Rudolf Borchardt: Der leidenschaftliche Gärtner

Ich habe nichts als Wuchern
Hortologische Anthomanie: Die Schule der Pflanzen

 

die blume bricht und geht aus der knospe wie die luft aus
dem munde
Grimm, Deutsches Wörterbuch, Blühen

Befreien wir die Blume, um uns zu befreien.

Ändern wir die Ansicht über sie.
Heraus aus dieser (Blüten)Hülle:
Heraus aus dem Konzept, das sie geworden ist,
Durch devolutive Revolution,
Überlassen wir sie wieder, unbestimmt, dem,
was sie ist.
– Was ist sie denn?
– Nun, offenbar: ein Konzeptakel [Balgkapsel, Fruchtbehälter].
Francis Ponge, Änderung der Ansicht über Blumen

***

Prolog: Narcissistic New Roses (Tiptoe Through the Tulips)

I’m a tulip in a cup
I stand no chance of growing up
I’ve made my peace, I’m dead, I’m done
I watch you live to have my fun.
(Fiona Apple, Valentine)

Durch die Blume, conter fleurette, oder doch, wie gewohnt, unverblümt blumig und irgendwie, manisch manieristisch, verwünscht verwunschen gesetzt (und setzen meint, neben vielem anderen, auch (ver)pflanzen), d.h. auf eine — dem standardisierten Kultur-Kult ungewohnte — Art „colerisch“ gewendet:

[„Die Wortherkunft des lateinischen Wortes colere [von dem cultura abstammt: eine Art Abstammungstheorie der Arten wird im folgenden auch Thema sein] leitet sich ab von der indogermanischen Wurzel kuel- für „[sich] drehen, wenden“, so dass die ursprüngliche Bedeutung wohl im Sinne von „emsig beschäftigt sein“ zu suchen ist.“] :

Den Dichtenden scheint das Gärtnern, die Hortikultur — vor allem, wenn es nicht um Ertrag bringenden Nutz-, sondern der reinen Zier dienenden Blumen- oder Florgarten geht —  irgendwie (in aller dem Schönen eigenen Vagheit) zu liegen. Weil beide Arten von ars, Dicht- und Gartenkunst, einschließlich ihrer -kunden, im engen wie weiten Sinn, mit einem hegenden und pflegenden Tun zu tun haben, das, Worte wie Blumenpflanzen, ein- und aus- setzt und, mit Samen und Semen, sät.

Nun, nun müssen dafür Worte, wie Blumen, entstehn.
(Hölderlin, Brot und Wein)

Dies mit dem einzigen Nutzen, Zweck und Ziel, das Gesetzte (Gesätz hieß im Meistergesang auch die erste Strophe des Liedes; daneben ist es — insofern enthält diese Klammer kaum eine Abschweifung — Teil des Rosenkranzgebets) und Gesäte dem Status der bloßen Setzung und Satzung von Setzlingen oder Saatgut botanischer Samen und linguistischer Seme, am Ende noch der pragmatischen Zielsetzung selbst, keimend, sprossend, aufgehend und erblühend, dem nicht als massivem Fundament bebauten, sondern aufgewühlten, umgegrabenen, zum Beet (nichts anderes als Bett, was dem Stamm „bhedh- ‘stechen, bes. in die Erde stechen, graben“ entwächst, bedeutend) gemachten urig erdigen Grund entwachsen zu lassen.
Zusagen wird die Gartenarbeit den Dichtenden auch deswegen, weil beide, sittsame Setzkünste nur vordergründig, zu schaffen haben mit der physischen πρᾶξις eines ποιεῖν, die, durchs zusammenstellende oder komponierende1 Kombinieren, eben: Zusammen-Setzen eines settings, eine seltsam und neu, erstmalig erscheinenlassende Selbstbesinnung des derart Gefügten erwirkt. Also einer Form von Selbstreferentialität, aus einem verwickelten Zugleich (sym, cum, simul, hama, mit-, usw.) heraus zum Erblühen, zur Bedeutung verhilft. Die, einmal gesetzt, gerade im und durchs konstellierte Verhältnis, jedem einzelnen Exemplar in seiner Singularität die ihm gebührende Lage und Stellung zu verschaffen bemüht ist, durch welche es, um seiner selbst willen, jede Einhegung in klassifizierende Arten und Gattungen (und selbst, virtuell, die Gatter aller Arten von Garten) überrankt.

Hofmannsthal beschreibt diese Freisetzung der Gewächse, auf die Neuheit und Seltsamkeit des Von-Selbst eines Sich-Selbst hin, mithilfe eines mindestens zweifachen zugleich:

Der Gärtner tut mit seinen Sträuchern und Stauden, was der Dichter mit den Worten tut: Er stellt sie so zusammen, dass sie zugleich neu und seltsam erscheinen und zugleich auch wie zum ersten Mal ganz sich selbst bedeuten, sich auf sich selbst besinnen“ (Hugo von Hofmannsthal, Gärten, Hervorhebungen TR)

Beiden Arten von ars, ars topiaria und ars poetica, ist es demgemäß — mag auch die eine bei den Römern als Kunst des rigiden Formschnitts, die letztere zuweilen als strenge Regelpoetik auftreten — spätestens in ihren modernen Deutungen, erkennbar unverblümt um fremdartiges Ent-Arten wie Ent-Tun zu tun. Sie sind, in ihrer aneignenden Kultivierungsbemühung —  ihr gardening dabei als eine religio des guarding und regarding verstanden, achtsam und skrupulös hütendes In-die-Wahr-Nehmen — paradox auf eine Art von wilder, ungezähmter Fremdartigkeit aus, die jedes Diesda in seiner nur ihm selbst eigenen Selbstung unaneigenbar als Fall ohne jede Regel darstehen lässt.
Insofern geht es um Schönheit. Ihre Zweckmäßigkeit ist auf die Mitwirkung eines „Ohne“ angewiesen: ohne warum (Angelus Silesius) und ohne Zweck (Kant) zu sein, von beiden abgeschnitten:

Die Ros‘ ist ohn warumb
sie blühet weil sie blühet
Sie achtt nicht jhrer selbst
fragt nicht ob man sie sihet.
(Der Cherubinische Wandersmann, I, 289)

Eine Blume aber, zum Beispiel eine Tulpe, wird für schön gehalten, weil eine gewisse Zweckmäßigkeit, die so,wie wir sie beurteilen, auf gar keinen Zweck bezogen wird, in unserer Wahrnehmung angetroffen wird.
Schönheit ist Form der Zweckmäßigkeit eines Gegenstandes, wenn sie, ohne Vorstellung eines Zwecks, an ihm wahrgenommen wird. (KdU, §17)
Kurzum, die reine, freie, vagierende Schönheit (von Kant pulchritudo vaga genannt), die Blumen wie (poetischen) Worten eignet, liegt in ihrer quasi-narzißtischen Unabhängigkeit und absolut abgelösten Unaneigenbarkeit, durch die sie nur auf sich selbst verweisen:
The beautiful this is thus beautiful for itself: it does without everything, it does without you (insofar as you exist), it does without its class. Envy, jealousy, mortification are at work within our affect, which would thus stem from this sort of quasi -narcis­sistic independence of the beautiful this (this rather than „object“) which refers to nothing other than to itself, which signals toward nothing determinable, not even toward you who must renounce it, but like a voyeur, at the instant that the this gives itself, in­ asmuch as it gives itself, not signaling toward its end or rather, signing its end, cuts itself from it and removes itself from it absolutely. The tulip, if it is beautiful, this irreplaceable tulip of which I am speaking and which I replace in speaking but which remains irreplaceable insofar as it is beautiful, this tulip is beau­tiful because it is without end, complete because cut off, with a pure cut, from its end. (Derrida, The Sans of the Pure Cut, in: The Truth in Painting, 94)

*

 

Bei Rudolf Borchardt (1877–1945),

“Worin seine Sprachmelodie an die Hofmannsthals anklingt, das liegt obenauf; in der rigoros formenden Energie ist er George näher.”2

dem, vordergründig, der Garten sich um den Gärtner, die Dichtung um den — gern als von Götter- und Musengunst abhängigen poeta vates vorgestellten — Dichter zentriert, auf dessen Schöpfertum alles, was vorher von ihm ausgegangen ist, zurückkehrt, verkompliziert sich dieses Verhältnis dadurch, dass die Pflanze (als Blume, als Blüte, und vielleicht: als Schrift/Sprache) zuerst da war und das Paradigma stellt. Von ihr geht etwas — vielleicht alles? — aus. Nämlich die auffordernde Begeisterung, begeistert von ihr ausgehend, zur sie durchdringenden Nachbildung ihrerselbst zu schreiten. Sie gibt dem Geist, dem vegetativen, und damit dem Menschlichen überhaupt — anthos und anthropos überblendend — erst seine Form vor. (Im folgenden werden “Worte wie Blumen”, kaum zu lockeren Sträußen einer Anthologie oder eines Florilegium gebunden, die gleich “Sätzlinge” genannt werden sollen, dem Text — keineswegs nur als illustratives Ornament, Dekor oder Zierrat — lose eingestreut):

“Die Blume begeistert die Sprache und den Gedanken mit sich und fordert Sinn und Hand auf, sie nachbildend zu durchdringen : an ihr entsteht die Metapher und das Ornament.” (15)

Ist die Blume, Blüten hervorbringende krautige Pflanze, — welche letztere semantisch von lat. planta ‘Setzling, Pfropfreis, Schößling’ herkommt –, Inbegriff der Muse(n), immer schon im Plural (überall wo von „die Blume“ die Rede ist, sei diese Multiplizität mitzudenken) und damit Sinnbild einer animierenden, exzitatorischen Kraft der Form?

The Muses get their name from a root that indicates ardor, the quick-tempered tension that leaps out in impatience, desire, or anger, the sort of tension that aches to know and to do. In a milder version, one speaks of the „movements of the spirit.“ (Mens is from the same root.) The Muse animates, stirs up, excites, arouses. She keeps watch less over the form than over the force. Or more precisely: she keeps watch forcefully over the form. (Jean-Luc Nancy, The Muses)

Alle Bildung, die der Sprache, ihrer Ornamente und Metaphern zuerst, geht von diesen festverwurzelten und doch anderem als dem angestammten Grund — dem sie, ihn aufbrechend und zerwühlend, sich entringt — transplantierbaren Bewohnern zweier Welten aus.

daß es möglich, ja nötig ist, den Garten, so wie alles was den Menschen wirklich angeht, als eine Form der Einheit und Unteilbarkeit des menschlichen Geistes anzusehen – denn dies und nichts anderes ist die ganze Humanitas (199)

Doch auch das nach einer bestimmten Lesart des Platonischen Ion von aller τέχνη sorgsam unterschiedene, proto-religiöse Dichterische kontaminiert, durch den Gärtner im Dichter, mit eben jenem von ihm Verdrängten: der pragmatischen Notwendigkeit, in poetischer Formgebung einen sachkundigen Akt technischer “Setzung” zu erkennen. Wenn auch einer anthischen thesis, Anthesis3, die im Schreiben (dem graphein, das mit dem Graben, wie mit dem frz. greffer und engl. grafting, dem veredelnden Propfreis Aufsetzen, eng verwandt ist) von Borchardts Poesiereligion umgekehrt zum Verpflanzen von “Setzlingen” — oder, ersatzweise: “Sätzlingen” epiphythisch metaphorisiert.

“Leidenschaft”, wie sie im Titel als Epitheton erscheint, insistente Intensität eines Begehrens, sich setzend, d.h. pflanzend, ins Verhältnis zu setzen, ist hier, wie überall, Zentralwort Borchardtscher Lehre: “Nur darauf, daß es Leidenschaft sei, bestehe Du.” hatte er, kurz nach der Fertigstellung des Leidenschaftlichen Gärtners, eine Zeile aus der “Conclusion” von Walter Paters Buch The Renaissance – Studies in Art and Poetry übersetzt. Auch diese Passio, dieses Pathos (nichts anderes als die schon genannte begeisterte Erregung) geht von der Pflanze aus und/oder wendet sich zu ihr hin. Gärtner (und also Dichter) ist dann, Goethe ist darin urpflanzenhaftes Vorbild, wer

sich zu Ahnung, Erkenntnis, Forschung, Andacht vollkommen in die Schule der Pflanze schickt, in ihre Welt einkehrt und aus ihr wiedergeboren mit dem unermeßlichen Geschenke heimkehrt, das nur sie ihm hatte geben können, dem Organischen als dem göttlichen Anstoße aller natürlichen Entfaltung aus einem geprägten Keime, dem Bios des Menschengeistes als Organismus, der Morphologie des Phänomens Mensch und Dichter. (27)

passion_flower_stamen

Androgynophor der Passionsblume. Oben drei lange rote Griffeläste, darunter fünf Staubblätter

Adorno verglich den oft herrisch sich gerierenden Habitus seiner sich der Sprache “auf Biegen und Brechen”4 bemächtigenden Dichtungen mit einer nächtlichen Rede über einem Abgrund, Über-Rede:

Sein Timbre setzt sich zusammen aus dem redenden Element und dem des Nächtlichen. Borchardt enträtseln hieße die Chiffre auflösen, welche jene Momente mitsammen bilden. Der Grundhabitus dieser Gedichte ist der eines Sprechens ins Dunkle, das sie selbst verdunkelt. Solche Rede ist nicht wie traditionelle Rhetorik an den anderen gerichtet, gar um ihn zu überreden. Sie ruft wie über den Abgrund hinweg dem undeutlich gewordenen, entschwindenden Anderen zu. Unersättlich fortgesponnen, zeugt sie von der Vergeblichkeit, zu jenem zu dringen, so als sollte in immer erneuten Ansätzen das Unmögliche erreicht werden.Der heroische Gestus der Borchardtschen Rede antwortet verzweifelt auf absolute Einsamkeit. So spricht ein Kind vor sich hin ins Finstere, endlos, um die Angst zu beschwichtigen, die das Schweigen ihm bereitet.

[…]

Nur wenn die Sprache, nach einer Metapher Borchardts, gänzlich umgepflügt wird, sei Dichtung überhaupt noch möglich.

Solche Umpflügung der per unersättlicher Fortspinnung, nächtlich wie abgründig, redenden Eloquenz zeigen sich dort, wo es um Kultivierungsbemühungen von Pflanzen und Gewächsen geht, vielleicht am deutlichsten.

Im Nachvollzug der verwickelten, ja selbstwidersprüchlichen Gemengelagen seiner Gedankengänge erscheint das ab 1937 entstandene, aber erst 1951 von Marie Luise Borchardt aus dem Nachlaß ihres Mannes herausgegebene Gartenbuch Rudolf Borchardts jedenfalls tatsächlich weit abgründiger als es prima vista den Anschein erweckt. Ein vermeintliches Nebenwerk, von dem sich Borchardt den bestseller-Status in England versprach und damit die ökonomische Absicherung — zu beidem kam es nicht — lässt eher die Vermutung wachwerden, das poetologische Zentrum seines Werks zu sein.

Wenn also auch dies Buch, wie einige seiner Leser wissen, für seinen Verf. eine Abschweifung von den Zielen ist, denen die Tätigkeiten seines Lebens gehören, so ist es darum doch keineswegs als ein Beiwerk entstanden, denn solche Beiwerke gibt es nicht.

Abschweifungen sind demnach, beiläufig gesagt, keine Nebensache.

Zunächst mit dem Untertitel „Der menschliche Blumenbesitz als eine Ordnung des Menschengeistes“ versehen,

(– Wie müsste man sich solchen “Besitz” vorstellen, wie erlangt man solche Habe? Wohl im sich an- und zueignenden Sammeln?

Der Mensch der Blumen pflanzt, ist ein Gärtner. Um Blumen pflanzen zu können, muß man Blumen haben. Um sie zu haben, gibt es mehr als einen Weg. Man hat sie gesammelt wo sie vorkamen; man hat, ohne sie zu verletzen, ihnen Teile entnommen und sie gesetzt ; man hat sie aus ihrer wilden Saat hervorgerufen ; und man hat die auf diese Weise besessenen aus ihrer neuen Nachfolge vermehrt und wieder umgepflanzt. (30))

begibt sich “Der leidenschaftliche Gärtner” im Laufe der Lektüre mehr und mehr seiner vermeintlichen Unschuld (die, bloße Idylle oder hemdsärmelig-ratgeberhaftes Vademecum zu sein) und zeigt sich mit sowohl politischen wie poetologischen Überlegungen ex- wie implizit kontaminiert. So schreibt der Nachwortautor Christian Welzbacher, der Borchardts Wort von der Blume (Zentrum der Gartenidee: spricht Borchardt vom Garten, spricht er von Blumengarten und -zucht) als “Zentrum der Poesie” ernst nimmt:

Recht verstanden ist der Leidenschaftliche Gärtner eine sublimierte, transzendierte Poetologie. Das Buch ist ein heimlicher Schlüssel zu Borchardts Werk. (304)

Doch er will die Politizität dieser (wie aller) Poetik dabei nicht überbewertet wissen. Dennoch scheint sie unleugbar an dem Buch, dessen als Appendix angehängtes, jedoch eigentliches Kernstück ein “Katalog der Verkannten, Neuen, Verlorenen, Seltenen, Eigenen” darstellt. Die Blume als Pflanze ist Ingebriff eines Vegetabilischen, das mit der Humanitias (und das heißt: dem Geist) ineins fällt, sich gegen die Ungunst des Bodens (wie des Menschen) behauptet.

Jedes ihrer Geschöpfe ist ein kontrahiertes Kompendium seiner gesamten Vorgeschichte, und eine angedeutete Voraussetzung seiner unabsehbaren Nachgeschichte. Der Mensch, hat Nietzsche, in seiner tiefen Geschichtsfeindschaft gesagt, ist nur ein Übergang. Er ist es dort wo er der Pflanze am verwandtesten ist, denn genau das ist ganz und gar die Pflanze. (92).

“L’objet poétique par excellence” (Sartre), Figur aller Figuren. Sie ist ein eigensinnig filigranes Wesen, mit spezifischen Bedürfnissen, die sie zwar mit ihrer “Art” gemeinsam hat, deren jeweilige Ausprägungen aber der achtsamen Betreuung ihres Pflegers allein in Erfahrung zu bringen sind. Die enge Verwandtschaft zwischen Pflanze und Menschlichem (und somit Geist) besteht in der passageren, metamorphischen Verwandelbarkeit, Übergänglichkeit:

Blumen, die immer wieder auch als Inbegriff des Änderns und Veränderns, der Modifikation und Metamorphose angesehen und beschrieben wurden

schreibt Thomas Schestag in seinem philologischen Kommentar zu Ponges´ L’Opinion changée quant aux Fleurs, der umschreibt, wie Ponges Schreiben den Vorsatz fasst, von den Pflanzen selbst, den Schreibenden par excellence, und dem Eindruck ihres Ausdrucks, auszugehen.5 Und verweist neben Hegel auf die Metamorphose der Pflanzen Goethens, welcher für Borchardt den Inbegriff des Dichter-Gärtners darstellt.

Der menschliche Geist ist der Blume verwandter als dem Tiere und hat sich immer so empfunden. Dieser Umstand allein erklärt es, daß die Vegetationsmetapher die gesamte menschliche Sprache durchädert und das heimliche Gerüst aller ihrer Bildlichkeit ist. (16)

Was heißt dann aber “Metapher”, wenn man sie als Sprache durchäderndes, bildgebendes Gerüst vorstellt? Von welchem Eigentlichen, das zuerst da war, sollte sich ein übertragener Sinn ableiten, wenn das Ableiten und Übertragen, Übergehen, Umgraben und unersättliche Fortspinnen selbst zum Eigentlichen werden?

Vielleicht sind es die biologistischen Voraussetzungen einer den Grund und Boden essentialisierenden Rassentheorie, die dem vom faschistisch-totalitären Prinzip zunächst (etwa in der Rede Führung aus dem Jahr 1931) begeisterten, von diesem schließlich an die Macht gekommenen aber aufgrund seines Judentums (dem er sich ebenso fremd fühlte)

,Jede Überlieferung jüdischer Art im Guten und Befeindeten, jedes Gefühl jüdischer Geschlossenheit oder gar jüdischen Volkstums ist mir nicht nur fremd, sondern, wo es mir später je entgegentrat, unheimlich und grauenhaft gewesen6

ausgeschlossenen Dichters von der “Unergründlickeit des Bodengesetztes” (d.h. Unergründlichkeit des deshalb nicht als chtonische Wirkmacht in Besitz zu nehmenden Grundes) zur Blume und deren mystischem Ohn´warumb trieb. Sowie zu einer Theorie der Züchtung, die mit der nazistischen Rassenhygiene wenig gemein hat. Sie spricht sich, ausgehend vom Oxymoron oder der Enant(h)iosis der “Urmutation” (“Zu den Urmutationen treten die Urmischungen, starke Bastarde, die Heterosen.”, 91) “gegen die Spezies” aus, und für “die Kulturvarietät, die Mutation und die Heterose.” (80)

Sowie für Verschnitt, Kreuzung und somit Bastard und Hybrid. Zum Exzellenzmerkmal einer Ethnie wird für Borchardts kuriosen Nationalismus ebenso nicht ihre Reinheit, sondern ihre “Mischbarkeit”.

Daher ist die erste unzweifelhafte deutsche Anlage und ein echter Grundzug, der hohe Grad seiner Mischbarkeit und sein Drang nach Mischung, im starken Gegensatze zu der umgekehrten Reinerhaltungstendenz oder geringen Lösbarkeit anderer Völker, und dieser Zug hat die Deutsche Geschichte, die des Erdteils und der Welt wesentlich mitgestaltet; es hat gleichzeitig das deutsche Verhältnis zu ändern Nationen als ein offenes, stark ein- und ausatmendes bestimmt, und zwar von den ältesten Anfängen an, denn auf der ältesten erreichbaren Völkerkarte Europas umgeben bereits den von Deutschen gefüllten Raum Gürtel halbdeutscher Mischvölker, ein sonst ganz unerhörter Vorgang. Gleicher Anlage ist offenbar die außerordentliche Empfänglichkeit des Deutschen für überlegene Kulturen, umgekehrt ausgedrückt die geringe Mühe für überlegene Kulturen sich bei Deutschen Anhang zu schaffen […] (Borchardt, Der Untergang der deutschen Nation, Prosa V, 517)

Die aus der Botanik – und mir als Gärtner – bekannte HeterosenLehre von der besonderen Wüchsigkeit und Blühwilligkeit bestimmter frischer Bastardierungen lässt sich auf das Menschengeschlecht darum nicht anwenden weil es als Variabilissimum die reine Species nicht kennt, nicht einmal die Primarvarietät. Feststeht ebenso die Frische bestimmter wie die Sterilität anderer Kreuzungen zwischen Gruppen. In Italien ist bekannt, dass italienisch-englische Kreuzung relativ positiv fällt, italienisch-deutsche und italienisch-amerikanische mittelmässig bis negativ. … Nun also all diesen Plunder beiseit, der kein festes Zufassen gestattet.« (Briefe 1936–1945, S. 27.)

Variabilissimum: der Mensch, die Pflanze. Überall die Rede vom “Variationstrieb der Natur.”

Wenn eine einzige Pflanze ›variabel‹ ist, so sind es alle, ist Die Pflanze variabel. Sie ist es, weil Natur es ist. Was wie ›Entwickelung‹ hatte aussehen mögen, ist Variationstrieb. (86)

Es gibt nur Kollektivitäten: den Wald, nicht die Tanne, die Gruppe, nicht die Einzelpflanze, den Bestand, der eine Einheit bildet oder zu bilden trachtet. Er ist zwar noch, wo er auftritt, eine Notwehrform, die, wie die der Herde, das Einzelindividuum schützt und garantiert, aber er ist als ursprünglich unerstickbarer Erbkeim ein Zurückstreben in den Urreichtum, ein Naturwille. Denn dieser Naturwille, der Trieb der fessellosen Variation, kann sich nur beim Schalten im Vollen und Unabsehbaren an sich selber sättigen. An und für sich und ideell genommen gibt es nicht zwei sich völlig gleiche Pflanzen ; es gibt nur Varietäten, der Typus ist eine rein theoretische Annahme ; aber der für uns deutlich wahrnehmbare Grad der Varietät, die Mutation, tritt als naturgesetzliche Erscheinung nur im Massenbestand, und nur im alten auf. (91)

Diesseits einer Klassifkatorik, die am Ende in Arten und Gattungen mehr als ein Übersichtlichkeit schaffendes Ordnungsverfahren sieht, gibt es Namen, die dem Singulären Exemplar gelten; mag es auch mehr als eines dieser Sorte davon geben.

Kryptische Gnomen die chtonische, physiokratische Mysterien vorauszusetzen scheinen, zeugen gleichzeitig von einer “Naturgeschichte”, einer immer schon als und durch Geschichte (die hier ihren geologischen Sedimentierungssinn mitklingen lässt) nur vermittelten Natur.

Das Bodengesetz ist nicht enträtselt. (137)

Die Gewalt des Landschaftsgesetzes sprengt jede Menschenregel.(116)

Der Garten der Menschheit ist eine gewaltige Demokratie. (S. 204)

Die Geschichte der Erdnatur ist der geschichtliche Weg zur Blume als einem werdenden Wesen. (141)

*

Das Dickicht sei laut Adorno kein heiliger Hain: Borchardts Text, in seiner Anlage ein überbordender Wildwuchs (der Romantik, ihrem Samen- und Keimkult und ihren Arabasken entstammend) zeugt von einem paracelsischen Wuchern, das die engabgesteckten Grenzen jedes durch einen Zaun von äußerem Gewächs getrennten hortus conclusus überrankt. Jener abgesteckte Rahmen, auf dem Borchardt besteht, faßt das von kundiger Hand gepflegte Gehege wie einen Schutzraum ein, richtet ihn auf einen Mittelpunkt (den Gärtner-Dichter) aus und lässt den Garten dabei selbst, als aus dem Außen ausgenommener Ausnahmezustand einer vom Geist geformten, gehegten und gepflegten Intimität, zu einem kulturtechnischen Kunstwerk werden.

Und eben darum enthält der Garten gerade nicht diejenige Blume, die vor seinen Gittern frei vorkommt, sondern die einer Landschaft des Andersseins, eines Traums, einer Sehnsucht. Das Gitter trennt zwei Welten, wozu sonst wäre es da ? (105)

In diesem Sinne nimmt der “Garten”, “geheiligte Umgrenzung”, tempus und Tempel, in Borchardts Buch eine ungreifbare Gestalt an: einerseits ist er ubiquitär, es gibt nur ihn in allen erdenklichen Ausprägungen; andererseits ist er stets schon verloren, immer nur ersehnt.

Ideal des Gartens, an dem nichts spricht als das Geheimnis der Verschlossenheit – Hortus Conclusus. (12)

Ein Garten ist etwas, woraus man nur hat vertrieben werden können, denn wie sonst hätte man ihn je verlassen ? Ein Garten ist das was ›jenseits‹ unser harrt, Paradies, Elysium, Hesperiden. (10)

Der Garten ist, wie die Bühne und das Museum, wie die Bibliothek und die Kuppel des Sternenwächters, wie Orchester und Tempel und Thronsaal, eine geheiligte Umgrenzung unserer höchsten Würde, und er kommuniziert mit ihnen allen, wie sie untereinander alle allerwärts kommunizieren. (200)

Die Menschheit stammt aus einem Garten. Das meiste, was ihr seit ihrem Ursprunge zugestoßen ist, hängt mit Vorgängen zusammen, die sich als Gartenfrevel bezeichnen lassen, und zwar, tiefsinniger Weise, nicht als einfacher, sondern als doppelter. Die Verletzung der Gartenordnung durch philisterhaftes Aufessen von symbolischen Früchten führt automatisch zum noch bedenklicheren Mißbrauche schöner Vegetation für Werkstoff-Zwecke, nämlich für solche vergänglicher Kleidung. (8)

Wir sind über den Heimatsgarten der Menschheit genügend unterrichtet, um eine Vorstellung von seiner technischen Struktur zu haben. Er war, wie alles urälteste Menschliche, eine ganz symmetrische Anlage, genauer gesagt eine geometrische. Alles Menschliche beginnt darum weil der menschliche Geist eingeatmeter göttlicher Geist ist, als eine Ordnung, und muß auf dem Wege der von Gott verhängten Unordnung wieder eine Ordnung werden. Der Garten Eden war eine quadratische Anlage, durch ein Kreuz von vier aus seiner Mitte entspringenden Flüssen symmetrisch aufgeteilt und bewässert. (9)

Nicht aus Natur mithin, aus einem Garten vielmehr (künstlichem Gehege, einem Kunstwerk, der prästabilierten Hamonie zwischen Mensch und allem restlichen, was kreucht und fleucht), genauer: dem Garten aller Gärten, dem paradiesischen Eden, ist die Menschheit für Borchardt gekommen, der (als Übersetzer des Lysis) auch darin, in einem euklidischen Sinne platonisch ist, der für den absolutistischen Barockgarten typischen rigorosen Geometrie der klar abgesteckten Proportionen den Rang einer für den Geist zwar verlorenen, aber ihr nacheifernden Matrix zuzusprechen.

Das Ordnungsprinzip des menschlichen Gartens, das immer zum Geometrischen strebt (82)

Blume, Garten, Geist, Humanitas: in welchem Verhältnis sie zueinander stehen, bleibt bis zu einem gewissen Grad verworren. Sind sie einander Supplemente, auseinander erwachsende Epiphythen? Das Wildwuchern, das Borchardts erkennbare Angst vor dem amorphen Chaos, der reinen Urwüchsigkeit, in die Landschaft verfrachten und dem Garten auslagern möchte, vollzieht sich mitten in ihm.

Narcissus poeticus Spechtensee 01

Dichter-Narzisse (Narcissus poeticus)

“Ich habe nichts als Rauschen(/kein Deutliches erwarte Dir)”, von Adorno für wert befunden, über der gesamten Eichendorffschen Lyrik zu stehen, nennt jenen nicht zu eliminierenden, konstitutiven noise, von Michel Serres als Parasit bezeichnetes Hintergrundgeräusch jeder distinkten Kommunikation als Entscheidendes. Im Gartenbuch tritt an dessen Stelle das Wuchern, das häufigstes Epitheton sein dürfte und seine Sprache selbst als ein bedrohlich arabeskes Rankwerk, “unersättlich fortgesponnen” (Adorno über Borchards nächtliche Rede), metastatisch wachsen lässt. Die Lektion der Lektüre liegt vielleicht in der Erfahrung, das, was Borchardt als „Gartenfrevel“ bezeichnet (und sicher in seiner barbarischsten Ausprägung in der nazistischen Rassenlehre wiederfand) als einen an Sprache, diesem pflanzenhaften Wesen, zu erkennen, deren konstitutives Wuchern zurecht zu stutzen seine Poetologie in ihrer Praxis sich nicht entschließen wollte.

Die Blume zielt auf den Menschen. Darum blüht nur dem Menschen die Blume. Und darum ist nur das Kompendium des Menschen, der Dichter, der vollkommene Gärtner. (29)

Dass diese unidirektional teleologische Zielbestimmung, eine für die traditionell humanistisch-anthropozentrischen Altlasten von “Borchardts Moderne” (Adorno) dominante Deutungstendenz, gerade aufgrund der kontinuierlich diskontinuierlichen Ausschreibung der Sprache (als welches sich auch Wachsen und aufbrechendes Erblühen betrachten lassen, wie vegatives Wuchern im Ganzen), stetig scheitert, bildet die generative Aporie dieser Prosa, deren Formgesetz die Antithetik ist, und die aus Antagonismen den Funken schlägt.7 Wenn die Blume, nach der Ansicht des Menschen, nur dem Menschen blüht, dann nur, weil der Mensch für sie und ihre Ziel und Zwecklosigkeit – in welcher der ganze, freie Zweck ihrer Schönheit liegt — keine Rolle spielt. Die Blume bricht/spricht (sich)(ab/aus, etc.), und alle Rede über sie tut es ihr gleich.

Die Sprache ist die Blume des Mundes. In ihr erblüht die Erde der Blüte des Himmels entgegen. (Heidegger)

Cela bien dit, […] mais il faut cultiver notre jardin. (Voltaire, Candide)

Tillmann Reik

Link zur Neuausgabe des Buches bei Matthes & Seitz Berlin

 

Entscheidende Anregungen fanden sich in: Francis Ponge: L’Opinion changée quant aux fleurs- Änderung der Ansicht über Blumen – hrsg. und übers. von Thomas Schestag – Ed. Urs Engeler, Basel 2005. Link.

 

1“Buchstäblich wird mit dieser [der Sprache bei Borchardt] komponiert.” Dieses wie das fortfolgend Zitierte in: Theodor W. Adorno: Die beschworene Sprache, in: Noten zur Literatur. GS11, S.537 und 543

2Adorno, a.a.O.

3Anthese w [von griech. anthēsis = Blüte], Entwicklungsabschnitt der Blüte von Beginn der Knospenentfaltung bis zum Beginn des Verblühens.” http://www.spektrum.de/lexikon/biologie/anthese/3890

4“Eben weil die Sprache nicht unmittelbar garantiert, was sie seiner Konzeption zufolge müßte, bemächtigt er sich ihrer auf Biegen und Brechen.”

5Francis Ponge: L’Opinion changée quant aux fleurs- Änderung der Ansicht über Blumen – hrsg. und übers. von Thomas Schestag – Ed. Urs Engeler, Basel 2005

6Borchardt an Max Brod, 19. November 1931, Briefe 1931-1935, S. 93f.

7In einer von Adorno als durchschaute Hybris bezeichneten Selbstdeutung deutet sich immerhin an, wie die Auffassung des Dichters als Zentrum und transzendentalem Signifikant (oder Signifikat) von einer „medialen“ ergänzt und gefährdet wird: dem Dichter als Medium, durchlässigem Organon von Sprache selbst: “Ich habe es früh als einen tiefen Unterschied zwischen Hofmannsthal und mir angesehen, daß er literaturmäßig dankbare Stoffe und halb gestaltete Formen der vergangenen Literatur als Bearbeiter aufgriff, um ihnen endgiltige und harmonische Formen zu geben, während mir der Weg der Menschheit, der europäischen Menschheit, überhaupt und im Ganzen als vorschwebender Mythus erschien, der nirgends zu Ende gekommen war und sich in allen seinen Stücken durch mich weiter dichtete …” (Borchardt, Gedichte, Stuttgart 1957 (Gesammelte Werke in Einzelbänden), S. 568 f.). Zum produktiven Widerspruch Borchardts, vgl. ebenfalls Adorno (a.a.O.): “Billig, die vom objektiven Widerspruch bedingte Komplexität Borchardt als subjektive Schwäche anzukreiden. Die Zerrissenheit eines Dichters ist ein Topos unter Literaturhistorikern, anwendbar auf jegliches Phänomen, das nicht in ihr Konzept paßt. Der Würdigende beschlagnahmt durchs Verdikt über den Zerrissenen für sich eitel Harmonie und prätendiert eine Überlegenheit über sein Opfer, die in nichts anderem zu bestehen pflegt, als daß er jenen zum Gegenstand wählt, nicht umgekehrt. Das schale Ideal des in sich ausgeglichenen, widerspruchsfreien Menschen – wie armselig müßte einer sein, der ihm mitten in der dissonanten Welt entspräche – paart sich vortrefflich mit der Sitte zu personalisieren, dem einzelnen Autor umstandslos zuzuschreiben, was in seiner Objektivität zu begreifen die etablierte Philologie unfähig ist. Borchardt taugt paradigmatisch zur Widerlegung der Phrase von der Zerrissenheit, die er in manchem herausfordert. Die Spannungen im oeuvre und in der Person, die, nach dem Brahmsischen Wort, jeder Esel sieht, haben ihn nicht sowohl gehemmt als gesteigert. Fast möchte man sein Außerordentliches darin suchen, wie er aus Antagonismen den Funken schlug. Nicht darum geht es, wie der Dichter mit angeblicher oder faktischer innerer Problematik fertig wird manche der größten, zumal in Frankreich, haben gerade das nie vermocht -, sondern wie er auf die Antagonismen, denen er konfrontiert ist und die freilich auch in ihn hineinreichen, durchs Gebilde antwortet. Versöhnung in Borchardts Werk besteht in der Gestaltung des Unversöhnlichen. Der Lyriker Borchardt vibriert zwischen Polen und eignet noch ihre Antithetik als Formgesetz sich zu.´”

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Ingo Ebener: Für Rilke

Ganz Or-[1]: Meta-(M)orphische Versionen von Rilkes Rühmen, ent-fernt

O sage, Dichter, was du tust?

— Ich rühme.

»Beruf ist mir’s, /Zu rühmen Höhers, darum gab die /Sprache der Gott und den Dank ins Herz mir«

(Friedrich Hölderlin, Der Prinzessin Auguste von Homburg. Den 28ten Nov. 1799)

Tonarm

Und was Rilke betrifft, so tut man ihm nicht Unrecht, wenn man sagt, daß seine Dichtung die liedhafte Theorie des poetischen Tuns ist. (Maurice Blanchot, Der Gesang der Sirenen)

Ein Ohr, abgetrennt, lauscht. (Paul Celan)

“Schon, horch, hörst du”. In Ingo Ebeners Für Rilke Gedichten, die ausgewählten Dichtungen Rilkes zur Seite gestellt sind, findet sich ein gekonnt gekontertes Pro. Ein, seltsam, lauschende Ge-Hörigkeit anzeigendes, abgewandt Zugewandtsein. Eine -neigung, die den in sich durch an Felsen ihrer textuellen Faktur abprallenden Widerhall gebrochenen autoaffektiven Narzißmus von Rilkes vor allem später Lyrik der Sonette an Orpheus. Geschrieben als ein Grab -Mal für Wera Ouckama Knoop, aus dem Beinahe-Nahebei einer nachbarschaftlichen, “fühlbaren Ferne”, aber durch den Hiat ihrer Trennung in zwei Kolonnen isoliert, wie ein entstellt antwortendes Echo, beschallt. Indem er, Ebener, sie, die ihrerseits, nach Vermutung Wolfram Groddeks, als Zyklus labyrinthisch einer fraktalen Struktur der Selbstähnlichkeit und der Metamorphose (“Wolle die Wandlung!” […] “Und die verwandelte Daphne/will, seit sie lorbeern fühlt, daß du dich wandelst in Wind.”, S0 2,12) folgen, von ihrem Klangraum eingenommen, mitnichten ohne Koketterie und Mimikry (es ist, als klänge dadurch oft, schräg, der alles Weihevolle parodierende, kalauernde Klamauk eines Morgenstern und Ringelnatz in seiner Luftigkeit heraus), anders wiederholt. In Folge entsteht die Impression einer supplementären Repetition, die Rilke selbst (in SO 2,2, das Ebener zur Vorlage seines 8., vorletzten Sonetts wählt) dem Geräusch “der ersten Harken Arbeit” ablauscht:

Unabgeschmackt
scheint dir das Kommende. Jenes so oft
dir schon Gekommene scheint dir zu kommen
wieder wie Neues. Immer erhofft,
nahmst du es niemals. Es hat dich genommen.

(SO 2,2)

Ebener, eben er, ist in Rilkes Werk Eingeschriebener und schreibt sich aus ihm heraus. (Die Wendung “zu ebener Erde” — Topos der Eben-Erdigkeit — taucht in den Prosaschriften des Dichters des Öfteren auf.) Er fügt, resonant und responsiv, dem Harken gehorchend (das Wörterbuch belehrt, dass es sich dabei nicht nur darum handle, zu entfernen, indem man lockeres Material – z.b. Laub, Heu, Grasschnitt – zusammenrecht, sondern, ebenso, “mit der Harke”, die Rillen und Furchen für Saatgut in den Boden zu ziehen vermag, “eben zu machen”, vielleicht ebener, ebenerdig, eben erdig; doch bedeutet das englische to harken auch seinerseits: zuhören, lauschen, horchen. Eh ben dis donc!), Rilkes neun Gedichten gleichsam alternative, ein O(de)r darbietende Vers-Versionen ihrerselbst bei und damit, ebenfalls brüchig und in von“rosiger Positivität” (Adorno) einer schönfärberischen Ideologie abweichender Weise, rühmt, lobt, ehrt, preist er sie (“Wir, gerecht (!) nur, wo wir dennoch preisen”, S0 2,22), huldigt er ihnen, indem er, jeweils eine ihrer Verszeilen sacht heraustrennend, -harkend aufgreifend und in ihrer/seiner Manie(r) neu entfaltend, variierenden, durchführend, begleitend im abschiednehmenden Gehen grüßt. Harkt man seinerseits die von Ebenener ausgelesen Anfangszeilen auf und recht die Textpartikel zusammen, ergibt sich indessen folgendes Florilegium, alles andere als eben im flachen Sinne, eher “Waldwasen, uneingeebnet. Orchis und Orchis, einzeln” (Celan), Synthese einer Nicht-Synthese, Cento und Flickengedicht, ge-recht:

 

er machte sich ein bett in meinen ohren

und wie ein Wort, das noch im Schweigen reift

alle, die man dem Zweifel entreißt,

Seit Jahrhunderten ruft uns dein Duft

Wer sich als Quelle ergießt, den erkennt die Erkennung

Giebt es wirklich die Zeit, die zerstörende?

Ach, das Gespenst des Vergänglichen,

Manchmal geben sich Lüfte ein Zeichen.

Rufe mich zu jener deiner Stunden,

Ebnen (das Wörterbuch führt es auf ie. *i̯em(ə)- ‘halten, zusammenhalten, paaren, bezwingen zurück) – verwundert es? – macht eben, im Zusammenstellen des Disparaten, uneben; homogenisiert weder, noch nivelliert es, sondern raut sogar (even) auf, schärft und biegt, indem es scheidet und, mitunter absonderlich, sondert. (Ebner, darüber belehrt wiederum das Deutsche Rechtswörterbuch, ist ein alter Ausdruck für einen Schiedsrichter, Schlichter, Mediator, Vermittler, der über die Gerechtigkeit des Zwischen waltet. So bei Walter von der Vogelweide: “ouwe Welt, wie kumt ez umbe dich! ist got solch ebenaere?”).

*

Orpheus im Orkus: Dieser der Rilkeschen Euphorie an der Euphonie maßgebliche Mythosstifter eines spezifischen Phonozentrismus, steht, etymologischen Spekulationen zufolge, mit jenem Semantem in Kontakt, auf das der englische Waise zurückgeht (ὀρφανός orphanos), sowie das Dunkle (orphe) sich gründet: die indoeuroäische Wurzel *orbh-, trennen, teilen. Nicht nur die Trennung von Eurydike kann man darin erkennen, sondern er selbst, Orpheus, wird am Ende seines Lebens von dionysischen Mänaden zerrissen; der von ihm gestiftete responsive Schallraum ist seither ein Zerklüfteter. (“Jeder glückliche Raum ist Kind oder Enkel von Trennung,/ den sie staunend durchgehn.” S0 2,12)
Die Möglichkeit jeder Wendung einer Strophe, eines Verses, den Kontext innerhalb dem sie fixiert zu sein scheint, aufgrund einer vorgängigen, harkenden, Trennungsbewegung zu verlassen (in Wahrheit immer schon verlassen zu haben) und sein zu lassen, setzt auch für Ebeners supplementäre Parallelversionen nicht aus und zeugt von einer reißenden, generativen Kraft der Zersetzung, ein Zuviellebengeben eben, dem sich der dichterische Prozeß auszusetzen hat, die er zer- und verteilend mit-teilt:

[…]

Zerteile dich, du bist so schön.

[…]

Nur eins zu sein, das wäre obszön
übergib dich ganz dem jetzigen Spiel
denn Vergängliches gibt immer zu viel.

(Zuviel Spiel: das “trop” der Tropen, Hyperatropie, entstammt dem Übermaß der Zersetzungskraft der Vergänglichkeit, die eine dispersive, distributive Wort-Anfänglichkeit (en archē ēn ho Logos) — nicht mehr aufhörend nicht aufzuhören, ist einmal begonnen, ohne zagen, zu wagen, das Leiden zu klagen — ohne Rückkehrmöglichkeit bezeichnet:)

[…]

Und fängt es dann zu sprechen an, können die Worte nicht
wieder zurück
Sie widerstehen jedem Verstehen, sie verteilen sich Stück für
Stück

[…]

Und ohne das Wagnis sich mitzuteilen
Müssen die Musen in Museen verweilen

Dabei jedoch – eben Rilke Gedichte aufbrechend, von diesen aus aufbrechend, losziehend und fortgehend (in fort, vor, Wort und Ort wohnt das Or ebenso wie in französisch hors und mort), und sie dadurch des Weges begleitend[2] – zielt eine konstitutive Un-Treue darauf, die diesen Gebilden immanente genuin poetische Bewegung mitzuvollziehen und ihre Reduktion auf interessante Ideen und Gedanken aufzulösen (“wie gerne wir die reine dichterische Bewegung mit interessanten Ideen ersetzen”[3]):

Gedanken aber gibt es nicht dort,
sie hängen mal rum, doch zieht es sie fort
und wie Gesetze kennen sie unmerkliche Plätze.

Sie kommen nicht einfach zur Ruh‘,
drum zerfallen auch alle diese nutzlosen Sätze
lächelnd lächerlich leicht immerzu.

[…]

In diesem ersten Terzett wie im folgenden weicht das Geschmückte und Vollmundige von Rilkes früher Lyrik einem Ton, der Welt als Reim- “Raum des Ruhmes” nur so denken kann, dass freudiger Jubel (des Hymnus) wie die Sehnucht und Klage der Elegie einander überblenden. Sagen wird in der Zelebration seiner manisch-jublatorischen Dimension (hier fast des kindlichen Abzählreims mit dem bezwingenden “Reim dich, oder ich freß dich!”), auch dafür ist Orpheus melos Chiffre, zum Klagen (“wohl eine Erweiterung der Schallwurzel ie. *gal- ‘rufen, schreien” ); ist es schon je (SO 1, 8: Nur im Raum der Rühmung darf die Klage gehn.) Das schönste Wort für jenen unsagbaren, aber singbaren Rest, der widerständig überdauert und fortbesteht (vielleicht weil er, jenes von Hölderlin durch die Dichter gestiftete Bleiben, dieses Fortbestehen des Vergehens selbst ist) und anders auch tanz (im 4. Sonette heißt es diesen Sinnes: “der Rest, der Rest ist Reigen”), ziehn und wagen (damit, vage, wohl auch wiegen?) genannt werden kann; das Lamento von lalangue:

was bleibt, ich weiß es nicht zu sagen
ist stumm, ist tanz, ist ziehn und wagen
und mit dem schönsten wort: ist klagen

[..]

Sind Sonette fürs Ohr gemachtes Klinggedichte, wie das Barock sie nannte, steht Orpheus in einer intimen Beziehung zu ebendiesem, wie es gleich die erste, von Ebener nicht aufgegriffene Elegie nahelegt:

O Orpheus singt! O hoher Baum im Ohr!.

Und sie expliziert auf didaktischer Ebene, dass die wilden Tiere des Waldes nicht aus Angst und Lust begannen, leise zu werden.“Sondern aus Hören.”Orpheus schuf ihnen “Tempel im Gehör”. Ähnlich weist die Wendung vom “Bett in meinem Ohr” (aus SO 1,2), durch die Orpheus zu Morpheus, dem Gott der Träume promoviert, auf die innige Bindung eines zerteilenden und sich der Zerteilung überantwortenden Orpheus, der indem er Welt evoziert, diese schließlich (“fast ein Mädchen”) selbst auch verkörpert. Für Ebener wird dieses “Bett im Ohr”, dass er nun “ihm” (Rilke) zuschreibt, zum Signum einer bohrenden Eingenommenheit von Rilkes oft wiegenliedartig lullender, ja labend-leiernder Lyrik, die sich über den ungeschütztesten Sinn (den aurikularen, den auditus) Zutritt und Bleibe “in mir” verschafft hat. Ohrwurm oder haunting melody.

Rillke

Es gelingt, durchs, die ausgewählten Gedichte aushorchende, Rilkes Rillen wie leiernde Schallplatten mit einem Tonarm abhörende Hinzufügen, Beigesellen und zur Seite Stellen je einer weiteren Version seinerselbst (einen socius, celui qui m’accompagne), eine Wendung herausgreifend ( er “liebt in dem Schwung der Figur nichts wie den wendenden/Punkt.”), sich von jenen Weisen des Preisens zu entfernen, die Rilke, der sie nur zum Preis der verleugnenden Wiedereinschließung ausschließen kann, selbst in der VII. Duineser Elegie (die den Ausruf “Hiersein ist herrlich!” enthält) mit dem Wort “Werbung” versieht und damit einen nach Gunst heischenden Anruf meint, der unmittelbar mit seinem beschwörenden Fiat! und Veni! das Kommen des Gerufenen denkt herbei führen, verlässlich auslösen zu können, meint. (Dabei hieß es schon im Malte, signalisierend, dass die Hohe Minne eine die Ferne liebende actio ad distans sei, die den Ausbleib eines Resultats ihrer Bemühungen als Bedingung ihrer Fortsetzung benötigt: “Wie gedachte er dann der Troubadours, die nichts mehr fürchteten als erhört zu sein.”):

 

WERBUNG nicht mehr, nicht Werbung, entwachsene Stimme,
sei deines Schreies Natur;

[…]

Glaub nicht, daß ich werbe.
Engel, und würb ich dich auch! Du kommst nicht. Denn mein
Anruf ist immer voll Hinweg; wider so starke
Strömung kannst du nicht schreiten. Wie ein gestreckter
Arm ist mein Rufen. Und seine zum Greifen
oben offene Hand bleibt vor dir
offen, wie Abwehr und Warnung,
Unfaßlicher, weitauf.

Die Hand, die weitauf offene, am ausgestreckten Tonarm, der das Rufen (als das sich, auch etymologisch, ein Rühmen verstehen lässt) ist, kriegt nicht zu fassen, will nicht fassen (oder will schon, aber will nicht wollen wollen), wehrt mit ihrer auslangenden Geste ebenso ab und hält, respektvoll und achtsam auf Distanz.

Wie diese sich selbst in ihrem Gestus affirmativer Weltzugwandtheit dem Rühmen in einem gedoppelten Sinne (und in der Dopplung des französischen Wortes sens/son in Klang/Sinn) überantwortet: das betörende Rühmen des die Lyra spielenden Dichtersängers und umbrischen Troubadour Orpheus, dem sich Menschen, Tiere und Pflanzen hörend, horchend, lauschend zuwenden und sich um ihn in ihrer Mitte[4] versammelnd scharen, rühmt ein ihm vorgängiges Rühmen, als welche das Mädchen Welt sich zuträgt, zuspricht und -sagt. Dieser “hochzeitliche Ring”, das „Ja, Ja“ der gedopptelten, nicht-dialektischen Affirmation wird supplementiert durch ein weiteres: das von Rilkes Sonetten an Orpheus, die das “für” Ebeners, das ihnen wiederum nachfolgt, in ihrer Widmung deutlicher als die Adressierungsgeste einer postalischen Sendung deklariert. O(de)r eben: eines Geschenks.

In “Für Rilke” klingt allerdings ebenso deutlich der Appell mit, sich dem Geleit des Dichter-Duktus anzuvertrauen, sich dem Sprachereignis als solchem, der Sprachigkeit (Marcel Beyer), anheimzugeben und zu überantworten: “Führ, Rilke!”, „geh voran, wie Orpheus“. Und: “Verführ zur versierten, versatilen Versifikation!“ Dass dies von einer bestimmten „Mitte“ her aufs Spiel (einem Wagen, das dem Klagen als Sagen einhergeht) gesetzt ist, Eurydike, klaglos Abschiedliche mit kaum hörbarem Scheidegruß (supremumque vale [..] dixit),

(Streckend die Hände, bemüht, gefaßt zu werden, zu fassen, greift die Ärmste nichts als flüchtige Lüfte, und schon zum zweiten Mal sterbend klagt sie dennoch gegen den Gatten nichts – denn was sollte sie klagen, als daß sie zu sehr sich geliebt sah? Nur ein letztes ‚Lebwohl‘, das kaum seinem Ohre vernehmbar, sprach sie und sank zurück dahin, woher sie gekommen.)

als Einanderspiel von Rilke und Lyrik, macht die Lyrizität der „Rilkerei“ (Celan), nicht mehr als das Geleier der Leier, sondern, geisterhaft mechanisches, immer etwas krächzendes Gedreh einer Grammophonologie, für Sinn und Verstand in ihrem tödlichen Ernst hinter allem Schönklang erfahrbar.

In ihr [Eurydike] passieren, unterbrechen zwei Namen, Anagramme fast, einander: RILKE und LYRIK. Sie ist, von dieser Mitte her, aufs Spiel gesetzt. Wer? Sie (Thomas Schestag, versi-)

Tillmann Reik

 

[1] Und am Ende sammlet sich doch Alles um das Eine Wort der Ursprache Or! Man staunet, und es ist! (Herder)

[2] Die achte Elegie weist wie viele andere Stellen auf diese abschiedliche Haltung des Fortgehens:

Wer hat uns also umgedreht, daß wir,

was wir auch tun, in jener Haltung sind

von einem, welcher fortgeht? Wie er auf

dem letzten Hügel, der ihm ganz sein Tal

noch einmal zeigt, sich wendet, anhält, weilt -,

so leben wir und nehmen immer Abschied

[3] Maurice Blanchot: Der Literarische Raum, S.135. Dieser über jene Bewegung: „Die Dichtung wird somit zu einer der Musik ähnlichen Leistung, würde man diese auf ihren stillschweigenden Grundgehalt zurückführen: ein Schreiten und Sichentfalten von Beziehungen oder auch die reine Beweglichkeit.“ (Maurice Blanchot, Das Schweigen der Sirenen, S.304f)

[4] Dieses sich verlagernde Zentrum (was die Topologie von Zentrum und Peripherie selbst aus den Angeln hebt) wird übrigens für Blanchot (und vielleicht nicht nur in diesem einen Werk) mit dem Blick des Orpheus verknüpft: “Un livre, même fragmentaire, a un centre qui l’attire : centre non pas fixe, mais qui se déplace par la pression du livre et les circonstances de sa composition. Centre fixe aussi, qui se déplace, s’il est véritable, en restant le même et en devenant toujours plus central, plus dérobé, plus incertain et plus impérieux. Celui qui écrit le livre l’écrit par désir, par ignorance de ce centre. Le sentiment de l’avoir touché peut bien n’être que l’illusion de l’avoir atteint ; quand il s’agit d’un livre d’éclaircissements, il y a une sorte de loyauté méthodique à dire vers quel point il sembleque le, livre se dirige : ici, vers les pages intitulées Le regard d’Orphée.” (Maurice Blanchot, L´espace litteraire, p.X)

 

 

 

Jacques Rancière: Der unwissende Lehrmeister

Die Dekonstruktion des Instruktionismus

Mündige Erziehung oder Trauerarbeit der Emanzipation in Gestalt Öffentlicher Bildung?

 

Denn es steht geschrieben: „Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.“ (1.Korinther 1:19)

Die Erklärung ist nicht nötig, um einer Verständnisunfähigkeit abzuhelfen. Diese Unfähigkeit ist im Gegenteil die strukturierende Fiktion der erklärenden Auffassung der Welt. Der Erklärende braucht den Unfähigen, nicht umgekehrt. Er ist es, der den Unfähigen als solchen schafft. Jemand etwas zu erklären, heißt ihm zuerst zu beweisen, dass er es nicht von sich aus verstehen kann. (Jean Joseph Jacotot)[1]

 

Gleichheit: als abendländisches Konzept und Parole hat sie spätestens im aufklärerischen Projekt der französischen Revolution, sich institutionalisierend, “Schule gemacht”, vereinheitlichend und synthetisch in-eins-bildend[2], im Zuge öffentlicher Bildung aus als zunächst ungleich gedachten Menschen und deren Intelligenzen eine egalitäre Gesellschaft zu formieren. Und dieses Unternehmen, bis auf den heutigen Tag in seinem Bemühen gescheitert, hinsichtlich der Einschätzung der apriorischen Ungleichheit der Intelligenzen unbeirrbar, besteht fort, sofern es diejenigen bildungspolitischen Theorien noch unserer Zeit durchherrscht, auf deren Grundlage sich staatliche Bildungsanstalten (unterm Bann der Topoi von Pisa und Bologna) als paternalistische Unterweisungsbetriebe fürs Volk[3] verstehen. Selbst und gerade dort, wo ein wieder salonfähig gewordenes Exzellenz- und Elitedenken mitsamt einer proliferierenden Expertenkultur seine Herrschaftsansprüche stark macht: Durchs Postulat künftiger Einsicht ist die egalitäre Isonomie mit einem arroganten, proto-elitistischen Erziehungsparadigma verknüpft, das die Einlösung ihres Wissensversprechens einerseits vertagt auf ein künftig noch zu erreichendes Ziel hin, zum anderen aber auch bereits in Gestalt einiger weniger Experten (sie müssen den Eindruck erwecken, wenige zu sein, selbst wenn ihrer viele sind) für schon verwirklicht erklärt. So dass, geht es nach diesem Narrativ, manche im Ruf stehen, über das entscheidene Wissen bereits zu verfügen und gebieten, während andere ungetröstet im Tal der Ahnungslosigkeit dahindarben. Wodurch wiederum erste, von denen diese performative Diagnose stammt, zu letzteren Führer und Anleiter berufen erscheinen.
Mit dieser Weise, die Dinge zu betrachten existiert eine dominante Deutung gesellschaftlicher Verhältnisse, die vom Philosophenkönig bis zu den zeitgenössischen Großmeistern der Kritik (Sartre und Bourdieu sind darin Rancières Lieblingsfeinde) die Einübung in einen Habitus des Besser-Wissens mit der notwendigen, gleichsam ontologischen Rückendeckung versieht und Ungleichheit, sowieso den Unterschied von Superiorität und Inferiorität naturalisiert: paradoxerweise mithin als ständiges Resultat ihrer Bemühungen, sie aufzuheben. Die vollends durchpädagogisierte Gesellschaft mit öffentlichen Erklär- und zugehörigen Prüfungssystemen — so ließe sich die Dialektik dieser Aufklärung beschreiben — strahlt im Zeichen triumphaler Verdummung; sorgt für die unaufhörliche Infantilisierung derer, aus denen sie sich zusammensetzt. Fortschritt, vor allem der technischer Bemeisterung, erscheint als die neue Weise, Ungleichheit zu sagen.

 Le Progrès est la nouvelle manière de dire l’inégalité.

Wird Gleichheit vor dieser Folie gedacht, nämlich als Homogenisierung einer anfänglichen Ungleichheit der Intelligenzen, verursacht durch Rückstand und Zurückgebliebenheit, Retardiertheit (retard) einiger, nährt sich ihr Konzept von der Unterstellung dieser axiologisch hierarchisierten Ungleichheit, erzeugt sie performativ und perpetuiert ihr Perennieren. Mitsamt den Ungleichen als jenen, die im Vergleich mit der anzustrebenden Norm ein Defizit aufweisen, welches ihr Paradigma doch im Zuge seiner Selbsterhaltung überhaupt erst generiert. Die sich autoritär privilegierende, erklärend besser-wissende deiktische Didaxe, Versprechen und Drohung ineins, verschränkt in ihren abrichtenden zuchtmeisterlichen Unterweisungen und Zurechtweisungen das wohlmeinend klärende und verdeutlichende pointing device mit rügendem Zeigefinger und strafendem Rohrstock.“Ich werde es Dir zeigen! Verstehst du mich?” -, bevormundet sein Mündel im Zuge seiner instruierenden Demonstrationen auf entmündigende Weise jedes Mal aufs Neue unter der Vorgabe, es gut zu meinen. Was die Leute verdummt, ist also nicht das Fehlen von Belehrung, eher noch deren Exzess.

Als abendländisches Vorbild solcher Erziehungspraxis, im Kern maieutische Paideia, mag Platons Figur des Sokrates dienen (“Il y a un Socrate qui sommeille en chaque explicateur.”). Nicht nur spielt er die emblematische Rolle desjenigen, der weiß, dass er nicht(s) weiß. Er weiß auch, dass seine Zöglinge und Interlokutoren (im bekannten Beispiel etwa der Sklave Menon) als diejenigen vorgeführt werden müssen, die das nicht wissen. Die darüber hinaus nicht wissen, dass sie nicht wissen, was sie nicht wissen und wie sie es jemals, ohne seine Assistenz, wissen könnten. Dergestalt etabliert sich eine Stufenordnung mithilfe der Annahme von durch eine Kluft getrennten intellektuellen Fähigkeiten, die sich der Einsicht in ihre Konstruiertheit entzieht und noch emanzipatorische Ambitionen nach dem obligaten oligarchischen Schema einer Sklavenhaltergesellschaft (oder paternalistischen Elite-Oligarchie) modelliert. Konsequente Verdummung ist das paradoxe Resultat einer solchen als Kampf gegen die Dummheit sich selbstermächtigenden Erziehungs-Praxis.

Le socratisme est ainsi une forme perfectionnée de l’abrutissement.

Wie wäre radikale Gleichheit der Intelligenzen als Hypothese (die selbstredend nur eine der radikal verschiedenen Ausformungen — der Unterschiedlichkeit, von diesem Gleichen Gebrauch zu machen — sein kann) demgegenüber, anders als in jenen Kategorien und Klassifizierungen intrinsisch elitistischer Diskurse politischer Theorie, zu verstehen, wenn es um emazipatorische Praxis im Sinne Rancières geht? Es gibt sie nicht als empirisches Faktum, noch ist sie etwas, dass es einmal erst in Zukunft, nach dem Durchlaufen eines pädagogisch-didaktischen Progresses vom Einfachen zum Komplexen, dergestalt: als Ausgleich und Einebnung der Differenzen (Beseitigung der Unwissenheit und Dummheit) geben wird: wir sind darauf beschränkt (oder dazu frei), die Experimente und Erfahrungen (der alte französische Ausdruck einer expérience meint beides) zu vervielfachen, die auf der Annahme beruhen, dass sie sich dennoch und gerade deshalb, stets und ständig, hic et nunc, überprüfen und bewahrheiten, demonstrieren, d.h. im Vollzug bewähren lässt. Gleichheit ist die Praxis eines hic rhodus, hic salta, eines alle Klassen und Klassifizierungen unterbrechenden Un-doing durch Mit-Teilung:

The essence of equality is not so much to unify as to declassify, to undo the supposed naturalness of orders and replace it with controversial figures of division. Equality is the power of inconsistent, disintegrative and ever-replayed division.[4]

Gleichheit der Intelligenzen meint dann aber: jedem ist die proto-poetische Fähigkeit eigen, dichterisch zu übersetzen, Sprache zur Sprache zu bringen. Sie ist somit nicht nur nicht messbares Faktum für empirische Erhebungen, sondern auch weder konstative noch regulative Idee: ihr Wert besteht darin, Präsupposition einer Versuchsanordnung, einer bestimmten Herangehensweise an den Anderen mit der Unterstellung, von ihm verstanden werden zu können, einer, wie gesagt, Erfahrung, zu sein.
So die überraschend (naiv erscheinende) Präsupposition jenes 1770 geborenen und 1840 verstorbenen Jean Joseph Jacotot (der Schülern das Klavierspiel beibrachte, ohne es selbst zu beherrschen), die in ihrer frappanten Konsequenz mitbringt, dass Wissen fürs Lehren nicht erforderlich sei. Dass der andere wie ich sei (nämlich anders), wird sich immerhin erstens schwerlich widerlegen lassen und firmiert zweitens als erkenntnistheoretische Grundeinstellung der meisten Bewußtseine, für die ein Alter jeweils nur im Modus einer Appraesentatio per analogiam sich erschließen und adressieren lässt.

In “Der unwissende Lehrmeister” (1987) nun erzählt Rancière seine, Jacotots, “Geschichte” nicht im Sinne objektiver Berichterstattung, buchhalterischen Rechenschaftberichts. Sondern das verschlungene Nach-Erzählen ohne Schlußfolgerungen dient vor allem dem Erfordernis, eine andere Darstellungsweise zu erproben, die den Fallstricken pädagogischer Bevormundung möglicherweise, zumindest in Teilen, zu entkommen vermag.

Das Dispositiv der Erklärung erweist sich dann nämlich als jene Mythe der Pädogogik, durch die die Ungleichheit qua Teilung der Welt (und/oder der Intelligenz) in zwei asymetrische Hälften, bestehend aus methodisch und Gründe angebend Wissenden und dem Zufall ihrer Meinungen ausgelieferten Unwissenden, Reifen und Ungeformten, Fähigen und Unfähigen, unablässig mithilfe einer temporalen Struktur, die den Aufschub instrumentalisiert (“Ihr werdet es gleich sehen, ich werde es zeigen!, “Nur noch ein paar Schuljahre und Du wirst verstanden haben!“) reproduziert wird und dabei vor allem der Lehrmeisterstand seine Überlegenheit sich selbst fortwährend auto-imposant beweist, bekräftigt, rechtfertigt:

“Avant d’être l’acte du pédagogue, l’explication est le mythe de la pédagogie, la parabole d’un monde divisé en esprits savants et esprits ignorants, esprits mûrs et immatures, capables et incapables, intelligents et bêtes. Le tour propre à l’explicateur consiste en ce double geste inaugural.D’une part, il décrète le commencement absolu : c’est maintenant seulement que va commencer l’acte d’apprendre. D’autre part, sur toutes les choses à apprendre, il jette ce voile de l’ignorance qu’il se charge lui-même de lever.”

Mit Benjamin muss eine Dekonstruktion solcher onto-pädagogischen Fortschrittsideologie (welche getarnt als Emanzipationsprojekt die — “selbstverschuldet” gescholtene Unmündigkeit prolongiert) mit äußerstem Nachdruck betrieben werden: hier bezöge sie sich auf die Vorstellung des Veranschreitens als Graduation, und Promotion, die Erziehung zur Meisterschaft als gradus ad parnassum.

Wie vollzieht sich verstehen aber überhaupt und wie lernen? Etwas über dieses Verstehen (was sich Lernen nennt) beginnt man zu verstehen, befaßt man sich mit jener “Enseignement universel” genannten Methode, die Jacotot, seit 1818 als Professor für Sprachen und Literatur an der Universität Löwen mit Studenten konfrontiert, die des Französischen nicht mächtig waren, während er kein Flämisch sprach, erfolgreich erarbeitet hatte: Er verteilte eine zweisprachige Ausgabe des damals populären “Telemache” von Fénelon mit der Auflage, sich diese aufmerksam anzusehen und gemeinsam sprachlich darüber auszutauschen: “Was siehst Du? Was denkst du darüber? Was machst Du damit?” Es bedarf also eines Dritten, das, dazwischentretend als unmittelbare Medialität, sowohl Lehrer wie Schüler unbekannt und fremd ist: eines Buchs oder Schrifstücks – schweigende Materialität eines Textes statt Präsenz der erklärenden Stimme – worauf gemeinsam, aus gleicher Distanz und mit geteilter Aufmerksamkeit des Unwissens, unmethodisch blind ratend und tastend, mit Spürsinn den Weg erkunden wie ein Tier, Bezug genommen werden kann: hier des Telemach. Jenes Buchs, arkanes Ding, das mit Calypso, der Versteckten, beginnt und lehrt, dass es kein Verstecktes hinter den Signifikanten gibt, außer anderen Signifikanten. Verstehen und Verstand verstehen sich vom Sich-Verständigen (mit sich selbst und anderen) her, vom Mit-Teilen des Sinnlichen, somit aber grundsätzlich als Sprache, sofern sie die Fähigkeit zu vergleichen/Gleichheiten und Ähnlichkeiten aufspüren und dichten meint: parabolare und fabulari: anders-sagen, in der Sprache des Anderen sagen. Es ist ein Machen, kein Wissen, ein Akt der Kommunikation.

La vertu de notre intelligence est moins de savoir que de faire. « Savoir n’est rien, faire est tout. » Mais ce faire est fondamentalement acte de communication.

Voyage dans un cercle. On comprend que les aventures du fils d’Ulysse en soient le manuel et Calypso le premier mot. Calypso, la cachée. Il faut justement découvrir qu’il n’est rien de caché, pas de mots sous les mots, de langue qui dise la vérité de la langue.

Dieses raumzeitlich Distanz und Intervall aufspannende Zwischen gilt es zu lesen, und “Intelligenz” (von inter legere) und Interesse scheinen genau darauf aus zu sein.

La matérialité du livre tient à distance d’égaux deux esprits, quand l’explication est annihilation de l’un par l’autre.

Am Ende zeigten sich die Eleven in der Lage, über den am materialen Zeichen prüfenden Vergleich der Funktion beider Sprachen miteinander, französisch zu sprechen. Bestand die lehrmeisterliche Unterweisung hier in keiner Übermittlung manifester Lehrinhalte, so liegt sie wohl ausschließlich in der singulären Geste des aufmerksamkeitsausrichtenden, auf den je eigenen Weg bringenden und dort haltenden “tolle, lege” (wie sie aus dem achten Buch der Augustinischen Bekenntnisse bekannt ist), der Aufforderung, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, ohne die Leitung eines anderen dabei in Anspruch zu nehmen. Schon der Kantschen Formulierung liegt ein performativer Widerspruch zugrunde, der sich nur mithilfe einer aufschiebenden Temporalisierung bezähmen lässt und per Dekret die Überflüssigkeit externer Unterweisung verkündet: “Höre ein letztes mal auf mich, denn ich sage dir, dass du nur noch auf dich selbst [und das heißt: auf das Spiel deiner Verstehensprozesse] hören sollst!” Lernen hieße dann zuvorderst, dass man bereits lernen kann und nicht nicht-kann, dass der Verzicht auf die Ausübung der eigenen Freiheit in der Weise sich-verhaltender Bezugnahme nicht möglich ist. Aber auch, dass alle Fähigkeit auf nichts gründet als einer basalen Unfähigkeit oder mit ihr zusammen fällt; einer Schwäche, die Stärke ist. Die kryptotheologischen Züge einer paulinischen Pädagogik sind erkennbar (Libertati liberavit nos /Für die Freiheit hat ER uns frei gemacht, Gal 5,1):

Sur sa tombe, au Père-Lachaise, les disciples firent inscrire le credo de l’émancipation intellectuelle : Je crois que Dieu a créé l’âme humaine capable de s’instruire seule et sans maître.

Auf diesem Weg wird Intelligenz, reflexiv, ihrer selbst — das heißt, des Gewahrwerdens, das sie ist — gewahr, responsiv sich achtend und auf sich achtend. “Es selbst herausfinden ist möglich” kann bereits Erweckungserfahrung, Einsicht in den “Betrug der Unfähigkeit” sein (die, wie Deleuze in seinen Spinoza-Paraphrasen formuliert: einen von dem abschneidet, was man kann) und dieser basale Auto-Didaktismus die Grundlage allen (auch angeleiteten) Lernens, seit jedes Kind im einmal eröffneten Vertrauensraum die Sprache der Eltern ohne Erklärung von deren Grammatik erwirbt. Demgemäß wäre die Einimpfung des Glaubens an den eigenen, schon vom sapere aude beschworenen Wagemut (das anders formuliert vielleicht: “Wage es, zu wagen! Wage, zu wollen!” lauten könnte) eine der entscheidenden Lektionen der vorspringenden Fürsorge jenes andere, neuen, unwissenden Lehrmeisters. Ermuntert wird mit der Devise eines age quod agis allerdings zu einem paradoxen Voluntarismus des Seinlassens, Zulassens und Sich-Einlassens, ein Lassen, das die Emanzipation (Freilassung aus der Bevormundung und Abhängigkeit als “aus der Hand geben”) im Namen trägt.

Le livre, lui, est achevé. C’est un tout que l’élève tient dans la main, qu’il peut parcourir entièrement du regard. Il n’y a rien que le maître lui dérobe et rien qu’il puisse dérober au regard du maître. Le cercle bannit la tricherie. Et d’abord cette grande tricherie de l’incapacité : je ne peux pas, je ne comprends pas… Il n’y a rien à comprendre. Tout est dans le livre. Il n’y a qu’à raconter – la forme de chaque signe, les aventures de chaque phrase, la leçon de chaque livre. Il faut commencer à parler. Ne dis pas que tu ne le peux pas. Tu sais dire je ne peux pas. Dis à la place Calypso ne pouvait… Et tu es parti. Tu es parti sur une route que tu connaissais déjà et que tu devras désormais suivre sans discontinuer. Ne dis pas : je ne peux pas dire. Ou alors, apprends à le dire à la manière de Calypso, à celle de Télémaque, de Narbal ou d’Idoménée. L’autre cercle est commencé, celui de la puissance. Tu n’en finiras pas de trouver des manières de dire je ne peux pas et bientôt tu pourras tout dire.

Wie geschieht das Verstehen auf der Grundlage der Prämisse gleicher Intelligenz?

Lernen und Verstehen sind nichts anderes als Übersetzungen von “Übersetzen”. Nicht etwa, das am Wenigsten: den Grund begreifen.

 “Apprendre et comprendre sont deux manières d’exprimer le même acte de traduction.”

“Comprendre n’est jamais que traduire, c’est-à-dire donner l’équivalent d’un texte mais non point sa raison.”

Nicht also wäre mehr von Education, als einem Herausführen (aus der Höhle), zu sprechen, was als elevierendes Heraufheben, er-ziehen zur Höhe des Erwachsenen gedacht ist, ebenso wenig von Erziehung zur Mündigkeit. Sondern Transduction, translatio (übrigens vielleicht einer Übersetzung der griechischen hermeneia) macht sich verständlich als ein Spiel von den Ort wechselnden entaneignenden Übertragungsprozessen, das Mündigkeit und Emanzipation, die Gleichheit der Intelligenzen je schon voraussetzen muss. Gerade dort, wo einem Anderen eingetrichtert werden soll, dass er dumm, minderwertig, rückständig sei, wird vorausgesetzt, dass er im Stande ist, dies zu begreifen. Somit geht es darum, nicht von einer Position überlegenen Wissens aus, ex cathedra, zu erklären, sondern gemeinsam lernend sich über- und ent-setzen zum Anderen hin, sich entorten und dabei das je Eigene, alles neue auf das bereits Gelernte beziehend, einfremden. Freilich: das höchst anspruchsvolle Konzept, das sich als älteste, einfachste und weitverbreitetste Methode begreift (wer hätte sich nicht selbst schon etwas beigebracht und täte es täglich aufs Neue) setzt sowohl Lern- als auch Lehrwilligkeit (bei Jacotot als der die Intelligenz unterhaltende, mehr oder weniger resolut befehlende Wille gedacht) als ein basales Begehren, orexis und appetitus voraus (der Wille muss sich wollen)[5], welche sich hier als vorgängiges Begehren zu verstehen und verstanden zu werden in ihrer sozialen und kommunikativen Dimension präsentieren. Fehlten diese, wäre auch mit solcher Methode schwerlich zu reüssieren. Vorausgesetzt sein müsste also immerhin die im ersten Satz der aristotelischen Metaphysik behauptete Allgemeingültigkeit einer autoaffektiven Lust an der Aisthesis, um ihrer selbst willen, allerdings als geteilte und sich mit-teilende:

Alle Menschen streben von Natur nach Wissen. Dies beweist die Liebe zu den Sinneswahrnehmungen; denn auch ohne den Nutzen werden sie an sich geliebt

Dem unwissenden Lehrer obliegt demnach nichts weiter, als die Achtsamkeit, die Aufmerksamkeit, die Vigilanz, das Interesse (als dem Willen in das Zwischen hinzugelangen) zu befeuern und zu überprüfen, denn wo immer gesucht, geforscht und erkundet wird, kann auch, wenn auch nicht immer das Gesuchte, sondern mitunter sogar Ungeahntes, gefunden werden. Er muss aufmerksam sein auf die Aufmerksamkeit. Erlahmt sie und gibt sich in Faulheit der Ablenkung und Zerstreutheit hin, erliegt der Geist — seine Ur- und Erbsünde — der Schwerkraft der Materie. Aber die Faulheit selbst ist nicht bloße Trägheit, Benommenheit, Apathie des Fleisches, sondern sie ist selbst ein Akt; die Tätigkeit eines Geistes, der seine eigene Macht geringschätzt und verachtet. Umwillen jedoch einer höheren Überlegenheit, die stets Niedrigkeit bleibt. An der Verwindung dieses Hangs zur Verachtung und Geringschätzung seinerselbst und des anderen zugunsten einer positiven Wertschätzung, einer Affirmierung der Gleichheit der Intelligenz in jeder ihrer singulären Bekundungen ist nunmehr alles gelegen. (Die komplexe Figur der Kantschen „Achtung“ — die zwar eine „Unterwerfung“ meint, welche aber, da sie unters eigene Gesetz, den Auto-Nomos, stellt, im gleichen Zug „Erhebung“ und „Selbsteinwilligung“ sein soll — mag einem hierbei ebenso einfallen.)

L’essentiel est cette vigilance continue, cette attention qui ne se relâche jamais sans que s’installe la déraison – où le savant excelle comme l’ignorant. Maître est celui qui maintient le chercheur dans sa route, celle où il est seul à chercher et ne cesse de le faire.

La distraction est d’abord paresse, désir de se soustraire à l’effort. Mais la paresse elle-même n’est pas la torpeur de la chair, elle est l’acte d’un esprit qui mésestime sa propre puissance.

Ranciére lehrt nichts, unterrichtet oder erzieht nicht, sondern erzählt vornehmlich. (Natürlich verrät sich solche strikte Verneinung nach obigem Muster als Freudsche Leugnung und somit indirektes Eingeständnis dessen, was sie bestreitet. Man hat es zu tun, auch in obigem Referat, mit Erklärungen, die erklären wollen (aber anders), warum Erklärungen nicht ausreichen, oder immer schon explizierend auf etwas implizit anderes bauen müssen. Gelängen sie somit, wären sie gescheitert. Doch warum nicht auch vice versa: Erklärungen können nur erklären, weil sie dichten und “geschichten”). Und seine Erzählung verflicht den Autor des Buches, dessen Stimme und Auffassung mit der von dessen Gegenstand. Es entsteht eine schwer zu beherrschende, nicht-identische narrative Unsicherheit, die keiner logischen Beweisführung bedarf, Paradoxa und Widersprüche unaufgelöst lässt und das oben raffend als die Quintessenz des Buches behauptete im Modus der Lektüre unterminiert. Jacotos Nicht-Methode ist geschichtlich immer schon gescheitert, spätestens jedoch nachdem sie vom Erklärsystem institutionalisiert und dadurch absorbiert wurde; doch ganz tot zu kriegen ist sie genauso wenig. Rancières transduktiver[6] Duktus immerhin, in späteren Büchern weitergeführt und verfeinert, wird in seinem Zugleich von zuviel und zuwenig Informationsangebot, faszinierend und beschwerlich zu lesen ineins, als die eigentlich genuin emanzipatorische “Tat” erkenntbar, die — darin besteht die Politik der Literatur — das Leben ändert, indem sie das Lesen alteriert.

Jacotos “panekastische” Gesellschaft (der Neologismus soll die Grundannahme des “Tout est dans tout” benennen), wahrhaft emanzpierte, wäre eine auch deswegen, weil sich ihre Mitglieder – ob Handwerker oder Geistesarbeiter – als jene Dichter und Künstler sich selbst und anderen zu erkennen geben, die sie als über Sprache verfügende politische Tiere – darin liegt Rancières Umdeutung des zoon logon echon und zoon politikon – je schon sind.

On peut ainsi rêver une société d’émancipés qui serait une société d’artistes. Une telle société répudierait le partage entre ceux qui savent et ceux qui ne savent pas, entre ceux qui possèdent ou ne possèdent pas la propriété de l’intelligence. Elle ne connaîtrait que des esprits agissants : des hommes qui font, qui parlent de ce qu’ils font et transforment ainsi toutes leurs œuvres en moyens de signaler l’humanité qui est en eux comme en tous.

Tillmann Reik

 

[1] Jacques Rancière: Der unwissende Lehrmeister. Fünf Lektionen über intellektuelle Emanzipation, Wien: Passagen, 2. Auflage 2009, S.16. Zitiert wird im folgenden aus der französischen Originalausgabe.

[2] Zur Bildung als poetisch-politische Syntheseleistung einer in-eins-bildenden Einbildungskraft in bei Schelling, siehe: Jacques Derrida, Theologie der Übersetzung, in: Alfred (Hg.) (1997a): Übersetzung und Dekonstruktion. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S.15ff

[3] Peter Sloterdijks treffende Beschreibung der Amerikaner als “rätselhaftes Kindvolk” ließe sich vielleicht ausweiten: aus der Sicht auch demokratischer Regierungen firmiert das Volk in seiner Rohform als (mal possierlich unreife, mal bedrohlich ungezogene) ungestalte Masse, der mores zu lehren ist. Dem Demos (letztlich deinos: unberechenbares Monster, Mob und Pöbel) sich unmittelbar auszusetzen, ohne die Vermittlung parlamentarischer Stellvertretung, ist darum tunlichst zu vermeiden.

[4] On the Shores of Politics[1990], translated by Liz Heron(London,Verso,1995),p.32-33

[5] Ausfaltung sämtlicher Debatten zum Problem der Willensschwäche: Sobald der Wille sich nicht von selbst und von vornherein will, sondern gewollt werden muss und insofern mit einem vorgängigen “nicht” seinerselbst konfrontiert ist, tritt seine aporetische Struktur hervor.

[6] Die Schlüsse, die Kinder im voroperatorischen Stadium ziehen, seien weder induktiv, noch deduktiv, sondern transduktiv, d.h., sie schließen gleichsam “magisch” vom Speziellen zum Speziellen, heißt es in einer Piagetschen Terminologie. Vielleicht geht es beim hier gemeinten Übersetzen der Intelligenz um genau diesen Vorgang, des analogisch Schlüsse Ziehens und sich einen Reim Machens.

Bertram Reinecke: Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst

“Vnd bleibt ungebrochen” – Zeilen teilen[1]

“Also Schrift als das Melancholicum selber.” (Rudolf Heinz)[2]

“Indessen überrascht mich nun vor allem, daß, wenn man so will, das Geschriebene fast ganz aus Zitaten besteht.” (Brief Walter Benjamins an Gershom Scholem vom 22.12. 1924)

+

Sprache spricht versatil, in ungebrochen zungenbrecherischer -lalie, babbelndem Palaver, von sich, lädt sich vor und ein, in/als Fremdsprache ihrer selbst, translational und transnational deterritorialisierend und macht, von Anfang an, frei-sprechend ohröffnend, unschlüssig: Inwiefern,

„Ich sag es frey: Wer Ohren hat der öffne sie“ (S.10),

bietet der auf Niederländisch vom Schlüssel zum Hochdeutschen sprechende Titel einer alten Sprachschule,

Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst

als pars pro toto herausgegriffene Zeile (und diese “gehört wahrscheinlich im Sinne von ‘Abgeteiltes’ zur Tiefstufe ie. *dī̌- der unter Teil und Zeit (s. d.) angeführten Wurzel ie. *dā(i)- ‘teilen, zerschneiden, zerreißen’.” Wie übrigens auch, das tut alles und nichts zur Sache, der gute Dämon der Glückseligkeit, Eudaimonia[3]), aus dem Band, in dem er enthalten ist aufgeklaubt, Einblick gewährenden Aufschluß über das unter ihm Befasste: repräsentiert er alles folgende paradigmatisch, beinhaltet er es gar? Dass besagter den Schritt über die Schwelle(n)[4] des Hauses der Sprache(n)

Es gibt so viele Arten von Sprachen in der Welt, und nichts ist ohne Sprache“ (1. Korinther 14,10, bei Reinecke in Einen anderen Glanz hat die Sonne, S.20)

ermöglichende “Schlüssel” (in der Fülle seines Spiels mit Homonymie, Äquivokation und Polysemie) als Zeichen eines außersprachlich referenzierten, zum Öffnen oder Sperren eines Interieurs per Drehung von außen (oder umgekehrt: jene aristotelisch-euklidische Topologie wird ohnehin, im Handumdrehen — denn Schloß und sein Loch befinden sich weder hüben noch drüben, sondern dazwischen — verwickelter: der Schlüssel spielt hier wie überall die chiastische key role eines radartig drehenden, addierend multiplizierenden Über-Kreuz´: +x) dienenden technischen Zeugs (womöglich doch eher zum Lösen und Anziehen der Mutter(n)-Sprache), sobald er auf ein Textcorpus zum Zwecke von dessen Benennung angewandt wird,

“Den Schlüssel zu einer Sache haben, das Mittel das Verborgene oder Unbekannte in derselben zu entdecken.” (Adelung)[5]

“3) schlüssel, sinnbildlich für macht, insofern er sowol gewährt wie verwehrt” (Grimm)

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„Äußerlich und stilistisch – in der Drastik des Schriftsatzes wie in der überladenen Metapher – drängt das Geschriebene zum Bilde.“ (Benjamin)

wiederum nur aus dem überreichen Fundus der Lingua und ihren Zungen zusammengesetzt sein kann, bedarf vermutlich keines weiteren Winks. Die faszinierenden allegorischen Texte, die folgen, sagt (vielleicht) der Titel, sollen, einzeln oder in Gesamtheit (wie) (ein) Sleutel/Schlüssel sein. Geboten wird mithin, dies wäre zumindest eine provisorische exegetische Erstanmutung, Sprache als hermeneutischer Aufschließungsmechanismus — man spricht auch vom “Interpretationsschlüssel” — zur chiffrierten, kryptischen, opaken Hermetizität von Sprache überhaupt (denn das, was sich hier zwischen zweien ereignet, ereignet sich im Zwischen ihrer selbst) und die entsperrende Rotation, Vers-Versionen generierende Dauer-Perversion, erfolgt im Modus der Transplantation genuin ursprungsloser, ausgelegter

“Und nichts mehr das uns deute.”

(d.h. aus definiter Auslegung herausgelegter, somit eigentlich un-ausgelegter) Sätze, Stellen[6], eben Verse, die wie abgetrennte Gliedmaßen, lose, neue Gemeinschaften (derer, die keine Gemeinschaft haben und eifersüchtig ihre Einsamkeit verteidigen[7]) eingehen.

Gelingt es Sprache auf diesem Wege, der auch jener einer „Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik des Gehens“ (auf Vers-Füßen?) sein wird, sich, in und auf sich selbst, einzulassen, Zugang zu erlangen, oder wird sie zwangsläufig, immer und ewig wartend, außen “voor”[8], vor sich, bleiben müssen? Von sich selbst, ihren Türstehern und deren Vorgesetzten, gleichsam per Dekret, unerbittlich exkludiert, wie Kafkas Parabel „Vor dem Gesetz“ (sein „Schloß“ wird immer auch als ein Roman über die hier verhandelte -klusion deutbar sein), in einer möglichen ihrer Lesarten, es verheißt?

Komm blasser Geist komm vor / aus deiner Ruhe-Kammer

(Am Deutschen Literaturinstitut; aus “Cardenio und Celinde oder unglücklich Verliebte” von Andreas Gryphius[9]).

Auferweckung des Lazarus von Rembrandt Harmensz. van Rijn um 1630.

Auferweckung des Lazarus von Rembrandt Harmensz. van Rijn um 1630.

Dieses Vo(o)rkommen (im Wortsinne e(x)-ventus) des aus allem Komfort der stillen Klause, des Sargs, der Gruft, des Grabs (im Griechischen mit sêma ebenso das Zeichen), herausreißenden Veni foras-Rufs (Komm vor!, Joh 11,43), ein Weck-Ruf, eine evocatio, benennt den fürs Zustandekommen des Bandes entscheidenden Hinblick auf Sprache: die Lektion der Selektion besteht somit darin, Sprache als lazarushaftes Zitat, als evozierende Inzitation — das heißt in Bewegung versetzendes, aufrüttelndes, auch zur Verhandlung und Zeugenaussage ladendes, Heraus-, Herbei- und Anrufen ihrerselbst: Kommen-Heißen — erfahrbar werden zu lassen. (Leibhaftige Geistesgegenwart: Dabei liegt der gespenstige “Geist” der Sprache, zerstückelnder Dämon und durcheinanderwerfender diabolos, im besten Falle Genius, womöglich in jenem Moment des von sich selbst beschworenen Vor- und Herauskommens, ihrer vorgriffigen, proleptischen, aus-ein-ander-setzenden Künftigkeit und Kunft: “denn gheis besagt: aufgebracht, entsetzt, außer sich sein.” Heidegger).

Veni, Creator Spiritus,
mentes tuorum visita:
imple superna gratia,
quae tu creasti pectora.

(Hymnus des Rabanus Maurus)

In permanenter selbststimulativer Exzitation (Sprache: eine Erregung) sind ihre geschichtlichen (d.h. temporär befristeten) Schichtungen vor allem von Labilität gezeichnete, vulnerable Anordnungen lebendiger Toter. Das Zitat – fragiles Fraktal, untoter Wiedergänger, Leichnam mit gelösten Binden – zittert.

[…] es handelt sich um eine ungeheure Bewegung einer Unruhe über die Sprache — die nur eine Unruhe in der Sprache und der Sprache selbst sein kann […]

Denn in den Epochen historischer Dislokation, wenn wir des Ortes vertrieben werden, entwickelt sich diese strukturalistische Leidenschaft, die in einem eine Art experimentellen Überschwangs und ein überhandnehmender Schematismus ist, um ihrer selbst willen. Der Barockismus wäre nur ein Beispiel.[10]

Die Sprache des Barock ist allezeit erschüttert von Rebellionen ihrer Elemente.[11]

Allerdings mag zwar das “Verfahren” in seinen erschütternden De- und Re-Strukturationen

Die „Konstruktion“ setzt die“ Destruktion“ voraus. (Benjamin, V/I, 587)

der zum Irren verdammten, primordial dekontextualisierten walking deads (und dads, da es durchweg die Geister der toten Väter sind, die, im und als Zitat, heimsuchend wiedergängerisch herumwandern:

GHOST

I am thy father’s spirit,
Doomed for a certain term to walk the night
And for the day confined to fast in fires,
Till the foul crimes done in my days of nature
Are burnt and purged away. But that I am forbid
To tell the secrets of my prison house,
I could a tale unfold whose lightest word
Would harrow up thy soul, freeze thy young blood,

) barock beschaffen sein, in avantgardistischer Manier, manieristisch verwendeter allegorischer Barockismus,

“Die sprachtheoretischen Grundsätze und die Gepflogenheiten dieser Dichter treiben ein Grundmotiv allegorischer Anschauung an einer durchaus überraschenden Stelle hervor. In den Anagrammen, den onomatopoetischen Wendungen und vielen Sprachkunststücken anderer Art stolziert das Wort, die Silbe und der Laut, emanzipiert von jeder hergebrachten Sinnverbindung, als Ding, das allegorisch ausgebeutet werden darf.”[12]

sein “Material” (gelegentlich von Reinecke als “Fremdmaterial” bezeichnet, ohne dass der Gegenbegriff des Eigenen sich noch in gewohnt pausbäckiger Hemdsärmeligkeit irgendwo behaupten könnte), überzeitliche barocke Brocken,

Was da in Trümmern abgeschlagen liegt, das hochbedeutende Fragment, das Bruchstück: es ist die edelste Materie der barocken Schöpfung. (Benjamin, I 354)

bezieht es nichtsdestotrotz in methodisch anarchistischem Anachronismus ebenso aus Antike, Romantik und Moderne (mithin kommen etwa voor die Autornamen Paulus, Dante, Dach, Gryphius, Eichendorff, Brentano, Droste-Hülshoff, Felix Dörrmann, Fontane, Däubler, Rilke, Benn, Norbert Lange, Elke Erb, Sandra Trojan, Jürgen Becker …).

Es ist, als wollten Beine, Rümpfe sich erheben
In Widerspruch uns mit uns selbst zu bringen

(Des Wasser Klarheit wird ihnen entstreben, S.31. Hier paart sich eine Zeile von Däubler mit einer Fontanes.)

Immer wieder begegnet in den improvisierten Versuchen, den Sinn dieser Epoche zu vergegenwärtigen, das bezeichnende Schwindelgefühl, in das der Anblick ihrer in Widersprüchen kreisenden Geistigkeit versetzt. »Auch die intimsten Wendungen des Barock, auch seine Einzelheiten – vielleicht sie gerade – sind antithetisch.« (Benjamin, a.a.O.)

Paradoxe Elevation also, vertiginöse Kontra-Diktion angesichts derer, schreibt Benjamin, es schwer wird, „seiner mächtig zu bleiben“: Frei flottierende (oder vertriebene?), “auferstandene” Corpus-Segmente bilden ungeahnte neue bändefüllende Verbünde. Aufschlußreich ist, was sich zwischen ihnen ereignet, ob die Schnittstellen (diese schwellenartigen “Unds” ihres Mit-Seins) verschwinden und unkenntlich werden durch organisches Anwachsen oder die Teile einander fortwährend, unerbittlich aversiv, abstossen. Markant bleibt, die für diese wie jede Propftechnik eigenartige, zu keiner Seite hin auflösbare Spannung zwischen Assimilation und Dissimilation. Der Wind saust durch die Fugen bei solchen „Versuchen in gebundener Schreib-Art“ auf dem Boden der löchrigen Losigkeit, und heraus, d.h. hervor, kommt in jedem Fall ein, selbst für alle elegische, saturnische Melancholie in ihrer uferlosen Trauer über die kreatürliche Verfallenheit letztlich unbeklagbarer „toller Mischmasch“, der einem über kurz oder lang alles andere als einerley bleiben wird:

Es macht sich mancher breit mit seiner Dichterey
Er ruffet seinen Schaafen mit Nahmen und führet sie aus.
Und dennoch kommt zuletzt ein toller Mischmasch raus
Und nun genug geklagt! Mir ist es einerley

(Christiana Mariana von Ziegler; aus Christiana Mariana von Ziegler „Versuch in gebundener Schreib-Art“, „Gedichte“)

+

Sofern es ein charakteristisches, allen in Bertram Reineckes “Zyklus” (der sich nicht rundend in sich selbst schließt, sondern darin bereits barock, kantig aufklafft: also besser: Kollektion genannt würde) aufgenommenen Centos und Nachdichtungen gemeinsames Signum gäbe, das sie wie ein Axiom prägt, dann wohl das der die Form/Inhalt-Opposition wie die gesamte eigentumsrechtliche Besitzordnung komplizierende Unmöglichkeit einfacher Beinhaltung und — das durchaus ebenso im Sinne analer Retention — Einbehaltung: die Rede ist bei Sprache nicht nur von unaufhebbarer Inkonsistenz, es geht ebenso um Inkontinenz in der Weise eines Unvermögens, bei sich zu behalten, nicht „sich“ zu entäußern, nicht „sich“ zu fliehen und flüchten. Die sich schon darin zeigt, dass IN einer, ein und derselben Sprache bereits von einer anderen, einer anderen zu, sprechen heißt. Plus d´une langue[13]. Der Puls einer Sprache ist ihr Plus: beständige ergänzende (Z)ersetzung, deren Symbol, mathematischer Operator der Addition, gekippter Chiasmus und Kreuzeszeichen, die Abschnitte dieses Textes (mitbedenkend, dass die Anfänge der Schrift in den Rechnungen administrativer Buchhaltungen zu finden sind) trennt.

Das Kreuz ist als Symbol seit der Steinzeit bekannt (etwa in Steinritzungen), aber meist nicht deutbar. Als Rechenzeichen ist es jüngeren Datums. Noch im 15. Jahrhundert war es üblich, die Wörter „plus“ und „minus“ auszuschreiben.

Das erste Pluszeichen im Druck erschien im Werk Mercantile Arithmetic oder Behende und hüpsche Rechenung auff allen Kauffmanschafft von Johannes Widmann, erschienen 1489 in Leipzig. (Quelle)

Die treffendste Übersetzung von Sprache, jener Unmittelbarkeit der reinen Mitteilbarkeit, dem Medium aller Medien[14], lautet darum, dem Transitorischen und letztlich Un-Gerechten,

Denn messianisch ist das Gehen aus seiner ewigen und totalen
Vergängnis
Aber bös sind die Pfade nämlich ungerecht.

(Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik des Gehens, XI, S.76, zugleich der letzte, den Band beschließende Text.)

der auseinanderdriftenden out-of-jointness, dem Un-Fug all ihrer Gefüge Rechnung tragend, Übersetzung, sie ist ihr all ihren Regeln zugrundeliegendes Un-Gesetz, Aus-, Ent- und Übersetz, und also -sätz und -satz. Auch eine weitere Übersetzung (also übertragene Bedeutung), die das Grimmsche Wörterbuch der Deutschen Sprache für “Schlüssel” zu bieten hat, übersetzt (und das heißt eben auch: transportiert) in Richtung der Übersetzung:

 

4c) übersetzung aus einer sprache in eine andere, aus einer schrift in die andere, zur erleichterung des lernenden oder lehrenden, besonders bei schulbüchern gebräuchlich.

+

Da Sprache, einer verbreiteten Ansicht nach, in Sätzen (und Versatzstücken von Sätzen) spricht, ein Satz (das sedentäre, die Seßhaftigkeit einer zeitweiligen Bleibe setzt sich dem Strom ihrer Fluchtbewegungen somit offenbar entgegen), in einem Satz (unter dem man einen propositionalen, prädikativen, thetischen Akt, ein Urteil und eine Schlußfolgerung verstehen kann, die durch ihr Geradeheraus straft: sentence hat im Englischen eben auch diese Bedeutung angenommen und behalten) gesagt, immer auch ein Sprung ist, sich immer schon auf einem solchen befindet, also kaum gesetzt, sich selbst ab- und entsetzt, im Begriff anderswohin,

Die „Definition der Einheit Satz stellt eines der großen Probleme sprachwissenschaftlicher Theorien dar. Es existieren annähernd 200 Definitionen von Satz.”[15]

lässt (auch dieser Gedankenschritt ist nicht ganz ohne Sprung zu schaffen) Umschrift als weiteren Kandidaten innersprachlicher Paraphrase oder Metapher von “Sprache” in Frage kommen. Reinecke bewegt sich, ob in Centos oder Nachdichtungen im Milieu von Sprache als Umschrift, Para- und Periphrase. Gibt es nunmehr keine Bewahrung und Sprache verlöre sich unendlich, aller Bedeutungen bar in unaufhörlichem Murmeln? Keineswegs, denn sobald Text, textus, textura, symploké (besser: periploké) folglich Gewebe und Verknüpfung, Umflechtung von Elementen Bezüge und Relationen, Zusammenhänge herstellt (also von Anfang an), gibt es Gedächtnis: “Text” benennt jenen Aspekt einer Mnemotechnik von Sprache, der versammelt, bewahrt, zurückbehält und archiviert. Allerdings derart, das in alle aus den stetigen migrativen Bewegungen hervorgehenden Veränderungen, die Unendlichkeit aller ihrer möglichen und unmöglichen, gewesenen und noch kommenden Konstellationen palimpsestartig eingeschrieben ist. Umschrift als Über-Schreibung alles Geschriebenen und zu Schreibenden.

+

 

Fragen der Möglichkeit autochthoner Zugehörigkeit werden dadurch in Reineckes poetischer Verfertigungsweise aufgeworfen und der simplizistischen Beantwortung klar bestimmbarer Eigentumsverhältnisse entzogen; kein gestaltpsychologischer Holismus macht die Behauptung geltend, das Ganze sei mehr als die Summe seiner Teile/Zeile(n). Das Kontinuum der Überlieferung aufsprengen, im Sinne Benjamins, der das Barock, das die Dekomposition komponierte, mit Begriffen der Schädelstätte, des Trümmerfelds, des Verfalls beschrieb, hieße auch, gewahr zu werden, dass jenes tradierte Vermächtnis bereits das Kontinuum diskontinuierlicher Streuung ist, Geschehen de-struktiver Ent-Originalisierung, um sodann in der Rekombination von Versatzstücken aus dem randlosen Pool des dichterisch je verlauteten, die deutungslose Verwaisung der Zeichen (oder Zeilen, der im Sleutel letzten atomartigen Unspaltbarkeit als resistenter Verbund) freizulegen, als das, was sich bereits immer schon von selbst freilegt. In dieser definiten Unbindbarkeit, Bar- und Losigkeit,

Löst die Binden und lasst ihn gehen! (Joh 11,44)

der regellosen Teilbarkeit, Mit-Teilbarkeit, der Entbindung liegt die Bewegung, der vielleicht eher die Treue jeder poetischen Pose gilt als einem von der Kultur als unantastbares symbolisches Kapital akkumuliertem sog. Meisterwerk, mit dem diese ihre Barbarei ästhetisierend vergötzt, die konzeptuelle Ruine, die ein Werk darstellt, symbolisch aufhebt und zur organischen Totalität verklärt.

„Als Stückwerk aber starren aus dem allegorischen Gebild die Dinge.“

„Das allegorische Werk trägt die Zersetzung gewissermaßen schon in sich.“ (Benjamin, a.a.O.)

Hannah Arendts Wort “die einzigen, die noch an die Welt glauben, sind die Künstler – die Beständigkeit der Kunstwerke reflektiert den Bestandscharakter der Welt.” wäre deshalb anzureichern: Nicht der Glaube an Beständigkeiten (noch der daran, die Welt bestünde aus Beständen und schon gar nicht jener, Glaube glaubte an Bestand) schlichtweg bestimmt den künstlerischen Prozeß. Es geht um die Beständigkeit allein des Unbeständigen. Nicht den unantastbaren Resultaten kultureller Hervorbringungen in ihrer gerundeten Ganzheit gilt die Aufmerksamkeit, sondern ihren zerfallenden Fetzen und Fragmenten, die größer sind als der Kontext, der sie jeweils einverleibt, tranzendental flüchtig und heimatlos.

Sprach Adorno von Fremdwörtern als den Juden der Sprache, so wäre zu überlegen, ob es überhaupt Elemente einer Sprache geben kann, denen dieser Status (keinen festen Status zu haben) nicht eignet, d.h. denen diese für ihr Funktionieren unverzichtbare Uneigentlichkeit, Bodenlosigkeit, schlechthinnige Ungebungenheit[16] nicht Haupteigenschaft ist. Es gibt keine Sprachbestandteile, die nicht, sich und dem Kontext, dem man sie einbettet unaufhebbar fremd blieben, bereits anderswohin unterwegs und von anderswo kommend, immer, in jeder zeitweiligen Bleibe, im Exil.

 

“Der Text ist vollständig aus fremden Zeilen zusammengesetzt.” (S.78)

„Der Text ist ein Geflecht von Zitaten, die aus den tausend Brennpunkten der Kultur stammen“ (R. Barthes, Das Rauschen der Sprache, S.60)

sagt jeder, noch der eingängig konventionellste, über sich, sofern man ihn als Sprache, d.h. Zusammen eines Unzusammen, Sammlung, Formation oder Konstellation einer unaufhaltsamen Streuung liest.

“Wie überhaupt die meisten Zeilen im Band nicht er- sondern aufgefunden wurden.” (ebenda).

Dichtung findet sich, indem sie objets trouvés auf- und ausliest, klaubt und klaut. Sprache ist ihr nicht nur Form, sondern vor allem Inhalt und Stoff; ihr radikaler Moterialismus (nach einem auf Demokrit gemünzten Wortspiel Lacans) grenzenlos auto-expropriativ.

Es gibt, letztlich, nichts Nicht-Fremdes, nichts Nicht-Zugehöriges, und diese Texten abzulauschende unaufhaltsam expropriative, auf nichts denn aufs Unvertraute vertrauende Alienantionsbewegung, deren Affirmation sich in solch kreativen Nichtungen vollzieht, nennt man, als die Bezeichnung des mit-teilenden Nennens für sich selbst: Sprache. Als etwas, worauf allein alle Gerechtigkeitsbemühungen gerichtet sind, bleibt sie selbst strange, extraneus: von Außen kommend.

+

Centones, Flickgedichte aus Versatzteilen montiert, Collagen, Montagen, Patchwork, Ekletizismus, Plagiat. Eigenes als Fremdes. Darum geht es, lose gesprochen und vage, irgendwie sicher, ohne dass sich dies terminal ganz aufdröseln oder völlig verzurren ließe. Obwohl Reineckes, sich ebenso etwa in der Herausgeberschaft von Titus Meyers Palindromtexten bezeugende Sympathie fürs formal “sehr Strenge” (ein Wort, das, wie das Strikte mit dem Strick, mit dem Zwang ausübenden Strang verwandt ist) anzeigt, inwieweit sich Struktur einem Vorgang des Bindens, Bündelns, Zurrens und Schnürens verdankt (und Kunst als Ars – einer Wurzel gemäß, die auch die (H)ar-monia prägt und einem Paradigma gehorcht, das das artgerechte Zusammenstellen allem verrenkten Un-Fug entgegensetzt – sich selbst meist als diese schickliche Geschicktheit des wohlgeratenden Fügens versteht), gilt das Strenge und Strikte hier der Verpflichtung zur Oberservanz eines autonom vorgegebenen Gesetztes als neue Möglichkeiten freisetzende Spielregel; mag sie auch (bis auf ein paar Ausnahmen:) sehr ernst genommen werden. Das Spiel mit der Streuung ist zwar einer Art von Stimmigkeit, Passung und ZuPasskommen[17] verpflichtet (nicht: anything goes, sondern “es geht nur, was geht”, was sich etwa in ein sich herausbildendes formales Gerüst integrieren lässt: die Satz-Versatzstücke müssen “sitzen”), aber es ist auch ein Spiel mit dem “Spiel” im mechanischen Sinne, der unverzichtbaren Bewegungsfreiheit der Teile, dem nötigen Un-Passenden ihrer Fügung, die jede Artikulation von einer irreduziblen Desartikulation abhängig macht. Es ist ein Spiel mit der Janusköpfigkeit des “Und”. Kreative Un-Stimmigkeit.

+

Kulminiert im Gedicht “Lamento; aus Simon Dach”, das um die Frage “Was bleibt?” organisiert ist und zu einem für die melancholische Vanitasdichtung des Barock typischen Befund eines “Fast nichts.” vorstößt, alles auf die Zeile “Vnd bleibt ungebrochen”, so lässt sich diese — alles andere als ungebrochene — Zeile von einer investigativen Ahnenforschung als aus Dachs “Klage über Menschliche Hinfälligkeit” herausgebrochene identifizieren. Was jedoch, betrachtete man diesen früheren Kontext als ihren genuinen, originären Heimatort, den vagabundierenden, vogelfreien Charakter jenes (wie jedes) Zitats verkennen würde:

 

Nicht der Zungen Milch vnd Reben
Die Zunge bleibet stehn
Bleibt dabey, führt aus und ein
Vnd bleibt ungebrochen

Bei Dach:

Nur was Gottes Mund
Trewlich vns versprochen,
Hat bewehrten Grund
Vnd bleibt ungebrochen,
Wenn nun gleich die Welt
In einander fällt.

Den konsolatorischen, kondolierenden und konsolidieren Bruch mit Gebrochenheit über allen Zerfall, alle Hinfälligkeit hinaus und ungeachtet dessen, den man in dem „un-“ des freiflottierenden Vers-Versatzes lesen könnte, bände sich im einen Fall ans gegebene Wort des ver-sprechenden Gottes, im anderen an die Zunge, d.h. Sprache selbst in ihrer Idiomatizität (eine Zunge ist auch ein Dia-Lekt, der die Hoogspraak nur gesprochen spricht) und ihre Ein- und Ausfuhr, ihren Im- und Export. War der sprechend erschaffende Gott (dessen Namen Etymologien auf den Ruf zurückführen und der nach Johannes das Wort/beim Wort ist) nichts anderes als eine Allegorie der babylonischen Erfahrung mit Sprache, die (sich) selbst nach den Worten de Mans verspricht und damit eine De-Struktur quasi-messianischer Antizpation von etwas, das anders wäre als alles Erwartbare, “verkörpert”?

Was passiert, wenn die Zeile, mit ihrem Subjekt (das die Zunge sein könnte als ungebrochene Instanz aller Brechung und Sprechung), im Umbruch, bricht, und sich verwundert desorientiert ihrer „Wilder-Art“ ausgeliefert findet:

Ach, wo verfiel ich hin: Wer bin ich vo(o)r (!) gewesen!
Mein Wahn / mein eign Sinn / verlor sich allgemach.
Und meine Wilder-Art gab jhren Sitten nach.

(S.9)

Zum autonomen Partialobjekt geworden, der Bindung an einen Hauptsatz verlustigt, bricht sich die elliptische Sentenz, zu dürftig für einen vollgültigen Aussagesatz, grammatikalisch um: das Bindewort wird, in Absenz eines Nomens und als dessen Stellvertreter zum substantivischen Subjekt, oder zum versalen Eigennamen einer Person, souveräne Majestät mit Majuskel:

„daß Worte, Silben, Buchstaben als Personen auftreten.“ (Benjamin, a.a.O.)

“Und bleibt ungebrochen” oder “Und bleibt/ungebrochen” spricht jene inkorruptible Beständigkeit, Resistenz und Konstanz der nebenordnenden, parataktischen Konjunktion als substantivischem Akteur zu, die im gleichen Zuge wie sie zusammenfügt auseinanderhält. Deleuze spricht von einem Streit zwischen “und” und “ist”, der kopulativen und konjunktiven Funktion von Sprache. Aber ist nicht, im radikalen Sinne, auch das “ist” noch ein “Und”, indem es dem als seßhafte Subsistenz gesetzten Subjekt ein flüchtiges Prädikat “zusetzt”, bis sich ersteres als nichts denn Ort oder Platzhalter dieses unaufhaltsamen ent-setzenden Zusetzungs-geschehens entpuppt?

 

 ET… ET… ET… . Il y a toujours eu une lutte dans le langage entre le verbe „être“ et la conjonction „et“, entre est et et. Ces deux termes ne s’entendent et ne se combinent qu’en apparence, parce -que l’un agit dans le langage comme une constante et forme l’échelle diatonique de la langue, tandis que l’autre met tout en variation, constituant les lignes d’un chromatisme généralisé. (Mille Plateaux, p.124)

Auferweckung des Lazarus von Michelangelo Caravaggio, 1609.

Auferweckung des Lazarus von Michelangelo Caravaggio, 1609.

Indem es, das endlose Und[18] der Sprache (oder das “plus d´une langue”), immer zusätzliches setzt (somit über-setzt auch im Sinne einer Hyperpositionalität, durch welche sich die Setzung des Satzes stetig übersteigt), zersetzt es Sätze wie Kontexte. In diesem Zersatz (den das Barock zwar vor allem in der Entsetzlichkeit seines Ver-gehens, seiner Vergänglichkeit sah, doch, wie Benjamin nahelegt, als Allegorie der Auferstehung – deren Emblem der voorgerufene Lazarus sein könnte – las), weder Konstruktion noch Destruktion, liegt, vielleicht, schließlich, der Sleutel und die Schleuse: das Radkreuz des Chiasmus. Im Zwischen der rotierenden Über-Setzung als zungenbrecherisches Sprachgeschehen selbst nämlich, das als solches in Reineckes Texten fast unverstellt hervoorkommt.

Spraakkunst[19]:“Ihr Wandern endet” nicht.

“Und / nichts mehr das uns deute.”

+

Tillmann Reik

Se tenir dans le langage, c’est toujours déjà être au dehors (MB)

[1] Das Verfahren, die formalen Besonderheiten der einzelnen Gebilde weitestgehend außen vor zu lassen, die neu sich konstituierten Gemeinschaften ihrerseits als ephemer und transitorisch zu begreifen und Zeilen daraus gleichsam allegorisch auszubeuten, (siehe das Benjamin-Zitat über Zitate) kann (und will) seine Willkür und Gewaltsamkeit nicht verhehlen oder entschuldigen und hofft doch auf Amnestie. Einer Des-Orientierung sich ausliefernd, nichts weiter; oder eben dem in einen Abgrund führenden manischen Furor überbordender Bedeutungsproduktion und -entleerung, -setzung und -ensetzung (stets beides ineins) folgen, wie er dem unter dem Emblem Barock zusammengefassten Sprachdenken zugeschrieben wird, darum könnte es gehen. Immerhin schreibt Benjamin in seiner Rezension über Gundels Gryphiusbuch: „Beschäftigung mit deren Formenwelt, das ist der einzige Zugang zu dieser Dichtung. Und damit hat es seine eigene Bewandtnis. Denn diese Form wirkt um so spröder und grandioser, je besser dem Betrachtenden gelingt, sie lediglich als solche, in ihrem Umriß, unangesehen der Gestalt, die sie im Einzelwerke annimmt, ins Auge zu fassen. Das heißt aber im Grunde nichts anderes, als man begreift sie nur aus der Sprache.“http://gutenberg.spiegel.de/buch/kritiken-und-rezensionen-1912-1931-2981/36

[2] So dieser in einem unter http://pathognostik.net/melancholieinterview.htm abrufbaren Interview.

[3] Zur Etymologie der Zeile siehe dwds, abrufbar unter: http://dwds.de/wb/Zeile. Zum Daimon: “Der Gegenstand der Zerteilung ist Beute, konkret Speise, d.h. aber Fleisch. […] Danach scheint aber die konkrete Bedeutung der Wurzel dai,da, im Griechischen, soweit es sich aus Homer noch unmittelbar erkennen lässt, gewesen zu sein: ,zerreißend fressen, fressend zerreißen.´ von Raubtieren oder Raubvögeln an einem Kadaver […]. Heißt also daímonai ursprünglich ,zerreißen, fressen´, so wird damit das Wesen des daímon klar: er ist der Zerreißer, Fresser der Leichen […].” Walter Porzig, DAIMÔN, in «Indogermanische Forschungen 31, Berlin 1923, S.172-173. Angeregt sei, diesen Raub mit einem von Benjamins weiteren bekannten Zitaten über Zitate zusammen zu denken, das besagt, diese seien wie „Räuber am Weg, die bewaffnet hervorbrechen und dem Müßiggänger die Überzeugung abnehmen.“

[4] Über die hinweg nicht nur Hermes/Merkur, der Trickster seine Schmuggelware verschiebt, sondern, im römischen Mythenschatz, Janus, der doppelgesichtige Gott waltet. “Sein Name gehört zur gleichen Wortfamilie wie ianua, der lateinischen Bezeichnung für Tür und ianus für jeden unverschlossenen gewölbten Durchgang.”

[5] Interessanterweise wird die zum traditionell meist weiblich konnotierten Haus und Hof Zutritt gewährende und verwehrende Gewalt von Grimm ebenfalls weiblich konnotiert: “c) ebenso ist der schlüssel das zeichen hausfräulicher gewalt. rechtsalt. 176 fg.; deshalb die schlüssel kriegen, hausfrau werden: wie sie (die weiber) pflegen zu thun, wenn sie die schlüssel kriegen. Luther 4, 150a; wie ängstlich hatte ich die alte hausmutter geschildert mit dem rocken im gürtel, mit schlüsseln an der seite. Göthe 18, 42;

hörst du die schlüssel klingen? (Andererseits auch im weiteren Fortgang mit dem Kerkermeister.)

dein mutter ist nicht weit. des knaben wunderhorn 1, 105 Boxberger.”

[6] setzen, stellen, legen: dieser, einer, scheint´s, der Seßhaftigkeit der Substanzmetaphysik sich verschreibenden Grund-Trias der thetischen Setzungen des Satzes entkommt das Entkommen: Gehen ist den drei Posituren und Positionierungen offenbar fremdes Element, das stets von Außen hinzukommt. Aber vor allem um dieses Gehen (auch in der barocken Gestalt des Vergehens und der Vergänglichkeit) wird es im folgenden gehen.

[7] Diese Formel stammt aus Derridas “Politik der Freundschaft”.

[8]Die Unentschiedenheit der Präposition, des Vor-Worts “voor”, das zwar einen Hang zum vorwärtsdrängenden Für spüren lässt, aber dennoch nicht ganz das räumliche wie zeitliche Davor aus seinem Konnotationsbereich ausscheiden kann, gibt überdies zu denken: Kommt der Schlüssel (wie die gesamte Technizität der Schließanlage) VOR jeder Sprachkunst, ist er deren Bedingung? Oder bleibt er, der Schlüssel, von der Sprachkunst (die dem Schema des Öffnens und Schließens strukturell nichts zu schaffen hat) ewig ausgeschlossen?

[9] Im Gryphius, gryphus oder Greif, einem “aus Tierkörpern gebildetes, mythisches Mischwesen.” (“Es wird meist dargestellt mit löwenartigem Leib, dem Kopf eines Raubvogels, mit mächtigem Schnabel, spitzen Ohren, meist mit Flügeln, aber auch in abweichenden Varianten (mit Schlangenkopf, Vogelfüßen, Skorpionschwanz, mit knopf- oder kopfartigem Fortsatz auf dem Scheitel oder Rücken). Die ganze Geschichte hindurch sind Stärke und Wachsamkeit Eigenschaften des Greifs.”) klingt die Kompossibilität des Inkompatiblen durch, die hier beschäftigt. Gleichzeitig markiert der Griffel (der im Zusammenhang mit dem Schreiber Greif in den Sinn kommt) nicht nur ein ineinander von Schreiben und Propfen (gemäß der Derridaschen Gleichung “écrire veut dire greffer”, sofern beide auf gr.grapheion, den Stylus zurückgehen), sondern lässt das Greifen der Begriffe als ein transplantierendes Rauben mitverstehen.

[10] Jacques Derrida: Kraft und Bedeutung.In: ders.: Die Schrift und die Differenz. Aus dem Französischen von Rodolphe Gasché. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1972, S.9 und S.14

[11] Walter Benjamin, Gesammelte Schriften I/1, 381f.

[12] ebenda

[13] “Si j’avais à risquer une seule définition de la déconstruction, je dirais sans phrase : „plus d’une langue“. Mit diesem Definitionsversuch — mehr als eine Sprache/keine Sprache mehr — wendet sich Derrida im Kontext von Le Monolinguisme de l´autre vor allem auch gegen das Fantasma der Homo-Hegemonie einer Muttersprache. Diesen beiden Deutungen (in Wahrheit zwei von weiteren unzähligen) addiert sich jene auf, die den Puls einer Sprache in ihrem, und dadurch die Sprache als Plus sieht: Das Plus einer Sprache.

[14] „Die gängigen Medientheorien unterstellen samt und sonders, es könne Medien geben, auch wenn es Sprache nicht gäbe; Sprache sei ein Medium unter anderen. Dem ist nicht so. Gäbe es keine Sprache, so gäbe es kein einziges Medium. Sprache ist das Medium aller Medien. Sie alle sind auf je besondere Weise sprachlich, das Mienenspiel, die Gestik, die Anordnung der Räume in einem Gebäude, der Gebäude in einer Siedlung, die Farbverteilung, die Figuren, die Kadrierung eines Bildes, technische Konstruktionen jeder Art. Sie sind auf Widerruf gebaut. Sie gehen davon aus, daß sie zerstörbar, unverständlich oder mißbrauchbar werden, nicht an ihr Ziel gelangen, nicht ihren Zweck erreichen können. Nicht eine causa finalis, sondern eine causa finalis defecta bestimmt sie – und indeterminiert sie. Sie funktionieren nur, weil sie auch nicht funktionieren könnten. Sie alle beziehen sich auf
eine Zukunft, die nicht ihre Zukunft, nicht die von ihrer jeweiligen Konstruktion entworfene, von ihr
unterstellte oder angenommene Zukunft sein könnte; sie beziehen sich auf ihr Nicht.
Medien, das sind Sprachen, weil sie ihr Scheitern zu antizipieren versuchen und noch mit dem Scheitern dieses Versuchs spielen. Sie operieren mit möglichen Brüchen und den Abbrüchen ihrer Möglichkeiten. Soll heißen: sie operieren mit ihrer Nicht-Operationalität; sie mediieren ihre
Immedialität. Wenn den ‚media studies‘ diese Distruktur ihrer Gegenstände und ihrer selbst erkennbar wird, werden sie Philologie.“ Hamacher – 95 Thesen. 81. These.

[15] https://de.wikipedia.org/wiki/Satz_(Grammatik)

[16] Unschwer zu erkennen sein dürfte in diesen nicht als Zitat deklarierten Attributen, jene für den vermeintlichen Antisemitismus Heideggers verantwortlichen Zuschreibungen aus den Schwarzen Heften, die sich erstaunlich mit der Selbstcharakterisierung eines bestimmten Judentums (oder einer bestimmten Jüdischkeit) decken. Vgl.etwa Maurice Blanchot, Jude sein, in: Das Unzerstörbare, Ein unendliches Gespräch über Sprache, Literatur und Existenz, Hanser, München/ Wien 1991,184f. Dort heißt es unter anderem: ““ Wenn das Judentum dazu bestimmt ist, einen Sinn für uns zu haben, dann
gerade indem es uns zeigt, daß man jederzeit bereit sein muß, sich auf den Weg zu machen, weil hinausgehen (nach draußen gehen) die Forderung ist, der man sich nicht entziehen kann, wenn man an der Möglichkeit einer gerechten Beziehung festhalten will. Forderung der Trennung, Bejahung der nomadenhaften Wahrheit. Hierdurch hebt es sich vom Heidentum ab (von jedem Heidentum): Heide sein, das bedeutet, sich an die Erde binden, sich in gewisser Weise in sie einrammen, sich durch
eine Übereinkunft mit der Dauer niederlassen, die den Aufenthalt gewährt und durch die Gewißheit des Bodens beglaubigt wird. Das Nomadentum entspricht einer Beziehung, die der Besitz nicht befriedigt. Jedesmal wenn der jüdische Mensch uns in der Geschichte ein Zeichen gibt, dann geschieht dies durch den Aufruf zu einer Bewegung. Abraham, der sich glücklich in der sumerischen Kultur niedergelassen hat, bricht zu einem bestimmten Zeitpunkt mit dieser Kultur und verzichtet auf den festen Aufenthalt. Später macht sich das Jüdische Volk durch den Exodus zum Volk. Und wohin führt dieses Dunkel des Exodus, der sich Jahr um Jahr erneuert, es jedesmal? An einen Ort, der kein Ort ist und an dem es
unmöglich ist, ansässig zu werden. Die Wüste macht aus den Sklaven Ägyptens ein Volk, aber ein Volk ohne Land, durch eine Sprache verbunden. Später wird der Exodus zum Exil, das alle Prüfungen einer
verfolgten Existenz mit sich bringt, das im Inneren eines jeden die Angst, die Unsicherheit, das Unglück, die Hoffnung einziehen läßt. Dieses Exil aber, so schwer es auch ist, wird nicht nur als ein
unverständlicher Fluch begriffen. Es gibt eine Wahrheit des Exils, es gibt eine Bestimmung des Exils, und wenn Jude sein bedeutet, der Zersplitterung geweiht zu sein, dann deshalb, weil die Zersplitterung,
so wie sie zu einem Aufenthalt ohne Ort aufruft, so wie sie jede feste Beziehung der Macht mit einem Individuum, einer Gruppe oder einem Staat zerstört, angesichts der Forderung nach dem Ganzen auch eine andere Forderung beseitigt und schließlich die Versuchung der Einheit-Identität verbietet.“

[17] vgl. etwa die Anmerkung zur kongenialen Rückübersetzung von Rilkes Blauer Hortensie aus der englischen Übersetzung: “Dabei kam mir der Umstand zupass, dass ich dieses sehr prominente Rilkegedicht bis dahin nicht kannte.” S.80

[18] Da jedes “end” ein “and”, aber eben auch ein “ent-” ist (und ein ent-und: „ vnd ist dahin„), entspricht die hier wie grenzenlose Abundanz erscheinende, additive Seite von Sprache (ihr ewiges n+1) in ihrer vermeintlich suisuffizienten Omnipotenz genauso einem Mangel und einer Subtraktion. Somit läge die Macht der Sprache in einer findigen supplementären Dauer-Kompensation ihrer Impotenz wie Inkompetenz.

[19] Und Kunst kommt hier nicht nur nicht von können, nicht nur (wie Schönberg postulierte) von müssen, sondern vor allem von künden und bekunden und vielleicht: von kündenmüssen, einem Proferationsbegehren, das sich als Befriedigung seiner selbst nicht nichtbefriedigen kann und sich deshalb immer schon noch bevorsteht (“Nichts ist noch gesagt.” Schlegel). Kunst kommt von Kunft.

Marcus Steinweg: Inkonsistenzen/Evidenzterror

τραῦμα. Die Autoaggressivität des Denkens. Überlegungen zum Schreiben Marcus Steinwegs

Philosophie „die unheilbare Irrfahrt“ (Lacan)

„Diese Dominanz des philosophischen Logos verdankt sich … seinem Vermögen, alles Andere in die Ökonomie des Gleichen zurückzuführen.“ (Luce Irigaray)

I.

»Er bebte vor Gewalt […].«

Primum non nocere, secundum cavere, tertium sanare. Dem fraglos wohlmeinenden hippokratischen Grundsatz, erstens nicht zu schaden, zweitens vorsichtig zu verfahren, drittens zu heilen war medizingeschichtlich von alters her beschieden, unliebsame aporetische Konsequenzen nach sich zu ziehen. Hinsichtlich des Erfordernis´ von Zurückhaltung des Handelns zwar Plausibilität für sich zu verbuchen, doch genauso, im lebenspraktischen Vollzug, vor Paradoxien zu stellen, deren man sich nicht eben leicht – und wenn nur mittels eskamotierender Invisibilisierung[1] – entledigen kann. „Wie nicht schaden?“, lautet die das „Was tun?“ heimsuchende traumatische Kernfrage praktischer Vernunft (oder „Wie tun, um die dem Tun eigene Schädlichkeit zu minimieren?“), da unabweisbar ersichtlich ist, dass schlichtes Nichtstun keines mehr ist, im Sinne unterlassener Hilfeleistung sich apriori eine Schadenszufügung zu Schulden kommen lässt; jede Verwicklung in Interaktionsverhältnisse von Beginn an notwendig nicht umhin kommt, der Gefahr einer gewissen Schädlichkeit der eigenen Taten ausgesetzt zu sein. Taten, die, sobald handeln schuldigwerden heißt, egal, wie und was getan wird, und wie es am Ende ausgeht, nie einfach nur, rein und unverschmischt, werden „gut“ gewesen sein können?[2]

Es gibt aus der Verstricktheit keinen Ausweg/il n’y a pas de hors-texte

Jegliche Einlassung auf den Anderen, selbst und gerade jene mit der therapeutischen Absicht, mag sie sich in anderen Kontexten auch als hehre pädagodisch-didaktische präsentieren, diesen zu bessern und vom Übel zu kurieren (maximal-/minimalinvasive Chirurgie bietet dafür nur den einschneidensten Beleg), muss sich eingestehen, aufgrund übergriffiger Eindringlichkeit stets schon als gewaltsame Körperverletzung gelten zu können; was in juristischer Hinsicht auch heute noch – und angesichts der Proliferation apparativer Interventionsmöglichkeiten mehr denn je – der Fall ist. Jedes Heilversprechen ist Gewaltdrohung; als Drohung kommender Gewalt bereits, hier und jetzt, Gewalt. Im Anfang war die Gewalt als apriorische Aporie. Juristische Absicherungsmechanismen, etwa im medizinischen Bereich, haben deshalb den seltsam masochistischen Gedanken der rechtfertigenden Einwilligung in die Verletzungshandlung in ihren Vertrag aufgenommen, der die Strafbarkeit ausschließt, obwohl der objektive Tatbestand – die Verletzung – und auch der subjektive Tatbestand – Wollen und Willen der Tathandlung – vorliegen. Doch ein manifestes Problem bleibt weiterhin hartnäckig bestehen: das der Feststellungsfähigkeit eines solchen Willens, der die Einwilligung abgeben soll.[3]

Dem Leiter der Gießener Universitätsbibliothek kam, sicher im Zuge ähnlicher Erwägungen der Intrikationen solcher Zusammenhänge, der Gedanke, besagtem Paradox und seiner Dialektik – die im klassischen Sinne keine mehr ist, da zwar sehr wohl Verletzung ohne Heil, aber keineswegs Heil ohne Verletzung sich denken lässt – jene prägnante sprachliche Prägung zu verleihen, die seit dem Jahr 1907 über dem Hauptportal des dortigen Chirurgie-Gebäudes zu lesen ist: VULNERANDO SANAMUS: Indem wir verwunden, heilen wir. Unerwähnt und verdrängt bleibt nach der gängigen Lesart, welche die Inkaufnahme von Kollateralschäden, einem alles wiedergutmachenden höheren Zweck zuliebe darin erkennt, einzig das vice versa: ein Heil, das sich durch Verwundung herstellt, kratzt sich selbst an. Und schreibt eine irreduzible Kaputtheit in sein dadurch nicht restitutitves, sondern allenfalls reparatives Konzept von Unversehrtheit ein. Die Umkehrung Sanando vulneramus gilt somit nicht minder, insofern reparatio im Gegensatz zur restitutio eine Defektheilung bezeichnet, bei der eine Narbe oder Funktionseinschränkung zurückbleibt und damit den Geheilten unweigerlich als Beschädigten “zeichnet”: mit dem Mal der Selbst-Separation durchs Fremde, Andere, das einschneidend-trennend je schon dazwischen gegangen ist. Gewalt, das heißt mithin: strukturelle, öffnende Entaneignung und damit bahnende Differenzierung scheint unhintergehbar, und diese vorgängige Dimension wäre von aller (nichtsdestoweniger nötigen) moralischen Verdammung ihrer Grausamkeiten und Brutalitäten (die den Knoten zerschneiden, statt ihn mit Geduld aufzudröseln, die Schraube mit einer Zange herausreißen, statt sie mit dem geeigneten Schraubenzieher zu drehen) vorab in Rechnung zu stellen.

In der Grammatologie heißt die arché-trace auch arché-violence. Das ist die différance als Gewalt der Unterbrechung. Sie markiert die Unmöglichkeit reiner Selbstaffektion oder Selbstpräsenz oder Selbstidentität als Selbstaffektion, Selbstpräsenz und Selbstidentität. Eine Art strukturaler Gewalt oder Differenz arbeitet in sämtlichen Selbstsystemen. Sie verhindert ihre narzisstische Schließung, weshalb sie die Merkmale einer Öffnung annimmt, die ins Verschlossene (in Heideggers Entzug/Verbergung oder λήθη) reicht. (Inkonsistenzen, S.22)

Derrida faßt die unopponierbare Dimension primordialer Gewalt in einer Antwort an Gianni Vattimo wie folgt:

First, I am not sure that violence is an evil, and I would prefer to oppose various sorts of violence to one another rather than opposing violence to non-violence. […] Listening to you, I was thinking about the distinction not only between different forms of violence according to the regions of discourse or of experience, but also between violence and brutality. The violence you spoke about, be it the dressage of animals or the very refined forms of symbolic violence in the philosophical community, for me is always the same: it is highly differentiated, but at bottom violence is irreducible, there is always dressage, Zucht und Züchtung. Even in the argumentation that shows the greatest respect for others there is a certain way of imprinting habits that preserves violence – a violence that cannot and must not be reduced, because otherwise there would be no more culture.“ Um sodann zwischen Gewalt und Brutalität zu unterscheiden: „Brutality is not only an unrefined violence, it is a bad violence, impoverishing, repetitive, mechanical, that does not open the future, does not leave room for the other. And it is clear that brutality also has an aesthetic connotation, even if I do not wish to give the aesthetic dimension final jurisdiction here. Nevertheless, it’s true that brutality reduces to the amorphous, impoverishes form, leads to a loss of differentiation. Perhaps this is all a slightly Apollonian manner of defending against orgiastic, or Dionysian, violence, which can play on the formless, the amorphous, fusion, but if difference is violence and violence is differentiating, brutality homogenizes and effaces singularity.“ (Derrida/Ferraris: A Taste for the Secret, p. 90-92)

II.

Sollte sich das Gesagte auf eine écriture und ihre Inzisionen übertragen lassen, als welche Denken sich, somit in alter Tradition ärztlich, aber nicht länger therapeutisch begreifen lässt, dann vielleicht so und in Hinblick auf Marcus Steinwegs neuerschienene beiden Bücher, die augenscheinlich fast in der Weise chirurgischer Operationen dazwischengehen und eingreifen: zuallererst sich selbst zerschneiden die Gedankensplitter und damit einhergehend das Phantasma einer heilen, gerundeten Intaktheit. Gleichzeitig aber eine andere Unversehrtheit aufscheinen lassen, die im Zurgeltungkommen der Differenz liegt, achtsam und verhalten bewahrt und verteidigt zu werden verdient.

Es ist nicht allein die unwiderlegbare Präzision des Tentativen, das, flüchtig, ohne Anspruch auf Gründlichkeit im Sinne des Soliden, Hieb- und Stichfesten, Oberflächen touchiert, um ihrer und der eigenen flaumhaarbedeckten Poren gewahr zu werden, die den Gestus von Steinwegs Denkbewegung auszeichnet. Seine fragmentartigen “Notizen, Bemerkungen, Aphorismen, Maximen und Kurztexte”[4] zeugen vielmehr von Operationen, die perfor(m)ativ eingreifen und -schneiden wollen in die sogenannte (und im Nennen schon perspektivisch zersplitterte) Realität einer Welt, die selbst aus nichts anderem besteht als dem Scheiden und Schneiden, den Ent-Sch(n)eidungen differenzieller Markierungen und Malen und deren löchrigem, durchlückten, zernarbtem oder von offenen Wunden entstellten Gewebe. Verwundung und Kaputtheit, der keine Heilheit und Ganzheit voraus gegangen ist. Sie ließe sich auch als ein in sich inkonsistenter Zusammenhalt dessen verstehen, was “wesentlich” nicht zusammenhält (und wesentlich darum kein Wesen hat), weil seine Kohärenz einzig im abschiedlichen Auseinander-, im Zer-fall besteht, bezogen auf eine Mitte als klaffende Divergenz. In diese inkonsistente Immanenzebene der Wirklichkeit verwickelt, also Teil von ihr, kann jeder einzelne Gedanke sich selbst nicht, sich bei sich beruhigend, intakt lassen, steht unter Zwang sich, wie nach dem Krankheitsbilds eines generalisiertes Borderlinesyndroms (namens Schrift), selbstverletzend anzuritzen, wie das englische to write – kritzeln zum gewaltsamen reißen und ritzen auslegend – es anklingen lässt; schon um jene Öffnung zu erwirken, mit deren Hilfe sich der Logos tomologisch im Medium der Schrift für sein Anderes freimacht, sich aussetzt und rückhaltlos preisgibt. Verstrickt ins Schneiden:

“Es gibt kein Denken jenseits einer gewissen Auto-Aggression.”

„Der Logos ist Offensein für das Chaos. Das Logossubjekt ist nur bei sich, indem es außer sich ist. Sein Wahnsinn und Hyperbolismus: dass es nur als Selbstverletzung existiert.” (Inkonsistenzen, Konsens, S.101)

““Souverän sein, heißt nicht unverletzbar oder unangreifbar zu sein. Souverän ist, wer der Versuchung zur Eingeschnapptheit bei faktischer Verletztheit widersteht.” (Evidenzterror, Kränkung, S.75)

Worin bestünde ein solcher Widerstand, der hier als Desiderat des denkerischen Habitus selbst aufscheint, wenn Eingeschnapptsein, Beleidigtsein, Gekränktsein, etwas krumm und übel nehmen und nachtragen wesentlich darauf hinaus läuft, auf unabsehbare Zeit nicht verzeihen zu können oder wollen? Hauptsächlich vielleicht doch im Verzicht auf das Bedürfnis nach Rache, Absehen und -stehen vom Anspruch auf Vergeltung, Revanche, Wiedergutmachung des erlittenen Unrechts. In der Aufgabe des Phantasmas finaler Entschädigung und – schuldigung. Ist der Logos (als logon didonai und reddere rationem) nicht aber mit diesem inbrünstig grollenden Wiedergutmachungswunsch untrennbar verknüpft? Ließe sich Denken als begehrende und mit-teilende Lese/Schreib-Praxis (und nicht mehr Gespräch der (schönen) Seele mit sich selbst, wie noch bei Hannah Arendt: soliloquy als innerer Dialog) mit einer solchen Ver-Gebung, Ver-Zeihung, eben Ver-Söhnung (der Verzicht auf Sühne, auf welche noch für Adorno alles bezogen bleiben musste) zusammendenken, zuletzt noch als Verzicht aufs Bezichtigen und Zeihen selbst sich vollziehen? Das erfordert, und Steinweg weist diesen Weg, allem Ressentimentalen, Reaktiven, Revanchistischen, das Nietzsche und Deleuze etwa schon in Sokrates, der Gründungsfigur abendländischer Philosophie als Metaphysik ausmachen konnten, abzuschwören und zu einem responsiven, responsiblen und affirmativen Duktus zu finden, der mit dem absegnenden Gutheißen bestehender Verhältnisse, deren manifest spaßgesellschaftlichen Züge ja von einer latenten Griesgrämigkeit nicht zu trennen sind, nichts zu schaffen hat.

III.

Von hieraus führt immerhin ein Weg zu jener umfangreicheren Diagnose, deren Konsequenzen durchzuarbeiten nicht nur die exzentrische Mitte von Steinwegs Denken ausmacht, sondern den gewaltigen Mythos vom Logos des Abendlandes – d.h. des Abendlandes selbst, insofern sich als Logos in sich selbst zu sammeln versucht – im Ganzen betrifft. Die beiden von Freud zunächst in ihrer Relevanz individualpsychologisch reduzierten, später metapsychologisch und kulturtheoretisch ausgeweiteten Leit-Figuren Ödipus und Narziß weisen auf eine gleichsam transzendentale Verletzung (in der Form einer nach Wiedergutmachung lechzenden Kränkung, nach Wiederaneignung strebenden Expropriation) im Herzen der Finsternis Europas, die sich ebenso im Zorn Achills wie in Odysseus Irrfahrt ausgeprägt findet. Insofern beide Figuren, die dem Schmerz des Getrenntseins gleichsam Gestalt verleihen ihrerseits untrennbar zusammengehören, sticht neben dem Problemkomplex des Narzißmus unterschwellig auch der des Ödipuskomplex heraus als jenes, woran Steinweg sich abzuarbeiten scheint. Vielleicht weil hier jener – immer auch erotisch-brünstig gefärbte – Ingrimm der rachsüchtigen Wiedermachungsphantasmas eines in Fülle und Selbstpräsenz sich bei sich versammelnwollenden, aber je schon zerstreuten und außer-sich-seienden Geistes am deutlichsten konfrontiert wird mit dem, was er abwehrt: das Loch, die Lücke, den Riß, den Schnitt, der für immer auseinanderhält und widerspruchslose Selbstpräsenz sowohl des Subjekt als auch des Seins verunmöglicht. Sowohl der Titel Inkonsistenz – meist als die Widersprüchlichkeit zweier (!) Unvereinbarkeiten gedeutet, besser jedoch als die Disparatheit einer Zusammenhanglosigkeit, eines Unzusammen gefasst – als auch Evidenzterror – die Tyranei dessen, was sich, da nun einmal Fakt, von selbst verstehen soll – bezeichnet somit einander ergänzende Sachverhalte (der eine affirmativ, der andere diagnostisch-kritisch), die zu jenem sich selbst bestätigenden, letztlich lethal verlaufenden, strukturellen Ödipo-Narzißmus in intimen Bezug stehen.

IV.

Dass „echte“ Gedanken nicht argumentativ entwickelt werden dürfen, ist eine Behauptung, so unwiderlegbar wie unendlich begründungsbedürftig. Dass sie vielmehr sich in einer von trotzigem Beharren und Rechthabenwollen oft kaum merklich abweichenden Weise repetieren, durch diskrete Insistenz sodann imponieren und einen dennoch merklichen, fühlbaren Unterschied machen, hatte Blanchot zunächst wirklich bloß behauptet. Dann doch, zum Beweis, dass jedes ernstzunehmende Denken mit dem Axiom, auf das es baut brechen muss – d.h. zum Beweis, dass es ums Beweisen nicht gehen kann, eher ums Bezeugen – , in einem seiner unendlichen Gespräche des Bandes L’Entretien infini, Polylog von mindestens zwei Interlokutoren, expliziert.

Marcus Steinwegs Bücher, deren Seiten, wie zur Illustration ihres Autornamens, von opaken Blöcken in sich geschlossenen, doch fragmentarischen Texts monolithisch zerlückt, skandiert und rhythmisiert werden, exemplifizieren das. Sie sind, in ihrem Gestus und Duktus (besser noch: Skriptus), vom reißenden Furor und Raptus insistenten Behauptens, ohne Absicherung durch die Syllogismen lückenloser Beweisführung, gespeist. Mit Hegelianismus in Adornoscher materialistischer Radikalisierung hat sein Verfahren, neben der deutlichen Beeinflußung von einer Lacan und Deleuze gemeinsamen Anti-Dialektik, gemein, dass es sich beständig bestätigt darin, Denken dürfe die Beschwichtigung seiner ihm genuinen Unruhe nicht zulassen, könne einzig im gegen sich selbst, im Außer-Sich-Sein zu sich selbst kommen. In dieser Beunruhigung wiegt es sich in einer Trance, die nichtsdestoweniger rauschhaft anmutet und dem mystischen immanem quietem des Dionysius ähnelt, das Diego mit “wilde, ungestüme Ruhe” übersetzt und von Derrida in seinem Text über Michel Certeaus Mystische Fabel (“Vielzahl Ja”) aufgriffen wird. Inwiefern sich überbordende Auto-Adversarität (in manchen Zügen ihrer Autoaggressivität dem selbstverletzenden Verhalten einer Borderline-Störung des Denkens ähnelnd; adversarius ist zudem jener zersetzende diabolos, Teufel, dem der Zweifel namentlich verwandt ist), diese sich bekräftigende polemische Gegnerschaft des Denkens (und der nicht aufhörenden Anfänglichkeit, das es ist, Jakob Böhmes Gewalt und Rasen, Qual und Quellen des Ursprungs) gegen sich selbst aus einer mithilfe schreibenden Ritzens die Öffnung herbeisehnenden Affirmation speist, legt sich, weniger sukzessive, denn ex abrupto, frei, sprengt sich, durchaus mit einem der Materie seiner Stoffe inhärentem Groll, heraus. Jenes Gegen-Sein (und noch gegens Gegensein sein) setzt die Vorgängkeit und stille Begleitung eines Für und Vor bereits voraus (ist ein Fürsgegensein), das wie ein unstillbares Begehren dazu antreibt, weiter hinein ins Offene zu gelangen, im Zuge einer “Öffung auf Verschließung” (S.35). Im sich selbst opponierenden Gegen, das an sich als dem Widersprochenen duellartig festhängen würde, ist es immerschon dafür, auf ein Für hinzuführen. Seine Aggression ist ein gradus ad, Schritt auf etwas zu, ent-gegen:

FÜR STATT GEGEN

So, wie die Philosophie nicht Philosophie über ist, ist sie nicht Philosophie gegen. Immer geht es in der Philosophie um die Überschreitung des Über und des Gegen auf ein Für hin. Immer geht es darum, für die Unbestimmtheit dessen zu denken, was (noch) nicht existiert: »Kein Buch gegen etwas, was dies auch immer sei, hat jemals Bedeutung; es zählen allein die Bücher ›für‹ etwas Neues, und die Bücher, die es zu produzieren wissen.« (Inkonsistenzen, S.54. Das Zitat stammt von Gilles Deleuze, Woran erkennt man den Strukturalismus?, Berlin 1992, S. 60.)

Ob dann die Funktion der Philosophie noch darin liegen kann, “der Dummheit Schaden zu tun”, wie es der Aphorismus Samurai (Inkonsistenzen, S.21) mit einem auf Foucault gemünzten Zitat von Deleuze behauptet? Womöglich doch nur insofern, als Philosophie jenen als professionalisierter metaphysischer Herrschaftsdiskurs selbst zweifelhaft gewordenen Apparat bezeichnet, der einst angetreten war mit dem Anspruch, Dummheit wie Sophistik externalisierend von sich zu weisen und kategorisch zum ausgemachten Gegner seines Feldzugs zu erklären. Dabei aber unweigerlich den Effekten von Kontamination mit und Heimsuchung durchs Verfemte anheim fiel, auf die sie nur mit Verdrängung zu antworten weiß. Denken allerdings (in Abwesenheit eines treffenderen Namens) könnte jenen auf ein tranzendental stupides Nicht-Denken in ihm bezogenen Überschuß bezeichnen, der in und neben ihr stets dessen gewahr zu werden versuchte, was jene verfehlen muss. Philosophie denkt, insofern sie Philosophie, d.h. Wissenschaft ist, die sich mit eingeschliffenen Prozederes der lückenlosen logischen Beweisführung begründend-begründeter Begründungen gegenüber ihren Abgründen absichern muss, nicht. Marcus Steinwegs Wegmarken, minoritäre Literatur der Fragmente, Splitter, Notizen und Denkbilder deshalb dieser zuzurechnen, täte ihnen Unrecht. Denken, das dafür ist, gegen sich selbst zu denken (und damit dafür, für etwas Anderes zu sein, weil es sich selbst als ein stetes Noch-Nicht-Denken für das Bedenklichste hält), d.h. sich traut im unversöhnten Widerspruch, der Aporie und dem Double-Bind (als dem unmöglich aushaltbaren) auszuharren, unterbricht sich unaufhaltsam und setzt, gegen sich selbst resistent, neu an, um sich in weiterem Anlauf zu ent-gegnen. Was bisher (und die dialektische, spekulative Philosophie ist vielleicht so alt wie das Abendland selbst) als Negation gedacht wurde, nunmehr als ereignishafte Unterbrechungen und Zerlückungen einer Kraft und Gewalt zu betrachten, deren Mächtigkeit sich allein aus einer rückhaltlosen Bejahung speist, macht Steinwegs Schreiben (welches sich — dies wäre das aller Philosophie bereits eingeschriebene Gegenparadigma, durch das sie sich ausschreibt — immer wieder einschlägig obsessiv auf die écriture Duras bezieht) gleichsam körperlich erfahrbar.

Tillmann Reik

Verlagsinformationen zu Inkonsistenzen und Evidenzterror.

Link zur amerikanischen Ausgabe Terror of Evidence (erscheint February 2017).

[1] als welche größtenteils jenes, was Marcus Steinweg als “aktives Nicht-Denken” bezeichnet, sich in Szene setzen wird. Ob für den Lebensvollzug nicht dennoch unerlässlich, bliebe mit in die Überlegung hinzunehmen.

[2] vielleicht auch deshalb, weil die reine und unvermischte Gutheit in der (Selbst)Affirmation eines Differentierungsgeschehens des Scheidens und Trennens bestehen könnte: Wenn Gott im ersten Anfang der Genesis (Moses 1,1ff) – und also vor dem die Unterscheidung von gut/böse überhaupt erst ermöglichendem Sündenfall – seine als Schöpfung bekannt gewordene Scheidungsoperation nach jedem der sechs Teilschritte (Tage) selbst absegnet, es damit gut sein und sie in Ruhe lässt (“Und Gott sah, dass es gut war./Vidit Deus quod esset bonum”), gilt diese das bonum konstatierte Gegenzeichnung der Differenz als solcher, wie sie noch von der Unterscheidung gut/böse vorausgesetzt wird.

[3] “Eine Operation erfüllt nach der geltenden Rechtslage in Deutschland den Straftatbestand der Körperverletzung.[2] Sie ist also nur rechtmäßig, wenn zugleich ein Rechtfertigungsgrund vorliegt. Im Normalfall besteht ein solcher in der Einwilligung des Patienten, nachdem dieser über den geplanten Eingriff aufgeklärt worden ist. Um das Risiko einer Strafbarkeit zu vermeiden, wird die erfolgte Aufklärung und die Einwilligung des Patienten üblicherweise mit einer Einverständniserklärung dokumentiert. Spätere Rechtsstreitigkeiten bezüglich eines Operationsfehlers benutzen diesen Umstand gerne, indem die ausführliche Aufklärung angezweifelt wird. Im Falle einer fehlerhaften Aufklärung des Patienten kommt es zu einer Beweislastumkehr zuungunsten des behandelnden Arztes.” (https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_%28Medizin%29)

[4] So die Gattungsbezeichnungen aus der Verlagswerbung zu “Evidenzterror”.

Niklas Luhmann: Der neue Chef

Köpfe/Rollen

„Der neue Chef ist ein Problem, das sich mit strukturbedingter Typizität laufend wiederholt, eines der wenigen Organisationsprobleme, dem mit Recht universelle Bedeutung beigemessen werden kann.“ (Niklas Luhmann, S.10)

„As for my title, I suppose that the word Cape is from the French cap; which is from the Latin caput, a head; which is, perhaps, from the verb capere, to take, — that being the part by which we take hold of a thing.“ (Henry David Thoreau, Walden)

Das aus dem Französischen entlehnte Substantiv “Chef” schreibt sich, ebenso wie Kapital, Kapitän, Kapitel, der zwei- und dreiköpfige Bi- und Trizeps, aber auch das erfolgreiche Erreichen eines Ziels, die Vollendung innerhalb einer Teleologie, achievement (ad caput venire), vom lateinischen caput her. Es deutet damit, anfangs nur im militärischen Kontext, dem straff durchorganisierten Heer, wo es den kommandoführenden General bezeichnet, hinauf auf den Kopf und das Oberhaupt; die höchste und wichtigste, durch die exponierte Lage jedoch ebenso höchst verletzliche zephalische Stelle innerhalb einer den machtpolitischen Stellenwert ihrer Teile und die Richtung der Befehlskette ordnenden Hierarchie. Zunächst besteht die Hauptsache der Hauptsache als zentraler kybernetischer Steuerungseinheit darin, zahlenmäßig beschränkt, wenn nicht Unikat zu sein, ihre Exzellenz verdankt sich ihrer raren Exklusivität. Doch es dauert nicht lange, bis diese am Aufbau des biologischen Organismus orientierte Metaphorik, spätestens nachdem der Kopf des absolutistischen Herrschers, der im Übrigen schon lange verdoppelt und multipliziert – nämlich in Person einerseits und Erwartungen stabilisierende Rollen andererseits aufgesplittert – war, gefallen und ebenso schnell durch vielfältig nachwachsende Supplemente ersetzt wurde, auch in anderen sozialen Verhältnissen Verwendung fand, zu proliferieren begann und eine Diversität von Häuptlingen einer aus dieser Sicht als poly-tribaler Stammesverbund erscheinende Gesellschaft generierte, wie sie sich etwa in der folgenden bürokratischen, der Ordnung halber alphabetisch sortierten Beispiel-Liste eines gängigen Online-Wörterbuchs niederschlägt, die unendlich ergänzbar ist:

Abteilungschef, Aufsichtsratschef, Betriebsratchef, Ex-Chef, Fraktionschef, Gruppenchef, Konzernbetriebsratchef, Konzernchef, Kreml-Chef, Küchenchef, Länderchef, Landeschef, Marketingchef, Nationalbankchef, Notenbankchef, Parteichef, Polizeichef, Regierungschef, Ressortchef, Terrorgruppenchef, Staatschef, Stabschef, Strategiechef, Verwaltungschef, Vorstandschef, Zentralbankchef

nach Firma/Organisation: Al-Kaida-Chef, Belvedere-Chef, BMW-Chef, Chrysler-Chef, CIA-Chef, Daimler-Chef, Euro-Gruppe-Chef, Ex-Grünen-Chef, Ex-Linken-Chef, EZB-Chef, Flughafenchef, Formel-1-Chef, FPÖ-Chef, Grünen-Chef, IPCC-Chef, IS-Chef, Mercedes-Chef, ÖBB-Aufsichtsratschef, ÖGB-Chef, ÖVP-Chef, PKK-Chef, SPD-Chef, SPÖ-Chef, Volkswagen-Chef (VW-Chef)

Chefdirigent, Chefetage, Chefinstruktor, Chefkoch, Chefkombination, Chefredakteur, Chefsache, Chefsalat, Chefsessel

***

Köpfe, die ins Rollen geraten und andererseits (weil sich die Soziologie früh, einschlägig bei Goffman, der Theaterterminologie bedient, um deutlich zu machen, wie sich Soziales inszeniert) Rollen markieren, die selbst stabil bleiben müssen, während die sie spielenden Akteure wechseln. Ist in tribalen Formationen die Rollenzuteilung weitgehend festgeschrieben und geregelt, erweist sie sich in funktional differenzierten Verhältnissen als variabel:

Stabilität ist im sozialen Leben nur erreichbar, wenn das Verhalten der anderen Menschen voraussehbar ist, wenn also zuverlässige wechselseitige Verhaltenserwartungen durchweg erfüllt werden. Dazu gehört, daß diese Verhaltenserwartungen in verschiedener Hinsicht generalisiert sind: daß sie zu komplexen Typen mit verschiedenen Ausführungsmöglichkeiten zusammengefaß sind, daß sie wiederholbar sind, daß sie Konsens finden und daß sie normativen Sinn erhalten und dadurch fortbestehen, auch wenn sie im Einzelfall faktisch enttäuscht werden. Generalisierte Verhaltenserwartungen solcher Art werden heute allgemein als Rollen bezeichnet. (11)

Das Familienoberhaupt ist zugleich Produktionsleiter, Kriegschef, Vortänzer, Mitglied des Stammesrates und anderes mehr. Sein Nachfolger rückt in alle diese Rollen ein. (12)

Ein Konzernpräsident kann verheiratet oder unverheiratet, Tänzer oder Nichttänzer, Kirchenmitglied, Jäger usw. sein. Für das Zusammentreffen solcher Rollen in einer Person gibt es kaum noch soziale Regeln und für Rollenkonflikte keine sozial akzeptierten Lösungen mehr. Jede Nachfolge in eine Rolle bringt daher neue Kombinationen und neue Probleme mit sich. (13)

Immer geht es, wenn – austauschbare – Vorgesetzte im Spiel sind, um Organisation, die sich hierarchisch strukturiert, mit Über- und Unterordnung einer Rangfolge von Mitgliedern über Rollen Kohärenz und Erwartungssicherheit stabilisiert und dadurch Reste segmentärer und stratifikatorischer Gesellschaftsformationen in die moderne, basal funktional differenzierte (und damit laut der gängigen Terminologie: heterarchische, hyperkomplexe und polykontexturale) überführt. Dort wirken derlei per Ein- und Auschluß Mitglieder rekrutierende und “Leute funktional substituierende” Entitäten wie archaische, anachronistische, atavistische Relikte aus grauer Vorzeit, garantieren andererseits jedoch überhaupt erst die strukturelle Kopplung grundsätzlich inkompatibler Funktionssysteme, sind selbst so etwas wie aus den Funktionssystemen herausragende Köpfe. Die Zeit der Moderne (und Postmoderne) ist insofern aus den Fugen und mit sich selbst uneins, als das Entscheidende (und Organisiationen mit ihren legitimierten und legitimierenden formalen Verfahren sind insofern wichtig, als sie Entscheidungen mit Bindungskraft kommunizieren können, um damit die besagte re-ligio/Wiederanbindung des Disparaten zu leisten) an modernen Gesellschaften eben auch etwas ist, was ihre wertvollsten Errungenschaften (die funktionale Differenzierung selbst) stets radikal in Frage stellt:

Der Luhmannschüler Peter Fuchs schreibt dazu in seinem Manuskript “Hierarchien unter Druck – ein Blick auf ihre Funktion und ihren Wandel”(abrufbar unter http://fen.ch/texte/gast_fuchs_hierarchie.pdf):

Organisationen sind in der Lage, die ‚Leute’ funktional zu substituieren. Genau deswegen sind sie diejenigen Einrichtungen, die die strukturelle Kopplung der Funktionssysteme durchführen und damit jene Kompossibilität ins Werk setzen, ohne die funktionale Differenzierung nicht existieren könnte.

Und Fuchs zitiert den späten Luhmann, dessen Ausführungen darin kulminieren, die Ambiguität von Einrichtungen zu betonen, deren Unverzichtbarkeit mit einer Infragestellung gerade jener Errungenschaften einhergeht, die sie andererseits garantieren:

„Sie (die Organisationen, P.F.) können die Personen auswählen, die für eine Tätigkeit in ihren Organisationen in Betracht kommen, und andere ausschließen. Nicht alle Bürger werden Beamte. Funktionssysteme können also mit Hilfe ihrer Organisationen dem Inklusionsdruck der Gesellschaft widerstehen. Jeder ist rechtsfähig, aber nicht jeder bekommt vor Gericht Recht. Das Gleichheitsgebot ist kein Konditionalprogramm. Jeder hat die Schule zu besuchen; aber da es sich um eine Organisation handelt, kann intern entschieden werden, auf welchem Niveau und mit welchem Erfolg. Über Organisationen macht die Gesellschaft sich diskriminationsfähig, und zwar typisch in einer Weise, die auf Funktion, Code und Programme der Funktionssysteme abgestimmt ist. Innerhalb der Organisationen und mit ihrer Hilfe läßt die Gesellschaft die Grundsätze der Freiheit und der Gleichheit scheitern.”

***

All diesen und weiteren Verstrickungen, welche die späten organisationssoziologischen Überlegungen Luhmanns, gesammelt im postumen Werk Organisation und Entscheidung (2000), zu Bedenken geben (und die u.a. durch einen starken Exklusionsbegriff frühere Theorieprämissen der systemischen All-Inklusion destabilisieren), sind in den drei frühen Aufsätzen, die das gelbe Suhrkampbüchlein Der neue Chef enthält nur zu erahnen; dafür zeigt sich sich eine (tranzendental-)empirisch gesättigte Binnenperspektive vor allem der bürokratischen Verwaltung der biedermeierlichen Bonner Bundesrepublik weniger als 20 Jahre nach Kriegsende. Bürokratie, die heilige Herrschaft des Beamtenapparats in seinen Schreibstuben und Amtszimmern bildet das kafkaeske – allerdings auf die modernen industriegesellschaftlichen Bürokratien bezogene Szenario dieser Überlegungen. Weder Vademecum noch Handorakel für die Bewältigung des Alltags in hierarchisch organisierten Arbeitsverhältnissen – wenngleich das von Jürgen Kaube erstmals publizierte und wohl nicht ohne Grund vom Autor zurückgehaltene Typoskript “Unterwachung oder Die Kunst, Vorgesetzte zu lenken” als Leitfaden der subtilen Subversion von scheinbar eindeutigen Machtverhältnissen dienen kann – bieten die im 111 Seiten umfassenden Band “Der neue Chef” versammelten drei Texte einen Einblick in Luhmanns organisationssoziologische Frühphase, der entscheidende Schnitte und terminologische Feinunterteilungen, mit denen Luhmann später die Gesellschaft zerlegen wird, um sie danach wieder zusammenzusetzen, noch nicht vorgenommen sind.

Allesamt im Umkreis der Schrift Funktion und Formen formaler Organisation (1964) mit der Luhmann 1966 auch promoviert wurde, entstanden und von Erfahrungen der Jahre 1954-62 als Ministerialbeamter in Lüneburg gespeist, gewähren sie dennoch aufschlußreiche Vorführungen der seltsamen, mitunter grotesk anmutenden Beobachtungsgabe des späteren Bielefelder Soziologieprofessors, dem guter Geist trocken war und der Gag die Mittel heiligt: einer Mischung aus naivster, ja blauäugig-ahnungsloser Überraschungsbereitschaft (wie sie der Band “Gibt es eigentlich den Berliner Zoo noch?” vielfältig illustriert), die ein bescheidenes, tastendes, phänomenologisch-deskriptives Vorgehen mit sich bringt und gleichzeitigem beherzten, risikoaffinen Drauflostheoretisieren, nicht selten allerdings über geschlossener Wolkendecke mit dem eingeschaltetem Autopilot formalisierender Hochabstraktion. Schlagend belegt dies methodisch paradoxe und so sympathische wie problematische Doppel von Zurückhaltung und Überstürztheit jene von Andrea Frank überlieferte Anekdote über einen Luhmann in orangfarbenem Volvo, der, zunächst perplex angesichts der Aporie, eine Kreuzung mit ausgefallener Ampelanlage, offenbar im blinden Vertrauen darauf, dass es schon gutgehen werde, überquert:

„Was ist denn hier los, was soll ich denn hier machen …?“, um sogleich entschlossen hinzuzufügen, „Ach, ich fahre einfach!“ Sprachs, nahm den Fuß von der Bremse und überquerte ohne weiteren Blick nach rechts oder links die kreuzende Vorfahrtsstraße (glücklicherweise ohne damit sich oder sonst jemanden zu gefährden). In diesem Augenblick wurde ihr klar, warum Luhmann in seinen Vorträgen so häufig Beispiele aus dem Bereich des Straßenverkehrs wählte: Er wunderte sich einfach darüber, wie das alles funktioniert und die Beteiligten in den meisten Fällen schadlos hält.“ (vgl. Andrea Frank: Weder Naserümpfen noch Augenaufschlag, in: Theodor Bardmann, Dirk Baecker (Hg.): „Gibt es eigentlich den Berliner Zoo noch?“ Erinnerungen an Niklas Luhmann, Konstanz 1999, S. 69.)

Der neue Chef, titelgebender erster Aufsatz (der dem Namen nach an Kafkas Der neue Advokat und Derridas Das andere Cap erinnert, mit denen er durchaus zu tun hat) und der zweite namens Spontane Ordnungsbildung untersuchen ausgehend von der alles leitenden Annahme, Stabilität setze Erwartungssicherheit voraus, jene nach Luhmanns Ansicht von der bisherigen Verwaltungswissenschaft vernachlässigten Probleme, die sich aus einer Neubesetzung der Führungsrolle ergeben können, da zwar formale Funktionen weitgehend bruchlos an nachfolgende Amtsträger übergeben werden, die nebenherlaufenden informalen („mit all ihren gefühlsmäßigen Bindungen, mit ihren Hilfeleistungen, Gunsterweisen, Informationen, Tauschansprüchen, persönlichen Verpflichtungen und emotionalen Sicherheiten“, 38) hingegen nicht ebenso. Welche Folgeprobleme sind zu erwarten, wenn die Erwartungssicherheit durch Wegfall vertrauter Strukturen plötzlich gefährdet ist, und wie lassen sich derartige unliebsame und an Konfliktpotential reiche Situationen bereits im Vorfeld abwenden oder zumindest mildern und in ihrer Schockhaftigkeit durch antezipierende Vorwegnahme absorbieren?
Denn daran ist innerhalb dieser Axiomatik alles gelegen: Komplexität muss reduziert, Unsicherheit stabilisiert werden, Erwartungen (auch die das Einzelnen von sich selbst) bestätigt, nicht enttäuscht werden. Wie schwierig und unwahrscheinlich dieses Normale reibungslos geregelter Abläufe überhaupt umzusetzen ist, macht Luhmann ebenso deutlich, wie er auf der Notwendigkeit von Stabilisierung als Hauptfunktion von Gesellschaft besteht. Obwohl zuweilen der neutrale, rein konstative Duktus seine Unbrauchbarkeit für Wegweisungen zu behaupten müssen meint („Diese Überlegungen lassen offensichtlich keine allgemeinen Empfehlungen zu“, 32), erweist sich für Luhmann der parallel mitlaufende informale Bereich, in welchem auch ein neugedeuteter Begriff von Spontaneität zum Zuge kommt, in der seinerzeit bisherigen an dem Theorem formaler Zweckorganisation orientierten (vor allem amerikanischer) Forschung als weitgehend unterschätzt:

Die Probleme der Chefüberlastung, die Unvermeidlichkeit widerspruchsvoller Leistungsstandards, die Mängel der am Zweck-Mittel-Schema und am Befehlsmodell der Autorität orientierten klassischen Organisationslehre, die Vorteile eines persönlichlich ausgerichteten „natürlichen“ Handlungssystems, in dem Takt, Vertrauten, Tausch von Gunsterweisen, Prestigeunterschiede und die feinereren Formen gesellschaftlicher Sanktionen das Verhalten steuern — diese und andere einsichten der jüngsten Forschung dürften das Interessen an einer stärker generalisierten Systemsteuerung wecken. (39-49)

Takt wird insgeheim taktisch — obwohl sich die Ausführungen eine Reserve gegenüber Rezepten aus dem Ratgebergewerbe (und der tragischen Frage „Was tun?“) aufzuerlegen versuchen, der sie jedoch nicht standhalten mögen — als eine Art Proto-Ethik (einer Ethik, deren Hauptfunktion für den späteren Luhmann war, vor Moral zu warnen) nicht nur funktional sinnvoll bewertet und, wie alles, auf den zu erzielenden Gewinn, die zu erwartende Effizienz hin untersucht, sondern nachgerade zur conditio sine qua non störungsfreier Abläufe nobilitiert. So heißt es gegen Ende von Unterwachung Oder die Kunst, Vorgesetzte zu lenken, das mit subversiven Ratschlägen aufwartet, wie dem, den Chef durch komplizierte Formulierungen, die längere Zeit des Verstehens erfordern, die Widerspruchsmöglichkeit zu nehmen:

Wichtig ist natürlich Respekt als formale Anerkennung der ranghöheren Rolle. Hier wird oft das Problem der Servilität befürchtet. Es gibt aber Möglichkeiten, Mißachtung respektvoll zum Ausdruck zu bringen, etwa indem man sich als nicht verstehenden, gelangweilten Zuhörer zeigt. Oberste Bedingung ist Takt: Man muß den anderen als den behandeln, der er sein möchte, sozusagen die beabsichtigte Selbstdarstellung im eigenen Handeln auffangen und reflektieren. Ich habe immer wieder versucht, an den Grenzen der Taktlosigkeit zu experimentieren, es zahlt sich nicht aus. Man kann irritieren, die Situation in ein leichtes Vibrieren bringen, vielleicht so stark stören, daß Aufmerksamkeit von einem unangenehmen Thema wegkommt. Vielmehr ist damit nicht zu erreichen.

Dass Takt, Vertrauen, ebenso wie Selbstdisziplin hier taktil-strategisch, d.h. funktionalistisch als effektive Mechanismen der Komplexitätsreduktion, nicht moralische Verhaltensvorgaben behandelt und empfohlen werden und sich von der Einsicht herleiten, dass „Macht […] effektiv nur in Form von Kooporation, nicht in der Form von Konflikt“ ausgeübt werden kann, weist voraus auf die erstmal 1968 erschiene Studie Vertrauen: Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität.
Die Notwendigkeit hingegen, sich (fast ein wenig im Sinne des anerkennungstheoretisch gedeuteten frühen Hegel) im anderen als der bestätigt zu sehen, der man sein möchte (mithin etwa auch die systemtheoretische Aktualisierung der Erwartung eines augustinischen volo ut sis), hält sich durch bis zur, gegenüber den Texten im Band, fast 20 Jahre später veröffentlichten Liebe als Passion. Dort nämlich heißt es:

„Was man als Liebe sucht, was man in Intimbeziehungen sucht, wird somit in erster Linie dies sein: Validierung der Selbstdarstellung. Es geht nicht so sehr darum, daß der Liebende den Geliebten überschätzt oder gar idealisiert. Das kann diesem als ständige Aufforderung, besser zu sein, und als ständiges Diskrepanzerleben eher unangenehm sein, jedenfalls auf Dauer.“

Wie deutlich diese das spätere Werk prägenden Grundprämissen bereits im frühen verwaltungssoziologischen angelegt sind (in deren unmittelbaren Umkreis übrigens auch das vielgelesene Lob der Routine (in 55 Verwaltungsarchiv (1964)) verortet werden muss), lässt sich nun weitergehend erforschen.

Tillmann Reik

Informationen zum Buch

 

Titus Meyer: Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung / Jürgen Buchmann: Wahrhafftiger Bericht über die Sprache der Elfen des Exter-Thals

Permanente Permutation: Auf Biegen und Brechen

Sator Rotas[1]

sprechen Vb. ‘reden’, ahd. sprehhan (8. Jh.), mhd. sprechen, asächs. sprekan, mnd. mnl. sprēken, nl. spreken, afries. spreka, aengl. sprecan (westgerm. *sprekan) und die r- losen Formen ahd. spehhan (9. Jh.), asächs. spekan, mhd. spehten ‘schwatzen’, aengl. specan, engl. to speak ‘reden’, mnl. spēken werden wie mnd. sprāken ‘Funken sprühen’, mnl. sparken, aengl. spearcian, anord. schwed. spraka ‘knistern, prasseln’ und die unter Sprache (s. d.) genannten Formen als Schallwörter mit alban. shpreh ‘ich spreche aus’, kymr. ffreg ‘Geschwätz’ und aind. sphū́rjati ‘donnert, grollt’, griech. spharagḗīsthai (σφαραγεῖσθαι) ‘knistern, zischen, strotzen, zum Platzen voll sein’, lit. (ablautend) sprógti ‘bersten, platzen’, ohne anlautendes s- kslaw. prъžiti, pražiti ‘rösten, dörren’, russ. (älter) prjážit’ (пряжить) ‘in Butter backen’ auf ie. *(s)p(h)ereg-, *(s)p(h)erəg-, *(s)p(h)rēg- zurückgeführt, eine g- Erweiterung der unter Sporn (s. d.) genannten Wurzel ie. *sp(h)er(ə)- ‘zucken, zappeln, schnellen’ (auch ‘streuen, sprengen, spritzen’, s. sprühen, Spur)

“Dieses Register, dessen Siglen unter der Lektüre zu bröckeln und zu zerkrümeln scheinen wie der Lehm im Rutengeflecht afrikanischer Hütten, wird offenbar umso chimärischer, je mehr Posten es aufführt.” (Buchmann, Wahrhaftiger Bericht über die Sprache der Elfen des Exter-Thals[2])

“Ehcarps”, also, “Er sah PC.”[3] Anders, das heißt, gängiger gewendet, “Sprache”, aus deren Arche, ach, so sei´s geklagt[4], der englische Schmerz, ache, sowie Rache und Brache (in ihrem Plural gar der Rachen) heraussplittern: vielleicht ein, den sprühenden, spritzenden, sprengenden, knisternden, zischenden, strotzenden, platzenden, berstenden, donnernden, grollenden, vor allem: Spuren streuenden Klang des Sprechens nachahmendes lautmalerisches Schallwort. Darüber hinaus aber (sobald es Sprache gibt, ist sie Meta-Sprache ihrerselbst[5]) Wendung für nichts als eine aufbrechende, sich stets entwindende, gewunden (das heißt sich schlingend und verflechtend) wandernde Wind- Wend- und ergo Wandelbarkeit, morphologische mutatio, meta- und hyperbolé, die allem Geschraubten, Geschwurbelen ihrer Verwendungen voraus geht.[6]

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Sollte zutreffen, dass das Wesen des Literarischen gerade darin besteht, emphatisch über keines zu verfügen, sich in hakenschlagenden Fluchtbewegungen (preschen: ein Anagramm von sprechen) von allem Essentiellen, die Sprache zur Sprache, d.h., siehe oben, zur berstenden Streuung, kommenlassend, frei- und auszuschreiben? Die frühromantische Kunstkritik bis hin zu Blanchots Auslotungen des Literarischen Raums haben das, ohne dadurch je den vorherrschenden, mit ontologischen Präjudizien gerüsteten Rezensionsbetrieb nachhaltig zu stören, implizit zur Prämisse gehabt. Dann nämlich läge die vorrangige Aufgabe einer adäquaten Auseinandersetzung mit Geschriebenem, die, da ebenso auf literarische Mittel zugreifend, notwendig auch eine in ihm ist, womöglich nicht darin, zu kritisieren. Zumindest wenn darunter, wie meist, vulgär die mit Lob oder Tadel sanktionierende, zensurenvergebende Einschätzung einer Leistung, ihres Gelingens oder Mißlingens, verstanden wird. Gemessen an einem Maßstab, der festlegt, wie etwas nun einmal gattungs- oder genrespezifisch beschaffen sein müsse. Über den Wert oder Unwert literarischer Hervorbringungen, deren Gut-, Schlecht- oder gar Bösesein zu entscheiden, – man erinnert sich daran, dass Bataille eben in diesem Bezug aufs Böse, in dieser Teilhabe an devianter Delinquenz, ohnehin ein unvermeidliches Charakteristikum aller Literatur erblickt hat -, richterlich evaluierende Urteile zu fällen, erwiese sich als apriori insuffizient und defizitär hinsichtlich des Textuellen; hätte ihrerseits die Rüge zu gewärtigen, den Gegenständen, ihrem Niveau, das ihnen als Texten zukommt, nicht gerecht zu werden.

Eher hingegen wäre das — mit aller Emphase, aber ohne jedes falsche Pathos: genuin ethische — Erfordernis, sich, schreibend (also streunend-streuend) an literarische Gebilde zu richten, ohne über sie Richtsprüche ergehen zu lassen. Vielmehr ihrer windungsreichen Fluchtbewegung sich anzuvertrauen; den unbeirrbaren Juridismus der Urteilsbildung, der stellen und zu Fall bringen will, folglich nicht nur thematisch zu problematisieren, einzuklammern und in dieser epoché womöglich zu öffnen, sondern aus-schreibend so weit wie möglich zu entkräften. Den randlosen Gespinsten der Schrift gegenüber sich ins gemäße Verhältnis, das nicht selten in einer angemessenen Unangemessenheit bestehen muss, zu setzen. Und in diesem Zuge die je singuläre Weise wie eine befremdliche, heterogene Alterität, ein Aporon in der Form eines Textes sich dem bündigen Verstehen in wohlbegründeter Rede, dem begreifendenwollenden Bemächtigungsgestus eben gerade in idiomatischer und -synkratischer, vielleicht idiosyntaktischer Uneigentlichkeit widerständig verweigert, mitzuvollziehen. Was allem zuvor bedeutet, sich der Schrift, ihren eigensinnigen, mitunter störrischen Krümmungen und Wendungen in mimetischer Anschmiegung folgend, auszusetzen und zu überlassen, doch gleichzeitig sie lassen und, von ihr aufbrechend, verlassen. Selbst und zuallererst dort, wo dies mit einer alle rezeptive Behaglichkeit erschwerenden oder verunmöglichenden Verunsicherung einhergeht, die ihren Grund nicht unbedingt nur in der Desastrosität alles Textlichen findet, sondern genauso sich dem Versagen oder Unbrauchbarwerden jeglicher eingeübten Strategien der Reduktion des Anderen aufs Selbe, vermeintlich bereits Bekannte verdankt.

Entgegenkommend dünken dabei der Einübung in derartiges anderes Verstehen, oder ein Anderes als Verstehen, für das es sogleich nichts und unendlich viel zu erfassen gibt, weil Über- und Unterdetermination ununterscheidbar werden, solche Texte, die ihrem äußeren Erscheinungsbild nach (aber nichts als die reine Äußerlichkeit phänomenaler Non-Phänomenalität sind ja Texte) bereits mit einer, eingeschliffene hermeneutische Mechanismen aushebelnden Fremdartigkeit aufwarten, wie es für zwei Bücher zutrifft, die im Reinecke&Voss Verlag herausgegeben wurden.

Logos-Lego als Titus´ Ritus: Die Semantik, diese Mantik

And shall not Babel be with Lebab? (James Joyce, FW 258.11)

Muster-Yeti, anagrammatisch, das y für ein i genommen z.B. auch Ritusmiete, Timer-Suite, Reisemutti, Mister Etui: Titus Meyer. Seine Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung verunsichert zuweilen tiefgreifend, ennerviert infantil, mehr noch als sie erheitert und belustigt (“Diese Uneigentlichkeit, eine Art Ironie, die nicht auf Lustigkeit hinausläuft”[7], aber vielleicht auf: Gag, der die Mittel heiligt?), durch die Ernsthaftigkeit ihres kuriosen Spiels mit dem formal rigiden textgenerativen Verfahren, gleichermaßen antik, barock und spätestens seit Oulipo avantgardistisch, des Palindromierens und Angrammierens als Versatzstücke aufsprengende (“Wortkernschmelze” S.56) und re-montierende bricolage. Es erscheint als Wirklichkeitslego. Lichtkreiswolkige Logikwischrelikte (S.56). Der semiotische Mikrokosmos der Wortmanipulation, religiösen und magischen Ursprungs, legt die dynamische Wandelbarkeit, als welche Sprache sich konstituiert, frei:

Tischtänze des Riesenwinds
dieser Silbe. Nerve! Sei Kind!
Sprich! Lach! Nur ein Gag?
Lego-Wesen bilden sie.
(Trostraum Traumrost, S.55)[8]

[…]

Kam Melodei,
Lego-Wege retten
Ohres Eid. Nie hat sie Idole!
Meine geistre ohne Wagnis!
(Sing a! Wagnis?, S.41)[9]

Da das reigentanzende Logos-Lego (Ich möcht dem Faden, roten, zeigen/dass schöner ist der Zoten Reigen., S.48) mittels dieser eröffnenden Limitierung alle vermeintliche Kenntnis darüber, was Sinn (und/oder Bedeutung), den es, Zeilen biegend, spaltet, sei, die diesen ungern als bloß aus “moderiertem Sprachgeröll” (Bertram Reinecke) herausspringenden Effekt betrachtet, unbrauchbar werden lässt. (Oh Plagegeist Sinn!, S.52)

Ich möchte lieber Zeilen biegen:
Sinn spalt ich, wie mit Beilen Ziegen.
Ich wackel an den Zielen-Beigen,
die sich von Ulm bis Bielen zeigen.
(Bienendichter und Zeilenbieger, S.48)[10]

[…]

Enges nie Verbchaotherr anhielt.
Zusammenhaenge innerhalb
Teicherdigem bersten.
(Sterben Reimgedichte?, S.49)[11]

Wie kann man vermeiden, in vernutzten Konventionen (Sitten sind öde, S.23), die mitunter nicht einmal als solche erkannt, sondern für die Freiheit selbst gelten wollen, zu sprechen und demgegenüber die Sprache genötigt werden, sich selbst unablässig zu überraschen? Vielleicht so wie Meyers “Technik” des constrained writing – von der man, ähnlich wie von Zwölfton- oder Reihentechnik in der Musik sprechen könnte, um damit gleichzeitig die im techné Begriff gelegene Bedeutung des Know-How, savoir-faire und der Geschicklichkeit im Fügen zu bezeichnen – es in Szene setzt. Die strenge Form, die den Möglichkeitsraum des Sagbaren von einem ohnehin stets auf einen Fundus des standardmässig erlaubten bezogenen anything goes auf strenge Regularien hin restringiert, scheint quasi maschinenhaft-automatisch nicht gesuchte Findungen emergieren zu lassen. Serendipität kommt ex machina zum Zuge. Trouvailles, die sich dem Verfügungswillen des Autors, der bloß zum pflichtgetreuen Exekutor des entfesselten Gesetzes der Buchstabendrehungen und -wendungen degradiert ist, entziehen. (Im trobar, dem vom gr. tropos abstammenden altokzitanischen Wort fürs Dichten als Finden, findet sich dieses noch als ein Wenden und Drehen, trepein). Weshalb diesen als Silben-Artist im akrobatischen Sinne zu verstehen vielleicht zu kurz greift: die virtuose Akrobatik liegt eher auf Seiten der Sprache als findiger Drehung, Wendigkeit, Biegung, also Topos, und Flexion, und im Zuge dieser ständigen Überspanntheit: streuender Brechung, Atropie[12], denn in einem wie auch immer geniehaft über sie gebietenden, herrisch sie zu- und herrichtenden Dompteur[13].

Aufbrechende Windungen und Wendungen, Kehren, Drehungen, Torsionen, Per- und Kon-Versionen: Sprache entbirgt sich als die ursprüngliche Deviation, die Abweichung vom rechten, richtigen, geraden Weg, die sie ist: verquerer dis-cursus, doch spiegelbildlich auf sich zurückgeboten. Die für die tropische lexis wie anhand der Wörter “Strophe” (Wendung) oder “Vers” (von vertere, umwenden) ersichtlich, üblichen Bewegungen des Richtungswechsel oder Wechsels der Gerichtetheit, sorgen aufs Wort und seine Lettern selbst bezogen für beinah babylonische Konfusion. Denn Sinn, der teleologisch Orientierung, die man Bedeutung nennt (und nennen, Vorsicht, liest sich auch rückwärts uniform), gewähren soll, sieht sich angewiesen auf referentielle Uni-Direktionalität, Irreversibilität, Einhaltung der Reihenfolge, Immutabilität der Wort- und Satz-Einheit. Was passiert, wenn, im Palindrom, identische Zeichenfolge wiedergebende und eine schwindelerregende Zirkularität des Kreisens erzeugende Umkehrbarkeit vice versa zur Voraussetzung erhoben wird, die erfüllt sein muss, damit ein Text sich generiert, als formal korrekt validiert und dabei die die intakte Worteinheit umgrenzenden Spatien beim retrograden Lesen überschritten werden dürfen? Ein Hiat wird überbrückt, nachdem an der Mittelachse (im a des arid) gespiegelt wurde, dafür stets ein anderer aufgebrochen, die scheint´s unspaltbaren Segmente dieser DNA-artigen Palindromsequenz ihrer Dividualität, Wege rüttelnd, überführt. Die Sprache bricht, indem sie sich augenfällig unendlich ringförmig und selbstgenügsam auf sich selbst zurückbiegt; ihr Sprechen, in Wendungen, ist die ars combinatoria einer unaufhaltsamen rumpelten Ruptur, keine prästabilierte Harmonie bruchloser Übergänge. Leben eben, findige Wendbarkeit, wie im folgenden Buchstabenpalindrom mit “hundertprozentige[r] Spurtreue”(S.68):

Leben

Kredo liegt. Sitten sind öde.
Im Geiste begehe Welttür!
Eine Dressur, grell: Ehre
Ruettle Wege! Lebe!

In dir, arid: Nie belege
weltteurer, heller Gruss Erde.
Nie rüttle & wehe Gebet.

Sieg mied Ödnis.
Nett ist geil, oder
Knebel.
(Leben, S.23)[14]

Ob das noch Sprache ist, die etwas mitteilen will, mit dem man etwas anfangen kann, sich seinen Reim (den, im Plural, ebenso wie den Eimer, Meyer ja im Namen trägt. Bei Meyer sind Reime, Konsistenzgaranten der alten Schule, einerseits im Eimer, andererseits subtiler regeneriert) darauf machen kann, wird zunächst fragwürdig, weil Zeichen derart desorientiert im Zeigen, Weisen und Deuten von ihrem unmittelbaren Verständigungszweck entbunden wie waise und versprengt in die Nutzlosigkeit gewissermaßen entlassen zu sein scheinen. Aber kann man nicht, wie bereits geschehen, dennoch oder gerade deswegen genauso etwas womöglich mystisch Tiefsinniges hinein oder herauslesen wie in den vermeintlich bedeutungsvollen Ausdruck subjektiver Befindlichkeit etwa eines Goethe-Gedichts? Macht nicht die Literarizität eines Textes eben aus, von den konventionalisierten und legitimierten Verknüpfungsmitteln der alltäglichen Sprache als Kommunikationsmittel gerade zu befreien, der Weise, dass die zum Zweck gewordene Medialiät der Textur in ihrem Eigenwert die einfache Übermittlungen von Botschaften stört oder gar unterbindet und ein emphatisches Verhalten des Lesens einfordert, das anderes verlangt als das bloße Entziffern des Was hinter dem Wie? Vielleicht entbirgt sich hierin, was die Magiker und Mysteriker geahnt haben mögen, etwas vom Unwesen der “Sprache überhaupt”, die Benjamin der Sprache des Menschen an die Seite stellte; oder über dessen Haupt und vielleicht als eigentliches Oberhaupt.[15]

Immerhin findet sich in der fremdartig parataktisch anmutenden Kette von änigmatischen Wörtern und Interpunktionszeichen eine neue, wenn auch unsichere Bezügigkeit, die obgleich zunächst frei von den Funktionen der Designation und Referenz, sofort Mutmaßungen aufspringen lässt, die ein Ausgreifen auf eine externe Wirklichkeit durchprüfen, so als würde Welt bloß (und das ist ein Phantasma, das Sprache selbst erst möglich macht) von Sprache repräsentiert. Gnomisch geprägte Sentenzen von apodiktischer Bündigkeit springen merksatzhaft ins Auge, “Sitten sind öde” und “Nett ist geil, oder Knebel” (ob die constraints dieses Kompositionsprinzip etwa geil oder Knebel sind, bleibt in der Schwebe) und erweisen sich als fähig, für spruchweisheitliche Tatsachenbehauptungen genommen zu werden, deren Richtigkeitkeit schlechterdings schwer zu bestreiten ist.

(Überdies, so öde, mies oder nett Sitte auch sein mag,

Tugend

Rotzte jeder Eide?
Ist Sitte nett? Ist
sie mies? Bei leisem
Muss lauert nur Unheil.

[…]

Gutes, sie hell Ehre lieh,
nur untreu. Als Summe sie
lieb sei. Meist Sitte nett ist.
Sie die Rede jetzt ordne gut.
(S.19)

sie wird, schon weil Unordnung auch eine Ordnung ist und möglicherweise der älteste aller Bräuche, die Oberhand behalten:

Setting weint:

Wie nett singt
Wittgenstein:
“Sitte gewinnt!”
(S.53)[16])

In diesem Moment allerdings, weicht schon das wie Wahn- oder Unsinn (die archaische, dem Mantis überantwortete Mania) anmutende, schlechthin Nichtsagende Murmeln der Wörter herausspringenden Sinnfetzen, die die Zeichen und ihre Konstellation, ihren Ton, ihren Rhythmus als sekundäre Träger einer Bedeutung abwerten und in den Hintergrund drängen. Bertram Reinecke hat die Uneigentlichkeit dieses Murmelns der Zeichen und Laute in seinem Nachwort treffend mit dem Geraune Sterbender verglichen; es mag auch an die närrische Amnesie Dementer erinnern (Amneseie mag Narr, er eselt im Reden, S.52). Indessen entpuppt es sich, bedeutungsloses, da überbordend bedeutsames, klangvolles Parlando, bei Jürgen Buchmann als bezirzende Elfensprache, in der wir “eine Privilegierung des Zeichens [natürlich gut phonozentrisch zunächst als Klang und Laut] erblicken dürfen, wie sie uns auch in der Dichtungslehre der Zeit [des Barock] begegnet.” (WbüdSdEdET, S.10)

Sirenenklänge

“Denn wenn wir anderen lesen, so ist es uns in unserer Einfalt um die Bedeutung des Textes zu tun; Sie aber triumphieren, wenn sie zu schillern beginnt und davonschwebt, um zu platzen, wie die Seifenblasen eines Kindes. Unvergessen bleibt mir, wie Sie eine Vorlesung zur Hermeneutik mit der Bemerkung quittierten, ein Satz sei “keine Batterie von Feldschlanangen, die Sinn speien, sondern ein flämisches Glockenspiel mit ebensoviel Glocken als Worten.” (ebd., S.28)

3ac203ec96[1]“Was treibt Sie, so kaltblütig Sinn für ein Spiel hinzugeben? Welche Sirenenklänge, uns anderen nicht hörbar, verhexen Sie?” (28) fragt Briefpartner Leander Eß den schließlich am 29. September 1701 44jährig cum infarcto cordis tot im Wald aufgefundenen Dorfpfarrer in St.Jakobi zu Almena Martin Oestermann (mit Dehnungs e) und rät ihm als Mittel gegen den Bruch und die Dispersion zur phallischen Aufbäumung, die Verankerung im tranzendentalen Signifikanten: “Ich sehe sie lächeln, doch kann ich nicht anders, teurer, wunderlicher Freund, als eingedenk so mannigfach vermeldeten Schiffbruchs in sie zu dringen, sich fest an den Mastbaum des Kreuzes zu binden. (…)”.

Hätte er sich mal an diesen Rat zur Selbstbindung gehalten, sich wie Odysseus vom Sirenengesang nicht dahinreißen und davon tragen lassen, dann wäre die Passion des “vom Monde heruntergekommenen” Geistlichen für der Güter Gefährlichstes, Sprache, und deren Geläut womöglich nicht zur verfrühten Unzeit lethal verlaufen.

“Einer der unter den Elfen gelebt hat, wird nicht mehr heimisch unter den Seinen und stirbt über ein kurzes.” (14)

Ob er einer manisch-depressiven Psychose, jener auch bipolare Störung genannten Affektstörung litt, wie die (fingierte — aber was wäre in diesem “Wahrhaftigen Bericht”, der auch ein wahnhaftiger ist, denn bloß fingiert? — )Psychoanalytikerin Judith Adler 2005 in einem Aufsatz in der Zeitschrift Risse schlußfolgert oder das Explodieren und Proliferieren der Sprache nicht eher von jenem Symptombündel aus akustischen Halluzinationen, Akoasmen, Stimmenhören zeugt, wie es lange als für die Schizophrenie typisch galt, lässt sich diagnostisch wohl nicht klären. Um Wahnsinn handelt es sich insofern, als es um eine Erfahrung geht, die des Sinnes (oder dessen, was man rechtmäßig darunter verstanden wissen will: der rechten Richtung) entbehrt und wie das ursprünglich agrarische lateinische delirare (de lira ire) aus der Spur geraten, von der geraden Furche abgewichen ist.

“Und so wandere ich allein durch den Frühling als Fremder unter Fremden, allein unter Wundern und Geheimnissen” (ebd.S.15)

Buchmanns barockes Büchlein Wahrhaftiger Bericht über die Sprache der Elfen des Exter-Thals, sicher falschverstanden, wenn man es wohlwollend, doch zu possierlich als vergnügliche und unterhaltsame Novelle rezipiert und damit in seiner gewaltigen Sprengkraft unterschätzt, ist zwar Kleinod, aber alles andere als harmlos. Es ist ungeheuer und unheimlich nicht wegen seiner zauberhaften Märchenerzählung mit kriminalistischem Anstrich, sondern aufgrund des Einblicks, den es im Kleide dieser inszenierten Affäre gewährt: in die Abgründe, die eine ausufernde Beschäftigung mit Lauten und Lettern eröffnen kann.

 

Tillmann Reik

Informationen zur Milchwuchtordnung und zum Wahrhafftigen Bericht.

 

[1] Eine der einfachsten Lesarten der änigmatischen antiken Sator arepo Wortfolge liegt bereits in dem Bezug des Säens und Streuens (des Sämanns, Sator) zum Drehen und zum Rad (Sator (tenet) rotas: Der Sämann hält die Räder/Sämann, du drehst!) wie sie das Palindrom Sator (ent)hält (“Sator” tenet “Rotas”). Diese Volte ist vielleicht auch in den folgenden Überlegungen zu erkennen: der streuende Sator, die Sprache, dreht (und rädert!). (Das Wort Palindrom selbst verweist, so eine etymologische Spekulation, auf die mit dem Drehen und Wenden von Rädern zusammenhängende Wurzel *kwle: „palindrome (n.) Look up palindrome at Dictionary.com„line that reads the same backward and forward,“ 1620s, from Greek palindromos „a recurrence,“ literally „a running back.“ Second element is dromos „a running“ (see dromedary); first is palin „again, back,“ from PIE *kwle-i-, from root *kwel- (1) forming words to do with turning, rolling, and wheels (see cycle (n.)), here with notion of „revolving.“ PIE *kw- becomes Greek p- before some vowels.“ (http://www.etymonline.com/index.php?term=palindrome&allowed_in_frame=0)

[2] S.15. Künftig in buchstabensalataffiner Weise abgekürzt durch WBüdSdEdET

[3] “Selbst wenn eine Maschine also möglicherweise schneller Anagramme oder Palindromworte entdecken mag, schreibt sie damit noch lange nicht bessere Anagramm- oder Palindromtexte.[…]Titus Meyer verwendet den Rechner deshalb nur um seine Texte anschließend auf formale Richtigkeit zu prüfen, ansonsten arbeitet er mit Wortlisten und Nachschlagewerken wie andere Dichter auch.” (Bertram Reinecke, Anstelle eines Nachworts. Einige Bermerkungen zum Gespräch über die sehr strengen Formen. S.74)

[4] Für Nachforschungen über ein der sprAche und allem Sagen gleichermaßen inhärentes wie vorausgehendes schmerzensreiches Klagen, vergleiche: Werner Hamacher :„Bemerkungen zur Klage“, in: „Lamentin Jewish Thought“ (edited by Ilit Ferber and PaulaSchwebel), Walter de Gruyter:Berlin 2014; S. 89-110.

[5] siehe hierzu auch Fußnote 15

[6] Der Versuch, in dem Gedanken an Sprache als Wendung, alles, was in Sprache auf Biegen und Brechen hinausläuft (und im Winden aufs Schlingen und Verflechten), mit ebensolcher sprichwörtlichen Rücksichtslosigkeit zusammenzuzwingen, kann als solcher sicher auch seinerseits nur gebrochen Konsistenz beanspruchen. “Wendung” soll hier jedenfalls nicht als innersprachliches Phänomen eine Rolle spielen, sondern als etwas, das Sprache insgesamt konstituiert und also dekonstituiert.

[7] so Bertram Reinecke im Nachwort

[8] “2.2. Silben-Palindrom, geschüttelt: Siehe 2.1 [Silbenpalindrom, TR]. Allerdings kommt hierbei erschwerend hinzu, dass die Anlaute der Silben immer paarweise ausgetauscht werden: Die Anlaute der ersten und vorletztem Silbe; der zweiten und letzten; der dritten und viertletzten; der vierten und drittletzten …etc. des Textes sind dabei identisch. Daraus folgt, dass die direkte Palindromität einzig auf die Silbenstämme wirkt und die indirekte Palindromität auf die Silbenanlaute, welche palindromisch paarweise alterniert werden.” (S.68)

[9] Buchstabenpalindrom, siehe Fußnote 14.

[10] “7.1 Schüttelreimgedicht, doppelt: Gedicht, bei dem stets die Anlaute UND die darauffolgenden Vokale der der letzten beiden Wörter beziehungsweise betonten Silben zweier Verse ausgetauscht werden.” (S.69)

[11] “3. Wortpalindrom, anagrammatisch: Siehe 1.1 [i.e. Buchstabenpalindrom, TR]. Allerdings ist hierbei das Wort die Zeicheneinheit, die dem Palindromitätsprinzip unterliegt. Erschwerend kommt hinzu, dass die palindromisch korrelierenden Worte Anagramme zueinander sind. Bei diesem Verfahren handelt es sich unseres Wissens ebenfalls um eine Novität.” (S.69)

[12] Atropos (griechisch Ἄτροπος „die Unabwendbare“) ist in der griechischen Mythologie die älteste der drei Moiren.[1] Als Zerstörerin war es ihre Aufgabe, den Lebensfaden zu zerschneiden, der von ihren Schwestern Klotho gesponnen und von Lachesis bemessen worden war. (wikipedia)

[13] Wenn auch die Bemerkung Bertram Reineckes, es ginge ums “Moderieren von Sprachgeröll” den Sachverhalt gut wiedergibt.

[14] “1.1. Buchstabenpalindrom: Zeichenfolge, die vor- und rückwärts das Gleiche oder etwas anderes ergibt. Interpunktion (auch das &-Zeichen) sind dabei außer Acht gelassen. Bei sämtlichen buchstabenpalindromischen Texten dieses Bandes wirkt eine hundertprozentige Spurtreue; d.h. beispielsweise werden “ch” und “sch” als Folge von zwei bzw. drei Buchstaben palindromiert und nicht als die entsprechenden Laute auch wenn daraus ein erheblich höherer Schwierigkeitsgrad bei der Verwendung solcher Laute resultiert.” (S.68)

[15] Thomas Schestag hat daraufhin gewiesen, dass bereits in Benjamins Titel Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen, vom dreifachen Über skandiert, sichtbar wird, in welchem Maß dieses Über das eigentliche und einzige Sujet des Textes (über die Sprache) darstellt, Vgl. Thomas Schestag, Lampen (Fragment), in: Übersetzen : Walter Benjamin, hrsg. von Christiaan L. Hart Nibbrig, Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag 2001, S. 38-79.

[16] “4.1. Anagramm-Gedicht: Die Buchstaben eines Verses (meist eines Wortes oder Satzes) werden zeilenweise permutiert. Umlaute können zuihrem Vokal +e aufgelöst werden und umgekehrt.” (S.69)