Peter Fenves: Der späte Kant. Für ein anderes Gesetz der Erde

Kants Mit-Teilung konstitutiv inkonsistenter Pluralität

Ist vom „späten Kant“ die Rede, mag zunächst: a.) gemäß der Chronologie seiner Werke, jene Schaffensperiode des Philosophen gemeint sein, die dem Abschluss der dritten Kritik folgte und also die Jahre von 1790, er war 66, über die Beendigung seiner Lehrtätigkeit 1797 mit 73 (Alters und Unpäßlichkeit halber), bis zu seinem Tod 1804 mit beinahe 80 Jahren umfasst. Oder eben nur rein biographisch seine letzten Lebensjahre, in schlechtem Konkretismus abstrahiert vom Denken, unter dem Topos „Kant, der Mensch im Alter“ Thema sein, wie in den einschlägigen hagiographischen Darstellungen üblich. In beiden Fällen dreht sich jedoch die Beschäftigung nolens volens zudem um Vermögen und Fähigkeit der Erkenntnis eines Greises. Sowie jenes, was der senile Denker — dem es, was die erst seit 1935 leicht öffentlich zugänglichen verstreuten Aufzeichnungen des sog. Opus postumum bezeugen, vor allem darum zu tun war, „eine Lücke zu schließen“ und den Übergang von den metaphysischen Anfangsgründen zur Physik ins System einzupassen — aufgrund beginnender Demenz, die Todesursache wird einmal senilis stultitia quae deliratio appellari solet (greisenhafte Einfalt, die Wahnsinn genannt zu werden pflegt) lauten, noch zustande gebracht hat.

Meine Herren, ich bin alt und schwach, Sie müssen mich wie ein Kind betrachten. (siehe Vorländer)

Ob es überhaupt der Beachtung wert sei oder nicht — weil, wie Hannah Arendt das Klischee der Kritiker ihrer Wertschätzung der späten politischen Schriften anführt, „der Verfall seiner geistigen Kräfte bis zum Altersschwachsinn eine Tatsache ist.“ (Hannah Arendt, Das Urteilen). Was bedeuten würde, dass nicht nur nicht Lücken geschlossen, sondern neue Inkonsistenzen ins Werk gesetzt wurden, welche die Stimmigkeit des Früheren am Ende rückwirkend in Zweifel ziehen könnten. (So gilt die Rechtslehre vielfach als derartiges Elaborat lückenhafter Unstimmigkeit). Immerhin kann sich das Urteil eines Nachlassens der Qualität seiner Produktion auf Kants eigene Aussagen stützen, wo sie über eine durch Entschlossenheit nicht zu bemeisternde Krankheit des Kopfes, einen Gehirnkrampf, wiederholt Klage führen. Spürbar bemerkbar machten sich ihm Zustände, welche im Ausfall jener für die Zurechnungsfähigkeit vermeintlich unverzichtbaren synthetisch-appropriativen Funktion bestand, die konstitutive apperzeptive Einheit der Mannigfaltigkeit im Bewußtsein zu gewährleisten und vor Zerstreuung zu bewahren, wodurch meinen Vorstellungen — und damit mein Ich als ein identisch mich Durchhaltendes — überhaupt der Charakter einer res meum eignen kann, wie es die Kritik der reinen Vernunft in ihrer zweiten Auflage expliziert hatte:

[…] nur dadurch, daß ich das Mannigfaltige derselben in einem Bewußtsein begreifen kann, nenne ich dieselben insgesamt meine Vorstellungen; denn sonst würde ich ein so vielfarbiges verschiedenes Selbst haben, als ich Vorstellungen habe, deren ich mir bewußt bin. (hier online)

Genauerhin lassen sich die Beschwerden — den Faden verlieren, das „Wo war ich noch gleich, wo bin ich stehen geblieben, wo will ich hin, und von woher kam ich?“, kurz: eine gewisse Ungewissheit und Desorientierung im Gedankengang, durch die der autonome Geist seine Selbst-Präsenz und -Transparenz einbüßt — zunächst der dritten Person eines anonymen „Patienten“ zugeordnet, um dann abrupt, Kant in Außen- und Innenansicht auftrennend, zur ersten („mir“) zu wechseln, wie folgt schildern:

Die krankhafte Beschaffenheit des Patienten, die das Denken, in sofern es ein Festhalten eines Begriffs (der Einheit des Bewußtseins verbundener Vorstellungen) ist, begleitet und erschwert, bringt das Gefühl eines spastischen Zustandes des Organs des Denkens (des Gehirns) als eines Drucks hervor, der zwar das Denken und Nachdenken selbst, ingleichen das Gedächtniß in Ansehung des ehedem Gedachten eigentlich nicht schwächt, aber im Vortrage (dem mündlichen oder schriftlichen) das feste Zusammenhalten der Vorstellungen in ihrer Zeitfolge wider Zerstreuung sicheren soll, bewirkt selbst einen unwillkürlichen spastischen Zustand des Gehirns, als ein Unvermögen, bei dem Wechsel der auf einander folgenden Vorstellungen die Einheit des Bewußtseins derselben zu erhalten. Daher begegnet es mir: daß, wenn ich, wie es in jeder Rede jederzeit geschieht, zuerst zu dem, was ich sagen will, (den Hörer oder Leser) vorbereite, ihm den Gegenstand, wohin ich gehen will, in der Aussicht, dann ihn auch auf das, wovon ich ausgegangen bin, zurückgewiesen habe (ohne welche zwei Hinweisungen kein Zusammenhang der Rede Statt findet) und ich nun das letztere mit dem ersteren verknüpfen soll, ich auf einmal meinen Zuhörer (oder stillschweigend mich selbst) fragen muß: Wo war ich doch? Wovon ging ich aus? welcher Fehler nicht sowohl ein Fehler des Geistes, auch nicht des Gedächtnisses allein, sondern der Geistesgegenwart (im Verknüpfen), d.i. unwillkürliche Zerstreuung und ein sehr peinigender Fehler ist, dem man zwar in Schriften (zumal den philosophischen: weil man da nicht immer so leicht zurücksehen kann, von wo man ausging) mühsam vorbeugen, obzwar mit aller Mühe nie völlig verhüten kann. (hier)

„Immanuel Kant, Senf zubereitend“. Zeichnung, Friedrich Hagemann, entstanden 1801. (Eine liebevoll-ironische Darstellung des Philosophen.)

Darüber urteilend, wer oder was zur Verantwortung gezogen müsse dafür, dass die heteronom widerfahrende aktive Des-Identifikation zum vielfarbig verschiedenen Selbst stattfand, das aus dem Blickwinkel der ersten Kritik nur als pathologische schiziode Dissoziation begreifbar ist, kommt eine doppelte, gleichsam antinomische Erklärung- Strategie zum Zug, mittels derer eine weitere Teilung und Spaltung entsteht: Nach außen hin nämlich gibt sich Kant selbst die Schuld an seinem Unvermögen, die Zerstreuung zur Einheit zusammen zu zwingen. Dies vorm Hintergrund seiner prophylaktisch-apotropäischen Lehre, dass im Grunde fast jedes Leiden, durch die „Festigkeit des Vorsatzes (seine Aufmerksamkeit von solchem Leiden abzuwenden) […] nach und nach gehoben werden könnte.“ Dass also, wie er öffentlich im dritten Teil seiner (zusammen mit der Anthropologie) letzten Druckschrift Der Streit der Fakultäten (1798) an Christoph Wilhelm Hufeland schreibt, dessen Makrobiotische Diätetik sich als „Kunst, das menschliche Leben zu verlängern“ verstand, nicht nur moralisch-praktische Philosophie zugleich eine Universalmedizin abgibt, die zwar nicht allen für alles hilft, aber doch in keinem Rezepte mangeln kann. Sondern die oberste diätetische Aufgabe darin besteht, Von der Macht des Gemüts des Menschen, über seine krankhafte Gefühle durch den bloßen festen Vorsatz Meister zu sein Kenntnis zu nehmen. Kant allerdings versagt auf dem Felde jener Bemeisterung seiner bedrückenden „Desorganisation“ an entscheidender Stelle, scheitert gerade weil — nach der perfiden „Dialektik“, oder eher: Diabologik dieses durch die Abwendung vom je leidenden Teil des Organismus bereits eine gewisse Teilung und Zerstreuung, eine Diversifikation des Selbst gebietenden Pharmakons — „die Versuche sie der Kraft des Vorsatzes zu unterwerfen das krampfhafte Leiden vielmehr noch verstärken.“ Der mit vorsätzlicher Abwendung von ihr begegnete Zerstreuung (die wohl weitestgehend mit mangelnder Entschlußkraft zusammenfällt: wie könnte sich diese selbst entschlossen entgegen treten, indem sie sich von sich abwendet?) kann nur umso stärker voran getriebene Dispersion zur Folge haben:

Nichts ist vielleicht ironischer als dies: der Versuch, Zerstreuung zu überwinden, erzeugt Zerstreuung in extremis, die genau den Angelpunkt „meines ganzen kritisches Geschäfts (5:70), nämlich die Einheit der Wahrnehmung, aufs Spiel setzt. (Fenves, S.228)

Gegenüber Freunden und in seinen Aufzeichnungen ist indessen von einem solchen persönlichen Versagen der Bemeisterungsstrategie keine Rede mehr, der Grund für das Nachlassen der Kräfte wird vielmehr in einer „Revolution“ der Luft-Straten der Erde gesucht:

Daß ich so kraftlos werde, rührt wohl von einer Revolution in den Luft-Straten her, die seit einigen Jahren statt hat, und wenn die sich ändert und alles wieder ins Gleis kommt, so kann ich doch wohl noch aufkommen. (hier)

b.) Darüber hinaus mag das Syntagma „Der späte Kant“ ebenso eine für die Arbeitsweise charakteristische Verspätung, Vertagung, eine Aufschubneigung bis fast zur Prokrastination (mit der Kant Hufeland beinahe überbietet, indem er Vernunft wie eine procrastinatio zum Aufschub des Todes erscheinen lässt)

wenn das Altgewordensein nicht schon die öftere Vertagung (procrastinatio) wichtiger Beschlüsse bei sich führte, dergleichen doch wohl der des Todes ist, welcher sich immer zu früh für uns anmeldet, und den man warten zu lassen an Ausreden unerschöpflich ist. (Der Streit der Fakultäten. Dritter Abschnitt. Der Streit der philosophischen Facultät mit der medicinischen. Von der Macht des Gemüths durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein. Hier)

ähnlich der leidende Hospitalkranke auf seinem Lager:

Wenn er dem Tode als seinem Befreier (jovi liberatori) winkt, so verlangt er doch immer noch eine kleine Frist und hat immer irgend einen Vorwand zur Vertagung (procrastinatio) seines peremtorischen Decrets. (ebenda)

ausdrücken: Der für seine Pünktlichkeit bekannte und dennoch, was die Fertigstellung seiner Arbeiten anlangt, die vorgegebene Zeit fast gewohnheitsgemäß drastisch überschreitende Autor — erst neun Jahre nachdem er im Brief an Marcus Herz die Ausarbeitung der Kritik der reinen Vernunft binnen dreier Monate angekündigt hatte erschien sie auch — , gibt am Ende der Vorrede dieser Kritik der Urteilskraft ein Versprechen, das vor allem darin liegt, nicht zu säumen, nach einer skandierenden Beendigung fortzufahren, dessen Einlösung — die Fortsetzung im „doktrinalen Teil“, der die „Metaphysik der Natur und der Sitten enthalten sollte — er dennoch um die sieben Jahre aufschieben wird. Bis 1797 immerhin die Metaphysik der Sitten erscheint, „allerdings in verstümmelter Form.“ (Fenves, S.13). Diese überdies ein Werk, das er ursprünglich schon 30 Jahre zuvor, vor Abfassung der Kritiken, zu schreiben gedachte.

„Hiemit endige ich also mein ganzes kritisches Geschäft. Ich werde ungesäumt zum Doktrinalen schreiten, um, wo möglich, meinem zunehmenden Alter die dazu noch einigermaßen günstige Zeit noch abzugewinnen. Es versteht sich von selbst, daß für die Urteilskraft darin kein besonderer Teil sei, weil in Ansehung derselben die Kritik statt der Theorie dient; sondern daß, nach der Einteilung der Philosophie in die theoretische und praktische, und der reinen in eben solche Teile, die Metaphysik der Natur und die der Sitten jenes Geschäft ausmachen werden.“

Hannah Arendt hatte Kants Bedrängnis durch den Skandal einer Vernunft, die sich konstitutiv selbst widerspricht, also irreduzibel konstitutiv inkonsistent ist (ein Unbehangen von dem man annehmen darf, dass es Fragen produzierte, die ihre Beantwortung nicht nur durch Kant überdauerten und den deutschen Idealismus auf den Plan riefen) wie folgt beschrieben:

Nachdem er das Geschäft der Kritik beendet hatte, waren aus seiner Sicht zwei Fragen übrig geblieben – Fragen, die ihn sein Leben lang beschäftigt hatten und deren Beantwortung er aufschob, um zunächst das voll zu klären, was er den „Skandal“ der Vernunft nannte: die Tatsache, daß die Vernunft sich selbst widerspricht oder daß das Denken die Grenze dessen, was wir wissen können, übersteigt und sich dann in seinen Antinomien verfängt. (hier)

*

In den Blick genommen werden in Fenves Studie über die Charakteristik von Kants „Spätheit“ vor allem all jene, oftmals polemischen nachkritischen Schriften und als philosophische und politische Projekte eigenen Rechts rekonstruiert (so die Formulierung des Klappentexts), die Themen vorkritischer Zeit zum Teil wiederaufnahmen und ihnen dabei aber doch, durch die Erfahrungen der Kritiken hindurch, andere Behandlung zuteil werden ließen. So dass neue Sujets wie „das radikale Böse“, in der von Fenves analysierten beständigen Unbeständigkeit (die sich zusammen mit der Übergänglichkeit nicht nur als ein Topos zur Charakterisierung von Kants Denkweise eignet, sondern in den späten Überlegungen fast als ein Theorem eigenen Ranges ihre Bedeutung behaupten) alsbald ihre Gegenthese beigesellt bekommen. Von Fenves erstaunlich nahe zu Benjamin — der den späten Kant gut kannte — in einer „radikalen Mittelbarkeit“ erblickt und herausgearbeitet: Reine Selbstzweckhaftigkeit, auf die der kategorische Imperativ in einer seiner bekannten Versionen verweist und von der es in der Grundlegung zu Metaphysik der Sitten heißt

Nun sage ich: der Mensch, und überhaupt jedes vernünftige Wesen, existiert als Zweck an sich selbst, nicht bloß als Mittel zum beliebigen Gebrauche für diesen oder jenen Willen, sondern muß in allen seinen, sowohl auf sich selbst, als auch auf andere vernünftige Wesen gerichteten Handlungen jederzeit zugleich als Zweck betrachtet werden. (hier)

wird in gewisser Hinsicht derart radikalisiert, dass Menschheit (die race oder species zu nennen Kant schwankt) nicht länger als finales Stadium irdischer Kreatürlichkeit (und etwa im pietistischen Sinne, von dem sich Kant immer zu befreien suchte: Krone der Schöpfung), um ihrer selbst willen und in moralischer Vorrangstellung existierend gedacht wird, sondern für Anderes und Andere als sie selbst, dem/denen, bei ihrem Kommen, „Platz einzuräumen“ ist.

Menschen als Vernünftige [sind] um anderer der Species (Rasse) nach verschiedenen Menschen da

Wer aber könnte diese beiseite tretende Einräumung, die in Fenves Original oft concession heißt und somit nicht nur als Zulassung sondern auch Entgegenkommen gedacht werden könnte, vielleicht: das Eingeständnis einer Zuvorkommenheit des/der Nachkommenden, Vorbereitung für ein Eintreffen von Künftigen/m, die jetzt und in jedem Moment erforderlich ist, vermögen — deren Vermögen in einem Unvermögen bestünde, dessen Können (des Platzmachens) auf ein Lassen hinausliefe — wenn nicht nur einer, der nicht länger, atomisch und in-dividuell einer (one who is „no one“), sondern jene niemandhafte vielfarbige Verschiedenheit wäre, zu der Kant, indem er in Folge der Exploration der Ur-teils-kraft sukzessive eine jegliche Kompetenz überschreitende archi-partage (d.h. eine Teilung, die Kommunikation, Division, Distribution zugleich bedeutet als „gesetzlosen nomos“) entdeckt, sich und also sein Selbst mehr und mehr geöffnet erfährt?

Nur jene, die bereits geteilt sind — durch sich selbst, durch die Erde –, sind in der Lage, anderen die Teilung der Erde einzuräumen. Wer so vorgeht, ist nicht länger einer, sondern ist, stattdessen, eine konstitutiv unbeständige Vielheit [im Original: constitutively inconsistent plurality, TR]. Der späte Kant weist den Weg. (Fenves, S.20)

 

Tillmann Reik

Peter Fenves: Der späte Kant. Für ein anderes Gesetz der Erde. Aus dem Amerikanischen von Thomas Schestag. Wallstein Verlag, Göttingen 2010. 348 Seiten. 39,90 EUR. Verlagsinformationen zum Buch.

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