Jean-Luc Nancy: Das andere Portrait

Vorzüge des Rückzugs

The trait of the portrait, its infinite attraction,
is that it subtracts or withdraws: it withdraws
or takes back all power that it confers, because
it
requires already in advance the death of the
subject,
the death of the king as subject and of
the subject of
the subject in question, that is, of
everything related to
its reference.
(Jacques Derrida, By Force of Mourning)

Das Portrait und sein gleichsam komplementäres italienisches Pedant „il ritrattro“ eröffnen in ihrer gestisch anmutenden Begrifflichkeit eine semantische Komplexität, die für die Beschäftigung mit den ihnen assozierten Genres interessante Überlegungen in Gang setzen kann. Ersterer Ausdruck zieht, von pro-trahere kommend, mit seinen Pinsel- oder Bleistiftstrichen, vor, nicht allein bloß die schmeichelhaften Vorzüge eines Aussehens, das sich im Gesicht und seinem Blick konzentriert, sondern sämtliche charakteristischen Züge, die jemand zu eben diesem, unverwechselbaren Selben in seiner singulären Eigentümlichkeit machen. Während im zweiten Terminus, bildlich, der Rückzug angetreten wird oder ein Entzug, retrait, sich zu Wort meldet, der mit dem Änigmatischen und Mysteriösen, dem Unergründlichen, das jeder Selbigkeit, jedem autos und ipse, eignet, einher geht: machtvolle Absenz am Grunde jeder Präsenz, die als solche eher als unentwegtes Hervorkommen, als „Kunft“ verstanden werden muss, denn für disponible Gegenständlichkeit, die in irgendeiner Weise je ergriffen werden könnte, gehalten werden darf. Wird vom „anderen“ Portrait oder rittrato überdies in jenen romanischen Sprachen gesprochen, können die Worte immer auch (zumindest im Italienischen) so ausgelegt werden, als ginge es nicht nur um ein anderes Vor- oder Zurückziehen, sondern als ziehe sich das Andere, der Andere selbst stets schon zurück und/oder trete hervor. Kommen und Gehen, Ver- und Entbergung, im selben Zug vielleicht. Weitreichender double bind, sofern der genuin aporetische Auftrag einer künstlerischen Darstellung der Persönlichkeit in ihrer intimen Privatheit nun doch dezidiert darin besteht, das Undarstellbare als solches abzubilden.

„Wie kann das Selbe dasselbe sein wie es selbst?“ (S.13)

Dürer_-_Selbstbildnis_im_Pelzrock_-_Alte_Pinakothek[1]

Ausgehend vom „Verstörenden dieser Frage, die sich mit dem Schrecken des Todes verbunden zeigt“ spürt Jean-Luc Nancy in seiner kleinen Studie „Das andere Portrait“ nach zahlreichen früheren Veröffentlichungen zu diesem Sujet ein weiteres mal dem Inbegriff vielleicht aller Kunst („das so singuläre Abenteuer der abendländischen Kunst“ S.40), der Portraitmalerei nach, der „Nachahmung dessen, was sich selbst nachahmt“ (S.38) – diesmal jedoch mit bevorzugtem Augenmerk auf deren zeitgenössischen Erscheinungsformen. Im Jahre 2013/2014 hatte er eine Ausstellung im Museo di arte moderna e contemporanea di Trento e Rovereto kuratiert, in deren Katalog die Studie als Begleittext in einer ersten Fassung enthalten war.

Nirgends schlagender als in den aller Gegenständlichkeit abschwörenden abstrakten Darstellungen moderner Kunst, dort wo in ihren scheint´s mit der mimetischen Tradition an Ähnlichkeit orientierter Repräsentation brechenden De- und Transfigurationen nach wie vor etwas wie „Gesichtlichkeit“ fortbesteht, belegt sich wohl die Fremdheit eines Selbst mit sich selbst, erwachsen aus einer klaffenden Disproportion dieses Selbst eben selbst: seine Selbstandersheit, Nicht-Identität. Letztlich: im modernen Portrait stellt sich der Entzug, welcher in Dürers bekanntem theophanischen Selbstbildnis im Pelzrock von 1500 noch als vergoldetes Licht und rätselhafter, aus der dunklen Tiefe des Blicks und der Augen quellender Nimbus, numinose Aura, das Göttliche als Mensch ins Bild setzt, anders dar; er selbst wird offengelegt und thematisch.

Jackson Pollock, Portrait and a Dream 1953 © Pollock-Krasner Foundation/Artists Rights Society (ARS), New York Jackson Pollock: Blind Spots Tate Liverpool: Exhibition 30 June – 18 October 2015 PRESS IMAGE SUPPLIED BY Laura Deveney <Laura.Deveney@tate.org.uk

Jackson Pollock, Portrait and a Dream 1953
© Pollock-Krasner Foundation/Artists Rights Society (ARS), New York
Jackson Pollock: Blind Spots
Tate Liverpool: Exhibition
30 June – 18 October 2015
PRESS IMAGE SUPPLIED BY Laura Deveney <Laura.Deveney@tate.org.uk

Unvollständig muss, in Sistierung einer verabgründigenden mise-en-abyme Szene, dieses Portrait des Portraits bleiben, das Nancy vom Portrait zeichnet: es ist genötigt, sich auf eine Skizze beschränken, die andeutet, wie der Vollzug seines Denkens, den mitzuvollziehen wie immer unablässig ist, Linien und Farbklekse platziert, mit unverwechselbarem Strich sein Sujet traktiert und traciert. Dabei jedoch überhaupt erst, indem er es durch die Kunstgeschichte entlang der bedeutenden Schaltstellen Rembrandt und Cézanne bis zum heutigen Tag verfolgt, zur Erscheinung verhilft. Denn dies ist wohl die entscheidende Lektion der in sich selbst differierenden, sich übersteigenden Mimesistradition, um deren Erforschung sich auch Philippe Lacoue-Labarthe verdient gemacht hat: dass das „Modell“ als Sujet und also Subjekt (i.e. Medium selbstbezüglicher Alterität) sein proprium nicht als Bestand solide eingespeichert hat, sondern durch sich selbst und also den Anderen stets neu hervorgebracht wird. Eben dies meint Präsenz.

Tillmann Reik

Jean-Luc Nancy: Das andere Porträt. Aus dem Französischen von Thomas Laugstien. diaphanes 2015·96 Seiten·12,95 Euro

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