Ernst Augustin: Robinsons blaues Haus

robinsons_blaues_hausAugustins Augen(blicke)

Wunsch, dorthin zu gehen, wohin niemand folgen kann

Und wir können nicht ausschließen,
daß ein Lebewesen zugleich Folgender
und Gefolgter, ein sich gejagt wissender Jäger,
Verführender und Verführter, Verfolger
und Gehetzter ist, […] in ein und demselben Augenblick.
(Derrida, Das Tier, das ich also bin)

Vom Original über Tourniers, Ecos, Clezios Varianten, bis hin zum Schiffbruch mit Tiger: Robinsonaden, sollte man annehmen, haben ihr Ausdeutungspotential weithin erschöpft. Ernst Augustin konzipiert in einem faszinierenden Alters- und Spätwerk seinen Robinson, der lieber Freitag wäre, als reisenden Einsiedler, flüchtigen Schatzträger ohne Eigenschaften, ohne Hab und Gut, ohne feste Bleibe, dem sein eigenes Verschwinden nie weit genug geht und erschließt ihm auf diese Weise neue Räume. Lücken. Virtual spaces und Zwischenwelten.

Augustin+Die-Schule-der-Nackten
Augenblick! Ausweitung der Nacktzone

Der erste, unvorbereitete Blick der Augen kann, ja muss täuschen, wie die seine Buchumschläge zierenden Trompe-l’œil-Motive von Ehefrau Inge. Da imponiert prima vista zwar die erratische Leichtigkeit, „Losigkeit der Diktion“, „freischwebend vielleicht oder doch nur locker verankert. Beinahe, eigentlich, fast ein Erzählton realer Virtualität.

Übrigens, was heißt eigentlich virtuell (virtual)? Ahhh, das heißt es eben nicht. Es heißt, übersetzt, «beinahe, eigentlich, fast». Das heißt es.

Also das Fließende und Schwebende des Ozeanischen, Nautischen, deren Metaphorik schon in der Schule der Nackten, Erkundung der Frei(körper)zone eines Schwimmbads, stimmungs- wie stilbildend war, von seiner zahmen Seite: „Thalatta, thalatta“, denkt sich der Protagonist Alexander dort bei der Annäherung ans befriedete Naß (wo nichts­des­to­min­der Ungeheurlichkeiten der besonderen Sorte sich zutragen werden.) Kann sich des festen Bodens unter den Füßen allerdings noch vergewissern. Noch.

e-1719-0028Von Freibad zu Freitag

Denn das undomestiziert Reißende, Schäumende, Gischtende, Überbordende, das die Stabilität beinträchtigt und das Kentern, den BRUCH begünstigt lässt selten auf sich warten. Sowie Untiefen und Riffe. Schon in Daniel Defoes „Original“ von 1719, mit dem vollständigen Titel „The Life and Strange Surprising Adventures of Robinson Crusoe of York, Mariner: who lived Eight and Twenty Years, all alone in an uninhabited Island on the coast of America, near the Mouth of the Great River of Oroonoque; Having been cast on Shore by Shipwreck, wherein all the Men perished but himself. With An Account how he was at last as strangely deliver’d by Pirates. Written by Himself“, welches das literarische Genre der Robinsonade auf den Weg brachte, war alles tückischer, abgründiger, gebrochener als eine idyllische Trivialrezeption nahelegt.

3406564763-detailAugustin

Als ein leichtgewichtiger Fabulierer oder Paraboliker ohne Bodenhaftung oder Tiefgang im pejorativen Sinne kann er, EA, also der im Riesengebirge, der Heimat des Rübezahl geborene Erzähler mit den Initialen des babylonischen Weisheitsgottnamens („Der Gott des Urmeeres, auf dem die Welt schwimmt. Außerdem des Wissens und der Wissenschaften und Beschützer des Menschengeschlechts“! wikipedia), auch mit seinem neusten Nouveau Roman (denn in dieser Tradition ist er zu verorten) nur dem erscheinen, der mit dem unhaltbaren Vorurteil anrückt, bei derart fantastischen Konstrukten handle es sich pauschal um eskapistische Heileweltprosa. Unhaltbar, EA tritt auf als ein Verstör(t)er. Seine Romantik ist schwarz, seine Idyllen Schauermärchen oder Gothic Novels. Sein Spielerisches (wie der klabautermännische Schabernack, den er mit Identitäten und Genres treibt) zeugt, bei allem Humor, von heilig unheilem, wenn nicht tödlichem Ernst. Mitnichten heimelig somit und doch befreiend abgehoben, halluzinogen und psychotrop. Bewusstseinserweiternd.

06790210zHavarien

Wenn man seiner – des nach einer Operation 2009 erblindeten, 85-jährig Sehers, früher Arzt und Psychiater – Selbstbeschreibung folgt und annimmt, in „Robinsons blaues Haus“ ginge es vornehmlich um die protestantische, arbeitsethische Gleichsetzung von Leben und dem Versuch, sich – schiffbrüchig gestrandet – schaffend und häuslebauend wohnlich einzurichten, führt das auf die falsche, weil harmonistische, Fährte. Man verbliebe noch im Fahrwasser dessen, was klassisch unter dem Genrenamen „Robinsonade“ rubriziert wird und vielfach den gängigen, stereotypen Deutungsmustern vom selbständigen, tatkräftigen Unternehmer und Projektemacher unterliegt. De nihilo nihil, besagt dieses Muster, darum rekonstituiere sich ein enteignetes Subjekt aus dem Schutt dessen, was war und nach dessen Vorbild per Rückerinnerung (an, das hat Marx im Kapital bemängelt, vorwiegend klassische Ökonomiegrundsätze) sein Habitat und seinen Habitus neu, um dabei der Alte bleiben zu können. Stimmt nicht. Es sei denn, man legte den Akzent auf den Vergeblichkeitscharakter solcher anti-dekonstruktiver Rekonstruktionen: auf ein Bemühen, das nolens volens immer wieder scheitern – kentern – muss.

Zur Debatte bei Augustins Robinson, einem namenlosen, seit Kindertagen getriebenen Untertaucher, steht eine Skizze über die Atopie von der Unmöglichkeit einer Insel; gebrochen wird mit dem Phantasma, Schiffbrüche seien zeitlich umgrenzte, unfallartige Ausnahmen. Den Titel-Helden gibt ein Nobody, anonym oder vielnamig, der aller stützenden Prothesen entkleidet, nackt der Gefahr unablässig ausgesetzt ist.

20746939zFliehkräfte – Everybody’s got something to hide except for me and
My monkey

Sicher scheint es dem arrivierten, saturierten Bürgertum eigen, sich im einkleidenden Interieur seiner Heime und Behausungen einen gegenweltlichen Schutzpanzer zu bauen und sich dergestalt, durch neudeutsch cocooning, Sich-Einhausen (Hegel), Wohnen (Heidegger), gegens nackte Verletztwerdenkönnen (und damit vielleicht schon Verfolgt- und Angegriffenwerden) abzudichten. Fetischisierte, beseelte Warendinge – aus den „Trümmern“ der Tradition – um sich hortend und dadurch als erstes sich selbst, sein Selbst, sammelnd, bewahrend und tradierend. Ganz abgesehen davon, dass – anthropologisch tiefer gelegt –

„sich jegliche Bautätigkeit ganz unmittelbar auf die Weibchen bezieht“,

um deren Empfängnis- und Gebärfähigkeit balzend zu domestizieren und kapitalisieren.(Ein Aspekt, der bei Defoe zugunsten selbstgenügsamer Männlichkeit komplett ausgespart wird. Oder wäre gar Freitag das umgarnte Liebesobjekt?)

Damit gerät jedoch Bodenständigkeit, Sesshaftigkeit, das Wohnen, die Bleibe, das Heimischwerden, kurz: das Leben in seiner stets gefährdeten Selbsterhaltung mit Befruchtung und Fortzeugung zu einem abgeleiteten Phänomen und ins Schwimmen: Zu bloßem Modus und Effekt asylsuchender Flucht und Vertreibung; ständigen Ankommens, ohne in seinem konstitutiv virtuellen Dasein je wirklich und wahrhaftig DA zu sein. Von Migration und Nomadismus:

Die Angst – habe ich einmal gelesen – ist die Tugend der Fluchttiere, und sie ist ihre edelste, bewahrt sie ihnen doch das Leben. Meines hat sie bis hierher bewahrt, bis nach Grevesmühlen.

(Ganz ähnlich kann man schon bei Defoe — den Leser eines Hobbes: Theoretiker der Angst als Ausgangspunkt aller vertragsgestützten Staatenbildung —  war über eine unwiderstehliche Triebkraft lesen: But my ill fate pushed me on now with an obstinacy that nothing could resist.)

Angst wird zur Tat- und Triebkraft, die bleibt. Das Leben bewahrt sich, als Leben, durch Unrast, Ruhelosigkeit, skeptische Distanznahme. Und durch, proto-paranoid, gesundes Vertrauen ins Misstrauen. Mut zur Furchtsamkeit. Kurz: Die Unbeständigkeit erweist sich als beständiger denn alle Beständigkeit. Noch Ruhe lässt sich als Flucht vor der Flucht entziffern, wird deshalb zur ersten Bürgerpflicht erhoben, weil ihre Erreichung nur ein temporärer, insularischer, Glücksfall sein kann. Das Jetzt eines erfüllten Augenblicks, der vom Sehen und von Absicht absieht, als Ereignis (ein Wort, das ursprünglich Eräugnis lautete) der biologischen Augen nicht bedarf.

00135796zVerfolgungsjagd – Your inside is out and your outside is in

Das „Innere“ ist eine Täuschung. D.h.: Der ganze Ideenkomplex,
auf den mit diesem Wort angespielt wird, ist wie ein gemalter
Vorhang vor die Szene der eigentlichen Wortverwendung gezogen.
(Ludwig Wittgenstein: Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie.)

Sollte es also Augustin um eine Aufwertung der Innenwelt gegenüber der Außenwelt zu tun sein, wie oft bekundet, dann nur insofern, als die Innenwelt ein radikaleres, schrankenloseres Draussen erlaubt als jedes Draußen, dem diese Innigkeit eben fehlt. „Es geht darum, die Gleichrangigkeit, wenn nicht Überlegenheit der Innenwelt gegenüber der Außenwelt zu zeigen“(so Lutz Hagestedt hier). Sich einrichten, Wohnstatt bauen, Asyl und Bleibe errichten ist bei Ernst Augustin nämlich keineswegs eine Angelegenheit, die einmal erfolgreich zu Ende gebracht, ein Gemütliches bei sich selbst sein, jetzt und immerdar, gewährte.

Augustins Luftschloßbauprojekte gründen auf den seichten Grund der Unmöglichkeit allen nachhaltigen Bauens, transzendentaler Obdachlosigkeit. Ist ein Innen stabilisiert wird es davon geschwemmt, bricht es, sobald es sich als das Innen eines Außen erkennt. Die Metaphorik solcher Einfaltungen in der handkeschen („ Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt “, 1967) Terminologie von Innen- und Außenwelt, mag sie reflektiert sein oder nicht, beginnt bereits auf dem Klappentext: „Heute lebt und schreibt er in noch verbliebenen Innenwelten“ Und „Während ich kontemplativen Gedankengängen folge, die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt.“ (S.27) „Denn gibt es eine Außenwelt, gibt es auch eine Innenwelt.“ (S.193), „Jemand drinnen ist gleich jemand draußen.“ (S.64). Sie, seine Architekturen, sind Fluchtbewegungen vor Verfolgern (es sind deren zwei, der eine das Gegenteil des anderen), denen es aus dem Weg zu gehen gilt durch Verschwinden in der Enge von Zwischenräumen. Refugien. Temporären Zufluchtsorten. Klaustrophilie wird derart auf paradoxe Weise zum Ausweg. Am besten jedoch weder hier noch da sein oder sowohl als auch. A-Topie, Ortloskeit, als Utopie.

Stelle dir einen Mann vor, der sich nirgendwo befindet: Das bin ich.


Kein Geruhsames lathe biosas wiederum; devenir imperceptible, Unsichtbar-Werden wie bei Deleuze („in dieser wundervollen Tarnfarbe. Weiß in Weiß“). Auf der Flucht im Angesicht des geliebt-verhassten Freund-Feindes. Verfolgern, die man, um ihre Absichten einschätzen und vorauskalkulieren zu können, seinerseits verfolgt und die, in letzter Instanz wohl, man selbst sind/ist. Vorm Draußensein, vorm Außersich-Sein gibt´s kein Entrinnen.

Da ist dieser Mensch, der sich anscheinend nichts sehnlicher wünscht, als dorthin zu gehen, wohin ihm niemand folgen kann.

Ein eisiges Buch.

Gender Trouble

Doch Flucht und Verfolgung (und damit die Notwendigkeit zur Täuschung und das Getäuschtwerden) bilden nicht nur einen Zentral-Aspekt des neuen Entwicklungs-, Reise-, Abenteuer-, Spionage-, Kriminal-, Brief-romans „Robinsons blaues Haus“. (Der sich übrigens – wie erwähnt – so unbekümmert um sämtliche ererbten Genres aufführt, sich über und zwischen ihnen, jenseits und diesseits, verschanzt, um ihrem Zugriff, ihrer Vereinnahmungswut zu entfliehen, dass auch das Genre sui generis „gender“, die klar markierte Geschlechterdifferenz zu flirren beginnt.

„Bist du Männchen oder Weibchen? Das kannst du dir aussuchen.“

Ohne dass im gleichen Zuge Sexualität als solche sich neutralisieren würde, wie das im Defoeschen Vorbild der Fall ist. (Sie pluralisiert vielmehr.) Der/die Andere wird, bei Augustin, innigst begehrt und gleichzeitig gefürchtet und geflohen.

Crusoe_2_(by_Paget)

„Da schneidert er sich einen
Körpersack, ein geräumiges Viereck mit vier Zipfeln an den
Ecken und einer Kopfhaube obenauf – die sieht bei Vater wie
ein übergroßer Kaffeewärmer aus.“ (Bild:Robinson Crusoe von Walter Paget)

Erbe

Ohnehin verortet Augustin seine distanzierte Robinsonade als der bekannten Fassung vorausgehende, jenseits von ihr befindliche (sie sei eine „frühere[n], fernere[n] Version dieser Geschichte“ heißt es direkt zu Beginn.) Aus Freitag, dem aus Bodos Internetcafé in Grevesmühlen, New York, London per Annonce aufgespürten und sodann mailend umworbenen virtuellen Begleiter und Intimus – der der Erzähler viel lieber wäre als ein Robinson: „nicht der bärtige Mann mit dem hässlichen Borkenhut und den plumpen Fellschuhen, wie er in meinem Robinson-Buch abgebildet war. Viel lieber wäre ich der glatthäutige Freitag gewesen, der auf Seite dreißig glatt und braunglänzend die Palme erklimmt.“ – wird im Handumdrehen auch mal eine Sie.)

Das wandelnde Körperhaus (mein Vater).
Die Nacht trommelt.
Die Verfolger jaulen von fern.
Der Vater schreitet in gemütlichem Zuhause.

Es geht auch um Erbe und Vermächtnis; Robinsons Geschichte ist zu mehr als der Hälfte auch die seines meist abwesenden, auf dubiosen Reisen befindlichen, schließlich zusammenbrechenden Banker-Vaters, eines in wohl betrügerische Geschäfte verwickelten Geldtransporteurs, Schmugglers, Täuschers, Schatzträgers, auf dessen Spuren und in dessen Nachkommenschaft „Robinson“ unterwegs ist. „Mein Vater, «Der Eismann» oder «Der Mann im Eis»“. Dessen auf einen Koffer beschränktes Gepäck (und die damit verbundenen Belastungen, sich verstecken und fliehen zu müssen) beim Sohn weiter reduziert wird durch Virtualisierung; Realwirtschaft weicht Irrealwirtschaft, die sich mit digital verwahrten Zahlen begnügt. „Eine Unmenge virtuellen Geldes, mit dem man das alles kaufen kann und das sich auf Knopfdruck “löscht”.

„Das, was mein Vater mir vererbt hat! Und was ist das? Es sind fünf Zahlen und vier Buchstaben. Nun, wieviel ist es, ich meine: W i e v i e l? Frag nicht.“

Rathaus_Koepenick_-_SafeVirtualität

So wie „Freitag“ (der Andere oder doch Robinson selbst?) letztlich zum janusköpfigen Ambivalenzträger gerät, männlich und/oder weiblich, Freund und/oder Feind, begehrt und/oder gemeiden, Stalker und/oder Bestalkter, so entpuppt er sich gleichzeitig nicht nur als Lebensspender, sondern („ich habe es immer gewußt“) als „mein ganz persönlicher, höchst privater Tod.“ Das virtuelle, „symbolische“ Kapital hingegen, das jederzeit auf Knopfdruck unwiderruflich gelöscht werden kann, läßt sich lesen als eine Chiffre des Lebens als Galgenfrist. Die Südseeinsel aber zu guter Letzt, die Möglichkeit behaglichen, sorgenfreien Lebens trägt – memento mori – den Namen „Skull Island“.

Im Prinzip läßt sich jeder Schlüssel knacken, es ist nur eine Frage der Zeit, der Zeitaufwand muß sinnvoll sein.

Ernst Augustin ist mit diesem Roman unter Verwendung scheinbar bescheidener, unprätentiöser Mittel, ein derart vielschichtiges, avanciertes Prosagebilde gelungen, dass man seinen Augen nicht traut.

Tillmann Reik

Ernst Augustin: Robinsons blaues Haus. C. H. Beck, München 2012, 319 Seiten. 19,95 Euro. Verlagsinformationen zum Buch. Foto Costa Condordia: wikimedia commons, Rvongher. Tresor. wikimedia gemeinfrei.


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