Marcus Steinweg: Inkonsistenzen/Evidenzterror

τραῦμα. Die Autoaggressivität des Denkens. Überlegungen zum Schreiben Marcus Steinwegs

Philosophie „die unheilbare Irrfahrt“ (Lacan)

„Diese Dominanz des philosophischen Logos verdankt sich … seinem Vermögen, alles Andere in die Ökonomie des Gleichen zurückzuführen.“ (Luce Irigaray)

I.

»Er bebte vor Gewalt […].«

Primum non nocere, secundum cavere, tertium sanare. Dem fraglos wohlmeinenden hippokratischen Grundsatz, erstens nicht zu schaden, zweitens vorsichtig zu verfahren, drittens zu heilen war medizingeschichtlich von alters her beschieden, unliebsame aporetische Konsequenzen nach sich zu ziehen. Hinsichtlich des Erfordernis´ von Zurückhaltung des Handelns zwar Plausibilität für sich zu verbuchen, doch genauso, im lebenspraktischen Vollzug, vor Paradoxien zu stellen, deren man sich nicht eben leicht – und wenn nur mittels eskamotierender Invisibilisierung[1] – entledigen kann. „Wie nicht schaden?“, lautet die das „Was tun?“ heimsuchende traumatische Kernfrage praktischer Vernunft (oder „Wie tun, um die dem Tun eigene Schädlichkeit zu minimieren?“), da unabweisbar ersichtlich ist, dass schlichtes Nichtstun keines mehr ist, im Sinne unterlassener Hilfeleistung sich apriori eine Schadenszufügung zu Schulden kommen lässt; jede Verwicklung in Interaktionsverhältnisse von Beginn an notwendig nicht umhin kommt, der Gefahr einer gewissen Schädlichkeit der eigenen Taten ausgesetzt zu sein. Taten, die, sobald handeln schuldigwerden heißt, egal, wie und was getan wird, und wie es am Ende ausgeht, nie einfach nur, rein und unverschmischt, werden „gut“ gewesen sein können?[2]

Es gibt aus der Verstricktheit keinen Ausweg/il n’y a pas de hors-texte

Jegliche Einlassung auf den Anderen, selbst und gerade jene mit der therapeutischen Absicht, mag sie sich in anderen Kontexten auch als hehre pädagodisch-didaktische präsentieren, diesen zu bessern und vom Übel zu kurieren (maximal-/minimalinvasive Chirurgie bietet dafür nur den einschneidensten Beleg), muss sich eingestehen, aufgrund übergriffiger Eindringlichkeit stets schon als gewaltsame Körperverletzung gelten zu können; was in juristischer Hinsicht auch heute noch – und angesichts der Proliferation apparativer Interventionsmöglichkeiten mehr denn je – der Fall ist. Jedes Heilversprechen ist Gewaltdrohung; als Drohung kommender Gewalt bereits, hier und jetzt, Gewalt. Im Anfang war die Gewalt als apriorische Aporie. Juristische Absicherungsmechanismen, etwa im medizinischen Bereich, haben deshalb den seltsam masochistischen Gedanken der rechtfertigenden Einwilligung in die Verletzungshandlung in ihren Vertrag aufgenommen, der die Strafbarkeit ausschließt, obwohl der objektive Tatbestand – die Verletzung – und auch der subjektive Tatbestand – Wollen und Willen der Tathandlung – vorliegen. Doch ein manifestes Problem bleibt weiterhin hartnäckig bestehen: das der Feststellungsfähigkeit eines solchen Willens, der die Einwilligung abgeben soll.[3]

Dem Leiter der Gießener Universitätsbibliothek kam, sicher im Zuge ähnlicher Erwägungen der Intrikationen solcher Zusammenhänge, der Gedanke, besagtem Paradox und seiner Dialektik – die im klassischen Sinne keine mehr ist, da zwar sehr wohl Verletzung ohne Heil, aber keineswegs Heil ohne Verletzung sich denken lässt – jene prägnante sprachliche Prägung zu verleihen, die seit dem Jahr 1907 über dem Hauptportal des dortigen Chirurgie-Gebäudes zu lesen ist: VULNERANDO SANAMUS: Indem wir verwunden, heilen wir. Unerwähnt und verdrängt bleibt nach der gängigen Lesart, welche die Inkaufnahme von Kollateralschäden, einem alles wiedergutmachenden höheren Zweck zuliebe darin erkennt, einzig das vice versa: ein Heil, das sich durch Verwundung herstellt, kratzt sich selbst an. Und schreibt eine irreduzible Kaputtheit in sein dadurch nicht restitutitves, sondern allenfalls reparatives Konzept von Unversehrtheit ein. Die Umkehrung Sanando vulneramus gilt somit nicht minder, insofern reparatio im Gegensatz zur restitutio eine Defektheilung bezeichnet, bei der eine Narbe oder Funktionseinschränkung zurückbleibt und damit den Geheilten unweigerlich als Beschädigten “zeichnet”: mit dem Mal der Selbst-Separation durchs Fremde, Andere, das einschneidend-trennend je schon dazwischen gegangen ist. Gewalt, das heißt mithin: strukturelle, öffnende Entaneignung und damit bahnende Differenzierung scheint unhintergehbar, und diese vorgängige Dimension wäre von aller (nichtsdestoweniger nötigen) moralischen Verdammung ihrer Grausamkeiten und Brutalitäten (die den Knoten zerschneiden, statt ihn mit Geduld aufzudröseln, die Schraube mit einer Zange herausreißen, statt sie mit dem geeigneten Schraubenzieher zu drehen) vorab in Rechnung zu stellen.

In der Grammatologie heißt die arché-trace auch arché-violence. Das ist die différance als Gewalt der Unterbrechung. Sie markiert die Unmöglichkeit reiner Selbstaffektion oder Selbstpräsenz oder Selbstidentität als Selbstaffektion, Selbstpräsenz und Selbstidentität. Eine Art strukturaler Gewalt oder Differenz arbeitet in sämtlichen Selbstsystemen. Sie verhindert ihre narzisstische Schließung, weshalb sie die Merkmale einer Öffnung annimmt, die ins Verschlossene (in Heideggers Entzug/Verbergung oder λήθη) reicht. (Inkonsistenzen, S.22)

Derrida faßt die unopponierbare Dimension primordialer Gewalt in einer Antwort an Gianni Vattimo wie folgt:

First, I am not sure that violence is an evil, and I would prefer to oppose various sorts of violence to one another rather than opposing violence to non-violence. […] Listening to you, I was thinking about the distinction not only between different forms of violence according to the regions of discourse or of experience, but also between violence and brutality. The violence you spoke about, be it the dressage of animals or the very refined forms of symbolic violence in the philosophical community, for me is always the same: it is highly differentiated, but at bottom violence is irreducible, there is always dressage, Zucht und Züchtung. Even in the argumentation that shows the greatest respect for others there is a certain way of imprinting habits that preserves violence – a violence that cannot and must not be reduced, because otherwise there would be no more culture.“ Um sodann zwischen Gewalt und Brutalität zu unterscheiden: „Brutality is not only an unrefined violence, it is a bad violence, impoverishing, repetitive, mechanical, that does not open the future, does not leave room for the other. And it is clear that brutality also has an aesthetic connotation, even if I do not wish to give the aesthetic dimension final jurisdiction here. Nevertheless, it’s true that brutality reduces to the amorphous, impoverishes form, leads to a loss of differentiation. Perhaps this is all a slightly Apollonian manner of defending against orgiastic, or Dionysian, violence, which can play on the formless, the amorphous, fusion, but if difference is violence and violence is differentiating, brutality homogenizes and effaces singularity.“ (Derrida/Ferraris: A Taste for the Secret, p. 90-92)

II.

Sollte sich das Gesagte auf eine écriture und ihre Inzisionen übertragen lassen, als welche Denken sich, somit in alter Tradition ärztlich, aber nicht länger therapeutisch begreifen lässt, dann vielleicht so und in Hinblick auf Marcus Steinwegs neuerschienene beiden Bücher, die augenscheinlich fast in der Weise chirurgischer Operationen dazwischengehen und eingreifen: zuallererst sich selbst zerschneiden die Gedankensplitter und damit einhergehend das Phantasma einer heilen, gerundeten Intaktheit. Gleichzeitig aber eine andere Unversehrtheit aufscheinen lassen, die im Zurgeltungkommen der Differenz liegt, achtsam und verhalten bewahrt und verteidigt zu werden verdient.

Es ist nicht allein die unwiderlegbare Präzision des Tentativen, das, flüchtig, ohne Anspruch auf Gründlichkeit im Sinne des Soliden, Hieb- und Stichfesten, Oberflächen touchiert, um ihrer und der eigenen flaumhaarbedeckten Poren gewahr zu werden, die den Gestus von Steinwegs Denkbewegung auszeichnet. Seine fragmentartigen “Notizen, Bemerkungen, Aphorismen, Maximen und Kurztexte”[4] zeugen vielmehr von Operationen, die perfor(m)ativ eingreifen und -schneiden wollen in die sogenannte (und im Nennen schon perspektivisch zersplitterte) Realität einer Welt, die selbst aus nichts anderem besteht als dem Scheiden und Schneiden, den Ent-Sch(n)eidungen differenzieller Markierungen und Malen und deren löchrigem, durchlückten, zernarbtem oder von offenen Wunden entstellten Gewebe. Verwundung und Kaputtheit, der keine Heilheit und Ganzheit voraus gegangen ist. Sie ließe sich auch als ein in sich inkonsistenter Zusammenhalt dessen verstehen, was “wesentlich” nicht zusammenhält (und wesentlich darum kein Wesen hat), weil seine Kohärenz einzig im abschiedlichen Auseinander-, im Zer-fall besteht, bezogen auf eine Mitte als klaffende Divergenz. In diese inkonsistente Immanenzebene der Wirklichkeit verwickelt, also Teil von ihr, kann jeder einzelne Gedanke sich selbst nicht, sich bei sich beruhigend, intakt lassen, steht unter Zwang sich, wie nach dem Krankheitsbilds eines generalisiertes Borderlinesyndroms (namens Schrift), selbstverletzend anzuritzen, wie das englische to write – kritzeln zum gewaltsamen reißen und ritzen auslegend – es anklingen lässt; schon um jene Öffnung zu erwirken, mit deren Hilfe sich der Logos tomologisch im Medium der Schrift für sein Anderes freimacht, sich aussetzt und rückhaltlos preisgibt. Verstrickt ins Schneiden:

“Es gibt kein Denken jenseits einer gewissen Auto-Aggression.”

„Der Logos ist Offensein für das Chaos. Das Logossubjekt ist nur bei sich, indem es außer sich ist. Sein Wahnsinn und Hyperbolismus: dass es nur als Selbstverletzung existiert.” (Inkonsistenzen, Konsens, S.101)

““Souverän sein, heißt nicht unverletzbar oder unangreifbar zu sein. Souverän ist, wer der Versuchung zur Eingeschnapptheit bei faktischer Verletztheit widersteht.” (Evidenzterror, Kränkung, S.75)

Worin bestünde ein solcher Widerstand, der hier als Desiderat des denkerischen Habitus selbst aufscheint, wenn Eingeschnapptsein, Beleidigtsein, Gekränktsein, etwas krumm und übel nehmen und nachtragen wesentlich darauf hinaus läuft, auf unabsehbare Zeit nicht verzeihen zu können oder wollen? Hauptsächlich vielleicht doch im Verzicht auf das Bedürfnis nach Rache, Absehen und -stehen vom Anspruch auf Vergeltung, Revanche, Wiedergutmachung des erlittenen Unrechts. In der Aufgabe des Phantasmas finaler Entschädigung und – schuldigung. Ist der Logos (als logon didonai und reddere rationem) nicht aber mit diesem inbrünstig grollenden Wiedergutmachungswunsch untrennbar verknüpft? Ließe sich Denken als begehrende und mit-teilende Lese/Schreib-Praxis (und nicht mehr Gespräch der (schönen) Seele mit sich selbst, wie noch bei Hannah Arendt: soliloquy als innerer Dialog) mit einer solchen Ver-Gebung, Ver-Zeihung, eben Ver-Söhnung (der Verzicht auf Sühne, auf welche noch für Adorno alles bezogen bleiben musste) zusammendenken, zuletzt noch als Verzicht aufs Bezichtigen und Zeihen selbst sich vollziehen? Das erfordert, und Steinweg weist diesen Weg, allem Ressentimentalen, Reaktiven, Revanchistischen, das Nietzsche und Deleuze etwa schon in Sokrates, der Gründungsfigur abendländischer Philosophie als Metaphysik ausmachen konnten, abzuschwören und zu einem responsiven, responsiblen und affirmativen Duktus zu finden, der mit dem absegnenden Gutheißen bestehender Verhältnisse, deren manifest spaßgesellschaftlichen Züge ja von einer latenten Griesgrämigkeit nicht zu trennen sind, nichts zu schaffen hat.

III.

Von hieraus führt immerhin ein Weg zu jener umfangreicheren Diagnose, deren Konsequenzen durchzuarbeiten nicht nur die exzentrische Mitte von Steinwegs Denken ausmacht, sondern den gewaltigen Mythos vom Logos des Abendlandes – d.h. des Abendlandes selbst, insofern sich als Logos in sich selbst zu sammeln versucht – im Ganzen betrifft. Die beiden von Freud zunächst in ihrer Relevanz individualpsychologisch reduzierten, später metapsychologisch und kulturtheoretisch ausgeweiteten Leit-Figuren Ödipus und Narziß weisen auf eine gleichsam transzendentale Verletzung (in der Form einer nach Wiedergutmachung lechzenden Kränkung, nach Wiederaneignung strebenden Expropriation) im Herzen der Finsternis Europas, die sich ebenso im Zorn Achills wie in Odysseus Irrfahrt ausgeprägt findet. Insofern beide Figuren, die dem Schmerz des Getrenntseins gleichsam Gestalt verleihen ihrerseits untrennbar zusammengehören, sticht neben dem Problemkomplex des Narzißmus unterschwellig auch der des Ödipuskomplex heraus als jenes, woran Steinweg sich abzuarbeiten scheint. Vielleicht weil hier jener – immer auch erotisch-brünstig gefärbte – Ingrimm der rachsüchtigen Wiedermachungsphantasmas eines in Fülle und Selbstpräsenz sich bei sich versammelnwollenden, aber je schon zerstreuten und außer-sich-seienden Geistes am deutlichsten konfrontiert wird mit dem, was er abwehrt: das Loch, die Lücke, den Riß, den Schnitt, der für immer auseinanderhält und widerspruchslose Selbstpräsenz sowohl des Subjekt als auch des Seins verunmöglicht. Sowohl der Titel Inkonsistenz – meist als die Widersprüchlichkeit zweier (!) Unvereinbarkeiten gedeutet, besser jedoch als die Disparatheit einer Zusammenhanglosigkeit, eines Unzusammen gefasst – als auch Evidenzterror – die Tyranei dessen, was sich, da nun einmal Fakt, von selbst verstehen soll – bezeichnet somit einander ergänzende Sachverhalte (der eine affirmativ, der andere diagnostisch-kritisch), die zu jenem sich selbst bestätigenden, letztlich lethal verlaufenden, strukturellen Ödipo-Narzißmus in intimen Bezug stehen.

IV.

Dass „echte“ Gedanken nicht argumentativ entwickelt werden dürfen, ist eine Behauptung, so unwiderlegbar wie unendlich begründungsbedürftig. Dass sie vielmehr sich in einer von trotzigem Beharren und Rechthabenwollen oft kaum merklich abweichenden Weise repetieren, durch diskrete Insistenz sodann imponieren und einen dennoch merklichen, fühlbaren Unterschied machen, hatte Blanchot zunächst wirklich bloß behauptet. Dann doch, zum Beweis, dass jedes ernstzunehmende Denken mit dem Axiom, auf das es baut brechen muss – d.h. zum Beweis, dass es ums Beweisen nicht gehen kann, eher ums Bezeugen – , in einem seiner unendlichen Gespräche des Bandes L’Entretien infini, Polylog von mindestens zwei Interlokutoren, expliziert.

Marcus Steinwegs Bücher, deren Seiten, wie zur Illustration ihres Autornamens, von opaken Blöcken in sich geschlossenen, doch fragmentarischen Texts monolithisch zerlückt, skandiert und rhythmisiert werden, exemplifizieren das. Sie sind, in ihrem Gestus und Duktus (besser noch: Skriptus), vom reißenden Furor und Raptus insistenten Behauptens, ohne Absicherung durch die Syllogismen lückenloser Beweisführung, gespeist. Mit Hegelianismus in Adornoscher materialistischer Radikalisierung hat sein Verfahren, neben der deutlichen Beeinflußung von einer Lacan und Deleuze gemeinsamen Anti-Dialektik, gemein, dass es sich beständig bestätigt darin, Denken dürfe die Beschwichtigung seiner ihm genuinen Unruhe nicht zulassen, könne einzig im gegen sich selbst, im Außer-Sich-Sein zu sich selbst kommen. In dieser Beunruhigung wiegt es sich in einer Trance, die nichtsdestoweniger rauschhaft anmutet und dem mystischen immanem quietem des Dionysius ähnelt, das Diego mit “wilde, ungestüme Ruhe” übersetzt und von Derrida in seinem Text über Michel Certeaus Mystische Fabel (“Vielzahl Ja”) aufgriffen wird. Inwiefern sich überbordende Auto-Adversarität (in manchen Zügen ihrer Autoaggressivität dem selbstverletzenden Verhalten einer Borderline-Störung des Denkens ähnelnd; adversarius ist zudem jener zersetzende diabolos, Teufel, dem der Zweifel namentlich verwandt ist), diese sich bekräftigende polemische Gegnerschaft des Denkens (und der nicht aufhörenden Anfänglichkeit, das es ist, Jakob Böhmes Gewalt und Rasen, Qual und Quellen des Ursprungs) gegen sich selbst aus einer mithilfe schreibenden Ritzens die Öffnung herbeisehnenden Affirmation speist, legt sich, weniger sukzessive, denn ex abrupto, frei, sprengt sich, durchaus mit einem der Materie seiner Stoffe inhärentem Groll, heraus. Jenes Gegen-Sein (und noch gegens Gegensein sein) setzt die Vorgängkeit und stille Begleitung eines Für und Vor bereits voraus (ist ein Fürsgegensein), das wie ein unstillbares Begehren dazu antreibt, weiter hinein ins Offene zu gelangen, im Zuge einer “Öffung auf Verschließung” (S.35). Im sich selbst opponierenden Gegen, das an sich als dem Widersprochenen duellartig festhängen würde, ist es immerschon dafür, auf ein Für hinzuführen. Seine Aggression ist ein gradus ad, Schritt auf etwas zu, ent-gegen:

FÜR STATT GEGEN

So, wie die Philosophie nicht Philosophie über ist, ist sie nicht Philosophie gegen. Immer geht es in der Philosophie um die Überschreitung des Über und des Gegen auf ein Für hin. Immer geht es darum, für die Unbestimmtheit dessen zu denken, was (noch) nicht existiert: »Kein Buch gegen etwas, was dies auch immer sei, hat jemals Bedeutung; es zählen allein die Bücher ›für‹ etwas Neues, und die Bücher, die es zu produzieren wissen.« (Inkonsistenzen, S.54. Das Zitat stammt von Gilles Deleuze, Woran erkennt man den Strukturalismus?, Berlin 1992, S. 60.)

Ob dann die Funktion der Philosophie noch darin liegen kann, “der Dummheit Schaden zu tun”, wie es der Aphorismus Samurai (Inkonsistenzen, S.21) mit einem auf Foucault gemünzten Zitat von Deleuze behauptet? Womöglich doch nur insofern, als Philosophie jenen als professionalisierter metaphysischer Herrschaftsdiskurs selbst zweifelhaft gewordenen Apparat bezeichnet, der einst angetreten war mit dem Anspruch, Dummheit wie Sophistik externalisierend von sich zu weisen und kategorisch zum ausgemachten Gegner seines Feldzugs zu erklären. Dabei aber unweigerlich den Effekten von Kontamination mit und Heimsuchung durchs Verfemte anheim fiel, auf die sie nur mit Verdrängung zu antworten weiß. Denken allerdings (in Abwesenheit eines treffenderen Namens) könnte jenen auf ein tranzendental stupides Nicht-Denken in ihm bezogenen Überschuß bezeichnen, der in und neben ihr stets dessen gewahr zu werden versuchte, was jene verfehlen muss. Philosophie denkt, insofern sie Philosophie, d.h. Wissenschaft ist, die sich mit eingeschliffenen Prozederes der lückenlosen logischen Beweisführung begründend-begründeter Begründungen gegenüber ihren Abgründen absichern muss, nicht. Marcus Steinwegs Wegmarken, minoritäre Literatur der Fragmente, Splitter, Notizen und Denkbilder deshalb dieser zuzurechnen, täte ihnen Unrecht. Denken, das dafür ist, gegen sich selbst zu denken (und damit dafür, für etwas Anderes zu sein, weil es sich selbst als ein stetes Noch-Nicht-Denken für das Bedenklichste hält), d.h. sich traut im unversöhnten Widerspruch, der Aporie und dem Double-Bind (als dem unmöglich aushaltbaren) auszuharren, unterbricht sich unaufhaltsam und setzt, gegen sich selbst resistent, neu an, um sich in weiterem Anlauf zu ent-gegnen. Was bisher (und die dialektische, spekulative Philosophie ist vielleicht so alt wie das Abendland selbst) als Negation gedacht wurde, nunmehr als ereignishafte Unterbrechungen und Zerlückungen einer Kraft und Gewalt zu betrachten, deren Mächtigkeit sich allein aus einer rückhaltlosen Bejahung speist, macht Steinwegs Schreiben (welches sich — dies wäre das aller Philosophie bereits eingeschriebene Gegenparadigma, durch das sie sich ausschreibt — immer wieder einschlägig obsessiv auf die écriture Duras bezieht) gleichsam körperlich erfahrbar.

Tillmann Reik

Verlagsinformationen zu Inkonsistenzen und Evidenzterror.

Link zur amerikanischen Ausgabe Terror of Evidence (erscheint February 2017).

[1] als welche größtenteils jenes, was Marcus Steinweg als “aktives Nicht-Denken” bezeichnet, sich in Szene setzen wird. Ob für den Lebensvollzug nicht dennoch unerlässlich, bliebe mit in die Überlegung hinzunehmen.

[2] vielleicht auch deshalb, weil die reine und unvermischte Gutheit in der (Selbst)Affirmation eines Differentierungsgeschehens des Scheidens und Trennens bestehen könnte: Wenn Gott im ersten Anfang der Genesis (Moses 1,1ff) – und also vor dem die Unterscheidung von gut/böse überhaupt erst ermöglichendem Sündenfall – seine als Schöpfung bekannt gewordene Scheidungsoperation nach jedem der sechs Teilschritte (Tage) selbst absegnet, es damit gut sein und sie in Ruhe lässt (“Und Gott sah, dass es gut war./Vidit Deus quod esset bonum”), gilt diese das bonum konstatierte Gegenzeichnung der Differenz als solcher, wie sie noch von der Unterscheidung gut/böse vorausgesetzt wird.

[3] “Eine Operation erfüllt nach der geltenden Rechtslage in Deutschland den Straftatbestand der Körperverletzung.[2] Sie ist also nur rechtmäßig, wenn zugleich ein Rechtfertigungsgrund vorliegt. Im Normalfall besteht ein solcher in der Einwilligung des Patienten, nachdem dieser über den geplanten Eingriff aufgeklärt worden ist. Um das Risiko einer Strafbarkeit zu vermeiden, wird die erfolgte Aufklärung und die Einwilligung des Patienten üblicherweise mit einer Einverständniserklärung dokumentiert. Spätere Rechtsstreitigkeiten bezüglich eines Operationsfehlers benutzen diesen Umstand gerne, indem die ausführliche Aufklärung angezweifelt wird. Im Falle einer fehlerhaften Aufklärung des Patienten kommt es zu einer Beweislastumkehr zuungunsten des behandelnden Arztes.” (https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_%28Medizin%29)

[4] So die Gattungsbezeichnungen aus der Verlagswerbung zu “Evidenzterror”.

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