Cassin: Sophistical Practice / Buchheim: Die Sophistik als Avantgarde normalen Lebens

λόγος δυνάστης μέγας ἐστίν

Logologisch philosophistieren. Zur Sophistikation der Sprache. (Fragment in Progress with Consistent Inconsistency)

...die Erfahrung der Uneindeutbarkeit der Sprache zur Versammlung – λόγος–. (Thomas Schestag, Buk)

Stimmen:

Die Sophisten sind die Lehrer Griechenlands, durch welche die Bildung überhaupt in Griechenland zur Existenz kam. Sie sind an die Stelle der Dichter und Rhapsoden getreten. (Hegel)

Wer die Sprache an sich interessant findet, ist ein Anderer, als wer in ihr nur das Medium interessanter Gedanken erkennt. (Nietzsche)

Der lächerliche Irrtum ist nur zu bewundern, daß die Leute meinen – sie sprächen um der Dinge willen. Gerade das Eigentümliche der Sprache, daß sie sich bloß um sich selbst bekümmert, weiß keiner. (Novalis)

The psychoanalyst is the presence of the sophist in our time, but with a different status from which the reason has emerged […] why these sophists operated with so much force and also without knowing why. The moment of force is based on something that analysis teaches us: the fact is that at the root of every dyad, there is the sexual dyad. (Lacan)

Sequitur? Selbstredend!

Auf mythische, und, sozusagen, mystisch-irrationale Weise mutet die zu erzählende Geschichte des Problems, welches verfolgt, dem also Spuren lesend nachgestellt werden soll — the story of the history of the plausibility of the implausible itself — logisch an, obwohl sie mit guten Gründen für das Gegenteil gehalten werden könnte. Unlogisch? Logisch! Letzteres ein, wie die zu seinem Ausdruck eingesetzten konjunktiv-disjunktiven Operatoren/Relatoren des Bindens „füglicher“ syntaktischer Einheiten, notorisch inflationär lapidar verwendetes Prädikat und Epitheton. Denn in den meisten Kontexten soll es, wenn auch nicht im engen, rigiden Sinne auf das Befolgen der Regeln der Logik als der Lehre von den formal richtigen Schlussfolgerungen abgestellt, sondern lose und übertragen geredet wird, zwingend, folgerichtig, besagen. Konsistent, kohärent und damit den Verweis auf einen nicht-widersprüchlichen Zusammenhang (eine Co-Existenz) beinhalten, dem unmöglich widersprochen werden kann. Sowie notwendig und begründet, gerechtfertigt, sich auf eine Art so ergebend, sich zeigend (deiktische Didaxe kommt ins Spiel), dass, ohne dass noch ein weiterer Grund angeführt und vorgebracht werden müsste, solche Art billigender Zustimmung nicht verwehrt werden kann, der ein möglicherweise vorausgehendes zweifelndes Mißtrauen, sich lösend, Platz einräumt (aber ob das Mißtrauen zuerst war und nicht seinerseits das in es gesetzte Vertrauen voraussetzt, steht zur Debatte): Konzession und Kredit als emphatischer, dezidierter Nicht-Widerspruch. Von Legitimation könnte legitimerweise erst dann die Rede sein, wenn auf Übereinstimmung oder Vereinbarkeit mit herrschenden institutionalisierten Konventionen hin erfolgreich durchgeprüft und abgeglichen wurde. Wie steht es aber um die vor solch lauterer Examination wie vor Hegels „gesundem Widerspruchsgeist“ (der dann, sich selbst zuvorkommend, elementar ein Widerspruch gegen seine eigene Widerspruchsbereitschaft wäre) immer schon im Spiel befindliche Zustimmungsbereitschaft allem und jedem gegenüber, noch solchem, das seiner kaum wert dünkt: kann/soll/darf/muss sie, mitsamt der Neigung, einzig das Unglaubwürdige und Unglaubliche für wahr zu halten, kontrolliert werden? Und wenn ja, welche Instanz stünde, außer dem inkriminierten „Mechanismus“ überhaupt zur Verfügung, der nicht nur die Macht, sondern auch die Befugnis zukäme, über ihn zu richten? Vermutlich muss es sich um eine ähnliche Art (freiwilliger) Selbstkontrolle handeln, wie jene, die Kant der über sich selbst (d.h. ihre Vermögen) zu Gericht sitzenden Vernunft zugedacht hat, deren inhärente Widersprüchlichkeiten gleichwohl unhintergehbar zu sein scheinen:

Es sind Sophistikationen, nicht der Menschen, sondern der reinen Vernunft selbst, von denen selbst der Weiseste unter allen Menschen sich nicht losmachen, und vielleicht zwar nach vieler Bemühung den Irrtum verhüten, den Schein aber, der ihn unaufhörlich zwackt und äfft, niemals völlig loswerden kann. (Kant, Kritik der reinen Vernunft, B397)

Verwickelt sich Vernunft deshalb in Kontradiktionen (läuft auf sie hinaus, stammt jedoch aus ihnen her), weil Sprache, deren sie nicht umhinkommt sich zu bedienen, bereits dem Laster unterliegt, uneins mit sich zu sein und, mehr noch, aus diesem Fehlen der Ein(s)heit überhaupt sich herschreibt?

Natürlich!, Selbstverständlich!, Das liegt auf der Hand!, Ohne Zweifel!

Prägnant und deutlich: Klar! Vielleicht jenes “klar”, das Thomas Buchheim in seiner Studie über die Vorsokratiker zur Übersetzung “klares Verhältnis” für die älteste Pythagoreische Verwendung des Wortes Logos veranlasst und bei Heraklit sogar zu dem der (Selbst-)Klarlegung, in die einzustimmen ist.

Auf gewisse Weise dreht es sich wohl also, folglich, ergo, therefore, donc, wann immer der Eindruck des “Logischen” im Spiel ist, nunmehr stets und ständig, um eine ereignishaft eruptive Erfahrung von sich zeigend-bezeugender Evidenz und Plausibilität. Indes ist  damit immer bereits schon eine Verdopplung im Spiel. Es findet nämlich die performativ-konstative Beglaubigung einer Evidenz klarer Verhältnisse statt („Es ist klar, dass es klar ist!“), welche mögliche vorgängige Ablehnung, Vorbehalte und Skepsis, sowie Undurchsichtigkeit aufweicht und dem immer abrupt apodiktisch hereinbrechenden Geltungsanspruch des Vorliegenden gegenüber zu affirmierender Gegenzeichnung, Zustimmung und Einwilligung veranlasst: eine nicht minder unvermittelt eintretende Auswirkung, eine Zustandsänderung, die überkommt und widerfährt.
In dieser Hinsicht bestimmt der weitere, übertragene Sinn den engeren, strikten der logisch korrekten methodisch kontrollierten Gedankenführung, eher als dass umgekehrt hinsichtlich der alltagssprachlichen Verwendung von einer bloß metaphorischen Bedeutungsaufweichung gesprochen werden könnte, die mit dem eigentlich Gemeinten nurmehr wenig zu tun hätte.
Wird man, folglich, vielleicht bereits zu Anfang gezwungen sein — aufgrund der immanenten Logik dieser Logik? –, das Resultat vorwegnehmend, einzugestehen, dass das Logische am Logischen, sein wesentliches und unverzichtbares Voilà des herausspringenden Evidenz-Surplus, worumwillen — unter der weiteren Prämisse, mit derlei methodisch kontrollierter Gedankenführung enthülle sich die Wahrheit, wickle sich aus, ergebe sich dem Bemächtigungstrieb des zum Stehen bringen wollenden Verstands als apokalyptische Offenbarkeit — es aufgeboten wird, selbst ganz und gar nichts Logisches ist? Die denkbar unlogische Paralogie des Logischen, die den Logos im Ganzen als uneins mit sich, zur Versammlung, die er sein will, nicht versammelbar, da sich selbst als Logorhoe konstitutiv-inkontinent überließend, enthüllt, besagte dann: Das Logische am Logischen, seine, am Ende, zwingende Überzeugungskraft, sei nichts Logisches, ebensowenig wie das Streben, das auf es aus ist. Es tritt, mitnichten demokratisch, nicht liberal im gemeinen Sinne, herrschaftlich autoritär, despotenhaft tyrannisch von Anderswoher, einem Außen, herbei; kommt, die Überzeugung kapernd, wie ein archaisches Relikt unerklärbarer Magie, bezwingender Macht ereignishaft supplementär hinzu, addiert sich als genießbares Surplus auf und muss doch auch immer schon mit dabei gewesen sein. λόγος δυνάστης μέγας ἐστίν/Der Logos ist ein mächtiger Herrscher. Und Umgekehrt: Alle Herrschaft ist “logos-förmig”? :

In welcher Beziehung steht dann aber das so verstandene Logische — das Bezwingende, Überzeugende, Einnehmende des Zeigens und Bezeugens — zur Sprache überhaupt, die im Ganzen (zumindest als mündlich gesprochene, als Rede) vielfach gleichwohl für eine Übersetzung des Wortes Logos gilt? Ist sie — als Logos gewissermaßen immer bereits falsch verstanden — ein unendlicher offener Zusammenhang unwiderstehlicher Bezwingung und die Logik als Technik der methodisch kontrollierten Gedankenführung ein Bannversuch, der bemüht ist, diese ubiquitäre heteronome Bemächtigung einzuhegen und zu programmieren, die Illegitimität dessen deklarierend, was sich der monopolisierten Illegitimität ihrer Prozeduren gegenüber als unzureichend erweist? “Dieses Argument kann nicht überzeugen!”, geäußertes Argument, nachdem bereits ein Überzeugungseffekt eingetreten und also die Behauptung mit guten Gründen ihrer Unbegründetheit überführt werden könnte, soll vor allem meinen: “Es darf nicht überzeugen.”; ein vorgängiger, unvermeidlicher Einstimmungs- und Beipflichtungseffekt muss mit proto-moralischer Zurückweisungsgeste im Nachhinein, mithin immer bereits zu spät, delegitimiert werden. Dürfen solche Bannversuche als Bemächtigungsstrategien gegenüber der Sprache überhaupt, ihrer Magie und ihren Verhexungen, gelten? Und kann die sophistische Rhetorik demgegenüber als Technik verstanden werden, die Bannkräfte der Sprache, deinos und peitho, gezielt zu entfesseln und als Instrument des Bewirkens und Effektezeitigens raffiniert zur Anwendung zu bringen?

“Sagt man das Gleiche mit einem bekannteren Wort, so hat die Kunst des Gorgias das Ziel, bannende Wirkung durch Reden auszuüben, d.h. die deinotes legein.” (Thomas Buchheim).

Der Logos-Mythos

Der Mythos ist die Erzählung des Wahr-Scheinenden ohne Mißtrauen gegen die eigene Einsicht. Daher kennt er auch keine aporetische Hindernisse und fließt vielmehr nach ihrer Überwindung unangefochten dahin. (Thomas Buchheim, Die Vorsokratiker)

Geschichtsphilosophisch imponieren konnte die Opposition von Mythos/Logos den vorgeblich wertneutralen historiographischen Beobachtern einer philosophia perennis bisweilen als jene Basal-Dichotomie, vor deren Hintergrund sich der Mythos vom Logos, der begründet-begründeten Rede, gegenüber aller bloß aus überkommenem Brauchtum Glaubwürdigkeit beziehenden Sage, 2500 Jahre und mehr, überhaupt zu erzählen vermochte. Es handelt sich um die Distinktion zweier Modi, Arten, Gattungen des als Sprechen (nämlich Selbstgespräch der Seele)

Also Gedanken [dianoia] und Rede [logoi] sind dasselbe [tauton], nur daß das innere Gespräch [dialogoi] der Seele mit sich selbst, was ohne Stimme [aneu phones] vor sich geht, von uns ist Gedanke genannt worden. (Platon, Sophistes, 263e)1

gedachten Denkens, deren vorgängiger und letztendlicher Ununterscheidbarkeit der Historiker-Erzähler eines unilinearen Fortschrittsnarrativs wiederum die Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft seiner Narrationen vielleicht einzig verdankt. Denn bliebe die Mär vom Mythos als Ursprung des Logos nicht einem Verlangen, Streben, Begehren, kurz: Trieb, nach durch der Stabilisierung dienende Rechtfertigung und Begründung verkettenenden Diegese verschuldet, dessen Beschaffenheit (wie die Sehnsucht, das Streben danach, bis zum zu Grunde gehen den Sachen auf den Grund zu gehen) logischerweise eher mythisch als logisch dünkt, auch wenn sie keins von beidem sein mag oder beides auf einmal, weder “weder noch” noch “sowohl als auch”, sondern der double bind und die Aporie eines seltsamen Zugleich? Mythologische Logomythie würde somit der Ungrund bleiben, dem das Abendland seine relative Konsistenz verdankt, die in nichts als dem Verlangen erweckenden Versprechen dieser Konsistenz und Selbst-Übereinstimmung besteht, das strukturell gebrochen und unerfüllbar beschaffen sein muss. Auch diese allgemeinste Sache, der Rahmen, in dem sich alles weitere abspielt, wird Sage, d.h. Sprachereignis gewesen sein.

Die Trieblehre ist sozusagen unsere Mythologie. Die Triebe sind mythische Wesen, großartig in ihrer Unbestimmtheit. (Sigmund Freud: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse)

So auch umgekehrt: Die Mythologie ist lesbar als eine Trieblehre der Sprache.

Philosophos/Sophistes

Existiert indessen nicht über besagte qua Logos-Mythos-Distinktion funktionierende Leit-Codierung hinaus und gleichwohl mit ihr eng verzahnt eine weitere, womöglich durchschlagendere, über repräsentative personale Verkörperung oder gleichsam gesichtsgebende Prosopopoeia verlaufende oppositäre Codierung, die als vergleichbar konstitutiv für das Selbstverständnis der abendländische Prima Philosophia anzusehen wäre? “Der Philosoph”, in der Gestalt des Sokrates von Platon zum Subjekt des Philosophie-Vollzugs mittels mißtrauischer Selbst- und Fremdprüfungsgespräche (v)erklärt und ins Amt eingesetzt, entlehnt, sich auf- und einrichtend, dem Sophisten fast seinen Namen — oder zumindest dessen zentralen Bestandteil, das zunächst Geschick, savoir-faire oder know-how, besser: zentrales Bescheid-Wissen bedeutende sophon — wodurch eine neue Leitunterscheidung aufspringt, die fortan ihre operative Relevanz nicht mehr verlieren wird. Philosoph/Sophist? (Insofern müsste präziser von einer dreifachen Distanznahme gesprochen werden, als auch die sophoi, die in zu intimen Kontakt mit der Wahrheit stehenden wirklich Wissenden einer Frühgeschichte dem Philosophen zwar als Vorfahren innerhalb einer genealogischen Filiationsreihe dienen (Platon spricht von “unserem Vater Parmenides”) – und damit meist größere Wertschätzung genießen als der Sophist –, doch dem genuinen Vollzugscharakter der sich inaugierenden Theoria mit methodisch kontrollierten Prozeduren gegenüber dennoch fremd bleiben müssen.)

 

„Die Sophisten sind Nichts weiter als Realisten: sie formuliren die Allen gang und gäben Werthe und Praktiken zum Rang der Werthe, – sie haben den Muth, den alle starken Geister haben, um ihre Unmoralität zu wissen …

Glaubt man vielleicht, daß diese kleinen griechischen Freistädte, welche sich vor Wuth und Eifersucht gern aufgefressen hätten, von menschenfreundlichen und rechtschaffenen Principien geleitet wurden? Macht man vielleicht dem Thukydides einen Vorwurf aus seiner Rede, die er den athenischen Gesandten in den Mund legt, als sie mit den Meliern über Untergang oder Unterwerfung verhandeln?

Inmitten dieser entsetzlichen Spannung von Tugend zu reden war nur vollendeten Tartüffs möglich – oder Abseits-Gestellten, Einsiedlern, Flüchtlingen und Auswanderern aus der Realität… Alles Leute, die negirten, um selber leben zu können –

Die Sophisten waren Griechen: als Sokrates und Plato die Partei der Tugend und Gerechtigkeit nahmen, waren sie Juden oder ich weiß nicht was –. Die Taktik Grote’s zur Verteidigung der Sophisten ist falsch: er will sie zu Ehrenmännern und Moral-Standarten erheben, – aber ihre Ehre war, keinen Schwindel mit großen Worten und Tugenden zu treiben.“ (Nietzsche)

Der Sophist

Der Arzt nun bewirkt seine Umwandlung durch Arzneien, der Sophist aber durch Reden (Plat. Theait. 167a)

Alles wird, für die Philosophie, daran gesetzt, ihn, den Vielgestaltigen, eindeutig zu fassen zu bekommen, denn dies geht einher mit der Frage, wie sich etwas überhaupt eindeutig bestimmen lässt. Er, der Sophist — männlich konnotiert, aber die Unverantwortlichkeit seiner Wahrheit über die Wahrheit — nämlich, dass sie Spracheffekt sei — trägt alle Züge traditioneller Stereotype von Weiblichkeit bis hin zum Vergleich mit der Hure — stellt sodann womöglich einen maßgeblichen Rejektionswert der Philosophie dar, den man in Zusammenhang mit der ihn bestimmenden Externalisierungsgeste untersuchen müsste.

Denn der Philosoph gibt sich seither traditionell in einer dezidierten, die Hybris von sich weisenden Absetzungsbewegung, mehr oder minder entschieden, notorisch und habitualisiert, als proto-moralisch sophistophob zu erkennen, ist alles andere als ein Philosophist oder Sophistenfreund, und tritt im Streit um die Anwärterschaft auf die “sophia” — von dem Sokrates die Bescheidenheitsgeste, seiner Ignoranz gegenüber nicht ignorant, dieses nicht zu besitzen, sondern allenfalls nach ihr zu streben reklamiert — zu jenem Gegenüber in ein offenes Konkurrenzverhältnis, von dem nicht klar ist, zu welchen Teilen er, der Andere stets Konstruktion und Projektion wird bleiben müssen, mithilfe dessen der Philosoph — und mit ihm die Philosophie — sich, mit nicht ganz lauteren Mitteln, seiner/ihrer Konsistenz versichert. Ist der Philosoph womöglich so verschieden gar nicht vom Sophisten wie ihm lieb wäre, vor allem im Moment, wo er sich klar und deutlich unterscheiden will? Dies würde bedeuten, dass eine Einsicht in die irreduziblen Kontamination der Philosophie mit dem Sophismus samt möglicher kathartischer Effekte eher vonnnöten sein könnte als den ubiquitären Kampf gegen den Sophisten und das Sophistische (wie er sich von Affekten gegen die Postmoderne bis zur Identifikation politischen Populismus unserer Tage mit “sophistischen Praktiken in Szene setzt) als unterstellte “ultima ratio” der Vernunft einfach unbefragt fortzusetzen; oder umgekehrt den Sophismus als fälschlich marginalisierte Weise des Denkens dem Philosophischen Corpus einfach zu repatriieren.

... from Allan Bloom to Václav Havel, the consensus that sophistics should be the prime target has reached remarkable dimensions, extending as far as politics.

Avantgarde des normalen Lebens

Mag der Sophist, wie Thomas Buchheim in seiner Studie Die Sophistik als Avantgarde normalen Lebens schreibt, jene bezeichnen, die das als nicht sonderlich vorbildlich empfundene Verhalten der Menschen im Alltag — allem voran deren menschlich-allzumenschliches Laster des unlauteren Rechtbehaltenwollens — in perfektionierter Form gegen Geld feilboten und zur Schau stellten und damit, wie alle, die etwas überdurchschnittlich gut konnten, raffiniert und sozusagen sophisticated, nicht nur Bewunderung, sondern Neid und Mißtrauen auf sich zogen, so wäre “ein empirisches Residuum” zugestanden — das im Schwange befindliche, mit Faszination einhergehende Ressentiment gegen einen “Berufsstand” — das die Philosophie aufgegriffen, überformt und systematisch zur Konstruktion ihrer Identität sich zueigen gemacht hätte. Protagoras stellt im gleichnamigen Dialog Platons (316c) die Angst vor Neid und Mißgunst als jenen Grund heraus, der selbst die ihrem Wesen nach ebenfalls Sophisten gewesenen Epiker Hesiod und Homer – womit die Bewegung einer langen, ehrwürdigen Tradition eingesenkt wird — zur Verstellung nötigten:

Sehr mit Recht, Sokrates, sprach er, bist du besorgt um mich. Denn ein Fremdling, der die großen Städte durchreist, und dort die vorzüglichsten Jünglinge überredet, dem Umgang mit andern Verwandten und Mitbürgern, alten und jungen entsagend, sich zu ihm zu halten, weil sie durch den [D] Umgang mit ihm besser werden würden, ein solcher muss freilich auf seiner Hut sein.Denn nicht wenig Missgunst entsteht hieraus und Übelwollen und Nachstellungen aller Art.Daher auch behaupte ich, dass die sophistische Kunst zwar schon sehr alt ist, dass aber diejenigenunter den Alten, welche sie ausübten, aus Furcht vor der Gehässigkeit, die sie auf sich gezogenhat, einen Vorwand genommen und sie versteckt haben, einige hinter der Poesie, wie Homeros,Hesiodos und Simonides, andere hinter Mysterien und Orakelsprüchen, wie Orpheus undMusaios, [E] ja, einige habe ich bemerkt, bedienten sich dazu sogar der Kunst derLeibesübungen, wie Ikkos der Tarentiner, und auch jetzt noch einer, der ein Sophist ist, so gut als irgend einer, Herodikos aus Selymbria, ursprünglich aber aus Megara. Die Musik hat Agathokles,euer Landsmann, zum Vorwand genommen, ein großer Sophist, so auch Pythokleides von Keos und viele andere. Alle diese, wie gesagt, haben aus Furcht des Neides sich jener Künste zum Deckmantel bedient.

Wie auch immer es darum bestellt sein mag: Vor allem geht es womöglich bei diesem “Prozeß” (wenn man es wagen wollte, die Philosophie im Ganze als solchen zu benennen) gegen den Sophisten und seine von Schleiermacher Doxasophia oder Meinerei genannte “Wissenschaft” elementar um ein Verfahren, bei dem der Umgang mit dem Denken als Sprache und dieser als Verhexungs- und Bezauberungsmittel auf dem Spiel steht — ein Kampf gegen die Verhexungen der Sprache in Anlehnung an eine Formulierung Wittgensteins — eine Hypothese, der nachzugehen wäre. Dies vor dem Hintergrund, dass (gemäß einer Formulierung Alenka Zupancics), die Problematik klassischer philosophisch-metaphysischer „Konzepte“ nicht in diesen selbst gelegen ist, sondern vielmehr in den inhärenten Widersprüchen, die zu invisibilisieren sie aufgeboten werden.

Zueigen ist der Sophistik nicht nur eine Versportlichung der Intelligenz, sondern vor allem auch die Entfesslung eines Sprechens, um des Sprechens willen.

legein logou kharin (Metaphysics, IV, 1011b, 2)

Die Frage nach dem Sophisten wäre dann die Frage zuviel, die der Sophist in seinen ihn charakterisierenden ex tempore Improvisationen — darüber hinaus ein notorischer Übertreiber — im Ruf steht zu stellen. Die Frage nach dem Sophisten wäre eine sophistische Frage insofern als, wie Hegel — vielleicht prima vista der erste wohlwollende Beurteiler dieser verfemten Denker — es in seiner Geschichte der Philosophie darstellt, den Sophisten es eignete, die Sachverhalte zu einer Frage ihrer Beurteilung zu machen. Dabei jedem ein ebenso plausibles Für wie Wider, eine ebenso begründbare Ablehnung wie Affirmation zuschreibend eine Art entmythologisierender Proto-Dialektik entwickelnd.

Bad Other: Barbara Cassins “Sophistical Practice”.

Als einer der ersten “bösen Anderen” der europäischen Geistesgeschichte erweist sich nämlich nicht minder für Barbara Cassin “der Sophist” – Figur und Emblem – als jenes genuin schlechte Beispiel, an dem sich nicht zu orientieren, die Leitlinie war, auf welche die orthodoxe, kanonische Tradition ihre Adepten und Aspiranten stets eingeschworen hat. Sich abzuwenden gilt es mit entschiedener Distinktion von einer Verfahrensart und, mehr noch, einem Habitus und vielleicht Ethos des Denkens, dem Ethizität und Moral, wie sie fortan verstanden werden will, gerade abgeht: voller pseudos, d.h. Falschheit und Lüge ist sie und damit, durch und durch, echte Unauthentizität.

Dabei können “die Sophisten” — Protagoras von Abddera (vermutlich um 490 v. Chr.- um 411 v. Chr), Gorgias von Leontinoi (* zwischen 490 und 485 v. Chr. in Leontinoi; † zwischen 396 und 380 v. Chr.) als Hauptprotagonisten — nicht als Schule zusammengefasst werden, sofern sie miteinander auch untereinander im Wettstreit lagen. Doch ihre verbindenden Merkmale — extremer Relativismus, Phänomenalismus, Subjektivismus und eben Skeptizismus, was die Möglichkeit unfehlbarer Erkenntnis anlangt — stechen hervor und machen den Fundus dessen aus, was einem Hauptstrom der Tradition fortan als Verfehlung gelten wird.

Elenchos, Peitho, Agon

Der Elenchos, die Wiederlegung (besser noch: das zur Schande machen und Bloßstellen des anderen) im Agon, ist dabei ein Element, dass sich bis in die heutige Debattenkultur erhalten hat. Wucht und Drastik des deinos und der Deinotes, wie die Clevernes und Geschicklichkeit eines sophos genannt wurden, Bannkraft, magische Einflußnahme und Wirkkraft verdanken sich der peitho. Diese war, bevor sie als den Status einer Art von bezwingender Überzeugkraft annahm in der Mythologie Göttin der erotischen Überredung als Helferin der Aphrodite im Gefolge des Hermes.

This helps to demonstrate how the relationship between persuasion and love (or desire) was important in Greek culture.2

Man hat es folglich mit einer Chemie der Überzeugung zu tun, Logos entpuppt sich etwa bei Gorgias, den Thomas Buchheim hierin von Empedokles Mischungslehre beeinflußt sieht, als Droge und Pharmakon, dessen heil- oder unheilbringenden Wirkungen zu kennen, die Kompetenz der sophistischen Arzt-Apothekers ausmacht.

Platon, der vermutlich für jene despektierlichen Zuschreibungen, nach denen Sophisten als leere Oratoren und Rhetoriker, logodaidaloi (Phaidr. 2566e), verstanden werden, eine Mit- oder gar Hauptverantwortung trägt, mag in seiner die Philosophie als seriöse Praxis einer Wissenschaft auf den Weg bringenden, instaurierenden und institutionalisierenden Gründungsgeste – dem, was als kohäsionsstiftende Auschließungsbewegung beschrieben werden kann — den zu exkludierenden Gegner gleich miterfunden haben:

It is very likely that Plato coined the term rhêtorikê, just as he did eristikê, antilogikê, dialectikê, and probably sophistikê. This much has been known for years (Werner Pilz first commented on it in 1934),4 but no one has yet attempted to explore the possible implications. Why? Because Plato himself did not want us to and was clever enough to prevent us from doing so. He is so skillful that that the word, and the thing, seem to have been there long before Gorgias.

Ähnlich hatte schon Popper befunden:

Wenn wir uns ein Urteil über das Vorgehen Platons bilden wollen, so dürfen wir schließlich nicht vergessen, daß Platon gerne gegen Rhetorik und Sophisterei zu Felde zieht; und daß er es gewesen ist, der durch seine Angriffe auf die «Sophisten» diesem Wort seinen schlechten Beigeschmack gegeben hat. Wir haben daher, wie mir scheint, allen Grund, ihn selbst zu tadeln, wenn er an Stelle von Argumenten Rhetorik und Sophisterei verwendet.3

Hätte Platon aber wirklich ein solches Ressentiment eigenmächtig kreieren können, ohne dabei wenigsten an sich im Schwange befindliche Gemütslagen und gesellschaftliche Stereotype anzuknüpfen? Nach W. K. C. Guthrie waren die Sophisten, da aus der Provinz stammende Fremde, die als Wanderlehrer von Stadt zu Stadt zogen, in Athen, das sich für das Zentrum der hellinischen Kultur hielt, suspekte Gestalten. Sokrates, der selbst bisweilen für einen der ihren gehalten wurde (und wohl auch als ein solcher zum Tode verurteilt wurde), hielt deren Instruktionen in staatsbürgerlichem Verhalten, politischer arete (d.h. insbesondere der persuasiven Rede) auch deshalb für verwerflich, so zumindest Xenophon, weil der Verkauf der geistigen Fähigkeiten ihm der Prostitution gleichkam. Der Sophist als Hure…

Andere Vorsokratik

[…] wie wir Deutsche ohne die Aufklärungsperiode wohl schwerlich einen Kant hätten, so hätten die Griechen schwerlich einen Sokrates und eine sokratische Philosophie gehabt ohne die Sophistik. (Eduard Zeller)

Cassins Überlegung ist nun folgende: Wäre es nicht möglich, im Sophismus eine unterdrückte “andere Vor-Sokratik” freizulegen, die bisher weitgehend übersehen oder abgewertet und geringgeschätzt wurde? Man nehme etwa nur Gorgias Encomion und Abhandlung übers Nicht-Sein, darin eine beinahe dekonstruktive Behandlung parmenideischer Ontologie erkennbar wird, die jene Ontologie des eleatischen Monismus eines sich heldenhaft durchhaltenden to eon (darin, so Cassin, Homers Odysseus vergleichbar) mit einer Austin weit überbietenden Performativitätslehre beim Wort nimmt? Denn ausgegangen wird , da sich die Sophisten genauso als Erben der Poeten, wie der oder des besagten Vorsokratiker(S) betrachten — von der Lehre der “einfachen Dieselbigkeit von Gesprochenem und Seiendem” (Buchheim, S. 32). Sein wäre dann aber, machte man damit ernst, vor allem ein Sprachereignis.

Ontology taken literally means logololy, or in other words, if Parmenides, then Gorgias.

Eine Grundfunktion von Sprache neben dem Nennen, wenn nicht ihr “Wesen”, ist die Deixis, das Aufzeigen und -weisen. Dabei liegt die spezifische Sprachphilosophie der/des Sophisten gerade im charakteritischen Modus loquendi der epideixis: der typischen Redeweise des Sophisten. Sie ist Performance in jedem Sinne des Wortes, Vollzug und One-Man- Show-Darbietung: ein Mehr-Zeigen (Lobrede, Eloge, Encomion) als nötig wäre, ein overdoing, aber eben auch in gewisser Weise ein Zeigen dieses Zeigens selbst. Damit wesentlich ebenso eine A-Apodeixis, also Nicht-Demonstration (apodeixis), Negation der Demonstration, die als einzige legitime Weise des Zeigens, des von unten nach oben aufsteigende Beweises gilt. Deixis und Dike, semantisch verwandt werden hier derart einander gekoppelt, dass nur das lückenlos ermittelnde Beweisverfahren den Anspruch auf Richtig- und also auch Gerechtigkeit erheben darf.

Taucht die Epidexis bereits bei Platon mehrfach auf (Hippias Major 282c and 286a, Hippias Minor 363c, and Gorgias 447c) um die Redeweisen des Prodicos, Hippias und Gorgias zu bezeichnen, firmiert der génos epideiktikón, die feierliche Lobrede, neben Gerichts- und Parlamentsrede in Aristoteles Rhetorik als eine von drei Arten oder Gattungen (eide) des Redens.

Das Entscheidende am Sophistischen Reden liegt nach Cassin nicht in der Persuasion, der Überzeugung oder auch nur Überredung als solcher. Vielmehr schafft das Zeitigen von “realen” Effekten, seine Performance (als Vollzug aber auch Vorführung und Ausstellung), Wirklichkeit derart im Wortsinne: doing things with words. Sie will etwas in und durch Sprache geschehen und sich ereignen lassen. So geschieht es in Gorgias Lobrede auf Helena, die der überkommenen Verurteilung der im Wortsinne verfemten Helena — sie sei die Schuldigste von allen Frauen — eine Umdeutung zuteil werden lässt, die mit Sprache einen Sinneswandel bewirkt und die bislang Schuldige so darstehen lässt als sei sie vollends — ebenfalls aufgrund der Sprache und ihrer Unwiderstehlichkeit — unschuldig. Denn das Pharmakon des Logos hat sie zu ihren Taten gedrängt:

The Encomium of Helen, the model for and the paradigm of praise, is a praise to logos; it is a eulogy to the powers of logos:

Und Cassin zitiert Gorgias:

But if it was speech that persuaded her and deluded her mind, it is also not difficult to defend her from that accusation and to dispel the accusation thus: Speech is a powerful master, which by means of the smallest and most invisible body accomplishes most divine deeds. For it can put an end to fear, remove grief, instill joy, and increase pity.

Aristoteles und Platon

Aristoteles, der absolute Lehrmeister der Scholastik, auf dessen Autorität diese sich stets mit einem “Aristoteles dixit” absichernd berufen hatte, hat sowohl in seinen Sophistische Widerlegungen eine Abrechnung mit dem Dispositiv der Widerlegung vorgeführt, wie seinerseits darauf rekurrieren müssen. In der Widerlegung der Widerlegung konstituiert sich Philosophie als jener Hyper-Sophismus, der sie nicht sein will, amalgamiert sich mit dem Gegener und externalisiert diese Kontamination gleichzeitig pathisch.

Gamma

Cassin unterzieht Buch Gamma der Metaphysik — höchst problematisch in seiner domestikativen Ausschaltung von Homonymie, Äquivokation, Amphibolie der Sprache und damit einer gewissen Sprachlichkeit selbst — einer peniblen Lektüre, die die außerordentlichen Schwierigkeiten in der Art erkennen lässt, auf die sich Orthodoxie hier (letztlich ja mit gewissem Erfolg) herzustellen versucht, indem sie die Sprache auf Univozität festschreibend (und verkennend, dass Eindeutigkeit immer nur eine äquivoke sein kann) reguliert, symbolisch restringiert, bezähmt und einer Diskursethik des kommunikativen Handelns dienstbar macht (tatsächlich sind die Namen Apel und Habermas in diesem Kontext für Cassin wichtig, um ein gewissen strategisches Manöver deutlich zu machen.)

„[…] behauptete jemand, das Wort bezeichne unendlich Vieles, so wäre offenbar gar keine Rede möglich, denn nicht ein Bestimmtes bezeichnen ist dasselbe wie nichts bezeichnen; bezeichnen aber die Worte nichts, so ist die Möglichkeit der Unterredung mit anderen aufgehoben, in Wahrheit auch die Möglichkeit der Unterredung mit sich selbst. Denn man kann gar nichts denken, wenn man nicht ein Bestimmtes denkt.“ (1006 b 5-10)

Der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch wird dort, auf der Suche nach dem “sichersten” Prinzip, dem unwiderlegbaren Prinzip aller Prinzipien und onto-logische Nicht-Negierbarkeit als ein inviolate level eingezogen, das sich über einen zirkulären Prozeß begründet, den als petitio principii zu bezeichnen Aristoteles sich tunlichst hütet. Beweisbar kann der unwiderlegbare Satz nicht sein, da er doch  selbst Grundlage allen Beweisen sein soll. Aber Zirkelschluß darf er ebensowenig sein, insofern er sonst mit derjenigen Verfehlung in eins fiele, zu deren Verhinderung er gerade aufgeboten und eingesetzt wurde. Der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch darf (und in diesem “darf” ist immer schon eine Art moralische Verurteilung durchhörbar) kein Widerspruch sein, sonst wäre alles verloren. Er darf kein Widerspruch sein, selbst noch, wenn er ein Widerspruch wäre. Insofern muss zumindest seine Unbeweisbarkeit bewiesen werden. Dies kann nur indirekt geschehen, indem, über den sogenannten elenktischen Beweis

„eine Widerlegung, aber nicht ein eigentlicher Beweis“ (IV 4,1006 a 17)

ein Andere, mit dem Vorsatz, diesen Satz zu widerlegen, hinzutritt und etwas sagt. Überhaupt etwas sagt.

Dies alles mit der Absicht ein stabiles, nicht-widersprüchliches Sein zu wahren auf dessen Identität, sich versichern stets zurückgekommen werden kann. Sehr wohl mag ein Ding viele einander widersprüchliche Benennungen bekommen, es kann diese jedoch nicht sein, es sei denn in verschiedenen Hinsichten, die letztlich doch das Ein und Dasselbe nicht zersetzen.

„Aber das ist gar nicht der Fragepunkt, ob dasselbe Mensch und Nicht-Mensch heißen, sondern ob der Gegenstand beides zugleich sein kann.“ (IV 4, 1006 b 20-22)

„Die ganze aristotelische Philosophie fiele in sich zusammen, wenn ihr dieses Recht zur Unterscheidung von Hinsichten an ein- und demselben bestritten würde.“ (Buchheim, Die Vorsokratiker)

Platon

Bei Platon bereits wurde der Sophist, Cassin zufolge, auf allen entscheidenden Ebenen abgewertet. Ontologisch, insofern als er nicht mit dem Seienden, sondern mit dem Nichtseiendnen und Akzidentellen befasst ist. Logisch, weil er nicht nach Wahrheit und dialektischer Strenge strebt, sondern nur den rednerischen Zweikampf sucht, indem er Kohärenz und Persuasion bloß vortäuscht.
Politisch, ethisch, pädagogisch: ihm geht es nicht um Wahrheit und Tugend für den einzelnen und die Gemeinschaft (polis), sondern persönlichen Vorteil, Gewinn, Macht und Erfolg. Sogar sein Stil ist leer, bloße Gelehrsamkeitsimulation, enzyklopädische Leere. Kurzum: Pseudophilosophie.
Aber indem Philosophie den Sophisten als Anderen ihrerselbst definiert, wird sie zum Produkt seiner: Sie wird von ihrem Pappkameraden, der reinen Künstlichkeit und Unechtheit aus, sich selbst definieren müssen als sophistische Anti-Sophistik.

Novalis

Um den verdrängten Verschlingungen von Philosophie und dem von ihr konstitutiv exkludierten Sophismus, der sich als ein Platzhalter für die zum Logos uneindeutbare Sprache erkennen lässt — sie muss ihr als ein Exzess von Dogma und Doxa vorkommen — , Rechnung zu tragen, rekurriert Cassin in Zusammenhang mit ihrem Versuch einen „konsistenten Relativismus“ zu entwickeln, auf ein “Konzept” des Novalis. Es ginge, so ihr Vorschlag, um eine Logologie, die des Philosophistieren mächtig ist und somit eine dem Psychoanalytiker mögliche, von Freud und Lacan neuerschlossene sophistische Sprache — die Explorationen der Sophistikation äquivoker Univozität nämlich, als welche Sprache selbst auftritt — dem aristotelischen Diskurs öffnet:

It is up to us, in particular, to decipher the ambiguous status of psychoanalysis in light of this teaching—this speech which one pays for, this pharmakon which is bought and sold, just as the sophists were reproached for. For it is obvious that Freud, then Lacan, occupy the site that Aristotle assigned to the recalcitrant sophists, the site of the signifier. Yet there is a crucial difference that changes everything: they occupy this site as Aristotelians. Thanks to psychoanalysis, even drivel and homonymy fall into the embrace of meaning. Freud’s definition of a “pun” (one of whose categories, let us not forget, is the “sophism”) as “sense within non-sense” stands as sufficient witness that speaking for one’s pleasure or, as Lacan puts it, “speaking to no end” or, more literally, “speaking at a loss” (parler en pure perte) is today a sophistical activity that has been embraced or taken over by Aristotelianism.

Une langue, entre autres, n’est rien de plus que l’intégrale des équivoques que son histoire y a laissé subsister. (Lacan)

Tillmann Reik

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Zusätzlich verwendet: A History of Greek Philosophy, Volume 3, Part 1: The Sophists author(s) W. K. C. Guthrie

1 Im Philebos (38e-39e) darüber hinaus, wo die Seele mit einem Buch verglichen wird, zeigt sich denn auch der Makel: In der Abgeschlossenheit geschriebenen Dialogs erstarrt das Gespräch nach platonischer Vorstellung leicht zu jener Totenstarre, die der Schrift toto coelo zugesprochen wird.

3 Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Band 1, Der Zauber Platons, S.603

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