Florian Werner: Dunkle Materie – Die Geschichte der Scheiße

Ausgeschieden!

Uns bleibt ein Erdenrest
Zu tragen peinlich,
Und wär‘ er von Asbest,
Er ist nicht reinlich.
(Goethe, Faust II)

In seinem 2005 auf Deutsch erschienen Werk „Profanierungen“ fordert der italienische Philosoph Giorgio Agamben einen „neuen Umgang“ mit jener Absonderungsform, die von allen feinen und groben Unterscheidungen die profundeste und doch immer unterschätzte zu sein scheint. Und darum von der seriösen Wissenschaft meist ausgespart und gemieden wird. Zu Unrecht, zumal doch gerade die avancierte soziologische Theorie à la Luhmann und Bourdieu ihr Hauptaugenmerk auf operative Unterscheidungen und Distinktionen zu richten vorgibt.

Die Rede ist von der Enddarm-Ausscheidung.

Als Vorgang und Prozess des Stoffwechsels („abstraktes Abstoßen seiner von sich selbst“, hatte Hegel es genannt), aber mehr noch als Endprodukt und Rückstand, peinliche Hinterlassenschaft. Philosophisch gekalauert: Scheiße(n) ist der entscheidendste Schied, das alltägliche biologisch-moralische Fundamentalschisma – etymologisch Derivat der indoeuropäischen Wurzel *skei-d: trennen, separieren, auf die, neben scheiden, Ski, engl.sky und Schisma etwa auch Skizze, Schizophrenie und scientia zurückgehen – womöglich just, weil sie/es verwaschen die Reinform des Unreinlichen markiert. Real und metaphorisch eine Chiffre allen Pfuis vorstellt, gegen das sich sämtliche Huis in deutlicher Absetzung stets aufs Neue zu behaupten haben. Kehrseite der Kultur und ihr wahres Gesicht. „Sie [die Kultur] perhorresziert den Gestank, weil sie stinkt; weil ihr Palast, wie es an einer großartigen Stelle von Brecht heißt, gebaut ist aus Hundsscheiße.“ (Adorno)

Kopro-Archäologie

„Was könnte es bedeuten?“, fragt Agamben, „die Defäkation profanieren? Gewiß nicht, die geforderte Natürlichkeit wiederzugewinnen, auch nicht sie einfach in Form einer perversen Übertretung zu genießen (was zwar schon besser wäre als gar nichts). Es geht vielmehr darum, die Defäkation archäologisch anzugehen als ein Feld polarer Spannungen zwischen Natur und Kultur, Privatem und Öffentlichem, Eigentümlichem und Gemeinsamen.“

Diesem Erfordernis, Exkrement, Fäzes, Stuhl, Kot, Kacke oder Scheiße mithin nicht auch theoretisch eine Abfuhr zu erteilen, versucht in unverkrampfter Manier Florian Werners (pseudo-)kulturwissenschaftliche Monographie „Dunkle Materie. Die Geschichte der Scheiße“ gerecht zu werden. Pseudo– oder populärwissenschaftlich im besten Sinne deshalb, weil die buntgefächerte Kollektion zum Abgeführten von beeindruckend flüssiger Lesbarkeit ist und mitnichten den Eindruck erweckt, mit der überambitionierten Losung anzutreten, nie dagewesene Einsichten der Fäkalforschung einer spezialisierten Fachgemeinde auf dem Silbertablett darzureichen. An Massenkompatibilität führt, wenn es um die bestverteilte „Sache“ der Welt geht, ohnehin kaum ein Schritt vorbei. Shit Science wird sich aufgrund der erwähnten etymologischen Familienverhältnisse (vgl. S.25) als ein exemplarischer Fall von Selbstreferentialität erweisen.

 Experimentelle Exkrementalistik

„Was ist Scheiße?“, fragt der Autor, seines Zeichens promovierter Literaturwissenschaftler, wagemutig auf Seite 15 seines Kompendiums und schlägt jeglichen délire de toucher in den Wind, der seinerzeit sogar einen fäkalsprachlich routinierten Klaus Kinski zu dem leichtfertigen und performativ selbstwidersprüchlichen Verdikt treiben konnte: „Man weiß, daß Scheiße stinkt, also muß man nicht darüber reden.“ Was er aber trotzdem tat.

Wovon man nicht reden muss oder darf, weil eine zählebige Illusion die Identität vom Wort, welches man in den Mund nimmt und der Sache, die es bezeichnet, unterstellt, darüber kann man nichtsdestotrotz versiert und instruktiv schreiben und damit gleichzeitig qua distanzierender Versachlichung hinreichend desinfizieren. Und für derartige Koprographie sollte (Werner zitiert es auf S.37) Roland Barthes Diktum angesichts der Analyse von de Sades Schriften uneingeschränkt zutreffen: „Geschriebene Scheiße stinkt nicht.“ (Wobei an die Adresse des Verlags die Minimalbeschwerde erlaubt sei, dass das ansonsten wunderbar ausgestattete Buch unter dem olfaktorischen Aspekt zu wünschen übrig lässt: Der penetrante Eigengeruch ist gewöhnungsbedürftig.)

Holy Shit

Die Kotheit, das Wesen der Scheiße ontologisch zu bestimmen (S.20) – stellt sich ohnehin sehr früh in der Geschichte skatologischer Reflexionen heraus – ist so verführerisch wie undurchführbar.

Bereits Sokrates — zufällig lautet eines seiner Namens-Anagramme „Rasse Kot“–, von Parmenides gefragt, ob es denn auch von Kot und Schmutz ewige Ideen gebe, musste eingestehen, aus Furcht „in einen wahren Abgrund der Albernheit zu versinken und darin umzukommen“ (Parmenides 130b) und schließlich auch in Hinsicht auf die anderen Phänomene gehörig durcheinander zu geraten, von dergleichen Spekulationen die Finger zu lassen.

Das tut, jedenfalls was metaphysische Tiefbohrungen anlangt, auch Werner. Scheiße ist und bleibt für ihn wie für uns „eine verborgene und mysteriöse Substanz“, „verfemte Materie“, „wie ein Untoter“ (S.10) und in der Doppelbedeutung des lateinischen Wortes „sacer“ heilig und verstoßen zugleich. Man bewegt sich in der Zone von Totem und Tabu.

Wenn der vom Autor gewählte Titel zum einen etwa an Hawkings „Eine kurze Geschichte der Zeit“ und die themenverwandte klassische Untersuchung des französischen Freudo–Marxo–Lacanianers Dominique Laporte „Histoire de la merde“ erinnert, dann nicht ganz ohne Grund. Die Stoßrichtung der letzteren Untersuchung ist spezieller, aber in vielem mit der unterschwelligen Überzeugung von Werners Unterfangen d´accord. Fäkalien sind Verworfene und ins unterirdische Reich der Kanalisation überführte polymorphe Massen, deren inferiorer Status über ihre signifikante Bedeutung für die Konstitution und Kohäsion der bürgerlichen Gesellschaft und des Individuums hinwegtäuscht.

Dunkle Materie“ benennt letztlich eben, dies ist der Anknüpfungspunkt zum erstgenannten Bestseller, in der Astrophysik ein Hilfskonstrukt, das eingeführt werden musste, nachdem die Rechnungen der Naturwissenschaftler nicht aufgingen und unterm Strich stets ein Überrest an Masse übrigblieb, der sich anhand der sichtbaren Objekte nicht erklären ließ.

Übrigens gäbe auch Winfried Mennighaus‘ fulminante Studie über den Ekel einen guten Referenzpunkt ab, um das Werner’sche Buch thematisch zu verorten.

Faces of Feces

„Geschichte“, wie sie im Untertitel auftaucht, muss allerdings im vorliegenden Fall eher narratologisch denn historiographisch verstanden werden. Es geht um eine in viele Facetten zerfallende Story of Shit, Shitory, nicht um lineare Chronologie.

Eine unbändige Materialfülle wird dabei in einer Werners früherer Buchveröffentlichung über die Kuh gar nicht unähnlichen Verfahrensweise um eher vage thematische Gravitationspunkte gruppiert und auf kaum mehr als 200 Seiten zusammen gedrängt, wobei es bisweilen zu sachlichen Überschneidungen kommt. Denn die theologischen Implikationen von Fäzes (Stichwort:„Gott ist Kot“) lassen sich selbstredend nur auf den ersten Blick sauber von gastroenterologischen, biochemischen, sittengeschichtlichen, finanzökonomischen („Dukatenscheiße“), popkulturspezifischen (der „shittalk“ der gangster rapper, Eminems „Shit on you„; der „2 Girls 1 Cup„-Hype), psychoanalytischen (Freuds Theorie der Analität), kunst- und filmwissenschaftlichen (etwa der exkrement-affinen Künstler Marc Quinn, Paul McCarthy; des Kultfilms Pink Flamingos, in welchem ein warmer Hundehaufen verspeist wird) und vielen mehr scheiden. Die Grenzen all jener Teilbereiche und Genres werden unvermeidlicherweise stets – ganz unhygienisch – verschmieren. Kot ist wie Gott ubiquitär. Letztlich ist Alles/Nichts Kacke. Oder in Gestalt der finalen, das Buch beschließenden Grammatikalabsonderung Werners formuliert: Der Rest ist Scheiße.

In der Bilanz folglich ein nicht bloß hinsichtlich seiner Fähigkeiten zur Erkenntnisförderung gewinnbringendes Fäzesbook (beklagenswert allein das Fehlen von Personen- und Sachregister!), sondern überdies ein ungemein unterhaltsames und erheiterndes. Shit For Fun in gut verdaulicher Zubereitung!

André Luthardt

Florian Werner: Dunkle Materie – Die Geschichte der Scheiße. Zürich: Verlag Nagel & Kimche 2011. 238 Seiten. 18,90 Euro. Verlagsinformationen zum Buch mit Leseprobe

Advertisements