Alexander Kluy: Der Eiffelturm

cover.htmlLiteraturm-Geschichten

Monographisch angelegte Kulturgeschichten stellen eine zeitlose Mode dar. Scheinbar boulevardeske Sammlung von Klatsch- und Tratschgeschichten, die ein isoliertes Phänomen vornehmen, um es, das Ding umkreisend, von allen nur erdenklichen Seiten her, ringsum, zu beäugen (heißt: schauen, was alles darüber an Sage zu hören ist), haben ihren Reiz vor allem darin, dass sie, erkenntnistheoretisch, zu denken geben, welche Fülle mannigfacher Geschichte(n) sich miteinander verschweißen muss, um die tragfähige Stahlkonstruktion eines und desselben „sozialen Faktums“, zu dem, diskursiv, herauf- und von dem herab- und umhergeblickt werden kann, aufzurichten. Um „sich“, um überhaupt einen Namen zu machen, im Fahrwasser der Großunternehmung von Babel. Zu nichts (rien) zergeht dabei das Ding, die Sache selbst, sinkt in sich zusammen und büßt Kohärenz und Stabilität ein, zöge man alles scheinbar fabulatorische Beiwerk, all jene narrativen Nichtigkeiten und Nebensächlichkeiten von ihr ab.

Das Diktum „den Eiffelturm gibt es nicht“ stellt mithin weniger die Ausgangsthese des Buches von Alexander Kluy über den zur Weltausstellung 1889 — das 100jährige Jubiläum der Französischen Revolution ist gleichzeitig Geburtsjahr Heideggers, Hitlers, Wittgensteins, Kracauers, Chaplins, Cocteaus — erbauten Turm, das quod erat demonstrandum, im Sinne einer zuletzt von Markus Gabriel versuchten Beweisführung darüber, dass es „die Welt“ nicht gebe, dar, als dass es zum bilanzierenden Resümee gerinnt – allerdings als ein jederzeit präsentes quod erit expectandum. Man erwartet beim Lesen über und um den Eiffelturm mehr und mehr und wird dessen gewahr, dass der Lektüre Gegenstand in seiner definiten Selbstidentität, über die man das Wichtigste bereits zu wissen wähnte, zerbröckelt.

Bau des Eiffelturms Paris, Pierre Petit, ca. 1888

Bau des Eiffelturms Paris, Pierre Petit, ca. 1888

Es geht in Der Eiffelturm. Geschichte und Geschichten um einen „Kristallisationskern kollektiver Einbildungskraft“. Eine Evidenz, die spätestens aufblitzt, nachdem der Leser sämtliche Kontexte und Konnotationen, Aspekte und Anekdoten über das Wahrzeichen (das Objekt als Sujet), also das, was sich an Sagenhaftem arabesk um ihn Paris_1889_plakatrankt, durchlaufen hat. Dazu gehört nicht allein die Lebensgeschichte seines Konstrukteurs, dessen Name sich bis heute mit dem Bauwerk verbindet. Als Kuriosum bleibt der Turm ein Politkum (etwa im 9. Kaptitel “Hitler und der Turm”, aber auch den ersten über die Weltausstellungen 1898, 1798, 1851, 1855, 1867, 1878, 1900, 1925, 1937), Ästhetikum (Kapiteln 10-13 befassen sich mit Malerei, Fotografie, Film und Literatur), Ethikum, Soziolikum, Szientifikum, etc., ein -cum eben, in dem etwas sich konzentriert, um den es, als einen Mittelpunkt unter Mittelpunkten, rotiert.
Kluy hat ein materialienreiches Kompendium in 15 Kapiteln mit umfassender Bibliographie zusammengestellt, aufgetürmt, in dem eine Welt, die des Turms (darüber hinaus die einer Stadt, Paris und eines Landes, L’Hexagon) in der Weise einer panoramaartigen Rundumsicht mit scharfgestelltem Detailblick (Blick vom Umkreis aufs Objekt, vom Objekt auf den Umkreis) sich exponiert und staunen macht.

Tillmann Reik

 

Alexander Kluy: Der Eiffelturm. Geschichte und Geschichten. Matthes und Seitz, Berlin 2014. 352 Seiten, 34,90 Euro

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