rede sein, wenn auf Übereinstimmung oder Vereinbarkeit mit herrschenden institutionalisierten Konventionen hin erfolgreich durchgeprüft und abgeglichen wurde. Wie steht es aber um die vor solch lauterer Examination wie vor Hegels „gesundem Widerspruchsgeist“ (der dann, sich selbst zuvorkommend, elementar ein Widerspruch gegen seine eigene Widerspruchsbereitschaft wäre) immer schon im Spiel befindliche Zustimmungsbereitschaft allem und jedem gegenüber, noch solchem, das seiner kaum wert dünkt: kann/soll/darf/muss sie, mitsamt der Neigung, einzig das Unglaubwürdige und Unglaubliche für wahr zu halten, kontrolliert werden? Und wenn ja, welche Instanz stünde, außer dem inkriminierten „Mechanismus“ überhaupt zur Verfügung, der nicht nur die Macht, sondern auch die Befugnis zukäme, über ihn zu richten? Vermutlich muss es sich um eine ähnliche Art (freiwilliger) Selbstkontrolle handeln, wie jene, die Kant der über sich selbst (d.h. ihre Vermögen) zu Gericht sitzenden Vernunft zugedacht hat, deren inhärente Widersprüchlichkeiten gleichwohl unhintergehbar zu sein scheinen:

Es sind Sophistikationen, nicht der Menschen, sondern der reinen Vernunft selbst, von denen selbst der Weiseste unter allen Menschen sich nicht losmachen, und vielleicht zwar nach vieler Bemühung den Irrtum verhüten, den Schein aber, der ihn unaufhörlich zwackt und äfft, niemals völlig loswerden kann. (Kant, Kritik der reinen Vernunft, B397)

Verwickelt sich Vernunft deshalb in Kontradiktionen (läuft auf sie hinaus, stammt jedoch aus ihnen her), weil Sprache, deren sie nicht umhinkommt sich zu bedienen, bereits dem Laster unterliegt, uneins mit sich zu sein und, mehr noch, aus diesem Fehlen der Ein(s)heit überhaupt sich herschreibt?

Natürlich!, Selbstverständlich!, Das liegt auf der Hand!, Ohne Zweifel!

Prägnant und deutlich: Klar! Vielleicht jenes “klar”, das Thomas Buchheim in seiner Studie über die Vorsokratiker zur Übersetzung “klares Verhältnis” für die älteste Pythagoreische Verwendung des Wortes Logos veranlasst und bei Heraklit sogar zu dem der (Selbst-)Klarlegung, in die einzustimmen ist.

Auf gewisse Weise dreht es sich wohl also, folglich, ergo, therefore, donc, wann immer der Eindruck des “Logischen” im Spiel ist, nunmehr stets und ständig, um eine ereignishaft eruptive Erfahrung von sich zeigend-bezeugender Evidenz und Plausibilität. Indes ist  damit immer bereits schon eine Verdopplung im Spiel. Es findet nämlich die performativ-konstative Beglaubigung einer Evidenz klarer Verhältnisse statt („Es ist klar, dass es klar ist!“), welche mögliche vorgängige Ablehnung, Vorbehalte und Skepsis, sowie Undurchsichtigkeit aufweicht und dem immer abrupt apodiktisch hereinbrechenden Geltungsanspruch des Vorliegenden gegenüber zu affirmierender Gegenzeichnung, Zustimmung und Einwilligung veranlasst: eine nicht minder unvermittelt eintretende Auswirkung, eine Zustandsänderung, die überkommt und widerfährt.
In dieser Hinsicht bestimmt der weitere, übertragene Sinn den engeren, strikten der logisch korrekten methodisch kontrollierten Gedankenführung, eher als dass umgekehrt hinsichtlich der alltagssprachlichen Verwendung von einer bloß metaphorischen Bedeutungsaufweichung gesprochen werden könnte, die mit dem eigentlich Gemeinten nurmehr wenig zu tun hätte.
Wird man, folglich, vielleicht bereits zu Anfang gezwungen sein — aufgrund der immanenten Logik dieser Logik? –, das Resultat vorwegnehmend, einzugestehen, dass das Logische am Logischen, sein wesentliches und unverzichtbares Voilà des herausspringenden Evidenz-Surplus, worumwillen — unter der weiteren Prämisse, mit derlei methodisch kontrollierter Gedankenführung enthülle sich die Wahrheit, wickle sich aus, ergebe sich dem Bemächtigungstrieb des zum Stehen bringen wollenden Verstands als apokalyptische Offenbarkeit — es aufgeboten wird, selbst ganz und gar nichts Logisches ist? Die denkbar unlogische Paralogie des Logischen, die den Logos im Ganzen als uneins mit sich, zur Versammlung, die er sein will, nicht versammelbar, da sich selbst als Logorhoe konstitutiv-inkontinent überließend, enthüllt, besagte dann: Das Logische am Logischen, seine, am Ende, zwingende Überzeugungskraft, sei nichts Logisches, ebensowenig wie das Streben, das auf es aus ist. Es tritt, mitnichten demokratisch, nicht liberal im gemeinen Sinne, herrschaftlich autoritär, despotenhaft tyrannisch von Anderswoher, einem Außen, herbei; kommt, die Überzeugung kapernd, wie ein archaisches Relikt unerklärbarer Magie, bezwingender Macht ereignishaft supplementär hinzu, addiert sich als genießbares Surplus auf und muss doch auch immer schon mit dabei gewesen sein. λόγος δυνάστης μέγας ἐστίν/Der Logos ist ein mächtiger Herrscher. Und Umgekehrt: Alle Herrschaft ist “logos-förmig”? :

In welcher Beziehung steht dann aber das so verstandene Logische — das Bezwingende, Überzeugende, Einnehmende des Zeigens und Bezeugens — zur Sprache überhaupt, die im Ganzen (zumindest als mündlich gesprochene, als Rede) vielfach gleichwohl für eine Übersetzung des Wortes Logos gilt? Ist sie — als Logos gewissermaßen immer bereits falsch verstanden — ein unendlicher offener Zusammenhang unwiderstehlicher Bezwingung und die Logik als Technik der methodisch kontrollierten Gedankenführung ein Bannversuch, der bemüht ist, diese ubiquitäre heteronome Bemächtigung einzuhegen und zu programmieren, die Illegitimität dessen deklarierend, was sich der monopolisierten Illegitimität ihrer Prozeduren gegenüber als unzureichend erweist? “Dieses Argument kann nicht überzeugen!”, geäußertes Argument, nachdem bereits ein Überzeugungseffekt eingetreten und also die Behauptung mit guten Gründen ihrer Unbegründetheit überführt werden könnte, soll vor allem meinen: “Es darf nicht überzeugen.”; ein vorgängiger, unvermeidlicher Einstimmungs- und Beipflichtungseffekt muss mit proto-moralischer Zurückweisungsgeste im Nachhinein, mithin immer bereits zu spät, delegitimiert werden. Dürfen solche Bannversuche als Bemächtigungsstrategien gegenüber der Sprache überhaupt, ihrer Magie und ihren Verhexungen, gelten? Und kann die sophistische Rhetorik demgegenüber als Technik verstanden werden, die Bannkräfte der Sprache, deinos und peitho, gezielt zu entfesseln und als Instrument des Bewirkens und Effektezeitigens raffiniert zur Anwendung zu bringen?

“Sagt man das Gleiche mit einem bekannteren Wort, so hat die Kunst des Gorgias das Ziel, bannende Wirkung durch Reden auszuüben, d.h. die deinotes legein.” (Thomas Buchheim).

Der Logos-Mythos

Der Mythos ist die Erzählung des Wahr-Scheinenden ohne Mißtrauen gegen die eigene Einsicht. Daher kennt er auch keine aporetische Hindernisse und fließt vielmehr nach ihrer Überwindung unangefochten dahin. (Thomas Buchheim, Die Vorsokratiker)

Geschichtsphilosophisch imponieren konnte die Opposition von Mythos/Logos den vorgeblich wertneutralen historiographischen Beobachtern einer philosophia perennis bisweilen als jene Basal-Dichotomie, vor deren Hintergrund sich der Mythos vom Logos, der begründet-begründeten Rede, gegenüber aller bloß aus überkommenem Brauchtum Glaubwürdigkeit beziehenden Sage, 2500 Jahre und mehr, überhaupt zu erzählen vermochte. Es handelt sich um die Distinktion zweier Modi, Arten, Gattungen des als Sprechen (nämlich Selbstgespräch der Seele)

Also Gedanken [dianoia] und Rede [logoi] sind dasselbe [tauton], nur daß das innere Gespräch [dialogoi] der Seele mit sich selbst, was ohne Stimme [aneu phones] vor sich geht, von uns ist Gedanke genannt worden. (Platon, Sophistes, 263e)1

gedachten Denkens, deren vorgängiger und letztendlicher Ununterscheidbarkeit der Historiker-Erzähler eines unilinearen Fortschrittsnarrativs wiederum die Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft seiner Narrationen vielleicht einzig verdankt. Denn bliebe die Mär vom Mythos als Ursprung des Logos nicht einem Verlangen, Streben, Begehren, kurz: Trieb, nach durch der Stabilisierung dienende Rechtfertigung und Begründung verkettenenden Diegese verschuldet, dessen Beschaffenheit (wie die Sehnsucht, das Streben danach, bis zum zu Grunde gehen den Sachen auf den Grund zu gehen) logischerweise eher mythisch als logisch dünkt, auch wenn sie keins von beidem sein mag oder beides auf einmal, weder “weder noch” noch “sowohl als auch”, sondern der double bind und die Aporie eines seltsamen Zugleich? Mythologische Logomythie würde somit der Ungrund bleiben, dem das Abendland seine relative Konsistenz verdankt, die in nichts als dem Verlangen erweckenden Versprechen dieser Konsistenz und Selbst-Übereinstimmung besteht, das strukturell gebrochen und unerfüllbar beschaffen sein muss. Auch diese allgemeinste Sache, der Rahmen, in dem sich alles weitere abspielt, wird Sage, d.h. Sprachereignis gewesen sein.

Die Trieblehre ist sozusagen unsere Mythologie. Die Triebe sind mythische Wesen, großartig in ihrer Unbestimmtheit. (Sigmund Freud: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse)

So auch umgekehrt: Die Mythologie ist lesbar als eine Trieblehre der Sprache.

Philosophos/Sophistes

Existiert indessen nicht über besagte qua Logos-Mythos-Distinktion funktionierende Leit-Codierung hinaus und gleichwohl mit ihr eng verzahnt eine weitere, womöglich durchschlagendere, über repräsentative personale Verkörperung oder gleichsam gesichtsgebende Prosopopoeia verlaufende oppositäre Codierung, die als vergleichbar konstitutiv für das Selbstverständnis der abendländische Prima Philosophia anzusehen wäre? “Der Philosoph”, in der Gestalt des Sokrates von Platon zum Subjekt des Philosophie-Vollzugs mittels mißtrauischer Selbst- und Fremdprüfungsgespräche (v)erklärt und ins Amt eingesetzt, entlehnt, sich auf- und einrichtend, dem Sophisten fast seinen Namen — oder zumindest dessen zentralen Bestandteil, das zunächst Geschick, savoir-faire oder know-how, besser: zentrales Bescheid-Wissen bedeutende sophon — wodurch eine neue Leitunterscheidung aufspringt, die fortan ihre operative Relevanz nicht mehr verlieren wird. Philosoph/Sophist? (Insofern müsste präziser von einer dreifachen Distanznahme gesprochen werden, als auch die sophoi, die in zu intimen Kontakt mit der Wahrheit stehenden wirklich Wissenden einer Frühgeschichte dem Philosophen zwar als Vorfahren innerhalb einer genealogischen Filiationsreihe dienen (Platon spricht von “unserem Vater Parmenides”) – und damit meist größere Wertschätzung genießen als der Sophist –, doch dem genuinen Vollzugscharakter der sich inaugierenden Theoria mit methodisch kontrollierten Prozeduren gegenüber dennoch fremd bleiben müssen.)

 

„Die Sophisten sind Nichts weiter als Realisten: sie formuliren die Allen gang und gäben Werthe und Praktiken zum Rang der Werthe, – sie haben den Muth, den alle starken Geister haben, um ihre Unmoralität zu wissen …

Glaubt man vielleicht, daß diese kleinen griechischen Freistädte, welche sich vor Wuth und Eifersucht gern aufgefressen hätten, von menschenfreundlichen und rechtschaffenen Principien geleitet wurden? Macht man vielleicht dem Thukydides einen Vorwurf aus seiner Rede, die er den athenischen Gesandten in den Mund legt, als sie mit den Meliern über Untergang oder Unterwerfung verhandeln?

Inmitten dieser entsetzlichen Spannung von Tugend zu reden war nur vollendeten Tartüffs möglich – oder Abseits-Gestellten, Einsiedlern, Flüchtlingen und Auswanderern aus der Realität… Alles Leute, die negirten, um selber leben zu können –

Die Sophisten waren Griechen: als Sokrates und Plato die Partei der Tugend und Gerechtigkeit nahmen, waren sie Juden oder ich weiß nicht was –. Die Taktik Grote’s zur Verteidigung der Sophisten ist falsch: er will sie zu Ehrenmännern und Moral-Standarten erheben, – aber ihre Ehre war, keinen Schwindel mit großen Worten und Tugenden zu treiben.“ (Nietzsche)

Der Sophist

Der Arzt nun bewirkt seine Umwandlung durch Arzneien, der Sophist aber durch Reden (Plat. Theait. 167a)

Alles wird, für die Philosophie, daran gesetzt, ihn, den Vielgestaltigen, eindeutig zu fassen zu bekommen, denn dies geht einher mit der Frage, wie sich etwas überhaupt eindeutig bestimmen lässt. Er, der Sophist — männlich konnotiert, aber die Unverantwortlichkeit seiner Wahrheit über die Wahrheit — nämlich, dass sie Spracheffekt sei — trägt alle Züge traditioneller Stereotype von Weiblichkeit bis hin zum Vergleich mit der Hure — stellt sodann womöglich einen maßgeblichen Rejektionswert der Philosophie dar, den man in Zusammenhang mit der ihn bestimmenden Externalisierungsgeste untersuchen müsste.

Denn der Philosoph gibt sich seither traditionell in einer dezidierten, die Hybris von sich weisenden Absetzungsbewegung, mehr oder minder entschieden, notorisch und habitualisiert, als proto-moralisch sophistophob zu erkennen, ist alles andere als ein Philosophist oder Sophistenfreund, und tritt im Streit um die Anwärterschaft auf die “sophia” — von dem Sokrates die Bescheidenheitsgeste, seiner Ignoranz gegenüber nicht ignorant, dieses nicht zu besitzen, sondern allenfalls nach ihr zu streben reklamiert — zu jenem Gegenüber in ein offenes Konkurrenzverhältnis, von dem nicht klar ist, zu welchen Teilen er, der Andere stets Konstruktion und Projektion wird bleiben müssen, mithilfe dessen der Philosoph — und mit ihm die Philosophie — sich, mit nicht ganz lauteren Mitteln, seiner/ihrer Konsistenz versichert. Ist der Philosoph womöglich so verschieden gar nicht vom Sophisten wie ihm lieb wäre, vor allem im Moment, wo er sich klar und deutlich unterscheiden will? Dies würde bedeuten, dass eine Einsicht in die irreduziblen Kontamination der Philosophie mit dem Sophismus samt möglicher kathartischer Effekte eher vonnnöten sein könnte als den ubiquitären Kampf gegen den Sophisten und das Sophistische (wie er sich von Affekten gegen die Postmoderne bis zur Identifikation politischen Populismus unserer Tage mit “sophistischen Praktiken in Szene setzt) als unterstellte “ultima ratio” der Vernunft einfach unbefragt fortzusetzen; oder umgekehrt den Sophismus als fälschlich marginalisierte Weise des Denkens dem Philosophischen Corpus einfach zu repatriieren.

... from Allan Bloom to Václav Havel, the consensus that sophistics should be the prime target has reached remarkable dimensions, extending as far as politics.

Avantgarde des normalen Lebens

Mag der Sophist, wie Thomas Buchheim in seiner Studie Die Sophistik als Avantgarde normalen Lebens schreibt, jene bezeichnen, die das als nicht sonderlich vorbildlich empfundene Verhalten der Menschen im Alltag — allem voran deren menschlich-allzumenschliches Laster des unlauteren Rechtbehaltenwollens — in perfektionierter Form gegen Geld feilboten und zur Schau stellten und damit, wie alle, die etwas überdurchschnittlich gut konnten, raffiniert und sozusagen sophisticated, nicht nur Bewunderung, sondern Neid und Mißtrauen auf sich zogen, so wäre “ein empirisches Residuum” zugestanden — das im Schwange befindliche, mit Faszination einhergehende Ressentiment gegen einen “Berufsstand” — das die Philosophie aufgegriffen, überformt und systematisch zur Konstruktion ihrer Identität sich zueigen gemacht hätte. Protagoras stellt im gleichnamigen Dialog Platons (316c) die Angst vor Neid und Mißgunst als jenen Grund heraus, der selbst die ihrem Wesen nach ebenfalls Sophisten gewesenen Epiker Hesiod und Homer – womit die Bewegung einer langen, ehrwürdigen Tradition eingesenkt wird — zur Verstellung nötigten:

Sehr mit Recht, Sokrates, sprach er, bist du besorgt um mich. Denn ein Fremdling, der die großen Städte durchreist, und dort die vorzüglichsten Jünglinge überredet, dem Umgang mit andern Verwandten und Mitbürgern, alten und jungen entsagend, sich zu ihm zu halten, weil sie durch den [D] Umgang mit ihm besser werden würden, ein solcher muss freilich auf seiner Hut sein.Denn nicht wenig Missgunst entsteht hieraus und Übelwollen und Nachstellungen aller Art.Daher auch behaupte ich, dass die sophistische Kunst zwar schon sehr alt ist, dass aber diejenigenunter den Alten, welche sie ausübten, aus Furcht vor der Gehässigkeit, die sie auf sich gezogenhat, einen Vorwand genommen und sie versteckt haben, einige hinter der Poesie, wie Homeros,Hesiodos und Simonides, andere hinter Mysterien und Orakelsprüchen, wie Orpheus undMusaios, [E] ja, einige habe ich bemerkt, bedienten sich dazu sogar der Kunst derLeibesübungen, wie Ikkos der Tarentiner, und auch jetzt noch einer, der ein Sophist ist, so gut als irgend einer, Herodikos aus Selymbria, ursprünglich aber aus Megara. Die Musik hat Agathokles,euer Landsmann, zum Vorwand genommen, ein großer Sophist, so auch Pythokleides von Keos und viele andere. Alle diese, wie gesagt, haben aus Furcht des Neides sich jener Künste zum Deckmantel bedient.

Wie auch immer es darum bestellt sein mag: Vor allem geht es womöglich bei diesem “Prozeß” (wenn man es wagen wollte, die Philosophie im Ganze als solchen zu benennen) gegen den Sophisten und seine von Schleiermacher Doxasophia oder Meinerei genannte “Wissenschaft” elementar um ein Verfahren, bei dem der Umgang mit dem Denken als Sprache und dieser als Verhexungs- und Bezauberungsmittel auf dem Spiel steht — ein Kampf gegen die Verhexungen der Sprache in Anlehnung an eine Formulierung Wittgensteins — eine Hypothese, der nachzugehen wäre. Oder muss man nicht vielmehr die Schrift — dies an Sprache, was sie zu einem auseinandersetzenden Unzusammenhang supplementärer Ergänzungen ohne Ursprung und Ganzes werden lässt — als den den wahren Antipoden betrachten?

For it is above all against sophistics that this diatribe against writing is directed: it can be inscribed within the interminable trial instituted by Plato, under the name of philosophy, against the sophists. (Derrida, Plato´s Pharmacy, in: Dissemination)

Dies vor dem Hintergrund, dass (gemäß einer Formulierung Alenka Zupancics), die Problematik klassischer philosophisch-metaphysischer „Konzepte“ nicht in diesen selbst gelegen ist, sondern vielmehr in den inhärenten Widersprüchen, die zu invisibilisieren sie aufgeboten werden.

Zueigen ist der Sophistik nicht nur eine Versportlichung der Intelligenz, sondern vor allem auch die Entfesslung eines Sprechens, um des — grenzenlosen — Sprechens willen.

legein logou kharin (Metaphysics, IV, 1011b, 2)

Die Frage nach dem Sophisten wäre dann die Frage zuviel, die der Sophist in seinen ihn charakterisierenden ex tempore Improvisationen — darüber hinaus ein notorischer Übertreiber — im Ruf steht zu stellen. Die Frage nach dem Sophisten wäre eine sophistische Frage insofern als, wie Hegel — vielleicht prima vista der erste wohlwollende Beurteiler dieser verfemten Denker — es in seiner Geschichte der Philosophie darstellt, den Sophisten es eignete, die Sachverhalte zu einer Frage ihrer Beurteilung zu machen. Dabei jedem ein ebenso plausibles Für wie Wider, eine ebenso begründbare Ablehnung wie Affirmation zuschreibend eine Art entmythologisierender Proto-Dialektik entwickelnd.

Bad Other: Barbara Cassins “Sophistical Practice”.

Als einer der ersten “bösen Anderen” der europäischen Geistesgeschichte erweist sich nämlich nicht minder für Barbara Cassin “der Sophist” – Figur und Emblem – als jenes genuin schlechte Beispiel, an dem sich nicht zu orientieren, die Leitlinie war, auf welche die orthodoxe, kanonische Tradition ihre Adepten und Aspiranten stets eingeschworen hat. Sich abzuwenden gilt es mit entschiedener Distinktion von einer Verfahrensart und, mehr noch, einem Habitus und vielleicht Ethos des Denkens, dem Ethizität und Moral, wie sie fortan verstanden werden will, gerade abgeht: voller pseudos, d.h. Falschheit und Lüge ist sie und damit, durch und durch, echte Unauthentizität.

Dabei können “die Sophisten” — Protagoras von Abddera (vermutlich um 490 v. Chr.- um 411 v. Chr), Gorgias von Leontinoi (* zwischen 490 und 485 v. Chr. in Leontinoi; † zwischen 396 und 380 v. Chr.) als Hauptprotagonisten — nicht als Schule zusammengefasst werden, sofern sie miteinander auch untereinander im Wettstreit lagen. Doch ihre verbindenden Merkmale — extremer Relativismus, Phänomenalismus, Subjektivismus und eben Skeptizismus, was die Möglichkeit unfehlbarer Erkenntnis anlangt — stechen hervor und machen den Fundus dessen aus, was einem Hauptstrom der Tradition fortan als Verfehlung gelten wird.

Elenchos, Peitho, Agon

Der Elenchos, die Wiederlegung (besser noch: das zur Schande machen und Bloßstellen des anderen) im Agon, ist dabei ein Element, dass sich bis in die heutige Debattenkultur erhalten hat. Wucht und Drastik des deinos und der Deinotes, wie die Clevernes und Geschicklichkeit eines sophos genannt wurden, Bannkraft, magische Einflußnahme und Wirkkraft verdanken sich der peitho. Diese war, bevor sie als den Status einer Art von bezwingender Überzeugkraft annahm in der Mythologie Göttin der erotischen Überredung als Helferin der Aphrodite im Gefolge des Hermes.

This helps to demonstrate how the relationship between persuasion and love (or desire) was important in Greek culture.2

Man hat es folglich mit einer Chemie der Überzeugung zu tun, Logos entpuppt sich etwa bei Gorgias, den Thomas Buchheim hierin von Empedokles Mischungslehre beeinflußt sieht, als Droge und Pharmakon, dessen heil- oder unheilbringenden Wirkungen zu kennen, die Kompetenz der sophistischen Arzt-Apothekers ausmacht.

Platon, der vermutlich für jene despektierlichen Zuschreibungen, nach denen Sophisten als leere Oratoren und Rhetoriker, logodaidaloi (Phaidr. 2566e), verstanden werden, eine Mit- oder gar Hauptverantwortung trägt, mag in seiner die Philosophie als seriöse Praxis einer Wissenschaft auf den Weg bringenden, instaurierenden und institutionalisierenden Gründungsgeste – dem, was als kohäsionsstiftende Auschließungsbewegung beschrieben werden kann — den zu exkludierenden Gegner gleich miterfunden haben:

It is very likely that Plato coined the term rhêtorikê, just as he did eristikê, antilogikê, dialectikê, and probably sophistikê. This much has been known for years (Werner Pilz first commented on it in 1934),4 but no one has yet attempted to explore the possible implications. Why? Because Plato himself did not want us to and was clever enough to prevent us from doing so. He is so skillful that that the word, and the thing, seem to have been there long before Gorgias.

Ähnlich hatte schon Popper befunden:

Wenn wir uns ein Urteil über das Vorgehen Platons bilden wollen, so dürfen wir schließlich nicht vergessen, daß Platon gerne gegen Rhetorik und Sophisterei zu Felde zieht; und daß er es gewesen ist, der durch seine Angriffe auf die «Sophisten» diesem Wort seinen schlechten Beigeschmack gegeben hat. Wir haben daher, wie mir scheint, allen Grund, ihn selbst zu tadeln, wenn er an Stelle von Argumenten Rhetorik und Sophisterei verwendet.3

Hätte Platon aber wirklich ein solches Ressentiment eigenmächtig kreieren können, ohne dabei wenigsten an sich im Schwange befindliche Gemütslagen und gesellschaftliche Stereotype anzuknüpfen? Nach W. K. C. Guthrie waren die Sophisten, da aus der Provinz stammende Fremde, die als Wanderlehrer von Stadt zu Stadt zogen, in Athen, das sich für das Zentrum der hellinischen Kultur hielt, suspekte Gestalten. Sokrates, der selbst bisweilen für einen der ihren gehalten wurde (und wohl auch als ein solcher zum Tode verurteilt wurde), hielt deren Instruktionen in staatsbürgerlichem Verhalten, politischer arete (d.h. insbesondere der persuasiven Rede) auch deshalb für verwerflich, so zumindest Xenophon, weil der Verkauf der geistigen Fähigkeiten ihm der Prostitution gleichkam. Der Sophist als Hure…

Andere Vorsokratik

[…] wie wir Deutsche ohne die Aufklärungsperiode wohl schwerlich einen Kant hätten, so hätten die Griechen schwerlich einen Sokrates und eine sokratische Philosophie gehabt ohne die Sophistik. (Eduard Zeller)

Cassins Überlegung ist nun folgende: Wäre es nicht möglich, im Sophismus eine unterdrückte “andere Vor-Sokratik” freizulegen, die bisher weitgehend übersehen oder abgewertet und geringgeschätzt wurde? Man nehme etwa nur Gorgias Encomion und Abhandlung übers Nicht-Sein, darin eine beinahe dekonstruktive Behandlung parmenideischer Ontologie erkennbar wird, die jene Ontologie des eleatischen Monismus eines sich heldenhaft durchhaltenden to eon (darin, so Cassin, Homers Odysseus vergleichbar) mit einer Austin weit überbietenden Performativitätslehre beim Wort nimmt? Denn ausgegangen wird , da sich die Sophisten genauso als Erben der Poeten, wie der oder des besagten Vorsokratiker(S) betrachten — von der Lehre der “einfachen Dieselbigkeit von Gesprochenem und Seiendem” (Buchheim, S. 32). Sein wäre dann aber, machte man damit ernst, vor allem ein Sprachereignis.

Ontology taken literally means logololy, or in other words, if Parmenides, then Gorgias.

Eine Grundfunktion von Sprache neben dem Nennen, wenn nicht ihr “Wesen”, ist die Deixis, das Aufzeigen und -weisen. Dabei liegt die spezifische Sprachphilosophie der/des Sophisten gerade im charakteritischen Modus loquendi der epideixis: der typischen Redeweise des Sophisten. Sie ist Performance in jedem Sinne des Wortes, Vollzug und One-Man- Show-Darbietung: ein Mehr-Zeigen (Lobrede, Eloge, Encomion) als nötig wäre, ein overdoing, aber eben auch in gewisser Weise ein Zeigen dieses Zeigens selbst. Damit wesentlich ebenso eine A-Apodeixis, also Nicht-Demonstration (apodeixis), Negation der Demonstration, die als einzige legitime Weise des Zeigens, des von unten nach oben aufsteigende Beweises gilt. Deixis und Dike, semantisch verwandt werden hier derart einander gekoppelt, dass nur das lückenlos ermittelnde Beweisverfahren den Anspruch auf Richtig- und also auch Gerechtigkeit erheben darf.

Taucht die Epidexis bereits bei Platon mehrfach auf (Hippias Major 282c and 286a, Hippias Minor 363c, and Gorgias 447c) um die Redeweisen des Prodicos, Hippias und Gorgias zu bezeichnen, firmiert der génos epideiktikón, die feierliche Lobrede, neben Gerichts- und Parlamentsrede in Aristoteles Rhetorik als eine von drei Arten oder Gattungen (eide) des Redens.

Das Entscheidende am Sophistischen Reden liegt nach Cassin nicht in der Persuasion, der Überzeugung oder auch nur Überredung als solcher. Vielmehr schafft das Zeitigen von “realen” Effekten, seine Performance (als Vollzug aber auch Vorführung und Ausstellung), Wirklichkeit derart im Wortsinne: doing things with words. Sie will etwas in und durch Sprache geschehen und sich ereignen lassen. So geschieht es in Gorgias Lobrede auf Helena, die der überkommenen Verurteilung der im Wortsinne verfemten Helena — sie sei die Schuldigste von allen Frauen — eine Umdeutung zuteil werden lässt, die mit Sprache einen Sinneswandel bewirkt und die bislang Schuldige so darstehen lässt als sei sie vollends — ebenfalls aufgrund der Sprache und ihrer Unwiderstehlichkeit — unschuldig. Denn das Pharmakon des Logos hat sie zu ihren Taten gedrängt:

The Encomium of Helen, the model for and the paradigm of praise, is a praise to logos; it is a eulogy to the powers of logos:

Und Cassin zitiert Gorgias:

But if it was speech that persuaded her and deluded her mind, it is also not difficult to defend her from that accusation and to dispel the accusation thus: Speech is a powerful master, which by means of the smallest and most invisible body accomplishes most divine deeds. For it can put an end to fear, remove grief, instill joy, and increase pity.

Aristoteles und Platon

Aristoteles, der absolute Lehrmeister der Scholastik, auf dessen Autorität diese sich stets mit einem “Aristoteles dixit” absichernd berufen hatte, hat sowohl in seinen Sophistische Widerlegungen eine Abrechnung mit dem Dispositiv der Widerlegung vorgeführt, wie seinerseits darauf rekurrieren müssen. In der Widerlegung der Widerlegung konstituiert sich Philosophie als jener Hyper-Sophismus, der sie nicht sein will, amalgamiert sich mit dem Gegener und externalisiert diese Kontamination gleichzeitig pathisch.

Gamma

Cassin unterzieht Buch Gamma der Metaphysik — höchst problematisch in seiner domestikativen Ausschaltung von Homonymie, Äquivokation, Amphibolie der Sprache und damit einer gewissen Sprachlichkeit selbst — einer peniblen Lektüre, die die außerordentlichen Schwierigkeiten in der Art erkennen lässt, auf die sich Orthodoxie hier (letztlich ja mit gewissem Erfolg) herzustellen versucht, indem sie die Sprache auf Univozität festschreibend (und verkennend, dass Eindeutigkeit immer nur eine äquivoke sein kann) reguliert, symbolisch restringiert, bezähmt und einer Diskursethik des kommunikativen Handelns dienstbar macht (tatsächlich sind die Namen Apel und Habermas in diesem Kontext für Cassin wichtig, um ein gewissen strategisches Manöver deutlich zu machen.)

„[…] behauptete jemand, das Wort bezeichne unendlich Vieles, so wäre offenbar gar keine Rede möglich, denn nicht ein Bestimmtes bezeichnen ist dasselbe wie nichts bezeichnen; bezeichnen aber die Worte nichts, so ist die Möglichkeit der Unterredung mit anderen aufgehoben, in Wahrheit auch die Möglichkeit der Unterredung mit sich selbst. Denn man kann gar nichts denken, wenn man nicht ein Bestimmtes denkt.“ (1006 b 5-10)

Der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch wird dort, auf der Suche nach dem “sichersten” Prinzip, dem unwiderlegbaren Prinzip aller Prinzipien und onto-logische Nicht-Negierbarkeit als ein inviolate level eingezogen, das sich über einen zirkulären Prozeß begründet, den als petitio principii zu bezeichnen Aristoteles sich tunlichst hütet. Beweisbar kann der unwiderlegbare Satz nicht sein, da er doch  selbst Grundlage allen Beweisen sein soll. Aber Zirkelschluß darf er ebensowenig sein, insofern er sonst mit derjenigen Verfehlung in eins fiele, zu deren Verhinderung er gerade aufgeboten und eingesetzt wurde. Der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch darf (und in diesem “darf” ist immer schon eine Art moralische Verurteilung durchhörbar) kein Widerspruch sein, sonst wäre alles verloren. Er darf kein Widerspruch sein, selbst noch, wenn er ein Widerspruch wäre. Insofern muss zumindest seine Unbeweisbarkeit bewiesen werden. Dies kann nur indirekt geschehen, indem, über den sogenannten elenktischen Beweis

„eine Widerlegung, aber nicht ein eigentlicher Beweis“ (IV 4,1006 a 17)

ein Andere, mit dem Vorsatz, diesen Satz zu widerlegen, hinzutritt und etwas sagt. Überhaupt etwas sagt.

Dies alles mit der Absicht ein stabiles, nicht-widersprüchliches Sein zu wahren auf dessen Identität, sich versichern stets zurückgekommen werden kann. Sehr wohl mag ein Ding viele einander widersprüchliche Benennungen bekommen, es kann diese jedoch nicht sein, es sei denn in verschiedenen Hinsichten, die letztlich doch das Ein und Dasselbe nicht zersetzen.

„Aber das ist gar nicht der Fragepunkt, ob dasselbe Mensch und Nicht-Mensch heißen, sondern ob der Gegenstand beides zugleich sein kann.“ (IV 4, 1006 b 20-22)

„Die ganze aristotelische Philosophie fiele in sich zusammen, wenn ihr dieses Recht zur Unterscheidung von Hinsichten an ein- und demselben bestritten würde.“ (Buchheim, Die Vorsokratiker)

Platon

Bei Platon bereits wurde der Sophist, Cassin zufolge, auf allen entscheidenden Ebenen abgewertet. Ontologisch, insofern als er nicht mit dem Seienden, sondern mit dem Nichtseiendnen und Akzidentellen befasst ist. Logisch, weil er nicht nach Wahrheit und dialektischer Strenge strebt, sondern nur den rednerischen Zweikampf sucht, indem er Kohärenz und Persuasion bloß vortäuscht.
Politisch, ethisch, pädagogisch: ihm geht es nicht um Wahrheit und Tugend für den einzelnen und die Gemeinschaft (polis), sondern persönlichen Vorteil, Gewinn, Macht und Erfolg. Sogar sein Stil ist leer, bloße Gelehrsamkeitsimulation, enzyklopädische Leere. Kurzum: Pseudophilosophie.
Aber indem Philosophie den Sophisten als Anderen ihrerselbst definiert, wird sie zum Produkt seiner: Sie wird von ihrem Pappkameraden, der reinen Künstlichkeit und Unechtheit aus, sich selbst definieren müssen als sophistische Anti-Sophistik.

Novalis

Um den verdrängten Verschlingungen von Philosophie und dem von ihr konstitutiv exkludierten Sophismus, der sich als ein Platzhalter für die zum Logos uneindeutbare Sprache erkennen lässt — sie muss ihr als ein Exzess von Dogma und Doxa vorkommen — , Rechnung zu tragen, rekurriert Cassin in Zusammenhang mit ihrem Versuch einen „konsistenten Relativismus“ zu entwickeln, auf ein “Konzept” des Novalis. Es ginge, so ihr Vorschlag, um eine Logologie, die des Philosophistieren mächtig ist und somit eine dem Psychoanalytiker mögliche, von Freud und Lacan neuerschlossene sophistische Sprache — die Explorationen der Sophistikation äquivoker Univozität nämlich, als welche Sprache selbst auftritt — dem aristotelischen Diskurs öffnet:

It is up to us, in particular, to decipher the ambiguous status of psychoanalysis in light of this teaching—this speech which one pays for, this pharmakon which is bought and sold, just as the sophists were reproached for. For it is obvious that Freud, then Lacan, occupy the site that Aristotle assigned to the recalcitrant sophists, the site of the signifier. Yet there is a crucial difference that changes everything: they occupy this site as Aristotelians. Thanks to psychoanalysis, even drivel and homonymy fall into the embrace of meaning. Freud’s definition of a “pun” (one of whose categories, let us not forget, is the “sophism”) as “sense within non-sense” stands as sufficient witness that speaking for one’s pleasure or, as Lacan puts it, “speaking to no end” or, more literally, “speaking at a loss” (parler en pure perte) is today a sophistical activity that has been embraced or taken over by Aristotelianism.

Une langue, entre autres, n’est rien de plus que l’intégrale des équivoques que son histoire y a laissé subsister. (Lacan)

Tillmann Reik

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Zusätzlich verwendet: A History of Greek Philosophy, Volume 3, Part 1: The Sophists author(s) W. K. C. Guthrie

1 Im Philebos (38e-39e) darüber hinaus, wo die Seele mit einem Buch verglichen wird, zeigt sich denn auch der Makel: In der Abgeschlossenheit geschriebenen Dialogs erstarrt das Gespräch nach platonischer Vorstellung leicht zu jener Totenstarre, die der Schrift toto coelo zugesprochen wird.

3 Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Band 1, Der Zauber Platons, S.603

Dieter Mersch: Epistemologien des Ästhetischen

Mersch de la Philosophie: Kunstgriffe denken

Im Ästhetischen gibt es Erkenntnis nur „schlagend“. (157)

Um ein anderes Denken, anderes als jenes Denken, das sich als prädikativ verknüpfende diskursive Logizität denkt oder ein Denken des Anderen zu denken, forscht Dieter Mersch im Bereich der Künste — jenen, laut seiner Darlegung, konjunktionalen Verknüpfungsarten, für die ihm in erster Linie Malerei und Musik einzustehen scheinen (denn Beispiele aus der Literatur sind rar). Er findet hierbei, in katachrestischen Konstellationen, die Sichtbarmachung — und das heißt für ihn, ein (Sich-)Zeigen, welches er klar vom Sagen getrennt sehen will — eines dem szientifischen Verständnis dieses Begriffs heterogenen Wissens, das mehr mit dem Witz (der mit dem Wissen über die Wurzel ie. *u̯eid- ‘erblicken, sehen überdies nah verwandt ist), der glücklichen, aber letztlich begrifflich nicht fixierbaren Findung, einer phronesis, aufblitzenden Evidenzen und singulären Mikrophänomenen in ihrer allem Allgemeinbegriff abholden, kontingenten und unfüglichen Diesdaheit nachspüren zu tun hat, als mit den etwas bedeutenden Aussagen und Thesen, den propositionalen Sätze innerhalb konsequenzlogischer Argumentationen philosophisch (mithin metaphysisch-ontologisch) gefasster theoria als episteme. Die Anschauung ästhetischer Erfahrung in ihrer Eigenständigkeit vor den privilegierten Dispositiven diskursiver Rationalität, das Ästhetische als Denken sui generis auszuschälen, gelingt Mersch anhand von Referenzen auf vornehmlich avantgardistische Werke und Installationen, deren Experimente und Versuchsanordnungen als Zeugen aufgerufen werden für eine “regellose Praxis” der Zer-Zeigung, bei der Zeigen sich reflexiv auf sich selbst zurückbiegt, um, außer intentional auf etwas anderes, auch und zuvörderst auf sich selbst zu zeigen: das Zeigen als solches auszustellen.

Mersch vergleicht diese mit Rekursion und Selbstreferentialität weitgehend homonymisierte, “Reflexivität” genannte Geste des Zeigens — sehr in Absetzung zu mancher argumentationslogischen Bemühung, beide Bereiche sorgsam zu scheiden — dem unendlichen regressus oder der petitio principii.

Konstellation, der Un-Fug eines Con/Com, anders als die Konfiguration nicht in eine volle Figur gerundet sowie ebensowenig nach Art Heideggers vom fügenden Fug einer Versammlung aus, sondern als eine “lose Kopplung”, ein Geflecht von Verteilungen zu denken (173) bedeutet dann, mit einem “Zusammensein” konfrontiert zu sein,

das sich noch nicht zu einer Identität oder Symbolisierung geschlossen haben muss — das aber, wo es zur Kunst wird, das Moment einer notwendigen Reflexivität inkludiert. (175)

Mersch — der auch in anderen Kontexten gelegentlich betont hat, mit Linearität komme man nicht weiter, während doch das Bestreben, weiterzukommen selbst den Vektor des Linearitätsdenken schwerlich nicht prolongiert (es sei denn, es gelänge, die Linie anders zu denken als ungeteilt)– lässt auch in dieser Studie einerseits den Eindruck entstehen, dichotomische Bifurkationen seien, selbst heuristisch, unzureichend, während er auf der anderen Seite sämtliche Befunde seiner Analysen auf eine Axiologie derartiger binärer und meist hierarchisierter Unterscheidungen — seien es auch modale, wie hier der Verknüfungsweise — stützt. Ob sich ein auf Zeige-Zeuge namens Zeichen gründendes Sagen (das im lateinischen über dicere schon semantisch ins Deiktische und Didaktische und im Deutschen zusammen mit sehen über ie. *seku̯- ‘wittern, spüren’ (vom Hund bei der Jagd) ins Jagen und verfolgende Nachstellen verwickelt ist) tatsächlich ohne weitere Verwicklungen vom Zeigen trennen lässt, selbst wenn diese Unterscheidung Wittgenstein (bei dem die beiden Terme sowohl einander ausschließen wie komplementär sind, bzw. das Zeigen einen von allem Sagen vorausgesetzten Überschuß repräsentiert: „Was gezeigt werden kann, kann nicht gesagt werden“ (TLP 4.1212) / „Der Satz zeigt, was er sagt“) und Benjamin als Zeige-Zeugen aufruft, sowie, ob diese Unterscheidung ihrerseits gezeigt oder gesagt wird, bleibt so ungesagt, wie es sich, zumindest für den Rezensenten, nicht zeigt.

Für den frühen Wittgenstein des Tractatus, dem diese Unterscheidung “Hauptproblem” der Philosophie war, scheint “sagen” immer auch soviel wie “erklären und theoretisieren” zu bedeuten; durch Propositionen vermitteltes Wissen, Aussagen über etwas, bei dem die Weise, wie gesagt wird, nicht mitgesagt werden kann, aber sich zeigt.

Funktionieren kann diese Distinktion, deren Wert darin liegt, eine gewisse Inadäquatheit der Sprache in Bezug auf sich selbst zu beleuchten, wohl nur dann, wenn Sprache mit einem Organisationsystem schlußförmig urteilender Satzformen schlechthin gleichgesetzt wird; sie nicht als die Gleichzeitigkeit dieser Formen und ihrer ständigen Deformationen, welche letztere erstere ermöglichen, gedacht wird. Dann nämlich spricht Sprache unausgesetzt von einer anderen Sprache und anderem als Sprache, zeigt sich der Wahrnehmung als solche divergente Unstimmigkeit und trägt jedem wahren logischen Satz die Male seiner Inkonsistenz ein.

Dann wäre jedoch gleichzeitig zu überlegen, ob die Unterscheidung der Modi der Prädikation und der sich selbst und ihr Zeigen ausstellenden, exponierenden Konstellation so streng durchgehalten werden können, oder ob nicht, womöglich mit Wittgenstein gegen Wittgenstein, jeder Satz im gleichen Zuge, wie er prädiziert auch sich selbst — das heisst, das in ihm Zusammengestellte — als Zeige-Zeug und deutungsloses Zeichen exponiert. Das Denken der Kunst und das der logoi wären dann nicht in distinkte Zonen zu separieren, sondern der Bereich der Wahrnehmung und Sinnlichkeit, d.h. auch der ästhetischen Erfahrung, verdeutlicht sich als — auch nicht mehr rudimentäre Vorstufe, präreflexive Denkweise sondern unverzichtbare Bedingung der Möglichkeit noch der kategorialen Schlußformen und thetischen Setzungen. Jede Prädikation, jeder Syllogismus verdankt seine Imposanz und Evidenz, die Wucht seiner Überzeugungskraft, diesem artistischen “Voilà”, das auch den Be-Griff noch als Kunstgriff erkennbar werden lässt. Die positionierende Prädikation der Kopula würde von der überschießenden, spektral streuenden Medialität des “als” (etwas als etwas zu zeigen/sagen und damit “durch” etwas zu sagen) dergestalt überflutet, dass von “Epistemologien des Ästhetischen” in Unterscheidungen von anderen, herkömmlichen Epistemologien zu sprechen, bereits keinen Sinn mehr machte, weil – vor dem Hintergrund einander imitierender Genres und Modi — niemals klar wäre, wo die Gattungsgrenze definitiv gezogen werden soll.

Tillmann Reik

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Agateil (p)Art

(Un)einige Ur-Teile zu Lagaties Collagen-Legion

lid zi geliden, sôse gelîmida sîn1

*

Iterability, as a mode of production may be recognized as collage. (Gregory Ulmer, Applied Grammatology)

Le détaché reste collé par là, par la glu de la différance, par l’a. L’a de gl agglutine les différents détachés. (Derrida, Glas)

— Was passiert “hier” — ad hoc, hic et nunc, in haecceitas — auf dem Feld dieser gleichsam bildhauerischen Handwerks-Kunst, einer “grafting craft” graphischer Partialobjekte, aparte Part-Art, die eine Serie von Samesamebutdifferents ohne Paradima produziert? (Der Frage geht es also weniger um das τί ἐστι als um ein ¿Qué pasa?: Was ist hier los? Um das „Passieren“ als Vorbeigang einer Losigkeit und ihrer klebrigen Haftungen ohne Gewähr…)

Über-Legung: Es gat(t)et.2

© Kathrin M. Lagatie

Erklärung: Durch Gatierung (worunter, zunächst, ein Mischen und Passen, fast nach den Regeln empedokleischer philotes und neikos verstanden werden soll, nur dass auch diese, Liebe und Haß, Gewogenheit und Antipathie, sich ihrerseits ebenfalls mischen und überlagern) und Über-Lagarung — tatsächlich scheint es so, als würden die Teile (im schwankenden Genus: der/das Teil?) mit markanten Kanten nirgends einander, des anderen Intaktheit zerstörend, penetrieren oder ineinandergreifen, sie gleiten, trotz Klebung lose, auf- und untereinander daher, jedes auf seiner Ebene — ent-stehen Gatherings (eben: Dinge), agglutinierte Konglomerate; sie kommen, auf Füßen, oft monopodisch gesockelt oder di- und tripodisch und manchmal beinahe, da verkopft sich behauptend fast anthropoid anmutend, zu Stand, in Stillleben von chaotischem Idyll: Portraits seltsamer things. Kommen, flüchtig, zu Stand als im Gange befindlicher Zerfall und Zufall eines Syn und Cum. Haufen und Ballungen der Reste (Über-Bleibsel) und Relikte, von Anderem, und Anderem als Anderem. In diesem Sinne sind sie Strukturen (lat. struere (strūctum) ‘schichtweise über- oder nebeneinanderlegen), Geschichte. Diese Dies- oder Dingsdas, nennen wir sie gemäß dem altgriechischen Ausdruck für das konkrete Etwas — tode ti — Lagatodeties — absolut singulär jedes Einzelne und doch unter einander ähnlich, aneinander teil-habendsollen, ganz nach Art jener selbigen, nunmehr auf die Lettern der Lingua angewandten “Technik”, Über-Lagatiere, Collagatiere, oder: Agateile heißen. Dabei stellt sich, wie bemerkbar, gleich zu Anfang die Frage, welchen Geschlechts, welcher Gattung diese Gebilde der Gatierung zugehörig sein könnten. Ob es sich bei diesen plastischen Figuren der Defiguration – die zudem bei aller Skulpturalität ihrer Erscheinung die Abhebung einer distinkten Figur von einem Hintergrund topologisch subvertieren, wo sie mit diesem, von dem sie dennoch gesondert bleiben, oft gemeinsame Sache machen — um lebendige Tiere (wie etwa die Wisents, Bisons, Wildpferde, Mammuts, etc. jungpaläolithscher Kleinkunst oder Ur-Tierchen, Protozoen mit ihrer durch ausgestülpte Scheinfüßchen bestimmte Morphologie), tote Teile wie etwa Mineralien (bunte Steine) oder gar leblose Tierteile, Teiltiere handelt, was morbidere, kadavereske Vorstellungen von Kastration und Amputation ins Spiel bringen könnte — apart abartig. Beides zugleich, alles zusammen und nichts davon wohl am ehesten, weil sich, im Austrag dieses Verfahrens, die für die Abtrennung des Natürlichen vom Technischen zuständige physis/nomos(techne) Unterscheidung sukzessive destabilisiert. Mitsamt der von Leben, mit seinen Mitosen und Meiosen — das, hier, seine semantische Verwandtschaft zum Kleben (dem die Collage, von frz.coller, gr. kolla, ihren Namen verdankt) bezeugt

leben:

Das gemeingerm. Verb mhd. leben, ahd. lebēn, got. liban, engl. to live, schwed. leva gehört wahrscheinlich im Sinne von »übrig bleiben« zu der unter ↑ Leim dargestellten vielfach erweiterten idg. Wurzel. *‹s›lei- »feucht, schleimig, klebrig sein, kleben ‹bleiben›«. Eng verwandt ist die Wortgruppe von ↑ bleiben (germ. Präfixbildung *bi-līban). Eine alte Substantivbildung ist das unter ↑ Leib »Körper« (früher »Leben«) behandelte Wort.

und Tod, im Volksmund „Schnitter“, lat. mors, der als Chef-Kastrator und also Cutter die Zersetzung des Ganzen — das es wohl nicht gibt, nie gegeben hat und nicht gegeben haben wird — zu Stücken, morceaux, traditionell in seine Regie nimmt. Weil sich die in zwei komplementäre Bereiche streng und sorgsam sondernde Demarkationslinie — / — selber splitternd spaltet. Natur (von lat. nasci: geboren werden) inszeniert sich — hier, in diesen Lagatodeties — als unendlich, regellos teilbares (und nur in dieser Hinsicht unteilbares) archäologisches Artefakt, ob natürlich-organisch, natürlich-anorganisch oder technisch/künstlich, lässt sich ohne Weiteres nicht länger entscheiden. Technobiothanatographie? Darüber hinaus: Sind es Momentaufnahmen von Szenen des Willkommens oder des Abschieds einer Begegnung der Selbstzuwendung, die auseinanderführt? Nicht anders (und doch natürlich vollkommen verschieden) als schon beim epikureisch-demokritischen Lukrez spricht dieses (a)tomistische “De rerum natura” von einer techne der Teilchen und ihren Neigungen, indem es sie, die haecceitas dieser je ganz indivuellen schizioden Dividualität, zeugt und zeigt. Korpuskel und Partikel von mit euklidischer Geometrie nicht beschreibbaren Flächen und Umrissen, die genauso Organe ohne Körper sein können, wie Gesteinsformationen, steinzeitliche Keile und Keulen, Genitalien oder driftende Kontinentalplatten, Erdteile, Territorien, Areale, Gebiete in de-strukturierender Archi-Tektonik auf einer Landkarte. Zunächst sind es einfach Formationen von Deformationen unbestimmter (Zwei- oder Drei-?)Dimensionalität, weder Körper noch Fläche, Scherenschnitte, Schattenrisse, schemenhafte Silhouetten. Jedes einzelne dieser collagatierischen Agateil-Mischwesen unbestimmten Geschlechts und Schlags und gebrochenen Gepräges, das in einem Rahmen als eine Begegnung, ein erotisches Rendezvous dieser Segmente „passiert“ (also zu Stand kommt und vorbeigeht), gemahnt allerdings, nach dem ersten Eindruck eines reichlich dionysischen Apollo-Torso — jeder Engel ist schrecklich — an einen Angelus Novus der ganz eigenen Art, der Eigen-Art. Bote einer Part-Art des sich zutragenden Ent-Eignens anarchischer, atpyischer Proto-Arche-Typen, deren arché (der Ort von dem her sie kommen, Ur-Sprung, und das Prinzip, dem sie gehorchen) in nichts weiter bestünde als einem unhintergehbaren „Weiter so!“. Was heißt (uns) hier das “SO” dieser Divisions-Devise, dieses (ohne Ausrufungszeichen nur konstatierenden!) Kontinuitäts-Imperativs, der fortgesetzt die Fort-Setzung propagiert und eine Serialität ohne Paradigma virtuell undlich perpetuiert, was teilt sich, durch sie, mit? Wohin und nach welchem Muster wird evoluiert ? Wie, “so”, auf welche Part-Art vollzieht sich die, wie sich erahnen lässt, doch genuin sexuierende Gatierung, Generierung regelloser, unklassifizierbarer Vielgeschlechtlichkeit? Wohl doch im konsequenten, sich selbst verlierenden Verlassen jeden Ursprung, dem jeder Abstammung, Vor- und Urbild verwaisend Abhandenkommen: Genesis als Exodus.

© Kathrin M. Lagatie

“…parting is such sweet sorrow…” (Romeo and Juliet: Act 2, Scene 2, Schlegel: “So süß ist Trennungswehe!”)

Ist dies Fügen von getrennten, von ihrer Abstammung abgeschnittenen Teilen zu temporären Gestalten der Unfüglichkeit eine Art “süße Wehe” zwischen Scherz und Schmerz deshalb, weil es ein genuin erotisches ist? Eros, den Sappho deshalb den bittersüßen nennt, weil sein Gesetz die Ambivalenz ist? Das Zwischen von Separation und Reparation, Inzession und Sezession als eine Art Inzest, macht diese die Zweierexklusivität überschreitenden Paarungen prototypisch polymorph-pervers und diffundiert den Aristophanischen Kugelgeschöpfmythos als Gründungsnarrativ einer metaphyischen Komplementaritätslogik. Im emphatischen Sinne einer Auseinander-Ent-Stehung (genesis als exodus): ein Geschehn auch des Verlassens jeglicher Ständig- und Beständigkeit: Collagierung als nomadische Ko-ruption. Ein anderes Denken des Ge-Stells (d.h. Technizität), von den Ent-Stellungen her und auf sie zu, teilt sich mit.

© Kathrin M. Lagatie

Welcher Art ist diese Gesellschaft der jeweils ganz eigen und sie selbst seienden Teile und Mit-Teile, deren Spiel nicht zuletzt an Fragmenten einer Sprache der Mode teilhat (ein „Teil“ ist auch ein — hier aller anpassenden Einhüllungsfunktion beraubtes, selbst Körperflächen bildendes — Kleidungsstück, Hülle für eine hyle, Silhouette, „Si L´Hylette?“)? Ein ent-fernendes Bei-Sein, para-sitieren vielleicht, keine Versammlung, sondern ein Un-Fug von driftenden (De-)Struktionen? Oder eben: Versammlung und Zerstreuung zugleich. Lagas luxierter Logos, die lesende Lege, die sich hier vorliegen lässt, ein erotopolemologischer, ist nicht nur verrenkt und zerklüftet, er kommt daher als das Sich-ins-Werk-Setzen dieser sich bewahrenden Zerklüftung und damit auch als das désœuvrement einer „Zerklüftung aller Werklichkeit“ — in anderen Worten: als Wirklichkeit.

denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Kleben gendern.

Μή μου ἅπτου

Tillmann Reik

 

1Glied zu Glied, wie wenn sie geleimt wären. Die Schlußzeile des zweiten Merseburgerzauberspruchs, ein Binde- und/oder Klebezauber (Galster) zu Heilzwecken. Durch bigalan/biguolen (besprechen, bezaubern, besingen, denn es rührt, wie die Nachtigal, vom Vogelgesang her, oder ist immerhin mit ihm und — wie to call — dem Gellen verwandt) wird bewirkt. Hier besteht die Lösung des Problems, des verrenkten Fußes, im Leimen. J.Grimm übersetzt: ac si glutinata essent

2Dieses “zugrundeliegende” Gat ist gewissermaßen der gute Gott, von dem her sich alles als die Frage nach Gattung und Geschlecht ausstreut. Es geht um die Wurzel “ie. *ghadh- ‘vereinigen, eng verbunden sein, zusammenpassen’, älter wohl ‘umklammern, fest- und zusammenhalten’ (vgl. aind. ā́gadhitaḥ ‘angeklammert’), wozu auch ↗gut, ↗vergattern und wohl auch ↗Gatter, ↗Gitter (s. d.) gehören. (DWDS)

Werner Hamacher (1948-2017)

ἅμα1
Vers une Lingua licta
(Ablagerungen)

Wie der Mensch sich sezt, ein Sohn der Themis, wenn,
aus dem Sinne für Vollkommenes, sein Geist, auf Erden
und im Himmel, keine Ruhe fand, bis sich im Schiksaal
begegnend, an den Spuren der alten Zucht, der Gott und
der Mensch sich wiedererkennt, und in Erinnerung
ursprünglicher Noth froh ist da, wo er sich halten kann.
(Hölderlin, Pindar-Fragmente, Die Asyle)

Was sich im Versprechen mitteilt, […] muss das,
wenn auch noch so sanfte Entsetzen sein.
(Werner Hamacher)

Vorsatz

Inaugurative Setzungen übers Setzen (Stellen und Legen, deren einander ersetzende Dreieinigkeit das Setzen allein, hier, stellvertritt), das, ein weiteres Mal, Thema sein soll, folgen, gleich, auf den folgenden Satz. Es handelt sich, anders gewendet, um (Anti-)Thesen zum Thema des Thetischen, der Thesis, des tithénai (τιθέναι) in hinkenden Schritten

(Was die Griechen Arsis und Thesis nennen, d. h. Anheben und Absetzen, bedeutet die Bewegung des Fußes. Arsis ist nämlich Anheben des Fußes ohne Ton, Thesis Absetzen des Fußes mit Ton./arsis igitur ac thesis quas Graeci dicunt, id est sublatio et positio, significant pedis motum. est enim arsis sublatio pedis sine sono, thesis positio pedis cum sono. Marius Victorinus, De arsi et thesi. In: Grammatici Latini),

so dass letztlich sichtbar werden könnte, dass es um ein Gehen als Geschehen geht, bei dem

jeder Fuß pes um gesetzt zu werden, erst aufgehoben werden muß. (Friedrich Nietzsche, Basler Vorlesung zur Griechischen Rhythmik):

— Alles, was überhaupt zustande kommt und Beständigkeit an den Tag legt, gesetzt den Fall, so verfügte die mythische Ursprungsprothese der ontotheopolitologischen Rechtsinstitutionen2 Europas in performativem Konstativ, geht, nicht erst seit Gutenbergs Typen auch im Bereich dessen, was, unter Druck, dahin gelangt, geschrieben zu stehen, vom fortschreitenden, feststellenden Setzen und Entgegensetzen aus. Geht vom Setzen als Entgegensetzen, aus, das eine konstitutive, souveräne Instanz sich als Vermögen verbucht, die setzend sich selbst setzt. Es geschieht dies genauerhin derart, dass besagtes Setzen, wenn es sich in seiner auto-autoritativen, positionierenden Pose als geltendmachendes, legitimierendes, behauptendes Einsetzen und Besetzen (darin ist es eine Nahme) und also Instituieren präsentiert, sowie resultativ in einem Gesetzen, dem prädikativen, propositionalen Satz (als begriffliches Urteil, als folgernder Schluß: S ist P.)

Hegel — noch einmal — will schließen.3

kulminiert, innehält, rastet, sich sammelt. Dabei, in dem es sich selbst, als Instanz, re-präsentiert, die (ort)lose, mäandernde, verandernde Bewegung, von der es seinerseits abkünftig ist, das scheidende, schneidende: schreibende Ausgehen und Aufbrechen, die drängende Unruhe seiner Stasis, konstitutiv verstellt, unterdrückt und verdrängt. Dadurch aber aufhebt im doppelten Sinne: auslöscht und bewahrt wie ein Archiv: Museum und mumifizierendes Mausoleum ineins. (Das Einsetzen und Besetzen wird in diesem Zug zum Beisetzen: es errichtet eine Grabstätte, indem es seine dogmatische Tafel aufrichtet.) Sodass sich des hypostasierten Satzes Status und Statut in seiner das Geschehnis sistierenden Statik nicht mehr ohne Weiteres als eindrücklicher Ausdruck nomadisch-migrantischer Flüchtigkeit zeigt. Sich nicht länger als vorübergehende und bloß zeitweilige Bleibe, die vergeht, ephemeres Refugium, transitorischer Halt ohne Halt zu erkennen gibt (während das bahnende, trassierende Vergehen, welches sich selbst nicht zeigt, diese Zersetzung, im Kommen, restiert). Sondern vielmehr zum independenten, sui-suffizienten, unerschütterlichen Grund seinerselbst, zum Ersten und Letzten, Einen und Selben, arche-telos, trotzig zusammenzieht und ringförmig einschnürt; die Gewalt seiner Setzung, die er ist, sichernd, bewahrend und verwaltend. Unnachgiebig der stattgebenden Nachgiebigkeit gegenüber, welcher er sich verdankt, die sich in ihm niederschlägt.
Doch in der Erhaltung der Setzung, die reaktualisierende Wiederholung erfordert, schleicht sich unabdingbar je schon, stets und ständig, Differenz ein. Da diese Erhaltung mit der ersten Setzung beginnt, die immer schon die zweite ist, beginnt dies Einschleichen von Anfang an: Jedes Setzen, das Position beziehend Station macht, setzt eine Differenz — von sich — voraus. Lücke, Zäsur, Selbstunterbrechung.

( — Zwei gegenstrebige Gewalten oder Kräfte zeichnen sich folglich bereits ab im selben Maße, wie sie sich zersetzen: diese der differenzierenden Eröffnung, jene andere der schließenden Festsetzung. Unmöglichkeit, sie zu trennen wie nicht zu trennen. Das Andere und das Selbe, will das heissen, befinden sich in einer untrennbaren Nicht-Relation, die keines von beiden je rein für sich bestehen lässt, sondern jedes in ursprüngliche Komplizität, Komplikation und Ko-Implikation, bastardisierte Dyade als Minimum, verwickelt zeigt: ἅμα/hama/zugleich erweist sich mithin als das Ungesetz und Entsetz allen Setzens.)

— Nichts geht, somit, andererseits, in Entgegensetzung zu obiger Prämisse und Präsupposition oder schräg zu ihr, vom Setzen einer Instanz aus, das nicht, wi(e)der und wi(e)der, in Iteralteration4, von etwas anderem und anderem als anderem ausgegangen wäre. Die definiten, festgesetzten Sätze erweisen sich als einander (und sich selbst: selbander), einem Nicht ihrerselbst, ausgesetzt und diesem Ausgesetztsein als, Anfang vor allem Anfang, unhintergehbarer Öffnung exponiert. “Vor” aller Position und opponierender Negation (das heißt, in gewissem Sinne auch
in ihnen) “sitzt, steht, liegt” diese Exposition und Disposition selbst (als Zone der Prä-Fixe und Prä-Positionen: ent-, aus-, ab-, auseinander-, etc.) — nicht; sie lässt (gehen und zu), gewährt. Das Ausgehen, von dem das „Ausgehen von“ ausgeht, wäre nunmehr eines von nichts. Auf nichts hin.

*
“Was geschieht ist Abschied”,5

atheisierendes Adieu à dieu, und in der Weise solcher entbindenden Abschiedlichkeit: Ausgang, Exodus: Ab-, Ent- und Aussetzung. Und dies nicht nur zwischen zwei Polen des “Parting”, des départ, der partage, Geburt und Tod, sondern in einem Zwischen, einer Mitte, die ortlos und exzentrisch nirgendwo und überall, von nirgends her und nirgendwohin zu, herumirrt und dabei die Pole überhaupt erst als “Exstasen” auswirft.

Zugleich (hama) gilt demgegenüber jedoch ebenso:

Was geschieht, ist Schuld”.

mythische Verstrickung in einen Zusammenhang der Tauschökonomie deutungsloser Zeichen.

Gibt es Versöhnung und ent-sühnende Verzeihung, dann nur als Zeit

Die Zeit verzeiht. Sie – und sie allein – ist nichts als Verzeihung. Der Satz vom Grund, von der causa, vom αἴτιον, der ätiologische Satz par excellence setzt aus am Nichts dieser Verzeihung. Die Zeit erlaubt eine Geschichte ohne Grund. Sine fundamento, sine culpa et causa.”6

Der imponierende, mit kategorisierenden Zeichen zeihende,anklangend verschuldende Satz (als normierte syntaktische Einheit, präjudzierendes Proto-Dogma vor allem Inhalt, allein durch seine Form) erscheint dann vor allem, noch in seiner Verleugnung, als der Niederschlag, der Rückstand, die Ablagerung eines Lassens, einer grundlosen Verzeihung, die sich in ihm verstellt. Die Setzung des Satzes verstellt das Lassen, das er ist. Sprachgerechtigkeit muss es um dieses Lassen zu tun sein.

*

Hauptsatz

— Werner Hamacher versorgte überreichlich mit Sätzen.

Zugleich, d.h. zur gleichen Zeit, auf einen Schlag und im selben Zug (gr. hama) scheint — aus der Perspektive eines Lesers und in schlechter, aber als Hommage gedachter Mimesis seines Gestus (des „Das habe ich so nie gesagt.“- Verdikts könnte man sich wohl sicher sein) — Hamachers ganze Advokation — in dieser Fürsprache für die Fürsprache lag der Impetus seiner Interventionen, seines Einsatzes — dem Umsatz des Un-Sätzigen und vielleicht sogar Aus-Sätzigen (leprös Entgliederten und Ausgerenkten) der Sprache(n) zu gelten. Sprechen „gegen die Wider-Sprachlichkeit des Urteilens“ (Recht oder Leben).

— Werner Hamacher versorgte überreichlich mit solcherart Sätzen, die Sprünge sind, die vom Setzen wie vom urteilend-schließenden Satzförmigen, vor allem von den Voraussetzungen (Prämissen), als Grund-Problem des Gründens kündeten, zugleich jedoch “formal” (aber „Form“, im Medium der Sprache, kann nur den gesamten Inhalt meinen) das syntaktische Fassungsvermögen von urteilenden Satzeinheiten, jenes, was diese beim besten Willen noch zu umfassen, greifen, integrieren, synthetisch aufzuheben im Stande sein können, bis kurz vorm Zerreissen — und oft genug darüber hinaus — überspannten. Wie weit kann im Diskursiven eine Integration als Desintegration gelingen, in wie weit muss sie sich, affirmativ, ihrer Dysfunktionalität überlassen?7

Bekümmert war er um jene Anteile der Sprache, in denen sie nicht, gesettled und arriviert, greifbare Verdikte, Doktrinen, Statements, Dikta, urteilende Sentenzen und kosmotheorische Gnomen liefert, die der praktischen Lebensführung und dem Denkvollzug Halt und Orientierung bieten8, sondern das Setzen thetischer Akte, Thesis-Taten (und damit jenes,was er, neben Ergontologie gelegentlich Ontothesiologie nannte und in späteren Jahren immer unabweisbarer mit einer Art Proto-Juridismus verschworen sah) einer Unsettledness exponiert ist, die es wie ein fundamentum concussum (und deshalb — eine bebende und irreduzible instabile Grundlage kann im klassischen Sinne keine mehr sein — ein schlechthinnig diffundierendes Afundament) trägt,– es ist dies das pherein einer Ferenz, die Hamacher noch vor Derrida als solche bezeichnet hat9 — aber indem es rückhaltlos fallen lässt. (Diesem Beben und dem, zufällig stützenden Auseinanderfall verschreibt sich etwa der Kleistaufsatz in Entferntes Verstehen.) Alle Fälle unter einer Regel, die durch diese phallische Fallförmigkeit erektiert, in ihrem Fall aufgefangen, sistiert und stabilisiert werden, als greifbarer casus zustande kommen, fallen jedoch je nur noch als gesetzte, vorliegende Zustände und fallen also, gerade, im Moment, nicht.

Es geht darum, die Identifizierung der Sprache überhaupt mit der prädikativen Urteilsfunktion, die nur eine von vielen ihrer Möglichkeiten ausmacht, aufzubrechen. Um diesem uneindeutbaren Brechen, dieser unaneigenbaren Mit- und Ur-Teilung, inne und gewahr zu werden, die man wiederum, diesmal in einem erweiterten Sinne, Sprache nennen könnte. Sprachen gegen Sprache für Sprache. Für Fürsprache.

Hamachers Plädoyer für den Afformativ, die Affiguration, die Öffnung und Anbahnung von Figuren und damit eine bestimmte, das Strikte und Gerade zugunsten des Krummen und Verqueren –dessen, was odd ist wie Kafkas Odradek, jene seltsame Spule und Sorge des Hausvaters — bestreikende Ent-Setzung und Unter-Lassung musste dessen Bastardisierung mit der Tat der Thesis und ihren Stelen immer wieder eingestehen, konnte dieses Zugleich (jenes temporal-intemporale Adverb hama, das in Derridas Schriften — Ousia et grammè sei nur ein Beispiel, so oft, wenn auch so oft versteckt, beim Namen genannt wird10) von Aporie — der Öffnung einer Unentschiedenheit, deren Präzisierung er immer zum Äußersten trieb –und Euporie — dem frisch-fröhlichen, um derlei Intrikationen unbekümmerten Sich-Einen -Weg Bahnens, zu dem auch die Massenproduktion von Richtsprüchen und Sätzen zählt, offenbar nur als tragisches Verhängnis betrachten. Am Schmerzhaftesten dürfte dabei vielleicht jene Erfahrung der eigenen Verstricktheit gewesen sein, Koimplikation und Kollaboration durch die jedes seiner in ihren Entscheidungen in letzter Instanz doch erstaunlich unbekümmert kurzen Prozeß machenden Worte zugunsten seines Mandanten (innerhalb eines unendlichen Verfahrens) — einer Sprache, die der Urteilsfunktion wenn nicht enträt, so doch sie bis zum Äußersten aufschiebt — den tödlichen Richtspruch über diesen, einerseits, jedesmal besiegelte. So wie in Kafkas Universum das Verlorensein an den anklagenden Urteilsprozeß erst mit der Aufnahme der Verteidigungsbemühungen und damit der Anerkenntnis der juridischen Modalität beschlossene Sache ist, so beerbt Hamachers advokatorisches Sprechen den (ver)urteilenden Juridismus und dessen Paternalismus der Höhe in vielen Aspekten — nicht zuletzt jenem Gestus der rigiden Intransigenz, der Unnachgiebigkeit gegenüber jeder Unnachgiebigkeit — vielleicht unheilvoll. Die Gesetzförmigkeit seiner eben diese aufbrechen wollenden apodiktischen Diktion mit ihrer Proliferation an konsequenzlogischen Konditionalprogrammen “Wenn dies, dann das” und “daraus folgt aber zwingend” — d.h. der Insistenz auf der Konsistenz einer argumentationslogisch korrekten, syllogistisch untadeligen Beweisführung, um damit eben diese zu widerlegen und ihrer Verfehlungen zu zeihen (Hamachers Hamartiologie?)11: über die Philologie hatte er gesagt, für sie gelte das “non sequitur” — steht dann für den Leser oft als Zeugnis eben jener Aporie, die zu verdeutlichen als Diaporie ihm die Hauptsache war. Die nicht auszuhalten, aber als unaushaltbare, unerträgliche ausgetragen werden kann und muss. Ihre Präzisierung — sie impliziert, dass Verstehen, was verstanden werden will, vielleicht nicht verstanden werden kann und wo doch, dann vor dem Hintergrund seiner Unmöglichkeit — ist die einzig mögliche. (Was auch bedeutet, dass Klarheit immer nur in der Verdeutlichung einer gewissen Dunkelheit bestehen kann.)

Wenn nun aber gesagt werden muß, daß die afformative Schicht der Sprache nur läßt, niemals aber setzt, so muß auch gesagt werden, daß alle Setzungen sich diesem Lassen verdanken, die Erinnerung an dieses Lassen bewahren und diesem Lassen ihre Setzung schuldig sind: das Lassen läßt also nicht einfach und läßt sich selber nicht ohne Rest aus dem Kreis mythischer Setzungen aus, sondern hält durch Verschuldung und das, was Benjamin Schickal nennt, an der Form der Setzung, der Rechtsinstitute und damit an einer Gewalt, die nicht rein ist, fest. Bloße Möglichkeit der Sprache überhaupt, kann das Afformative nicht anders, als sich in der Diversität ihrer Inzidenzen zu erhalten. Es kann nicht anders, als das zu werden, was es nicht ist, und wird immer zu dem geworden sein, was es nie war: was unzeitig war, überläßt sich der Zeit der Setzung, der Vorstellung und der Dauer, in der es der Dialektik von Rechtssetzung und Verfall ausgesetzt ist.


Hamachers dekonstruktive Philologie aus dem deutsch-französischen Geiste Szondis, Celans, Derridas und Blanchots suchte im Gefolge seines Lehrers Paul de Man und in einer Radikalisierung Austinscher Spreckakt-Theorie Sprache (die ihm oft Signum einer mit sich selbst nicht identischen Differenz zu sein schien), vor aller Sprache in der Vorsprache eines Versprechens, was selbst insofern je noch keines ist, als es sich bloß erst verspricht, in seiner promissiven, promessianischen Performativität jedoch, zugleich, immer die Drohung beinhaltet, sich gegen sich selbst zu wenden und nicht eingehalten zu werden und damit kein Versprechen zu sein. Bei Hobbes fand er es als kontraktuelles Versprechen („Wilde Versprechen“), in Kants Transzendentalphilosophie als alle sprachliche Äußerung leitender Imperativ, der schon eine Allopraxis über eine Handlungsmaxime fordert, die ein Lassen freilegt,

Der kategorische Imperativ, dieser Performativ, der alle Performative begründet, tut also nichts anderes, als den Afformativ der sprachlichen Mitteilbarkeit erscheinen zu lassen. Er setzt nicht eine universelle Regel, ein Gesetz, sondern setzt der ungesetzten Mitteilbarkeit seiner eigenen Sprache aus. Im Unterschied zu allen anderen, wesentlich performativen Imperativen, ist der kategorische in seiner von Benjamin radikalisierten Fassung Entsetzung alles dessen, was durch normierende oder regulative Setzungen die Mitteilbarkeit der Sprache verdecken könnte.”12

bei Fichte dann in einer originären Thathandlung des Sprechens und bei Marx in der Sprache der Ware („Lingua Amissa“). Einer Warensprache „voll metaphysischer Mucken und theologischer Spitzfindigkeiten“ — das macht sie zur Sprache der gesamten politischen Ontotheologie des Abendlandes und ihrer Spukgeschichte — , die eine wahre Sprache verspricht, aber dieses Wahre doch nie aus dem Bannkreis einer Ware und ihrem Fetischismus entkommen lassen kann.

Oder doch?

Aller Humanismus mit seinen Gleichheitspostulationen spricht mit den Waren von der allgemeinen Äquivalenz und damit: vom Kapital. Mit der A-Kategorie des Versprechens lässt sich allerdings eine Struktur (auch hier würde Hamacher zumindest von Distruktur oder Destruktur sprechen) freilegen, die ein alle Äquivalenz ermöglichendes Surplus ins Spiel bringt, deren Tragweite für Hamacher nicht zu ermessen ist:

Es wird für mich immer erstaunlich bleiben, daß das Motiv des Versprechens, das ich — freilich belehrt durch Heideggers Analysen zur Vor-Struktur des Daseins – zunächst bei Kant und Nietzsche beobachtet habe, zu einem der Berührungspunkte zwischen Derridas Arbeiten und den meinen geworden ist.13

Es ist zunächst als Sprache — Medium aller Medien — das Versprechen eines Versprechens im Sinne einer promissio der eschatologischen, messianischen Verheißung. Aber genauso spricht Sprache, indem sie irreduzibel fehlt, sich selbst mangelt, absentiert und also aussteht; aber auch sich selbst und die Sache, deren externe Referenz Sprache in ihrem Inneren spukhaft herumgeistern lässt, verfehlt. Versprechen ist Sprache deshalb auch als stetiger lapsus linguae, als ein ruinöser, man könnte sagen: auto-dekonstruktives Brechen im und als Sprechen. In und als Sprache so etwas wie eine tranzendentale (Ko)Ruption zu sehen, ein aller kriminologischen Identifikation, allem letztlich überführenden Stellen durch die Maschen schlüpfendes Verbrechen ist eine weitere Dimension. „Wer spricht ist noch nicht gerichtet.“ Nichts als Relikt ihrer Delikte (des die Grenzen des mit Fug und Recht Gesetzten Überschreitens), ist sie selbst Überbleibsel und Hinterlassenschaft, -likt, eines linquere: Lassen. Lingua licta, lingua liquens. Linqua. Von hieraus geben die Sätze sich in einem anderen Sinne zu verstehen: als Rückstände, Ablagerungen und also Überbleibsel von etwas, das sich, wieder in voller Äquivokation, die auch das aus dem Staub machen beinhaltet, abgesetzt hat. Spur eines unfügig-fugitiven Sich-Davon-Machens. Hamachers eigene Prägung für eine seinem unvollendeten Projekt (soll man sagen: seiner Mission?) eines Denkens der Sprachgerechtigkeit entstammende Spracheinräumung lautet lingua missa, lingua amissa:

Diese Ad- oder Amissiva können nun nicht als fundamentalere Sprachhandlungen gedacht werden, in ihnen wird eben nicht gehandelt und nicht vollzogen, sondern zugelassen und eingeräumt, gewährt und überlassen, und zwar in nicht regulierbarer, jedesmal singulärer Weise, und jedesmal so – deshalb Ad- oder Amissiva –, daß eine Zulassung und Einlassung zugleich ein Fahren- und Fallenlassen, eine Aufgabe und ein Verlust sein kann.14

Jene Amission entpuppt sich nunmehr als Prämisse aller Prämissen.

Über das auf diese Weise, nämlich nicht mehr per-, sondern afformativ, verstandene Versprechen (ein wegbahnendes Er-Sprechen) kann dann Sprache, selbst wenn sie nichts als die funktionale Äquivalenz der Waren verspricht, mehr und anderes sprechen, anderes versprechen als sich selbst:

Was sich im Versprechen mitteilt, muß also über alle Formen der transzendentalen Subjektivität und ihrer polit-ökonomischen Institutionen, es muß über das Kapital und die von ihm bestimmte Arbeit hinausgehen und aus ihrer Exzendenz all ihre Gestalten im voraus, im Voraus- und Ver-sprechen, transformieren und ins Trans jeder Form versetzen. Es muß, von Anbeginn über alles in irgendeiner Weise Gesetzte hinaus, ein Monstrum an der Grenze der Erscheinung, der Sichtbarkeit und Vorstellbarkeit sein. Es muß das,wenn auch noch so sanfte, Entsetzen sein.15

Das oft schreckenerregende, im Wortsinne entsetzliche im unerbittlichen Rigorismus dieses Schreibens mag mit dem Syntagma einer “Kritik der Gewalt” am besten bezeichnet sein, wenn dieses, über seinen gewöhnlichen Genitivsinn hinaus, gegen den Strich gehört wird als die Gewalt, die dem krinein selber eignet: wüstes, wütendes und dennoch für sich vollkommen gewaltloses Walten des Teilungsgeschehens einer “Urteilskraft”, ursprünglichen Mit-Teilungskraft und ihrer Effekte: Aus-Einander-Setzung.

Nachsatz

Die Herkunft des ersten Elements ist umstritten: Wahrscheinlich liegt hier althochdeutsch waron, „(be)wahren, Acht geben“, zugrunde, oder das verwandte warnon, „sich vorsehen, sich hüten“, (vgl. „warnen“), eigentlich „auf etwas sehen, etwas gewahren“. […] Nach anderer Deutung geht dieser Namensteil zurück auf althochdeutsch weren, „wehren“. 16

Etymologisch leitet sich der Name „Hammacher“ oder „Hamacher“ von rheinfränkischen (oder ribuarischen?) Handwerksbezeichnungen ab, nämlich den „Hamenmachern“. Der Wortstamm „Hamen“ gehört zu „haben“, so es „fangen“ oder „halten“ bedeutet. Im Schwedischen ist „haemta“ gleichbedeutend mit „fangen, nehmen“. Bei den Lateinern heiß die Angel „Hamns“, italienisch „Hammo“, im französischen findet sich dafür das Wort „Hain“. Das lateinische „Hamns“ bedeutete aber auch „einen Ring, der etwas hält“, so wie in der Landwirtschaft das Kuhhamen, einem haltenden hölzernen Ring, den man den Kühen um den Hals legt, um sie damit z.B. an der Futterkrippe zu befestigen. Im „Osnabrückischen“ ist Hamm sowohl ein Hamen zum Fischfang, als auch ein Kummet (Zuggeschirr für Pferde). 17

Werner Hamacher est le nom singulier pluriellement porté par tous les porteurs et les émetteurs de signaux, d’appels. de cris et d’alertes. de gestes. d’emblèmes, de marques, de traits et de tons, de timbres, de couleurs, de clins et de winke, de toutes les facons de Ha ! qui peuvent annoncer nos présences inquiètes […] (Jean-Luc Nancy)

Man wird im einen Teil der Signatur dieser Texte, Werner, den (Ent-)Ferner, so nah er sein mag, mithören müssen; zugleich und gleichwohl (hama) aber auch den prophetisch-apotropäisch wahrenden Warner gewahren, der im Versuch, dem alles Gewahrte überhaupt ermöglichenden wehrlos Unbewährten — der gelassen-lassenden Sprache selbst — zur Sprache zu verhelfen, dieses, in einer Unvermeidlichkeit, um die er weiß, immer auch wieder erneut, zugunsten seines anderen, der verstellenden Setzung, auf Distanz hält. “Hamacher” hingegen — das spanische Verb jamaquear/erschüttern klingt an, der hebräische chaver im cher: Freund mit dem man sich über Buchseiten biegt — das Ach! und das Machen (poesis) und wie sie zugleich aus ein und demselben Unzusammen sich verlieren. Chèr hama.

Der Vortrag “TÒ AUTÓ , THE SAME, – – (Celan with Parmenides and Heidegger)” aus dem Jahre 2014 wendet sich diesem Selben, darin abrückend von Heidegger (dem nichtsdestominder diese Dimension des Lassens, der Gelassenheit, dem Seinlassen als Sich-Einlassen, alles andere als fremd war) nicht mehr als Versammlung in zu-neigender Innigkeit gedacht, die aller Zerstreuung voraus geht18, sondern rückhaltloser Verlust und Vergessen, noch einmal, mit Celan, zu. Im hama, dem gespenstischen Doppelgänger des homo und Verwandten des gotischen sama, von dem die Einsamkeit, die Gemeinsamkeit wie das Zusammen und die Versammlung sich herschreiben, zeigt sich Einunddasselbe als, zugleich Kein-Ein, Zugleich von Zugleich und Unzugleich. Same des sama/hama, der keimhaft aufbricht, damit aber auch: Selbstverlust als Bedingung der Möglichkeit dafür, dass etwas, als Begegnung, sich ereignet:

Getrennt,
fall ich dir zu, fällst
du mir zu, einander
entfallen, sehn wir
hindurch:

Das
Selbe
hat uns
verloren, das
Selbe
hat uns
vergessen, das
Selbe
hat uns – –19

*

Es bleibt (umso mehr vorm Hintergrund des abgründigen Grund-Satzes aller Sprache: “Das habe ich so nie gesagt.”):

die wildernde Überzeugung,
daß dies anders zu sagen sei als
so. 20

Denn:

Nichts ist noch gesagt.21

 

Tillmann Reik

1Das altgriechische hama, verwandt mit dem gotischen sama, wie es noch etwa in der Versammlung steckt, bedeutet etwa so viel wie zugleich, zusammen, mit und leitet sich her von der proto-indoeuropäischen Wurzel *sem. Vgl. auch Fußnote 8.
2
Inwieweit dieses Kompositium als Pleonasmus verstanden werden kann, Recht als Ontologie verstanden werden muss und umgekehrt, inwieweit es mit “Präsenzmetaphysik” oder “Idealismus” zusammengedacht werden kann, und ob Werner Hamacher sich, wenn er sich an diesem oder etwas ähnlichem abgearbeitet haben sollte einem Popanz oder selbst konstruierten Pappkameraden auf den Leim gegangen ist, sind Fragen von höchster Relevanz, die jedoch in diesem Versuch keine Beantwortung erfahren werden. Zum Popanz siehe immerhin eine Rezension von Dieter Thomä von 1998 zum Entfernten Verstehen, abrufbar unter: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezension-sachbuch-sag-beim-abschied-leise-subjekt-11319580-p3.html
3
So beginnt die monumentale Einführung des 30jährigen Hamacher zu Hegels “Geist des Christentums”. von 1978, die das Mal, die singuläre, aber immer schon der Wiederholbarkeit überantwortete Markierung auch von ihrer inkorporierend-digestiven Seite her denken lässt: ein Mal is(s)t ein Mahl.
4
Die Sprache mit Neubildungen zu befremden kann eine Lizenz von Hamacher mißbrauchen, welche dieser einmal wie folgt beschrieben hat: “Bei der Bildung des Wortes – oder Vor-Worts – »afformativ« (zum erstenmal in »Afformative, Strike«) oder »bifformativ« nehme ich dieselbe Lizenz in Anspruch, die Austin für die Einführung des Begriffs »performative« brauchte. Nicht um die Befremdlichkeit dieser Begriffe zu mildern, sondern um die Befremdlichkeit inzwischen kodifizierter und konventionalisierter zu betonen, erinnere ich daran, daß Austin es mit »performatives« nicht genug sein ließ, sondern auch von»illocutives« und »perlocutives«, von »verdictives«, »exercitives«, »commissives«, »behabitives« und »expositives« spricht (in: »How to do things with words«, Harvard University Press 1962; pp. 153-64).”
5
Dieser Satz findet sich sowohl im Entfernten Verstehen wie in der 34. These der 95 Thesen zur Philologie, hrsg. von Urs Engeler, roughbook 008, Frankfurt a. M. und Holderbank 2010, S. 35.
6
„Schuldgeschichte. Zu Benjamins Skizze ‚Kapitalismus als Religion’“, in: ‚Jüdische’ und‚Christliche’ Sprachfigurationen im 20. Jahrhundert. Herausgegeben von Ashraf Noor undJosef Wohlmuth, Paderborn: Schöningh 2002, S. 215-242. Hier S.217 und S.241-242.
7
“Das Ideal des Kaputten” eine kurze Notiz Alfred Sohn-Rethels zur Neapolitanischen Vorliebe fürs notdürftig geflickte Defekte verlas W.H. ganz zu Ende seines Vortrags “Technik, Löffelheit, gedachter Verstand” am Bochumer Kolloquium Medienwissenschaft. Abrufbar unter: http://www.ruhr-uni-bochum.de/bkm/archivseiten/23_hamacher.html
8
Ganz im Gegenteil etwa zu einem diätetisch-consolatorisch-therapeutischen Gebrauch der Sprache (von dem, manchen Mutmaßungen gemäß, die späten Turmdichtungen Hölderlins als Kompensationsstrategie für das, worin er bis zur “Umnachtung” zu weit gegangen war, zeugen), ist allen Hamacherschen Annäherungen Provokation wie Exzitation (das: “Jezt komme, Feuer!”) eingeschrieben.
9
Und die übrigens mit dem verwegenen “Ver-” des Versprechen von dem gleich die Rede sein wird, semantisch eng verwandt ist.

10
Die gesamte Tragweite des “différance”-ähnlichen hama für Derrida kann hier nicht erläutert werden. Ausschlagebend sind allerdings jene Zeilen in der Beschäftigung mit Heideggers “vulgärem Zeitbegriff” am Beispiele der Aristotelischen Physik: “Toute la gravité du texte d’Aristote est appuyée sur un petit mot à peine visible, parce qu’il paraît évident, discret comme ce qui va de soi, effacé, opérant d’autant plus efficacement qu’il est dérobé à la thématique. Ce qui va de soi et fait ainsi jouer le discours en son articulation, ce qui désormais constituera la cheville (clavis) de la métaphysique, cette petite clé qui ouvre et ferme à la fois en son enjeu l’histoire de la métaphysique, cette clavicule où s’appuie et s’articule toute la décision conceptuelle du discours d’Aristote, c’est le petit mot ama. Il apparaît cinq fois en 218 a. Ama veut dire en grec « ensemble », « tout à la fois », tous deux ensemble, « en même temps ». Cette locution n’est d’abord ni spatiale ni temporelle. La duplicité du simul à laquelle elle renvoie ne rassemble encore et en elle-même ni des points ni des maintenants, ni des lieux ni des phases. Elle dit la complicité, l’origine commune du temps et de l’espace, le com-paraître comme condition de tout apparaître de l’être. Elle dit, d’une certaine manière, la dyade comme le minimum. Mais Aristote ne le dit pas. Il développe sa démonstration dans l’évidence inaperçue de ce que dit la locution ama. Il la dit sans la dire, il la laisse se dire.” Marges – de la philosophie, Les Éditions de Minuit, 1972, p.64f.
11
Womöglich verdankt sich dieses Verhängnis (Derrida hat es in seiner ersten Heidegger-Vorlesung aus den 60er Jahren analysiert) der Resilienz des Dispositivs der “Widerlegung”. Sämtliche Analysen, die sich dem traditionellen Textcorpus mit dem Habitus zuwenden, die dort behandelten Probleme erführen eine unzureichende oder gar verfehlte Behandlung, lassen das ontologische Metaphysikon der “Widerlegung” selbst unangetastet. Kann man aber, wenn es um eine Problematisierung eines bestimmten Urteils selbst geht, Denken als ein Aufspüren von Verfehlungen der Urteilskraft begreifen, wie Kants Juridismus es wollte: „…als Kritik, um die Fehltritte der Urteilskraft (lapsus judicii) im Gebrauch der wenigen reinen Verstandesbegriffe, die wir haben, zu verhüten, dazu (obgleich der Nutzen alsdann nur negativ ist) wird Philosophie mit ihrer ganzen Scharfsinnigkeit und Prüfungskunst aufgeboten.“ (KdrV, Einleitung. Von der transzendentalen Urteilskraft überhaupt
.)
12
Afformativ, Streik, S. 355
13
Lingua amissa, in: Z ä suren . E – Journal für Philosophie, Kunst, Medien und Politik. Heft 1:Juli 2000. S.92 Abrufbar unter http://gctholen.info/wp-content/uploads/2014/11/eJournal-Z%C3%A4suren.pdf
14ebenda, S.111
15
ebenda, S.92
16
https://de.wikipedia.org/wiki/Werner
17
http://wiki-de.genealogy.net/Hamacher_(Familienname)
18
Bei aller immer wider aufblitzenden Tendenz der Heideggerschen Texte, Versammlung als eine Versammlung des Nicht-Versammelbaren und also als primordiale Dissemination zu denken, machen sich dominante Deutungsabsichten wie die folgende doch immer wieder geltend: “Denken wir diese alles Sammeln und Lesen durchwaltende >Ver-sammlung<, dann geben wir diesem Wort eine einzige Würde und Bestimmtheit. Ver-sammlung ist das ursprüngliche Einbehalten in einer Gesammeltheit, welches Einbehalten erst alles Ausholen und Einholen bestimmt, aber auch alle Verstreuung und Zerstreuung erst zuläßt. Die so verstandene Versammlung ist das Wesen des Lesens und der Lese. Lese und Sammlung so gedacht sind ursprünglicher als das Verstreute und die Zerstreuung.” GA 55 – Heraklit. 1. Der Anfang des abendländischen Denkens (1943).
19
Celan, Zu beiden Händen (Die Niemandsrose).
20
Paul Celan, UND KRAFT UND SCHMERZ, in Gesammelte Werke, hrsg. von Beda Allemann und Stefan Reichert, Band 2 (Frankfurt am Main: Suhrkamp 1983), 398

21
Der Satz Schlegels wird nach Hamachers Essay Der ausgesetzte Satz. Friedrich Schlegels poetologische Umsetzung von Fichtes absolutem Grundsatz zitert: Entferntes Verstehen – Studien zur Philosophie und Literatur von Kant bis Celan,Frankfurt/Main: Suhrkamp 1997; 2011, S.195

 

Jean-Luc Nancy: Was tun?

Das Tun tun

ESTRAGON:

(giving up again). Nothing to be done.

Beckett, Waiting for Godot

…nous sommes déjà en train de le faire.
Oui, de le faire. Ici même. Par écrit.

Jean-Luc Nancy

Das dezisionistische Szenario ist in seiner dualistischen Starre ein gängiges und im Abriss wie folgt zu skizzieren: Auf der Suche nach situativ dringlichen, Orientierung gewährleistenden Handlungsdirektiven für praktische Entscheidungen, drängt sich dem Denken, ob verstanden als durch Sorge aufgestörte Kontemplation oder von anfänglicher Enteignung angestoßene Reappropriationsbemühung — jeweils also eines, was sich nicht hat, seinerselbst beraubt ist und von einem Riß, einer klaffenden Dehiszenz durchzogen wird — , stets schon, und immer erneut, eine tragische (und damit quasi prä-postheroische) Frage auf, deren Beantwortung ihrerseits wie von Dilemmata arretiert, von Ratlosigkeit gleichsam kastriert, depotenziert, von jeglicher Realisierung abgeschnitten erscheint: Was tun? Was soll ich/man, was sollen wir machen? Und wann? Ist tatsächlich oberste Dringlichkeit hic et nunc geboten oder geht es eher um ein Abwarten des noch kommenden günstigen Zeitpunkts; dringendes Warten oder warten auf die Dringlichkeit? Was ist also nötig, welchen konkreten Einsatz — das heißt, welche verantwortungsvolle Anwort —  fordert die Situation?

Das à faire, jenes also, worum es der Frage nach dem Tun und seiner Zeitlichkeit zu tun ist, erweist sich dabei als eine Affaire von Theorie und Praxis (und deren seltsamem Zwilling: Poesis), dem Verhältnis beider zueinander. Welches zu klären von der verdrehten Ko-Implikation beider Terme einer Bifurkation an- und ineinander und der Tatsache, dass beide mit sich selbst nicht im Reinen, sondern in sich gespalten sind, jeweils schon empfindlich gestört wird. Stehen zwei einander widersprechende Alternativen zu Gebote, so die dezisionistische Ausgangsaporie des Weiteren, nimmt der double bind den zum Agieren bis dato und auf weiteres Unfähigen in seinen ab- und aufhaltenden Klemmgriff, hält ihn im suspense seiner Haltlosigkeit: Hamlets existenzielles “or” — letztlich die unentscheidbare Wahl zwischen Tun oder Lassen selbst (in ihrer unmöglichen — und nur dadurch möglichen —  Trennbarkeit liegt das ganze Problem) — macht den Protagonisten von Shakespeares Trauerspiel etwa für Walter Benjamin zum Inbegriff eines absolutistischen Fürsten, dessen dem Wahnsinn nahe Melancholia einer grenzenlosen Macht entspringt, deren Ausübung ihm gleichwohl aufgrund intrinsischer Hemmnisse (nicht allein individualpathologischer Unentschiedenheit, sondern struktureller Unentscheidbarkeit aller Entscheidung auf der Basis ungeteilter, souveräner Omnipotenz: sobald ICH alles entscheiden kann, kann ich nichts mehr entscheiden) verwehrt ist. Am Anfang aller dezisionistisch verstandenen Entscheidung steht die Entscheidung, ob überhaupt entschieden werden soll oder doch nicht eher nicht, und sie erweist sich, alle Souveränität raubend, als unentscheidbar oder jeweils schon — vom Anderen — vorentschieden. Insgesamt kann offenbar nur vor dem Hintergrund einer apriorischen Aporie und als deren Bewegung — dass „es“ nämlich nur geht, weil es in so vielerlei Hinsicht nicht geht — ein Handeln sich überhaupt ins Werk setzen.

Unter der Bedingung des Nicht der Gegenbenheit von Sollens-Ordnungen sucht die Frage „Was tun?“ einmal nach der Möglichkeit eines — wenn auch nur, ab Kant, in der Fiktionalität einer Als-Ob-Haftigkeit regulativ konzipierten — zu erreichenden Ziels oder zu erfüllenden Zwecks, andererseits steht zur Debatte, welche angemessen Mittel ergriffen und zur Anwendung gebracht werden müssten, um der vorgesetzten Absicht effektiv zu entsprechen, um, mit anderen Worten, das erstrebte Resultat zu bewirken. In der anfänglichen Heimsuchung des Was durch ein Wie und dessen Zurückstauung im Zuge der Hierarchisierung von Mitteln und Zwecken, deutet sich somit allerdings eine Selbstbesinnung des Tuns und Machens an, die ahnen lässt, dass  noch „das Tun“ seinerseits kein vorfindliches Dispositiv sein kann, kein bereitstehendes Mittel, um mithilfe von Mitteln Zwecke zu erreichen, sondern sich auf eine Weise nicht hat, die es notwendig erscheinen lässt, dass das Tun sich immer zuerst und vor allem selbst im Prozess als niemals definites Resultat herstellen, d.h. erfinden muss: es ist nichts als die Praxis (s)einer Auto-Poiesis. Was allein bleibt und insistiert wie ein zählebigs Ferment, ist der Drang, das Streben und Begehren einer Alteration (im mindestens zweifachen Genitiv).

*

Encore un effort: Was könnte man alles tun, wenn man “tun” könnte, wenn man wüsste, wie man tun muss und, noch wichtiger, was. Was tun mit dem “Was tun?”, was tun mit dem “Tun” und was mit dem “was”? Indessen wird das gerade angesichts der, laut Walter Benjamin, nach einer Notbremse verlangenden weltgeschichtlichen Dauerkatastrophe – und über subjektive Tathandlungen hinaus an ein Kollektiv appellierende –  gesuchte und ausstehende, zum verzweifelten Lamento treibende “Tun/Machen” (Handeln, Produzieren, Ins-Werk-Setzen und Bewirken) nach wie vor als ein mit gekonnten Mitteln auf ein präzises Ziel hin gelenkte Handlung verstanden.

Was jedoch, wenn eingestanden werden muss, dass das für ein in die Tat Umsetzen erforderliche savoir-faire fehlt und nicht erlangt werden kann, weil alle ratbietenden Leitfäden, die im Vorhinein das Handeln auf das Abspulen eines Programms oder Algorithmus´reduzieren würde, der komplexen Singularität jeweiliger Situationen nicht gerecht werden können? Überdies die Fakten (dem Wortsinne nach Gemachtes) allem Machbarkeitswahn eine tautologische Resistenz entgegensetzen, dem die Intervention sich nicht gewachsen sieht. Im “Es ist, was es ist” erweist sich die Widerständigkeit der Sachverhalte identisch mit der Tautologie ihres unabänderlichen Ebensoseins.

Was tut man dann mit dem “Was tun?,” auf das Lenin etwa in seiner gleichnamigen Schrift noch resolute politische Anweisungen zu geben wusste.

Que faire ? Il me semble qu’il y a, sans hésiter, deux réponses qui  ´s’imposent en se complétant l’une l’autre. La première: il faut changer la question. La seconde : nous sommes déjà en train de le faire. (15)/ Was tun? Mir scheint, dass sich ohne Umschweife zwei Antworten aufdrängen, die einander ergänzen. Die erste: Wir müssen die Frage verändern. Die zweite: Wir sind bereits im Begriff, es zu tun (12)

Jean-Luc Nancys Que faire? gibt inmitten luzider Analysen zeitgenössischen politikverdrossenen Politikfetischismus des liberalen Fundamentalismus — einer sich bloß als Administration von technisch reproduzierten Machtverhältnissen betrachenden Ideologie, der die basale Politizität des reinen, nichts als „Sinn“ machenden Mit-Daseins von (unglücklich ausgedrückt:) Existenzvollzügen nichts bedeutet — eine verblüffend einfache Antwort auf diese Frage nach der Frage, die nicht das Ablassen von aller konkreten Handlungs- – und damit auch Veränderungs- — absicht empfiehlt, sondern die binäre Opposition zwischen Tun und Lassen dekonstruierend verkompliziert. Und von der teleologischen Ausrichtung eines Produktionsidealismus, dem auch noch die Theorien der Performativität Tribut zollen, abkoppelt. [Dekonstruktion selbst erweist sich dabei einmal mehr als jene mutative, metamorphische, alter(n)ierende Selbst-Fremd-Bewegung, in welcher das innere Von-Sich-Selbst-aus einer physis mit der externen Fremdeinwirkung namens techné sich verschränkt: Autoheterodekonstruktion. Denn die verwaltete Welt, technokratisches Gestell der “zweiten Natur” ist zur ersten geworden, war sie seit je, insofern diese “erste” genannte von vornherein die “zweite” ihrerselbst war, ursprüngliches Geschehen supplementärer Selbst-Beifügung von Prothesen und Extensionen. Ursprüngliche Ursprungslosigkeit als Proto- und Arche-Technizität.]
Wenn es etwas zu machen gilt, dann dieses enigmatische Ent-Machen, das die wie die Dekonstruktion nach Derridas Wort undekonstruierbare Gerechtigkeit darstellt: sie ist ohne Grund und Fundament; in ihr bahnt sich die okzidentale, sich im globalen Dorf mondialisierende Kultur ausgehend von einer creatio ex nihilo den Weg hin zur decreatio in nihilum.

Or s’il s’agit de faire, c’est évidemment de faire justice. N’importe quel faire a affaire avecla justice. (19) Wenn es aber zu handeln gilt, dann offenbar deshalb, um Gerechtigkeit zu schaffen. Jedes Tun hat zu tun mit der Gerechtigkeit. (15)

Wir sind (oder anonymer und weniger kollektivistisch oder kommunitär; Man ohne Eigenschaften: man ist) bereits je schon, hier und jetzt, mitten dabei zu tun.

…nous sommes déjà en train de le faire. Oui, de le faire. Ici même. Par écrit. (15) Wir sind bereits im Begriff, es zu tun. Ja, es zu tun. Genau hier. Schriftlich. (12)

Dass dabei — so wenig wie in Heideggers „Wir sollen nichts tun, sondern warten“ und Blanchots „L’attente l’oubli“, die beide häufig hindurch zu hören sind —  nicht sich im schlechten Sinne attentistisch zu bescheiden ist und die Hände in den Schoß gelegt werden dürfen, sollte mitverstanden werden. Nancys an mehreren Stellen aufblitzende Inbrunst, ein ferveur, der an die Stelle der adoration aus dem gleichnamigen zweibändigen Werk zur Dekonstruktion des Christentums tritt, lässt die avisierte, nicht-transitive Praxis, die auf die umgeformte Frage „Wie tun?“ antwortet, als ein aktiv-passioniertes in den neu und anders verstanden Vollzug selbst engagiertes Tun, Machen und Handeln verstehen und impliziert ein resolutes „sich bereithalten für das Unerwartete“ (103):

Car nous faisons, cela est certain, et il s’agit moins de découvrir un nouvel objet à produire – fût-il conçu comme « la communauté » ellemême, ce qui est en fait le plus dangereux – que de déplacer, transformer, moduler ou modaliser notre faire. « Comment faire ? » prend alors le pas sur « que faire ? (58) / »Denn wir tun/machen, das ist gewiss, und es handelt sich weniger darum, ein zu produzierendes neues Objekt zu entdecken — sei es auch aufgefasst als „Die Gemeinschaft“ selbst, was tatsächlich das Gefährlichste ist –, als darum, unser Tun zu verschieben, zu verändern, zu modulieren oder zu modalisieren. „Wie tun?“ wird dann wichtiger als „Was tun?“ (49).

Mais c’est alors d’une praxis qu’il s’agit, et la production, l’oeuvre ne valent que pour autant qu’elles manifestent cette praxis, c’est-à-dire ce foire non transitif qui en faisant se fait plutôt qu’il ne fait quelque chose. (77) / Aber dann ist es eine Praxis, um die es geht, und die Produktion, das Werk haben nur Wert, insofern sie diese Praxis offenbaren: dieses nicht-transitive Tun, dass in seinem Tun eher sich schafft, als dass es etwas schafft. (65)

Es geht somit um Ähnliches — nämlich überdies eine gewisse Resistenz gegenüber allen programmatischen Projekten — wie jenes, was Werner Hamacher einmal in folgenden Worten formuliert hat:

Was tun, da es das, was bisher Tun definierte, nämlich Arbeit, nicht mehr gibt, und da der Glaube an den Schatz im Weinberg, der zur Arbeit führte, sich ebenso aufgelöst hat wie der Glaube an das Wort der Väter, das auf die Suche nach diesem Schatz schicken konnte. Was also tun, wo niemand mehr weiß, was Tun ist? Vielleicht muss man sich an dieser Stelle daran erinnern, dass die Erfahrung der Tradition eine absichtslose, unwillkürliche gewesen ist; und vielleicht ist die Frage nach dem Tun wie jene Suche nach dem Schatz absichtslos und unwillkürlich begleitet von einem Nebenprodukt, das nicht gesucht und nicht erfragt werden kann. Es wäre, an diesem Nullpunkt der Erfahrung, die Erfindung einer Erfahrung, am Nullpunkt des Tuns die Erfindung eines Tuns, das nicht gemeint und nicht erwartet war. Es wäre vielleicht das, was Benjamin missverständlich » Konstruktion« nennt, und wovon man sagen könnte, dass es in nichts anderem besteht als darin, das Tun selbst zu tun, al|so nicht Etwas, und erst recht nicht etwas Bekanntes zu tun, sondern von Grund auf Neues zu finden, zu erfinden, sich einfallen oder zufallen zu lassen: ein Tun, das von keinem Programm geleitet und von keinem Begriff definiert ist, ernsthaft wie bei Kindern, die spielen, fast parodistisch wie ein Karneval und zum Lachen wie die Micky-Mouse, von der Benjamin spricht. Aber immer so, dass die Armut dabei nicht verleugnet wird.  (Philosophische Salons. Frankfurter Dialoge IV: Gesprochene Beziehungen. Herausgegeben von Elisabeth Schweeger, München: belleville Verlag und schauspielfrankfurt 2007. S.89)

Tillmann Reik

Verlagsinformationen zur deutschen Übersetzung des Buchs.