François Laruelle: General Theory of Victims

Radikal verletzliche Letztlichkeit: Paraphrasen zur Philosophie und ihren Opfern

We pursue a more rigorous and more „human“ theory than philosophy usually pursues, devoted as it is to the cosmos and to being, to the sciences and to the gods. A certain theoretical practice is capable of itself being the „compassion “ philosophy scarcely shows. (6)

We have another idea of style. Style is the imitation of the real and not reality, style alone has the right to be“specular”or uni-specular without being a reflection or mirror, just a uni-side [uni-face] (of) the One. The real itself does not have this right, but its unifaciality is woven from the heterogeneous methods and processes taken from reality, hence its baroque character. It is a fiction which is as rigorous as possible considering its initial axioms.The art of the fluidly imprecise [l’art duflou], of the “wave” or “vague,” of the echo and resonance, of the orphaned amphi-biology of Logos, forms a rigorous sub-rationality within its order but which is certainly not a return to the old case of nihilism. (Laruelle,Philosophie non-standard, 477)

But we are looking for a thinking that, however inventive it is, is the action of a non-acting, an anti-activist wager, a per-formation without performance, how can we“weaken”the excess of action and its decision?

(Philosophie non-standard, 222)

1.

„Solange Einzelne geopfert werden, solange das Opfer den Gegensatz von Kollektiv und Individuum einbegreift, solange ist objektiv der Betrug am Opfer mitgesetzt […]. Jedes Opfer ist eine Restauration, die von der geschichtlichen Realität Lügen gestraft wird, in der man sie unternimmt. Der ehrwürdige Glaube ans Opfer aber ist wahrscheinlich bereits ein eingedrilltes Schema, nach welchen die Unterworfenen das ihnen angetane Unrecht sich selber nochmals antun, um es ertragen zu können. Es rettet nicht durch stellvertretende Rückgabe die unmittelbare, nur eben unterbrochene Kommunikation, welche die heutigen Mythologen ihm zuschreiben, sondern die Institution des Opfers selber ist das Mal einer historischen Katastro- phe, ein Akt von Gewalt, der Menschen und Natur gleichermaßen widerfahrt. […] Auf einer Stufe der Vorzeit mögen die Opfer eine Art blutige Rationalität besessen haben, die freilich schon damals kaum von der Gier des Privilegs zu trennen war. (…] Die vielberufene Irrationalität des Opfers ist nichts anderes als der Ausdruck dafür, daß die Praxis der Opfer länger währte als ihre selber schon unwahre, nämlich partikulare rationale Notwendigkeit. (…] Alle Entmythologisierung hat die Form der unaufhaltsamen Erfahrung von der Vergeblichkeit und Überflüssigkeit von Opfern“ (Horkheimer/Adorno 1988, S. 58 ff.).

Täter machen (zu) Opfer(n), weil sie, tuend, Male zufügen. Und, sei hinzugefügt, wo also das zufügende Tun und Machen, die Tat und die Produktion im Spiel sind (wo nicht? wo nicht nicht?) und gesellschaftliche Interaktion zum perpetuierten Ernst eines immer schon virtuellen, und oft genug schmerzhaft aktuellen, Kriegs-Spiels sogenannter konkurrenzkapitalistischer Aneignungskämpfe werden lassen, ist das Opfer, scheint es, nicht weit. Und in seiner tragenden Funktion unverzichtbar.
“Viktimisierung” firmiiert als Branding einer Debatte über die rechtmässige Benutzung des Begriffs “Opfer” und ist in den Massen-Medien öffentlicher Diskursmärkte seit den 90er Jahren in aller Munde. Zum Opfer werden oder geworden sein gilt — trotz der Erfahrungen, die nach dem Ende des zweiten Weltkrieges diese Debatte mitangestossen hatten und ihre Folie bilden — als eine, wenn auch zu häufig anfallende, bedauerliche Ausnahme, deren Vorkommen exekutiv sanktionierend ein Riegel vorgeschoben und deren Vorgekommensein ökonomisch entschädigt werden kann und muss. Deren Grundlage als solche in der Betriebsamkeit ihrer Procederes aber nicht belangt werden soll. Umso mehr gilt es darum, zu kontrollieren, was und wer als Opfer gelten und als solches, zur Bemitleidung, ausgestellt werden darf und wem das zu verwehren ist. Selbstviktimisierung muss demzufolge zur Sicherung der richtigen Rechtsansprüche unter anderem, aber allem voran, den Ruf haben, ein perfides inflationierendes Laster zu sein. Denn insofern es sich auf Erschwindlung eines Status verlegt, der ihm von Rechts wegen nicht zu kommt, begeht es das Delikt einer Erschwindelung. Sich selbst zum Opfer eines Unrechts machen (wo doch nur andere einen dazu machen können, die welche etwas antun, und jene die dieses Angetane in seinem Status anerkennen), sei illegitim. Zum Täter einer solchen Inszenierung zu werden, die sich Vorteile und Privilegien durch die Behauptung einer Benachteiligung verschaffen will und mithilfe dieser Tat die anderen zu Tätern im nicht mehr “guten” Sinne subjektiver konkurrierender ins Werk setzender Tathandlungen macht, sondern diese tätige Sich-Durchsetzen, zu dem die Gesellschaft ermutigt und ermuntert, weil sie sich auf ihm gründen will, selbst als virtuelle Un- und Missetat erscheinen lässt, kann und darf im moralischen Bereich — dem umschriebenen Distrikt der Sicherstellung guter Taten — keine Bonität genießen. Denn er macht, sich zum Opfer machend, Unschuldige zum Opfer seiner Täter-Titulierung.
Weil sie derart eine Verdrehung, Verkehrung oder Kollabierung jener binären Hierarchie bewirken soll, auf deren einzuhaltender digitaler Zweiwertigkeit die Gesellschaftsordnung beruht — eine Ordnung aus klar von Tätern zu scheidenden Opfern — muss sie — diese Torsion oder Perversion der Selbstviktimisierung, verworfen werden. Muss verfemt sein, vor dem Hintergrund, dass diese Vertauschung und Verwechslung unablässig konstitutiv stattfindet. Opfer/Nicht-Opfer oder Opfer/Täter: produziert diese binäre Algorithmik, ausgehend von einem primären Dezisionismus, nicht ihrerseits Opfer, die in der Rechnung und den Rechenschaftsberichten nicht auftauchen?

2.

Opfer….La victime, das Wort, bedeutet dabei nicht nur Opfer, sondern Verletzer und Geschädigter. Im heutigen französischen Sprachgebrauch: Leidtragender und im juristischen Sinne der Viktimologie, Teildiszplin der Kriminologie, Opfer eines Verbrechens oder einer Straftat, die sich in erster Linie als Verletzung der Rechte der geschädigten Person versteht. Hier im Besondern die Verletzung der Nicht-Benachteiligungs-Forderung. Wird dieser Status anerkannt, entsteht ein Anspruch auf Entschädigungsleistungen:

“Voraussetzung für Leistungen nach dem bundesdeutschen Opferentschädigungsgesetz ist eine „Viktimisierung“, nämlich die Feststellung, dass ein Antragsteller „Opfer“ im Sinne des Gesetzes ist. “

“Als Viktimisierung wird von Juristen auch die ungerechtfertigte Benachteiligung von Menschen, die Klage gegen ihre Ungleichbehandlung eingereicht haben, bezeichnet, sofern die geltend gemachte Schädigung als „Diskriminierung“ anerkannt wird. Die vier Anti-Diskriminierungs-Richtlinien der EU verbieten diese Form der Viktimisierung (Antirassismusrichtlinie Richtlinie 2000/43/EG, Rahmenrichtlinie Richtlinie 2000/78/EG, Genderrichtlinie (2002) Richtlinie 2002/73/EG, Genderrichtline (2004) Richtlinie 2004/113/EG). “

Die Überzeugung, Conviction, das Wort fände, in der Bedeutung, der Besiegte, seine Wurzeln im Gewinnen — vincere — hat etymologisch nicht den Sieg davon getragen. Wenngleich Ovid in seinen Fasti Überlegungen anstellt, die darauf hinauslaufen, dem “victum” seinen Namen aus der Tatsache seines Gefälltwerdens von der siegreichen, rechten Hand des Victors herzuschreiben.

victima quae dextra cecidit victrice vocatur*1

Für wahrscheinlicher jedoch gilt eine indoeuropäische Wurzel, die auch dem “Weihen” seinen Namen schenkt: eine Gabe für die Gottheit, was die sakrifiziellen Wurzlen der abendländischen Opferkultur in ihrer onto-theo-teleo-technologischen Verfassung brachlegt. Jener Kultur, die einer nicht untrifftigen Hypothese nach auf einer Tauschgesellschaft des quid pro quo und do ut des gründet. Insofern mutet eine weitere Hypothese zur Herkunft des lateinischen Wortes victima ebenfalls plausibel an: die, welche in ihm einen Verwandten von “vicis” sieht. Jenen vitiös kreisenden und lasterhaften Wechsel und Tausch, in dem das Eine das Andere ablöst und als die zweite Seite des Selben stellvertritt.

3.

Allen positiven Definitionen zum Trotz wissen wir jedoch, so jedenfalls Laruelle, bestimmt, in letzter Instanz und mit letzter Autorität, nicht, nicht zureichend begründet jedenfalls — denn jedes Zuviel an positiver Bestimmung wäre hier ein Zuwenig, weil es die Opfer dieser Bestimmung von Opfer und nicht Nicht-Opfern — das, was stellvertretend-vikarisch als übrigbleibender Rest um der Erwirtschaftung des definitorischen Resultats Willen dran glauben und unter den Tisch fallen muss — selbst nicht erfassen kann — was ein Opfer ist. Sonst hätten wir, wüssten wir es, über es gesiegt, oder es zu einem Sieg umgewendet. Was da bleibt, ist hingegen nicht in einfachem vice versa das Opfer als Sieger, victor quia victima, sondern etwas um Sieg und Niederlage gänzlich Unbekümmertes, diesen Kategorien Fremdes. Auf dieses und auf dieses gewisse Unwissen von ihm und seine Unverortbarkeit wäre eine generische Ethik zu gründen:

It is a question of founding ethics on the unlocalizable and sometimes unidentifiable victim rather than on the metaphysical or philosophical force that took him for profit or loss. This would follow a movement of thought begun, for example, by Levinas (Humanism of the Other), and would better agree with our experience of the past century and draw out its consequences. (5)

Wissen wir, abgesehen von philosophischen Definitionen, die sich seiner bemächtigen wollen, was ein Opfer ist, zwar nicht, spüren wir es vielleicht, letztlich, jedoch. D.h. entnehmen es, ohne zu wissen, was das ist, dem gleichsam unmittelbar sich mitteilenden einer non-thetischen, non-reflexiven transzendentalen Empirie. Damit ist gemeint, dem Realen der “gelebten Erfahrung”, des Erlebnisses — le vécu — habe sie auch die — vom Standpunkt philosophischer Non-Kontradiktionalität und logischer Konsistenz aus betrachtet – aporetische und inkonsistente Gestalt einer immer latent traumatischen Erfahrung der Unerfahrbarkeit. Erfahrung der Ohnmacht und Unmöglichkeit. Dem schieren Statt-Haben ausgesetzt ist diese gleichsam gnostische und proto-häretische Erkenntnis der dritten Art. Sei sie also die Erleidnis, passio (sowohl Freud wie Leid, Schmerz wie Lust), Handeln des Nicht-Handelns, eine Erfahrung der Aporie und Aporie der Erfahrung: Schwäche, die eine andere seltsam alles bestimmende Kraft zu sein scheint. Auf die Verhör-Frage ontologischer Ermittlung, “Was ist das?”, Interrogation und Inquisition, bliebe eine Antwort, die sich dem Opfer weiht, nicht über es urteilt, sondern ihm gemäß denkt mit Kompassion und ohne Bemitleidung, und es nicht ein weiteres Mal opfern will, in bestimmter Hinsicht notwendig aus, versagte, hielte sich in der Schwebe oder setzte sich in Klammern. Epoché. Eine Auskunft hingegen, die sich in der Verlegenheit über die Fraglichkeit, von der aus sich die Frage stellt und letztere noch mit in sich hinein zieht, nicht zu halten versteht und mit Prädikationen und Urteilen aufwartet, opfert das Opfer erneut, siegt über es und hat somit zugleich nicht geantwortet. Nicht verantwortlich geantwortet. Gefordert scheint mithin eine aktive Zurückhaltung.
Obzwar sich in der Verquickung von operari und offere, auf die das Wort “Opfer” zurückgeht, anzeigt, dass eine im Rahmen des reinen Tuns und Wirkens geleistet Darbietung und Abgabe an eine Gottheit, welche die Welt der Arbeit und der Tat und ihre tauschgesellschaftliche Ökonomie der reziproken Schuld und Schulden, wechselseitiger Oblilationen, als eine des Bezugs auf eine ideale, hierarchisch übergeordnete Sphäre erkennen lässt, im Spiel ist. Eine teleo-theologische Welt, in der beim Wirken für den guten Gott oder die gute Sache (des Allgemeinen als Zweck und Ziel, der alles als Mittel in seinen Dienst nimmt) anfallende Kollateralschäden des Partikularen unvermeidlich sind und nicht nur zur Tagesordnung gehören, sondern gleichsam die conditio sine qua non allen Funktionierens abgeben. Sie wäre, diese Welt und die sie unterfütternde Philosophie mit ihrer humanistischen Anthropologie, gerade an ihrem Zuviel an Suffizienz als radikal insuffizient zu erkennen, hinsichtlich nämlich des Wichtigsten: der Verteidigung und Parteinahme für das “Menschliche,” vor allem Begriff. Vor allem Humanismus philosophisch-anthropologischen Zuschnitts. Generische Menschlichkeit des Menschen als Gattungswesens (Marx) wäre das, was die Allgemeinbegriffe vom Menschen und der Menschheit ihrerseits schon voraussetzen.

Philosophy has become insufficient – it had to recognize or deny this – through an excess of “ sufficiency “ to ensure that which seems to us to be the first task of an ethics : the defense of humans divided up or divided against themselves. (20)

Es bleibt jedoch unbestimmt, von dieser Unbestimmbarkeit letztinstanzlich bestimmt und der Ordnung des Wissenwollens (als Können) letztlich entzogen, was sich als solches den diversen ins Werk setzenden Operationen handelnder Täter und Töter, die etwas, wenn auch “nur” Thesen, antun und beifügen, als potentielle Schädigungsempfänger immer schon offeriert. Philosophie und ihre intellektuellen Vollstrecker mögen es als Thema verfolgen, aber dabei radikal verfehlen. Das Opfer, victima, bleibt das Ungedachte der als reine Unschuld vorurteilsfreier zureichender All-Reflektierbarkeit sich inszenierenden Philosophie schlechthin, sofern es alle Verfolgung, alle konsequente Persekution von Fragestellungen als von diesen Vorausgesetztes ermöglicht und zulässt, wenn nicht dazu einläd. Wir wissen vielleicht deshalb nicht, mit zureichendem Grund, was ein Opfer ist, weil das Opfer der unbegründeten Unzureichendheit, der Unfertigkeit und vielleicht schlechthinnigen Impotenz anderer Name ist. Und diese vikarisch-viktimarische Unzureichendheit die unilaterale letztinstanzliche Bestimmung bleibt. Reine endliche Letztlichkeit (und: kann man sagen: Lässlichkeit, Lässigkeit und Losigkeit), die schwache und durch diese Schwäche resistente Kraft einer determinierenden Un-, Unter- und Indetermination, deren einer Name “Opfer” lauten könnte.

4.

Indem Francois Laruelle in seiner Allgemeinen Theorie des Opfers in idiosynkratischer Signatur die alle Allgemeinverbindlichkeit aus den Sphären universeller Allgemeinbegriffe in die Dimension des unterdeterminierenden Generischen umlenkt und das Opfer als das schlechthin Humane dieser humiden radikalen Unterdetermination einsenkt, versucht er mit Mitteln seiner generischen Wissenschaft der Non-Philosophie, etwas zu vermeiden: Dadurch nämlich, dass bestimmt würde, wer und was ein Opfer sei, wem das Recht auf diesen Status zukommt und wem es verweigert werden muss — die dialektische Digitalisierung in Opfer und Nicht-Opfer — diesem, qua definitionem die Gewalt ein zweites Mal anzutun. Um die radikale Unbestimmtheit des Opfers,das Menschliche selbst und in Person, dieses — vom Stanpunkt der Suffzienz aus — Kenotische, diese Vakanz und Vakuität zu wahren gilt es also gleichsam asketisch einen Verzicht zu üben, der sich zum Verzicht eines Verzichts verdeutlichen lässt. Es geht, ganz einfach, darum, jenen Verzicht, der im Opfern besteht und womöglich die sakrifzielle Struktur unserer Kultur gefangen in einer Dialektik von Herr und Knecht, Täter und Opfer, bestimmt, zu unterlassen.

Seine mitunter recht harschen Rügen des nicht im Dienste des Menschlichen sondern idealistischer Werte und Zwecke stehenden, engagierten Medienintellektuellen gründen sich denn auch auf eben diese Diagnose: der überexponierte, überrepräsentierte Intellektuelle (Sartre sei sein klassisches Beispiel, aber Zolas “J´accuse” hat das Paradigma vielleiht begründet und Badiou fungiert als zeitgenössische Zielscheibe) unter der Flagge einer (wenn auch verwässerten Philosophie) opfert im Scheinwerferlicht der plusquam-präsenten Phänomenalität das Opfer, in dem er, seinem Narzißmus frönend, diesem selbst zum Opfer fallend,

Derrida, for example, says that narcissism pursues us to death. (102)

der die Arbeitsteilung “Die einen leidend, die anderen reden darüber und prangern es an” freudig bejaht, das Opfer selbst opfert.

But the embedded intellectual in fact orbits around power (which he must seduce to be able to limit), rather than around victims, whose defense becomes a pretext for the exercise of the intellectual’s narcissism. (54)

Was opfert er dabei, selbst dort und gerade, wo er es, mit besten Intentionen, einem idealisierenden Erinnerungskult einverleibt und als Opfer verewigt? Wohl doch die radikale Bestimmungslosigkeit eines X, die -barkeit dieser generischen Menschlichkeit selbst,welche nicht als über- sondern irredzuibel unterdeterminiert zu denken wäre. Als radikale Fremdheit und Sonderbarkeit — strangeness. Durch das Herauszerren seines Entzugs in die Überrepräsentation und -ausstellung des medialen Zirkulations-Zirkus wiederholt sich jener Verrat, der das Opfer zum Opfer macht und je schon gemacht hat.

Anstellle solcher Intellektualität zu treten hätte, so kann man Laurelle ablauschen, eine generische Intellektualität der Imitation viktimarischer Generetizität. Es bedeutet, Unterrepräsentation und -exposition, Unterbestimmtheit seinerselbst als Clone dieser determinierend-unterdeterminierenden Letztlichkeit gleichsam zu “kultivieren”. Die, letztlich, radikale Bestimmungslosigkeit zu retten hieße dann, in einem Denken gemäß (selon de, according to) dem Realen, der Desidentifikation und De-Indivuation sich zu überlassen. Ihm entlang und in Anschmiegung an es. In Mimikry und Mimesis seiner Syntax, die am ehesten als eine A-Taxis oder Anataxis zu beschreiben sein dürfte. Oder gemäß einer Identität, die sich nicht als logischen Syllogismus sondern als quantentheoretische Superposition, der Überlagerung unzählicher möglicher Zustände (auch einander auschließender) zu verstehen gibt. Und so zu denken und schreiben bedeutet eine radikale Um-Orientierung des vom epistemologischen Automaton beherrschten Denkens. Umorientierung zur Anschmiegsamkeit an eine fraktalisierte Desorientierung.

When it is understood that philosophy is a rational mythology become indispensable and planetarily hegemonic, a thought that never admits to being outdated [depassee] because it is racing ahead [depassante] , that it is made to resist all counterexamples and refutations as if it were a reasoning and perhaps rational hallucination, that it is the argued system of its own self-defense like a belief impervious to the doubt it brings about, that it is its own protestation of good faith and of its love of truth, then it is no longer necessary to bother with an internal auto-critique or an external hetero-critique, such as undertaking to limit its sufficiency to a precise point, arguing indefinitely against it for the right to treat it with a certain local exteriority, as do materialisms. (22)

Last and least, after all is said and done: Laruelles Détermination-en-dernièreinstance (DDI), die verbindlich alles entbindende, anfängliche Letztlichkeit und Verletzlichkeit als eine andere primäre (und aller Priorität vorausgehende) ultima ratio, das Ultimum und Ultimatum der zuverlässigen De-Determination, ist auch in der Bedeutung “letzte Instanz” fürs Höchstgericht eine Art Pindarscher nomos basileus in der Auslegung Hölderlins.2 Sie ist jene Voraussetzung, die nicht gesetzt, sondern nur im Axiom gewürdigt werden kann, weil alles Setzen sie voraussetzt und sie nur als dasjenige Setzen kann, was sie nicht setzen kann. Während solcherlei Aporien im philosophischen Kontext und dessen Logik als das Versagen epistemologischer Performanz aufgelöst oder umgangen werden müssen, stehen sie hier für eine Resistenz und immanente Restanz des Realen gegen seine vollständige Repräsentanz in einem Teil seinerselbst. Was sich allein vollständig repräsentiert, jedes mal ganz, auf ein Mal und in Einem perfekt, ist diese Unvollständigkeit und Insuffizienz. Sie kann also als Gesagtes nicht gesagt werden, und versteht man Sprache als den alleinigen Akkumulator von Bedeutungen, verengt sie also semantistisch auf ihre prädikative und urteilende Schicht, muss das als generische Immanenz verstandene Reale und Eine (eher No-One, None, Ohne, Plus d´Un) vor und jenseits der Sprache verortet werden. Aber es liegt auch IN ihr, als ihre Auseinandersetzung und kommt insofern weniger im Gesagten hervor als im Sagen selbst, dem Geschehnis des Sprechens und Schreibens zu Wort. Das “le réel” des Laruelle könnte sich, einem nicht-standardmässigen und nicht standesgemäßen Denken, also am Gemäßesten dort zeigen, wo eine De-Formation sich — in den Worten Werner Hamachers — sprachgerecht ausspricht. Laruelles Übungen in extravaganter Sterilität (Ray Brassier) sind selbst in diesem Sinne Exerzitien einer aus der Zukunft kommenden monotonen Maschinensprache von mitunter ennervierender, wenn nicht quälender Sterilität und Stereotypie. Aber vielleicht kann Denken als Dichten sich (heute) — nicht ein Nicht-Rechen als bestimmte Operation, sondern Non-Computing als Erweitertes Kalkül — nur auf solch verschrobene Weise formulieren, in einem Duktus, der weniger mit subjektiver Erlebnislyrik zu tun hat, als mit einer inhumanen Tier- oder Computersprache. Um dann deren intime Verwandtschaft mit den Musen offenbar werden zu lassen. Das heißt auch: mit der techné musiké:

Nevertheless, we are still dealing with a surface-inventory that has to move from discursive themes to another model, for example to leitmotifs à la Wagner. Non-philosophy is doubled more globally by a musical organization or tissue. Vertically, it is a spiraled thought, contrapuntal in spirit or with superposed themes (in a musical rather than quantum sense, but the former announces the latter). Horizontally, it is a melody that exposes and reexposes the themes. Its profound or desired model is musical. To be sure, its form is still too classical and insufficiently inventive, and nowadays it dares to go beyond the academic form only in some experimental texts grounded in repetition. It is born of relatively precise obsessions, of repetition through a system of variations, the ideal of a repetitive or variational thought from the great classical models (Bach, Beethoven, Brahms, Wagner) up to the most recent (Cage).

Tillmann Reik

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Werner Hamacher: Keinmaleins

Ma(h)(l)-Nehmen: Aparté to autom

Zählen mit Celan

ich finde / hinaus

Daran, dass die Eins von sich selbst nicht gezählt werden kann, zeigt sich somit nicht nur die Gegenstandsungewissheit der Zahl, sondern ihre Inexistenz als Zahl: Es gibt keine Zahl Eins, die von der Zahl Eins gezählt werden könnte; Eins ist nicht. (Heterautonomien*)

Aber Messung und Zählung können ihrerseits wiederum nur von einer Geste her erfahren werden, in der Maße und Zahlen nicht als vorgegebene Größen in ein Kalkül eingetragen, sondern zunächst erschlossen und noch vor jedem Kalkül notiert werden. (Maser, 34)

Then I heard the sergeant shouting: „Abzählen!“ They start slowly and irregularly: one, two, three, four – „Achtung!“ The sergeant shouted again, „Rascher! Nochmal von vorn anfangen! In einer Minute will ich wissen, wieviele ich zur Gaskammer abliefere! Abzählen!“ They began again, first slowly: one, two, three, four, became faster and faster, so fast that it finally sounded like a stampede of wild horses, and (all) of a sudden, in the middle of it, they began singing the Shema Yisroel. (Schönberg, A Survivor from Warsaw)

Il faut bien manger / Man muss recht essen. (Derrida, Ausslassungspunkte)

[…]à vomir / zum Kotzen.“ (derselbe, Gestade, S.169)

  1. Ma(r)termatik, Ma-Thesis und Cena-Zernierungs-Szene

Often the sucking activities of a child are accompanied by a slight nasal murmur, the only phonation which can be produced when the lips are pressed to mother’s breast or to the feeding bottle and the mouth full. Later, this phonatory reaction to nursing is reproduced as an anticipatory signal at the mere sight of food and finally as a manifestation of a desire to eat, or more generally, as an expression of discontent and impatient longing for missing food or absent nurser, and any ungranted wish. When the mouth is free from nutrition, the nasal murmur may be supplied with an oral, particularly labial release; it may also obtain an optional vocalic support.

— Roman Jakobson, Why ‚Mama‘ and ‚Papa‘?

Auf eine, nenne man sie — zudem, weil sie an dieser Stelle, einverleibend zueigen gemacht und verstoffwechselnd prozessierend, als, wenn auch nicht ungebrochen, sowie durchweg eingeklammert, die “Meine” erscheint — Ma-Thesis, zählend (d.h. setzend) — und um ein anderes, von einem gewissen Ma() ausgehendes Zählen, mit Celan, soll es gehen — ist die indoeuropäische Wortwurzel, Radix, Matrix, *ma als linguistisches Universal zu begreifen. Wurzelwort, das, abgründig, eine fast allen Sprachen dieser Herkunft gemeinsame Bezeichnung für die Mutter, also mater, begründet. Oralität als mündliche Verlautbarung fände ihren Anfang somit nicht, wie Herder einmal vermutete, im OR,

Und am Ende sammlet sich doch Alles um das Eine Wort der Ursprache Or! Man staunet, und es ist!

sondern im ersten oder entscheidensten Lallwort des Babytalk.

Die Oralität, der Mund und die Brust sind zunächst abgründige Tiefen. (Deleuze, Logik des Sinns, 232)

Alles beginnt mit dem Abgrund. (ebenda, 233)

Ist also mutmaßlich — rechnet man mit dem Mut*-Maß dieser Ma-Thesis universalis von der Monogenese des Sprachursprungs und zählt, setzt, baut auf es — jener erste Laut in onomatopoietischer Wortgestalt, Proto-Wort, Ur-Wort, das beim Schließen und Öffnen der Lippen des Säuglingskörpers im Zusammenhang mit dem Saugen an der Brust (lat. mamma), pars pro toto, der entweder leiblichen Mutter, Mama, oder supplementierenden Amme (griech. ammá) hörbar wird**. Es ist der Mund, der, bereits bereit, sozusagen, wider Willen unterwegs zur Sprache zu sein, von Ma zu Ma,  die Ma und ihre Aufmerksamkeit suchend das Ma macht oder gar in bestimmter Hinsicht dieses Ma, zur Figur geworden, ist. Ma als Laut und Bild, Lautbild und Lautbildung. Genauer und anders gesagt, wird die Alte(n)ration eines Vorgangs — des Stillens — verlautlicht, dem eine eigenartige non-reziproke Verstrickung des Lassens mit dem Machen zukommt, eine Passion und ein aktives Erleiden, von welchem *ma dann klanglich hörbar zeugt und Kindermund in Wort und Bild kundtut. Kindermund tut Ma-heit kund. Zeugt davon — aber wovon genau? — wie Testament oder Ma-rtyrium.

()

Im Begriff, sich, Sich-Anklammern(d) – Auf-Suche-Gehen(d)1, dem Nährenden der mitunter zur besseren Auffindbarkeit erigierten Brustwarze (lat. Mamilla; Papilla mammae) inklusive ihren zahlreichen Drüsenausgängen, inmitten des sie einklammernd austellenden Warzenhofs (Areola) der Mamma der Mama  zu nähern, in einer verabgründigend-kaskadierenden, sondierenden Sonderungsbewegung, die die Mutter bereits kannibalisch als in Teile zerlegt und zerstückelt präzisiert, hungernd nach Sättigung und Labung, die fehlt, aber eben gerade vom Begehrten, das den Hunger zu verursachen scheint, entfernt — jedenfalls in und als, letztlich in Gänze unaufhebbare Trennung des Mundes von der Brust und der Lippen voneinander: Erfahrung der Qual und Pein, Marter, Malheur und Malaise, unaufhebbarer Ungänze — artikuliert und formt sich das helle und gellende “a” wie ein Lust- oder Schmerzschrei. Während der stimmhafte Konsonant, im Augenblick hergestellten Kontakts, Wohligkeit und Behagen der auto-affektiven Berührung des eine Klammer bildenden Mundes mit sich, mitsamt des eingeschlossenen, alimentären Partialobjekt der Anderen, immer schon anders als bloß anders, (m)other, genauer der Mamilla der Mamma der Mama, die dieses Sich, sie per Introjektion einschließen wollend, in seiner Schließung unterbricht, gleichsam als Nebeneffekt Sprache bahnend, verstimmlicht. Der kindlichen Ambivalenz- und Ambiguitätserfahrung ist die Mater — und ihre Sprache: Wissenwollen: was will sie bedeuten? —  stets zunächst und zumeist: Marter. Marter-Sprache ihr Erscheinen. In dieser *einen*, sich vordergründig mal gebenden, mal entziehenden, genauer jedoch wohl stets nur als Entzug, Schied und Entbindung gebenden Mutter wiederholt sich etwas, keine Mutter, Keinma, ein Fehl und fortwährende Lyse (nicht nur des Kindes von der Mutter, wiewohl des Kindes und der Mutter jeweils auch von sich selbst), dessen supplementierende Ursprungsprothese die Mutter gewesen sein wird. Die Mutter ist somit — und nicht erst der von Joyce als legal fiction bezeichnete Vater — eine These. These des Eins eines Keins. Als erstes Mal bereits eine Wiederholung.

(*)

Schließt m, stimmhafter bilabialer Nasal, so öffnet a, der ungerundete offene Zentralvokal, mag es zunächst scheinen, und der Mund dient als Schleuse, bildet als geschlossene Klammer eine Tür. Amamamama. Wie ein Fort/Da, nur dass da ein Fort ist, was anders zum Da sich verhält als dieses Da sich zum Fort. Denn es gibt, da, eine Trennung, Anwesenheit einer radikalen Abwesenheit, welche die geregelten Terme, das Fort wie das Da, von sich selbst separiert.

*ma- that is nearly universal among the Indo-European languages (Greek mamme „mother, grandmother,“ Latin mamma, Persian mama, Russian and Lithuanian mama „mother,“ German Muhme „mother’s sister,“ French maman, Welsh mam „mother“).

Probably a natural sound in baby-talk, perhaps imitative of sound made while sucking. Its late appearance in English is curious, but Middle English had mome (mid-13c.) „an aunt; an old woman,“ also an affectionate term of address for an older woman.2

Ma — somit, kindlicher Muttermund der Porzellankiste sämtlicher sprachlicher Ausdrücke für “Mutter” in den indoeuropäischen Muttersprachen, wird als erstes Wort des noch zur mündigen Mündlichkeit mutierenden Infans, dem alle anderen erst werden folgen müssen (die es aber, still, jederzeit muss begleiten können wie eine Plazenta), und aus dessen Mutismus heraus gleichsam eine Mutation dieses Mutismus — derart nicht allein zur Mutter und Matrix, oder mit Celan: Radix, Matrix, allen Sprechens erklärt. Das Kind zur Mutter der „Mutter“; richtiger: seine Sprache, die nicht die seine ist, sondern es überkommt, zur Mutter der Mutter, wie des Kindes. Jedoch diese Herleitung verquickt überdies jenes Sprechen mit dem “Stillen” in doppeltem Sinne und mutiert das eine ins andere: das schweigend Sprachlose, Mutismus, und die Säuglings-Brusternährung. Sprache erweist sich aus dieser Warte somit nur oberflächlicher anthropologischer Analyse als ein allmählich sich entwickelndes, d.h. differenzierendes “System” organisierter Schmatzgeräusche. Vor allem aber jenes Geräuschs küssenden Beißens, das sich, sich nähernd, zu nähren sucht: einer Aggression, die teilt und zerteilt wird. Obgleich von Sprache meist erst dann die Rede ist, wenn sich der Laut vom Körper dezidierter trennt als der Körper sich von sich selbst, erweisen sich Semiose und Somiose als von Beginn an ineinander verwickelt. Im Grunde aber — diesem Abgrund, worauf das Ma de profundis ruft — zeugt der Laut nicht etwas und nicht als erstes, gebiert nichts, sondern zeugt von einem Nichts und einer Stille, über die er nicht verfügt. Einer Pause und einem Ausstand.

Als Laut ist Ma* für den Moment des Erklingens seines Vokals , a,

Je parlerai, donc, d’une lettre.3

derart also ebenso Emblem einer klaffenden Öffnung, die den geöffneten Ma-Munde zum Bilde einer Wunde (sowie weiter: einer Wunde einer Wunde…) figuriert, der die Begegnung mit einem anderen Ma-Mal sucht. Emblem, nicht diese selbst. Es ist, oder gemahnt doch wenigstens daran, jedesmal in dieser Stellung ein Wund- und Mahn-Mal, welches das Ma sagt, im Begriff Mahl zu halten, oder gerade davon, wie von der anschließenden digestiven Sonderung des Zuträglichen vom Abträglichen, abstiniert. Das Ma jedenfalls, wo es ist (und also sich, im Vokal, Inbegriff der Klanglichkeit, verlautet und erklingt), ißt gerade nicht. Es lässt vielmehr ab, für den Moment, und aus davon, sich ins essende Einverleiben einzulassen. Bestimmt das sich anbahnende Sprechen zum Nicht-Essen, wie allerdings auch das Essen selbst ermöglicht und durchsetzt von einem Nicht seinerselbst.

Die Sprache wird ermöglicht durch das, was sie unterscheidet. Was die Laute und die Körper trennt, macht aus den Lauten die Elemente für eine Sprache. Was sprechen und essen trennt, ermöglicht das Sprechen, was die Sätze und die Dinge trennt, ermöglicht die Sätze. (Deleuze, S. 231)

Lässt die Klammer des Mundes locker, klammert damit im gleichen Zuge – und mit einem Mal – seine Zwecksetzung als dienendes Mittel zum schnappenden Schließen ein. Als das Offene, als welches ein Nichts sich umklammert, ermöglicht es so aber zuallererst das Fassen und Zuschnappen, Kappen und Kapern des künftigen homo capax zum malmenden Mahl, hamm (und mampf), und unterbricht es, es aufschiebend. Wollte man das Graphem und Ideogramm dieses konstitutiven Suspens notieren, dann vielleicht so:  ()
Auf es – die Einklammerung eines Kein, durch die sich die Klammerung als Klammerung selbst in Klammern setzt: Keinklammerung – ist zu zählen, mit ihm/ihr ist allein zu rechnen. Zählt man, besonders mit Celan, zählt man diese niemandsrosigen Stein-Früchte, diese Ma-Mandeln (). Scheide/Schneide eines „plus d´un“ und One 2 many.

Es ist dieses Doppel-Graphem mit seiner konvexen und konkaven Krümmung — ( ) —, das im ersten Vers von Celans Gedicht seinerseits mit der Doppel-Metonymie von Klinge und Schneide charakterisiert wird, die sich zum einen durch die ikonische Analogie mit der graphischen oder typographischen Klammer nahelegt, zum anderen durch den Anklang von Klinge an den Reim als Klangphänomen und durch die materielle Zusammengehörigkeit von Klinge und Schneide. (Epoché. Gedicht. Celans Reimklammer um Husserls Klammer, S.152)

(()))

Da keine Einklammerung zu denken ist, die nicht ihrerseits bereits die Einklammerung einer Einklammerung wäre, die Einklammerung von Nichts und somit auch die Einklammerung keiner Einklammerung (usf.), teilt sich eine teilende Mitte mit, die als der unendliche Regress einer Dopplung oder Halbierung ein mise-en-aybme abgibt, das weder Mutter noch Kind mehr stellvertritt, sondern eine Entbindung und Losigkeit an der beide nur teilhaben, sein muss. Mut-Err. Merre. Es ähnelt keiner Geburt mehr, als welche Heidegger noch die ontologische Differenz zu denken scheint, noch einer Schöpfung, stattdessen am ehesten der Trennung, der, innehaltend und hemmend, Ma-Ma von sich selbst separiert, wie sie M von A und die beiden jeweils von sich selbst trennt nur so als distinkte Sinnesdaten phänomenal werden lässt. In „Ausstellungen der Mutter“ findet Werner Hamacher dafür, für diese andere Differenz, den Ausdruck „Afferenz“.

2. Mal h(a)emme(r)nd

( ), das ist kein Transzendental, keine Form, die das Bildungsprinzip aller Formen enthält, sondern dasjenige Vor der Form, das die offene Reihe historischer Transzendentale (,,physis“, ,,logos“, ,,ousia“, ,,Ich“, ,,Geist“, ,,Wille“ oder „Sein“) erst zuläßt (Maser, 44)

Ähm. Wenn also erneut, hier und jetzt, dieses Mal, nach einem Zögern und als ein verlegenes Räuspern, ein stotternd sich doppelnd oder hälftend h(a)emmendes Ma,

Sprache ist nur halbwegs ein ontologischer Prozeß; die Philologie hat sich auch mit der anderen Hälfte zu befassen. (48. These)

im Machen, wie im Ha- (französisch A-), Hä- oder Häm — (Ha)MAMAMAMAMAcher, StigMa(h)(l), Mal-leer und -heur geforscht wird, dann vor diesem Hintergrund: dem einer Mutter-Mündigkeit und ihrer Tragweite; der Frage, wie mit ihr (nicht) zu rechnen ist. Einer Mutter als unterstelltes Emblem der Hervorbringung, die in Hamachers Texten an allen Ecken und Enden imponiert; hervorkommt als Gestalt des Austrags, wie eines Aus´ allen Tragens. In Zusammenhang mit der Dichtung Paul Celans wohl zuerst im Text „Die Sekunde der Inversion“ aus dem „Entfernten Verstehen“. Alles zudem unterlegt von der Frage: Wie könnte man dem noch im Performativitätsdenken sich erneuernden idealistischen Produktionsparadigma ein Schnippchen schlagen. Wie könnte das Machen – Bewirken, Schöpfen, Tun — in seiner schädlichen und schändlichen und immer zu grobschlächtigen Tätlichkeit, Zufügung, die sich von kultisch vergötzten toten Vätern ins Amt gerufen im Auftrage einer den Un-Fug richtigstellender Rache durch Setzen sieht, gehemmt werden? Oder doch auf ein Hemmnis, ein Zögern in ihm, ein Aussetzen inmitten der Hyperaktivität von Urteils- und Verrechnungsoperationen, geöffnet. So, dass es ablässt — Hemm mehr, Ham, let! Ablässt von der Rache heimzahlender, aufrechnender Wiedergutmachung?

O cursèd spite,

That ever I was born to set it right!

Mittels eines Hämmerns womöglich, könnte man mit Ham(ach)ers Text zu Celan, Häm,  zu denken versucht sein. Oder Häm-Mas; wenn das Ma in die Position jenes Häm gerückt werden kann. Die De-Position eines Strike, welcher das Häm mehrt, in order to reach the ham as an aim, die Teleologie zur Bejahung einer multidirektionalen Schickungsirre aufrüttelnd. Als das eigentliche Heim, Refugium eines konstitutiven Rests von Unzuhause, wäre diese mehrende Haemmung und ihre Ma-Thematik und Martermatik ein Unding wie der Odradek. Durch ein Mehr-Hämmern mehr hemmen, weil die Ballung sich, so, diversifizierend auf eine vorgängige Streuung hin lockert. Vielleicht somit auf jene inhärente multiple Auto-Inhibition hin freisetzt, die in einer unentschiedenen Bestimmungslosigkeit, einer letztinstanzlich determinierenden In-, Un- und Unterdetermination, einer Untermininierung, liegt. Und damit: in einem reinen Gestus, den man als Sprache überhaupt, bare Sprache, bezeichnen könnte. Was ist das Häm, ti esti?

Die Polysemie des »Häm« verdankt sich seiner semantischen Indetermination und, a limine, seiner Asemie. Seine Kraft, eine Pluralität von Bedeutungen — und zwar einander nicht korrespondierenden, sondern widerstreitenden Bedeutungen — auf sich zu ziehen, entspringt aber nicht in seiner bloßen Offenheit, seinem Zögern vor der definiten Aussage und seiner Halbheit, sondern darin, daß es eben dies Zögern, diese Offenheit und Halbheit exponiert. »Häm« zögert nicht nur, sondern als Transkription eines Räusperns markiert es sein Zögern; es öffnet sich nicht nur aufs Nichts seines Sagens, sondern mit dem Halbzitat aus Beniamins und Kafkas Texten macht es diese Öffnung auf Nichts explizit; es ist nicht nur ein halbes Wort, es spricht seine Halbheit, als das homophone, wiederum griechische, Hem aus. In ihm ist markiert — und das ist der Gestus, aus dem seine Sprache und Sprache überhaupt aufsteigt -, daß es eine Markierung nicht gibt. Und invers: in ihm werden alle Markierungen eingezogen bis auf diejenige, die besagt, daß es keine mehr gibt. Sein Gestus — und »Häm« ist nichts andres als Gestus — ist Ammarkierung: Eröffnung einer Markierung aus ihrem Nicht und Reduktion aller möglichen Markierungen auf diese eine, daß sie keine mehr sind. (Häm, in: Keinmaleins, S.34)

Ein weiterer einmaliger, womöglich ennervierend monoton-motorischer und steril-stereotyper und maligner Versuch, etwas, ein Ma(h)l, wie in einer Ma-Maschinensprache prozessierend, malträtrierend, recht zu essen, speisen und verzehren — manger — also Nahrung zu konsumieren und zu verdauen konzentrierte sich auf ein Zählen und Rechnen mit diesem Häm und Ma, die beide den Namen Hamachers durchwandern und aufsprengen. Fürs Mal des Mahls und Mahl des Mals darin ein rechtes Maß finden, wäre die methodische oder stilistische Herausforderung.

Mahl n. ‘Essen, Einnahme eines Essens’, mhd. māl ‘Gastmahl, Mahlzeit’. Ahd. mhd. māl ‘Zeitpunkt’ (s. ↗Mal) entwickelt in mhd. Zeit über ‘Zeitpunkt des Essens, zu einer festgesetzten Zeit aufgetragenes Essen’ die Bedeutung ‘Essen, Speise’ (wie auch nl. maal, engl. meal, schwed. mål ‘Essen, Mahlzeit’).

Mal1 n. ‘Zeitpunkt’, ahd. (um 1000), mhd. mnd. māl ‘ausgezeichneter Punkt, Zielpunkt, Grenzzeichen, Zeitpunkt, festgesetzte Zeit’, nhd. Mal ‘Zeitpunkt’ und (davon nur orthographisch geschiedenes) ↗Mahl ‘Mahlzeit, Essen’ (s. d.), mnl. mael, nl. maal ‘Zeit(punkt), Mahlzeit’, afries. mēl, aengl. mǣl ‘Maß, Zeitpunkt, Jahreszeit, Mahlzeit’, engl. meal ‘Mahlzeit, Essen’, anord. māl ‘Zeit(punkt), Mahlzeit, Maß’, schwed. mål ‘Mahlzeit, Essen’, got. mēl ‘Zeit, Stunde’ (germ. *mēla-) geht mit mnd. mēle ‘Trog, Mulde, (Butter)maß’, aengl. mēle, mæle ‘Napf’, anord. mælir ‘Maß, Köcher’, got. mēla ‘Scheffel’ von einer Grundbedeutung ‘etw. Abgestecktes, Abgemessenes’ bzw. ‘Gefäß zum Abmessen, Maß’ aus und kann als Bildung mit l-Suffix an die Wurzel ie. *mē- ‘etw. abstecken, messen, abmessen’ angeschlossen werden. Mit t-Suffix sind vergleichbar aind. māti- ‘Maß, richtige Erkenntnis’, mímāti ‘mißt’, griech. métron (μέτρον) ‘(das rechte, volle) Maß, Ziel, Länge, Größe, Silben-, Versmaß’ (s. ↗Metrum), lat. mētīrī ‘(ab)messen’ und russ. métit’ (метить) ‘ein Zeichen machen, zielen, trachten’. Die im Germ. entstandene Bedeutung ‘Zeitpunkt’ entwickelt sich aus der räumlichen Auffassung ‘Punkt im Raum’.

(Nebenbei: Können Maschinen, gar Computer so essen, Gericht halten, dass sie, sich, die Unverdaulichkeit des Anderen mitessen lassen und dabei sich selbst verzehren und zerlegen?

Können Cornputer sich dekomputieren und sich eben dadurch als Computer erhalten? Können sie sich als Rechner entrechnen und mit ihrer Entrechnung rechnen? Können sie sich selbst skandalisieren? Und wenn sie es können, was heißt dann ›können<? (Reparationen, 13)

Und dies — wie ginge das zusammen? — auf Grundlage einer scheinbar essentiellen Essstörung, Mal-Nutrition und der kalkulierten Engführung des Nutritiven, Digestiven, Trophischen mit einer Weise, wie Ganzzahliges verrechnet wird. Mit dem Ma-them. Das Rechnen sodann mit dem Rechten und Richten. Überblendet und -lagert, nicht um zu verwirren, sondern damit eine Unklarheit bis zur Überdeutlichkeit präzisiert wird.)

Sprache ist das Einmal eines Kein-Mal, das sich in fortgesetzten Wiederholungen erhält (164)

Ebenso: Repetitio est ma(r)ter studiorum, sic est! Mater, Mutter4, Maser5, Muta. Und Mathe. Es ginge um eine Ma(l)thematik und Mater-matik. Etwas nicht mehr Muttergemachtes oder eher noch das, was auch die Mutter erst (zur Mutter) macht, ohne zu machen.

Die Maserungen – der Hyle, der Hülle, des Holzes, der Materie, des Maritimen, der mother – , das sind die Linien, in denen sich ein Werden zur Hyle, zur Materie und zur mother abzeichnet, ihr Wachsen und aus sich Herauswachsen, ihre Matherungen; Figuren, wie man sie von der Schnittfläche an Marmor oder gefällten Bäumen kennt und die man nicht kennen könnte ohne den Schnitt. (Maser, 79)

Die Wiederholung ist, nicht nur für die Mathesis der Magister, die Ma(r)ter, in voller Ambivalenz und verkörpert somit das zugleich Nährende wie Ver- und Aufzehrende, das bis zum Zero hin und von ihm aus Sehrende, Auf- und Ausrichtende wie Fällende. Verkörpert Semi- wie Somiose, “macht” also die Zeichen und Wunder wie die Körper und Gräber, mit ganz anderer, entmachtender “Macht”. Ist Faktor und Facteur. Das heisst jedoch, die Wiederholung isst auch diese Ma(r)ter und verleibt damit sich selbst, immer noch ein Ma(h)(l) und noch ein Ma(h)(l), einen Ruin ein, ein Malheur, das sie von innen aufzehrt. Das sie damit eben auch “ist”. Die Wiederholung, das Nocheinmalundnocheinmal, ist, indem sie — sich, also Sichten und Schichten dieses sich sensend-sichelnden Sich und Selbst — isst. Auto-Phagie. Ein so nährendes wie malignes Martyrium is(s)t dieses procedere, ähnlich vielleicht also wie die pharmako-logische Sprache, dem Benjaminschen Kraus-zitat, was Dike — Sprachgerechtigkeit voransteht, die der Gerechtigkeit sein könnte. Etwas ähnliches oder gar dasselbe?

. . . Sprache [ist] die Mater der Gerechtigkeit.

Lingua est mater justitiae. Mutter- Ma(r)ter- und Muta-Sprache erhält nur und bewahrt, sich, nur, von Fall zu Fall, indem sie alles Aus-, Ein-, Ab- und Zurichten, sowieso alles Halten gleichzeitig zugrunde richte und stürzt. Gibt, indem sie — von sich — nimmt.

„Aber wer ißt, wer liest, käut, wie auch immer, wieder. Ihm schließt sich die Verdoppelung von an sich und für sich Verdauen, von Vorverständnis und Verstehen, von Text und Lektüre nicht einfach zur synthesierenden Trias und zum dialektisch-hermeneutischen Zirkel zusammen. Die triadisch-zirkuläre Figur öffnet sich mit der Ekelbewegung der Lektüre gegen ihre »eigene« Operation zum Viereck.“ (Pleroma, 305)

Und das hast Du immer wieder von neuem getan; daran bist Du irgendwie physiologisch gestorben. (Nancy, Grabrede auf Hamacher)6

Retry, retrial, also juridisches Wiederaufnahmeverfahren oder digestives Wiederkäuen, beide Ma(h)le, das eine und das andere Gericht, so wie die Digestion und die Digesten, sind im Grunde, gleichzeitig, gemeint und keins. Ihrer beider Vermählung und Zermahlung, und doch diesmal mit Nachdruck auf einem anderen Rechnen und Rechten, einer Art Quanten-Algebra, die sich aus einem Dichten nicht ganz wie ein Resultat oder outcome eines zu lösenden Problems, so doch ähnlicher der Dissolution eines Poems, ergibt. Sich ergibt wie eine Ergebung: klagloses Sich-Fügen ins Los des Un-Fugs einer -losigkeit und deren Maß und Metrum oder Matrix. Lass sein!
Gesetzt also den Fall, es ließe sich, ein weiteres Mal — denn einmal ist, dieser ganz andereren, aporetischen Arithmetik gemäß, keinmal — ein Gesetz des Falls des Gesetzes formulieren. Einmal ist keinmal, dem von Benjamin mehrfach ausgedeuteten Spruch nach7,

Das Einmal ist keinmal […] hat es mit dem Experiment und seiner unermüdlichen Variierung der Versuchsanordnung zu tun.8

aber, gilt deshalb auch schon, wie fürs rechnende Grundwissen gewohnt, einmalkeins gleich keinmaleins? Mit anderen Worten: gehorcht diese Algebra der Multiplikation — und Mal-Nehmen ist gleich einem wiederholten, nocheinmal und nocheinmal, Addieren, die Repetition einer tätlichen Male-Zufügung, wie das Dividieren die Subtraktion mehrmals durchführt und die Division mit dem Kehrwert multipliziert — den Gesetzen des Tauschs, also der Kommutativität? Mutatis mutandis

Eins zum Andern, ein Mal zum andern Mal -: das könnte die Formel der Malerei wie der Zeichnung, der Sprache wie des Denkens, der Erfahrung sein. Das Eine wäre Eines nicht, ohne auf ein Anderes verwiesen zu sein, das eine Mal kein Mal; würde es sich nicht (in sich, an sich selbst) in einem anderen Mal und in keinem doublieren. Deshalb gibt es kein Mal, das nicht der Bewegung der Alteration folgte, und keines, das nicht in eine Serie von Duplikationen – und Duplikationen keines Mals – eingetragen wäre. Eins zum Andern – : das heißt immer noch einmal andern zugewandt sein – mäandern – und seine Einzigkeit genau in dieser verandernden Mannigfaltigung einer unsichtbaren Falte finden. (Maser)

Denn wenn nicht, fügte sich das Eine vielleicht dem Anderen (etwa als Keins oder Kein-Eins), das schon da war, anders hinzu, als das Andere dem Einen, weil es dazu immer schon *ein* anderes (und also ein Keins) gewesen, für eins genommen worden sein muss. (Ist diese Eins des Einmalnullgleichnull also eine andere als die des Einmaleinsgleicheins?)
Es muss, damit eine Zahl, um, was auch immer mit ihr weiterhin zu unternehmen, gegeben und zum Verrechnen zuhanden ist, einmal ge- oder entnommen worden sein, dividierend subtrahiert. Eine auf diese Art dividierend subtrahierende Mal-Nahme muss stattfunden haben. Setzt man also Einmalkeins und Keinmaleins gleich, bleibt etwas übrig, ein Rest: das Kainsmal des (k)einmal, die Markierung als teilende Nahme. (K)einmaligkeit. Im ursprünglichen Zahlzeichen, der ins Holz einritzten Kerbe und dem “Auf dem Kerbholz haben” verschränkt sich Rechnen und Richten (I, II, III, IV, V….X). Teil-Nahme geschieht. Da die rechnerischen Grundoperationen ineinander übersetzbar oder immerhin, umrechenbar scheinen, bedeuten sie, auf eine Art, dasselbe, nämlich hinsichtlich des Umstands, das ihre Operationen jeweils einmal vollzogen werden. Einmal teilen, einmal malnehmen, einmal dazugeben, einmal abziehen, wenn auch mehrmals? Teilen sie alle ein bestimmtes Malnehmen, d.h. haben es gemeinsam? Nenne man dieses: Schrift?

*=+=-=/=1

Teilen sie alle ein bestimmtes (K)einmalnehmen (d.h. wiederholtes Zu- und Beifügen, was gibt, in dem es nimmt). Teilen sie alle ein geteiltes Mal und nähren sich von ihm…Teilen eine (“selbst” unteilbare?) Teilbarkeit, bar der Teile.

Vorausgesetzt, donc, es ließe sich ein Gesetz des Gesetzes als Prämisse in eine Formel kleiden. Einer Prämisse, im Sinne dessen, was es, das von dieser allen Prämissen vorgängigen Prämisse gesetzte Gesetz, nur dadurch stabilisiert, dass es es stürzen lässt. Gesetzt, es ließe sich, rursus/iterum, one more time und encore une fois, im gleichen Zug der Versuch unternehmen, in einem Diktum oder Verdikt synthetisieren, worin jene vielbeschworene Gerechtigkeit, um die es Werner Hamachers proto-politischer Philalogie

18

Jede Definition der Philologie muß sich indefinieren – und einer anderen Raum geben.

24

Philologie, Philallologie, Philalogie.

ein Leben lang zu tun war, bestehen könnte. Jene Justierung — adikeia und also Un-Gerechtigkeit — durch die Sprache sich selbst, ohne Selbstgerechtigkeit einer begründenden Rechtfertigungskunst, gerecht wird. Das heisst ihrer genuinen und generischen Sprachlichkeit, ihrem realen Überhaupt, in letzter Instanz am Angemessensten entspricht: worin es, zur Gänze, sich aussprechen und sich freisetzen kann. Dann vielleicht so: Sprache entspricht sich am genauesten und spricht damit vielleicht auch am Adäquatesten und — sofern deren Chef-Defitionion die adququatio rei et intellectus ist — wahrt sich am Wahrsten, indem sie sich — ihre Bestimmung zu bestimmen — ent-spricht und derart ans Unangemessene ihrerselbst anmessend, das Andere, das sie ist — noch genauer: das andere Andere — mitsprechen lässt. Ihre Vakuität als das, vor allen Entscheidungen, für alle Entscheidungen, Entscheidenste, das Ent-. Diese Mandel der Keinklammerung. Eine Krisis vor jeglichen dezionistischen Spechtakten wie diesem Diktum selbst, das sich dadurch jede philosophische Dialektik und ihre Reflexivität brechend, zeigend auf die es ermöglichende Strukur oder (nach Werner Hamacher) Destruktur zurückwendet. Nicht also wie im narzißtischen Spiegelspiel auf das phantasmatisch Imaginäre zurückwendet, Phantasmen, Phantome, Phänomene oder konstitutive oder regulative Ideale oder Ideen, hingegen auf die unbeschichtete Rückseite des Spiegels, die Unterbrechung, der sich die narzißtische Auto-Position der phantasmatischen Autarkie des Logos verdankt, ohne dass dieser es sich anmerken lassen dürfte. Wie ist diese Re-Flexion zu verstehen, wenn sie nicht die des Bewusstseins ist, sondern einer Sprache, die auch ihre Eindeutung zum Logos splittern lässt.

Sie [das Intervall, die Pause, der blanc, TR] sind Zonen eines Offenen, das nicht von der Sprache als transzendentalem Logos erzeugt, sondern von der Sprachvakanz als attranszendentale Lücke freigelassen wird. (173)

Wohin biegt sich dann das das “Re-” zurück, ohne zu brechen, wenn nicht immer schon in eine Brechung und Streuung, die das Gesprochene gleichsam unilateral und non-reziprok (in)determiniert.
Kann aber bei einer fortgesetzt zu sich zurückkehrenden Streuung von einer Rückkehr überhaupt die Rede sein, handelt es sich doch um die Rückkehr zu einer Nicht-Rückkehr des Abstandnehmens und Abscheidens, der Wiederaneignung einer Enteignung. Es präzisiert sich die das Denken monopolisierende Reflexivität damit zu einer Art Irr-Reflexivität der Frakturation…Vor, in einem nicht chronologischen Sinne, liegt diese proto-kritische Krise, aber vor allem auch in und zwischen — inmitten. Sprache, so wäre also die aporetische Defintion, ent-spricht sich, sofern sie sich jener sie in Hälften und Hälften von Hälften vom Hälften… teilenden Geschehnisdimension in ihr öffnet, für und mit ihr spricht, durch die sie sich indefiniert und -determiniert.

3. Latent-laterale Automie: Zählan, zählanders

Dass dieses Andere des Anderen, dessen Eigenstes und Eigentlichstes, seine Zeit sei9, das Verzeihen, was in einer von allen Attributionen letzlich unbeeindruckbaren Bestimmungslosigkeit liegt, die unilateral alles Bestimmte determiniert, ohne sich selbst von ihnen bekümmern zu lassen, war die Entdeckung Werner Hamachers. Oder genauer, es war und ist die Entdeckung Hamachers, dies als die Entdeckung Paul Celans bemerkt und ausgearbeitet zu haben. Eines Celan freilich der Leser von Benjamin, Kafka, Hölderlin, Heidegger ist. Hamacher nunmehr entdeckt, wird bemerkbar, Celans als Entdecker dieser Entdecker und ihrer Entdeckung. Die Entdeckung: das schlechthin Ungedeckte, Bedeutungs- und Zukunftsoffene.

Celans Entdeckung war die Rettung des radikal Bestimmungsfreien. (241)

Retten, aus einer Gefahr befreien, in Sicherheit bringen und bewahren: es könnte, sofern das zu Hütende jenes ist, was nicht in einem Depot ein für alle mal gesichert und nicht in einem Arbeits-, Straf- oder Vorrats-Lager interniert und akkumuliert werden kann, ein fortgesetztes Zittern, Schütteln, eine Konkussion und Sollicitaion erfordern, die lockert und löst. Lassen macht:

Man versucht, wenn auch nicht ohne Bedenken, das nur westgerm. bezeugte Verb *hradjan mit der Wortgruppe um ,gerade (s. d.) zu verbinden, vgl. lit. krė͂sti ‘schütteln, schüttelnd streuen, rütteln’, kretė́ti ‘zittern, schlottern’, mir. crothaim ‘ich schüttele’, ahd. redan (9. Jh.), mhd. reden ‘durch das Sieb schütteln, sieben, sichten’ (germ. *hreþan), ahd. (h)rad, gi(h)radi ‘rasch, schnell’ (8. Jh.), und an dort genanntes ie. *kret- ‘schütteln, sich rasch bewegen’, Erweiterung der Wurzel ie. *(s)ker- ‘drehen, biegen, kreisend bewegen’, anzuschließen

Nicht mithin wie die Philosophie bis Husserl dem platonischen Auftrag der Rettung der Phämonalität (Platons σῴζειν τὰ φαινόμενα /sozein ta phainomena) zu frönen sowie dabei ihrer eigenen monopolischen Stiftungsleistung, der transzendentalen Synthesis sich zu allererst zu vergewissen. Sondern, es käme offenbar darauf an, für eine Dichtung und gleichwohl ein von ihr verandertes Denken, statt nur anders zu interpretieren, zu verändern, indem gemäß diesem Bestimmungsfreien, umwillen dessen alle Bestimmungen da sind, zu denken versucht wird. Dafür muss im Sinne jener Freisetzung gesprochen werden, die noch die Einklammerungsbewegung der phänomenologischen Reduktionen, welche sich als transzendentale synthethische Egoität von dieser Freisetzung, und mit dieser, ihrem Tod, freihalten will, deaktivierend in Parenthese setzt. Es muss sich die Philosophie selbst von der Sprache außer Kraft setzen lassen; vom Dienst suspendieren.

Die Philosophie einer Sprache, die zu sich als einer irreduzibel anderen steht, beginnt erst mit einer Epoché der Philosophie, die sie eine von sich befreite und anders als Philosophie sein lässt. (179)

Jean-Luc Nancy weist in seinem kurzen Vorwort auf dieses “mettre toute force hors d’usage” hin, was Hamachers retten von Celans Retten auszumachen scheint.

um zu sagen und zu tun, was über Dich eine erstaunliche Macht vollbringen wollte – erstaunlich ebenso durch seine Intensität wie durch sein immerwährendes Begehren, alle Kraft außer Gebrauch zu setzen. Das Wort Kraft (2) begegnet bei Dir am häufigsten im Syntagma außer Kraft.

Von hieraus hört man Hamachers Name nicht nur, wie Nancy nahelegt, als Macher des Ha. Vielmehr des Häm, besser noch Lasser des Häm, ein anderer Ham-Let und, noch französischer, und unter Wegfall des Apirationslautes noch atemloser, als A-Macher. Macher einer Privation, Entmach(t)er des Gemachten wie des Machens, da alles darauf hinaus läuft, dass sich diese Bloßheit nicht einach nur macht, und nicht etwas, sondern, dass sie lässt. Für eine andere Macht also, die des Ent-.10

Hamachers Suggestionen im Text des Titels “Suggestiones” legen anhand der Darstellungen von Jean Daive über Celans letzte zehn Jahre frei, inwiefern eine Rettung des radikal Bestimmungsfreien, durch die per sprachlicher Suggestionen erfolgten Einspannung in ödipale Triangulationen, letztlich zur Identifikation Celans mit dem Mordwunsch gegen ihn, der eigentlich einer der verwitweten Claire Goll an ihrer Mutter gewesen war und sich sodann auf Celan übertrug, führen musste. Die Entdeckung der Rettung radikaler Bestimmungslosigkeit, des Bestimm-Baren, welche nur im fortwährenden Abschütteln und Mausern vollziehen kann, ist dichterisch vollbracht — in einer Dichtung, die zu ihrem Versagen stehend, sich von Kunst und sich selbst lossagt und freisetzt — wie biographisch mißlungen. Der Verwahrung gegen die in ihrem terroristischen Diktat über-determinierenden Infamie waren in ihrem Bemühen der Außer-Kraft-Setzung Grenzen gesetzt. (253)

Dass er sie nicht durchwegs hat festhalten können, hat ihn das Leben gekostet (242).

Wie das? Wie könnte eine Bestimmungslosigkeit und also eine radikale -losigkeit überhaupt festgehalten werden, wenn nicht durch die Insistenz (auf) einer Aporie, welche die Einheit der personellen Identität zur Keinheit apersonaler Anynomität per Öffnung einer Des-Identifikation hin durchbricht, indem sie diese Insistenz veruneindeutigt. Es wäre dies dann ein anderes Eines, das das Zugleich von Eins und Keins zur unaneigenbaren (und, da unendlich teilbaren, unteilbaren) Streuung hin bezeichnet, bei der die beiden einander Widersprechenden nicht in einem Dritten aufgehoben sind, was sie versöhnt. Vielmehr, gleichsam überblendet, das Zugleich und simul meint, was im griechischen auch hama heisst. Auf ein Mal eines Kein-Mal: zur gleichen Zeit dieses und jenes, das Selbe und das Andere.

Diese Selbe, der verzeihenden Zeitigung, ein (N)one oder No-one, ein Ohne, versieht Hamacher als Resultat seiner Lektüre von Celans demokritischer Parmenides-Veranderung mit einem aparten Namen, der Autos und das Tomische so zusammenführt, wie er das automaton, die Zufallsnotwendigkeit mit der die Atome per Devianz einander zufallen, anklingen lässt:

Wenn diese zwei Gedanken- und Auslassungsstriche und die Lücke, die sie auseinanderhält, das ist, was vom Selben bleibt, dann sind sie eine Abbreviatur für die Bewegung des ganzen Gedichts. Da es von einem veränderten to auto spricht und sowohl auf das automaton im Fall der Atome — der Ungeteilten — des Demokrit wie auf ihre Teilung hindeutet, lässt sich diese Minimalformel für das, was vom Selben bleibt, übersetzen in ein Wort, das es noch nicht gibt. Es könnte, Ungewesen und Da, heißen: to autom. (208)

Welche andere, anders als ganzzahlige, fraktalere und mit dem Ungrund rechnende Grund-Rechenart — andere Weise des Rechnen wie des Richtens —  bietet sich in dieser Hama-Mathematik des Kein-Ein und Autom nun dar? Welches mit und auf und aus Celan zählen. Welches Zählanders? Das Sprechen und Rechnen zum Sprechnen verflechtende Kalkül der Dichtung als Aparté einer Sprache des Sich-Beiseite-Sprechens:

Das Gedicht, in jedem Sinn eine Partitur seiner selbst, teilt sich: sich selber der Reim und mit sich in ursprünglicher Paarung einig, aber sich selber auch Klinge und Schneide, als Eingeklammertes von jeder autarken Setzungsaktivität geschieden, lässt es sich zu einem Aparté, einem lateralen und Latenz-Phänomen seiner selbst werden. Da jedes Element seines Textes Reim und jedes Klammer ist, die zusammenhält und zugleich suspendiert, ist jedes einzelne Element und die gesamte Komposition zugleich Affirmation und Suspendierung dieser Affirmation, Bestätigung und ihre Beiseitesetzung, Setzung und Absetzung. Husserls Residuum der Subjek tivität wird bei Celan zu einem Rest ihres Verstummens. Wenn die transzendental-phänomenologische Reduktion die reine Tätigkeit des Subjekts zu retten sucht, so rettet Celans Rediktion dieser Reduktion mit jener Tätigkeit zusammen ihre Vertanheit. Das Einer bewahrt nicht weniger als das Eins sein keins. Der attranszendentale Rest des transzendentalen Residuums — das Gedicht als singbarer Rest, aber auch als des Singens barer Rest — erhält sich als Widerstand gegen den Akt wie gegen seine Desaktivierungen. Akt gegen den Akt, ist er der von sich freie Akt, ein Akt ohne konstitutives Subjekt, ohne Anhalt am vorgesetzten Telos einer Wirkung, aber auch ohne ein »Ohne«, in dem er sich als nichtig setzen würde, weder verloren noch erkoren —: der von sich selbst entlassene, der Akt der Freiheit vom Akt.

 

Häm-Letter

 Ha, mach´ er,
ache and harm
Ahm Rache!
Ähm, ach…rrrrrrrr

()

Tillmann Reik

* Texte Hamachers, die außer dem angezeigten Keinmaleins zitiert werden und in denen die Mutetr wie das Zählen, um die es hier gehen soll, eine Roll spielen, sind insbesondere:

Maser. Bemerkungen im Hinblick auf die Bilder von Hinrich Weidemann, Berlin: GalerieHetzler 1998.

Ausstellungen der Mutter: Kurzer Gang durch verschiedene Museen“, in: „geteilteAufmerksamkeit“ – Zur Frage des Lesens. Herausgegeben von Thomas Schestag, DebrecenerStudien zur Literatur 3, Frankfurt/New York: Peter Lang 1997, S. 53-90

Heterautonomien: One 2 Many Multiculturalisms. (Ins Japanische übersetzt von YasuhikoMasuda), Tokyo: Getsuyosha Limited 2007.

** „Es wird jedoch immer wieder davon berichtet, dass in Einzelfällen auch Männer zum Stillen fähig gewesen sein sollen. So berichtete Alexander von Humboldt 1799 von einem venezolanischen Bauern, der sein Kind nach dem Tod seiner Frau monatelang gestillt habe. Durch Hormonzugabe kann diese Fähigkeit heute künstlich ausgelöst werden. Charles Darwin selbst spekulierte in seinem Werk Die Entstehung der Arten, dass bei frühen Säugetieren beide Eltern stillen konnten. Dies konnte jedoch weder bewiesen noch widerlegt werden.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Brustwarze

1 vgl. Imre Hermann: Sich-Anklammern – Auf-Suche-Gehen, in: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 1936 Bd. 22, Heft 3, S. 349–370.

2 https://www.etymonline.com/word/mamma?ref=etymonline_crossreference

3 Bekanntlich der Eröffnungssatz von Derridas programmatischem Text “La Différance”.

4Ausstellungen der Mutter: Kurzer Gang durch verschiedene Museen“, in: „geteilte Aufmerksamkeit“ -Zur Frage des Lesens. Herausgegeben von Thomas Schestag, Debrecener Studien zur Literatur 3, Frankfurt/New York: Peter Lang 1997, S. 53-90.

5

6 https://faustkultur.de/3190-0-Nancy-Grabrede-auf-Werner-Hamacher.html

7Einmal ist keinmal

Beim Schreiben hält man hin und wieder über einer schönen Stelle inne, die besser gelungen ist als alle andern und nach der man plötzlich nicht weiter weiß. Etwas ist nicht mit rechten Dingen zugegangen. Es ist, als gäbe es ein böses oder unfruchtbares Gelingen, und vielleicht muß man gerade von diesem einen Begriff haben, um zu erfassen, was es mit dem rechten auf sich hat. Im Grunde sind es zwei Parolen, die sich gegenübertreten: das Ein-für-allemal und das Einmal ist keinmal. Natürlich gibt es Fälle, wo es mit dem Ein-für-allemal getan ist – beim Spiele, im Examen, beim Duell. Nie aber bei der Arbeit. Sie setzt »Einmal ist keinmal« in seine Rechte. Nur ist es nicht jedermann gelegen, auf den Grund der Praktiken und der Verrichtungen zu dringen, in welchem diese Weisheit Wurzel schlägt. Trotzki hat es getan in den paar Sätzen, mit welchen er der Arbeit seines Vaters auf dem Getreidefeld ein Denkmal setzt. »Ergriffen«, schreibt er, »sehe ich ihm zu. Mein Vater bewegt sich einfach und ganz gebräuchlich; man möchte nicht meinen, er sei bei der Arbeit; seine Schritte sind gleich, es sind Probeschritte, als suche er sich den Platz, wo er erst richtig anfangen kann. Seine Sichel macht schlicht, ohne alle künstliche Zwangslosigkeit, ihren Weg; eher könnte man denken, sie sei nicht ganz sicher; und doch schneidet sie scharf, hart am Boden und wirft in regelmäßigen Bändern nach links, was sie niedergelegt hat.« Da haben wir die Art und Weise des Erfahrenen, welcher es gelernt hat, mit jedem Tag, mit jedem Sensenschwung von neuem anzusetzen. Er hält sich beim Geleisteten nicht auf, ja, unter seinen Händen verflüchtigt sich das schon Geleistete und wird unspürbar. Nur solche Hände werden mit dem Schwersten spielend fertig, weil sie beim Leichtesten behutsam sind. »Ne jamais profiter de l’élan acquis«, sagt Gide. Unter den Schriftstellern zählt er zu denen, bei welchen die »schönen Stellen« am rarsten sind.”

8 GS VII.1, 359

9 Die als Urform von Sein und Zeit geltende Vorlesung von 1924 “Der Begriff der Zeit” (GA 64) Heideggers kulminiert in einen Schluß, der die ontologische Was-Frage zur Wer-Frage transformiert:

“Was geschah mit der Frage? Sie hat sich gewandelt. Was ist die Zeit? wurde zur Frage: Wer ist die Zeit? Näher: sind wir selbst die Zeit? Oder noch näher: bin ich meine Zeit? Damit komme ich ihr am nächsten, und wenn ich die Frage recht verstehe, dann ist mit ihr alles ernst geworden. Also ist solches Fragen die angemessenste Zugangs- und Umgangsart mit der Zeit als mit der meinigen. Dann wäre Dasein Fraglichsein.” (GA 64, S.125)
Celans Umdeutung im Meridian, auf die oben angspielt wurde, verschiebt also eine Heideggersche Deutung von der Jemeinigkeit und ihrem seltsamen Besitzcharakter hin auf eine Enteignung durch den Anderen. Zeit, das bin nicht ich und das ist nicht meine, es ist die des anderen:

“Noch im Hier und Jetzt des Gedichts – das Gedicht selbst hat ja immer nur diese eine, einmalige, punktuelle Gegenwart –, noch in dieser Unmittelbarkeit und Nähe läßt es das ihm, dem Anderen, Eigenste mitsprechen: dessen Zeit.”

10 Die Ganz-andere-Allmacht oder Allmacht-des-Ganz-Anderen oder Etwas-Anderes-als-Allmacht wird in Derridas Buch über Cixous thematisch.

Alenka Zupančič: The Odd One In: On Comedy

Vis Comica — Inkonsistenz des Zweins

Hegel « il ne sut pas dans quelle mesure il avait raison ».
Et tort d’avoir raison.1

Jedenfalls ist sie selbst, wie auch die Komödie, ursprünglich von Stegreifversuchen ausgegangen und zwar jene von dem Chor, der den Dithyrambus anstimmte, diese von den phallischen Liedern, die sich ja bis auf den heutigen Tag noch in vielen Städten im Gebrauch erhalten haben. (Aristoteles, Poetik)

Überraschend erwartbar

Intensifikation und Übertreibung sind ihre bevorzugten Mittel; die überzeichneten Körperlichkeiten schon der commedia dell´arte, „durch Masken, künstliche Bäuche, Stirnen, Lenden und Buckel – wenn nicht gar Phallen“ (Borchmeyer), stehen dafür ein. Wenn nicht gar Phallen, die demonstrativ das monströse Zeichen-Zeigen der Sem- und Somiose selbst zeigen und bezeugen — nicht Bestimmtes bedeutende reine Bedeutsamkeit — und damit nichts anderes exhibitionieren als eine Scham der Bloßheit:

This theory of the origins of comedy is widely accepted, and strongly corroborated by (documented) conventions of the staging of comedies in the early days: the actors often wore costumes to which big leather phalluses were attached, sometimes additionally highlighted by being painted, for example, in red. (213)

Am Ende fügt sich jedenfalls alles — darum, um diesen glücklichen finalen Fug, geht es doch zunächst, denkt man, das ist der Witz, besser: der Witz des Witzes, die das Lachen triggernde punchline — den Erwartungen gemäß paarig zu jedermanns Zufriedenheit und keinerlei Wünsche bleiben offen. Erfüllung. Gelingen. Befriedigung sämtlicher Bedürfnisse. Grenzenloses Vergnügen. So soll zum Beispiel auch zu guter Letzt im Dénouement der Knoten einer peinlichen Verwicklung, Verwirrung und Verkennung sich lösen und das Happy End als telos in einer oder mehrerer Eheschließungen (oder der Anagnorisis), den Beteiligten angemessenen Neu-Bindungen also, konkludieren. Besagen jedenfalls manche Theorien, welche sich von der Tragödie des Verschwindens der Aristotelischen Schrift über die Komödie — des zweiten Teils von dessen Poetik, deren Fehlen, als Gründungstext, vielleicht gerade der Witz, der springende Punkt, also das Herz dessen ist, worum es geht, diese konstitutive Dislokation —

„καὶ ὅσον στιγμὴ αἱματίνη ἐν τῷ λευκῷ ἡ καρδία. Τοῦτο δὲ τὸ σημεῖον πηδᾷ καὶ κινεῖται ὥσπερ ἔμψυχον, …“

„und ähnlich einem blutigen Fleck in dem Weißen [erscheint] das Herz. Das Mal aber hüpft und bewegt sich gleich wie [beseelt] lebendig, …“

– Aristoteles (384–322 v. Chr.): Geschichte der Tiere (Historia Animalium), Buch VI, Kapitel 3, 3./4. Satz

die Komödie lässt sich nicht gründen — die gute Laune nicht verderben lassen und weitestgehend frohgemut das Muster, was der Stagirit fürs tragische Genre vorgelegt hat mit inversen Vorzeichen fürs Komische ergänzen. Das heißt, es wird mit einem als Komplement vorgestellten Addendum vermeintlich symmetrisch vervollständigt. Als ob sich dann, zur Gänze, zwei Hälften des Dramas gefunden hätten, gemäß dem Mythos vom perfekt passenden Gegenstück, das der Komödiant Aristophanes im Platonischen Symposion wirkungsvoll als eine (in ihrer Komplexität meist unterschätzte) Geschichte von Schnitten in Szene setzt. So nachhaltig das Paradigma für eine Logik der Komplementarität gründend, dass dessen womöglicher Unfug über den Fug noch heute vielfach für deckungsgleich mit Platons Lehre selbst erachtet und somit vielleicht, auf tragisch-komische Art, gehörig verwechselt wird. Denn stimmt das wirklich, dass zunächst die Komödie das einfache Gegenstück zur Tragödie und das Spezifische der Komödie und des Komischen im Allgemeinen darin zu finden ist, dass am Ende alles stimmt, passt, rundweg aufgeht, keine Wünsche offen bleiben und jedes Töpchen seinen Deckel gefunden haben wird? Oder ist das Unfug, mit dem der genuin subversive Zug des komischen Unfugs, sein Schräges und Verqueres, Erwartungs-Inkongruentes, nicht gefasst werden kann, eben weil es dieses um der logischen Konsistenz willen begradigt? Stabile Kategorien anwendet für die Beschreibung einer fundamentalen Destabilisierung und Subversion aller Kategorialität und damit Humor von einer intellektuellen Resistenz zur konservativen Versöhnlichkeit mit dem status quo neutralisiert?

Besteht der desidentifikatorische Witz des Witzes überhaupt demgegenüber nicht vielmehr darin,

the moment in which substance, necessity, and essence all lose their immediate—and thus abstract—self-identity or coincidence with themselves” (p. 34)

dass etwas, in unvorhersehbaren Trouvaillen der Serendipität, sich findet oder ergibt, was keineswegs gesucht worden ist, was uneingeladen und ungelenk hereinbricht und die bestehenden Koordinaten, die Symbolische Ordnung und den Großen Anderen in die Schwebe versetzt, temporär vom Dienst suspendiert oder sogar nachhaltig verschiebt und die derart ihrerseits von ihren sonstigen Ämtern im Leben freigestellten mit offenem Munde darstehen lässt? Münder wie klaffende Schlünde, weil der Riß, die Inkongruenz im Herzen des Symbolischen — glücklich– sich freisetzt? Glück, Gelücke, als die Lücke innewerden lässt, die jeden Zug regellos durch ihr Un- öffnet? (Wenn auch auf wiederum so vertrackte Art, dass das Überraschende darin besteht, dass etwas gar nicht so Überraschendes eintritt: der Liebhaber im Schrank sich findet oder ein nackter Hintern unter einem Rock.) Darin ähnlich einer Liebesbegegnung.

At this point we could perhaps draw a parallel between jokes and love encounters: could we not say that the love encounter is structured like a good joke? It always involves a dimension of an unexpected and surprising satisfaction, satisfaction of some other demand than the ones we have already had the opportunity to formulate. That is to say: we can very well set off on a date with the explicit intention of finding ourselves a “partner,” or even falling in love.Yet if this happens, if something like a genuine love encounter takes place, it still always surprises us, since it necessarily takes place “elsewhere” than where we expected it, or intended it to take place; it takes place, so to speak, along “other lines.” We look in one direction and it comes from the other, and it satisfies something in ourselves that we didn’t even demand to be satisfied. This is why a love encounter can be quite upsetting, and is never simply a moment of pure happiness (where everything finally “adds up”). It is always accompanied by a feeling of perplexity, confusion, a feeling that we’ve got something that we don’t know exactly what to do with, and yet something rather pleasant.

Einer Art Epoché noch der husserlschen Epoché gemäß, die im Namen des Sinns von allem Unerheblichen absehend ihre Einklammerungen vornimmt, Reduktion der Reduktionen, die ein etabliertes struktural-symbolisches Sinngefüge dem Sinn wie der Sinnlichkeit auferlegt hat und damit eine Versetzung in die Schwebe, der gegenüber sich jede Versöhnung wie ein schwerfälliger Rückschlag ausnimmt. Reduktion auf die von allen Reduktionen befreite Reduktion selbst.

Auf der Suche nach einer Phänonemologie des Geistes, der — nicht nur den Namen der Spirtuose und des Digestivs, jener (wie das Humide des Humors) liquiden Liköre2, tragend, dem Zugleich von Rausch,Taumel und Ruhe verschrieben sich erweist:er ist die (Un)Ruhe —

Das Wahre ist so der bacchantische Taumel, an dem kein Glied nicht trunken ist, und weil jedes, indem es sich absondert, ebenso unmittelbar auflöst, – ist er ebenso die durchsichtige und einfache Ruhe.

als spirit, ésprit und schließlich Witz vom Gang durch die Fremde zu sich selbst zurückkehrt bietet sich ein Hegel als Gewährsmann an, dessen kapitale Kapitelüberschriften (des gerade genannten Werkes) wie perfekte Komödientitel fast Shakespearschen Formats anmuten (“Die Lust und die Notwendigkeit”, “Die absolute Freiheit und der Schrecken.”, “Das Gesetz des Herzens und der Wahnsinn des Eigendünkels.” ). Bis hin zum Absoluten Wissen als — und das ist nicht ironisch gemeint — absolutem Witz.

the ultimate comedy (and this is not meant ironically!) bearing the title “Absolute Knowledge.”

Das absolute Witzeln wäre der Gag, der seine Vermittlungs-Mittel (ent)-heiligt.

Dass Hegel nicht wusste, in welchem Maß er Recht hatte, Verstand hatte, in den Griff bekam und die Oberhand gewann (avoir raison), wie sehr er also unrecht hatte damit, so sehr recht zu haben, wie schwach er war darin, so stark zu sein, konnte Bataille zu einem souveränen (und das heisst, weder Herrschaftlichem noch — denn er, der Servus ist der Server und Konservierer, die Wahrheit und der Bewahrer seines Herrn — Knechtischem) gelösten Lachen provozieren, ein Kichern auslösen. Aber es ist nicht sicher, ob das Absolute im Moment seiner letzthinnigen Selbstbegegnung nicht ebenso — weniger unendlich wohlgemut als hysterisch-albern — die Fassung verlieren wird und immer schon und immer noch nicht wird verloren haben. Denn es wird nicht zu sich passen. Das Allgemeine wird sich als der Idiot der Familie erkennen, die aus nichts als ihm selbst besteht; aus nichts als Idiotie, der Oddity (Eigenartigkeit, Seltsamkeit, Kuriosität, aber auch Widrig- und Ungeradheit) der Eins. The Odd One, eine K(eins) oder ein Zweins für die folgende schräge Formel maßgeblich ist:

We could say that the singular mathematics of comedy is based upon the following axiom:

½ + ½ =1 + x (where x designates what I call the comic object).

Nochmals freiheraus gesagt (also unter Verwendung der rhetorischen Figur, die vorgibt, keine rhetorische Figur zu sein, Parhesia) ist das Allgemeine so idiotisch wie seine individuelle Erscheinung.

This is to say—and to put it bluntly—that the universal itself is precisely as idiotic as its concrete. and individual appearance.

Dass Alenka Zupancic in ihrem Buch, das Hegel viel verdankt, und oft auf ihn zu sprechen kommt, die einschlägige Passage aus der Ästhetik nicht zitiert, in der sich die Wendung von der “unendlichen Wohlgemutheit” findet, der David Forster Wallace Romn Infinit Jest beinahe seinen Namen verdankt — in Wirklichkeit stammt er aus Hamlet 5,1 –, sondern nur im Vorbeigang erwähnt

In his lessons on aesthetics, Hegel points out that to the comical belong an infinite good humor and trust.

verwundert.

Zum Komischen dagegen gehört überhaupt die unendliche Wohlgemutheit und Zuversicht, durchaus erhaben über seinen eigenen Widerspruch und nicht etwa bitter und unglücklich darin zu sein, die Seligkeit und Wohligkeit der Subjektivität, die, ihrer selbst gewiß, die Auflösung ihrer Zwecke und Realisationen ertragen kann. Der steife Verstand ist dessen gerade da, wo er in seinem Benehmen am lächerlichsten für andere wird, am wenigsten fähig.

Den eigenen Widerspruch, über ihn erhaben, glücklich ertragen, die Ruhe und Gelassenheit nicht aus einer Konsistenz mit sich, der Selbst-Übereinstimmung und Widerspruchsfreiheit, sondern allenfalls der Konsistenz einer Inkonsistenz zu beziehen und der Einwilligung in diese ungelöste Paradoxie als das andere, unverfügbare im Selbst, was dieses Selbst ausmacht: diese Charakterisierung einer “komischen”, humorvollen, gelösten, gelassenen Subjektivität (freilich immer in der Gefahr allzu behäbiger Selbstzufriedenheit) spart Zupancic aus, trotz ihrer Verweise auf das Genießen des Phallus. Damit liegt sie nah an der romantischen Ironie.

In jenem ursprünglichen Sokratischen Sinne […] bedeutet die Ironie eben nichts andres, als dieses Erstaunen des denkenden Geistes über sich selbst, was sich oft in ein leises Lächeln auflöst. (Schlegel)

Der Steifheit des Verstandes-Ständers in seiner unkaputtbaren, stehaufmännchenhaften Lächerlichkeit könnte als eine der Erscheinungsformen von Zupancis Paradebeispiel fungieren:

To take a kind of archetypal example: a toffee-nosed baron slips on a banana peel (thus demonstrating that even he is subject to the laws of gravity), yet the next instant he is up again and walking around arrogantly, no less sure of the highness of His Highness, until the next accident that will again try to “ground” him, and so on and so on.

Aber worum es hier geht, ist noch etwas anderes: die Unpassendheit des Ego und des Es. Denn eine gewisse Obstination, eine Preservanz, das beharrliche Zurückkommen und Sich-Wiederholen von etwas, das allen Versuchen, es zurückzudrängen Paroli bietet, in Zusammenhang mit einer Unzerstör- und Verletzbarkeit sind Charakteristika, die sich durchhalten. „Das Begehren ist nicht tot zu kriegen.“ Zusammen mit einer Mechanizität dieser Repetition, die wirkt als sei sie dem Leben aufgeproft. Bergsons Definition des Komischen lautet denn auch genauso: du mécanique plaqué sur du vivant. Nur erweist sich das Mechanische weniger als dem Leben und seiner Spontaneität aufgepropfte, es entfremdende Technizität, denn als dessen eigenstes Un-Prinzip: Todestrieb und/oder Wiederholungszwang. Die Unzerstörbarkeit etwa der Comic-Helden ist das Untote eines Lebens/Tods, das in schlechter Unendlichkeit nicht aufhört (nicht) aufzuhören.

The comic universe is, as a rule, the universe of the indestructible (this feature is brought to its climax in cartoons, but is also present, in a more subtle way, in most comedies).Regardless of all accidents and catastrophes (physical as well as psychic the concrete universal or emotional) that befall comic characters, they always rise from the chaos perfectly intact, and relentlessly go on pursuing their goals, chasing their dreams, or simply being themselves.

Ein Begehren, das nicht totzukriegen allerdings, das dann dieser glückvollen Betrachtung zugänglich ist, nicht den verzweifelnden, ausweggslosen Zug der stupiden Repetition zu markieren, sondern deren hoffnungsvollen Aspekt hervorkehrt.

in comedy, the universal is on the side of undermining the “universal”; the comic movement, its “negative power,” is the movement of the universal itself (and precisely as movement, this universal is also the subject). (Linguistically,we are very well aware of this: language recognizes that comedy, precisely in its materialism, is a matter of spirit; this is evident in numerous terms that link the comic mode with spirit—in the broad sense of mental capacity. Let me mention just a few: wit in English;4 geistvoll or geistreich in German, as well as witzig and Witz, which have the common root with the English wit; French is especially eloquent in this regard—avoir de l’esprit, être spirituel, faire de l’esprit, mot d’esprit, or just simply esprit.)

*

the comic can be a very good introduction to the psychoanalytic notion of the drive: the bottom line of both is that repetition is life, or perhaps more precisely that life is the inherent gap opened up by repetition itself (140)

Dass bei Zupančič in letzter Instanz alles auf Geschlechtlichkeit als einer basalen Spaltung und Inkonsistenz, als einer Nicht(mehr und noch nicht)-Eins, hinausläuft, welche keine Antwort auf alle Fragen bietet, sondern die Fraglichkeit selbst darstellt — eine Ontologie der Sexuierung entfaltend, wie sie in ihrem späteren Buch näher ausgeführt wird — zeigt sich im dem Phallus als essentiellem Appendix gewidmeten Schlußkapitel. In „What is Sex?  wird durch die ontologische Frage nach diesem ganz und gar anontologischen, da selbst-widersprüchlichen und Inkonsistenten, Sexuierung selbst zum „Gegenstand“ eines Materialismus. Es ist eine Sexualität, die umso sexueller, umso sexier wird, je mehr sie sich von einer bloßen reproduktiven Kopulationsfunktion entfernt: ursprüngliche Widernatürlichkeit, primordiale Perversion aller Substanz. Im gleichen Zuge steht hier Komödie, nicht Genre des Endlichen, sondern des Unendlichen, ein für einen Materialismus, sofern sie „“gives voice and body to the impasses and contradictions of this materiality itself“ (47). In der Darstellung der frappant inkongruenten Unrealistik ihrer Handlung liegt überdies ihr Realismus.
Welche Rolle spielt hier der Phallus, versteht man ihn als Signifikant der Kastration, nicht den eines vollen Genießens und der Fruchtbarkeit (obwohl er, „natürlich“, im imaginären Register immer als dieser Garant von Möglichkeit und All-Potenz fungieren wird, welche den Riß gerade verschleiert),

In the imaginary register, the phallus is put up as the ultimate veil of castration—the position from which it draws its power to fascinate.“You want to see? Look at This (and you won’t feel the need to look any further)! (202)

„as the ultimate comic reference“ (191)? Er steht, kann man vielleicht sagen, für die (Un)Fuge. So sehr, dass die Komödie als Genre der Copula (oder: des (Un)Fugs) — einer Relation ohne Relation — bezeichnet werden kann, deren privilegierter Signifikant eben jener Phallus in seiner Janusköpfigkeit immer gewesen war?

To be the odd one out: das meint, abseits stehen, nicht dazugehören, überzählig und übrig, das fünfte Rad am Wagen sein. Was behauptet sich also, laut The Odd One In,  in der Komödie, against all odds, als das ausgeschlossene Wiedereingeschlossene von seiner ganz untragischen Seite als lösend-lassend Ermöglichende: die Diaporie, mit anderen Worten: Eros?

 

Tillmann Reik

1 Derrida, Bataille zitierend und ergänzend: L’ÉCONOMIE GÉNÉRALE, in: L’écriture et la différence

2“ L’esprit, comme on le sait, ne dénomme pas par hasard les liqueurs les plus fortes, les esprits de vin ou les spiritueux à la confection desquels président une fermentation ou une distillation, processus destinés à dégager une essence, c’est -à -dire la vérité pure, idéelle et sensée d’une substance concrète, opaque et sensible. L’esprit ou la liqueur, la liquidité ou la liquoricitéde l’esprit ne représente rien d’autre que la sensibilité de l’insensible, la sensualité exquise du Sens pur: véri té, transcendance, di vini té, révélation, extase.” (Jean-Luc Nancy, Ivresse)

Alain Badiou: Number and numbers

Verästelte Numerosität. Zahlen teilen: Null.

Nun (Or) haben aber die Nombres als Zahlen keinen Sinn, sie haben rundweg (carrément) keinen Sinn, nicht einmal einen pluralischen. […] In ihrer Bewegung zumindest (die Schrift im Quadrat (au carré), die Schrift der Schrift, die durch die vier Oberflächen hindurchgeht und aus dem primären Grunde nicht vielstimmig ist, weil sie von ihrem Wesen her nicht in der vox, im Wort ihren Ort hat) haben die Nombres keinen gegenwärtigen oder bedeuteten Inhalt. A fortiori auch keinen absoluten Referenten. Deshalb zeigen sie auch nichts, erzählen sie nichts, repräsentieren sie nichts, wollen sie nichts besagen. (Derrida, Dissemination)

In our situation, that of Capital, the reign of number is thus the reign of the unthought slavery of numericality itself. Number, which, so it is claimed, underlies everything of value, is in actual fact a proscription against any thinking of number itself. Number operates as that obscure point where the situation concentrates its law; obscure through its being at once sovereign and subtracted from all thought, and even from every investigation that orients itself towards some truth. (Badiou, Number and numbers, 213)

Eine Zahl bezeichnet die Anzahl der Einheiten, aus denen etwas besteht. (Euklid, Elemente, Buch 7, Definition 2)

I.

“Doch die Verhältnisse..”

“Alles ist Zahl”

Gibt es, hier und jetzt und, wie es scheint, bis auf Weiteres: immerdar, einen ewig aktuellen Neo-Pythagorismus der kultischen Zahlenverehrung? Niederschlag einer gleichsam sich für prästabilierte kosmische Harmonie ausgebenden zeitlose Mode, damit einhergehend, dass, was die Zahl, über ihre Funktion als Instanz des Maßes, Messens und der Bemeisterung zur Herstellung einer Ordnung, im Modus des Rechnens und Zählens, ist, in dieser Ideologie gerade nicht gedacht werden darf? „Womit wird da gemessen und gerechnet? Was wird, als Mittel, in den Dienst der Zwecke von Kalkulationen gestellt?“ wäre diesem „Denken“ das Anathema. Ist Seinsvergessenheit folglich als eine Weise der Zahlvergessenheit zu bedenken?

„Was sind und was sollen die Zahlen?“ (Dedekind)

Die Rede wäre somit von einer Ära des Despotismus, wenn nicht Tyrannei der Zahlen, in der vollen Ambivalenz des Genitivs: In heutiger Zeit soll, dieser Erzählung gemäß, die von Kritikern wie Apologeten des früher “das Bestehende”, “die Verhältnisse” oder sogar “Kapitalismus” genannten Weltzustands zumindest in Teilen geteilt wird, in Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Rechtswesen (oder Politik als von Medico-Technoscience unterfütterter Rechts-Wirtschaft) mit immer weiter steigender Tendenz, nur noch jenes zählen, was gezählt, was also, wie etwa (das Beispiel aller Beispiele) Geld, in Gestalt von Zahlen abgebildet werden kann. Und sonst: nichts.

That number must rule, that the imperative must be: ‚count!‘ – who doubts this today?

What counts – in the sense of what is valued – is that which is counted.

Meinungsumfragen, Wahlen, Finanzökonomie, empirische soziologische Statistiken, medizinische Studien, etc., führen, in den Charts auf ihren Displays und Screens, eine probabilistische Vorstellung von Wahrheit vor Augen, die sich auf die Macht der größeren Zahl und die Majestät der Majorität gründet, aber zunächst auf Zählbarkeit alles Seienden überhaupt und der Identifikation mit dieser Zählbarkeit — d.h. Identifikation der Identifizierbarkeit von Identitäten — und dem “Wert” beruht. Ohne Rest muss in bürokratisch-administrativen Prozessen verbucht werden, denn auch dieser wird, obwohl er stets anfällt und als ärgerlich unprozessierbarer Rückstand “bleibt”, von sorgsam entsorgenden Kalkülen recyclend in verwaltende Verwahrung genommen. Wie etwa zuletzt die “Würde des Menschen”, als ein bei der Produktion anfallendes Abfallprodukt, von beispringenden Rechtsinstituten zwar geschützt, aber jenes undefinierbar Inkommensurable, was so betitelt, bemessen und bewertet wird, gegenüber diesem Schutz (der wie alles Gutgemeinte das Gegenteil von gut sein könnt, sofern er eben unvermeidlich jenes betreibt, was er abwehren will) und dessen Zurichtung wehrlos bleibt; dem Schutz ausgeliefert und einen Rest lassend, den dieser Schutz gerade verfehlt.

Kann man diesen übrigbleibenden Rest, der fürs Kalkül und seine Operationen nicht zählt als das Zahlhafte selbst ansehen?

Dass etwas zählt, d.h. wert ist, mit einbezogen zu werden (Mitgliedschaft und Zugehörigkeit in “Klassen”, ob sie noch so heissen oder nicht, spielt dafür, dass sie, solang Klassifizierzung und Deklassierung vorkommen, eine Rolle spielen, keine Rolle), überhaupt etwas wert ist, gelten und irgendwo dazu gehören darf, meint dann ausschließlich, dass man, zum einen, in diesem Sinne auf es zählen (also bauen und gründen) kann, dass es ein zureichend zuhandenes, tragfähiges, fungibles und vor allem selbst-identisches Element der Manipulation darstellt. Sowie zum anderen, dass es von Bedeutung, von Belang ist für Zwecke der Verwertung, der Verrechnung, in kalkulatorischen Operationen, die sich rechnen, also nicht nur aufgehen, sondern gewinnbringend einen Kapitalstock mehrend amortisieren müssen.
Kapital ist, der Marxschen Definition zufolge, Mehrwert heckender Wert. Oder kürzer, in der vollen Tautologie seines Phantasmas reinen zirkulären, reflexiven Selbstbezugs: Kapital ist sich selbst heckendes Kaptital. “Heckung” eines als Identitätspol fetischisierten kapitalen Selbst, das sich selbst, wiewohl zugleich im Zentrum stehend, als immer größere Einheit aller Einheiten umschließen will. Kapitalismus mutet dann also an wie der Fruchtbarkeitskult der integren Eins als monarchischer Primus inter pares, wie er sich schon in der Euklidischen Bestimmung der Zahl niederschlägt, die der metaphyischen Idealisierung der souveränen Eins und des Einen, das mit sich ein und dasselbe ist, verschworen ist. Mitsamt deren Aporien, die darin z.B schon liegen, dass das All-Eine, das aus identischen Ein(s)heiten besteht, von strukturell anderer Beschaffenheit sein muss als das, was es beinhaltet. Es kann keine Zahl sein und muss jenseits ihres Feldes verortet sein. Die Griechen kannten keine Null; aber für den späteren Neoplatonismus und die Mystik nähert sich dieses Eine immer mehr der arabischen Null an. („Euclid’s definitions show how in the Greek conception of number, the being of number is entirely dependent upon the metaphysical aporias of the one.“ Badiou, Theoretical Writings).

„It could be, certainly – and Neoplatonist speculation appeals to such a thesis – that the ineffable and archi-transcendent
character of the One can be marked by zero.“

0

„Im zinstragenden Kapital ist daher dieser automatische Fetisch rein herausgearbeitet, der sich selbst verwertende Wert, Geld heckendes Geld, und trägt es in dieser Form keine Narben seiner Entstehung mehr.“

Einer generalisierten Numerik mit ihren alle Lebensbereiche durchdringenden Algorithmen geht es dann auch vornehmlich um eine maschinelle Reproduktion stabiler Problemlösungsmechanismen, die, durch abweichungslose Wiederholung, die Unsicherheit und Unvorhersehbarkeit, welche “Zukunft” im emphatischen Sinne eignet, Kontingenz, die durch alle Rechnungen einen Strich macht, absorbiert und tilgt. Die Differenz, die jeder Wiederholung einher geht, minimierend und die Abweichung, den status ante herstellend, rückgängig machend oder aussortierend, sofern sie sich nicht aneignen lässt. Als universelle Programmatik der Programmierung kann folglich aber Kultur im Ganzen betrachtet werden (und wohl auch die nach diesem idealistischen Paradigma konstruierte “Natur” und ihrer Wissenschaft mit ihr: der Bereich des Kommen und Gehens von etwas, das auf sich selbst zurückkommt), und was die jüngste Zeit von der entfernteren Vergangenheit unterschiede, wäre vor allem das Raffinement einer immer sophistizierter und vollendeter (d.h. lückenloser) sich ins Werk setzenden abrundenden Schließungbemühung Einunddesselben, die den Nebeneffekt hat, in ebenso gesteigertem Maß Aus- wie Unabgeschlossenes, Devianz und Unwucht zu re-produzieren. Bedeutet Kapitalismus also (entgegen dem Anschein, den das Gewimmel einer Unzähligkeit von Kursschwankungen anzeigender Zahlen im täglichen Leben suggeriert) vor allem, die Verknechtung der Zahlen unterm ideologischen Primat und Prinzipat der Eins, dessen einzigem, die Konsistenz des “Zustands” sichernden Gesetz? Eine Indienstnahme, für die Unzähligkeit und Unzählbarkeit gerade nicht zählten?
Durch sie, diese „Ideologie“ würde unterschlagen, dass sich in jeder Eins nichts anderes in einer Markierung zu begrenzen und in einer repräsentativen Figur zu sammeln versucht als eine irreduzibel mannigfaltige Streuung. Die Eins, die gezählt wird (und als eine 1 hypothetisch gesetz wird), ist Effekt der Bemühung, eine einer inkonsistenten Vielheit (der Null oder Leere?) ausgeschnittene Menge zu bannenund benennen, im Namen, der Begriff ist, zu fassen und nehmen. (Die englische number aus dem lateinischen numerus stammend, teilt mit dem Namen sodann auch die Wurzel im griechischen nemein.) Dabei, im Eigen-Namen, aber eher die Unizität, die Einzigartigkeit, die Singularität benennnt als die Einheit, die dennoch als Phantasma im Moment des “Verrats” an die Ordnung des Allgemeinen (das eine Allgemeine der vielfachen Einheiten) entspringt. Es gibt — wäre dann das “Gesetz” aller gesetzten Zustände — Versammlungen, Für-Eins-Zählungen, sie sind möglich als jeweilige ausgeschnittene Kollektionen von unzählbar und unversammelbar Mannigfaltigem. Aber es gibt nicht das Eine als Gegebenes, und Vorliegendes, keine letzte, totalisierende Versammlung dieser Versammlungen, was das ver-raumzeitlichende Differenzierungsgeschehen als eines charakterisiert, das nicht mit sich identisch ist und diese multiple, dissipative Inkonsistenz zur Ermöglichung braucht. Es gibt nicht das Eine, es gibt (Un)Stetigkeit des sich entwischenden Nicht-Einen. Ein Geben gibt es, was ein Teilen ist (aber ist ein Teilen, ein Teilen, ein Einteilen?). Es gibt ein „Es gibt“ von nichts. Es gibt: Sprache.

Was bedeutete nunmehr, dass sich jede mathematische Entität als Menge, Klasse, System (also die Einzahl einer Vielzahl) darstellen lässt, wenn nicht, dass es unendlich zusammengesetzt und also unendlich zerlegbar zu denken ist. Dass es die aporetische Einheit einer Uneins, einer nicht-einshaften unendlichen Zerteilbarkeit ist?

II.

Von der Setzung muss gesagt werden, dass sie das Indefinite, das sie durch die Markierung der Eins begrenzt, in diese Markierung selbst einträgt. Die Markierung erweist sich in ihrer Aporie als de-markiert, die Setzung als einem Anderen aus-gesetzt, die Definition als indefiniert. Die Eins und deshalb jede weitere Zahl (mit der problematischen Ausnahme der Null) erweist sich daran, dass sie sich selbst nicht zählen kann, als eine Markierung, die weder dem Begriff der Zahl noch auch dem der Markierung genügt, sofern dieser Begriff Einheit und Existenz postuliert. Daran, dass die Eins von sich selbst nicht gezählt werden kann, zeigt sich somit nicht nur die Gegenstandsungewissheit der Zahl, sondern ihre Inexistenz als Zahl: Es gibt keine Zahl Eins, die von der Zahl Eins gezählt werden könnte; Eins ist nicht. (Entsprechendes gilt von allen Zahlen, weil alle mit der Eins oder einer entsprechenden numeralen oder nominalen Einheit operieren müssen.) Die zwingende Folgerung aus diesem Befund lautet, dass die Zahl selbst zahl-los, unzählbar, also in striktem Sinn un-endlich und nicht-seiend ist. Wenn Zahlen dennoch operationsfahig sind, so nur unter der Bedingung, dass jede zählt, ohne gezählt zu werden. Eine Zahl zählt nur, sofern sie reine Setzung und also nicht in ihrer Applikations-oder Selbstapplikationsfähigkeit fundiert ist. Ihre Operationen lassen sich nur auf die Zählungsfunktion, nicht auf eine Substanz der Zahl aufbauen. Die Thesis Eins ist Hypothesis. Sie erschöpft sich in Operationen. (Hamacher, Heterautonomien)

Auf die Frage also:

Doch wenn nur die Zahl zählt,die Zahl aber der Name für etwas Zahlloses und Unzähliges ist, warum zählen Zahlen, von denen es unzählige zu geben scheint, überhaupt und wie und was? Sich selbst, also ein Nichts und eine Unendlichkeit?

wäre die Antwort, die Zahlen als Anzahlen und Mengen, Mannigfaltigkeiten, also sektionierte Kollektionen einer dissipativen, inkonsistenten Unzähligkeit nimmt, dass eine “1” nichts anderes darstellt, figuriert und zur Gestalt ein-bildet als den Namen der Menge (oder Nahme), die Null enhält. Desweiteren “2” den Name der Menge, die 0 und 1 enthält, und dies in alle Unendlichkeit fortsetzbar. Unableitbar, da als Axiome vorausgesetzt, wären dann die Null und das Unendliche. Oder: die Null als Unendliches?

Ob Zahlen, nach Dedekind zunächst “freie Schöpfungen des menschlichen Geistes” als “Mittel, die Verschiedenheit der Dinge leichter und schärfer aufzufassen” etwas jenseits von Kalkülen und Verrechnungen, in die ihre Freiheit gebunden und verkettet wird, erzählen („tell“ und „tale“ sind das selbe Wort: Zahl) über sich oder von Anderem, könnte dann immerhin beantwortet werden mit einer Vermutung: Sie erzählen, ohne etwas zu bedeuten, nicht nur von der (Selbst)-Verschiedenheit der Dinge, sondern von der stets abwesend-anwesenden Unendlichkeit und der Leere vor dem Anfang als inkonsistenter Multiplizität. Das heisst aber, sie erzählen von einer Fundamentalaporie ihrerselbst und stellen sie aus. Stellen zudem aus, dass sie, diese Inkonsistenzen und Aporien, etwas aller (Geist)Schöpfung Vorausgegangenes sein müssen.

Ob die Dominanz der Zahl im globalen “Kapitalismus” genannten Gefüge, damit zu tun hat, dass zuwenig von und bei der Zahl, statt zu viel gedacht wird, wäre die Frage. Denn dann wird sie in ihm eher erniedrigt als erhöht und” Tyrannei der Zahl” könnte nur heißen, dass die Tyrannei von etwas Anderem ausgeht und noch die Zahl betrifft, die nur als repäseantativer Knecht für alles andere Versklavte einstehen muss.

III.

“die Definition des Unendlichen, welche den Kern meiner ganzen Untersuchung bildet“ (Dedekind)

Alain Badious “Number und numbers” (im Original 1990 als Ergänzung zu Das Sein und das Ereignis erschienen) ist, entgegen der notorischen Mathematikverachtung der Philosophie seit spätestens der Romantik und dem deutschen Idealismus, bemüht um eine Emanzipation der Zahl (er schreibt sie groß) aus der Verknechtung in Kalküle. Dies im Zuge seiner Abkoppplung einer mit Mathematik zusammgedachten Ontologie von Metaphysik, die dem Einen huldigt. Und er rekurriert dafür auf die Zahlentheorien von Frege, Dedekind, Peano, um mit Cantors Mengenlehre in der Ordinalzahl die Unendlichkeit freizulegen, deren Niederschlag jene Zahl zu sein scheint, von der unklar ist, was sie überhaupt ist.

Whence my plan: To examine the theses of Frege, Dedekind and Peano. To establish myself within the set-theoretical conception. To radicalise it. To demonstrate (a most important point) that in the framework of this radicalisation we will rediscover also (but not only) ‚our‘ familiar numbers: whole numbers, rational numbers, real numbers, all, finally, thought outside of ordinary operational manipulations, as subspecies of a unique concept of number, itself statutorily inscribed within the ontology of the pure multiple.

Die reine Multiplizität ohne das Eine freizulegen, erfordert so scheinbar, paradox, den Rekurs auf die Unifizierungsbemühungen jener, die dem wirren Un-Konzept der Zahl eine konsistente Theorie zur Seite stellen wollten. Sowie darüber hinaus, einen weiteren Schritt, der darin liegt, jene disparaten Unifizierungsbemühungen zu vereinheitlichen. Was vereinheitlicht wird, stellt sich jedoch als eine radikalisierte Dissolution heraus. Die Zahl (die als solche unzählig und zahllos ist) wird dadurch zu einer ontologischen “Paraphrase” des Seins (von dem man fragen könnte, ob das substantivierte Possesivpronomen ihm, das sich nicht “hat”, noch genügt: es wäre vielmehr von nun an das “Keins”) selbst, das durch sie erst gedacht werden kann, infern es sich selbst durch sie denkt. Dies nicht ohne die Kautele, dass jenes, was Badiou das Ereignis nennt, und die es “begleitenden” Wahrheits-Prozeduren, niemals gezählt werden können.

Number is neither that which counts, nor that with which we count. This regime of numericality organises the forgetting of number. To think number requires an overturning: it is because it is an unfathomable form of being that number prescribes to us that feeble form of its approximation that is counting. Peano presents the inscription of number, which is our infirmity, our finitude, as the condition of its being. But there are more things, infinitely more, in the kingdom of Number, than are dreamt of in Peano’s arithmetic.

Nach umständlichen Beweisen durch spannende, wie schwer nachvollziehende Formeln (die, obgleich sie behaupten, sich kontextfrei von selbst zu verstehen nicht ohne Erläuterungen auskommen, die sie übersetzen) landet Badiou bei den Conway-Zahlen, die, von Donald Knuth in seinem Roman popularisiert, auch als die Surrealen Zahlen bekannt sind. Für Badiou werden sie zu zu etwas wie der Zahlhaftigkeit aller Zahlen selbst und einer Form des Seins und dessen inkonsistentem Exzess. Sie umfassen, als eine ganz eigene Klasse, diesseits und jenseits aller Klassen, und enthalten alle jene Klassen von Zahlen, die man gemeinhin im Sinn hat, wenn von Zahlen die Rede ist und stellen für Badiou so etwas wie das Wesen der Zahlen, ein Gewimmel von unzählbarer Leere und Neutralität in ihrem Herzen, von dem schon die 0 zeugte, dar.

 

Dass in diesem Sinne „die Zahl“ (ausgehend nicht von der gegebenen Eins, sondern der nur als Eins zählbaren Unendlichkeit und inkonsistenten Mannigfaltigkeit der Null) dem Begriff strukturell vorausgehen und ihm inhärieren muss wie eine regellose Teilbarkeit, lässt mutmaßen, dass vom begrifflichen Denken anders mit Zahlen gerechnet werden müsste. So heisst bereits das polemische Eingangskapitel, das die Nummer 0 trägt: Number must be thought.

Number, as number of nothing, or zero, sutures every text to its latent being. The void is not a production of thought, because it is from its existence that thought proceeds, in as much as ‚it is the same thing to think and to be‘.16 In this sense, it is the concept that comes from number, and not the other way around. (23)

IV.

Selbst noch die Utopien des Multikulturalismus, die nicht eine Kultur auf Kosten aller anderen privilegieren wollen, geben das Prinzip der Einheit unter einem Begriff einer Sprache und geben das Prinzip einer einzigen Vereinigungsform, die Vereinigung durch den Warenverkehr, nicht preis. Die Frage ist also: Wer zählt urıd wer zahlt? Und weiter: Lässt sich, wo es um das Verhältnis zwischen Kulturen und wo es um die Akkulturationen der Kulturen zu tun ist, noch einfach zählen? (Hamacher, Heterautonomien)

Wie viele sind wir?

– Wie zählen? Wie läßt sich das berechnen? (Derrida, Politik der Freundschaft)

 

Andere halten Verwandtschaft mit der unter ↗Zoll (s. d.) behandelten Wortgruppe für möglich, knüpfen also an die Wurzel ie. *del(ə)- ‘spalten, schnitzen, kunstvoll behauen’ an. Die Bedeutungen ‘Zahl, das Zählen’ und ‘Aufzählung, Erzählung, Rede, Sprache’ hätten sich dann in vorliterarischer Zeit aus ‘eingekerbtes Merkzeichen’ entwickelt.

 

Dass Badious Aufgriff mengentheoretischer Erwägungen für eine Ontologie des irreduzibel Multiplen, die sich, genauer, auf eine Anontologie des Mehr-und-weniger-und-anderes-als-Vieles zubewegt, manifest politische Implikationen aufweist, wurde betont. Wo immer Mit-Sein (mit der vollen Aporie ein Mit-ohne-Mit-(Kein)Sein zu sein) im Spiel ist, ginge es um eine Teilhabe ohne Zugehörigkeit, reine Partizipation ohne ganze Teile und ohne ganze Teile beinhaltendes Ganzes. Und ohne bloß, im alten Sinne, „vieles“, „multiples“. Mit diesem Ohne. Denn woran wird teilgehabt, wenn dies Zugrundeliegende keine opake, sui-suffiziente, saturierte Substanz mehr, und diese Gemeinschaft keine autarke Körperschaft mehr sei? Aneinander oder nicht doch vielmehr am Teilen selbst? Und was hat da teil? Hat das Teilen an sich selbst teil?
Was sich im Zuge von Badious zahlenspekulativer Meditation freilegt, das Makro-Feld der surrealen Zahlen, die Zahl selbst als inkonsistente Multiplizität, ist das nicht dieses unmögliche Teilen, das nichts Bestimmtes sagt, aber die Eröffnung eines unendlich differenzierbaren Zwischenzeitraums meint, der Bestimmungen wie Konsistenzen und Identitäten zulässt, aber nicht braucht? Nur weil Badiou unter Sprache den logos apophantikos des urteilenden und prädikativen Ausssagens und thetischen Setzens und Bestimmens zu verstehen scheint, muss er diese seltsame gespaltende und gedoppelte Marke der (großgeschriebenen) Zahl als etwas schlechthin Unsprachliches begreifen. Die Ähnlichkeiten allerdings, die zwischen dem, was Badiou hier als (im französischen großgeschrieben) Zahl zu bedenken und der Vergessenheit zu entreissen gedenkt, zur Derridaschen Analyse der Spur, der grammé und der marque sind so frappant, dass sie nicht unentdeckt bleiben können. Das Motiv der Dissemination ist wohl, nicht zufällig, in einem Text über Sollers Nombres erstmals in Erscheinung getreten, in deren „Praxis“ „des opérations d’annulation, du décompte et d’un certain zéro textuel“ gesehen werden. Eine gewisse textuelle Null des Nominalen wie Numeralen…

Was zählen und erzählen Zahlen? Which tale do they tell if not the tell-tale of Teilung? Eine Teilung, die jede Geschichte und Erzählung, verstanden als kohärentes, homogenes Narrativ-Kontinuum aufsprengt und zerfasern lässt. Dass auch die Etymologie der Zahl von einer möglichen Partizipation an dieser regellos numerös verästelnden Partituierung — Multiplikationen von Divisionen, Additionen von Subtraktionen vor allem Kalkül — spricht, könnte ein zusätzlicher Wink sein.

„Die Dichte des Textes führt so auf das Jenseits eines Ganzen, das Nichts oder das absolute Draußen hinaus. Wodurch seine Tiefe zugleich null und unendlich ist.“ (Derrida, Dissemination)

Tillmann Reik

Ino Augsberg: Kassiber. Zur Aufgabe der juristischen Hermeneutik

Vom Bindenden des Scheidens

Herrmes Ecken und Kanten

In wessen Namen spricht der Nomos, wenn nicht im Namen des Namens? Des Namens der Nahme, die im griechischen von nemein kommend, das Trennen, Scheiden und Teilen meint?
Für Kant, aus dessen ostpreußischem Namen — von den einschlägigen, dem angelsäsischen Ohr sich eröffnenden obszönen und depotenzierenden Homophonien cunt/can´t abgesehen — unter anderem, die saubere Schnittstelle, der scharfe, etwas steife, möglicherweise versäumte Rand, die spitz zulaufende Ecke1, der Kanton, also abgesteckte Bezirk, heraus zu hören ist – selbst wenn Onomastiker ihn, und hier fransen die Bordüren endgültig aus, als Musikername mit canto/cantor sowie dem Spielmann und seiner Laute in Zusammenhang bringen: das “Lied vom Gesetz”2 singend? — zeigt das Recht sich (wobei die “Rechtslehre” diesen Umstand durch eine doppelte Invisibilisierung zu verheimlichen bemüht ist: es muss darüber geschwiegen und über dieses Schweigen geschwiegen werden3) insofern mit Gewalt je schon verquickt und nicht nur ihr entgegengesetzt, als der — monopolisierten — Erlaubnis zu deren Anwendung, zur Ausübung von Zwang, streng genommen, äquivalent.

Es ist gleichsam more euclido-geometrico zu verstehen, ihm, seinem Postulatcharakter, ist um eine Teilung zu tun, die einen Raum aus zurechenbaren Dingen erschafft, einrichtet4, — vielleicht im Anklang an das “Hegen des Dings”, das Cornelia Vismann dem frühen, nicht urteilenden Richten zumaß — und mit exakten, linearen Schnitten, die in sich selbst nicht geteilt sein dürfen, nicht so sehr eine als Verteilungsgerechtigkeit bereits gegebener Teile zu verstehendes suum cuique, sondern eine “Beurteilung von Besitzansprüchen gemäß den Rechtsgesetzen” (Reinhardt Brandt) zu gewährleisten versucht. Wobei (be)urteilen, wenn es derart auf Besitz, Eigentum, Vermögen, “Gehörigkeit” bezogen ist –ja, womöglich im Einschwören, iurare,  auf ein Gehorsam gegenüber diesen Gehörigkeiten besteht –, diese als Vorgegebene nicht bloß verwaltet, sondern nachgerade — durch mathematische Ab-Teilung — konstruiert. Es liegt die als Forderung vorliegende Ordnung vor, als ob sie vorläge und bildet eine Form des Genauen, Geraden, Direkten, die sich, dezidiert, von allem Krummen, Schiefen, Schrägen und Obliquen, Verqueren absetzt. To set right an out-of-jointness, fügend:

Das Rechte (rectum) wird, als das Gerade, teils dem Krummen, teils dem Schiefen entgegen gesetzt. Das erste ist die innere Beschaffenheit einer Linie von der Art, daß es zwischen zweien gegebenen Punkten nur eine einzige, das zweite aber die Lage zweier einander durchschneidenden oder zusammenstoßenden Linien, von deren Art es auch nur eine einzige (die senkrechte) geben kann, die sich nicht mehr nach einer Seite, als der andern hinneigt, und die den Raum von beiden Seiten gleich abteilt, nach welcher Analogie auch die Rechtslehre das Seine einem jeden (mit mathematischer Genauigkeit) bestimmt wissen will…(hier)

Wenn der Nomos im Namen des Namens spricht, so auch im Namen einer gewissen, einschneidenden, ein- und ausschließenden Nahme, einem nemein, das sich als kapitalisierende captatio (miß-?)versteht: instituierender Besitzergreifung, Gefangennahme, Kaptation, die verbindlich gründet, indem sie, hegend, Eigentum in Einheiten ein-, auf- und zuteilt. So jedenfalls würde ein Carl Schmittsches Verständnis womöglich es fassen. Dass es irgendwie ums Scheiden, ums Trennen, Separieren und Grenzenziehen und -kontrollieren geht, bei dem nicht zuletzt (sondern ganz anfänglich: das Eigentum muss ein Recht sein noch bevor das Recht ein Eigentum werden kann, aber auch vice versa?) die Frage eines „ontologischen Possesivismus“ (Hamacher) nach „mein“ und „dein“ auf dem Spiel steht, dass also Division und Distribution das gesetzlose Gesetz aller Gesetze ausmacht, kann dazu führen, Recht als die Kulturtechnik einer Scheidekunst zu betrachten, zu Zwecken der Bewältigung von Problemen, Lösung von Aufgaben. [Kulturtechnik: Ein beinahe oxymoronischer Ausdruck, wenn man bedenkt, dass sowohl techne (auf eine Wurzel, die das Weben, Verflechten) wie ars (auf das Fügen und Artikulieren verweisend) den Akzent aufs Verbinden legen: Scheidekunst trüge ihr Gegenteil somit bereits mit im Namen und markierten vielleicht die Technik oder Lehre, durch Scheiden zu verbinden, sowie: das Scheiden zu binden und verbindlich zu machen. Alles aber unterm subjektmetaphysischen Willen zum Zustandebringen und Bewerkstelligen aus einem Grund für einen Zweck].

Vom Recht als Scheidekunst sprechen: Dies tut Fabian Steinhauer medienwissenschaftlich, indem er in „Vom Scheiden“ rund um Überlegungen zum sonderbar sondernden und gesonderten Sonderling (S.76) „Römisches Recht“ etwa Ihrings „Geist des römischen Rechts“ zitiert, wo sich die Bezogenheit dieser wie eine analytische Auflösungsbewegung erscheinende “Kritik” (im Sinne des gr. krinein), mit ihren In- und Diskriminierungen auf etwas wie das Ungeteilte zu erkennen gibt:

Es bewährt sich hier eine Bemerkung, die wir früher bei einer anderen Gelegenheit zu machen hatten, daß das Wesen des Rechts in Zersetzen, Scheiden, Trennen besteht. Die juristische Technik lässt sich nach dieser Seite hin als eine Chemie des Rechts bezeichnen, als die juristische Scheidekunst, welche die einfachen Körper sucht.“(zitiert nach Steinhauer, S.71)

Um so dann nach einer kurzen Überlegung zur Metaphorizität der verwendeten Begriffe und der Frage, welche davon als genuin-originär angenommen werden kann, und was bloß im übertragenen Sinne zu verstehen sei, zur provisorischen Schlußfolgerung zu gelangen:

Schon im chemischen Begriff steckt Recht. Jherings Übertragung ist also eine Rückholung, eher regressiv als originell. Er nimmt eine historische Metapher beim Wort.Das Scheiden ist insofern aber auch nicht genuin rechtlich. Die Geschichte dieser Bezeichnung ist das Beispiel für einen Juridismus jenseits des Rechts und damit für eine Genealogie, die nicht genuin ist. (ebenda, S.72)

Die faszinierende Möglichkeit einer Parallelisierung, die Steinhauer darüber hinaus von Gericht und Kino als Schauplätzen der Theatralisierung expliziert, geschieht vor dem Hintergrund, dass der eigentliche, tragico-komödiale Ort, dem das Gesetz zugehörig ist, vermutlich nicht ausmachen sein wird, Katachresen und Übertragungen sind von Anfang an im Spiel. Das Gesetz findet statt vielleicht nicht nur im Außerhalb des Rechts, sondern gar im Außerhalb seiner selbst:

Viel spannender ist es schließlich zu sehen, dass das Gesetz nicht nur vor dem Recht stattfindet, sondern auch jenseits dieser Zone.

Wenn es aber derlei “Übertragungen” gibt, wenn „Juridismen“ und “Gesetzförmiges” außerhalb der Grenzen des genuin Rechtlichen wie outlaws und hors-la-loi schlechthin ungebunden herumirren und frei flottierend ihr offiziell verbotenes Unwesen treiben (und etwa chemische, naturwissenschaftliche, theologische Vokabeln in der Rechtssprache so tun, als seien sie nicht immer schon anderswoher gekommen), wenn derart die Gattungsgrenzen immer schon verschwimmen, sich ungeregelt (ver- und mit-)teilen, wie kann dann das Recht (dessen Hauptaufgabe vielleicht — das wäre hier die oben schon angedeutete These — gerade darin besteht, eine solche Verschmischung der Gattungen durch immer wieder nachgezogene Scheidelinien zu verhindern: das regellose Scheiden also zu bezähmen, hegen, indem es dieses bindet) überhaupt als autonome Zone, oder in Luhmannschen Termini: autopoietisches Kommunikationssystem sich behaupten?

Vielleicht: Indem es sich durch Dichtung, Auto-Poesie (kann man sagen: Mythos?) narrativ abdichtet, auto-immunisierend sich stetig neu abgrenzt, sich selbst in klare Scheidelinien einzufassen sucht, dabei aber stetig neue leaks produziert?

Das Recht muss sich auf diese sich ereignenden Passagen einstellen. Das heißt vor allem: Es muss sich in seiner methodisch angeleiteten Selbstauslegung darauf ausrichten, dass zwischen Begriff und Metapher nicht sauber unterschieden werden kann. Die angebliche geschlossene Autopoietik des Rechts setzt nicht nur eine Autopoetik voraus. Die Autopoetik ist ihrerseits von einer Heteropoetik nie ganz zu trennen. Die Ränder des Rechts bezeichnen Grenzen, an denen das Recht sich – im mehrfachen Sinne des Wortes – versäumt. (Augsberg, S.1)

Kassiber — ein Buch, das Jacob Taubes und Hermes so überblendet, dass der geflügelte Götterbote und Botengott des Griechentums, Tele-Transporter und Gewährsmann des Marktes, der Marken und Margen zum selbsternannten “Erzjuden” und ludernden Lotterbuben gerät — versteht und untersucht “die Aufgabe” der juristischen Hermeneutik — “so zersplittert wie die Geschäfte des die Hermetik wie die Hermeneutik namenspatenschaftlich begründenden, janusköpfigen Hermes”, der sich in den Göttergesprächen des Lukian seiner Mutter Maja als der Götter unglücklichster offenbart, da er sich aufgrund seiner vielfältigen Tätigkeiten förmlich zerreissen muss (93, diaspomenos ist hier das Wort aus der Fremde, was den Boten vom Herd einer Ökonomie des Eigenen vertreibt und in Exil und Diaspora und also Heimatlosigkeit und Unzuhause, in Aussetzung, beheimatet5) — in einem “mindestens dreifachen Sinn” und gibt zu bedenken, dass deren nach talmudischer Lehre mindestens 70 sein müssten, welche Zahl wiederum im rabbinischen Gebrauch für nichts weniger als die Unendlichkeit einsteht. In der Trias von Funktion, Mission und Resignation lässt sich die Aufsplitterung dessen, was mit Kassiber gemeint sein könnte, provisorisch sammeln, indem sie sich prismatisch auffächert und wohl über die trinitarische Einigkeit hinausweisen muss, um das Lassen und die Aufgabe im Sinne der Omission noch in die drei distinkten Aufgabenbereiche selbst einzuschreiben:

Hermeneutik bezeichnet ein elliptisches Verfahren.
Das betrifft zumal die Hermeneutik als Kunst der Auslegung. Deuten heißt Sich-Enthalten. Seine konstitutive Bewegung umfasst nicht nur die aktive Festsetzung von Bedeutung, sondern mindestens ebenso sehr einen Vorgang des Lassens: ein Aus- und Unterlassen, das andere Setzungen zulässt. Die Deutung enthält sich, weil und indem sie nicht ohne weiteres über sich hinausgeht. Statt sofort zum Gedeuteten fort- und überzulaufen , hält sie inne. (110)

Da eine solche elliptische Parahermeneutik auch darin bestehen muss, mag man ergänzen, die Aufklärung über eine gewisse Undurchsichtigkeit (gegenüber dem Willen zur abschließenden semantischen Sättigung) auszuweiten, aufs Milieu des Aporetischen die Instrumente theoretischer Detektion so scharf wie möglich zu fokussieren, kann die Vorliebe für geheime, klandestine Mit-Teilungen als Schmuggelwaren, welche exkludierend-internierende Gefängnismauern und selbst-einhegende Zäune, Dispositive überwachend-strafender Bezwingung, unbemerkt passieren, das ist die Bedeutung des rotwelschen Wortes Kassiber, gleichermaßen als Parteinahme für eine andere Scheidung gewertet werden, die nicht mehr als Kulturtechnik, Errungenschaft einer Zivilisation zur Bemeisterung und Bemächtigung einem Leistungskatalog des homo faber und capax verbucht werden kann: Advokation jener nicht mehr geschichtlichen, sondern “geschichtlichenden” Dauer-krisis, die sämtliche Versuche zur zäunenden Einhegung und Gefangennahme — zur jeder abscheidenden Nahme als Fang, die captatio als Packen und kapitalisierendes Kappen einer capacitas des capere — verhindert und aufhält. Und damit die Soterio-Logik eines ex captivate salus. Die das Binden unterbindende Ent-Bindung, gegen die und aus der heraus die Bindung und Bändigung in Gestalt einer Ent-Entbindung sich mit klaren Scheidungen und Entscheidungen aufrichtet, Gnomon und Norm, wird dann freigelegt als das Gesetz desjenigen Gesetzes, was das positive Recht in seinen Statuten setzt und niederlegt. Dass sich dieses kritische Geschehen in und als brache Sprache zeitigt (deren grammatisch-orthographisch kontrollierte Urteile und Prädikationen jeweils als Versuche des Bruchs mit diesen Brechungen und Teilungen sich — als je immer schon Gebrochene — setzen), hat Augsberg unlängst in einem Vortragstext zu Jürgen Buchmanns “Grammatik der Sprachen von Babel” dar- und also auseinandergelegt.

Der Lotterbube Hermes, überall Wege (er)findender Disaporetiker, der Gott nicht nur der Diebe — das heißt zum Beispiel auch kleptomanischer Sachwalter einer stets unrechtmässigen Appropriation, exlex, hors-loi, der nur durch Beraubung, Nahme erbeutet — sondern mit Augsberg “der Teilungen und Verfremdungen also, der mit der Vielzahl der ihm übertragenen Aufgaben nicht zurande kommt, sondern von ihnen regelrecht zerissen wird” bleibt gerade dadurch Figur, Repräsentation, Emblem für das Bemühen, der Zerreissung und Enteignung (in immerhin scheint´s noch eine bezifferbare Menge von Aufgaben) einen trotzigen Widerstand Konstanz, Konsistenz und Kohärenz entgegenzusetzen, sich, als er selbst und Indivuduum, zumindest identisch durchzuhalten und sei es auch durch um dieser zusammenhaltenden Identität Willen aufgebotene Listen und Verstellungen. Er ist also zuvörderst Figur einer, wenn auch notwendig immer wieder mißglückenden, individuierenden Protektion gegen seine Auflösung, unterm teleologischen Zwang, seine Auslieferungen ungebrochen am Zielort abzuliefern, und nicht von einem Irrgeschick erfasst, unterwegs sich selbst und seinem Auftrag, sich davontragen lassend, verloren zu gehen. Sein guter Wille zur Macht als Zurande- und Zustandekommen, der er ist, wird von etwas anderem als ihm selbst sabotiert. Diesem Anderen könnte vermehrtes Interesse entgegen gebracht werden.
Ob ein mehr dem Ver (und also den Ferrenzen, dem Phorischen und den Portierungen) als dem Stehen sich verschreibendes Denken ihn also weiter zur Gallionsfigur und die Herme zum Phallischen Wappen erklären muss, und nicht eher der Figurlosigkeit dessen sich zu überlassen hätte, was Platons Dialog Ion, noch seinerseits zu gesichtgebend theia moira nennt — einer unfigurierbaren Teilbarkeit in deren Nahme der Gott sich dem Unglück des beinahe Zerreissens ausgesetzt sieht — , bleibt offen, selbst aporetisch unlösbar. Im Namen des Namens zu lesen, ein solches Lesen zu üben, das mit Thomas Schestags Formulierung nehmender wäre darin, sich dem Glück des Innewerdens der Uneindeutbarkeit noch des gewahrenden Innen zu überlassen, sieht im tragischen Zerrissensein des Gottes, das dieser nur als Unglück empfinden kann, sieht in diesem noch das Glück von sich selbst trennenden Un-glück — der Herrmes durchwandernden, seine Herrschaft brechende (F)Erranz und (F)Erratik — ihr Glück(sversprechen): das auch des glücklichen Funds, der Fügung der trouvaille, den das griechische Wort hermaion bezeichnet. Dem Zu-Fall.

Er ist auch derjenige, den man weder vorhersehen noch festhalten kann, der Zufall, das gute oder widrige Geschick, das unvermutete Zusammentreffen; ein unverhoffter Fund oder Vorteil heißt im griechischen hermaion.6 (Jean-Pierre Vernant, a.a.O.)

Aber ob Hermes dieser Zufall ist — mit dem Zufall zusammenfällt — oder doch nur als dessen Abgesandter von ihm Zeugnis ablegt und selber dessen Gesetz untersteht?

Der Name des Namens, die Nahme, durch die Sprache in steter Detonation ihrer Denotationsfunktion sich von sich selbst entfernt und so in unberechenbaren Brechungen spricht, wäre dann nicht mehr so sehr eine technische Bewältigung von Etwas durch scheidendes Herauslösen, sondern noch eine Nahme dieser Nahme selbst, Selbst-Beraubung, ein Scheiden (und Schneiden) des Scheidens (und Schneidens): die unteilbare Souveränität eines Teilungsgeschehens von nichts als diesem Teilen selbst. Diesseits und jenseits aller Kulturtechnik — Besitz, Gut, Habe, Errungenschaft einer Kultur, was immer das sei, und von dieser amortisierend erwirtschaftet — im nicht-chronologischen Sinne vor ihr, erweist sich jene Proto-Technizität eher als grundlose und unmögliche Ermöglichungsgrundlage sowohl von Kultur als auch deren Techniken. Sprache — in ihrem am wenigstens engen und engstirnigsten Sinne: brache Brüche-Brücke, Brücke aus Brüchen — ist ein Name für diese Nahme, für dieses Nehmen, für diesen Nomos der Ab-Norm und Anomie, in dessen Namen auch das Recht richtet, in dem es dieses Scheiden ent-scheidet.

In welcher Nahme spricht denn das Recht, wenn nicht in der der radebrechenden Gaunersprache von Kassibern und Kassibern aus Kassibern. Sprache überhaupt? Dabei ist Kassiber ein Wort, das sich von einem anderen herleitet, welches vermutlich nichts anderes bedeutet als: schreiben. Wenn Recht in seinem „urge to set things right“, dem tragischen Einsatz der direktiven Korrektur im Aufrichten — to right — von Normen, auf ein aufschiebendes, aus-ein-ander-setzendes „to write“ verweist, dann  auf die Sprache einer „transzendentalen“ Illegalität, im Austrag der Präzedenz irreduzibler Korruption, primordialer Delinquenz. Die Sprache verbricht (sich), ihr crimen ist ihr krinein. Ein Verbrechen, das somit vermutlich nicht nur darin liegt, Botschaften wie Waren zu schmuggeln, sondern noch das, was sich als Ware im Verkehr und Handel zu bewahren und unversehrt adressierbaren Eigentümern zuzustellen versucht, die „freie Marktwirtschaft“ der verständlichen Botschaften im Ganzen, ziel- und regellos zu brechen. Sprache bräche das Recht der Eigentumsordnung, die Eigentumsordnung des Rechts, wie alles in ihr Stehende und Ständige, anfänglich und stets auf Neue anders als eine bloße Übertretung, die das Verbot und die Grenzen nur bestätigt. Sie unterbricht und stört die dialektische Aufeinanderangewiesenheit von Grenze und Übertretung selbst. Dies zu gewahren und zu verstehen, wie mit dem zum wirklichen Skandalon präzisierten konstitutiven Rechtsbruch im Recht — Sprache — umgegangen werden könnte, inwiefern es sich etwa — um einer nur mehr schwer „Gerechtigkeit“ zu nennenden Forderung willen — gegen diese Brüche nicht einfach verwahren darf und doch nichts anderes darstellt als eine aufgebäumte Gestalt dieser Verwahrung, darum müsste es einer Rechtstheorie, die nicht nur Grenzpostendisziplin sein will, gehen, wie Kassiber deutlich macht.

Tillmann Reik

1 kant, kante im 17. Jahrhundert entlehnt; aus altfranzösisch: cant = „Ecke“; vermutlich aus einem gallischen Wort für „eisernen Radreifen“ (lateinisch: canthus → la)

2 Marie Theres Fögen: Das Lied vom Gesetz (erweiterte Fassung eines Vortrags am 14. März 2006). Carl Friedrich von Siemens Stiftung, München 200

3 vgl. dazu Peter Fenves: Niemands Sache.Die Idee der „Res Nullius“ und die Suche nach einer Kritik der Gewalt. In der Systemtheorie wird dieser Sachverhalt mit der seinerseits euphemistisch verklärenden Wendung beschrieben, es ginge um die “Invisibilisierung der Gründungsparadoxie”.

4 Mit “Der Richter hegt das Ding.” beginnt Cornelia Vismann das Kapitel übers Theatrale Dispositiv ihres Buches Medien der Rechtsprechung. “Was die dinghegenden Richter nicht machten, ist das, was man heute zuallererst mit dem Beruf eines Richters verbindet. Sie urteilten nicht. Diese Aufgabe oblag nach germanischem Recht den Urteilern.”

5 Ob damit schon (immer) die Ökonomie des Eigenen gesprengt, Hermes, genuiner Gott der Rede, weniger der Schrift (er zeugt auch von einem Tod Thots), als in die Peripherie ausschwärmender Gesandter sich selbst in zählbare Teile spaltet, die sich immer wieder zur Einheit zusammfügenlassen und dem einen Zentrum ihren Ertrag und ihre auswärts gemachte Beute zuliefern, oder das Schema von Zentrum und Peripherie selbst verkompliziert und Hermes letztlich nichts wäre als sein Selbstverlust in unzählige Ferrenzen, bleibt die entscheidende Unentscheidbarkeit, anhand derer beurteilt werden müsste, ob eine Hermeneutik die ihr inhärente Dekonstruktion in voller Konsequenz austrägt. Denn dafür müsste es ihr gelingen, als Hermeneutik zu scheitern. Zu des phallischen Hermes´Bezug zur durch den Kreis symbolisierten Hestia, der häuslichen Ökonomie des Herdes, des Mittelpunktes eines konzentrischen Raumes, das in Zeiten der polis die agora sein wird — und so die Politik unters Zeichen der Versammlung stellt — siehe Jean-Pierre Vernant: Hestia – Hermes. Über den religiösen Ausdruck von Raum und Bewegung bei den Griechen.

6 Das hermaion weist seinerseits auf einen einfachen Steinhaufen, hinterlassen zur Orientierung als Wegmarke, wie die heute noch in alpinen Regionen zu findenden Steinmännchen. https://de.wikipedia.org/wiki/Steinm%C3%A4nnchen . Der glückliche Fund wäre dann eine zur Orientierung dienende Hinterlassenschaft

Hélène Cixous: Schriften zur Kunst

Peintimentüren

Was hat meine Schreibgeste mit der des Malenden gemeinsam? Die Sorge um die Treue. Treue zu dem, was existiert. Zu allem, was existiert. (113)

Es ist der Zug einer peinigend reuevollen Treu-Sorge, welcher sich, im Text, abzeichnet: Trotz der von ihrer Scheibgeste bekannten Leichtigkeit, Lockerheit, Luftigkeit: Losigkeit, die, von aller Schuldverstrickung absolutiert, im sine cura liegt, mit der diese Texte über die Kunst vor allem von Rembrandt, Hokusai, Andres Serrano, Nancy Spero — eine Neuzusammenstellung von in diversen über die Jahrzehnte erschienen französischen Bänden gedruckten Essays — den Anschein erweckend daherkommen, von aller Bedrängnis frei zu sein, liegt, gleichzeitig mit dieser vertrauten Sorglosigkeit, ein sich durchhaltender Akzent auf Erschwernis und einem zehrenden Schmerz. (Liebe zur Unzufriedenheit: das Malen fügt, von Mal zu Mal, auch dem Malenden Male zu und bei, zeichnet den Zeichnenden, hinterlässt also durchaus Spuren in den Agenturen der Herstellung. Die Zeit des Malens: malheur.)

Was ich liebe, ist die Unzufriedenheit des Malers. (128)

Liegt, parallel zu dieser ihre Flügel aufspannenden Seele als gefiedertem Streitwagen, und aller ausgelassenen Unbekümmertheit trotzend, sie öffnend, auf einer Mühsal, welche das Schreiben, dessen Selbstvertrauen keine armierte Sekurität eines Selbstversicherungsunternehmens sein kann, sondern allein in der Erfahrung einer Gefahr liegt, mit dem Malen und Zeichnen verbindet. Alle Sorge gilt einer Sorglosigkeit, wie dem ängstlichen Bemühen um Angstfreiheit, das vom Mut zur Angst (noch der vor der schmerzhaft intensiven Freude) nicht allzu verschieden dünkt. Besagte vertrackte (Dis)Courage erweist sich denn auch neben der Geduld (man wird sehen, dass auch letztere, da sie eine hastige, übereilte sein muss, wie alle hier eine Rolle spielenden Erfordernisse von aporetischer Struktur ist) als eine derjenigen Tugenden, welche der großartige frühe Text von 1986 “Das letzte Bild oder Das Portrait Gottes” in überschwänglich-schwärmerischem Duktus für entscheidend erachtet und heraushebt. (Tugend übrigens, — Spinoza sagt, die Reue (auf die gleich zu sprechen zu kommen sein wird) sei keine — welche geschichtlich stets Tüchtigkeit und Tauglichkeit meint, aus arete und virtus am besten mit “männlicher Tatkraft” übersetzt wird, gibt sich damit in aller notwendigen, fast schmerzlustartigen Gebrochenheit als freudvoll affirmierte Erleidnis und Passion zu erkennen.):

Der Mut ist das Größte. Es ist der Mut, Angst zu haben. Die beiden Ängste zu haben. Zunächt braucht man den Mut, Angst davor zu haben, dass es schmerzt. Man darf sich nicht verteidigen. Die Welt ist zum Leiden. […]

Es gibt aber auch die andere Angst, weniger laut, die brennendere: Die Angst, die Freude zu erreichen, die scharfe, hohe Freude, die Angst sich vom Verzücken hinreißen zu lassen, die Angst, anzubeten. Daher darf man keine Angst haben, zu spüren, wie diese Angst uns das Blut in den Adern brennen lässt. (116)

Nicht nur also tasten sich Cixous´ -graphien, gravierendes Ritzen, Reißen, Kratzen von (Wund-)Malen und Stigmata, das beim Versuch spurlosesen Entlanggleitens auf einer Oberfläche nicht ausbleibt, gleichsam blindlings mit mukösen Fühlhörnern voran, erschließen sich Raum in allenfalls durch eine schemenhafte Vision präfiguierte Unkenntnis von dem, was kommen und sein wird. Ein Kratztasten mit dem Griffel tanzend-tastender Tatzen also, das wohl auch durch Konvention und Dekorum entstandene Glättungen abkratzt und somit zu oberflächiges zum Relief wiederaufraut.
Nicht lügen, das ist im Französischen, wo das Verb mentir seine Herkunft aus dem Mentalen selbst unverhohlen bezeugt, vielleicht noch schwieriger und entspräche einer Art Selbst-De-Mentierung der Mens als solcher, der Entkleidung ihrer Schutz-, Trost-, Schmückungs- und Glättungsfunktion.

Es ist so schwer, nicht zu lügen, wenn man schreibt. Und vielleicht ist es sogar das Bedürfnis, zu schreiben, um weniger zu lügen, um die Schuppen abzukratzen, die allzu reichen Wörter, um zu ent-dekorieren, zu ent-schleiern. Aus Bedürfnis, nicht das Sujet der Schrift, der Malerei den Gesetzen der kulturellen Verzagtheit und der Gewohntheit zu unterwerfen.

Aus Bedürfnis — was nicht heißt, Ausführung — nicht hübsch, nicht sauber zu machen, wenn es das nicht ist; es nicht so zu machen, wie es sich gehört. Sondern um jeden Preis so zu machen, wie man es wahrhaft hört. (110)

Malen und Zeichnen sind überdies wie der Schnitt-Schritt der Schrift, Irrtumsschritt (43), mit der Pein verknüpft. Sowie fürs Vorgehen und sein(en) “pas” gleichsam apriorischer Reue überantwortet. Unmöglicher Reue jedoch, wiederum paradox oder aporetisch, weil sie sich selbst bereut, indem sie bereut, nicht bereuen zu können. (K)eine Reue also, (k)eine Pein. (K)eine Tugend.

Das Pentimento, ein permanent peinigendes repetiertes “repentir”, wird dabei zu einem Verfahren, einem Prozeß

…ich liebe die Schöpfung genauso wie das Geschaffene, nein mehr. Ich liebe den Kafka des Tagebuchs, das Henker-Opfer, ich liebe den Prozess tausendmal mehr als den Prozess (nein: hundertmal mehr). Ich will die Tornados im Atelier.

von dem Cixous, implizit wie explizit, gesteht, dass sich ihre gelassen und unstilisiert wirkenden Sätze ihm allein, und der selbstpeinigenden Schmerzlust, verdanken. Spuren der Abänderung, sich beständig häutende Seidenspinnneraupen ihrerselbst sind. Als Szenen eines Kampfes und Zeugnisse einer Schlacht oder Schlachtung können die Niederschläge auf dem Papier, oder Subjektil, ob die des Malers, Zeichners oder Schriftstellers, durchaus zutreffend verstanden werden. Zeugten damit von einer basalen Grausamkeit, die auch im glückvoll befriedeten Idyll (nach Rilke nur des schrecklichen Anfang, den wir gerade noch ertragen) nicht nicht (doubling intended) vorkommen kann, da sich auch jenes ihr noch verdankt.

Was ist eine Buchseite? Was von einem Blatt Papier bleibt, das zum Schlachtfeld wurde, auf dem wir, schreibend, zeichnend, uns selbst getötet haben. Eine papierene Steinplatte, unter der ein gemetzel verblasst. In der Schrift wird alles angefochten, umstritten und geopfert. (51)

Den Motor der Begehrensstruktur, die stets hastig und übereilt (der paradoxe Wesenzug der erforderten Geduld) danach trachtet, den charakteristischen Zug, die Eigentümlichkeit, aber auch eine gewisse Augenblickshaftigkeit herauszutreiben, ihr gerecht zu werden und treu zu sein, nicht allein den äußeren Umriß, damit aber den Entzug zu zeigen,

Und die Lehre ist: man malt keine Ideen. Man malt kein “Sujet”. Man malt keine Seerosen. Und genauso: keine Ideen schreiben. Es gibt kein Sujet. Es gibt nur Geheimnisse. Es gibt nur Fragen. (120)

bildet ein seine arrows schießender Error-Eros und seine schreitende, aber auch springendende und dis-tanzende (es fällt der Begriff der dissidance) Erranz:

Irrtum um Irrtum komm ich voran, im Irrtumsschritt, kraft Irrtum. Es ist ein Leid, doch es ist eine Freud´.

Malt das Malen, Mal um Mal, keine Idea und kein Eidos, dann wohl auch noch nicht die Frage “Was ist das?” oder deren Beantwortung, sondern die vor diese zurückreichende Verwunderung über ein “Das” und “Dass” und “So!” in deren je spezifischer Dis-Contenance.

Insgesamt entspricht der voll ausgeschöpften überdeterminierten Äquivokation der Sprache Cixous´eine gefühlsmäßige Ambivalenz, die sich nicht versteckt, sondern freimütig eingesteht, bekennt, offenlegt als das Zur-gleichen-Zeit von einander Ausschließendem:

Wir wollen die Folter [supplice, also auch Folter oder Qual] schreiben, und wir schreiben die Freude. Gleichzeitig. In jedem Augenblick bin ich anderselbst. Der eine in und über dem anderen. (50)

Alles was (recht betrachtet) ist, ist gut. Ist faszinierend, ist “schrecklich”. Das Leben ist schrecklich. Schrecklich schön, schrecklich grausam. Alles ist wunderbar schrecklich für den, der die Dinge anschaut, wie sie sind. (114)

Es ist wohl, nochmalige Absonderlichkeit, gerade diese Ambivalenz, die sich, in bekannter eleusischer Ekstatik freudvoll affirmierend herausschreibt, als Hang zum Übermut, Mania, Zug der Schrift als solcher ist.

Kein Satz, dieser sich im Modus listiger Indienstnahme einer Felix-Culpa-Ökonomie vom mythischen Schuld-und-Sühne-Zusammengang absolvierenden Poena-Poetik, der nicht 20 mal neu geschrieben worden wäre, heisst es an einer Stelle und vermutlich gilt das fürs ganze Buch.

N.B.: Es gibt keinen Satz dieses Textes, den ich nicht zwanzigmal geschrieben hätte., – – Kaum habe ich das Wort Reue gesagt, “repentir”, hat es sich auf mein Blatt gestürzt, sich überall verstreut, nutzlos, es zu leugnen. Man sagt dieses Wort und schon geht es los.

N.B.N.B. Denn letztlich ist das, was sie Reue nennen, niemand anderes als der Dämon der Schrift.

N.B. Und wie soll ich diesen Essay jetzt nennen?

-”Ohne Halt” — Nein. — “Das Abheben des Henkers” — Nein. — Eher:

Ah! Nein, genug jetzt, es ist Zeit! Keine Reue mehr! Kein Wort mehr!

Ein Buch, das von einem Rembrand (“der die Frau liebt”, 21) und dessen geschlachteten Ochsen durchstimmt ist und dessen seltsamer Nähe zur Batseba desselben Malers. Diesem Selbstportrait des Malers, als “Aufschnitt” eines dem Leben geopferten Schlachtviehs, wie des Menschen überhaupt als Tier und gekreuzigtem Gott und der enigmatischen Glut einer Extimität, die seinen ausgeweideten Innereien Aura und Glorienschein verleiht. Abrückend von der Versuchung einen Gegenstand weihevoll zu vergolden, vielmehr das Gold zerbröselnd und zunehmend die Dinge aus diesem Goldstaub zusammengesetzt darstellend.

Meine Beziehungen zur Kunst sind kindliche Beziehungen, das Schreiben in mir möchte mit dem anderen schreiben spielen und befragt diese gemalten Bilder oder hört ihnen zu. Doch auf eine Weise, das gestehe ich, die an einem gewissen Interesse ausgerichtet ist; ich frage sie nach dem Schreiben, ich sage zu ihnen: Worin bist du Schrift? Wie schreibt du? Und weiter: ich male, was mir gerade die Malerei sagt. Weil der Maler permanent im Pentimento ist, weil er jemand ist, der ständig berichtigt und bereut, jedes Werk ist eine famoe Ansammlung von Pentimenti. Der Maler, der Künstler hört nicht auf, wiederaufzunehmen, sich wiederaufzunehmen, zu berichtigen, zu verschieben. (19)

Nimmt den Künstler der Schrift die Tatsache in ihren Brauch, dass “Schrift eine Akrobatin ist, die sich an Fäden fortbewegt”, wodurch er weniger als der Malerr bereuen muss, so bereut er zunächst auch, wenn auch womöglich weniger. Doch scheint es ebenso eine Reue zu sein, die sich nicht bereut, weil sie es trotz des ständigen Versuchs nicht vermag und deswegen auf eine Art eine Reue ist, die keine Reue ist. So kann es zwanzig Seiten weiter kann über die Zeichnung heissen:

Und die Reue? Keine Reue. Kein Pentiment. Wir, die wir zeichnen, sind unschuldig. (42)

Und noch einmal zehn Seiten später, was den charakteristischen Zug diesen ganzen Bandes eben zu einem Reue-Pentimento macht:

Wir versuchen, Reue zu üben, aber wir bereuen nie. Man bereut nicht. Man schafft es nicht. Man übt. Man macht Versuche. (51)

Ich möchte schreiben wie ein Maler. Ich möchte schreiben wie malen.
Wie ich leben möchte. Wie es mir vielleicht manchmal zu leben gelingt. Oder vielmehr: wie mir manchmal zu leben gegeben ist, in der absoluten Gegenwart. (90)

Kompliziert der früheste Text bereits die Vorstellungen übers Schöne und Hässliche gegenüber einer ästhetischen Erfahrung, die gerade auf ein Urteilen verzichtet, was einfach nur zurückstößt und von sich weist und der ewigen Angst lebt, von der Rache des Rejektierten verschlungen zu werden,

Die Malerei kennt das Hässliche nicht.

Nicht das Schöne ist das Wahre.

Das Wahre ist das…ich will nicht sagen Schöne. Das mit Achtung und ohne Hass und ohne Ekel betrachtete “Hässliche” ist dem Schönen gleich. Das Nicht-Schöne ist auch schön.

Oder vielmehr, es gibt kein schöneres Schönes als das Hässliche. In der Malerei wie in der Schrift gibt es keine andere “Schönheit” als die Treue zu dem, was ist. Die Malerei gibt wieder — doch was sie wiedergibt, ist Gerechtigkeit, sie wird dem gerecht, was ist.

[…]

Denn alles, was geliebt ist, alles, was Gnade findet, ist gleich: “schön”. Alles, was wir nicht von uns stoßen. (114)

so verwundert und schockiert der späte über den inbesondere Körperausscheidungen ins Zentrum seiner künstlerischen Aufmerksamkeit rückenden Andres Serrano zumindest weniger. Und dennoch:

Der Schock ist, dass mir das einen Schock versetzt. Verursacht hat den Schock die Wiederkehr des Geflohenen. (150)

Serranos Shit wendet sich dem Verworfenen, Ausgestossenen zu, macht jenes Rejekt zum Subjekt und Sujet, dem die Culture, die es produziert, “macht”, ohne darin die Poiesis zu würdigen, nicht nur den Rücken, sondern ihren Allerwertesten (cul) zugekehrt; re-erektiert das Erniedrigte, rehabillitiert es zumindest:

Er nimmt sich mit der ganzen rohen Kraft einer — vorgetäuschten? — Naivitiät die ideologische, politische, theologische, katholischamerikanische Machine vor, die mit dem eins ist, was Jacques Derrida das “das sakralisierende und vergiftete Hierarchiv dieses zwischen Europa und der amerikanischen Kolonialisierung angehäuften Kulturhaufen” genannt hat (in dem der cul, der Hintern, gehört werden muß). (145)

Öffnet sich hier nicht eine Peintüre aufs „Wesen“ des Malens als Im-Immakulatur?

malen Vb. ‘mit Pinsel und Farbe oder Stift gestalten, mit Farbe (be)streichen’, ahd. mālōn, mālēn (9. Jh., doch vgl. schon inmālēn, 8. Jh.), mhd. mālen ‘ein Zeichen machen, abgrenzen, bunt verzieren, färben, schreiben, im Geist entwerfen, malen, zeichnen’, asächs. mālon ‘verzieren, bemalen’, mnd. mālen, aengl. gemǣlan ‘ein Zeichen machen’, anord. mæla ‘malen’, got. mēljan ‘schreiben’. Mit der Ausgangsbedeutung ‘(dunkle) Farbe auftragen, mit einem farbigen Zeichen versehen’ (daher auch ‘mit Farbe schreiben’) stellen sich die Verben zu einem gemeingerm. Substantiv, das in ahd. mhd. mnd. māl ‘Zeichen, Merkmal, Fleck’, asächs. (hōbið) māl, aengl. mǣl, anord. māl, got. mēla (Plur.) ‘Schrift’ belegt und mit aind. malináḥ ‘schmutzig, unrein’, málam ‘Schmutz, Kot, Dreck, Unreinlichkeit’, griech. mélās (μέλας) ‘dunkelfarbig, schwarz, finster’, lit. mė́las ‘blau’, mel̑svas ‘bläulich’, russ. malína (малина) ‘Himbeere’ verwandt ist. Zugrunde liegt die in Farbbezeichnungen auftretende Wurzel ie. *mel(ə)-, besonders ‘von dunklem, unreinem Farbton, Schmutz, beschmutzen’ (wozu vielleicht auch ↗Molch, s. d.).

Mal2 n. ‘Zeichen, Fleck, verfärbte Hautstelle’ (Wund-, Muttermal), hervorgegangen aus ahd. māl, vgl. ougmāl ‘Augenschminke’, anamāl(i) ‘Narbe’ (9. Jh.), mhd. mnd. māl ‘Zeichen, Merkmal, Fleck’, mnl. mael, nl. maal, got. mēla (Plur.) ‘Schrift’ (germ. *mēla-; zu Herkunft und Verwandtschaft s. ↗malen), mit dem ahd. (um 800), mhd. meil ‘Fleck, Zeichen, Befleckung, Sünde, Schande’ in frühnhd. mal … Mehr ‘Zeichen, Fleck, Markierung’ zusammenfällt, wobei zugleich vielfach semantischer Einfluß von lautgleichem ↗Mal (s. d.) erkennbar ist. Die Herkunft von ahd. mhd. meil, mnd. mēl, aengl. māl, engl. mole ‘Muttermal’, got. mail ‘Runzel’ ist ungewiß. Vielleicht sind vergleichbar griech. miá͞inein (μιαίνειν) ‘beflecken, besudeln’ und lit. máiva ‘Sumpfboden’, so daß eine Wurzel ie. *mai- ‘beflecken, beschmutzen’ angenommen werden kann.

Cixous´ Peintüren öffnen das Gramma auf den Gram, das Malen auf das Mal (der Wunde, wie der Zeit; der Zeit als Verletzung), die beide beiden „Künsten“ als ihre Öffnung innenwohnen, wie die glutgoldenen Innereien des zum Messias aufgespannten Ochsen Rembrandts sie erkennen lässt; sie öffnet auf diese — vom Kulturkult meist verkleisterte Kluft — indem sie weniger über „art“, wie von etwas, das als festes Gefüge akkumulierter und fetischisierter Güter bereits vorliegt, schreibt, als mit und aus ihr, sie als eine genuin aporetische Passion und Patience (vor aller Praxis und Poiesis) — d.h. leidenschaftliche Erleidnis und geduldige Ungeduld — desartikulierend.

Tillmann Reik

Werner Hamacher: Sprachgerechtigkeit (III)

Anomos. Verlangen einer übereignenden Niemandssprache1

Rechtlichkeit ist Schuldigkeit. (259)

Die Sprache des Rechts ist nicht sprachgerecht. (265)

Authoritas, non veritas, facit legem. Mag sein. Aber da Autorität
und Gesetz auf Sprache angewiesen, auslegungsbedürftig
und geschiehtsoffen sind, reicht weiter der Satz: Lingua, non
lex, concedit aequitate – Sprache, nicht das Gesetz, gewährt
Gerechtigkeit. (160)

Sprachgerechtigkeit läge erst in einer solchen Teilung der Rechtsgewalt,
die von der Gewalt nur ihre Teilung übrig ließe. (154)

1.

Verbracht
ins Gelände
mit
der untrüglichen
Spur: Gras.

Gras,
auseinandergeschrieben.2

Wenn Recht — eine Elongatur, die sich im Verlangen nach Anderem, in dem es sich selbst aneignen will, reckt und streckt — rächt, will sagen, entgegen seiner, die eigene ihren Umfang stetig vergrößernde Aufrichtung rechtfertigenden Behauptungen, den mythischen Kreislauf heimzahlender, auf- und abrechnender Gewalt in seiner zyklisch-zirkulären Laufbahn nicht etwa nur, in gerader Linie von ihm abbiegend, unterbricht und ihm ihn hinter sich lassend, ein Ende macht, sondern auch — womöglich sogar grausamer und brutaler, nur subtiler? — fortsetzt: Spielt sich das als eine Rache der Sprache, reiner krisis, an sich selbst ab, die sich zum Instrument der Identifikation, Verfolgung und Richtung ihrer eigenen Unbewältigbarkeit aufbäumt, verhärtet und einsteift, um sich sodann restlos mit dieser Selbstreduktion ohne Rest zu identifizieren?

Krisis ist die unendliche Kritik am prädizierenden Urteil; dies prädizierende Urteil der Widerstand, der sich in der krisis gegen sie selbst kehrt. (114)

Wie dann aber darüber — das Recht und seinen Rest – sprechen, in einem Medium, das eben von dieser manichäischen Dynamik bestimmt und verstellt ist?
Recht reckt sich, streckt sich, (l)expandiert mit seltsamer libido dominandi, um (als lex-rex) zu gelten. Was von einer orexesis zeugt [*], einem Streben nach regulierend-stabilisierenden, eine Ordnung stützenden und sichernden Verstrebungen, die, als solche, es und seine umfassende Bemühung um Interiorisation und Internalisierung übersteigt und immer wieder alle Territorialisierung untergräbt. Ex-Lex, der „Zeit-Raum“ der brachen Sprache, in die es, das Recht, eingeschrieben ist? Lingua rasa. Wie lässt er, dieser Ab-Ort, sich also paraphrasieren?

Die topo-logisch/logo-topische Szene einer seltsamen Lage spricht von einem anderen Ort, der etwas anderes als ein Ort wäre, ein Andernorts, als locus der locutio „allokal“, bei aller Nähe weit entfernt. Irgendwo, zwischen “Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande”, “Et in Arcadia ego” und “Hier bin ich Mensch, hier kann ich´s sein” mag die Stimmung der Ausgelassenheit und Gelöstheit liegen, die in demjenigen irreal auratischen Areal aufkommt, von dem die Rede sein soll, weil es selbst gewissermaßen diese Gelassenheit eines außerhalb befindlichen Ausgenommenen ist. Ein die klaren Grenzen distinkten Distrikts vermissen lassendes Draußen.

Raum ist nicht begrenzt und nicht unbegrenzt; er ist die Gelassenheit, er ist die Ausgelassenheit seiner Grenze.3

Könnte allerdings auch eher — denn es handelt sich nicht zwingend um ein Geborgenheit bietendes ungebrochenes Idyll, was hier erwartet, sondern einen baren, brachen Bruch, eine Bloßheit — Verstörung und Entsetzen angesicht einer von Mensch, Gott und allen guten Geistern verlassenen Wüstenei entsprechen. Außer-Sich-Sein angesichts eines Außer-Sich-Seins. Sowie am wahrscheinlichsten vielleicht der Ambivalenz von beider ununterscheidbarer Durchmischung und der Heimischkeit und Heimeligkeit einer Unheimlichkeit ähneln:
Unter dem Topos einer
entlegenen Landschaft, der man sich konfrontiert, oder in die man sich als Umgebung geworfen und ausgesetzt findet, Gelände, in das ein Sich — zu sich kommend oder sich verlierend — verbracht ist (ein “verbracht”, aus dem “bringen” und “Brache” gleichermaßen herausbricht, -verspricht, spricht; also brechen, verbrachen und bringen sich, einander brauchend, durchdringen), lässt sich — entfernt — ein Gebiet, eine Gegend, Winkel oder Zone, Mark oder Marsch, kurzum ein Fleckchen Erde verstehen. Welches zu allen bekannten Nachbarschaften “ein Äußerstes an Distanz wahrt”4. Ort oder eben gar: Raum? Lässt sich verstehen… Aber kann man auch dieses Lassen selbst begreifen, des Räumens, das, wie ein Souterrain, überhaupt alles “Über” — im Sinne der thetischen Thematisierung und absteckenden Territorialisierung — erst einräumt und gewährt? Eine Ecke, die abseits und weit entfernt, geschieden von allen Machtbereichen zivilisatorischer Dominanz und Repräsentanz gelegen scheinbar keinem rechtmässigen Eigentümer zugerechnet wird. Und somit, derart unzugehörig und verlassen noch von sich selbst, brach und bar, den Eindruck erweckt, ohne rechten Zusammenhalt dem ordnend-ortenden kartierenden Kataster eigentumsrechtlich organisierter Vermessung und integrierender Synthese, verstanden als Gewalt der einteilenden (in Ein(s)heiten subsumierenden) Besitzergreifung und Nutznießung oder Ausbeutung, dem beherrschenden Gebrauch, glücklich entkommen und durchs Fangnetz gerutscht zu sein. Ein Grund ohne Grundbucheintrag, ohne Rechtsgrund und somit ein Grund ohne Grund, bodenlos. Ohne. Ohne ohne Ohne. Gibt es den/das/die als etwas Gegebenes? In der Sprache von Schubert Fremdling: “O Land, wo bist du?”. Ist, in der Sprache Hamachers, dieser U- und Atopos die Sprache selbst?

*


Kein Keller-Gelass und “Kerker des abschließenden Urteils” (159), Gefäß, Gefängnis oder Lager, Archiv oder Depositum logistischer Effizienz, “allzu lokal determinierte Einfriedung, eine Klause und ein Ghetto” (301) mithin wäre es, was hier unter jenem “Raum” gedacht ist. Ebenso, mitnichten, logos, die zusammenhängende Rede. Stattdessen etwas, gewissermaßen radikal äußerliches gelassen Offenes, Form- und Konturenloses. Uneigentliche wie unaneigbare Vor-Form, der dennoch eine Singularität eignet, die als “Eigentümlichkeit” und “proprium” nicht mehr recht verstanden scheint; es sei denn, man sähe diese gerade im Verlust und der Aufgabe alles “Eigenen”, das auch, da “‘jmdm. (als Besitz) gehörend’”5 unfrei bedeutet:

Jacob Grimm notiert in seinen »Deutschen Rechtsaltertümern« zum Stichwort » Eigenthum «: Allgemeine benennungenfür den begriff von dominium sind 1. goth. aigin (ousia), ahd. eikan, nhd. eigen von aigan (echein, tenere, habere), woher auch das ahd. eht. Und weiter: 9. ags. är (honor) für opes, substantia.Damit wird zugleich klar, dass das Eigene und das Eigentum ein dominium und also das Beherrschte und Festgehaltene, Bewahrte und Wahre, Echte und Authentische ist, das beständig in der Verfügungsgewalt seines Eigentümers, unter seinem ius proprium gehalten bleibt. Recht ist substantiell Eigentumsrecht; Eigentum ist Substanz. (347)

Das andere Gefühl der Freiheit (es gibt deren mindestens zwei), nicht mehr die des “des possessiven Individualismus” (297), sondern eine vom Rechtszwang der Übereinstimmung mit sich und anderen in einem Schuldzusammenhang der Obligationen entlassende, das von diesem verlassenen Niemandsland und der Vagheit seiner Vakanz ausginge, wie beschreibt man es, ohne es zu begreifen und in den Griff bekommend, gleichsam schon ans Recht, das es nicht ist, zu verraten?

Geredet wird von »Freiheit«, gemeint und zugesichert wird aber nicht ihre Wirklichkeit, sondern ihre Beschränkung. (57)

*

Statt über es und jenes verbrachte Gelände zu reden, mit ihm und aus ihm heraus? Nicht notwendig Triumph im Angesicht der Überfülle unbegrenzter Möglichkeiten des Tunkönnens, wiedererstarkender Tatkraft, vielmehr kenotisches Suspendiertsein vom Handlungszwang der Arbeitswelt, also Feiertag und Pause, würde, immer weiter gesponnen, weniger der idealistischen Freiheits-Vorstellung vom subjektiven Vermögen zur autonomen Initiierung einer Kausalkette durch eine Tathandlung entsprechen. Das heisst auch weniger einer urteilenden Entscheidung, die zwingend eine Wahl meint, welche ohne entschiedene Rejektion (am radikalsten der Nicht-Entscheidung) nicht möglich ist. Als dass diese Anmutung von einer anwehenden Freiheit von und vor allem Vermögen6, einer Anomie von und vor allem autos und von und vor allem normierenden Nomos ausgeht, sofern dieser Nomos und diese Lex sich primär innerhalb einer römischen Rechtstradition als Besitznahme und Versicherung des Selben selbst auslegt. Jener, einer emphatischen Zukunft gegenüber feindliche, alles Leben reaktiv und reaktionär den toten Ahnen als Besitz zuschlagende romano-christliche Rechtskultus (142)

Römisches Recht und Christentum – und genauer: das sich an jenem Recht redefinierende Christentum – sind Totenkulte, die den toten Vätern den Vorgriff auf das Leben der Nachgeborenen und die der Ergreifung das Vorrecht vor jeder Gabe und dem mit ihr Gegebenen sichern. (135)

[…] so ergibt sich daraus, dass das römische Rechtssystem insgesamt auf einem Totenkult errichtet ist und dass auch seine neueren Überbauungen und Übermalungen diesen Grund bis heute nicht verlassen haben. (377)

und eine symbolische Ordnung, die das Gewissen “an seine Herkunft [im Vater] bindet und verhindert, dass es eine Zukunft hat” (189), imponierte dann nicht als friedfertiges autopoietisches Teilsystem “Recht” unter anderen, innerhalb einer funktional differenzierten Gesellschaft, wie die soziologische Systemtheorie es will. Entspräche, dem zum Kontrast, einer gleichsam ideologischen “suizidären Rechts-Wirtschaft” (355), die auch noch in jüngster Post-Moderne einem alles Seiende besetzenden Mythos und einer Metaphysik verschworen wäre: dem, sämtliche Einzelnen und ihr Eigentum gegen alle anderen aufstellenden ontologischen Posseivismus (349). Im capere, dem aneignenden Nehmen zum Zwecke des “für SICH” Habens und Einbehaltens, — “dies ist meins” (266) — fallen Kapitalismus als Religion und Juridismus als Ontologie und Erkenntnistheorie des Abendlandes in einer gewaltsamen Institution aus Institutionen zusammen, samt deren “Verwaltungsmechnik” (190), dem “adminstrativen Automatismus” (191), “Regime von machtgestützten Reproduktionsagenturen” (192). Das Recht stiftet sich, wie alles, wovon es handelt in ursprünglicher Akkumulation:

Ergreifung ist Besitzergreifung und somit uno actu Urstiftung des Rechts. Das capere mit seinen Modifikationen incipere, occupare, accipere, recipere, percipere, manicipium, das den Text des “Corpus iuris” durchzieht, definiert in jeweils eigener Weise die Ergreifung, den Fang und das Festhalten als erste natürliche Rechtshandlung, die entsprechend der divina providentia das rerum dominium, die Herrchaft über die Sachen sichert.Damit ist die Grundstruktur des Rechts als captio, die Rechtsperson als homo capax, aber nicht etwa nur als der fähige und empfängliche, sondern der zugreifende und besitzergreifende Mensch bestimmt. (134)

Damit ist Recht aber als Form der Konformität von Handlungen, als Form ihrer Äquivalenz und als Form ihrer universellen Substituierbarkeit charakterisiert.

Wie Geld das allgemeine Äquivalent von Waren, so ·ist Recht das allgemeine Äquivalent von Handlungen. (259)

Sie, die vermögens, selbst- und gesetzlose Landschaft (frappierend ähnelt sie dem traditionellen Gegensatz allen Landes, dem offenen Meer, der See) wäre, gleichsam anonyme Anomie, somit eine Gegend ohne definitive Konsistenz, von der unklar ist, wo sie aufhört und endet, wo ihre Grenzen verlaufen und welcher diskret und distinkt eingeteilten Territorialität, welchem souveränen Herrschaftsgebiet , sie, als ein Teil und autonomes Bruchstück, womöglich von Recht wegen zurechnet. Welchen Status sie hat. Möglicherweise also ein Niemandsland — für Adorno die Übersetzung von Utopie7 — ist es ein Teil ohne Ganzes, gibt als solche reine Peripherie aber etwas von der Beschaffenheit aller Rede von einer Erde zu erkennen, die sich nicht nur als Globus in sich selbst beruhigend zurückkrümmt, sondern gleichzeitig selbst grund- und bodenlos, freischwebend nur in der Haltlosigkeit gehalten, als reine Oberfläche einem radikalen Außen exponiert: Erde, das könnte meinen: unendliche Teilbarkeit bar aller Teile und bar allen Ganzens. Die Offenbarung einer unendlichen Aufschließbarkeit vor aller vermessungstechnischen Erschließung (d.h. Eroberung), durch die sie sich stets schon zur Welt übersteigt. Erde ist, über die geschlossene Ökonomie eines ökologischen Systems hinaus Rede, Lituraterre, und geht sich selbst ursprungslos an und aufbrechend unendlich voraus.
Wäre Sprache somit eine solche Entlegenheit, ein solche gebende Gegend und Niemandsland? Eine “Mark” — altes Wort für Grenze wie für Weide — der De-markation?
Zwar entkommen, aber von einer Entkommenheit, die allem Fang und allem Griff von Formen voraussgeht und jede Bemächtigung nur als Lösung und Trennung verstattet? Ihr Bemächtigungstrieb wäre dann “ein Lösungstrieb. Er findet immer wieder nur Gründe, um Gründe fahren zu lassen, instituiert Rechte, um sie in anderen Rechten oder in keinen zu delegitimieren.” (273) Sprache, grenzenloses Verlangen  der Selbstüberforderung einer Losigkeit, sich weiter zu
lösen, Bindungen aufzulösen, d.h. zu scheiden von sich und von jedem gegeben Ursprungsort? Eine Ehe der regellosen Scheidung mit sich selbst als immer anderem?

2.


“Entlegene Landschaft” lautet überdies der Titel eines Ölbildes von Paul Klee aus dem Jahr 1931, das mit scheinbaren Anleihen an pointilistische Maltechniken, diese neu deutend, eine kachelartige Struktur aufweist, welche sich aus einem leicht verzogenen Raster kleiner Farbfelder zusammensetzt. Von einzelnen Linien oder Furchen durchzogen, die Wege, Pfade, Trassen markieren könnten, oder einfach Risse und hervortretende Rupturen, betrachtet man das Bild als die Draufsicht einer Karte oder Oberfläche ohne Tiefe8, wirkt das grün-braune Moiré in seiner durchlückten Granularität wie eine körnige Unterlage oder ein Hintergrund, der dem gegenüber, was sich auf und in ihr abzeichnet und das sie doch zulässt, gewährt, Statt haben lässt, — Figuren, Formen, Lineaturen — gänzlich unbekümmert sich verhält. Bemerkenswerterweise hatte sich Klee hinsichtlich des Malverfahrens, das er “Pointilisieren” oder “divisionistisch” nannte, weniger vom französischen Pointilismus als von den byzantischen Mosaiken Ravennas beindrucken lassen.
Nicht nur weil einer der zwölf Essays aus dem Band “Sprachgerechtigkeit” — die große Studie zu Hamann “Rechte. Glauben. Centologie. Mendelssohns Jerusalem
und Hamanns Goigotha und Scheblimini” — explizit auf die Flickentechnik des Cento sowie das Mosaik, die Musivtechnik, als einer Struktur oder Destruktur von Sprache zu sprechen kommt, die in ein

bewegliches Niemandsland zu einer Niemandszeit [versetzen], für die es weder Karte noch Chronologie gibt. (253)

erweist sich die Wahl dieses Bildes als Motiv der Umschlaggestaltung vielleicht als glückliche.

Da die Logik des Cento aber die jeder Sprache ist, spricht in jeder — und gehemmt noch in der Sprache des Rechts — eine Niemandssprache mit. (ebenda)

Es geht, wenn bei Hamacher in dezidierter (und genauer zu untersuchender) Differenz zu Derrida, der vom die Versammlung privilegierenden logos, den sich der Mensch in einer Tradition anthropologischen Humanismus zu- und dem Tier abspricht, und dessen phoné semantiké zur grammé, zur Spur, zum Zug und teilbaren Marke und also zur schweifenden und streuenden Schrift — nicht mehr nur des Menschen! — hin öffnet — von “Sprache” immer in Hinblick auf eine “Niemandssprache der Über-Eignung” (wie im Hamanaufsatz) gesprochen wird, um eine gewisse Medialität aller Medien, unmittelbare Mittelbarkeit, die selbst ungreifbar diffus, auf und in sich etwas abzeichnen lässt. Sie, diese “divisionistische”, dividuierende Mittelbarkeit, reiner Mittel ohne Zwecke, reiner Mitten ohne Ränder, somit Exzentrizität, ist es, die Hamacher, in einer Tradition, die von der säkularisierten Mystik der Frühromantiker, am deutschen Idealismus vorbei mit Hölderlin über Benjamin verläuft, in Abweichung von fast sämtlichen Linguistiken Sprache nennt, auf deren noch von Adelung oder den Grimms vermutete Etymologie im Brechen, oder die modernere in der Wurzel ie. *sp(h)er(ə)- ‘zucken, zappeln, schnellen’ (auch ‘streuen, sprengen, spritzen) er nicht eingeht, die aber überall durchscheint. Die Körnigkeit der Sprache nunmehr, von der Roland Barthes spricht, verstünde sich bei Hamacher überhaupt erst von einer Dis-Zernierung aus, die alle Körner und Kerne als Effekte nur ermöglicht, weil sie in gleichem Maße impossibilisiert. Sie sind kein Festes, Ungeteiles und Anfängliches, sondern vielmehr gleichsam chemische-alchemistische Ausfällungen von Gelöstem aus einer Lösung.

Sprache ist, so verstanden als Verlangen nach dem Anderen, nach einem anderen (sprachlichen) Verlangen, nach etwas anderm als Verlangen (“Verlangen also nach Sprache und nach der Sprache des Verlangens” 164, “Verlangen nach der Sprache eines Anderen und nach dem Sprechen mit einem Anderen” 165) und als entsetzender, das bare singuläre Inkommensurable affirmierender Afformativ gegen eine aus-, ein- ab-, zurichtende Rechtsgewalt der Jurisdiktion und Legislation, krumm, schräg und oblique, in Stellung gebracht — die in und als Sprache spricht, aber ihre Sprachlichkeit verleugnet — da ubiquitär und äquivok, systematisch erfassbares Kommunikationsmedium des geregelten, reziproken und symmetrischen Austauchs von Argumenten und Aussagen zur Verständigung und gleichzeitig, da sie in diesem adressierenden, de-notativen Modus nicht umhinkommt gerade in absoluter Selbstbezüglichkeit auf etwas ihr Äußerliches zu referenzieren, mehr und etwas anderes, nicht bei sich, ist nicht sie selbst, sondern besteht genau darin, dass ein selber nicht benenbarer permanenter Schied geschieht, sich gibt, der ein bei-sich-seiendes Selbst zu sein zuzuschreiben zulässt und gewährt, aber als selber Selbstloses nicht braucht. Kein Schiedsspruch, aber ein Sprechen als Schied und Scheidung. Und “Recht” auf Scheidung vom Recht (so der Titel des Aufsatzes über Milton).

Die afformative Struktur der Sprache lässt die performative zu, aber braucht sie nicht. Die performative dagegen braucht die affirmative, aber lässt sie nicht zu. Da sie das bloße Lassen nicht zulässt; da sie ihre Herkunft aus einer bloßen Zulassung und ihre fortgesetzte Angewiesenheit auf sie verleugnet, kann sie ihrer eigenen Sprachstruktur so wenig gerecht werden wie derjenigen, die sie von sich meint ausgeschlossen zu haben.(265)

(Was ist das für ein Brauch — auch eine der Überetzungen von nomos — der vor allem die Möglichkeit eines Verzichts zu fordern scheint, der Brauch eines Nicht-Brauchs? Anstelle des nicht zugelassenen Brauchens der Sprache, Brache, Brauche, steht die Suggestion, ein Recht zu brauchen, sich von ihm brauchen und verbrauchen zu lassen, während es sich doch seinerseits allein einem “Recht” verdankt, Rechte nicht zu brauchen:

Dieses unausgesprochene Implikat aller Rechte erklärt, ebenso unausgesprochen, die prinzipielle Verzichtbarkeit des Gebrauchs von Rechten und der gesamten Rechtssphäre. Es besagt, jeder könne nur dann frei und rechtsfahig sein, wenn es ihm freisteht, auf den Gebrauch des Rechts auf Freiheit zu verzichten.Dieses »Recht«, Rechte nicht zu gebrauchen, ist die in keiner Verfassung und keiner Rechtsdeklaration explizierte, aber von jeder implizierte Freiheit vor dem Gesetz und vor dem Recht auf Freiheit. (117)

Recht, kein Recht zu brauchen und sich von keinem gebrauchen und verbrauchen zu lassen. (118))

Während diese Selbste, exastatische Stasen einer prädizierten Habe von Identität als angeeigneter Eigenschaft, die sprachliche krisis, eine Teilung vor allem judgement in der Afformativiät einer Losigkeit und -barkeit als “Milieu” für ihr Gedeihen zwingend erfordert. Ohne dies “wahnsinnige”, richtungs- und regellose Teilungs- und Verweisungsgeschehen, diese „Trennungsmacht“ (so der Legendre-Text), kann das Unterwegs der Sprache zu sich selbst — dem die Rückkehr zu dem Zuhause, wo sie nie war, mißlingt und nur im Mißlingen glückt — nicht Statt haben, nicht sich zutragen. Sowenig wie alles Nachtragen, Auf- und Abrechnen, in diesem Sinne Wider-Sprachlichkeiten, die der Sprache als Rache an sich selbst eingeschrieben ist, wie die Strafe:

Ich werde Ihnen ein furchtbares Geheimnis verraten: die Sprache ist die Strafe. In sie müssen alle Dinge eingehen, und in ihr müssen sie wie­der vergehen nach ihrer Schuld und nach dem Ausmaß ihrer Schuld.‘

Ingeborg Bachmann zitiert in diesem Exzerpt ihres Romans Malina eben jenen Spruch des Anaximander, den zu verteidigen gegen die klassische Deutung, die in ihm die Darstellung einer geschlossenen mythischen Schuld- und Sühneökonomie sehen will, Heideggers berühmter gleichnamiger Text angetreten war. Moralisches und juristisches in diesen Spruch zu mengen beruhte auf einem Mißverständnis, meint Heidegger in seinem Text, von dem Hamacher in dem in diesem Band nicht enthaltenen Text “Schuldgeschichte” meint aufzeigen zu könnten, dass Heidegger ihm selbst trotz seiner Gegenwehr selber aufsaß:

Nach diesem Missverständnis verhält es sich so, dass moralische und juristische Begriffe sich in das Bild von der Natur mischen (ebd. 308). Es ließe sich zeigen, dass Heidegger trotz seines Anspruchs, ein sachlich getreueres Verständnis von Anaximanders Satz zu bieten, in entscheidenden Zügen mit dem „Mißverständnis“ übereinstimmt.

3.

Gegenüber einer Sprache nun, die es durchaus ebenso zulässt, als “Faschismus” bezeichnet zu werden, wie Roland Barthes es bekanntlich getan hat, oder als programiersprachenähnliche Kommandoübermittlung zu dienen, Sprache der Heimzahlung, des Bindens von Bünden und der Befehligung

Die Sprache ist nicht einmal dazu da, um geglaubt zu werden, sondern um zu gehorchen und Gehorsam zu verschaffen. (Deleuze/Guattari, Tausend Plateaus, S. 106)

beharrt Werner Hamacher, als deren Anwalt, auf ihrer proto-kritischen, prä-prädikativen Scheide-Schicht. Krisis, vor aller Entscheidung und allem Urteil — aber beide ermöglichend und anbahnend –die ein Geschehen ist, in welchem er die eigentliche Sprachigkeit von Sprache meint ausmachen zu können. Deren Kongruenz mit einer im Sprechen versprochenen Gerechtigkeit, die beinahe im Sinne Derrida eher einer a-dikia, Un-fug und out-of-jointnes entspricht und nicht mit dem das Leben und die Freiheit in seine Sicherungsverwahrung nehmenden Recht zusammenfällt, das als Wider-Sprachlichkeit dem Sprechen selbst ein Ende machen will und veleugnet, dass es nur in ihm und durch es möglicht ist, arbeitet er etwa gleich im ersten Text seiner “Sprachgerechtigkeit” “Dike — Sprachgerechtigkeit” akribisch heraus. Anhand der ineinander greifenden Bestimmung des Menschen als zoon logon echon und zoon politikon bei Aristoteles zeigt sich, dass Gerechtigkeit in dessen “Politik” als sprachliche Entscheidung (krisis) begriffen wird, die Sprache als Offenlegung des fürs suisuffizient gedachte Gemeinwesen und dessen Autarkie und Autotelie Zuträglichen und Abträglichen voraussetzt, aber in der Wahl für das Zuträgliche gegen das Abträgliche kulminieren muss, die dieses verwirft und damit die ganze Dimension der urteilslosen Offenlegung des logos delotikos rückwirkend für ungeschehen erklärt. Hamacher interessiert sich demgegenüber für das Verworfene und für Unzuträgliche und wiefern Gerechtigkeit (sofern sie sich anmaßt, mit den Entscheidungen des gesatztes Rechts jeweils zusammenzufallen), dort, wo sie mit derlei Verwerfungen arbeitet, also in nichts anderem besteht als einer Ungerechtigkeit gegen eine Ungerechtigkeit, sich selbst nicht gerecht wird. Das messianische Begehren nach dem Fug des zerbrochenen Krugs bleibt so, scheint´s bestehen, aber präzisiert sich zu einem Messianismus, der von nichts als dem nötigen Ausbleib des Messias kündet. Die Sprache verspricht sich am Grunde aller Selbstauslegung zum bündig-bindenden Logos der begründet-begründenden Rede als Gerechtigkeit, dem Ungrund aller Gründe:

das mit jeder Sprache gegebene Versprechen der Gerechtigkeit” als der sprachliche Grund “auf dem alle Rechte zwar aufruhen, in dem sie aber auch alle suspendiert sind.” (197)

Was also immer übrig bleibt ist die “die irreduzible und unaufgebbare Bedingung allen Rechts, die Sprache.” (394)

Von Aristoteles selbst wurde die Inadäquanz einer sich als Recht verstehenden Gerechtigkeit, zusammen mit der “Diké als Diktat” (Hamacher) an anderen Stellen gesehen und mit dem Konzept der epiekeia (lat. später aequitas) zu korrigieren versucht. Ist dike das Gute wäre Epikie die Güte, welche die Nicht-Subsumierbarkeit des Singulären unter die allgemeine Regel einsieht und eben diesem Umstand gerecht zu werden versucht. Es läuft ganz auf jenes “maßstablose Urteilen” hinaus, das Hannah Arendt im letzten Teil ihres “Leben des Geistes” zu entwickeln gedacht haben muss:

„Das Wort Urteilen [als Übrsetzung von krinein, scheiden] hat in unserem Sprachgebrauch zwei durchaus voneinander zu scheidende [!] Bedeutungen, die uns doch, wenn wir sprechen, immer durcheinanderge­hen. Es meint einmal das ordnende Subsumieren des Einzelnen und Partikularen un­ter etwas Allgemeines und Universales, das regelnde Messen mit Maßstäben, an de­nen sich das Konkrete auszuweisen hat und an denen über es entschieden wird. In al­lem solchen Urteilen steckt ein Vor-Urteil; beurteilt wird nur das Einzelne, aber we­der der Maßstab selbst noch das zu Messende. Auch über den Maßstab ist einmal ur­teilend entschieden worden, aber nun ist dies Urteil übernommen und gleichsam zu einem Mittel geworden, weiter urteilen zu können. Urteilen kann aber auch etwas ganz anderes meinen, und zwar immer dann, wenn wir mit etwas konfrontiert wer­den, was wir noch nie gesehen haben und wofür uns keinerlei Maßstäbe zur Verfü­gung stehen. Dies Urteilen, das maßstabslos ist, kann sich auf nichts berufen als die Evidenz des Geurteilten selbst, und es hat keine anderen Voraussetzungen als die menschliche Fähigkeit der Urteilskraft, die mit der Fähigkeit zu unterscheiden sehr viel mehr zu tun hat als mit der Fähigkeit zu ordnen und zu subsumieren. Dies maßstabslose Urteilen ist uns wohl bekannt aus dem ästhetischen oder dem Geschmacksurteil, über das man, wie Kant einmal sagte, gerade nicht ‚disputieren‘, wohl aber streiten und übereinkommen kann; und wir kennen es im alltäglichen Leben, wenn immer wir in einer noch nicht bekannten Lage meinen, der oder jener hätte die Situation richtig oder falsch beurteilt.“ (Arendt, Hannah, Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlaß, hg. v. Ursula Ludz, München Zürich 2005, S. 20-21)

Dass die Sprache — als logos apophantikos wesentlich eine des Zuprechens und Absprechens von Prädikaten — dem Menschen gehört, ihm eigen ist, er sie als Habe und Eigentum besitzt, das zoon logon echon also, ist eine vom Menschen sich selbstzugesprochene Bestimmung der Fähigkeit zuzusprechen (einhergehend mit der dezierten Absprechung dieser Sprachfähigkeit gegenüber etwa dem Tier), die von Hamacher nach der Präzisierung der Aporien, anhand einer nicht-prädikativen Weise des Sprechens, der euché, auf folgende Art wendet: zoon logon euchomenon. Der Mensch verfügt über Sprache also keinesweg, sondern hat Sprache, diesen Un-Fug, nur als ein Nicht-Haben: den Ausstand und das Fehlen der Sprache, die er beklagt. Sprechen wird dann eines um die Bitte um Sprache und die Klage darüber, dass sie (noch) fehlt. Ist abhängig, wie Heidegger gesagt hat, von ihrem Zuspruch. Wenn jemand etwas hätte, und hielte, dann sie — allgemeine Struktur der jede An- und Enteignung erst zulassende Über-Eignung — ihn.

5.

Wenn Hamachers Kritik der Rechtsgewalt, weniger Dekonstruktion als penibel argumentierende Zuspitzung eines Gedankengangs auf seine Aporie und deren präzise Kontur hin (denn dort ist die Unaneigbarkeit, die Bifurkation, die Streuung lokalisiert, von der Vernunft als logos, als ratio sich herschreibt und sich, per Verleugnung oder Verwerfung gegen ihre Ermöglichungsgrundlage abdichtet), sich zu Marxschem Feuerbachthesenfuror hinreissen lässt, ragen auf ein stilles “Was tun?” antwortende “Es kömmt darauf an”-Sätze gelegentlich heraus und strecken ihren Kopf aus den Analysen komplexer Gemengelagen und deren durchwegs aporetischen Intrikationen, die doch keinesfalls eindeutige Erfordernisse zu bennen erlauben müsste, ohne diesen zugleich Einschränkungen und Kautelen beizufügen:

Multiple, rekombinierbar, mobil über jede eigene Sprache und das in ihr Gemeinte hinaus, ist sie [die Niemandssprache] als Sprache der Sprache die Sprache der Sprachgerechtigkeit und der Gerechtigkeit für die, die sie sprechen. Im centonischen Text, der nichts als die Lektüre eines “Lesers in der Wüsten” ist, wird sie kenntlich. Es kommt darauf an, diese Kenntlichkeit zu erweitern.”

Darauf, und darauf vor allem kommt es an: Mit allen Mitteln der Analyse, der Dokumentation und der Argumentation, >öffentlich< wie >privat< und in allen Zwischen- und Nebenbereichen, die diese artifiziellen >Sphären< umgeben, deutlich zu machen, was jeder weiß oder spürt, aber noch kaum einer klar und distinkt ausspricht: dass in schlechthin keinem Bereich des Handelns, Machens, Denkens, Redens und Verhaltens ein Recht gesichert, ein Rechtsanspruch garantiert oder ein Rechtsweg gebahnt ist, der zur Wahrnehmung und Erfüllung eines vorgesetzten Rechts führt. Es kommt deshalb darauf an, alle bestehenden, mit den Mitteln der Gewalt, der Propaganda und der Suggestion etablierten und reproduzierten Rechtsinstitute, allen voran diejenigen, die zur Durchsetzung und Wahrung von Eigentumsansprüchen bestellt sind, explizit und immer wieder aufs Neue ihrer strukturellen Illegitimität zu überführen.” (361)

Dass etwas nicht, nicht mehr oder noch nicht >Recht< ist, dieses Nicht wird in jedem Geben eines Rechtes und vor allem im Geben des einzigen >Rechts< – des >Rechtes< auf das Geben von Rechten – mitgegeben. Es kommt also darauf an, im Geben dieses einen >Rechts< seine Nicht-Gegebenheit kenntlich zu machen; es kommt darauf an, dieses Geben so zu disponieren, dass es Anderen, anderen Anderen gegeben w1d von ihnen weitergegeben werden kann; es kommt darauf an, dieses Geben nicht zu einem Gegebenen, einem Eigentum und einem Privileg werden zu lassen. Noch das Haben bedarf, wn Haben sein zu können, eines – und nicht nur eines – Gebens, mit dem es sich zu seinem äußersten Umfang im Haben eines Nicht-Habens erweitert. Es kommt darauf an, das Nicht-Haben zu geben.” (362)

Wohl weniger sind solche “il fauts” als resolute Handlungsdirektiven und kategorische Imperative zu verstehen, als dass sie Gerechtigkeitsdesiderate bennen, die “es braucht”, damit die größte Ungerechtigkeit, ein universeller logos des geregelten normierten, und damit geschlossenen Sprechens, sich bricht.

Der Gerichtshof wagt seine Unschlüssigkeit nicht einzugestehen.”

Durch eine eingestandene Unschlüssigkeit aber würde die Urteilsfunktion als solche, so scheint man Hamacher verstehen zu müssen, deaktiviert. Zwar ist ohne Zweifel der Augenblick der Entscheidung mit Kierkegaard ein unverantwortbarer Wahnsinn, weil er sich immer überstürzt und kopflos über eine primordiale Unentscheidbarkeit hinwegsetzt. Aber könnte es ohne diese Sprünge der Verantwortungslosigkeit Verantwortung wie Gerechtigkeit überhaupt geben?

Neben der Nicht-Verwerfung der Möglichkeit einer Nicht-Enscheidung scheint es Hamacher vor allem um eine Ausweitung der Zonen der Unschlüssigkeit zu tun, welche die Rigidität eines sich selbst und seiner Procederes sicheren (Ein-, Aus-, Ab-, Hin-)Richtens — ein Habitus, in dem das differentielle Unterscheidungsvermögen wie in einer selbst zur Binarität verurteilten Zwangsjacke gefangen ist — lockerte und löste wie die Muße das Müssen. Rechte, und die auf dem Sockel des ontologischen Possesivismus und seinem Eigentumsrecht aufruhenden Menschenrechte insbesondere, sind nicht zu ihrem eigenen Erhalt und dem sie erhaltenen status quo willen erdacht, so der Tenor, sondern um eines “Zustands” willen, der ohne sie auskommt, der ihrer nicht bedarf:

Solange es nur Menschenrechte gibt, gibt es noch keine Menschengerechtigkeit Die politischen, anthropologischen und theologischen Instanzen, die sich als Sachwalter für das Menschenrecht einsetzen, dienen der Gerechtigkeit, der Freiheit und Würde des Menschen am besten, indem sie die Zonen ihrer Unschlüssigkeit erweitern und Umstände herbeiführen, in denen keines dieser Rechte in Anspruch genommen werden muss und das »Recht«, diese Rechte nicht wahrzunehmen, ohne Einschränkung ausgeübt werden kann.” (125)

6.

Es wird mit der Lektüre von “Sprachgerechtigkeit” deutlicher, in welche Entlegene Landschaft Hamachers späte Texte aussetzen, sie zu isolieren können meinen, mit dem Verlangen nach “einer Wiedererfindung der Politik, einer anderen Politik und von etwas anderem als Politik” (192) im Zeichen der Sprachgerechtigkeit. Einer dejuridifizierten Politik, der es darum zu tun ist, von einer Sprache intensiver Gesellschaftlichkeit alle Reglements und rechtlichen Repressionen fern zu halten. Es eine anonyme, anomische Allmende, eine kenotische Wüste, Brache, die vor aller Form, vor Forum und Tribunal und am radikalsten vor der Schöpfung selbst liegt und “bevor unter Menschen von einem Gott geredet werden kann”. Aber in dieser Schöpfung die Schöpfung für immer neue Schöfungen, Dekreationen und also Scheidungen offen hält. Es sind Texte, die um der Kenntlichkeit dieser unschlüssigen Losigkeit willen und unter Aufgebot einer mitunter nicht nur erheiternden und aufatmen lassenden, sondern durchaus beklemmenden und einschnürenden “Gewalt der Urteilsabwehr”, die im “Du sollst nicht richtend urteilen” eine radikalisierende Explikation des “Du sollst nicht töten” erblickt und damit in der Rechtskultur im Ganzen nichts als einen Zwangsapparat der Todesdrohung, den Bann “bestehender Verhältnisse” — das heisst, die bis heute fortwirkenden metaphysischen Grundeinstellungen abendländischer Zivilisation und Kultur — von innen heraus und mit deren eigenen Mitteln aufbrechen wollen. Dies im implizit militant-politischen, autoritär-anarchischen Duktus einer Verwahrung gegen das richtende Recht.

Die Aufgabe jedes analytischen und jedes politischen Wortes liegt in seiner Verwahrung gegen das richtende Recht.(148)

Verwahrung, die oft genug die Komplizität und Kollaboration mit dem inkriminierten Juridismus einer Wider-Sprachlichkeit nicht abstreifen kann (und womöglich eben auch nicht will). Sondern sich ihm im Habitus mimetisch anschmiegt und zuweilen an Rigidität (und darf man sagen: Borniertheit) penibel begründender deiktisch-didaktischer Argumentation aus Syllogismen der Zwingendheit inszenierenden “folglich” und “wenn..dann”-Form noch überbietet. Eine “Verwahrung gegen”, die genauso “verwahrt” im Sinne des Konservierens und in seine Obhut nimmt, wie es ihr im Modus des Abrückens und der Markierung einer Distanznahme womöglich um ein Geringes zu entkommen gelingt. Zudem würde sich in Gestalt eines “Sich-Verwahrens” eine in sich zusammengezurrte und gegen Anderes konstituierte wehrhafte Selbstheit und egologische Ipsität immer wieder erneut konstituieren und perpetuieren, so dass beinahe die von Hegel gegen den von ihm geschätzten Hamann angeführten Bedenken auch hier am Platze scheinen, welche Hamacher in einer Fussnote zitiert:

Die Wahrheit bleibe bei ihm, mit einer Metapher, die Hamann selbst gebraucht, eine »geballte Faust«; das einzig Verdienstliche für die Wissenschaft, sie •>in eine flache Hand zu entfalten«, überlasse er seinen Lesern. (Hegel, Werke, Bd. 11, S. 321, 281, 336, 330) (385)

Ließe sich annehmen “[d]ie Gewalt dieses Nein [sei] also nicht die Gewalt einer propositionalen Aussage oder eines positiven, determinierenden Urteils, sondern die Gewalt der Urteilsabwehr, der Aussetzung jeder Setzung und der Verwahrung vor jeder sprachlichen oder praktischen Handlung, die eine derartige determinierende Setzung vollzieht.”? Schwerlich. Denn dass göttliche Gewalt, in Kontrast zur mythisch-rechtsetzenden und -erhaltenden, sich als Methode nicht aneigenen und -wenden lässt, allenfalls immer wieder unverhofft und als solche unbemerkt sich, abhaltend und aufstauend, zwischen Tat, Täter und Opfer schiebt und allenfalls in dem aufscheint, was die Sprache im Spiel mit ihren Selbstveranderungen und Mutationen an Überraschungen aufbietet, blitzt in den Texten als Einsicht oft genug auf. Aber die Satzungen setztenden Sätze verwahren sich, weil sie nach wie vor nicht umhinkommen zu setzen, urteilen und prädizieren gegen ihre eigenen Verwahrung. Die Verwahrung verwahrlost und macht mit dem Gegner gemeinsame Sache.

Es ginge darum, heißt es:

vom Urteil abzusehen und die Verurteilung abzuweisen: In diesen beiden Verhaltensweisen gegenüber der geschehenen Tat wird die Verantwortung vor dem Gebot “du sollst nicht töten” als Zurückweisung des ius talion, als Verweigerung der Tötung und als Bewahrung des Lebens realisiert, zu dessen Schutz das Gebot aufgestellt ist. (138)

7.

Alles stünde und fiele darum mit dieser verwickelten “Verwahrung gegen”, dieser “Abwehr des Urteils”, diesem Abweisen und Absehen einer Verurteilung, die selbst die Sprachlichkeit abwehrt und verleugnet. Verwahrung gegen eine Verleugnung, Epoché und Suspension, deren nicht-oppositärste noch die Bartlebysche Präferenz fürs etwas Bestimmtes nicht tun, für die je konkret geäußerte Unterlassung wäre. Oder, wie Hamacher im Aufsatz über Kants Rechtslehre schreibt: ein Unglaube gegenüber Rechtsbehauptungen, eine Gelassenheit:

Die Gelassenheit zum Unglauben an Rechtsbehauptungen ist ein Anfang der Gerechtigkeit. (266)

Kann sie als Position — und sei´s die ostentativer Gelassenheit, Unbeindruckbarkeit — bezogen werden, in Besitz genommen werden, ohne sich im gleichen Zuge zu annihilieren und gegen die Verwahrung, die sie sein möchte sich verwahren? Liegt in dieser aporetischen warnenden, wehrenden Verwahrung der ganze Hamacher beschlossen?

Das zweite Element von Wern(h)er ist althochdeutsch heri, „Menge, Heer(schar)“. Die Herkunft des ersten Elements ist umstritten: Wahrscheinlich liegt hier althochdeutsch waron, „(be)wahren, Acht geben“, zugrunde, oder das verwandte warnon, „sich vorsehen, sich hüten“, (vgl. „warnen“), eigentlich „auf etwas sehen, etwas gewahren“. Ob der Stammesname der Warnen hierher gehört, ist unklar.[1] Nach anderer Deutung geht dieser Namensteil zurück auf althochdeutsch weren, „wehren“. Die Kombination der beiden Namensteile hat wahrscheinlich nichts weiter zu bedeuten; Namenglieder wurden im frühen Mittelalter häufig beliebig kombiniert.9

So ist auch diese durch Umständlichkeit und Gebrochenheit ihrer Urteile das Richten zunächst erschwerende und doch unerbittlich anklagende Sprache noch nicht eine Sprache “nicht des identifikatorischen Sprechens, sondern der Para-Diktion.” (190) Noch nicht, aber doch, zugleich bereits schon auch.

Sie allein, die Sprache des Abschieds von allen vorausgesetzten Modellen, die Diktion der Desidentifiaktion, nicht aber die identifizierende und urteilende Sprache des Rechts wäre eine Sprache der Gerechtigkeit. (190)

Wäre. Würde sein. Ein in die Zukunft gerichteter Irrealis der Gegenwart. Sowie die Würde, der Irrealis der Autonomie.

8.

Ob nicht eine, mit Derrida, vom konstitutiven und ubiquitären double bind (man muss/man darf nicht, man muss gerecht sein/man kann nicht gerecht sein, man muss sich entscheiden/es ist unmöglich, sich zu entscheiden) und also der Aporie ausgehende Auffassung über Recht und Gerechtigkeit, die in Rechnung stellt, dass das Recht (jenes gefährliche Supplement, jene Prothese, die, weil zugleich Gift und Gabe, einer Pharmakologie bedarf, weil ihr Zugleich das Entweder-Oder, das “Dafür-oder-Dagegen?” nicht zu Gebote stellt) mit Gerechtigkeit niemals zusammen fällt und diese Inkongruenz und Nicht-Identität letztlich der Gerechtigkeit mit sich selbst, des Rechts mit sich selbst, sowohl Recht als auch Gerechtigkeit gerechter würde? (Aber geht es überhaupt darum, einem gewissen Un- der Gerechtigkeit gerechter zu werden, der Tatsache somit, dass sie sich selbst nie ganz gerecht werden kann? Müsste man nicht dem aporetischen Umstand gerecht werden, dass die Gerechtigkeit, um gerecht zu sein, sich gerade niemals, in einem bestimmten Sinne, gerecht werden darf?)

Den double bind einzig auf Seiten eines Rechts als einer Praktik sprechend und sprechen-machend das Sprechen entziehen zu wollen, verortend, scheint Hamacher anzunehmen, dass ein Gegengift ihn kurieren oder wenigstens mildern könne, das seinerseits nicht von eben dieser Doppelbödigkeit eines Pharmakons gezeichnet wäre.

Deshalb ist unter allen gesellschaftlichen Techniken die Rechtssprache der Musterfall eines Sprachentzugs durch Sprache. Als Gegengift gegen die paralysierende Wirkung ihres double bind ist jedem, der versucht ist, den Richter zu spielen, die langsame Lektüre aller langen Sätze der späten Romane von Henry James oder von Prousts Recherche zu empfehlen.” (380)


Kann auch die Derridasche Perspektive keine Korrektur, kein Gegengift gegen Hamacher bieten (eher noch, wie Hamacher öfter schreibt, eine Justierung), so ließe sie sich der einen (zur monologischen Rumination neigenden) Sprache Hamachers immerhin als Gefährtin zur Seite stellen wie Eva in den Augen Miltons dem Adam beigesellt wurde: Nicht als komplementäre Ergänzung und Vervollständigung, sondern als Dekomplettierung, nicht als Identitätsversicherung, sondern als Identitätsunterbrechung.

„Hatte Adam bisher alle Kreaturen nur mit Namen benannt und beim Namen gerufen, so begegnet er in Eva einem Geschöpf, an dem die Sprache der Benennung in die Sprache des Gesprächs, der Antwort und der Verantwortung übergeht. Die Schöpfung der Welt kulminiert also in der Erschaffung nicht nur eines sprechenden, sondern seine Sprache mitteilenden I I impartingl I, mit Anderem teilenden; eines nicht allein über Andere und zu ihnen, sondern mit Anderen sprechenden und auf sie antwortenden Wesens: Die Schöpfung kulminiert erst in der Sprache als Gespräch oder als conversation.“ (168)

Hamacher und Derrida wären umfänglicher und eingehender in jenes Gespräch zu bringen, nach dessen Celanscher Prägung (wie vor allem in der Meridian-Rede expliziert) Hamacher Sprache (und besser, fast wie Blanchot, Sprechen) denkt. Es ist immer schon das Sprechen des Gedichts, der Dichtung, Begegnung selbstunterbrechenden Mitsprechens eines Anderen:

Noch im Hier und Jetzt des Gedichts – das Gedicht selbst hat ja immer nur diese eine, einmalige, punktuelle Gegenwart -, noch in dieser Unmittelbarkeit und Nähe läßt es das ihm, dem Anderen, „Eigenste mitsprechen: dessen Zeit. (Celan, Der Meridian)

9.

Wie sähe eine sprachgerechte Rechtssprache aus? Darauf gibt das Buch mehrere Antworten, mindestens jedoch zwei, eine ernsthafter, die andere spielerisch. (Und wenn von Spiel die Rede ist, dann muss dieses alte Wort, das eigentlich eine Tanzbewegung bezeichnet, auch in seinem theatralen, musikalischen und mechanischen Sinne verstanden werden.) Doch laufen beide wohl darauf hinaus, nicht etwa nur der Ironie in der Sprache des Richtens und Urteilens ihren Platz einzuräumen, sondern die Sprache als Ironie (und permanente Parekbase, wie Schlegel es nennt) zu verstehen und somit zu sprechen. Mithin als eine Weise des Ausdrucks ohne feste Form, die Behauptungen und Beurteilungen nur vornimmt, um schon in der Sekunde ihrer Bekundung von ihnen abzurücken und — als nunmehr Zitat, das aus einer bereits anderen Warte beobachtet und in seiner Fiktionalität mit einem gelassenen Unglauben nur noch in seinem Unernst ernst genommen werden kann — hinter sich zu lassen. Es wäre diese Niemandssprache der übereignenden, zueignenden und zulassenden, und also schenkenden Scheidung, dann vor allem eine des permanenten Abrückens: von sich. Der Sprache und ihrer Sprecher. Eine des permanenten Teilens aller sich als souveräne Ungeteiltheiten ausflaggenden, ausfällenden und damit die Spielbewegung in Posen sistierenden Urteile:

Die Sprache des Rechts ist nicht sprachgerecht. Sprachgerecht wäre erst diejenige, die beiden Sprachstrukturen – der der uneingeschränkten Zulassung und der der unbedingten Erzwingung, derjenigen irreziproker Begebnisse und der reziproker Handlungen – in ihren Interferenzen und Überblendungen, Kreuzungen und Durchkreuzungen gerecht würde. Sprachgerechtigkeit steht nicht unter dem Regime des Rechts. (265)

Wenn das Recht gerecht und wenn es Gerechtigkeit werden soll, dann müsste es zunächst diesem Sprach und Spielcharakter jeder Institution gerecht werden. Es müsste vor den in ihm herrschenden Zerstörerischen Tendenzen entsetzt oder einfach ernüchtert und verständig zurücktreten und sich selbst und allen in ihren Strudel Hineingezogenen gegenüber Abstand wahren wie ein mildes Über-Ich Abstand wahrt gegenüber den zerstörerischen Impulsen des Ideal-Ich. Es müsste ein Recht sein, das sich selbst aufhält und zurücknimmt, müsste zu einem suspendierten Recht werden und dürfte keine anderen Verfahren und Richtsprüche zulassen als die komischen, die selbst-ironischen, witzigen und humorvollen, wie sie von Rabelais in seinen Gerichtssatiren, von Kleist im »Zerbrochenen Krug<<, Hebel in seinen Rechtsanekdoten, Brecht im »Kreidekreis« ersonnen worden sind. Das Recht, statt im Spiegel zu erstarren oder zu versinken, müsste sich mit sich selbst verschonen und ein Recht in der Epoche werden -: Erst so würde es der ultra-differentiellen Bewegung der Sprache gerecht, erst so würde es sprachgerecht. Zu einem menschlichen Aufenthalt wird das Recht erst, wenn es verlassen wird. (281)

10.

Das Gesetz, als welches Sprache empfangen wird (vom wem? Von sich selbst als einer, auch, (Sprach-)Losigkeit?), hat, als das Gesetz aller Gesetze, nomadische Anomie, babylonisches Übersetz, den Charakter des Wahnsinns in vielerei Sinn. Hat diesen ungerichteten und unausrichtbaren und nur als unausrichtbarer ausrichtbaren deliranten Vielerlei-Sinn zum Charakter ihrer “characters” und “types”. Hamachers Sprechen mit und aus der Anomie darf sich deshalb auch als eines verstehen, was mit dieser spricht, diese Anomen mitsprechen lässt, nicht nur als die des Anderen (des aus der Warte der Normen deutlich als Abnormaler Abgesonderten), sondern vor allem dem anderen im Selben, im Normierten, selbst. Normadismus:

Als Sprechen mit dem Nicht-Sprechen ist es zu allernächst die Offenheit für dasjenige Andere, über das kein Urteil ergehen und von dem kein Richtspruch ausgehen kann. Es ist ein Sprechen ohne Recht, nicht ein Nachsprechen der Normen, die diesseits der Freiheit versanden, sondern ein normfreies, ein Sprechen der Anomie, das für das Rechtlose, das Anormale und selbst in Anormalitäten spricht […]

Normen aber, wie das Gnomon, von dem sie sich eventuell herschreiben, senkrecht in den Boden gerammte Stäbe, die wie phallische Totempfähle Halt, Orientierung und Identität verbürgen sollen, Raum-Zeit bündig ein- und ausrichten, halten sich zusammen in Befürchtung bevorstehender Kastration, die doch bereits immer schon hinter ihnen liegt; als eine Teilung, der sie sich überhaupt verdanken, zu deren Markierung sie dienen. Sie sind bündige Bündelungen, Strikturen, die, wie der gereckt moralische Zeigefinger, imponieren und drohen, und indem sie faszinierend bannen, die Möglichkeit bieten, etwas zu verschanzen und schützen. Es ist dies auch die

die Faszination, die von den Begriffen >Autorität<, >Macht<, >Gesetz< ausgeht. Sie sind Kondensationsformeln des absolut Disparaten, fasces wie jene Rutenbündel römischer Liktoren, von denen die legislativen Autoritäten geschützt wurden. In ihnen wird ein ungeheurer Konflikt in eine Diminutivfassung zusammengezogen, der ihn als beherrscht, punktuell und im Verschwinden begriffen erscheinen lässt.

Dass dieser in unendliche Dichte von Abbreviaturen kontrahierte und konzentrierte Konflikt immer wieder zu Explosionen und Sprengungen führt, das Sprachgeschehen als eine creatio continua fortgesetzer Urknälle sich freisetzt, lässt die Einsicht aufkommen, dass derlei Stäbe (die sich in der Insurrektion der Lettern, als welche Schrift imponieren kann) weniger zu stürzen und zu Fall zu bringen wären, als fortgesetzt zu teilen und multiplizieren. Um einer Losigkeit willen, welche die Sprache dem Abraham in nichts als der Weisung rückkehrlos aufzubrechen verheisst. Was sich darin verheisst, ist wohl nichts anderes als Zukunft.

Auch das hat Hamacher geschrieben, aus Hamann herausgeschrieben:

[…] der Glaube Abrahams – sein Glaube an das Wort und die in ihm verheißene Zukunft -, damit aber der Grund der monotheistischen Religiosität wird durch die Deaktivierung des Glaubens in Recht und Gesetz beschädigt. (225)

Moses Gesetzestafeln mögen das vergötzte Goldene Kalb sein, durch das sich die abrahamitische Verheissung zur statuarischen Satzung verhärtet, Moses selbst mit Aaron ineins fallen. Aber nur durch diese idolatrische Verhärtungen hindurch lässt sie sich auch heute noch hören, d.h. lesen, Recht sich als Literatur studieren und seine Anwendung aussetzen.

Bei aller Entschiedenheit des Hamacherschen Duktus, bleibt bis zuletzt unentschieden, wie und was eigentlich letztlich entschieden wurde, weil für die Unentscheidbarkeit selbst votiert wird; eine ursprüngliche Komplexion, die Bastardisierung der Sprachgerechigkeit mit der Rechtssprache, verhindert, dass diese eine in aller Reinheit von ihrer Verengung und Reduktion abgesondert werden und verworfen werden kann, ohne am gleichen Verhängnis zu partizipieren, das diagnostisch dingfest gemacht werden sollte. Vielleicht kann man es so wenden: Da entschieden, geurteilt und selbst nur geschlußfolgert werden muss, und gleichzeitig vonseiten der Sprachgerechtigkeit, vom ”mit der Sprache gegebene[n] Versprechend der Gerechtigkeit […] als Grund” (197) der Ruf ergeht “Moment! Tu´s nicht, halt inne, denk noch einmal darüber nach!” — und das Denken sich dadurch wieder einmal als Instanz der Entscheidung zur aufrechtzuerhaltenden Unentscheidenheit verdeutlicht — muss jeder getroffenen Entscheidung, jedem Urteil genug von diesem Anderen, diesem Nicht, dieser Unterlassung, zumindest als ein Zögern, Bedenken und Skrupel — Verhaltenheit — anzumerken sein, die sie offen und, als blosses, immer zu übereiltes, voreiliges Provisorium und Interimslösung in der Schwebe hält. Dieses Lassen zu lassen muss man vermögen/kann und darf es nicht vermögen, aber es präzisiert sich dieses Vermögen, diese Fähigkeit und Fertigkeit zur unendlich subtilen aporetischen Gestalt eines (Un)vermögens, kein Sprachaktivismus forscher Sprechakte: Sprechpassion (222) und – erleidnis.

Vielleicht (auch nicht).

Überhaupt liegt in den “gefährlichen Vielleichts” Nietzsches — im lateinischen, forsitan, fortasse, eines jener Fors-Wörter, die Hamacher in einer langen Fußnote seiner Übersetzung des gleichnamigen Derridaschen Vorworts zu Toroks/Abrahams Kryptonymie untersucht hat10 — einem “jein”, und der Entschlossenheit zu beider Unschlüssigkeit keineswegs nur Unsicherheit und fatalistische Resignation. Als vielmehr, perchance, ein “ereignishafter Aufbruch mit politischen, ethischen und juridischen Konsequenzen.”11 Ein Aufbruch, der weiter aufzubrechen wäre. Bis vom Phantasma der Ur-Teils-Gewalt nur ihre Teilung, ihre Selbstbeschneidung, übrig bleibt. Fors — die Philologie.

Wenn for ins Deutsche mit Hof übersetzt wird, so ist dabei — nicht nur, aber vor allem — an seine juristischen Bedeutung zu denken (Gerichtshof).” 12

Aber schiebt sich dieses “nicht nur” des for nicht derart vor das “vor allem”, fast wie ein Hof, dass es seine Hauptsächlichkeit empfindlich einschränkt und zu einer bloß Abgeleiteten ent-prinzipialisiert?

Für besagtes sich immer davor und dazwischen schiebende Vor, vor allem Fort, aller Form und Force, allem Forum, vielleicht sogar selbst vor allem phor, und aus ihm heraus, a-phorisch, amphorisch aus dem Baren bärend, der Traglosigkeit tragend, im Haltlosen haltend, übernimmt Sprache — besser: Schreiben — als Advokatin das Mandat. Write?

Tillmann Reik

[*] recht Adj. ‘richtig, dem Recht, den Gesetzen entsprechend, gut’, vgl. auch rechte Seite (‘äußere, obere Seite’) von Stoffen, Wäschestücken, (nur attributiv der rechte, ein rechter) ‘auf der Seite befindlich, die beim Menschen der Herzseite gegenüberliegt’, politisch ‘zur Rechten gehörend’ (s. unten Rechte f.), ahd. reht ‘recht, gerecht, berechtigt, richtig, gerade, einfach, gut, wirklich, zutreffend, wahr’ (8. Jh.), mhd. reht ‘in gerader Linie, gerade, Sitte, Recht entsprechend, gerecht, gehörig, wahrhaft, wirklich, eigentlich’, asächs. reht ‘recht, gerecht, richtig, wahr, gut, gerade, eben’, mnd. recht ‘gerade, aufrecht, richtig, genau, passend, wahr, eigentlich, gesetzmäßig, rechtmäßig, gerecht, auf der der Herzseite gegenüberliegenden Seite befindlich’, mnl. nl. recht, afries. riucht, aengl. riht, engl. right, anord. rēttr, schwed. rätt, got. raíhts führen auf germ. *rehta- und wie awest. rāšta ‘gerade’, griech. orektós (ὀρεκτός) ‘ausgestreckt, erwünscht, ersehnt’ (zu orégein, ὀρέγειν ‘(die Hand) hinstrecken, darreichen, sich strecken, zu erreichen suchen’ […] https://www.dwds.de/wb/recht

1 Auch dieser dritte Text über Werner Hamacher gibt eine Reihe von “Erläuterungen, die keine Paraphrasen sind, sondern [im besten Fall] Elongaturen.” (78). Wie und ob sie sich von statuarischen Apodikta unterscheiden lassen — denn auch das Recht wird sich als Elongatur erweisen — bleibt dahingestellt.

2 Celan, Engführung.

3 Hamacher, „Amphora“, in: „Wanda Golonka–Tanz Ensemble Modell“. Herausgegeben von ElisabethSchweeger. Berlin: Theater der Zeit 2010; S. 29-35.

4 “Der von Celan erfragte Ort wird erst von einem anderenOrt – oder anderem als einem Ort – her zugänglich, der zu den tödlichen Gemeinsamkeiten der Sprache und den infamen Nachbarschaften der Namen in Listen und Büchern ein Äußerstes an Distanz wahrt. Dieser andere Ort, der in der Entfernung von allen bekannten Orten liegt, ist für ihn das Gedicht.” „WASEN. Um CelansTodtnauberg“, in: „Das Robert Altmann Projekt. Quaderno III:PaulCelan in Vaduz“, herausgegeben von Norbert Haas, Vreni Haas, Hansjörg Quaderer. Vaduz:edition eupalinos 2012; S. 35-84. Hier S.38.

6 Ein wenig davon scheint im Schlußkapitel von Eichendorffs “Ahnung und Gegenwart” auf: “Es lebe die Freiheit! Wo? fragte Faber, indem er selbst langsam sein Glas aufhob. Nur nicht etwa in der Brust des Philosophen allein, erwiderte Leontin, unangenehm gestört. Diese allgemeine, natürliche, philosophische Freiheit, der jede Welt gut genug ist, um sich in ihrem Hochmute frei zu fühlen, ist mir ebenso in der Seele zuwider, als jene natürliche Religion, welcher alle Religionen einerlei sind. Ich meine jene uralte, lebendige Freiheit, die uns in großen Wäldern wie mit wehmütigen Erinnerungen anweht, oder bei alten Burgen sich wie ein Geist auf die zerfallene Zinne stellt, der das Menschenschifflein unten wohl zufahren heißt, jene frische, ewig junge Waldesbraut, nach welcher der Jäger frühmorgens aus den Dörfern und Städten hinauszieht, und sie mit seinem Horne lockt und ruft, jener reine, kühle Lebensatem, den die Gebirgsvölker auf ihren Alpen einsaugen, daß sie nicht anders leben können, als wie es der Ehre geziemt. Aber damit ist es nun aus. “

7Das Land aber, das sie umschlossen und das ich, spielend mit mir selbst, okkupierte, war ein Niemandsland. Später, im Krieg, tauchte das Wort auf für den verwüsteten Raum vor den beiden Fronten. Es ist aber die getreue Übersetzung des griechischen – Aristophanischen –, das ich damals desto besser verstand, je weniger ich es kannte, Utopie.”

8 Vielleicht in diesem Sinne einer partage: “Der Diskurs der Moderne versteht die Revolution der abstrakten Malerei als die Entdeckung des ureigensten „Mediums“ der Malerei: die zweidimensionale Oberfläche. Der Widerruf der perspektivischen Illusion einer dritten Dimension soll demnach der Malerei die Herrschaft über ihre eigene Oberfläche zurückgegeben haben. Aber genau diese Oberfläche hat nichts Eigenes. Eine „Oberfläche“ ist nicht einfach nur eine geometrische Komposition von Linien. Sie ist eine Form der Aufteilung des Sinnlichen. Schrift und Malerei waren für Platon Oberflächen, gleichbedeutend mit stummen Zeichen. Ihnen fehlte der Atem, der das lebendige Wort beseelt und überträgt. Nach dieser Logik steht die Fläche nicht im Gegensatz zur Tiefe im Sinne des Dreidimensionalen, sondern im Gegensatz zum „Lebendigen“. Das heißt, die stumme Oberfläche der gemalten Zeichen steht im Gegensatz zum „lebendigen“ Sprechakt, den der Redner an den richtigen Adressaten richtet. Demgemäß war auch die Aneignung der dritten Dimension durch die Malerei eine Antwort auf diese Aufteilung. Die Wiedergabe der optischen Tiefe war mit dem Privileg der Geschichte verbunden und hat in der Renaissance zur Aufwertung der Malerei beigetragen – zu ihrem Anspruch, einen lebendigen Sprechakt, den entscheidenden Augenblick einer Handlung und einer Bedeutung erfassen zu können. Gegen die platonische Abwertung der mimesis wollte die klassische Poetik der Repräsentation die „Flächigkeit“ des Wortes oder des Gemäldes mit Lebendigkeit und einer spezifischen Tiefe ausstatten, in der sich eine Handlung manifestieren, eine Innerlichkeit ausdrücken oder eine Bedeutung mitteilen würde. Sie hat zwischen Wort und Malerei, zwischen Sagbarem und Sichtbarem ein Verhältnis loser Entsprechung etabliert und so der „Nachahmung“ einen spezifischen Raum eröffnet.” (Ranciere, Die Aufteilung des Sinnlichen, S.30)

10 Vgl. dazu die Anmerkung von Werner Hamacher zur französischen Etymologie von fors im Littré in der Einleitung zu Jacques Derrida: „Fors. Die Winkelwörter von Nicolas Abraham und Maria Torok“ [1976], in: Nicolas Abraham und Maria Torok (Hg.): Kryptonomie. Das Verbarium des Wolfsmanns. Aus dem Französichen von Werner Hamacher. Basel/Weil am Rhein: Engeler 2008, 9-59

11 So Peter Zeilinger. “Leerstellen, die gelesen werden müssen”” in: M. Schmidt (Hg.), Rücksendungen zu Jacques Derridas »Die Postkarte«. Ein essayistisches Glossar (Wien-Berlin: Turia+Kant, 2015), 13-38. Dieser auch: “Auch die lateinische Lesart, in der fors entweder als Nomen das Glück, den glücklichen Zufall, das glückliche Schicksal (etwa in Gestalt der Göttin Fortuna) nennt oder als Adverb vielleicht eine weitere, „angenommene Möglichkeit“ andeutet („vielleicht, es kann sehr leicht sein, dass …“) eröffnet einen neuen Horizont.”

12 So der letzte Satz von Hamachers Fußnote.