Francis Ponge: Im Namen der Dinge

Littrératur de la gnature: Worte wie Kiesel

“Sans doute ne suis-je pas très intelligent: en tout cas les idées ne sont pas mon fort.”

Die Sache ist der Rede (nicht) wert

Im Ausdruck “Verdinglichung” und seiner pejorativ konnotierten Verwendung als Rejektionswert — mag dessen expliziter Gebrauch auch innerhalb der marxistisch-materialistischen Terminologie, das markiert die hier entscheidende Ambivalenz, aufs Zur-fetischisierten-Ware-Werden der lebendigen Arbeit abzielen und damit gerade wieder in einem übersinnlich-mystischen Aspekt, dem Kapital-Geist, das widerständige Problem, den Stein des Anstosses verorten — bezeugt sich eine Axiomatik, der zufolge “das Ding” als ein Totes, Träges, Undurchdringliches herabgestuft und dem ganz bei sich seienden, unverstellten Leben in seiner Fülle (am Vorbildlichsten dem der Menschen und ihrer gestaltbaren Beziehungen), als Gegenstand oder Objekt, in einfacher Negation konterkariert wird. Man muss gewissermaßen bereits schlecht übers Ding denken, geringschätzig, das Ding als dumm, stumm und von stupidem Stupor bestimmt begreifen, bloßes Mittel zu einem Zweck,

Nam stupiditas rei est, sapientia vero menti primae. (Tommaso Campanella, De sensu rerum)

um in “Verdinglichung” die Entfremdung zu sehen, den beklagenswerten atomisierenden Verfall in organische Bindungen zersetzende Unvertrautheit — das zu Tote oder zu wenig Tote, das zu Untote — als welcher der Begriff “Verdinglichung”– vom verdinglichenden Begriff des Dings ausgehend — es, das Ding, hinstellen möchte. Man muss denken, Dinge seien, de jure und de facto, nichts als Dinge, sie seien Nichtigkeiten, wenn nicht gar Nichtse: no-things. So entstammt das Französische rien dem lateinischen Wort für Sache, res (Streitfall und Angelegenheit, zu deren Verhandlung man sich versammelt [1]), und schreibt derart das Nichts ins Etwas ein und umgekehrt das Nichtseiende ins Seiende. Das Ding, ein Gering, beinah (k)eins: immer bereits verqueres Unding.

La graine est le joyau spécifique, c’est la chose, le rien.
La graine qui n’a l’air de rien est — en effet — la chose.
(La rage de l’expression)

Tatsächlich ist es — das Es, das Das, das Ding — dadurch nicht nur es selbst, sondern als es selbst gerade es selbst nicht und konstituiert sich in diesem Widerspruch zur opaken, kompakten, tangiblen, extensiven Resistenz: Res-Sistenz. Es verdichtet sich der tastend Ruhe und Halt des Grundes suchenden sinnlichen Gewissheit zur haptischen Unmittelbarkeit gerade durch eine aufspannende Öffnung, einen aporetischen Abgrund, der es das, was es ist nur sein lässt, weil es das, was es ist, nicht (nur, noch nicht und schon nicht mehr) ist. Das gedachte Ding, immer bereits in Gestalt eines Undings, erweist sich als wesentlich mit sich selbst uneins; nicht nur wird über die Streitsache, res, causa, trefflich gestritten, — geschichtlich überwiegt die Uneinigkeit, ob sie das schlechthin Strittige oder das ganz und gar Unstrittige sei — sie (be)streitet sich selbst; von ihr geht der Streit aus, das obiectum (nach Lessingsübersetzung Gegenwurf, in Ponges Transkription objeu) ist die versammelte Spanne eines Zeit-Spiel-Raums:

Ding n. ‘germanische Volks- und Gerichtsversammlung, Sache, Gegenstand, Angelegenheit’, ahd. thing (8. Jh.), mhd. dinc, asächs. thing, mnd. mnl. dinc, nl. ding, aengl. þing, engl. thing, anord. þing, schwed. ting und (im grammatischen Wechsel) got. þeihs ‘Zeit’ gehen zurück auf die zur Wurzel ie. *ten- ‘dehnen, ziehen, spannen’ gehörende Gutturalerweiterung ie. *tenk- ‘ziehen, dehnen, spannen, Zeitspanne’. Zur gleichen Wurzel stellen sich lat. tempus ‘Zeitabschnitt, Zeit’ und air. tan ‘Zeit’.(DWDS)

Andererseits gilt daher das Ding, konträr zur besagten Geringschätzigkeit, eben weil es dieses enigmatische Artefakt scheinbar absolut mit sich identischer Selb-Ständigkeit, frei von allem Streben und quälender Unruhe, darstellt — eine Ruhe und Selbstidentität, auf die alles Streben wohl letztlich aus ist [2] — als Inbegriff des zu ergründenden Rebus von phänomenaler Präsenz überhaupt, der exzeptionelle Gegenstand als Präsentation dieser Präsenz mitunter Gegenstand kultischer Verehrung, sakrale Manifestation, die fetischisiert wird. Des traumatisch-thaumatischen “ti esti?” präziser gefasste Version findet sich dann im Che vuoi?: Was will diese singuläre Alterität und selbstgenügsame, alles andere ausschließende Ganzheit von mir, welches “Du musst” richtet die sich instantan transgredierende Gesetzestafel, die es ist, auf.

Wirklichkeit, Realität, nach Bachelard an einen Widrigkeitskoeffizienten (coefficient d’adversité) geknüpft, ist diesem Verständnis nach mithin gar nichts anderes als “die Welt der (so verstandenen) Dinge”, Widerständigkeiten gegen Widerständigkeiten vertrauter Unheimlichkeiten.

Die Dinge sind der Rede nicht wert, welche doch von nichts anderem als ihnen sprechen kann.

Nun nämlich gerät das Verhältnis zwischen Worten und Dingen, les mots et les choses, durch einen Sachverhalt durcheinander, zugleich einfacher und komplizierter, der darin besteht, dass Worte wie Lettern und Staben eben auch Dinge, Sagen auch Sachen, worlds words, sind. Zudem res extensa und res cogitans im schriftlich ausgedehnten Denkding und Wortort übereinkommen.

PARTI PRIS DES CHOSES égale COMPTE TENU DES MOTS. (My Creative Method)

Über Dinge gibt es Dinge zu sagen, indem Worte auf andere Worte referenzieren, res gestae:

Es gibt noch andere Dinge von den Schnecken zu berichten. / Il y a autre chose à dire des escargots.

Mögen die Dinge, oder das gesamte Königreich ihres Waltens: Natura als Dingwelt, auch — Res ipsa loquitur — selbstredend sein, sich nicht-signifikativ freimütig exprimieren,

Et ainsi, en un sens, pourrait-on dire que la nature entière, y compris les hommes, n’est qu’une écriture ; mais une écriture d’un certain genre ; une écriture non significative, du fait qu’elle ne se réfère à aucun système de signification ; qu’il s’agit d’un univers indéfini : à proprement parler immense, sans mesures. (Ponge, Lyres)

ihnen, den Stummen, advokatorisch eine Stimme verleihen, für sie Partei ergreifen, an ihrer Sphäre teilnehmen und, für sie willentlich voreingenommen, ihr Partisan sein ist nötig und wohl unvermeidlich, sofern der Sprecher zum Schreiber geworden in Charakterisierung der spezifischen Ständigkeit und Stellungnahme (parti pris) des Gegenstands, der Art wie er sich “hält”, nicht nur Habitus, sondern Ethos, auch seine eigene Stellung oder Lage stets mitthematisiert. Die sich signierende Natur — Sig-Natur, Sic!-Natur oder einfach Gnatur — bedarf der beglaubigenden Gegenzeichnung:

Car la Nature, contrairement aux apparences, a besoin d’être approuvee. Elle a besoin que je signe d’un oui, vu, vecu, lu et approuve, que je redouble son affirmation de la mienne, que je l’approuve et la prouve en lui donnant raison. Le double et réciproque signe de reconnaissance sans dette : di-simul des signatures. Ma signature doit approuver et faire preuve. Anneau nuptial de l’affirmation redoublee, voila le sceau — oui, oui — non pas du surhomme de Zarathoustra mais de l’homme resolu a la Ponge. / For Nature, contrary to appearances, is in need of approval. It needs me to sign with a yes, seen, lived, read, and approved, to redouble its affirmation with my own, to approve it and prove it by declaring it in the right. The double, reciprocal sign of recognition without debt: the di-simul of signatures. My signature ought to approve and give proof A wedding ring of redoubled affirmation, such is the seal—yes, yes—not of the superman of Zarathustra but of the resolute man in the style of Ponge. (Derrida, Signéponge)

Es geht, frank heraus, um die emanzpierende Befreiung der Dinge (ein „frei machendes“ Frankieren liest man im Francis), zu denen auch die Tiere, und damit genauso der Mensch, zählen, aus der Indienstnahme durch eine zurichtende teleologische Funktionalität und vielleicht der Zuhandenheit einer Zeughaftigkeit, um, in einer weiteren, nach-kantischen Wendung, die Sicht umkehrend, von ihnen — Seife, Kieselstein, Mollusken, Aprikosen, Waschkessel, Zigaretten et al. — ausgehend, verschieden vom auta ta pragmata Platons oder der phänomenologische Methode Husserls, mit der irreführend oft verglichen wurde, (lesen, leben und also schreiben) zu lernen.

Nicht wie Kant an die „Natur“ sich zu wenden, um über sie im nötigenden Zeugenverhör zu Gericht zu sitzen,

um von ihr belehrt zu werden, aber nicht in der Qualität eines Schülers, der sich alles vorsagen läßt, was der Lehrer will, sondern eines bestallten Richters, der die Zeugen nötigt, auf die Fragen zu antworten, die er ihnen vorlegt. (KdrV, B XII f.)

sondern, in anders gewendeter Hinwendung, neuerlicher Revolution der Dingdenkart, als ihr unbedingter Verteidiger und also: Notar und Schreiber.

Dann wäre zu erkennen, dass diese Freisetzung nicht von außen an die Dinge herangetragen wird, sondern in ihnen und aus ihrem Inneren heraus sich stets schon vollzieht. Das Ding in diesem Sinne des nichtigen, unfasslichen Undings ist die Bedingung der Un-Möglichkeit von Erfahrung überhaupt.

Ponges Im Namen der Dinge / Le Parti pris des choses von 1942, prima vista rhapsodische Juxtaposition von poèmes en prose-Miniaturen, in Wahrheit Kosmogonie nach dem Vorbild des Lukrezschen “De rerum natura”,

Ainsi donc, si ridiculement prétentieux qu’il puisse paraître, voici quel est à peu près mon dessein: Je voudrais écrire une sorte de De Natura Rerum. On voit bien la différence avec les poètes contemporains : ce ne sont pas des poèmes que je veux composer mais une seule cosmogonie. (Introduction au „Galet“, in: Proêmes)

ist eingefasst in einen Rahmen, der aus den beiden Außenstücken Der Regen (La Pluie) und Der Kieselstein (Le Galet) — dem Flüssigen und Festen — sowie einem Mittelstück Meeresküsten (Bords de Mer) — dem Zusammentreffen beider Aggregatszustände — sich bildet. Dass das Liquide im Regen fällt, sein Deszendieren, seine Kadenz, eilfertiges, hastiges, kopfloses Stürzen, zu verstehen als das “sehr feine Zerbröckeln des reinen Meteors” (une fraction intense du météor pur) — dies ein Ur-Stein, skandalöser Calculus, über den es in Le Galet mehr zu erfahren gibt [3] — in sehr unterschiedlichem Gang erfolgt,

…descend à des allure très diverses

unterscheidet diese Beschreibung des atomistischen Urszenarios von seinem Vorbild im lukrezschen Lehrgedicht insofern schon, als das Clinamen dem Fall selbst eingeschrieben ist, nicht als aus der Bahn werfen die exakten Parallelbewegungen extern und erst nachträglich zur Devianz und somit zum Zusammenstoß zwingt. Darüber hinaus belehrt Vom Wasser (De l´eau) (S.40) — es entrinnt jedem Zugriffsversuch und hinterlässt dennoch Spuren — über das Delirium am Grunde des Dranges (oder Zugs) zum Grund, fixe Idee, sich seiner Schwere zu ergeben und in Tiefe, das Unten hinabreißen zu lassen. Stets weiter unten als ich will das Wasser sein (plus bas).

Man könnte sagen, das Wasser sei wahnsinnig, aufgrund dieses hysterischen Drangs, nur seiner Schwerkraft zu gehorchen, von dem es besessen ist, wie von einer Zwangsvorstellung. / On pourrait presque dire que l´eau est folle, à cause de cet hysterique besoin de n´obéir qu´à sa pesanteur, qui la possède comme une idée fixe. (40/41)

Der Dinge lustvoller Drang hinab zur bodenlosen Tiefe dort unten, dem Grund ohne Grund (und eben dadurch Ab-Grund), die sie, auch die anders als das jede Form abweisende Liquide, in Form bleibend und ihr zuliebe sich behauptend widerstehend Stehenden (wie etwa der Schrank),

Gewiß, alles in der Welt kennt diesen Drang, der überall und zu jeder Zeit befriedigt werden muss. / Certes, tout au monde connaît ce besoin, qui toujours et en tous lieux doit être satisfait.

zum stetigen Fall (wenn auch im Mahnmal gebannt und erstarrt zum Pfahl) werden lässt, ist der Hang zum Widerstand als Entzug; doch gleichwohl der zeitweilige Widerstand gegen diesen Widerstand. Am deutlichen präsentiert sich in Orange oder Schwamm (jenem éponge, den der Autorname durchwandert) Resistenz, besser plastische Resilienz als die Manier, ihre Oppression unzureichend zu unterstützen und „nur ungern zu dulden“ (17). Sie ist auch die ihres ergründenden (Be)Schreibers, welcher sich, neben der basalen bricolage eines Braque, dem Bas-Roque der Rameauschen Harmonielehre einer alles wagerechte Linieren von Oberflächen begleitende vertikalen Dimension in der semantischen Dichte (und das —  épaisseur semantique — heißt vor allem Höhe, Tiefe, Dicke) seiner textuellen Faktur verschrieben weiß. Einer “Religion des Littré” (Derrida) genauer und ihrer Etymologik, deren exponiertes, exploitiertes dickichtartiges Spinnennetz in jede Übersetzung nur mit geringer Wiedergabegenauigkeit überführt werden kann. Was bei Lukrez selbst unter den Webworten nodus, textura, nexus, contextum, Grundbegriffe einer materialistischen Ontologie, das Mit-Sein des Seiendenden verdeutlichen soll, findet sich analog in Ponges komplexer und dennoch leichter und lichter semantischer Dicht- und Dickichtheit.

Hierin darüberhinaus erweist sich Ponges poetischer (A)tomismus als genuin materialistisch (oder mit dem pun Lacans: moterialistisch), dass er die verengende (Selbst-)Deutung der Sprache zur rechtfertigend-begründenden, sicherstellend-verrechenbarmachenden Rede wie sie der Metaphysik (und also Philosophie) und der sie vervollkommnenden positiven Wissenschaft eigen ist, in peniblen und minutiösen Definitionen unter emphatischem Aufgriff szientifischer „Mythologien“ scheinbar mitmacht, aber für das inkalkulable mis-en-abyme öffnet, dem sie sich verdankt.

Der Grund, die Basis, der alles leidenschaftlich entgegenstürzen will, ist bodenlos, hat kein Ende, ist also kein Anfang im Sinne erster, ungeteilter und unerschütterlicher Fundamentalität, sondern nicht aufhörender (Ur-)Sprung in den Abgrund im freien Fall, der vor allem, die Tendenz nach unten des-orientierend, Zerfall, zu Staub, Sand und Asche werden, progressive Parzellierung, ist. Die Zigarette:

Ihre Leidenschaft schließlich: diese glühende Knospe, die in silberweiße Schuppe zerfällt und die ein unverzüglicher Glühstrumpf, ein ganz moderner, umzieht. / Sa passion enfin: ce bouton embrasé, desquamant en pellicules argentées, qu´un machon immédiat formé des plus récente entoure. (14/15)

Genauso lässt sich vom zugleich soliden und fragil-ruinösen Stein, Ding schlechthin, sagen, dass er keineswegs keine Welt hat und das Sterben nicht vermag, wie ein bestimmter Heidegger ihm qua Absprechung andichtet. Vielmehr liegt im unentwegten Sterben — alle Bleibe, demeure, zum Vergehen, und dieses zum Ent-Sterben präzisierend — sein ganzes Können:

So daß man entgegen der landläufigen Meinung, die ihn im Auge des Menschen zu einem Symbol der Dauer und der Unerschütterlichkeit macht, durchaus sagen kann, daß der Stein, der sich in der nicht Natur erneuert, in Wirklichkeit das einzige ist, was in ihr fortwährend stirbt. / Si bien que contrairement à l´opinion commune que fait d´elle aux yeaux des hommes un symbole de la durée et de l´impassibilité, l´on peut dire qu´en fait la pierre ne se reformant pas dans la nature, elle est en réalité la seule chose qui y meure constamment. (88/89)

Dass alle dreißig poetischen Stücke zudem Fabeln im La Fontainschen Sinne sein wollen und auf eine Moral, eine Weisung, wie gut zu leben sei, hinauslaufen, die sich der Epikurisch-Stoischen (und zumindest im Ersteren materialistischen) Doktrin, Philosophieren heiße glücklich leben — in ataraxia, tranquilitas animi, serenitas und der gelassenen Lust einer hedoné — verschworen betrachtet, demonstrieren vielleicht am Schönsten „Die Schnecken / Escargots“. Von ihnen, den einsamen und doch den Boden und die Erde, die durch sie hindurchläuft und an der sie kleben, zum Freund habende Heilige,

Was für ein Glück, was für eine Freude also, eine Schnecke zu sein! (29)

die ihr Leben zum Kunstwerk machen, ist die sittliche Vervollkommnung zu erlernen. Der schleimigen Kriechtiere bescheidene Lehre erinnert an die Übernahme einer spinozistischen aquiescentia in se ipso durch die späte Hannah Arendt der Denktagebücher, vor dem Hintergrund, im Denken (im Gegensatz zum Wollen) sei das das Selbst mit sich befreundet. Es stimmt mithin nicht inhaltlich mit sich überein und tilgt sukzessive seine es doch konstituierenden (performativen) Selbstwidersprüche, sondern das Selbst in seiner Dispersion heißt sich selbst, als den Anderen, den Gast in der steten Ansprache unbedingter Hospitalität (die „älter“ sein muss als Gäste und Gastgeber) bei „sich“ — topisch verqueres Asyl der Heterogenität — willkommen. „Viens, entre, assieds toi!“ Bewohnt sich, verschont sich, lässt sich, als Vergehendes, bleiben. (Dass dies Befreunden — Philosophie lässt sich als solches, die Sophia einer Philia, als Befreundungskunst lesen — immer im Versuch der Befreundung mit einem Befremden liegt — vom thaumazein bis zum melete thanatou — mit einem befremdlich Entfremdenden und Verdinglichenden, sollte klar geworden sein. [*])

Aus den Schnecken spricht demgemäß das delphische Orakal sein Γνῶθι σεαυτόν:

Erkenne Dich daher zunächst einmal selbst. Und erkenne dich an, so wie du bist. Im Einklang mit deinen Lastern. Im rechten Verhältnis zu deinem Maß. (33)

Materialistisch zugespitzt geriert sich der vermeintlich moderantistisch resignative Zug jenes Habitus und Ethos selbst-willkommenheißender Akzeptanz bei Ponge zur Res-Signatur und Re-Ressignatur: Das/der Andere, genau wie das Ding, das ich also, da es mich, spielend und freudig, bedingt, bin (l´objeu/objoie, aus dem das je sich auwirft, objeter) und dem ich folge, bedarf der gegenzeichnenden Zustimmung in seine charakteristische und immer idiosynkratische Signatur durch alle anderen.
Was hat es also letztlich mit der zu erlangenden und den Dingen abzuschauenden, fundamentalen Ruhe und Unerschütterlichkeit auf sich, Otium, das sich alle begehrensgeleitete Telelogie vom Erreichen ihrer Ziele, die ihre Mittel zugleich heiligen und geringschätzen, verspricht? Womöglich stellt sie nichts anderes dar, als das paradoxe Streben einer seligen Sehnsucht, endlos in eine sich per Wiederholung von sich selbst befreienden Unstimmigkeit, das Negotium der strittigen Dinge , ihnen/sie entsprechend, einzuwilligen.

Tillmann Reik

Informationen zum Buch

 

[1] Genauer gesagt schwankt und zittert res spätestens in der Scholastik — wie die buchhalterisch-merkantile Ratio (dem, wie Heidegger sagt, Begriff aus der römischen Kaufmannssprache) von reor stammend, dem abschätzen, rechnen und allgemeiner: etwas für etwas halten und als etwas unterstellen (reri meint dann dasselbe wie opinari) entspricht — zwischen einem Ausdruck für das, was man (die ratio) von einer Sache meint, wofür sie gehalten wird und dem, was sie unabhängig von dieser Einschätzung je selber ist. Gleichzeitig zwischen allem, was begegnet und dem, was erst in Gegenzeichnung ratifiziert wurde. „Heinrich von Gent unterscheidet zwischen einer ,res‚, die von ratitudo abgeleitet wird, und einer ,res‚, die von reor abgeleitet wird. Jener Begriff von ,res* bezeichnet die Realität, die extramental existieren kann, während dieser nicht nur die Realität meint, die extramental existieren kann, sondern auch die Realität, die nur im Intellekt existiert.“ (Sang-Lup Lee: Wirklichsein und Gedachtsein, S.196.) Vgl. über die Ambiguität des Begriffs auch den Eintrag Res rata, res a reor, ratitudo, Ding a denken im Dictionary of Untranslatables von Barbara Cassin.

[2] Es wird eine, wenn nicht die Kritik Sartres an Ponge in dem langen ihm gewidmeten Text darin bestehen, Ponges Parteinahme für die Dinge, gespeist aus einem „nekrologischen Traum“, „alles, was lebt, in das Leichentuch der Materie einzuhüllen, allem voran den Menschen.“ den Verrat am Humanismus vorzuwerfen. „Was ihn am Ding fasziniert, ist seine Daseinsweise, seine Übereinstimmung mit sich selbst, seine Ruhe. Keine ängstliche Flucht mehr, weder Zorn noch Furcht: die empfindungslose Unerschüttlerlichkeit des Kieselsteins. Ich habe an anderer Stelle geschrieben, daß es der Wunsch eines jeden von uns sei, mit seinem ganzen Bewußtsein nach der Seinsweise des Dings zu existieren. Ganz Bewußtsein und zugleich ganz zu Stein sein.“ (Sartre, Der Mensch und die Dinge, S.137)

[3] Oder, neben Aerolith, allgemeiner ein Immanenz und Transzendenz verflechtendes Atmosphärisches unbestimmter Beschaffenheit: „Denn météore bedeutet, nach Littré, einerseits und zunächst jedes Phänomen außerhalb der Atmosphäre: »Tout phénomène qui se passe dans les régions supérieures de l’atmosphère«. […] Andererseits bedeutet aber heute, so Littré, fast umgekehrt météore auch jedes, an Hitze, Licht und Elektrizität geknüpfte Phänomen innerhalb der Atmosphäre: »Aujourd’hui, il se dit de tout phénomène de chaleur, de lumière, d’éléctricité qui se passe à la surface de terre, en relation avec l’atmosphère, et aussi de différents états de l’atmosphère elle-même. // Météores aériens, les vents. (…) Météores aqueux, le serein, la rosée, la pluie, la neige, la grêle, le givre, etc. // Météores ignés, les feux-follets, les éclaires, le tonnerre, les étoiles filantes, les bolides. // Météores lumineux, l’arc-en-ciel, les parhélies, les aurores boréales, etc. (…)«. (Thomas Schestag, Para, S. 503)

[*] Dass diese Befremdungs-Befreundung zudem einer Feind-Seligkeit sehr nah kommt wie sie Heidegger in seiner Parmenides-Vorlesung aus der Innigkeit erwachsend beschreibt und somit einer orgiastisch-orgastischen orgé (Zorn, Wut) — ein Wort, das möglicherweise mit ergon verwand ist — ihre Energie verdankt, lässt das Ponges ganzes Buch durchstimmende Zittern der Dinge, eine Art mikrodiverse Unruhe, spüren.

 

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