Variations sur la pierre

Von/m -wegen, Wägen, Wagen und Vagen des S(t)eins (Fragment)

Der Stein liegt z. B. auf dem Weg.” (Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik)1

[Diskurs über die Methode: Abwegigkeit, das Abkommen vom Weg, der Weg als Abkommen von ihm und seinerselbst, (A)Porie der via rupta und ihres stetigen, sui-interruptiven Wegseins – letzteres “Abkommen” in der Doppeltheit aus Kontrakt und De-Viation schillernd – soll hier zu Anfang unumwunden, kurzweg und ohne Umschweife, als vorsätzlich ein gewisses Unvermögen-bei-der-Sache zu-bleiben bejahende Methode alles Nachfolgenden herausgestellt werden, um etwaige Zweifel an der aggressiv-digressiven Zielverfehlung des Ganzen nicht im Unklaren zu belassen.]

Saxa loquuntur

Stein m. ‘natürlicher, aus Mineralien bestehender, fester, harter Körper, Fels’, ahd. (8. Jh.),[…] kann […]’ als Bildung mit dem Suffix ie. -no- im Sinne von ‘das Harte, Verdichtete’ zu einer Wurzel ie. *stāi-, *stī̌- ‘(sich) verdichten, zusammendrängen, stopfen, gerinnen, stocken’ gestellt werden [..]

Brachiales – Primordiale Korruptibilität des Steinseins

Die Überfülle der stillsten Stunden – im entlegenen Steinbruch, daraus die Schläge in den Abend verhallen und die Bruchstücke den in die Tiefe wachsenden Fels anzeigen, wo nur das Brechen zum Grunde führt und alles Formen zum winzigen Spiel wird – Bruchstücke, wenn krachend ein neues unter die anderen stürzt und in seine eigene Schwere sich findet. (Heidegger, Überlegungen B, GA 95, S.57)

Dort, wo nur das Brechen – und wohl auch Teilen, Auftrennen, Spalten, Schneiden, also: Scheiden2 – schon im brachen, brachialen Sprechen, zum Grund oder, bloßer und barer, dessen Versprechen führt, zeigt sich als Grund allen Grunds und allen Zeigens vielleicht ein Riß, d.h. zeigt sich als solcher eben gerade nicht… Maurice Blanchot schrieb einmal, der Mensch sei unzerstörbar, da unendlich zerstörbar.3 Es ließe sich direkt hinzufügen: Unendlich (un)zerstörbar bis auf die frakturgefährdeten Knochen. Jener Partizipation am mineralischen Gestein, die er auch ist und die seiner Korpulenz die Robustheit verleiht. Aber warum nur “er”, dazu noch im ungebrochenen privilegierten Schlag generisch maskuliner Geschlechtslosigkeit? Die Logik – es ist eine des Zerfalls auch des Logos und seines stotternden, stockenden, stammelnden Radebrechens- ist bekannt und von – “Wege nicht Werke” – Heidegger, dessen den verdeckenden Ablagerungen der Metaphysik gegenüber de-struktive Frage nach dem Stein, dies zumindest die Impertinenz einer Hypothese, wenn auch nur unterschwellig, von mindestens ebenso großer Bedeutung wie die populärere nach dem Sein angesehen werden kann,

Ich lese den >Kalkstein< seit Weihnachten 1905, vermutlich seit den Tagen, da Du im Schoß der Mutter lebtest, jedes Jahr zu meinem Geburtstag. (Brief an Hannah Arendt vom 10. März 1950)

ungefähr in die jene Petro-Logik formulierenden Worte gefasst: so lange man den Stein (von dem es andernorts – die Eidechse sonnt sich auf ihm – heißt, er habe keine Welt4, er sei ein bloßes Ding5) auch zerschlage, er zeige einem doch nie sein Inneres.6 Kann Sein – etwa hinsichtlich seiner unvergleichlich beständigen Unbeständigkeit — (wie) Stein sein, auf eine Weise das Selbe, die nicht das Gleiche meint – oder nur wie Seiendes, also jenes, was Sein, der ontologischen Differenz zufolge, nicht ist – sich selbst bloß durch eine jener lapidaren Lettern (littera consonans) unterbrechend zeitigen, die als phonetische Verschlusslaute aufgrund ihrer abrupt-eruptiven Artikulationsweise stimmlose, alveolare (d.h. durch einen Stoß der Zunge gegen den Zahndamm gebildete) Plosive, im englischen auch stop, genannt werden; hier: graphisch mono-lithisches T wie tempus und tempel, aber auch der Gestalt nach Bildnis einer “bedachten” erektil über den Horizont hinausragenden ek-statischen Vertikalität, einer stabförmigen, lotrecht weder gebogenen noch gebrochenen Ständigkeit, die das Seiende charakterisiert? Hegen also Start und Stop vokalen Einklangs markierende Laut-Lettern (d.h. Blockierungen des atmenden Luftstroms, Sich-Brechen des Sprechens) in aller Stille das steinerne, kreisrunde ei des Seins dieses h-EI-d-EGG-er nicht nur, ihm äußere Grenzen setzend, ein, sondern lassen es, aus seinem Inneren heraus, spaltend es öffnend, gehörig krachend, ex-plosiv, auseinanderbrechen?7 Wollte man l´être/lettre derart als Lithographie,-logie, Lithoratur lesen, in der ein Stein (wie ein Sein, das jeweils schon KeinSein gewesen sein wird) sich wechselweise darbietet und entzieht, das eine im Modus des anderen, was also hieße: ein Dasein, das darin besteht weg, nämlich immer schon fort, unterwegs, auf dem Weg (wohin? anderswohin!) zu sein.

Stony ground but not entirely (Beckett, Enough)

Auf einem Steinweg, “als bezeichnung gut gepflegter hauptstraszen in mittelalterlichen städten”, so will es der Grimm, sollte sich, dezidiert eine Richtung einschlagend, besser voran kommen lassen, der Tritt sicherer aufsetzen und Fuß fassen als unterwegs auf Sand- oder gar Holzwegen (ein Steinweg sei kein Sandweg, und somit wohl ebenfalls kein Strandweg, betont derselbe Grimm, aber man erinnert sich des Ausspruchs, unter den Pflastersteinen ruhe der Strand: Sous les pavés, la plage. Und den damit stets verknüpften Bedenken, ob nicht eher im als unterm Stein der Sand stecke, et vice versa.), denen die Pflasterung zum einen verwehrt ist, die, andererseits, mitunter wegmarkenlos “verwachsen jäh im Unbegangenen aufhören”, schwer gangbar und unwegsam wie das griechische Wort von der Aporie will, mit der bei Aristototeles alles anfängt – weshalb ein methodos erforderlich wird, als geordnetes, wiederholbares Verfahren, sich, im euphorischen euporein, den Pfad, ein Trasse zu bahnen – und zumindest in Platons Frühdialogen alles endet.

Doch kann, im Gegenteil, ein Steinweg nicht ebenso Holzweg sein, sobald nämlich die Steine nicht länger, den Gang erleichternd, zum ebenen Pflaster angordnet, ihrerseits nicht , inegal, hervorstechen8, sondern manifeste Probleme bereiten, indem sie im Weg liegen (dadurch das sind, was den Weg zum Unweg werden lässt) und den Durchgang behindern, zum Skandolon werden, an dem man sich stößt: Stein des Anstoßes ist der „der Weisen“? Steinweg ist dann einer, der einem Steine in den Weg legt.
Bau-Stoff Stein kurz und knapp: seine vielseitige, und -schichtige kompakte Opazität steht in ihrer mineralischen Sediment-Archi-Tektonik (und das, Hypothese, in einem mehr und anders als “sinnbildlichen” Sinn) für die Doppeltheit des Soliden und Fragilen, gründend Bodenständigen (noch im treppenartig Hinaufführenden, konstruktiv Einhausenden, kathedralenartig Sich-Aufreckenden des Tempels) und Fragil-Ruinösen: wenn von Zerbrechlichkeit und der Fraktur die Rede ist, dann von der eines Steins, der – das wurde bislang vergessen – eine Schwere hat, wiegt, lastet (im Sinne des englischen to last dauert und verweilt) und gewogen werden kann: Denken: nicht nur wiegen, wägen, wagen (d.h. lasten lassend (er)tragen), sondern darüber hinaus hören auf das Brechen des Steins? Die Seditio des vermeintlich sedentären Sediments.

Zugang zur straßenförmigen Trasse

Die Sprache gibt allem Überlegenwollen erst Weg und Steg. (Heidegger)

Ob der Zugang suchende Umweg übers abklopfende Aushorchen des Echoraums eines Eigennamens, um zu erspüren, in was und wohin er aufbricht gleichfalls Unweg (im aporetischen Sinne Steinweg und also Keinweg), der zu nichts führt und besser nicht hätte eingeschlagen werden sollen, zu nennen ist? Also Fehltritt sein muss, sich als ein Fall von Fallizität sicherheitshalber vorm Anrücken der ersten Kläger einbekennen soll. Oder doch im Modus der Abirrung vom rechten Kurs noch etwas Unerwartetes, Sinn, überraschend sich auftun könnte? Ein Sinn, dessen Sinn, nach Meinung einiger Etymologien, eben “Weg” sein soll.

“([…] die Möglichkeit des Weges und die Differenz als Schrift müßten einmal aufeinander reflektiert werden. Die Geschichte der Schrift und die Geschichte des Weges, des Durchbruchs, der via rupta, des durchbrochenen, gebahnten Weges, fracta, des von der Öffnung gezeichneten Raums der Reversibilität und Wiederholung, des Abweichens von der Natur und der raumgreifenden Gewalt in der Natur, im natürlichen wilden Wald. Die silva ist wild, die via rupta schreibt sich gewalttätig als Differenz, als auferzwungene Form in die Hyle, den Wald, in das Holz als Materie ein; es läßt sich kaum vorstellen, daß der mögliche Zugang zur straßenartigen Trasse nicht gleichzeitig auch ein Zugang zur Schrift ist.)”9

1 Herausgebrochen aus einem als Steinbruch betrachteten Weg (nicht Werk) Heideggers, der seinen Eigenennamen wie folgt aufbrechen hört: “Heidegger einer, der auf unangebautes Land, Heide, trifft und diese eggt. Aber der Egge muß er erst lang einen Pflug durch Steinäcker voraufgehen lassen.” („Heid-egger. Einer, der auf unangebautes Land, Heide, trifft und diese eggt. Aber der Egge muss er erst lange einen Pflug durch Steinäcker vorausgehen lassen.“): “Der Stein liegt z. B. auf dem Weg. Wir sagen: der Stein übt auf den Erdboden einen Druck aus. Dabei >berührt< er die Erde. Aber was wir da >berühren< nennen, ist kein Betasten. Es ist nicht die Beziehung, die eine Eidechse zu einem Stein hat, wenn sie auf ihm in der Sonne liegt. Dieses Berühren des Steines und Erdbodens ist erst recht nicht das Berühren, das wir erfahren, wenn unsere Hand auf dem Haupt eines anderen Menschen ruht.Das Aufliegen auf…, das Berühren, ist in allen drei Fällen grundverschieden. Um zum Stein zurückzukehren – auf der Erde liegend betastet er sie nicht. Die Erde ist für den Stein nicht als Unterlage, als ihn, den Stein, tragend, geschweige·denn als Erde gegeben, noch kann er gar im Aufliegen dieser Erde als solcher nachspüren. Der Stein liegt am Weg.” (GA29/30, S.290)

2Siehe hinsichtlich der juridischen Dimension dieses Schieds: F.Steinhauer(!): Vom Scheiden. Geschichte und Theorie einer juristischen Kulturtechnik.

3Maurice Blanchot: Das Unzerstörbare. Ein unendliches Gespräch über Sprache, Literatur und Existenz. Carl Hanser: Edition Akzente. München Wien 1991

4Eine “Kennzeichnung”, die übrigens in den “Schwarzen Heften” entsprechend kompliziert wird: Die Kennzeichnung von Stein, Tier und Mensch durch die Art des Weltbezugs (vgl. Vorlesung 1929/30 1) ist im Frageansatz festzuhalten und dennoch unzureichend. Die Schwierigkeit hängt in der Bestimmung des Tieres als »Weltarm« – trotz der vorbehaltenden Einschränkungen des Begriffes »Armut«; nicht: weltlos, weltarm, weltbildend, sondern: feld- und weltlos, /feldbenommen-weltlos, / und weltbildend-erderschließend / sind die angemesseneren Fassungen der Fragebezirke. Dabei verlangt die Kennzeichnung des »Steins« als feld- und weltlos zugleich und zuvor die eigene »positive« Bestimmung. Aber wie ist diese anzusetzen? Doch von der »Erde« her – dann aber vollends gar aus »Welt«. (Überlegungen X, S.282)

5„Eher ist uns der Hammer ein Ding und der Schuh, das Beil und die Uhr. Aber ein bloßes Ding sind auch sie nicht. Als solches gilt uns nur der Stein, die Erdscholle, ein Stück Holz. Das Leblose der Natur und des Gebrauches.” “Ein bloßes Ding ist z. B. dieser Granitblock. Er ist hart,schwer, ausgedehnt, massig, unförmig, rauh, farbig, teils matt,teils glänzend. All dieses Aufgezählte können wir dem Stein abmerken.”(Heidegger, Kunstwerkaufsatz, GA5, S.6, S.7)

6“Der Stein lastet und bekundet seine Schwere. Aber während diese uns entgegenlastet, versagt sie sich zugleich jedem Eindringen in sie. Versuchen wir solches, indem wir den Fels zerschlagen, dann zeigt er in seinen Stücken doch nie ein Inneres und Geöffnetes. Sogleich hat sich der Stein wieder in das selbe Dumpfe des Lastens und des Massigen seiner Stücke zurückgezogen.” Zur These “Stein” sei für Heidegger mehr als nur ein Beispiel, vielmehr Inbegriff des erdhaften der Erde: John Sallis: Stone.

7zu interessanten Überlegungen die Androgynität des Sprachgitters betreffend: ““Der Wechsel von Rundungen und Stäben führt bereits in diesem („ursprünglichen“) Stadium zu einer Unterscheidung von männlichen und weiblichen Elementen. Die Sprache ist in ihrem innersten Wesen androgyn. Die Dynamik ihrer räumlichen Entfaltung, das Spiel der Zeichen, erzeugt eine Differenzierung in der Tiefe. Zunächst sondern sich die Stäbe voneinander, setzten sich einzeln dem verschlingenden Raum entgegen,behaupten ihre Vertikalität: voneinander getrennt, unterteilen sie eine Expansion, gliedern sie diese durch Absenz, verräumlichen sie durch „Öffnungen“, durch Intervalle und Vakanzen, Präfigurationen von allem Weißen. Dann, im Raum dazwischen, im Leeren, das „zwischen“ ist, zeichnen sich andere Linien, Kurven ab, runden und schließen sich, als habe der Raum hier, durch die Fluchtlinie der vertikal aufeinanderfolgenden Striche artikuliert, dank seiner Begrenzungen die Kraft, eine besondere Gestalt hervorzubringen, weniger offen, weniger dynamisch, vollkommener; die Zeichen, die aus einer gestaffelten Differenzierung auftauchen, treten in kein antagonistisches Gegenüber; das eine, dessen Bewegung gleichsam in der Schwebe bleibt und sich verneint in der Abgeschlossenheit seiner Gestalt, wird um des anderen willen zu einem Anziehungspunkt, der im Feld seiner Negation liegt.“ (Jean Bollack: Paul Celan über die Sprache. Das Gedicht Sprachgitter und seine Interpretationen. In: : Paul Celan. Hg. von Werner Hamacher und Winfried Menninghaus. Frankfurt a. M. 1988, S. 273).

8wie die bekannten Pflastersteine bei Proust: “Als ich die traurigen Gedanken, von denen ich eben sprach, noch in mir bewegte, war ich in den Hof des Guermantesschen Palais eingetreten und hatte in meiner Zerstreuung nicht bemerkt, dass ein Wagen sich näherte; beim Anruf des Chauffeurs hatte ich nur gerade noch Zeit, rasch auf die Seite zu springen. Ich wich so weit zurück, dass ich unwillkürlich auf die schlecht behauenen Pflastersteine trat, hinter denen eine Remise lag. In dem Augenblick aber, als ich wieder Halt fand und meinen Fuß auf einen Stein setzte, der etwas höher war als der vorherige, schwand meine ganze Mutlosigkeit vor der gleichen Beseligung dahin, die mir zu verschiedenen Epochen meines Lebens einmal der Anblick von Bäumen geschenkt hatte, die ich auf einer Wagenfahrt in der Nähe von Balbec wiederzuerkennen gemeint hatte, ein andermal der Anblick der Kirchtürme von Martinville oder der Geschmack einer Madeleine, die in einen Teeaufguss eingetaucht war […]. “Die wiedergefundene Zeit, Bd. 3/3, S. 3954ff

9Derrida, Grammatologie 188, 189

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