Hendrik Jackson: Sein gelassen. Aufzeichnungen

Dikranoi — Deconsolatio poetica 

Μακάριοι οἱ πενθοῦντες, ὅτι αὐτοὶ παρακληθήσονται

Wovor werden die Phänomene gerettet?
Nicht nur, und nicht sowohl vor dem Verruf
und der Mißachtung in die sie geraten sind
als vor der Katastrophe wie eine bestimmte Art
ihrer Überlieferung, ihre »Würdigung als Erbe«
sie sehr oft darstellt. –
Sie werden durch die
Aufweisung
des Sprungs
in ihnen
gerettet.
(Benjamin)

dieser eine Parmenides

ich ging zu Parmenides nicht wie zu einer Autorität, ältesten, unangefochtenen, sondern zu diesem einen Parmenides, in philosophischer Meditation, um es ihm gleich zu tun. (72)

I’m goin‘ to Jackson, I’m gonna mess around

Haplodiploid. Parmenides´ paradoxes Nicht-Paradox.
Komisch-gnomischer Vorsatz zum Sein-Seinlassen
(Still messy as fuck)

Fast wie ein authentischer autistischer Monolog mit ergänzender Selbst-Unterbrechung mutet es an:

☐ Ach! Man müsste, kurz und bündig, ganz einfach gesagt

— gleich als würde sich allein schon mit dem lauteren Vorsatz zur Verlautbarung dieser Losung das, in all seiner sentimentalischen Naivität, desaströseste [*] Désir, sowohl des Parmenides, wie jeglicher noch so sophistizierten modernen Dichtung und Denkung, nach dem geheimen labenden reinen Reim der Dinge, ihrem gemeinsamen Nenner, dem Zauberwort, das Denken und Sein ins Einvernehmen setzt, Ausdruck verschaffen –:

ES sagen. In extenso, ad nauseaum. Bis zur Erschöpfung und letzthinniger inniger Selbst-Preisgabe. Und diese bejubelnd.

Sagen, und zwar, genauer, etwas ganz Bestimmtes auf bestimmte, kunstvolle Art, in einzig passendem modus loquendi. Mit ganz bestimmter ars.

☐ Man müsste nämlich, noch genauer gesagt,

— mit so gnomischer, engmaschig-enigmatischer, kryptisch-opaker, wie komischer, aus seliger Loslösung der Logik, ja, des Logos, von „sich“, oder eher deren beider koboldhaft-scharlatanesker (A)Tomik keimend aufbrechend, diese und die an sie geknüpfte Erwartungshaltung durchkreuzender Esoterik:

Einfach nur:

Das Einfache /
einfach sagen

Nicht? Komisch-Gnomisch-(A)tomisch.

„Einfach sagen“ soll, muss wohl weiter explizierend appendiziert werden,

dieser sich immer schlimmer entzündende Wurmfortsatz wird, sich ringelnd wie ein (H)egel, schlichtweg schlecht-unendlich, da Sprache, gewesen sein, usw. Schlechte Unendlichkeit: Sprache: Hang zum Übermut ohne Grenzen.

besagen, sowohl geradeheraus, frank und freimütig und ohne zu zögern, als auch kunstlos ungeschmückt, non-artifiziell. Auf den Punkt. Man müsste ES — einfach, also kunstvoll kunstlos gesagt —  kunstvoll kunstlos sagen.

Fast wie ein obszöner kategorischer Imperativ aller sprachlichen Performanz, mutet dieser kupitiv-optative Jussiv an. Joussif (Derrida).

☐ Ganz simpel sprachlich mitten in es hinein, direkt zu ihm oder ihr, der Einfalt, der einen Falte, hin, sich in sie, als sie (und nichts anderes), ein (und also zurück-)faltend, gelangen. Auslangen, sich expandieren im Modus jenes zentripetalen petere-Impetus, jenes Appetitus, der alle Kompetenz und Kompetivität anfeuert und in einer petitio prinicipi-Repetition kreisen lässt. Dabei von ihr her, der einfältigen Appetitik des Selbst-Verspeisungshungers, aus ihrem Geheiß, kommend. Schlicht sagen heißt dann, Sich Selbst sagend, sich selbst sicheln. Nichts anderes.

☐  Man müsste, bis zur Erschöpfung, nichts Anderes sagen. (Als Sich / das Andere).

☐ So unkompliziert, wie ES eben, in Wahrheit, womöglich, tatsächlich, ist, ES, vor jeder sexuellen Spezifikation, sagen, darum sollte einem zu tun sein.

Mit dem Ziel, das transzendentale, alle Gattungen transzendierende Geschlecht des schlechthin nicht-schlechten und also guten Schlicht1, zu treffen. Es, möge es dieses, jenseits aller Sancta Simplicitas-Verspöttelung, so Gott oder die Göttin will, wären diese nicht eventuell gerade ihrerseits schon Chriffren fürs Gesuchte selbst, keineswegs etwas anderes, als das gütig Gebende [**] selbst, geben, aufzufinden. Und womöglich sich in ihm, seiner tröstend-treusorgenden Sage, ein für alle Mal halten, einrichten. Eine Bleibe, ein Refugium finden, das einen einfach einfasst und umschließt, wofür man es dankbar umarmte. Aber auch stabilen Grund, Referenzpunkt für jede weitere orientierende Rückversicherung böte.

Letztlich wird es eine Wiederaneignung gewesen sein: das einfache Begehren ins Einfache zu gelangen, strebt, wenn es nach dem Einfachen trachtet danach, sich mit sich selbst zu versöhnen, seinen Zwist, mit sich, der es „ist“, zu schlichten. Die Teilung zu ent-entbinden. Wieder zu versöhnen und ein für alle Mal Schluß mit allem Wieder und Wieder des Wider zu machen.

*

☐ Eben allein am, alles Verworrene nur wie eine Täuschung aus sich entlassenden, einfach Einfachen, in seiner unversehrten Gegebenheit, unterstellt der trostsuchende Glaube ans elementar Ungebrochene, Integre, wo er eher einem Willen zur Versicherung entspricht, als einem Vertrauen, das sich ans Haltlose wegwirft, könnte alles gelegen sein. Allein, so ist seine, dieses Willens zu einem bestimmten Wissen, Hypothese — und setzt damit schon teleo-theseo-technologisch das Sein als Setzung, setzt auf es, zählt auf es, misst es ab, baut auf es und rechnet ganzzahlig mit ihm: nimmt es in Dienst als Mittel für Zwecke — könnte die Beschaffenheit des einen Seins, die Verfassung des Seins als reiner Eins, die konstitutive Konsistenz des reinen Einseinseins liegen. (Pythagoras, der Religionsstifter und Mathematiker, der Stifter der Mathematikreligion: in welchem Verhältnis stand er zu Parmenides? Und beide zu Leibniz, dem Erfinder des Satzes vom zureichenden Grund und der Lebensversicherung?) Und solches und das, was es ist, sich, im Sagen und als Sagen, Sein und Denken (also Sagen) als dasselbe erweisend, zeigen.

*

Das Einfache /
einfach sagen:

Möglich ist das indessen, ach, sei´s gleich geklagt, und damit das Sagen ursprünglich ins Klagen verwickelt, — kaum. Quod erat demonstrandum, ex negativo, in extenso, ad nauseam.

Ist dies Sagen vielleicht auch nicht gleich „ganz und gar nicht“ möglich, so doch immerhin „nicht-ganz nicht“, fast nicht. Also mehr oder weniger als einfach „nicht“, weil noch das Nicht sich selbst unterbricht, ihm ein anderes Nicht und etwas anderes als ein Nicht, dazwischenkommt. Eine Art Nicht-Nicht, und was in diesem Syntagma zählt und gemeint ist, ist der Trennstrich in seiner Mitte. –

Kaum ist es möglich, kaum kann es gelingen, das heisst „nicht ganz nicht“. Käme die Dazwischenkunft des Kaum nicht ins Spiel als dessen permanente Eröffnung, gäbe es die Möglichkeit, als „nicht ganze“, als (Un)Möglichkeit, nicht. Dafür als ganz Ganzes für dessen Glanz der vollen Möglichkeit und ihrer restlosen Verwirklichung die Tradition ein Schauder erweckendes Wort bereit hält: Tod.
Nicht also nur nicht — ganz — möglich, gleichermaßen nicht ganz wünschbar kann dieses einfache Begehren, einfach nur das Einfache einfach zu sagen, sein. Sein Wunsch ist, wie wohl jeder Wunsch, der double-bind einer (das) „sich selbst“ unterbrechen-müssenden, sich von ihrem Zweck abschneidenden Teleologie: Man müsste (nicht).

☐ Von Kaum, barely, und den Algo-Rhythmen seiner bartleby-haften Kaum-Möglichkeit und ihrer Präferenz für ein bestimmtes „not to“, im französischen à peine, semantisch mit Kummer wie treusorgendem Sich-kümmern (cura und souci) verwandt, geht, au, ein Schmerz, eine Pein aus. Eine Trauer, die wahrhafte Quelle jedes Ausdrucksbedürfnis, fürs Sprechen überhaupt, sein könnte. Aber eben auch, zur gleichen Zeit mit diesem Schmerz, in Ur-Ambivalenz, ein Scherz, ein Witz, ein éspirt, ein Geist: Komik des Kaum-Raums ohne Zaum seines Saums. Comely: wohlgestalt und ziemlich.

Kaum. Sprechen: Radebrechen. Nur beinahe und nahebei: par(a).

Sich treusorgender kümmern um dieses Kaum, dieses bare Barely und para, das müsste man wohl in Wahrheit. Darum wie es barrt, bahrt, ent- und gebärt, über- und austrägt wie sagend einsargt. Da in ihm von Sprache — dem Kau´n des Kaum — und ihrer Fast-Verfassung die Rede ist. Zu ihm müsste man, eigentlich, hin, ES und das Bare müsste man sagen.

*

☐ Es erweist sich nunmehr wohl, schließlich und endlich, dass das anfängliche désir, wenn es, gerade im Sagen, um die Gunst dieses sich mit sich selbst reimenden Seins in seinem Reineinseinsein (und nichts außerdem) buhlt –also letztlich, irgendwie, wenn auch verborgen, immer und nie, überall und nirgends —

Das Dasein ist ein Seiendes, das nicht nur unter anderem Seienden vorkommt. Es ist vielmehr dadurch ontisch ausgezeichnet, daß es diesem Seienden in seinem Sein um dieses Sein selbst geht. (MH)

es stets bereits um eine seltsame, sich multiplizierende Zwiesel, ein Zwiesel aus Zwieseln-Dickicht, sich sowohl kümmert, wie selbst dieser Teilung Teil ist.

Denn es bricht sich.

Kann nicht wollen, was es will. Es will (nicht/Nicht). Ein in sich gebrochenes, von sich aufbrechendes “Nicht-Nicht”, pas-pas, par-par, greift begehrlich eruptiv um sich wie Zunder. Anders gesagt, ES markiert oder dichtet, unmittelbar die Unmittelbarkeit endend, lichtend, die Widerfahrnis des Bruchs mit sich als Ende aller Nichtung. Schlichtweg und schlechterdings nichtschlicht, ihre, der Nichtung, Nichtung und Selbst-Hinrichtung. Sui-Dekapitation, als selbstverabgründigender Grund und nicht anzufangen aufhörender Ur-Sprung und -Riß. Nur eben nicht einer, nicht ganz. Dieses hen diapheron heauto ist ein disseminierender Auto-Polemo-Logos und in diesem Satz (auch aber nicht nur) das Ist. Nicht? Vielleicht.

*


☐ Alles Sprechen, und mehr noch, Schreiben — dort, wo logos an- und eingedenkend unterm Patronat der Mnemosyne wahren und die Toten, Bleibendes stiftend, nicht sterben lassen will, dem Schnitter durch mit Graphemen Grabstätten stiftendes sargendes Sagen, trotzend

Tod, wo ist dein Stachel? (1.Korinther 15)

— zollt dieser Nichtungs-Nichtung fortwährend im Vollzug Tribut. Schließt sich ihrer Klage-Sage, diesem Selbst-Wider-Spruch der Performation, über „sich“, an. Motiviert von der seinem Tun (praxis wie poiein seines logos) impliziten, es befeuernden, paradoxen Parole, Maxime, Devise: “Tod, dem Tod!”.2 Schlecht, und also zu schlicht, übersetzt vielleicht auch: „Tu´s nicht, du Nicht!“. „Lass sein!“. „Lass Sein sein!“. Es wäre die intrikatere Variante jenes initalen Fiats, performativer Erz-Sch(m)erz, die verdeutlicht, dass der orthos logos im Anfang stets nichts als ein Gewährenlassen von sich selbst einfordert. Afformation. Ein Ablassen. Eine Bestreikung seiner Strikturen. Let there be being: let there be letting-be. Let leave and get lost.

*


☐ Wirklich nicht tot zu kriegen mithin, erweist sich, wie gesagt, unabweislich, ist die sich begehrlich öffnende Dopplung. Teilung, Spaltung. Zwiesel. Wiewohl Hiatus, Wunde und Mal, Na(r)be. Chiastisch selbst-barrende Durchkreuzung und Bruch- wie Trennstrich, um die sich alles dreht.

O Y V U X / – …

Sie macht mit ihrem geteilten Zug die in sich widersprüchliche, gebrochene, einfältige Sehnsucht nach dem Einfachen, wo es zuvörderst das ganz und gar Undoppelte, frei von Trug und hinterlistiger Zwieschlächtigkeit zu sein hätte, einfach schwierig. Macht also den Glauben an das souverän Ungeteilte und seine religio, wenn nicht zuschanden, dann doch unendlich komplizierter. Im Anfang, der keiner ist, war der medial-apriorische aporetische double standard eines Seins, das (k)eins ist. Nicht also das eine, alles versammelnde Wort als vielmehr die ganze Sprache (und das heißt: die ganze Unganzheit). So lautet die schlichte Moral von dieser Verwicklungs-Geschicht´ und zugleich die Formel ihrer Initial-Intrige, primordiale Korruption.

*


☐ Die Frage, die im Trost der Trauer über das Kaum, par(a) und Nicht-Nicht, pas-pas — von dem her eine gesamte Geschichte des Seins, seit dem ersten Auftauchen des Worts bei Parmenides und damit die Philosophie als onto-theo-teleo-theseologische Metaphysik: im steten Scheitern ruinöses und in sich nur als und in diesem Ruin gründendes begründendes Selbst-Versicherungsunternehmen verstanden werden könnte — virulent wird, lautete dann nämlich grundsätzlicher, anders. Eine sich immer schon in anfänglichem Mißtrauen bezweifelnde Fraglichkeit wundert sich: Kann die doppelte Verneinung, oder die Dopplung, durch welche sich eines als eines, (A=A),

[Natürlich geht es auch darum, den Ekel vor einem gewissen (H)Egel und seinem Gewinde, der diesen Überlegungen gleichermaßen Wirt und Parasit ist, — und im initialen Wurmfortsatz sein karikierendes Double hat –, zu überwinden oder zur Freude wenden lernen, welcher Identität als jene Gestalt doppelter Negation expliziert hat, die sich so ausdrücken ließe: A ist alles das nicht, was es nicht ist. Siehe dazu: klick. Doch dabei wäre dieser (H)Egel mit seinem verfemtem Freund, namens Freud, zusammen zu führen.]

stets schon negiert, mit Des-Identifikation infiziert, schlichtest denkbare Litotes3, überhaupt je konsolidierende Positivität — verlässlich und reliable — begründen? Oder zieht sie nicht vielmehr, allein deren Bewegung bejahend, immer schon umso tiefer hinein in Strudel undialektisierbarer (meint: nicht aufhebbarer, nicht nicht-sein könnender, da nur, als solche, nicht-sein könnender) ruheloser Negativität ohne Halt, Schutz und Trutz? Bleibe bietend allein in Unzuhause, Exil und Diaspora?

Die Antwort lautete redlicher Weise: jein. Negativität — oder was man nach diesen Intrikationen nur noch mit schlechtem Gewissen so wird nennen wollen — ist immer nur dort wirklich eine solche, wo sie, emphatisch, (k)eine ist. Sich selbst — eroto-polemo-logisch — leidenschaftlich bestreitet. Bekämpft, abweist, verleugnet und dadurch bestätigt. Als De- oder Un-Negation wiederholt sie notorisch, exzessiv hyperbolisch, was sie versucht zu vermeiden, affirmiert, was sie negieren will. Wie (dies) (nicht) verleugnen?

☐ Solche geschehnishafte, seinlassende (Nicht-)Nichtung immerhin ist es, die, in ihrer paradoxen, überschwänglichen, aufrichtigen Selbst-Affirmation, weder (in dieser Hinsicht ist sie „neutral“: ne uter) für negativ noch einfach nicht-negativ gelten kann. Von keiner juridisch-ökonomischen Buchhaltung aufs Haben- oder Schuldenkonto verbuchbar, stünde sie — in ver-zeihender Zeitigung — zum sühnenden Geist der Rache wie dem vindizierenden der Schuld und Schulden seltsam schräg. Queer und crank.

es ist ein sagenhafter, haftender Schmerz in dem nie aufhörenden Schuldabgleich des Anaximenes, den nur die Sage von etwas Bleibendem lindern kann, nicht wahr? (128)

Es handelte sich nunmehr, ein letztes Mal unmerklich anders wiederholt, um eine gar nicht so negative „Negativität“, von welcher darüber hinaus keineswegs für ausgemacht gelten darf, dass ihr ausschließlich mit tragischem Pessimismus zu begegnen ist. Sie ist ein Sch(m)erz. Weswegen auch der anfängliche Verweis auf die Notwendigkeit einer Komik der Gnomik der (A)Tomik des koboldhaften Nicht-Wicht Kaum für mehr als bloßen Ulk genommen werden sollte.

Denn ein Nicht — im deutschen selbst bereits eine Negation oder Leugnung — ist, etymologisch bezeugt, (k)ein Wicht:

and nichts (“nothing” in German), not a Wiht, a little demon, in terms of muthos, or, in terms of logos, not a Wicht, from Wesen, “essence.” (Barbara Cassin)

Nicht ein Wicht

Kleine unbestimmte Mengen stellte man sich gern konkret und gegenständlich vor. Daher besteht ahd. io-wiht, mhd. iht in der Bedeutung »etwas« aus einem Präfix io- und einem Substantiv ahd. wiht »Wesen, Ding; Kobold« und meint »irgendein Wesen«. Dieses Wesen, das auch dem Wort Wicht zugrunde liegt, steckt auch in den Negationswörtern nicht und nichts. Sie sind aus der Verbindung von wiht mit der Negation ni entstanden. Aus nicht ein Wicht, nicht ein Wesen wird also nicht. (Duden, Herkunftswörterbuch)

☐ Vielleicht sollte man zu wagen erwägen, sich dem Gewicht dieser komisch-gnomisch koboldhaften „Wichtigkeit“ dieses anontologischen, nicht-negativen wie nicht-privativen Nicht, — kaum ein nicht, nicht mal wirklich ein Nicht — auszusetzen. Mit Sinn für den Ernst des Spasses (in beiden Genitiven) seines Spiels, sich ihm oder ihr! — der Viel-Geschlechtlichung selbst — dichterisch gewogen zu zeigen. [***]. Es ist das komisch-gnomisch Tomische, es ist das, von Allem geteilte Teilen, „selbst“.


☐ Doppelkopf4 sollte man dieses scherbenreich janushafte Spiegel-Spiel nennen. Dessen einzige Regel besteht darin, dass eine als narzißtische Auto-Affektion des Seins-Selbst sich inszenierende Reflexivität sich bricht. Im Versuch einschließender Selbstzuwendung — „sich“ einfach zu sagen und sargen — abdriftet und zur absoluten, selbstbezüglichen Negativität, die keine ist, verdeutlicht.

Das heißt aber, aus den Mündungen, den aporetischen Poren dieser sich von Anfang an vervielfältigen einfachen Dopplung, dem Haplodiploid herausspringend: spricht. Dabei zur gleichen Zeit schlichtend, in seinen mindestens zwei Bedeutungen des pazifizierenden Glättens und Ebnens, und, vervielgeschlechtlichend zerschlagend, schlachtend.5 Kann erstere ebenso Mediation bedeuten, welche, nicht richtend, doch im Sinne des ausgleichenden Kompromisses, auf den einfachsten gemeinsamen Nenner bringt, so soll hier, einmal mehr, aufs bare (s)Brechen der fraction bars selbst, als geteiltem Maß, heruntergebrochen werden. Im Strich / streicht sich der Bruch, bricht sich.Das schlechthin Schlichteste, was nicht nicht (oder NUR nicht) sein kann, sei somit, in halb bescheiden, halb aufschneiderisch voreiliger Antwortofferte, gleichermaßen überraschend wie erwartbar, das schlichtend-schlachtende Scheiden/Schreiben in seinen (sich-)(s)einlassenden (Ob)(l)iterationen. Es vollzieht, zeitigt, die Rettung des Sprungs, anders gesagt, Satzes, in noch anderen Worten, Ur-Teilens, im doppelten Genitiv und aktiver Passivität, im Zuge seines Aufweises, das heißt: -risses.

*

☐ Liest man nun den Anfang erneut, liest er sich anders.

Man müsste (nicht):

Das (nicht) Einfache /
(nicht) einfach (nicht) sagen

Man müsste NICHT sagen. NICHT tun.

„So bleibt noch die Kunde des einzigen Weges: Das Sein ist.

Nicht. Der einzig gangbare Weg, denn Gehen ist Nicht-Gehen, ist der Schritt des pas, bleibt die triviale Aporie.

 

(S)Einlass

Sein-lassen ist das Sicheinlassen…(Heidegger)

I

Bei Gelegenheit

Schreiben heißt sich zurückzuziehen. Nicht in sein Zelt, um zu schreiben, sondern von seiner Schrift selbst. (…) Dichter sein heißt, die Rede sein zu lassen. Sie ganz von allein sprechen zu lassen, was sie nur in der Schrift zu tun imstande ist. Die Schrift zu lassen, heißt nur da zu sein, um ihr den Durchgang zu lassen, um das durchscheinende Element ihres Ausgehens zu sein: alles und nichts. (Jacques Derrida, Edmond Jabès und die Frage nach dem Buch)

In einem Nachsatz genannten Epilog seiner Aufzeichnungen, der die lange Inkubationszeit des vom Leser in Händen gehaltenen Buches betont

dieses Buch hat lange gelegen. (153)

— weist die Logik der lange Lage auf eine der günstigen Gelegenheit, kairos,  occasio harrende Reifezeit, oder war es die zähe Weile siechenden, morbid-moribunden Darniederliegens, ewige Hinfälligkeit und Fäulnis bezeugend? — und mit einem demonstrativen, die gängigen Setzungen und Satzungen resolut entsetzenden Sitzstreik unter der Losung

“Nichts ist die Lösung”

endet, dessen Zeuge der Erzähler per Zufall wird, rundet sich die an den von Platons Fremdem “unser Vater” genannten Vorsokratiker Parmenides von Elea und dessen hexametrisches Lehrgedicht geknüpfte, von den ersten Seiten an das Ganze durchstimmende untröstliche (und insofern: unstillbare wie unversöhnlich-intransigente) Trostbedürftigkeit zur losen Unschlüssigkeit, nicht zur vollen, in sich gesättigten, bauchigen Kugel, Sphaira. Jener Parmenides, mit der Trauerbetreuung betraut, dessen Name, ohne dass das definitiv feststünde, womöglich aufs Stehen, aufs fest in sich selbst oder anderem bei-stehen abstellt. Die Assistenz. Para: das heisst nahebei und beinahe, in unbestimmbarer Distanz: dieser Tröster, vielleicht Freund, ist nicht hier oder da, nicht innen und außen, sondern irgendwie: nahe, er, der Hirt und Hüter (ho poimèn) begleitet mich und uns6 .(Beistand ist denn auch eine der Übersetzungen des von Luther mit Trost oder Tröster wiedergegebenen Parakletos: des herbeigerufenen Fürsprechers, Advokats. Parmenides ist demgemäß Parakleitos, dessen Stecken und Stab bekanntlich die als Leidtragende Seliggesprochenen tröstet.7) Es schließt sich mit anderen Worten der Kreis einer diverse Gebiete nach Orientierung abgrasenden Rumination, eben im Modus dieser fortwährenden hyperbolisch-parabelnden Selbst-Abschweifung, ein Sich-Verlieren, zur Pforte und zum torbogenartigen Gewölbe. So dass sich, von Anfang an, ein Durchlass auftut, der, wenn nicht schon die Passage gestattet — vermutlich wird auch hier der Eintritt zum Gesetz aller Sätze von einer Art Kafkaschem Türhüter in unabsehbare Zukunft prokrastiniert — dann immerhin das oft beschworene, glücksverheissende Lichtlein am Ende in Gestalt dieser Höhlung selbst erahnen lässt. Auf die Frage

“ob es ein Sein gäbe, das nicht nicht sein könne. ein etwas, jenseits meiner inneren Phantasmagorien — nicht die Welt dort draußen, die Welt der doppelköpfgen Menge, wie Parmenides schrieb — nicht die harsch abweisende des Todes und der Vergänglichkeit, sondern, ergänzte ich für mich: ein Tröstendes, das nicht nur in mir läge, das nicht verginge und nicht täuschte.” (17)

das nicht gespaltene, einfache sein, einfach sein.

Einfach das Einfache sagen. (42)

rekurriert im Anfang einer Phase der Trauerarbeit (gibt es andere Anfänge und können sie je nur “Phasen” bleiben?), wer gleichermaßen unhintergehbarer Trostlosigkeit, Untröstlichkeit und Nicht-bei-Trost-sein nicht nur im alltäglichen Trott “vertierter” (Adorno) gesellschaftlicher Praxis ausgesetzt ist, sondern den “Todesfall” in singulärer Exemplarität hautnah (und in “Betroffenheit”, die dann, aller theatralen Allüre bar, schlicht eine Situation bezeichnet, die mich nicht nicht angehen und aufreiben kann) dort zu verarbeiten hat, wo die Freundin sich — in freiem Entschluß (wenn solche Entschlüsse je frei, wenn Freiheit selbst je einfach nur frei wäre) — das Leben nahm. Oder, wie es auch heißt, den Tod gab. Der Tod, der Andere, immer der Tod des Anderen, nie meiner, selbst wenn es meiner sei… Es ist ein Buch von Trott, Tod, Trost und Trotz. Trauer und einer Art trust, Treue und Vertrauen, sowie truth, einer Wahrheit, der vor allem darum zu tun ist, die Toten zu bewahren; bewahren vorm Vergessenwerden. (Was voraussetzt, dass sich das Denken/Schreiben in jedem Zug selbst daran erinnern muss, dass es vergisst. Es wird, ganz, zu diesem Eingedenken seines eigenen Vergessens.) Ein Buch überdies, das schwer der therapeutischen Textgattung Consolatio zuzurechnen ist, weil es erbaut und erhebt nur um desto rücksichtsloser aufzuwühlen und verstören. Dennoch in gewissem Sinne, fast heiter, lichtet, schlichtet und die Vision einer anderen ars vivendi und moriendi aufscheinen lässt, sofern es sich, ganz simpel, einer Erfahrung der Aporetik (immer gleichwohl die Erfahrung der Unmöglichkeit von Erfahrung), sie präzise dokumentierend, überlässt, statt partout mantrahaft und mit deiktisch-didaktischer Gewalt und falscher Schlichtheit Unterkomplexität zu beschwören. Oder Konsistenz herzustellen, in dem Inkonsistenzen einfach umgangen oder an andere Orte verschoben werden. Von dieser Aporieerfahrungsbereitschaft zeugt die Unentschiedenheit, die das Buch — angesichts der Schestow zum Zeugen aufrufenden Einsicht, dass die Philosophie im Ganzen (und nicht etwa nur eines ihrer Binnen-Genres, die besagte consolatio) sich selbst labende und versichernde Trostrede sei — zwischen einerseits verwirklichtem Trostbuch und andererseits bloß und allenfalls Vorbemerkungen zu einem solchen, im Zeit verdrehenden Konjunktiv II Futur II Passiv: “Prolegommena zu einem Trostbuch, das nie geschrieben worden sein würde.” schwanken lässt.

Das Buch selbst (Bruch vielmehr, gebrochenes Volumen) ist: (k)ein Trost. Kein Buch, Bruch.

Die seit den Anfängen des abendländischen Denkens nicht enden wollende trotzige Frage nach dem Trost: die Frage nach dem Sein(ssinn). Parmenides seitdem unser Beistand und ständiger Begleiter. Doch wie sich das “Du bist bei mir” des 23.Psalms wie das jesuanische Wort “ich bin mitten unter euch” auf einen toten oder immer stetig sterbenden Gott bezieht (der aufersteht nur als Toter und damit zu denken gibt, dass Leben nichts anderes sein könnte als stetig auferstehendes Totes, zu Stande kommen von Darniederlage), erweist sich die Adjutanz des Parmenides (und des Begehrens für das sein Name einsteht), sein Para, als die ständige Präsenz eines Ruins. Paranoia des Nous. Wenn Platon in seinen Dialogen Parmenides und Sophistes das Denken am unerbittlichsten seinen Inkonsistenzen zuführte (und fortan hauptsächlich damit befasst war, die daraus erwachsenen Schäden wieder zu beseitigen), dann steht der, beim Wort in seiner vollen Konsequenz genommene Parmenides nicht nur als Gorgias dar, bildet mit ihm zusammen einen Doppelkopf, sondern steht auch ein für das Dabei-Sein (das Absolute will bei uns sein, heisst es auch bei Hegel) eines Fehls: er hat den Bruch, der das Sein als bauchiges Buch und Volumen ent-bindet, mit-gegründet und konsolidiert. Denn bei seinem Sein, das als ständig Stehender Beistand, ewigen Halt bieten soll, findet sich, als sein anderes, mit ihm selbst, ein weiterer Begleiter: der azephallische Zer-Fall, der alle Versammlung noch des kognitiven Kapierens und seiner Konzentration (die hier wieder nur in der meditativen Zerstreuung zu ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit findet), in sprichwörtlichem Sinn, versemmelt.

Wer sich fortan am chiastisch gebarrten être/lettre tröstet, tröstet sich auch an ihm, dem im Trost enthaltenen Rost. Die irreduzible Korrosion und Korruptibilität ist es, die, als ewig kommender Bevorstand eines “Vorbei!”, bleibt, sich unerbittlich durchhält. Er ist das Nichts, das nicht nicht sein kann. (K)ein Trostbuch/Rostbruch.

II

Geht es wirklich um Arbeit, fragt sich angesichts solcher Trauer mehr denn je, um ein, sich als Bewältigung verstehendes Machen, Beherrschung widerspenstigen Rohstoffs, dem mit gewissem Zwang beigekommen werden muss, damit er sich dem forcierten Willen zur Form fügt? Das Bewahrenwollen und -müssen jedenfalls, worum es sich, beim Schreiben, handelt, unterliegt einem doppelten Imperativ: “Die Toten nicht sterben zu lassen, sie einzubeziehen.” und die Uneinbeziehbarkeit, die Unbewahrbarkeit, die Unbewältigbarkeit, d.h. den alle Beschwichtigung als Verrat erscheinen lassenden Skandal dieses Todes, zu hüten. Einbeziehung unter Einbeziehung der Uneinbeziehbarkeit, die keine Marginalie ist, sondern die Hauptsache.

Die Toten nicht sterben zu lassen, sie einzubeziehen.

Und also, ohne glorioses Heil und Auferstehung, retten allein als Verfallen(d)e. Es gibt keine kompensatorische Wiedergutmachung für diesen Verlust, noch lässt er sich a-mortisierend zu einem Gewinn ummünzen. Aus der Lage könnte vielmehr wohl quintessentiell die Lehre gezogen werden (die oben genannte lange “Gelegenheit” des Buches umwendend/umreimend), welche Hölderlin in der Blödigkeit (“Blödigkeit, Blödigkeit”, S.144, bêtisen)

»Blödigkeit« — ist nun die eigentliche Haltung des Dichters geworden. In die Mitte des Lebens versetzt, bleibt ihm nichts, als das reglose Dasein, die völlige Passivität, die das Wesen des Mutigen ist; als sich ganz hinzugeben der Beziehung. Sie geht von ihm aus und auf ihn zurück. (Benjamin)

betitelten Ode in asklepiadischem Versmaß (die in einer anderen Fassung auch einmal Dichtermuth hieß und vermuten lässt, dass der Musen-Mut des Dichters gerade in der Gemütslage einer Blödigkeit genannten passiv-lässigen Empfänglichkeit liegen muss, womöglich nah an Keats´ vielfach als emsige Lässigkeit übersetzten “diligent indolence”) aus dem Zyklus Nachtgesänge so wiedergibt:

Was geschiehet, es sei alles gelegen dir!
Sei zur Freude gereimt, oder was könnte denn
Dich beleidigen, Herz, was
Da begegnen, wohin du sollst?

Bereits zu Beginn schiebt sich (im Nachsatz wird es rekapituliert), bei Gelegenheit, vors vom Begehren nach rostfreier Festigkeit, Beständigkeit, seelischem Halt, Ermutigung im Leid: Schmerzlinderung schreibend Rudernden ein Nichts,

Sein schien mir immer mehr: unausweichlich, ungerührt, unantastbar, unverlockbar, letztlich uninteressant in seiner Beschlossenheit. Frage nach der Möglichkeit des Denkens überhaupt, quälende Frage nach Notwendigkeit. immer mehr schob sich mir dabei die Frage nach dem Nichts vor die Frage nach dem Sein. (153)

was gegenüber der Schreckgestalt, die das nicht-nicht-sein-könnende (und nicht Nichts sein könnende) Sein bannen soll, ein anderes Nichts, das, gebender, löst und lässt. Dass ein Nichts nicht nicht sein könne, scheint nun mehr einzuleuchten als dasselbe von seinem Gegenteil zu behaupten; das Nichts imponiert vor allem als Antwort auf die Frage nach einem Machen, das nach handfesten, vergewisserbaren Resultaten trachtet — Was, nun, tun? –. Es ermuntert, ermutigt, ermächtigt zur paradoxen (Un)tätigkeit. Blödigkeit. “zugleich die Müdigkeit”. (43)

Macht was, macht nichts

Seine Vervollkommnung fände das Tun, wie sich hier erschreibt und fast zur Beschreibung des Schreibens selbst präzisiert, in einer bestimmten Unterlassung, dem Ablassen von allem plangeschmiedeten, zielgerichtet machen wollenden Wollen.

Im Zuge des Gewahrwerdens eines “Gelassen sein”, bereits in der Sehsucht nach ihm, das sich, gerade in seiner ruhevollen Gelöstheit vom Parmenideischen Vorbild detachiert – “dieser eine Parmenides”, dessen Name, als Metonym seiner Lehre, die sich wie das Eine gesammelt vor sich hinzustellen aufforderd,

und gar nicht soll dich die recht gerissene Gewohnheit in die
Richtung dieses Weges zwingen,
daß du dich verlierst im nicht-sehenden Gaffen und im lärm-
vollen Hören

und in der Zungenfertigkeit, sondern entscheide scheidend,
indem du in eins gesammelt vor dich hinstellst die Aufwei-
sung des vielfachen Widerstreits,
die von mir gegeben.«8

wird sich denkend-schreibend bald als Vielheit, als Nicht-Einer und höchstens sequenzierbares Palimpsest, Zeit- und Bewegungsbild, herausstellen —

Parmenides als Daumenkino […]

konturiert sich ein “Seinendes”, dem, wie dem Denunziator dieses Ausdruck und seiner unterscheidung zwischem wahren Weg (Fg. 8. 17-18) und “nicht wahrem, unwahrem, ungangbarem Weg” ebenso, die Doppelköpfigkeit selbst eingeschrieben ist.

let´s get lost

Wer bei Trost ist, kann nicht anders als in trauter Untröstlichkeit verbleiben und dennoch (darin liegt der Trotz eines möglichen unmöglichen Trostes) getrost aufatmen im Innewerden dessen, dass das ersehnte Feste nichts als das Lose, nichts als das nicht einmal zum Nichts eindeutbare Nichts ist. Eben also wohl das nicht-nicht, nicht? Plus d´un rien. Kein Nichts mehr/Mehr als ein Nichts. Kann man es Sprache nennen? Kein Wesen kann zu nichts zerfallen, weil jedes Wesen, unzerstörbar in seiner radikalen Zerstörbarkeit, immer schon bereits zu nichts zerfällt, weil es dieses ge- und ent-schehende und schichtende Nichts ist, das zu sich selbst zerfällt.

Kein Wesen kann zu nichts zerfallen!
Das Ewge regt sich fort in allen,
Am Sein erhalte dich beglückt!
Das Sein ist ewig: denn Gesetze
Bewahren die lebendgen Schätze,
Aus welchen sich das All geschmückt.

Goethe hat, schlicht, recht. Wenn auch anders (als er denkt. Oder wir denken, dass er dächte).

Ewige Vergängnis, ewiger Zerfall.
Ebenso hat also Parmenides, dem Goethe hier vergötzend das Wort redet, recht. Es gibt ein Sein, das nicht nicht sein kann. Das vor allem auch nicht kann, im Sinne jenes tätigen Sich-Durchsetzens vor dem Hintergrund einer Befähigung und Befugnis, sondern das sich selbst zustösst und widerfährt. Von diesem Nicht(s)-Können könnte sich “Kunst” herleiten. Es könnte heissen (in einer supplementären Serie aus Nicht-Synonymen): Nichtung ohne Richtung, (Ent-)Schichtung oder, schlicht: Dichtung.

*

Die Lage ist und bleibt: „a mess“. Jackson hält ihr eine messianische — einen gewissen Ausstand des Trostes, den Beistand allein dieses Ausstands — denn DU bist nicht bei mir, Du NICHT(Wicht) bist bei mir — feiernde — Messe.

Zu begreifen wäre diese Dichtung dann nicht als Mischung aus Dickung und Lichtung, vielmehr trägt sie beider unschlichtbares Zugleich, als ein Doppel, aus. Ein Dunkles, das ein Helles in sich trägt, ein Schweres, das leichter macht, lichtet und löst, verwickeln sich. Im chiastischen Schisma. Hier, in Jacksons ohne Beistand des Vaters (sei es des konsistenzgarantierenden Logos oder des Parmenides) umherschweifender Schrift im Exil und ihrer Suche nach einer anderen Sicherheit, die nicht mehr die des zureichenden Grundes und unerschütterlichen Fundaments, sondern die der Sprache und ihrer anderen Lösungen und Losungen — ihrem glückvoll lockernden wie schmerzvoll zersetzenden Sich-Frei-Machen — ist, denen es sich vertrauensvoll zu überlassen gilt, wird´s, ausschreibend, Ereignis.Wird´s: Sein gelassen. Wird´s Sein sein- und bleibengelassen. Mit Nichten. Den verzeihenden Sprung — im emsig untätig-medi(t)ativen Zu-, Durch-, Passieren-, Zeitlassen — ihn aufweisend, -reissend: rettend.9

eine Müdigkeit lässt Sein passieren, lässt es zu, das Brummen in den Erscheinungen aber beruhigt, lässt dich zu, es in dir passieren lassen, durch dich hindurch. und dann unschuldig warten, dass auch die Schuld des Werdens vergeht. es bleiben, sein lassen. (129)

 

(to be/continued…)

Tillmann Reik

[*] Die Anspielung auf auf Blanchots L’Ecriture du désastre, die Sternlosigkeit, Des-Aströsität des schreibenden Begehrens (desiderum-von den Sternen herbeiwünschen) soll die Logik des Verfalls und Vergehens erstmals aufrufen, die zu beschreiben sich der Text verschrieben sieht.

[**] Geben und Nehmen sind freilich ineinander verwickelt, insofern sie etwas gemeinsam haben, etwas teilen: das Teilen. Wenn das Geben von der Etymologie auf die Wurzel eines gewissen Nehmens zurückgeführt wird — ie. *ghabh-, *ghab-, *ghap- ‘fassen, nehmen’ (die letzte Variante wohl unter Einfluß der Wurzel ie. *kap- ‘fassen’, s. ↗heben) gestellt. — dann mit der Erklärung, nur was man genommen (wohl im momentan geglückten Glaube an ein Partizip Perfekt, ungebrochener Teilhabe eines Teils an sich) habe, könne man geben. Geben wird zu einem Modus des Nehmens. „Was man hat, auswählend ergreift, „nimmt“, kann man darreichen, schenken, „geben“.“ In den Worten Thomas Schestags „Jede Gabe und jedes „Es gibt“ bleibt teilbarer Effekt des Nehmens.“ (Para, S.48)

[***] Was das Beiseite-Lassen eines gewissen Beiseite-Lassens bedeuten kann: „Ein häufiger Begleiter des Spaßes ist die Forderung, ihn zu vermeiden. So Fritz Mauthner in Sprache und Logik (1913), wenn er den Satz vom Widerspruch und den Satz vom ausgeschlossenen Dritten als tiefsinnigen Unsinn betrachtet und verlangt: Lassen wir aber die logischen Kunststücke und anderen Spaß beiseite, […]. “ https://de.wikipedia.org/wiki/Spa%C3%9F . Spaß, von lat.expandere, ist zunächst das, was um sich greift und ansteckend im Raum ausbreitet. Aber ist er nicht darüber hinaus auch als diese sich-zeitigende Verräumlichung des Raumes selbst zu denken? Spaß, espacement, spacing: différance.

1Zu schlecht und schlicht, ehemals schlecht und recht dasselbe Wort, merkt Grimm an, nachdem im Lemma schlecht versucht wurde, das gute vom schlechten Schlecht bzw. Schlicht zu sondern:

— die schlimme bedeutung (s. R. Bechstein ein pessimistischer zug in der entwickelung der wortbedeutungen in d. Germ. 8, 330 f. J. Grimm kl. schr. 6, 339), in der in neuerer sprache schlecht fast ausschlieszlich (abgesehen von der formel schlecht und recht) gebraucht wird, ist verhältnismäszig jung; die so entstehende zweideutigkeit des wortes war die veranlassung, dasz sich die nebenform schlicht im sprachgebrauche befestigte und die guten seiten der bedeutung von schlecht an sich zog. schlicht (vgl. unter diesem worte) ist zunächst nd., wo noch jetzt slicht in einzelnen gegenden völlig das hochd. schlecht vertritt; andererseits ist im neueren nd. slecht unter hochdeutschem einflusse wieder gebräuchlich neben slicht oder auch allein, s. brem. wb. nachtr. 313. 314. Schütze 4, 115. 117. Schambach 193b. — :

schlicht, adj. , ursprünglich völlig synonyme nebenform zu schlecht […]

1) in ursprünglicher, sinnlicher bedeutung ‚grade, eben, glatt‘, s. oben schlecht 1—6, planus, slichtglat Dief. 440c, levis, slicht 326a; schlicht, planus, non crispatus, aequus, aequatus, glatt gemacht, nicht höckerig, nicht rauh. Frisch 2, 198a; schlichte fläche, glatte, ebene fläche Adelung. in dieser allgemeinen anwendung wird das wort nicht mehr gebraucht, nur wenn das glatte, ebene zugleich das einfachere, kunstlosere, weniger oder gar nicht geschmückte ist, z. b.: der architect wirkt in diesem raume durch ganz schlichte flächen und ähnl. vom haar: schlichte haare, coma non crispata sine cincinnis sive annulis Frisch 2, 198b (vgl. DWB schlecht 4); der zweyte .. war mit braunen und schlichten haaren geziert. Göthe 21, 5; die vom scheitel an schlichten, unterwärts aber sanft sich kräuselnden haare. 39, 128.

2) einfach, kunstlos, dem kostbaren oder reichgezierten entgegengesetzt (s. DWB schlecht 8, a). von kleidung, schmuck, auftreten, äuszerer lebenshaltung: schlichter anzug Campe; er trägt sich schlicht, geht schlicht einher; ein schlichtes haus bewohnen; ein schlichtes mahl, schlichte lebensweise u. ä. ein schlichter becher, ohne besondere verzierung; schlichter ring;

die, anspruchslos, in schlichter alltagshaube,

die niedern seegel gern vor stolzen flaggen streicht.

Gotter 1, 254;

Um später zu besonderen Verwendungen zu gelangen:

in besonderer anwendung:

a) schlichten heiszen die beiden schamseiten, leisten, weichen am menschlichen leibe Schm. 2, 504: um den leib und schligten vom haupt bis auf die füsz. Conbadinus ungerisch sucht (1574) 45; unden in den schlichten am dünnen, neben der scham. Paracelsus (1616) 1, 326 B; bede seiten und schlichten hinabwerts usque ad membrum muliebre. Hohberg landl. 1, 240b.

b) schlichte, bei den webern die masse, mit der sie die kettenfäden glatt machen (s. schlichten 9, a). Jacobsson 3, 626b; schlichte, so die wäber brauchend, colla Maaler 356b (vgl. Scherz-Oberlin 2, 1510); die schlichte auswaschen, lavando auferre collam e texto Frisch 2, 198b. der ausdruck ist durch ganz Deutschland verbreitet, vgl. Schmeller 2, 503. Schöpf 621. Hintner 219. Lexer 220. Hügel 139a. Vilmar 355. Hertel Salzunger wb. 40. Kleemann 19a. Dähnert 430a. Woeste 240a; in gleichem sinne werden sonst gebraucht mäsel (th. 6, sp. 1699), schmeiche, schmitte, schmitze.

2Schrift stünde dann — nicht entgegen aber in Komplikation des klassischen Stereotyps, sie stünde auf der Seite des Todes, während der Geist das Leben repräsentierte, — nicht nur auf der Seite des Todes, sondern eines bestimmten Todestods.

3Von gr. Litos kommen, beruft sich diese rhetorische Figur auf Schlichtheit und Simplizität. “ich kann nichts schwieriges in dem buch finden, außer dass man eine gewisse konzentrierte ruhe haben muss”, “mein buch ist doch im kern schlicht.” (“das „im kern“ gefällt mir bei genauerem hinsehen nicht”), sind dazu passend Aussagen des Autors, von denen implizit ausgegangen wird, um den Verschlingungen dieser Schlichtheit nachzuspüren. Auf der Suche nach einem nicht-schlechten Schlicht käme man zum sog. unendlichen Urteil, das Walter Benjamin, es von einem rein logischen zum genealogischen Konzept erweiternd, von Hermann Cohen übernahm, um von einem Ursprung als Strudel zu sprechen, der ein anders gedachter Anfang wäre. “Im Ursprung wird kein Werden des Entsprungenen, vielmehr dem Werden und Vergehen Entspringendes gemeint. Der Ursprung steht im Fluß des Werdens als Strudel und reißt in seine Rhythmik das Entstehungsmaterial hinein. Im nackten offenkundigen Bestand des Faktischen gibt das Ursprüngliche sich niemals zu erkennen, und einzig einer Doppeleinsicht steht seine Rhythmik offen. Sie will als Restauration, als Wiederherstellung einerseits, als eben darin Unvollendetes, Unabgeschlossenes andererseits erkannt sein. In jedem Ursprungsphänomen bestimmt sich die Gestalt, unter welcher immer wieder eine Idee mit der geschichtlichen Welt sich auseinandersetzt, bis sie in der Totalität ihrer Geschichte vollendet daliegt. Also hebt sich der Ursprung aus dem tatsächlichen Befunde nicht heraus, sondern er betrifft dessen Vor- und Nachgeschichte. Die Richtlinien der philosophischen Betrachtung sind in der Dialektik, die dem Ursprung beiwohnt, aufgezeichnet. Aus ihr erweist in allem Wesenhaften Einmaligkeit und Wiederholung durcheinander sich bedingt. Die Kategorie des Ursprungs ist also nicht, wie Cohen meint, [Fußnote] eine rein logische, sondern historisch.” http://gutenberg.spiegel.de/buch/ursprung-des-deutschen-trauerspiels-6523/2

4Wer etwa meint, es gäbe nicht nur das Seiende, sondern auch das Nicht-Seiende, der ist für Parmenides ein „Doppelkopf“, der führt eine zweideutige Rede, der geht auf einem Weg, auf dem man eigentlich nicht gehen kann. Aber gibt es nicht nur solche Wege?

5Thomas Schestags Para kreist um eine Kunst, “von der Hebel 1809 in einem Sendschreiben anmerkt, an sie erinnere »ein einziges Metier der Europäer«, das die ins Abendland verschlagnen Juden »CON AMORE« treiben: das Fleischerhandwerk. Es ist, in Hebels Worten, die den Juden angestammte »freye Kunst des Schlachtens«: das nehmendere Lesen. Und erinnert sei daran, daß die Vorrede zum »Schatzkästlein« empfiehlt, wie die Juden dort zu lesen anzufangen, wo andere aufhören. Die freie Kunst des Schlachtens, das zurückhaltende nehmendere Teilen des Glaubens an ein eigenes Geschlecht und eine eigne Sprache überhaupt, aus einem regellos genauen, singulären Grund – Lichen –, der weder als gegeben noch entzogen, weder als Etwas noch Nichts gelten kann […]”

6Die Verlässlichkeit der Quelle steht dahin: https://www.behindthename.com/name/parmenas/submitted

7Der HERR ist mein Hirte,

mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue

und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele.

Er führet mich auf rechter Straße

um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,

fürchte ich kein Unglück;

denn du bist bei mir,

dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch

im Angesicht meiner Feinde.

Du salbest mein Haupt mit Öl

und schenkest mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit

werden mir folgen mein Leben lang,

und ich werde bleiben

im Hause des HERRN immerdar.

Psalm 23

8Heideggers Übersetzung von Fragment 7, 2-8,1 in: Einführung in die Metaphysik (GA40), S.182

9Dass, dies sollte deutlich geworden sein, letzte Wendung gleichzeitg als Präzisierung und als Widerruf gelesen werden kann, ist der springende Punkt mit seinem Schlag.

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Jean-Luc Nancy: Die Wahrheit der Demokratie

Demokrisis

Dämon/Demos/Eudämonia: Zu Nancy mit Seitenblicken auf Badiou, Rancière und Hamacher (und Bennington und…)

 

Demos. From Proto-Indo-European *deh₂mos (“people”)
(perhaps originally a feminine), from *deh₂- (“to divide”),
whence also δαίομαι (daíomai). The original meaning was thus „part“.

Multikulturalisierung, Demokratisierung kann nur eine aporetische Praxis sein. In ihr geht es um die Gewinnung einer Autorität des Mehr als Vielen und mehr als Singulären, aber es kann darum nur gehen unter Bedingungen, die dieser Autonomie nicht günstig sind. Es gibt sie nicht, sie muss sich erst geben und dürfte sich zu geben nicht aufhören. Und es dürfte nicht nur eine geben, es müssten viele sein, unzählig viele, und nur diejenige wäre eine zuviel, die eine und nur eine einzige ist.
(Werner Hamacher, Heterautonomien. One 2 Many Multiculturalisms)1

 

Wann, könnte man guten Gewissens sagen (wenn einen gerade das eigene gute Gewissen nicht immer schon mißtrauisch machen müsste), ist Politik des Prädikats, eine demokratische zu sein, würdig? Wann gebührt ihr das Verdienst, so bezeichnet werden zu dürfen, so dass sie sich selbst gerecht geworden und also gerade nicht selbstgerecht wäre? Und ab welchem Punkt überhaupt macht Würde, die es doch, als inkommensurablen Zweck und unverwertbaren Wert jenseits aller Kriteriologie und Markt- bzw. Kapitallogik generalisierter Äquivalenz,

Der Kapitalismus, in dem oder mit dem, wenn nicht als welcher die Demokratie erschaffen wurde, ist vor allem, in seinem Prinzip, die Wahl einer Bewertungsmethode: der nach der Äquivalenz/Gleichwertigkeit. (50)

…Herrschaft der Kalküle der allgemeinen Äquivalenz und ihrer Aneignung (genannt “Kapitalismus”). (67)

Das Schicksal der Demokratie hängt an einer Veränderung des Paradigmas der Gleichwertigkeit. Eine neue Ungleichwertigkeit einzuführen, die weder die der wirtschaftlichen Beherrschung (deren Grund die Gleichwertigkeit bleibt), die der Feudalismen und Aristokratien, noch die der Regimes göttlicher Erwählung und göttlichen Heils, und auch nicht die der Geistigkeiten, Heroismen oder der Ästhetizismen ist — das ist die Herausforderung. (52)

Praxis[..]: das Herausreißen des Sockels der allgemeinen Äquivalenz selbst und die Infragestellung ihrer falschen Unendlichkeit. (65)

vor allem anderen zu achten gilt, ihrem Namen Ehre und erweist sich auf der Höhe ihrer selbst, wann ist es Achtung ganz Achtung, wirklich bei sich im Vollbegriff angekommen, verdient als wahrhafte Achtung geachtet zu werden? In sich versammeln könnte diese breite Streuung von Fragen danach, wann ein Name seinem Namen entspricht, an sich selbst also gänzlich und ungebrochen teilhat, eine einzige: Wann ist, im Sinne eines regelgerechten Anwendungsfalls des Identitätssatzes oder einer mathematischen Gleichung (und inwiefern ist das dasselbe?), Demokratie Demokratie? Denn in ihr geht es, mitsamt der Probleme von Teilhabe und Zugehörigkeit, mehr als je um die Fragen nach der Möglichkeit eines Glaubens ans stets Schein bleiben müssende Partizip Perfekt. Nicht nur, inwiefern Teile an einem, dialektisch, als ungebrochenem Ganzen vorgestellten Zusammenhang teilhaben können, sondern, ob ungebrochene Teilhabe oder -nahme eines jeden Teils an sich selbst denkbar ist, steht zur Diskussion. Ein Wort, das zunächst Erschütterung bedeutete und von discutio (zerschlagen, zersprengen, zerspalten, zerteilen, zertrümmern…) kommt. Es soll diskutiert, d.h. es muss, mit- und urteilend, zerteilt werden. Distinktionen sollten tingieren, auf die Freiheit in ihnen hin freilegen, und die Nötigkeit eines anderen Zählens und Rechnens mit Brüchen hervortreiben.

Doch im Allgemeinen ist es eine Aufgabe der Unterscheidung, mit der uns der demokratische Anspruch konfrontiert.
(Nancy, 49)

Während Jacques Rancière die Gespaltenheit des griechischen politeia-Begriffs in die ihrerseits wohl wieder weitgehend homogen angelegten Dimensionen von Polizei und Politik sondert und aufdröselt, das was gemeinhin unter Politik verhandelt wird, ersterer zurechnet und nur den Augenblick der ereignishaften Unterbrechung herrschaftlicher Ordnungsverhältnisse mitsamt deren auf restlose Verrechenbarkeit — beruhend auf einer falschen Zählung der Teile des Ganzen — getrimmte Aufteilung des Raumes die Dignität des genuin Politischen verleiht, nimmt Jean-Luc Nancy eine andere Unterscheidung vor, mit dem Vorsatz, die Devise “alles ist politisch” auf Distanz zu halten (47). Für ihn fällt Politik vor allem nicht mit Demokratie — und ihrer Wahrheit oder ihrem Sinn, um deren Willen er gar fürs Oxymoron einer “nietzscheanischen Demokratie” plädiert — zusammen, die nicht in einen “Demokratismus” der Unterschiedslosigkeit aufgelöst und mit den Symbolen der Macht ineins gesetzt werden darf. Steht für einen konstitutiven Nicht-Zusammenfall mit, eine Separation vom être-en-commun, das seinerseits wohl als jene nicht in eine repräsentative und dem Identifikationsbegehren Befriedigung verschaffende Figur zu fassende Teilung begriffen werden muss, die er seit Jahren mit dem Namen partage versieht.

Die Politik – von der der demokratisch-sozialistische Traum wollte, dass sie als getrennte Instanz verschwindet und alle Sphären der Existenz durchdringt (der junge Marx drückt sich ungefähr so aus) — kann nur getrennt sein. Nicht getrennt durch das Abseitshalten, das misstrauisch ist gegenüber den “Politikern”, sondern getrennt nach dem Wesen des In-Gemeinschaft-Seins, das darin besteht, sich in keinerlei Gestalt oder Bedeutung hypostasieren zu lassen. (48)

Politik ist mithin nicht mit Demokratie deckungsgleich — Alain Badiou nennt die Demokratie, dort wo sie sich, barbarisch, als Errungenschaft und Gut einer sich überlegenen dünkenden (Bildungs-)Kultur feiert, Fetisch-Signifikant einer Gegenwarts-Pornographie und “heute der Name der Macht, freudianisch ausgedrückt, „der Phallus unserer Gegenwart“ –,

„Das Symbol der gegenwärtigen Zeit, ihr Fetisch, das, was die Macht ohne Abbild mit einem falschen Bild bedeckt, ist das Wort ‚Demokratie‘“. (Badiou, Pornographie der Gegenwart)

sondern stellt Bedingungen für jene, der er ähnlich Derrida einen konstitutiv destitutiven — différantiell verraumzeitlichenden — Sinn abtrotzen kann2, bereit. Öffnet Räume für sie, setzt sie ins Werk, operationalisiert sie. Es muss, gebietet der doppelte Imperativ, Demokratie tätig ins Werk gesetzt, auf die Beine gestellt, organisiert und institutionalisiert werden, um qua politischer Ambition zielgerichtet zu planen und konzeptualisieren, aber es ist umgekehrt ebenso erforderlich – um nicht nolens volens auftretenden Substantialisierungseffekten auf den Leim zu gehen — die Kautele präsent halten, dass diese Bewerkstelligungen nicht mit “der Demokratie” zusammenfallen, die sich selbst in dieser Hinsicht immer inadäquat und in gewissem Sinne unwürdig bleibt. Vielmehr sie gleichzeitig nur und nicht repräsentieren, indem politische Operationen Demokratie in und mit ihren Formen im gleichen Zuge verstellen wie sie ihr Tribut zollen und zu ihrer Preisung errichtet sind. Zur paradoxen Verwaltung und Sicherung ihrer Unabgeschlossenheit.
Dort wo die Teleologie der zielgerichteten Bewerkstelligung sich, zu einem désœuvrement hin, bricht, verkompliziert, teilt und streut, aufschiebt und verzögert — das heißt von allem Anfang an und immer schon — begänne das genuin politische Denken und Handeln unterm Anspruch der Demokratie. Von allem Anfang an wäre die Erfahrung der (Unter-)Brechung allen Anfangens, Gründens, Ziele setzens und Zwecke verfolgens zu gewahren und wahren — als Chance. Politik fängt dort an, wo Politik fehlt und scheitert (anzufangen). Politik entstammt der Trennung (séparation) von sich selbst.

Die Politik entstand aus der Trennung zwischen ihr selbst und einer anderen Ordnung, die heute unser öffentlicher Geist nicht mehr als göttlich, heilig oder inspiriert auffasst, die jedoch um nichts weniger seine Trennung aufrecht erhält (noch einmal, über die Kunst, die Liebe, das Denken…)[Elemente, in denen das Unberechenbare geteilt werden kann, TR] — eine Trennung, die man die Trennung der Wahrheit oder des Sinns bezeichnen könnte, dieses Sins, der außerhalb der Welt ist, wie es Wittgenstein sagt: der Sinn als offenes Außen inmitten der Welt, inmitten von uns als unser gemeinsamer Anteil. (41)

Wenn nunmehr folglich Politik nicht mit Polizei (und damit das, was gemeinhin als Politik bezeichnet wird nicht mit sich selbst: “there is no politics before, after, or outside the politics of politics. Politics begins with this doubling up.” G.Bennington), Demokratie nicht mit Politik zusammen fällt, Demokratie nicht mit Demokratie3 und demos nicht mit demos (der ja immer schon ein Name für das Ganze und für einen Teil dieses Ganzes gleichzeitig war), muss es sich bei dem, woran das Denken in beiden Fällen laboriert, um eine irreduzible Inkonsistenz jedes Zusammen überhaupt, jeder Menge im Sinne der set theory, handeln.

The art of politics is the art of putting the democratic contradiction to positive use: the demos is the union of a centripetal force and a centrifugal force, the living paradox of a political collectivity formed from apolitical individuals. The demos is forever drawing away from itself, dispersing itself in the multiplicity of ecstatic and sporadic pleasures. (Rancière, On the Shores of Politics)

Inkonsistenz, die, näher besehen einerseits inhärente Spaltung und Öffnung, andererseits unversammelbare Streuung,

„Die Faktizität des Volkes aber liegt in der Unversammelbarkeit des Volks zum Volk. Das wirkliche Volk ist das zerstreute. Das versammelte, als Volk versammelte Volk dahingegen,—Fiktion. Wirklich ist die zur Stimme unbestimmbare, fingiert die zur Stimme bestimmte Stimme. Das wirklich versammelte Volk ist ein Oxymoron. Die Stimme, so sehr sie den Schein der einen, zu- oder abstimmenden, ja oder neinsagenden Stimme des einen Volks verbreitet, streut—indem sie bricht—, was sie vorträgt.“ (Thomas Schestag, „Namen nehmen“)

in fortwährendem thaumazein immer wieder auf sie stossend, zu gewahren, unabdingbar erscheint. Ist dadurch gleichwohl die Forderung jeglichen “Zusammens” mit einer fundamentalen Paradoxie und/oder Aporie konfrontiert, ginge es darum, die Doxa, die westliche Zivilisiation dürfe sich einem in sich Inkonsistenten und seinen Darreichungsformen von Paradoxie, Aporie, Widerspruch usw. gegenüber nicht gastfreundlich erweisen, um sich nicht anstecken zu lassen, müsse aus Gründen des als Grund alles Guten gesetzten guten Grunds – dem der diese basale Exklusion gebietende und rechtfertigende Satz vom gleichzeitig auszuschließenenden und sich selbst ausschließenden Widerspruch die Gestalt einer ehernen Satzung verleiht — den Widerspruch immer wieder aus ihrem Territorium ausweisen, als eines der hartnäckigsten Vorurteile bloßgestellt zu sehen. Die Inkonsistenzvermeidungsstragien sind selbst inkonsistent; wo sie in jüngerer Zeit, und ja mit Recht, das als (mitunter sich selbst so bezeichnendes) Identitäres Denken identifizierte verunglimpfen und zu ihm in Opposition gehen, können sie das nur, weil sie in ihrer ganz Ausrichtung dem Identitätspol als Totempfahl Tribut zollen und auf „richtiges“ Denken vereidigen wollen. An ihrem eigenen Masssstab gemessen, zeigte sich beim Versuch einer Autoapplikation, sind die universale Invarianz beanspruchenden Grund-Sätze abendländischer Ontologie, so wie sie traditionell gelesen wurden, nicht zu rechtfertigen, sondern allenfalls aus der postulierten funktionalen Notwendigkeit, dass etwas Ungerechtfertigtes zugrunde liegen muss und damit eine Aporie als Ungrund qua Verstellung freigelegt wird. Es sind Hypothesen, Unterstellungen nicht nur mit der Neigung ihren Charakter von legal fictions naturalisierend zu verleugnen, sondern damit auch ihre Unhaltbarkeit zu invisibilisieren. Freilich: Es gibt Eindeutigkeit, aber immer als die Eindeutigkeit einer Mehr- Viel- und letztlich Un-Eindeutigkeit. Jede Eins gibt es nur als die Eins einer Nicht-Eins. Für eine Theorie und Praxis der Demokratie ist die Tragweite dieser Einsicht etwa in Bezug aufs Zählen und Verrechnen des Verhältnissen von Ganzem und Teilen (Was ist ein Bürger? Was ist eine Wählerstimme? Was ist ein Volk? Wer gehört dazu und zu was überhaupt?) nicht eingrenzbar.

Die Eins und deshalb jede weitere Zahl (mit der problematischen Ausnahme der Null) erweist sich daran, dass sie sich selbst nicht zählen kann, als eine Markierung, die weder dem Begriff der Zahl noch auch dem der Markierung genügt, sofern dieser Begriff Einheit und Existenz postuliert. (Hamacher, Heterautonomien)

Doch zurück zu Nancy: Liegt die Wahrheit der Demokratie — ist sie auch historisch seit ihrer Geburtsstunde dem Kapitalismus und ihr Egalitarismus dessen genereller Äquivalenz im weitesten Sinne koextensiv — im Begehren des Kommunismus (35, 63,89), wie es sich zuletzt in der aus den Enttäuschungen über den “Wiederaufbau” und der alle konstruktive Siegesgewissheit über eine vermeintliche Restitution des demokratischen Instituts konterkarierenden Unsicherheit hervorgegangenen 68er Bewegung aktualisiert hat (17), so ist dieser Kommunismus nicht als eine Hypothese (wiederum Alain Badiou), sondern als banale Gegebenheit (donnée) zu verstehen. Als eine aporetische jedoch, wäre zu ergänzen, apriorische Apo-empi-rie, nicht — oder nur — leugbare Vorfindlichkeit und basales factum brutum: Das schiere, (vor) anfängliche Gemeinsam-Sein als res communis, dessen Zusammenhalt im Abstandnehmen besteht (95), erweist sich zugleich als unendliche Forderung (exigence) und Forderung eines Unendlichen, eines Überstiegs über jeden status quo.

Wenn die Demokratie einen Sinn hat, dann den, über keine an einem anderen Ort und durch einen anderen Antrieb identifizierbare Autorität zu verfügen als die des Begehrens — eines Willens, einer Erwartung, eines Denkens –, in dem sich eine wahre Möglichkeit ausdrückt und wiedererkennt, alle zusammen zu sein, alle und jeder einzelne von allen. (33)

nous donnée premiere. Tout d’abord, nous sommes en commun.

Was aber in dieser alltäglichen Faktizität anfänglich geteilt wird, so ließe sich weiter paraphrasierend variieren, woran alle und jeder teilhaben, was ihnen gemeinsam ist und in Hinsicht worauf sie zusammengehören — vor und jenseits der Relationen bereits etablierter Identitäten — ist das Geteilt-Sein als Zeitwort, nicht Grund, nicht Substanz, nicht (End)zweck. Denn die Archäo-teleologie selbst, der Wille zum Gründen und Ausrichten, ist einer Streuung, einem scheidend-verteilenden Auseinanderstieben ausgesetzt, deren durchaus und primordial gewaltsamem Walten unterworfen. Der Polos der Politik einem Polemos.

Insofern ist Nancys kurze Bemerkung, nichts sei gemeiner, gemeinsamer als der Staub, dem wir geweiht sind und der Todestrieb (63) aufschlußreich: was alle teilen ist eine gewisse Gewalt.

Ein auf diese Art geteiltes Sein geschieht als -schied in Permanenz, ist Partizipation an einem (K)ein- und Ohne-Grund-Sein, enteignete damit das appropriative, autophage esse, die Öko-Logo-Nomie des Seins — im Deutschen substantiviertes maskulines oder sächliches Possesivpronomen: “zu ihm gehörig”, das weniger Besitz- und Eigentumsverhältnisse ontologisiert als Ontologie als Wissenschaft einer auf Eigentumsrecht basierenden Wirtschaft zu präzisieren– primordial. Auf welches Datum könnte der Dativ “ihm” hier verweisen, wenn nicht auf die Teilung (oder Teil-Barkeit) selbst? Soll heissen, eine Art Ur-Teilung, krinein vor allem Urteil, nomos, der bei Nancy partage heisst, wäre bare, brache Allmende und commons: genuine public domain, stets neu urbar machbares bares Un-Ur.
Der wie zwei seiner semantischen Geschwister, Dämon und Zeit der indoeuropäischen Wurzel *da entstammende demos trägt dem Rechnung darin, dass er mit keiner darstellbaren Gestalt oder Form sich zu identifizieren vermag, sondern dem, was alle verfestigte Figuration aufbricht die Durchsetzungsgewalt — kratos — zuspricht. Ungeteilte Souveränität — nach Bataille ist sie: nichts — eignet allein dieser Teilung, diesem *da-Sein. Wodurch jene Demos-Kratie “prinzipieller An-Archie” gleichkommt. Das “gute Leben”, eu zen, und seine Eudämonia (Glück, “das eine etymologische Vermutung an die Lücke, eine Unterbrechung, bindet”4) eher Eschaton und Kairos — Bruch — als Telos, könnte dann als Affirmation und Einwilligung in diese geteilte Teilung gelesen werden: Es ist gut, geteilt, gebrochen, inkonsistent zu sein und diese Teilung allein, die allen/m gemeinsam ist und alle/s verbindet, kann als das Gute erfahren werden.5

Tatsächlich muss man sagen, dass die Demokratie ihrem Wesen nach etwas von einer Anarchie impliziert, die man fast [als] prinzipiell bezeichnen könnte, wenn man sich eben diese contraditico in adjecto erlauben könnte. (S.85)

Man kann und muss wohl sogar es (sich) erlauben, weil besagte demokratische An-Archie präzise mit der kontradiktorischen (da zugleich unabdingbaren und unerfüllbaren) Forderungen zusammen hängt, die Kontradiktion weder in ein Außerhalb der Grenzen eines von ihr zu verschonenden Innen auszuweisen noch zwar im Herzen zu belassen, aber zu verdrängen (was auf gewisse Art dasselbe ist), sondern sie als konstitutive dekonstitutive Kontradiktion in ihrer (In)Dignität zu achten. Doch auch kontradiktorische Anarchie will, das ist eine weitere Kontradiktion, als solche, verwaltet und organisiert sein, um Anarchie sein und bleiben zu können.

Allem voran scheint es, aus guten Gründen, erforderlich, die Wahrheit der Demokratie in ihrer (und als ihre) Unbegründetheit zu wahren und bewähren; wo sie sich in guten Gründen selbst zu sichern und zu versichern, im Logos zu sammeln trachtet, sich mit dieser Begründungsgründung gar identisch wähnt, ist sie jedoch diesem Dispersions-Desiderat bereits ausgewichen.

Die Demokratie ist zuerst das Andere der Theokratie. Das heißt auch, dass sie das Andere des gegebenen Rechts ist. Sie muss das Recht erfinden. Sie muss sich selbst erfinden. Im Gegensatz zu den frommen Bildern, die wir (und aus gutem Grund…) geliebt haben, uns von der athenischen Demokratie zu machen, zeigt uns die Geschichte, wie sie von Anfang an und immer beunruhigt war über sich selbst und bestrebt, sich neu zu erfinden. Die Ganze Geschichte mit Sokrates und Platon findet in diesem Kontext statt als die Suche nach einer Logokratie, die den Schwächen der Demokratie ein Ende setzen soll. Diese Suche wurde im Grunde bis heute fortgesetzt, über viele Veränderungen, deren wichtigste der Versuch war, mit dem Staat und die Souveränität eine entschieden autonome Gründung des öffentlichen Rechts zu etablieren.

Indem die moderne Demokratie die Souveränität auf das Volk übertrug, legte sie das an den Tag, was durch Anschein des “göttlichen Rechts” der Monarchie (zumindest der französischen noch (schlecht) verborgen wurde, nämlich dass die Souveränität weder im logos noch im mythos gegründet ist. Von Geburt an weiß sich die Demokratie als unbegründet.

Was nunmehr aber eigentlich zu wahren und gewahren wäre, ist dann wohl doch weder Grund noch Unbegründetes, sondern beider aporetisches, einander beinhaltendes und ausschließendes Zugleich. Demokratie=Aporokratie?Nach Nancy geht es darum, sich mit der Betreuung einer Öffnung zu betrauen, sie in Pflege zu nehmen (könnte das nicht auch eine der Definitionen von Kultur sein?) und für sie Sorge zu tragen: der Öffnung des Unendlichen:

Sich der Öffnung anzunehmen bedeutet, die endliche Einschreibung, die endliche Einschreibung des Unendlichen zu ermöglichen. Aus dieser grundlegenden Wahl — man muss wiederholen, dass sie die Wahl einer ganzen Zivilisation ist — folgt die unvermeidliche Aufhebung (I’annulation inévitable) der allgemeinen Äquivalenz, die das perpetuierte Unbestimmte ist, anstatt des eingeschriebenen Unendlichen; die Gleichgültigkeit anstatt der bejahenden Differenz (la différence affirmative), die Toleranz anstatt der Konfrontation, das Grau anstatt der Farben. (65)

*

Vielleicht könnte dort, wo Demokratie zunächst nicht vornehmlich und ausschließlich mehr — heute ist ihre Majoritätsmetaphysik (als mehrheitsprinzipielle Macht der größeren Zahl über die kleinere, Majestät der Majorität) immer noch genuin logozentrisch in merkwürdiger Koinzidenz von merito-, experto- und epistemokratischer Oligarchie und Ochlokratie verankert —

Für die Expertenherrschaft gilt, dass sie wohl unvermeidlich im Hintergrund der Mehrheitsdemokratie steht und stumm mitentscheidet. […] Überspitzt gesagt, ist das Mehrheitsprinzip unser Glaube, die Herrschaft der Experten indessen die Wirklichkeit. (Manfred Schneider, Was heisst „Die Mehrheit entscheidet“?, in: Vismann/Weitin (Hrsg.): Urteilen / Entscheiden, S. 156)

als jurido- humanistischer Gelehrten- und Expertenrepublikanismus aus dem Geiste einer konsensorientierten, argumentativ-kommunikationsrationalen Debattenkultur, mit zwingender Geringschätzung jener Ausdrucksweisen und Sprachen, die sich den für eherne Naturgesetze ausgegebenen Diskursstandards und ihren Missionaren verweigern, verstanden wird, sondern vom kratein dieses dämonisch-hieratischen “Demotischen” und ihrer krisis, Ur-Teilungskraft ganz anderer Art, her, eine Zone der Unschlüssigkeit für die gefährlichen Vielleichts und die unverbrüchliche Solidarität mit dem Jein auftun und ausweiten lassen. In solchen, fürs Politische selbst sich ausgebenden Debatten, agonalen wie kompetitiv-konkurrenzkapitalistischen battles, stünde vor allem und zunächst die souveräne Ungeteiltheit der Kombattanden zur Diskussion, d.h. zur Zerteilung; zur Freilegung ihrer Uneinigkeit mit sich, die vom Zwang zur polemisch zuspitzenden Positionierung stets unterdrückt und verleugnet werden muss.
Ausgehend von der Erfahrung des Teilens (sharing) und Mit- und Verteilens des Teilens (division, distribution) einer, als solche, in keinem Parlament und seinem normierten Parlando repräsentier- und -versammelbaren Dispersion (=Unversammelbarkeit), sowie gleichzeitig und damit einhergehend, der Ausbildung einer Aporetizitäts-Achtung (angefangen mit dem Fundamentalparadox der Zahl und des Zählens, das aufs Setzen von Ein(s)heiten setzt, die nicht eins sind) ergäbe sich eine dezidierte Neukalibrierung und Sensibilisierung, eben Achtsamkeit: vielleicht in Richtung jener Umbewertung des Wertes unter Herausziehung des Sockels der allgemeinen Äquivalenz, wie sie Nancy vorzuschweben scheint. Dafür nämlich, dass — ähnlich wie nach Kafka und invers dazu, ein Recht, was nicht mehr ausgeübt, sondern nur noch studiert wird, die Pforte zur Gerechtigkeit bildet — Demokratie sich dort, wo sie am ostentativsten und plakativsten sich als solche ausstellt und feiert, noch am wenigstens statt hat. Während im Lesen und Schreiben (letzteres immer schon testamentarische Hinterlassenschaft einer bestimmten Lesart) — vor aller standardisierten Alphabetisierung, im weitesten Sinn als die tastende (Be)(ob)Achtung und Be-Merkung von Malen und Marken verstanden: intentionaler Attentionalität, spurenhinterlassendem Spüren — sich etwas zu- und austragen kann, was ihr und ihrem Paradox, an ihm parasitierend, immer schon recht nahe kommt: Sprache überhaupt in ihrem weitesten Sinn, sowie allen ihren noch so unscheinbaren, das Wesentlichste trotz rückhaltloser Verausgabung wesentlich aufsparenden Spuren und Sporen. Nicht nur der Kommunismus ist die Wahrheit dieser demokritisch-diakritischen Demokratie — insofern, hier, Zusammensein als eine Aus-ein-ander-Setzung erfahren wird, angesichts welcher der dem anderen seine Inkonsistenz austreiben wollende Disput der Debattierclub-Kultur agonal versportlichter Intelligenzen ein grotesk vergröbertes Zerrbild abgibt, wo doch der/das Andere in gewissem Sinne mit dieser Inkonsistenz zusammenfällt, ihre erfolgreiche Ausmerzung das Ende des Anderen als Anderen bedeutete –, auch ein spezifischer Materialismus geht ihr einher: der einer ergründenden Anontologie völliger Grundlosigkeit des Unzähligen. Matter as scatter, als Stoff einer a-atomistischen “Demokritie” zugrunde legen6, heisst in den brachen, unberechenbaren Brechungen und Brechungen der Brechungen das Allem gemeinsame geteilte Fundament erkennen. Und die Streuung in jeder relativen Sammlung affirmierend, in ihrer jeweils singulären (In)dignität achten. Würde, in diesem Sinne des inkommensurablen, inkalkulablen, keiner Komparatistik zugänglichen absoluten (Un)Werts, meinte den schrägen, unverwechselbaren, je spezifischen idiosynkratischen Nicht-Zusammenfall jeglichen Selbst, als solches bereits multitudo dissoluta, mit sich selbst. Eine „Oddness“, mit der zu rechnen gelernt sein will.

Die Theorie radikaler Demokratie hat es mit „Gegenständen“ zu tun, die nicht mehr als eins oder mehr als viele, sondern anders als eins und anders als viele sind — und die also anders als sind. Ihr ontologischer Status determiniert und indeterminiert sich nach einem jeweils anderen, anontologischen. (Hamacher)

Tillmann Reik

1in: Gewalt Verstehen. Herausgegeben von Burkhard Liebsch und Dagmar Mensink, Berlin: Akademie Verlag 2003, S. 157-201.

2Derridas ateleologischer Messianismus ohne Messias, einer strukturellen Messianizität also des à venir, lässt die Demokratie weder von einer konstitutiven noch regulativen Idee ausrichten, sondern stellt ihre dekonstruktive Unbedingtheit unters Wappen unendlicher Hospitalität für den/das Andere(n), der/das, ereignishaft und mitunter uneingeladen hereinbrechend, kommt.

3So etwa auch Bennington: ‘Democracy’ (as could easily be shown not only in Aristotle, but also in Hobbes or Spinoza or Rousseau) would name both what opens politics (in all senses of the

verb) and (qua regime name) one way among others of mastering or managing that opening.”

4vgl. Thomas Schestag, Parerga, S.222 Und: “Lücke aber – einer etymologischen Vermutung zufolge – entspringt dem selben Grund wie Glück. Im Innewerden der Teilbarkeit des Eigennamens, wie des Trägers, fällt jenes Glück, ohne Maß, unscheinbar, leis, zu. Es teilt, indem es trifft, den Schein der Trägerschaft, und den an sie geknüpften Glauben, einen Namen – Eigennamen – zu tragen, ihn auszusagen oder zu verschweigen. Das Glück, die beiden Verse deuten das an, ist weder, noch auch zu tragen, sondern: aber schwerer das Glük. Je schwerwiegender und gewichtiger es zufällt, desto uneindeutbarer zur Form und zum

Ermeßbaren, desto einfacher und uneinsammelbarer trifft es. Je schwerer das Zufallende, desto unmeßbarer. Das Gewichtigste hat kein Gewicht. Das Glück, wo es trifft, entsetzt. Es teilt den Schein der Maßgabe, unannehmbar genau. Indem es trifft aber, reißt es in dem, was es

trifft, das Vermögen an, treffen zu lernen: was – und sei es kaum –gegeben scheint, anders zu nehmen.” derselbe, Para, S.9-10

5In diesem Sinne lässt sich auch die Anverwandlung eines suum cuique Gedankens durch den späten Hölderlin der Homburger Foliohefte lesen: “Ein anderes freilich ists, / (…) Unterschiedenes ist / (…) gut. Ein jeder / (…) und es hat / Ein jeder das Seine.”

6Zu “matter thought as scatter” vgl. G. Bennington, The Democricy to Come, : Oxford Literary Review, Volume 39 Issue 1, Page 116-134