Ino Augsberg: Kassiber. Zur Aufgabe der juristischen Hermeneutik

Vom Bindenden des Scheidens

Herrmes Ecken und Kanten

In wessen Namen spricht der Nomos, wenn nicht im Namen des Namens? Des Namens der Nahme, die im griechischen von nemein kommend, das Trennen, Scheiden und Teilen meint?
Für Kant, aus dessen ostpreußischem Namen — von den einschlägigen, dem angelsäsischen Ohr sich eröffnenden obszönen und depotenzierenden Homophonien cunt/can´t abgesehen — unter anderem, die saubere Schnittstelle, der scharfe, etwas steife, möglicherweise versäumte Rand, die spitz zulaufende Ecke1, der Kanton, also abgesteckte Bezirk, heraus zu hören ist – selbst wenn Onomastiker ihn, und hier fransen die Bordüren endgültig aus, als Musikername mit canto/cantor sowie dem Spielmann und seiner Laute in Zusammenhang bringen: das “Lied vom Gesetz”2 singend? — zeigt das Recht sich (wobei die “Rechtslehre” diesen Umstand durch eine doppelte Invisibilisierung zu verheimlichen bemüht ist: es muss darüber geschwiegen und über dieses Schweigen geschwiegen werden3) insofern mit Gewalt je schon verquickt und nicht nur ihr entgegengesetzt, als der — monopolisierten — Erlaubnis zu deren Anwendung, zur Ausübung von Zwang, streng genommen, äquivalent.

Es ist gleichsam more euclido-geometrico zu verstehen, ihm, seinem Postulatcharakter, ist um eine Teilung zu tun, die einen Raum aus zurechenbaren Dingen erschafft, einrichtet4, — vielleicht im Anklang an das “Hegen des Dings”, das Cornelia Vismann dem frühen, nicht urteilenden Richten zumaß — und mit exakten, linearen Schnitten, die in sich selbst nicht geteilt sein dürfen, nicht so sehr eine als Verteilungsgerechtigkeit bereits gegebener Teile zu verstehendes suum cuique, sondern eine “Beurteilung von Besitzansprüchen gemäß den Rechtsgesetzen” (Reinhardt Brandt) zu gewährleisten versucht. Wobei (be)urteilen, wenn es derart auf Besitz, Eigentum, Vermögen, “Gehörigkeit” bezogen ist –ja, womöglich im Einschwören, iurare,  auf ein Gehorsam gegenüber diesen Gehörigkeiten besteht –, diese als Vorgegebene nicht bloß verwaltet, sondern nachgerade — durch mathematische Ab-Teilung — konstruiert. Es liegt die als Forderung vorliegende Ordnung vor, als ob sie vorläge und bildet eine Form des Genauen, Geraden, Direkten, die sich, dezidiert, von allem Krummen, Schiefen, Schrägen und Obliquen, Verqueren absetzt. To set right an out-of-jointness, fügend:

Das Rechte (rectum) wird, als das Gerade, teils dem Krummen, teils dem Schiefen entgegen gesetzt. Das erste ist die innere Beschaffenheit einer Linie von der Art, daß es zwischen zweien gegebenen Punkten nur eine einzige, das zweite aber die Lage zweier einander durchschneidenden oder zusammenstoßenden Linien, von deren Art es auch nur eine einzige (die senkrechte) geben kann, die sich nicht mehr nach einer Seite, als der andern hinneigt, und die den Raum von beiden Seiten gleich abteilt, nach welcher Analogie auch die Rechtslehre das Seine einem jeden (mit mathematischer Genauigkeit) bestimmt wissen will…(hier)

Wenn der Nomos im Namen des Namens spricht, so auch im Namen einer gewissen, einschneidenden, ein- und ausschließenden Nahme, einem nemein, das sich als kapitalisierende captatio (miß-?)versteht: instituierender Besitzergreifung, Gefangennahme, Kaptation, die verbindlich gründet, indem sie, hegend, Eigentum in Einheiten ein-, auf- und zuteilt. So jedenfalls würde ein Carl Schmittsches Verständnis womöglich es fassen. Dass es irgendwie ums Scheiden, ums Trennen, Separieren und Grenzenziehen und -kontrollieren geht, bei dem nicht zuletzt (sondern ganz anfänglich: das Eigentum muss ein Recht sein noch bevor das Recht ein Eigentum werden kann, aber auch vice versa?) die Frage eines „ontologischen Possesivismus“ (Hamacher) nach „mein“ und „dein“ auf dem Spiel steht, dass also Division und Distribution das gesetzlose Gesetz aller Gesetze ausmacht, kann dazu führen, Recht als die Kulturtechnik einer Scheidekunst zu betrachten, zu Zwecken der Bewältigung von Problemen, Lösung von Aufgaben. [Kulturtechnik: Ein beinahe oxymoronischer Ausdruck, wenn man bedenkt, dass sowohl techne (auf eine Wurzel, die das Weben, Verflechten) wie ars (auf das Fügen und Artikulieren verweisend) den Akzent aufs Verbinden legen: Scheidekunst trüge ihr Gegenteil somit bereits mit im Namen und markierten vielleicht die Technik oder Lehre, durch Scheiden zu verbinden, sowie: das Scheiden zu binden und verbindlich zu machen. Alles aber unterm subjektmetaphysischen Willen zum Zustandebringen und Bewerkstelligen aus einem Grund für einen Zweck].

Vom Recht als Scheidekunst sprechen: Dies tut Fabian Steinhauer medienwissenschaftlich, indem er in „Vom Scheiden“ rund um Überlegungen zum sonderbar sondernden und gesonderten Sonderling (S.76) „Römisches Recht“ etwa Ihrings „Geist des römischen Rechts“ zitiert, wo sich die Bezogenheit dieser wie eine analytische Auflösungsbewegung erscheinende “Kritik” (im Sinne des gr. krinein), mit ihren In- und Diskriminierungen auf etwas wie das Ungeteilte zu erkennen gibt:

Es bewährt sich hier eine Bemerkung, die wir früher bei einer anderen Gelegenheit zu machen hatten, daß das Wesen des Rechts in Zersetzen, Scheiden, Trennen besteht. Die juristische Technik lässt sich nach dieser Seite hin als eine Chemie des Rechts bezeichnen, als die juristische Scheidekunst, welche die einfachen Körper sucht.“(zitiert nach Steinhauer, S.71)

Um so dann nach einer kurzen Überlegung zur Metaphorizität der verwendeten Begriffe und der Frage, welche davon als genuin-originär angenommen werden kann, und was bloß im übertragenen Sinne zu verstehen sei, zur provisorischen Schlußfolgerung zu gelangen:

Schon im chemischen Begriff steckt Recht. Jherings Übertragung ist also eine Rückholung, eher regressiv als originell. Er nimmt eine historische Metapher beim Wort.Das Scheiden ist insofern aber auch nicht genuin rechtlich. Die Geschichte dieser Bezeichnung ist das Beispiel für einen Juridismus jenseits des Rechts und damit für eine Genealogie, die nicht genuin ist. (ebenda, S.72)

Die faszinierende Möglichkeit einer Parallelisierung, die Steinhauer darüber hinaus von Gericht und Kino als Schauplätzen der Theatralisierung expliziert, geschieht vor dem Hintergrund, dass der eigentliche, tragico-komödiale Ort, dem das Gesetz zugehörig ist, vermutlich nicht ausmachen sein wird, Katachresen und Übertragungen sind von Anfang an im Spiel. Das Gesetz findet statt vielleicht nicht nur im Außerhalb des Rechts, sondern gar im Außerhalb seiner selbst:

Viel spannender ist es schließlich zu sehen, dass das Gesetz nicht nur vor dem Recht stattfindet, sondern auch jenseits dieser Zone.

Wenn es aber derlei “Übertragungen” gibt, wenn „Juridismen“ und “Gesetzförmiges” außerhalb der Grenzen des genuin Rechtlichen wie outlaws und hors-la-loi schlechthin ungebunden herumirren und frei flottierend ihr offiziell verbotenes Unwesen treiben (und etwa chemische, naturwissenschaftliche, theologische Vokabeln in der Rechtssprache so tun, als seien sie nicht immer schon anderswoher gekommen), wenn derart die Gattungsgrenzen immer schon verschwimmen, sich ungeregelt (ver- und mit-)teilen, wie kann dann das Recht (dessen Hauptaufgabe vielleicht — das wäre hier die oben schon angedeutete These — gerade darin besteht, eine solche Verschmischung der Gattungen durch immer wieder nachgezogene Scheidelinien zu verhindern: das regellose Scheiden also zu bezähmen, hegen, indem es dieses bindet) überhaupt als autonome Zone, oder in Luhmannschen Termini: autopoietisches Kommunikationssystem sich behaupten?

Vielleicht: Indem es sich durch Dichtung, Auto-Poesie (kann man sagen: Mythos?) narrativ abdichtet, auto-immunisierend sich stetig neu abgrenzt, sich selbst in klare Scheidelinien einzufassen sucht, dabei aber stetig neue leaks produziert?

Das Recht muss sich auf diese sich ereignenden Passagen einstellen. Das heißt vor allem: Es muss sich in seiner methodisch angeleiteten Selbstauslegung darauf ausrichten, dass zwischen Begriff und Metapher nicht sauber unterschieden werden kann. Die angebliche geschlossene Autopoietik des Rechts setzt nicht nur eine Autopoetik voraus. Die Autopoetik ist ihrerseits von einer Heteropoetik nie ganz zu trennen. Die Ränder des Rechts bezeichnen Grenzen, an denen das Recht sich – im mehrfachen Sinne des Wortes – versäumt. (Augsberg, S.1)

Kassiber — ein Buch, das Jacob Taubes und Hermes so überblendet, dass der geflügelte Götterbote und Botengott des Griechentums, Tele-Transporter und Gewährsmann des Marktes, der Marken und Margen zum selbsternannten “Erzjuden” und ludernden Lotterbuben gerät — versteht und untersucht “die Aufgabe” der juristischen Hermeneutik — “so zersplittert wie die Geschäfte des die Hermetik wie die Hermeneutik namenspatenschaftlich begründenden, janusköpfigen Hermes”, der sich in den Göttergesprächen des Lukian seiner Mutter Maja als der Götter unglücklichster offenbart, da er sich aufgrund seiner vielfältigen Tätigkeiten förmlich zerreissen muss (93, diaspomenos ist hier das Wort aus der Fremde, was den Boten vom Herd einer Ökonomie des Eigenen vertreibt und in Exil und Diaspora und also Heimatlosigkeit und Unzuhause, in Aussetzung, beheimatet5) — in einem “mindestens dreifachen Sinn” und gibt zu bedenken, dass deren nach talmudischer Lehre mindestens 70 sein müssten, welche Zahl wiederum im rabbinischen Gebrauch für nichts weniger als die Unendlichkeit einsteht. In der Trias von Funktion, Mission und Resignation lässt sich die Aufsplitterung dessen, was mit Kassiber gemeint sein könnte, provisorisch sammeln, indem sie sich prismatisch auffächert und wohl über die trinitarische Einigkeit hinausweisen muss, um das Lassen und die Aufgabe im Sinne der Omission noch in die drei distinkten Aufgabenbereiche selbst einzuschreiben:

Hermeneutik bezeichnet ein elliptisches Verfahren.
Das betrifft zumal die Hermeneutik als Kunst der Auslegung. Deuten heißt Sich-Enthalten. Seine konstitutive Bewegung umfasst nicht nur die aktive Festsetzung von Bedeutung, sondern mindestens ebenso sehr einen Vorgang des Lassens: ein Aus- und Unterlassen, das andere Setzungen zulässt. Die Deutung enthält sich, weil und indem sie nicht ohne weiteres über sich hinausgeht. Statt sofort zum Gedeuteten fort- und überzulaufen , hält sie inne. (110)

Da eine solche elliptische Parahermeneutik auch darin bestehen muss, mag man ergänzen, die Aufklärung über eine gewisse Undurchsichtigkeit (gegenüber dem Willen zur abschließenden semantischen Sättigung) auszuweiten, aufs Milieu des Aporetischen die Instrumente theoretischer Detektion so scharf wie möglich zu fokussieren, kann die Vorliebe für geheime, klandestine Mit-Teilungen als Schmuggelwaren, welche exkludierend-internierende Gefängnismauern und selbst-einhegende Zäune, Dispositive überwachend-strafender Bezwingung, unbemerkt passieren, das ist die Bedeutung des rotwelschen Wortes Kassiber, gleichermaßen als Parteinahme für eine andere Scheidung gewertet werden, die nicht mehr als Kulturtechnik, Errungenschaft einer Zivilisation zur Bemeisterung und Bemächtigung einem Leistungskatalog des homo faber und capax verbucht werden kann: Advokation jener nicht mehr geschichtlichen, sondern “geschichtlichenden” Dauer-krisis, die sämtliche Versuche zur zäunenden Einhegung und Gefangennahme — zur jeder abscheidenden Nahme als Fang, die captatio als Packen und kapitalisierendes Kappen einer capacitas des capere — verhindert und aufhält. Und damit die Soterio-Logik eines ex captivate salus. Die das Binden unterbindende Ent-Bindung, gegen die und aus der heraus die Bindung und Bändigung in Gestalt einer Ent-Entbindung sich mit klaren Scheidungen und Entscheidungen aufrichtet, Gnomon und Norm, wird dann freigelegt als das Gesetz desjenigen Gesetzes, was das positive Recht in seinen Statuten setzt und niederlegt. Dass sich dieses kritische Geschehen in und als brache Sprache zeitigt (deren grammatisch-orthographisch kontrollierte Urteile und Prädikationen jeweils als Versuche des Bruchs mit diesen Brechungen und Teilungen sich — als je immer schon Gebrochene — setzen), hat Augsberg unlängst in einem Vortragstext zu Jürgen Buchmanns “Grammatik der Sprachen von Babel” dar- und also auseinandergelegt.

Der Lotterbube Hermes, überall Wege (er)findender Disaporetiker, der Gott nicht nur der Diebe — das heißt zum Beispiel auch kleptomanischer Sachwalter einer stets unrechtmässigen Appropriation, exlex, hors-loi, der nur durch Beraubung, Nahme erbeutet — sondern mit Augsberg “der Teilungen und Verfremdungen also, der mit der Vielzahl der ihm übertragenen Aufgaben nicht zurande kommt, sondern von ihnen regelrecht zerissen wird” bleibt gerade dadurch Figur, Repräsentation, Emblem für das Bemühen, der Zerreissung und Enteignung (in immerhin scheint´s noch eine bezifferbare Menge von Aufgaben) einen trotzigen Widerstand Konstanz, Konsistenz und Kohärenz entgegenzusetzen, sich, als er selbst und Indivuduum, zumindest identisch durchzuhalten und sei es auch durch um dieser zusammenhaltenden Identität Willen aufgebotene Listen und Verstellungen. Er ist also zuvörderst Figur einer, wenn auch notwendig immer wieder mißglückenden, individuierenden Protektion gegen seine Auflösung, unterm teleologischen Zwang, seine Auslieferungen ungebrochen am Zielort abzuliefern, und nicht von einem Irrgeschick erfasst, unterwegs sich selbst und seinem Auftrag, sich davontragen lassend, verloren zu gehen. Sein guter Wille zur Macht als Zurande- und Zustandekommen, der er ist, wird von etwas anderem als ihm selbst sabotiert. Diesem Anderen könnte vermehrtes Interesse entgegen gebracht werden.
Ob ein mehr dem Ver (und also den Ferrenzen, dem Phorischen und den Portierungen) als dem Stehen sich verschreibendes Denken ihn also weiter zur Gallionsfigur und die Herme zum Phallischen Wappen erklären muss, und nicht eher der Figurlosigkeit dessen sich zu überlassen hätte, was Platons Dialog Ion, noch seinerseits zu gesichtgebend theia moira nennt — einer unfigurierbaren Teilbarkeit in deren Nahme der Gott sich dem Unglück des beinahe Zerreissens ausgesetzt sieht — , bleibt offen, selbst aporetisch unlösbar. Im Namen des Namens zu lesen, ein solches Lesen zu üben, das mit Thomas Schestags Formulierung nehmender wäre darin, sich dem Glück des Innewerdens der Uneindeutbarkeit noch des gewahrenden Innen zu überlassen, sieht im tragischen Zerrissensein des Gottes, das dieser nur als Unglück empfinden kann, sieht in diesem noch das Glück von sich selbst trennenden Un-glück — der Herrmes durchwandernden, seine Herrschaft brechende (F)Erranz und (F)Erratik — ihr Glück(sversprechen): das auch des glücklichen Funds, der Fügung der trouvaille, den das griechische Wort hermaion bezeichnet. Dem Zu-Fall.

Er ist auch derjenige, den man weder vorhersehen noch festhalten kann, der Zufall, das gute oder widrige Geschick, das unvermutete Zusammentreffen; ein unverhoffter Fund oder Vorteil heißt im griechischen hermaion.6 (Jean-Pierre Vernant, a.a.O.)

Aber ob Hermes dieser Zufall ist — mit dem Zufall zusammenfällt — oder doch nur als dessen Abgesandter von ihm Zeugnis ablegt und selber dessen Gesetz untersteht?

Der Name des Namens, die Nahme, durch die Sprache in steter Detonation ihrer Denotationsfunktion sich von sich selbst entfernt und so in unberechenbaren Brechungen spricht, wäre dann nicht mehr so sehr eine technische Bewältigung von Etwas durch scheidendes Herauslösen, sondern noch eine Nahme dieser Nahme selbst, Selbst-Beraubung, ein Scheiden (und Schneiden) des Scheidens (und Schneidens): die unteilbare Souveränität eines Teilungsgeschehens von nichts als diesem Teilen selbst. Diesseits und jenseits aller Kulturtechnik — Besitz, Gut, Habe, Errungenschaft einer Kultur, was immer das sei, und von dieser amortisierend erwirtschaftet — im nicht-chronologischen Sinne vor ihr, erweist sich jene Proto-Technizität eher als grundlose und unmögliche Ermöglichungsgrundlage sowohl von Kultur als auch deren Techniken. Sprache — in ihrem am wenigstens engen und engstirnigsten Sinne: brache Brüche-Brücke, Brücke aus Brüchen — ist ein Name für diese Nahme, für dieses Nehmen, für diesen Nomos der Ab-Norm und Anomie, in dessen Namen auch das Recht richtet, in dem es dieses Scheiden ent-scheidet.

In welcher Nahme spricht denn das Recht, wenn nicht in der der radebrechenden Gaunersprache von Kassibern und Kassibern aus Kassibern. Sprache überhaupt? Dabei ist Kassiber ein Wort, das sich von einem anderen herleitet, welches vermutlich nichts anderes bedeutet als: schreiben. Wenn Recht in seinem „urge to set things right“, dem tragischen Einsatz der direktiven Korrektur im Aufrichten — to right — von Normen, auf ein aufschiebendes, aus-ein-ander-setzendes „to write“ verweist, dann  auf die Sprache einer „transzendentalen“ Illegalität, im Austrag der Präzedenz irreduzibler Korruption, primordialer Delinquenz. Die Sprache verbricht (sich), ihr crimen ist ihr krinein. Ein Verbrechen, das somit vermutlich nicht nur darin liegt, Botschaften wie Waren zu schmuggeln, sondern noch das, was sich als Ware im Verkehr und Handel zu bewahren und unversehrt adressierbaren Eigentümern zuzustellen versucht, die „freie Marktwirtschaft“ der verständlichen Botschaften im Ganzen, ziel- und regellos zu brechen. Sprache bräche das Recht der Eigentumsordnung, die Eigentumsordnung des Rechts, wie alles in ihr Stehende und Ständige, anfänglich und stets auf Neue anders als eine bloße Übertretung, die das Verbot und die Grenzen nur bestätigt. Sie unterbricht und stört die dialektische Aufeinanderangewiesenheit von Grenze und Übertretung selbst. Dies zu gewahren und zu verstehen, wie mit dem zum wirklichen Skandalon präzisierten konstitutiven Rechtsbruch im Recht — Sprache — umgegangen werden könnte, inwiefern es sich etwa — um einer nur mehr schwer „Gerechtigkeit“ zu nennenden Forderung willen — gegen diese Brüche nicht einfach verwahren darf und doch nichts anderes darstellt als eine aufgebäumte Gestalt dieser Verwahrung, darum müsste es einer Rechtstheorie, die nicht nur Grenzpostendisziplin sein will, gehen, wie Kassiber deutlich macht.

Tillmann Reik

1 kant, kante im 17. Jahrhundert entlehnt; aus altfranzösisch: cant = „Ecke“; vermutlich aus einem gallischen Wort für „eisernen Radreifen“ (lateinisch: canthus → la)

2 Marie Theres Fögen: Das Lied vom Gesetz (erweiterte Fassung eines Vortrags am 14. März 2006). Carl Friedrich von Siemens Stiftung, München 200

3 vgl. dazu Peter Fenves: Niemands Sache.Die Idee der „Res Nullius“ und die Suche nach einer Kritik der Gewalt. In der Systemtheorie wird dieser Sachverhalt mit der seinerseits euphemistisch verklärenden Wendung beschrieben, es ginge um die “Invisibilisierung der Gründungsparadoxie”.

4 Mit “Der Richter hegt das Ding.” beginnt Cornelia Vismann das Kapitel übers Theatrale Dispositiv ihres Buches Medien der Rechtsprechung. “Was die dinghegenden Richter nicht machten, ist das, was man heute zuallererst mit dem Beruf eines Richters verbindet. Sie urteilten nicht. Diese Aufgabe oblag nach germanischem Recht den Urteilern.”

5 Ob damit schon (immer) die Ökonomie des Eigenen gesprengt, Hermes, genuiner Gott der Rede, weniger der Schrift (er zeugt auch von einem Tod Thots), als in die Peripherie ausschwärmender Gesandter sich selbst in zählbare Teile spaltet, die sich immer wieder zur Einheit zusammfügenlassen und dem einen Zentrum ihren Ertrag und ihre auswärts gemachte Beute zuliefern, oder das Schema von Zentrum und Peripherie selbst verkompliziert und Hermes letztlich nichts wäre als sein Selbstverlust in unzählige Ferrenzen, bleibt die entscheidende Unentscheidbarkeit, anhand derer beurteilt werden müsste, ob eine Hermeneutik die ihr inhärente Dekonstruktion in voller Konsequenz austrägt. Denn dafür müsste es ihr gelingen, als Hermeneutik zu scheitern. Zu des phallischen Hermes´Bezug zur durch den Kreis symbolisierten Hestia, der häuslichen Ökonomie des Herdes, des Mittelpunktes eines konzentrischen Raumes, das in Zeiten der polis die agora sein wird — und so die Politik unters Zeichen der Versammlung stellt — siehe Jean-Pierre Vernant: Hestia – Hermes. Über den religiösen Ausdruck von Raum und Bewegung bei den Griechen.

6 Das hermaion weist seinerseits auf einen einfachen Steinhaufen, hinterlassen zur Orientierung als Wegmarke, wie die heute noch in alpinen Regionen zu findenden Steinmännchen. https://de.wikipedia.org/wiki/Steinm%C3%A4nnchen . Der glückliche Fund wäre dann eine zur Orientierung dienende Hinterlassenschaft

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