Lagaties Alogie

Die möndliche Rede oder: Wie den Sinn einer Suppe ohne Schnittmuster lesen? Zu Kathrin Lagaties Einakter Lunatalk (klick)

Die Erde ist ein Mond der Rede.
(Oswald Egger)

Wir bedenken das Wesen des Handelns noch lange nicht entschieden genug.
(Martin Heidegger)

Denn dem Streit, den Herakleitos nachmals auf den zwischen Göttern und Menschen, Freien und Versklavten einschränkt, fehlt das Entscheidende: der Unterschied zwischen Mann und Frau.
(Friedrich Kittler)

Und tatsächlich liegt ja künstlerisches Erleben so unglaublich nahe am geschlechtlichen, an seinem Weh und seiner Lust, daß die beiden Erscheinungen eigentlich nur verschiedene Formen einer und derselben Sehnsucht und Seligkeit sind.
(Rainer Maria Rilke)

…pour l’instant, je ne baise pas, je vous parle, eh bien! je peux avoir exactement la même satisfaction que si je baisais. C’est ce que ça veut dire.
(Jacques Lacan)

In place of a hermeneutics we need an erotics of art.
(Susan Sontag)

***

Entr´acte. Exakte Einakter-Karteien

Frei heraus gesagt, was stillschweigend gemutmaßt werden muss; nichts anbrennen lassen, selbst auf die Gefahr überhitzter Schaumschlägerei hin (so jedenfalls die Art, wie er SIE – fast eine luzide Lucinde oder Lucile1, Schaum, Gesang und (Ver-)Locken evozieren Sirene-Rheintochter oder auch Kirke, allesamt Gestalten der Aphrodite2— sieht; anders gesagt: wie Ersie/Sier (um den irreduziblen Hermaphroditismus, die primordiale Androgynie sogleich umißverständlich bi-sexuell -trans-gender und -genre zur Sprache zu bringen, die eigentlich eines geschlechtergerechteren Dualis bedürfte3) singen sieht [womit bereits eine provisorische Charakterisierung eines grundsätzlichen Wesenszugs von ihr bereitsteht: sie singt und wird (ihr Singen, das sie ist, verbergend) gesehen: inwiefern sicheln und sticheln sich, melo(s)-dramatisch, diese Sichten? Und: Wer sind sie, die Singende und ihr Anderer, überhaupt? Ein Paar, Geschwister, gar Zwillinge? Oder ein Zweiling, Zwille, Zwiesel, also weniger in sich geschlossene Dyade, die einer Komplementaritätslogik gemäß mit sich selbst genug hat, denn eine Öffnung, die Überschwänglichkeit eines Mangels, graphematisch gefäßartig darzustellen wie Blütenkelch, Amphore oder, klar, Gral: Y oder V oder U?]:

ER: Kämmst die Locken als wären sie aus Glas
Schäumst alles auf heißer Flamme
Bis die Milch verbrannt ist und
Niemand mehr sieht wie du singst. ):

(Um Flüssigkeiten, Werkstoffe, Gerüche, Beleuchtungsverhältnisse zu registrieren, sortieren und inventarisieren und überhaupt ein spezifisches ästhetisches Sensorium für dergleichen Parameter zu entwickeln – d.h. lernen, sie sich mit allen Sinnen munden zu lassen und dieses Genießen als Verstehen zu begreifen: eine andere Ästhetik wie eine andere Hermeneutik sind nötig4 – würde ein bildgebendes Verfahren, das auf Farbkontraste setzt, Verwendung finden müssen, was hier in voller Konsequenz nicht realisierbar ist. Verbuchen wir also bis jetzt: Milch (gr. gala), als geheimnisvolles Sekret ein hapax legomenon im sezierten Korpus und G(a)las (das im Stück, zählt man die Darreichungsformen Fensterglas, Glasur und Plexiglasdach mit, viermal vorkommt):

“Glas ist nicht umsonst ein so hartes und glattes Material, an dem sich nichts festsetzt. Auch ein kaltes und nüchternes. Die Dinge aus Glas haben keine »Aura«. Das Glas ist überhaupt der Feind des Geheimnises. Es ist auch der Feind des Besitzes.” (Benjamin)

Ist nicht glasklar, dass die reine Durchlässigkeit, diaphane Transparenz und Transluzenz des glatten Glases für den Blick (gesetzt es spiegelt und bricht nicht, und das tut es eben leider doch) und das Licht — Aura nannte Benjamin an anderer Stelle auch die Fähigkeit des Dings, den ihm gewidmeten Blick zu erwidern, dem Glas fehlt sie vielleicht? — die Festsetzungs und Besitzfeindschaft des Glases, also seine Geheimnisfeindlichkeit umso geheimnisvoller macht? Ist es nicht mysteriös, dass das Glas mit mysterium und secretum — fast — nichts zu tun haben will, sich davon absondert?

Verdacht: Hier wird ein glasklares Verhältnis “unterhalten”, in und über Sprache, diese milchige Unverhältnismäßgkeit, von jener selbst.

A relationship is maintained [s’entretient]. It is not completed. (Jean Luc-Nancy, Coming)

Den Anfang macht die Gattung der Gattung. Schon mit dem Titel Lunatalk (Mundus titulis titillatur) ist bereits eine Art Gattung benannt: in dem, was kommt, geht es um sprachlichen Kontakt als Gespräch, Plausch, Schwätzchen, Konversation, Dialog, Unterredung (weil es in medias res des Inter geht, des Zwischen der Zwei) mutmaßt man, bereits mehr als einen Sprecher unterstellend und wohl mit Recht. Obgleich talk auch den Vortrag eines monologisierenden Redners vor einer Zuhörerschaft meinen könnte, die zumindest äußerlich schweigt (während sie innerlich womöglich unaufhörlich antwortet und kommende Antworten vorbereitet), oder selbst noch den Soliloqui bezeichnen könnte, läuft die Annahme einer Nicht-Eins und Mehr als Eins, spätestens so bald Sprache im Spiel ist und die Hauptrolle übernimmt (und wann ist das eigentlich nicht?), nicht fehl. Erst recht durch die dann folgende Gattungsbezeichnung Einakter dieses dramatischen Poems oder poetry plays, am ehesten lyrisches Lust-Spiel, wird auf gewisse Weise Gattung (auch ohne präfixiertes Be-) sui generis in ihrem Vollzugscharakter präzisiert. So verstanden nämlich kann sie werden, als drehte sich, hermeneutisch kreisend, alles um das nomen actionis zu jener Tätigkeit des Gattens, die das Wörterbuch mit “zusammenkommen” und “vereinigen”(oder versammeln wie das englische gathering/gadering) übersetzt und auf das Mittelhochdeutsche gaten, dem auch Gatter, Gitter und gut entspringen, zurückführt5. Gat ist gut. Grimm nennt auch passen und paaren und verweist, was man besonders goutieren mag, auf gattieren und Gattierung:

1.Textilindustrie Baumwolle aus verschiedenen Ballen oder Sorten mischen, damit ein aus ziemlich gleichen Bestandteilen zusammengesetztes Ausgangsprodukt entsteht

2. Hüttenwesen bestimmte Materialien (bes. Metalle) zur gewünschten Zusammensetzung des Endproduktes zusammenstellen.

Angesichts dessen es schwerfällt, zu glauben, dass es das Substantiv der “Gattie” nicht geben soll. Doch ist nicht die Gattie — La Gattie — , die es nicht gibt — L´Agatt(i)e — gar die einzig “es gebende”? Die alle Gattungen gebende Nicht-Gattung als eine Art triton genos (“quod transcendit omne genus”), epikeina tes ousias wie das Gute. Agatie als das Agathon?

***

Dieser Talk-Einakter ist die Gattie zweiter Gattungen und bedeutet sie. (Also ginge es von Anfang an nur, monomanisch monistisch, um “Das Eine”, l´una, nämlich sich-begattende Zwei (Das Eine=die Zwei), und zwar in derart unbegrenzbarer Tragweite, dass sich dies einschlägige Beiwohnen sogar wie in eingemeindeter Fremdsprachigkeit als der Familienname der Autorin zu lesen gibt, aus ihm — wenn auch nicht ganz ohne maieutische Assistenz — herausbricht und hervorspringt, als Gesprächs-Gebärde sich, sich ergebend, gebiert: gat, l´acte/lag–t–, und, sie fließt schon wieder: lact aber auch: gala/laga? Unmißverständlicher noch im Verfasserinnen-Vornamen — Kathrin: “Unter anderem könnte es sich um eine Abwandlung des Namens der griechischen Göttin der Magie Hekate handeln” , “vielleicht die mondhafteste aller griechischen Göttinen außer der Selene selbst” (Karl Kerényi)– der den anagrammatischen Wink aufs Akt-Hirn nicht verhehlt, und das, obwohl sie, wie durch eine vertrauliche Mitteilung verlässlich belegt, an Gehirne nicht glaubt, sehr wohl hingegen, dies macht der Text öffentlich explizit, an Gestirne. Man muß schon die Stirn haben, deren Fleischwerdungsgelüste in einer der aufschlußreichen Regieanweisungen als ein siderisches Desiderat zu benennen, es astro-logisch zu Wort kommen zu lassen

Die Sterne wären auch gern aus Fleisch.

Eine Andeutung fiel bereits: Aus der Sphäre des Stellaren wird dem — noch vor Venus (gr. Aphrodite), die an zweiter Stelle kommt6 – hellsten am Nachthimmel eine Einflußnahme zugesprochen, die einem “astrum caro factum est” beinahe entspricht: dem Mond; Kant hat ihm und seiner Übergriffigkeit einen späten, nachkritischen Text gewidmet: Etwas über den Einfluß des Mondes auf die Witterung. Es/er (eigentlich ja eine Sie) wird gleich aufgehen.

 

…schliesse ich an einen Ausspruch Plutarch’s im Liber Amatorius an. „Die Aegypter kennen, so wie die Griechen, einen doppelten Eros, den gemeinen und den himmlischen; für den dritten aber halten sie die Sonne, so wie den Mond für Aphrodite, die sie auch unter allen Göttern am meisten ehren.”7

 

***

 

Einakter von Katerein: Akthirn Agtalei. Ergibt sich das gerade kühn konjizierte so, wie die Berechnung einer, freilich arg seltsamen mathematisch-alchimistischen Gleichung, das Resultat in den Schooß auswirft, eben nach einem nicht zu patentierenden Rezept von der Art

(Nachts riechen sie solange an Porzellan, bis Fensterglas minus Traumdeutung
Sieben Laubfrösche in seinem Schooß ergibt.) ,

dann deutet das auf eine Darreichungsform hermetischer Hexenhermeneutik, für die es, da gegen sie letztlich kein Kraut8 gewachsen ist, dem von der Sprache bezirzten Verstand (ja, sie verwandelt mitunter auch in Schweine) meist durchweg an Verständnis fehlt. Wer mit List liest entdeckt, dass der Text hext.

Doch wie sollte anders der Beharrlichkeit eines Gequatsches begegnet werden, das von der Voraussetzung, man könne den Sinn einer Suppe ohne Schnittmuster lesen, als eben indem man dieses Als-Ob mitmacht und es, sozusagen, mimetisch-methexisch (Methexis meint hier Mit-Hexen) beim Wort nimmt:

(Beharrlich als könnte jemand den Sinn einer Suppe ohne Schnittmuster lesen,
Quatscht sie zur geraden Stunde Weisheiten und nennt sie Gedichte)

Auch um den verstehenwollenden Verstand in dieser Hinsicht aufzuklären, ihm ein Mond-Licht aufgehen zu lassen, bedürfte es eines Ausgangs aus dem Un- der Mündigkeit mitten in sie hinein, und der erforderte Mut und die Entschlossenheit sei einmal mehr mit der kulinarischen und anti-anorektischen Parole sapere aude hedonistisch wie folgt übersetzt, um die Überlegungen letztlich (wann immer das sei) in eine mondäne Lehre von der Mund- und Mond- Art münden zu lassen: sei begierig, [dir] [Sprachen wie Sachen] munden zu lassen, wolle munden!9 Derart gelingt dem lunatischen Talk-Akt Einakter, die ganze Welt zu umfassen: Quod est in mundo, sit in actis )

***

Es ist wie so oft ein ganz schöner Akt, eine schwere Geburt, aber wiederholen wir: Dieses Drama ist Akt (das heißt, das, was doch sonst nur ein Glied darstellt, ein Akt, erweist sich als das Ganze, umfasst sich also selbst und stülpt sich ein)10 und agiert ihn aus, inszeniert seine Obszönität bühnentechnisch so, dass eine seltsame Selenologie, poetisch fruchtbar gemacht, Sprache zu jenem dirty talk wird, der sie immer schon ist.

Ebendies Genre, “Einakter” als Gattung, rekuriert somit nicht nur auf eine Textsorte — das one-act-play — neben anderen, redet von einem Akt nicht als einer beliebigen Handlung, einem Vollzug unter Vielen, sondern ruft DEN Akt auf und an, der – unter Umständen, die zu “anderen Umständen” führen – zeugt und aus Begehren gebären will, doch zunächst nur be-zeugt, und zwar, dass es keinen Gott braucht als Eros, den geschlechtlichen, auch unter den Namen Verkehr, Beischlaf, Kopulation oder Koitus im Schwange.

Lunatalk setzt besagte Genesis, den reinen Vollzug, in Szene, enacted ihr acting-out, akted sie, aus-artend, ein, die Zwei erfordert, dieses Spiel ist ein Einakter-Zweitakter, der den durch das secare des sexus markierten Schnitt, die Teilung, Trennung, den Spalt und den Abstand, die Scheide, kurz: das Dazwischen heraustellt:

SIE: Siehst du nicht, ach! den Abstand aus Aluminium,
Den die Verwegenen sehn?

(Ver-Wëgen, also auf eine entschlossene, wenn auch un- und umwegige (a-poretische) munter-mutige Weise von den ihnen gewogenen, sie wiegenden Musen bewegt, die Lage (!) wechselnd, kann nur die Sicht derer sein, die als Enthusiasten noch von der Romantik allem Philiströsen11 kontrastiert wurden. Es geht bei dieser “Tugend” eines Eros-Ethos also um das Verhältnis zur ästhetischen Erfahrung in der Sexuiertheit ihrer Sinnlichkeit, das ein Sensorium für, ach!: Abstände (auf französisch écart) und deren eventuelle muköse Verklebung erfordert: in place of a hermeneutics we need an erotics of art. (Sontag). Warum aber die Aluminium-Allusion et al? Eine Vorahnung von A.L., bzw. A.Lu…? Ein Hinweis könnte zudem sein, naheliegenderweise weithergeholt, dass die Metallbeschichtung, die heute Glas zu Spiegeln machen, the tain of the mirror, aus solchem besteht: “Heute presst man unter Vakuum Aluminiumfolie auf glatte Glasscheiben oder bedampft bzw. besputtert sie mit Aluminium.”). Das Stück sbricht in seinem zersteubenden Prasseln jedes imaginäre, reflexiv-spekulare Phantasma von Sprache als sich selbst vorstellende und einholende, wie eine extralinguistische Referenzzone abbildend und einfangend, von Sprache als Haus (und nicht Aushäusigkeit), auf.

Ein Zwischenakt von dieser Art kommt sich auch insofern in die Quere, geht sich selbst dazwischen, als er das zielgerichtes Sichdurchsetzen seines Agierens ad absurdum führt, durch die eigene Rechnung einen Strich macht und auf sowohl Agonie und Agon (die Strindbersche Dimension der ausgeweiteten Kampfzone, des geschlechtlichen Gemetzels, carnage) als auch traumwandlerische lassitude, ein entspanntes Sichgehenlassen, das passiver als passiv wirkt und webt, hin öffnet.

Zum Verhältnis und Verkehr der Sexuierung kann man (d.h. Mann — und wenn sie sich dessen Dispositiv diskursiver Rationalität bedient, vielleicht auch Frau) nur ein gespaltenes Verhältnis haben, Lacans Formel Il n´y a pas de rapport sexuel deutet es an, in begründeter Beweisführung davon zureichend Rechenschaft ablegen lässt sich nicht, da es an Proportion und Kommensurabilität mangelt. Es gibt also keine Gattung. Doch sie ereignet und bezeugt sich medial, und das heißt vor allem anderen: in und als Erfahrung von Markierungen. Eine von ihnen ist die gesprochene, die über die auch fürs Essen, Atmen und Küssen zuständige Körperöffnung verläuft: die mündliche des Gesprächs.

***

In Lunatalk nun erweist sich — durch Sprache (denn sie, wie gesagt, ist der Hauptakteur!) als passage à l´acte (und lact) — die Rede im Gespräch, im talk-Akt, als mondsüchtig, Mündlichkeit frönt einer lunatischen und somnabulen, wenngleich keineswegs (ganz im Gegenteil!) unmündigen Möndlichkeit. Dieser aber, der Mond, im Lateinischen Luna, im griechischen Salana, Selene (mene), im germanischen Mani (mhd. mâne) stand, als Gottheit, im Ruf nicht nur den Gang der Schlafwandler in hypnotischem Dämmerzustand, sondern auch die Sprache jener zu lenken, die in ihrem unkonventionellen Manierismus unterm Bann einer Mania standen: Verrückte; zu denen immer auch die Dichter zählen.

“Doch verführt hat dich eigentlich der Mond.”

„L’amour (…) est une construction de vérité. (…) vérité sur un point très particulier, à savoir : qu’est-ce que c’est que le monde quand on l’expérimente à partir du deux et non pas de l’un ? Qu’est-ce que c’est que le monde examiné, pratiqué, vécu à partir de la différence et non à partir de l’identité ?“ (Badiou)

Immer tönt der Schwester mondene Stimme …

Tillmann Reik

Abgesang: Mondrausch

Verläßt man hier das Gespräch der Geschwister, um einer Vergleichsmöglichkeit zu folgen, von der es zumindest mitbestimmt wurde, so wäre wohl zu sagen, daß diese Wirklichkeit fürwahr am nächsten mit der abenteuerlich veränderten in Mondnächten verwandt war. Begreift man doch auch diese nicht, wenn man in ihr bloß eine Gelegenheit zu etwas Schwärmerei sieht, die bei Tag besser unterdrückt bleibt, muß sich vielmehr, wenn man das Richtige bemerken will, das ganz Unglaubliche vergegenwärtigen, daß sich auf einem Stück Erde wirklich alle Gefühle wie verzaubert ändern, sobald es aus der leeren Geschäftigkeit des Tags in die empfindungsvolle Körperlichkeit der Nacht taucht! Nicht nur schmelzen die äußeren Verhältnisse dahin und bilden sich neu im flüsternden Beilager von Licht und Schatten, sondern auch die inneren rücken auf eine neue Weise zusammen: Das gesprochene Wort verliert seinen Eigensinn und gewinnt Nachbarsinn. Alle Versicherungen drücken nur ein einziges flutendes Erlebnis aus. Die Nacht schließt alle Widersprüche in ihre schimmernden Mutterarme, und an ihrer Brust ist kein Wort falsch und keines wahr, sondern jedes ist die unvergleichliche Geburt des Geistes aus dem Dunkel, die der Mensch in einem neuen Gedanken erfährt. So hat jeder Vorgang in Mondnächten die Natur des Unwiederholbaren. Er hat die Natur des Gesteigerten. Er hat die der uneigennützigen Freigebigkeit und Entäußerung. Jede Mitteilung ist eine neidlose Teilung. Jedes Gehen ein Empfangen. Jede Empfängnis vielseitig verflochten in die Erregung der Nacht. So zu sein, es ist der einzige Zugang zum Wissen dessen, was vor sich geht. Denn das Ich behält in diesen Nächten nichts zurück, keine Verdichtung des Besitzes an sich selbst, kaum eine Erinnerung; das gesteigerte Selbst strahlt in eine grenzenlose Selbstlosigkeit hinein. Und diese Nächte sind voll des unsinnigen Gefühls, daß etwas geschehen werde, wie es noch nie dagewesen sei, ja wie es sich die verarmte Vernunft des Tages nicht einmal vorstellen könne. Und nicht der Mund schwärmt, sondern der Körper, vom Kopf bis zu den Füßen, ist über dem Dunkel der Erde und unter dem Licht des Himmels in eine Erregung eingespannt, die zwischen zwei Gestirnen schwingt. Und das Flüstern mit den Gefährten ist voll einer ganz unbekannten Sinnlichkeit, die nicht die Sinnlichkeit einer Person ist, sondern die des Irdischen, des in die Empfindung Dringenden überhaupt, die plötzlich enthüllte Zärtlichkeit der Welt, die unaufhörlich alle unsere Sinne berührt und von unseren Sinnen berührt wird.

Achtens und letztens, was denn eigentlich der Mond am Himmel zu verrichten hat? – Antwort: Was die Erde. So viel ist gewiß, er erhellt durch sein mildes Licht, welches der Widerschein von seinem Sonnenschein ist, unsere Nächte und sieht zu, wie die Knaben die Mägdlein küssen. Er ist der eigentliche Hausfreund und erste Kalendermacher unserer Erde und der oberste Generalnachtwächter, wenn die anderen schlafen. (Betrachtung über das Weltgebäude.)

 

1 Eben jene aus Büchners Danton, die in Celans Merianrede “Es lebe der König!” ausruft und über die gesagt wird: “Gehuldigt wird hier der für die Gegenwart des Menschlichen zeugenden Majestät des Absurden. Das, meine Damen und Herren, hat keinen ein für allemal feststehenden Namen, aber ich glaube, es ist… die Dichtung.”

2 Zu Kirke als Doppelgängerin Aphrodites, siehe Kittler, S.27. “Die Zauberei der Medeia ist eher eine Wissenschaft, die der Kirke eher Kunst.” (Kereényi)

3 Mit der sprachphilosophischen Durchdringung des Dualis beschäftigte sich der deutsche Universalgelehrte Wilhelm von Humboldt. Er wies darauf hin, dass es eine irrige Vorstellung sei, den Dualis auf den Begriff der bloßen Zahl zwei zu reduzieren. Seiner Meinung nach vereinigt er zugleich „die Plural- und Singular-Natur“ und sei gleichsam „ein Collectivsingularis der Zahl zwei“, da der Pluralis nur gelegentlich die Vielheit wieder zur Einheit zurückführt. Auf diese Weise drücke der Dualis „das Collectivsingularis“ oder die Idee der „Einheit in der Vielheit“ aus.

In einem seiner letzten Artikel, „Über den Dualis“, betonte Humboldt, es sei ein Irrtum, den Dualis für „einen Luxus und Auswuchs der Sprachen“ zu halten. Auf der Ebene der Sprachphilosophie passe sich der Dualis sehr gut in die Angemessenheit der Redefügung ein, indem er die gegenseitigen Beziehungen der Wörter zueinander vermehrt. Er erhöhe, so Humboldt, den lebendigen Eindruck der Sprache und kommt der philosophischen Erörterung der Schärfe und Kürze der Verständigung zur Hilfe. In diesem Sinne habe er allen anderen Formen „dasjenige voraus, wodurch sich jede grammatische Form in der Schärfe und Lebendigkeit der Wirkung vor einer Umschreibung durch Worte unterscheidet.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Dual_(Grammatik)

4 Die im Ausgang vom Eröffnungssatz der Aristotolischen Metaphysik “Alle Menschen streben von Natur nach Wissen; das beweist schon die Lust an der Sinneswahrnehmung” in ihrer Neuheit doch nur gleichsam Archaisches ander wiederholt.

5 DWDS dazu weiter: Sie führen auf die Wurzel ie. *ghadh- ‘vereinigen, eng verbunden sein, zusammenpassen’, älter wohl ‘umklammern, fest- und zusammenhalten’ (vgl. aind. ā́gadhitaḥ ‘angeklammert’), wozu auch ↗gut, ↗vergattern und wohl auch ↗Gatter, ↗Gitter (s. d.) gehören. Es ist auch in diesem Kontext erstaunlich, dass Jost von Triers Versuch, die entscheidende Matrix des indoeuropäischen Wortschatzes von der einhegenden Umzäunung des Mannrings (“einen Ring besonderer Art, den Bund der Jungmannen, den Männerbund, durchscheinen lassen.”) die Dimension sexueller Differenz zugungsten homophiler Männerbündischkeit verdrängen muss: “Denkt man an ai. vásuh ‚gut‘ und an got. piup ‚gut‘ und an die oben angedeuteten Gründe ihrer inneren Entwicklung aus dem Geiste des Mannrings, so wird man nicht zögern, lat. melior und die Seinen mit μέλος zusammenzufassen,übrigens auch gut und Gatte nicht von Gatter und Vergatterung zu lösen, multum aber und die Seinen entstammen der versammelten Menge selbst.” (Jost Trier, Zaun und Mannring)

6 Das Kommen ist ihr, nach Ciceros von Eymologen als verfehlt angesehener (denn sie käme nicht von Kommen, sondern von Wünschen und Wonne) Herleitung eingeschrieben: Venus, quia venit ad omnia. Die Wonne des Kommens aber ist, in der Bedeutung des “einen Orgasmus erleben” wie der jouissance immer ohne Venus schwer vorstellbar.

7 J.J. Bachofen, Das Mutterrecht, Frankfurt am Main 1975, S.264

8 wie etwa die gegen die Bezirzungskünste Kirkes von Hermes an Odysseus überbrachte Molypflanze.

9 Zur Erklärung dieser unkonventionellen Übersetzung sei eine weitere solche angeführt: “Dem Verstand mangelt es an nichts, außer stets an dem, was sein maßloses Zuviel ausmacht, das ihm fremde Begehren, welches im “Mut” zu anderem in ihm nistet, sowie an seiner “Entschließung”. Die Abwägung, die Eifer, Verlangen, Lust ohne Gier im Mut hören lässt — avidus in audere — und das Schmecken, Schätzen, Mögen im Sinne des Wissens — den sapor des sapere –, macht die gewählte Sprache zum Ausgang des Menschen (“>Sapere aude!< […] ist also der Wahlspruch der Aufklärung”, wie Kant weiter ausruft) zu einer Formel des Wunsches nach dem Wunsch. Wenn das zelebriert wird — und das tun immer viele und wiederholt, indem sie begrüßen, was sie verabschieden, und die Sprache feiert mit – ist der Mensch gerade nicht dabei, sondern eben ausgegangen, über die Liegenschaften seiner Güter hinaus. Und mit ihm sein durch reifizierte und reifizierende Aussagensprache einfachster Machart verstümmeltes Sprechen vom Gegenstand als Tausch-, Waren und Wertobjekt, d.h.als Produkt und Leistung.” (Marcus Coelen, „Verabschiedung der Universität“. In: Kollektiv Unbedingte Universitäten (Hrsg.). Was passiert? Berlin/Zürich: Diaphanes, 2010. S. 95-101, hier 98.

10 Im Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte liest man unter dem Lemma “Akt: “Das Wort A. ist aus dem lat. Drama (actus = Handlung, im Drama selbständiges Stück der Gesamthandlung) übernommen worden.”

11 “Der Ausdruck Philister bezeichnet abwertend jemanden, der Kunst (zumeist Avantgarde-Kunst) und damit zusammenhängende ästhetische oder geistige Werte nicht schätzt oder verachtet, dabei aber unkritisch vorgefertigte, oft als bürgerlich bzw. spießbürgerlich bezeichnete Vorstellungen übernimmt und anwendet.” https://de.wikipedia.org/wiki/Philister_(%C3%84sthetik)

Advertisements

Alenka Zupančič: What Is Sex?

Die Unzählbarkeit des einen Geschlechts

Es gibt, da, jenseits von allem reifizierten Da und Etwas, wiewohl gleichzeitig mitten in jeder res enthalten und „unter“ ihr, das heißt im und als Zwischen, etwas, ein Reales, selbst wenn es nichts mehr gibt: jenes „es gibt“ (il y a) selbst, was, unzerstörbar und untot über-lebend, endlos übrig bleibt, so oft man auch meinen könnte, sämtliche Rückstände alles Seienden abgetragen, zunichte gemacht, beseitigt und ein reines Nichts freigelegt zu haben. Jenes „Es gibt“ unterliegt irreduzibel als die Inkonsistenz eines Nichts, das nicht nichts ist, sondern, sich negierende Negativität, die Bedingung der Möglichkeit noch des Nichts als Unmöglichkeit öffnet. Solcherart im Freudschen wie Heideggerschen Sinne „unheimliches“ Neutrales (wie Blanchot es nennen sollte), das für den frühen Levinas so äußerst bedeutsam war — eine seltsame Ontologie von der Unmöglichkeit einer Ontologie, eine Nicht-Ontologie der Unmöglichkeit, etc., eröffnend — unterscheidet sich von der ansonsten u.a. unter Neutralität verstandenen Aussetzung der geschlechtlichen Markierung (und von dezidiert männlicher Universalisierungs- und Nivellierungsobjektivität in Regie genommen) darin, dass es für die Zone der Sexuation sui generis und somit eines Risses (und man mag sagen, das secare ausdeutend, von dem der Sex semantisch ausgeht, einer Teilung und Spaltung, einem Scheiden, für das im Soma des Subjekts die Keimzellen einstehen) angesehen werden kann. Bei Freud wie bei Lacan taucht besagte notorische In-, Per- und Resistenz mit jeweils unterschiedlicher Nuancierung unter dem Namen des Todestriebs auf. Mit der Entdeckung frühkindlicher Sexualität, die unzeitig da ist, obwohl weder biologische Ausstattung, noch symbolische Ordnung bereits darauf vorbereitet sind, tat sich daneben für die Psychoanalyse eine Latenz auf, die durch keine „reife Genitalität“, als deren etwaige Wahrheit und Eindeutigkeit, eingeholt und ihrer Unbegreiflichkeit entledigt werden könnte. Ebensowenig von einem Wissen überhaupt: man kann sich dieses ontologisch — und damit ganz und gar nicht natürlich — gedachten Sexuellen in bestimmten Sinne nur unbewußt sein; es bleibt dann ebenso der Name für die Zeugungskraft des Uneindeutbaren, Surplus eines Minus, das die Befriedigung am Sprechen genuin sexueller erscheinen lässt als den ansonsten mit Sexualität identisch gesetzten Vollzug genitaler hetereo- oder homoerotischer (Fortpflanzungs-)Praktiken. Von der polymorph-perversen jouissance des Sprechens aus — besonders dort, wo es besinnungslos plappert und sich den Überraschungen von Lapsus und Pun, anstössigen Stolpersteinen der Bedeutung, ausliefert — kann sich das Geschlechtliche, das keine Gattung ist, sondern eher noch das (Ohne, der Riß, die Spaltung: die Unvollständigkeit), ohne welches die Gattung nicht Gattungen sein können, erschließen. Es, das Reale im Lacanschen Sinne, ist kein Seiendes und kein Sein; es ist jenes, was die klassische Ontologie, im Bestreben das Seiende als Seiendes zu sagen, ausgeblendet hat. Insofern muss die binär- und komplementärlogische Kombinatorik kultureller Archetypen von als Gegensatz und Ergänzung gedachten Entitäten des Yin und Yang, wie der Jungsche Revisionismus sie voraussetzt, ebenso als Desexualisierung gewertet werden, wie die Auflösung des unzählbaren sex zum zählbaren gender anhand von durch performative Sprach- und Machtspiele produzierter gesellschaftlicher Rollen vor dem Hintergrund unterstellter Un- oder Vielgeschlechtlichkeit.

Zone des Risses, Riss der Zone: das Reale, die entsetzende Out-of-jointness der symbolischen Ordnung… Was auch bedeutet, der Sphäre des Triebs — nach Freud stets ein sexueller, nach Lacan immer ein todestriebhafter –, einer Drift und Deviation, für die der gekrümmte Umweg die Abkürzung darstellt, mit dem etwas sein eigenes Zentrum, das Eigene, d.h. einen Mangel — das „-1“ als Fehlen der Eins, dem die Zwei, wie der Überfluß  (1+) der diskursiven Signifikantenketten entspringt — einkreist und damit eine Non-Relation, das Mit eines Ohne „vollzieht“. Die Cogitatio als Co-Agitatio, ursprünglich das kreisförmige Zusammentreiben von Vieh auf der Weide, wäre bloß eine Spielart solcher Umtriebigkkeit; wenngleich eine, in der sich das, auch für Tiere geltende, konstitutiv gestörte Verhältnis eines Körpers zu sich selbst besonders eindrücklich in Szene setzt. Alenka Zupancic setzt, indem sie die ontologische ti esti Frage gegen alle Tabus (wieder) mit dem Sexuellen kopuliert — Was ist Sex? — beinahe eine Art inzestuösen Kurzschluß ins Werk, konstruiert eine neue und doch so alte unterdrückte Verschaltung, der zuzutrauen wäre, die bisherigen Algorithmen psychoanalyse-averser Philosophie in ihrem zwanghaften Repetivitätsautomatismus nachhaltig aus Konzept und Fugen zu bringen. Nicht so sehr allein zu desorientieren nämlich, als einer Desorientierung gewahr werden zu lassen (mit polemischer Spitze gegen eine Modeströmung spricht sie von der Notwendigkeit einer „object-disoriented-ontology“), aus der sich diskursive Formationen bilden, die sich durch die Emergenz eines neuen, eindeutig eine bestimmte Äquivokation formulierenden und formalisierenden Signifikanten destabilisieren lassen, wäre die Aufgabe der psychoanalytischen Intervention, sofern sie keine bloße therapeutische Ego-Orthopädie abzugeben sich begnügt. Wäre zudem vielleicht die Aufgabe eines Denkens, das nicht lediglich mehr weder konsequenzenlose (Schul-)Philosophie noch Lebensratgeber von Kommunikationsexperten sein will.

Tillmann Reik

Informationen zum Buch