Hugh Raffles: „Insektopädie“ / Thomas Schestag: Lesen Sprechen Schreiben (Kritzeln)

cover.htmlInsektische A(na)tomie.Insignien subtiler Jagden

„Insekten: wir sind damit geboren. Wir müssen es uns nicht sagen. Wir spielen sie uns in der Gegenwart zu. Zwischen uns werden die Insekten zu Wörtern,
die Wörter insekten und insexionieren sich gegenseitig.“ (Hélène Cixous, Insister)

TSCH…oder…TS. Firmieren diese Buchstabenfolgen als Interjektionen oder Insignien, Relikte insektophilen Inzests[i]?
Was zwei, etwa durch Verlag und Sujet, Einbandgröße und Ausstattung prima facie deutlich voneinander unterscheidbare Bände, Tomi, untergründig verbindet, ist nicht nur, aber auch, initial, ein Eigenname. Welcher einmal offenkundig, einmal eher versteckt aufscheint und den Zwilling beinhaltet, doch ebenso die reiche Semantik eines fast orphischen Urwortes, Gegenteil des Verbindens, aufruft: tomos von temnein. Was teilen, trennen, schneiden, separieren heißen soll. Ein Wort, dem zwar wohl nicht „Thomas“ seinen Namen verdankt, doch das Atom und jene Kerbtiere oder Kerfen aus dem Stamm der Gliederfüßer, welche von Plinius dem Älteren in Übersetzung des aristotelischen éntoma, mit dem dieser erste systematische Insektenforscher und -unterteiler, in seiner Historia animalium (Περὶ Τὰ Ζῷα Ἱστορία) dereinst 80 Tiere subsumiert hatte, insecta (eingeschnittene, in Segmente und Sektionen unterteilte Tiere) genannt wurden.

Sektion I
Krabbeln und Kritzeln

TS(CH) sind die Insignien Thomas Schestags, dessen klandestine und filigrane , a-tomistische Textgebilde ihre Nähe zur Entomologie mehrfach haben durchblicken lassen. Er hat ein neues Buch unter eigenem Namen –Lesen Sprechen – Schreiben (Kritzeln) – veröffentlicht und das eines anderen Autors– Insectopedia von Hugh Raffles – übersetzt. Dem Apokryphen von Schestags unkonventionell minutiösen Arbeiten haftet etwas von dem Fetischismus an, der Liebhaber und Bewunderer jener Klein- und Kleinsttiere an deren, nur dem in mikroskopischer Subtilanalyse geschulten Beobachterblick zugänglichen Anatomie fasziniert. Die feingliedrige Artikulation zahlloser Einschnitte, Segmente, Sektionen, die Unterteiltheit ihres gleichzeitig vulnerabel-fragilen und höchst resilienten, robusten, uneinnehmbaren Corpus nach dem strengen Gesetz regelloser Teilbarkeit, macht die Insekten zu Artverwandten der Wörter, ihr Kriechen und Krabbeln, Fühlen und Ertasten zu Figuren des kritzelnden, einkerbenden Schreib/Lese- und also Lebensvorgangs. „Schreiben als einschneidende Insektion“, Einkerbung signifikanter Insignien. (S.9) Der Mantis religiosa, Gottesanbeterin auf deutsch, und ihrem betenden Erbeuten hat er bereits vor ein paar Jahren, auf den Spuren Blanchots, Fabres und Celans, ein eigenes, selbst deutungskundlerisch divinierendes Buch gewidmet, in dem wiederum „Thomas“ schlafwandlerisch umhergeistert: Mantisrelikte. Dort weist TS(CH) auf faszinierende Weise die Unabdichtbarkeit einer Semantik (von  σημαίνειν, was „bedeuten“ bedeutet; Semantik beschäftigt sich also mit der Klärung der Bedeutung alle Worte außer ihres eigenen. Die Frage, was „bedeuten“ bedeutet hat für sie keine Bedeutung, bleibt als Zeichen deutungslos) gegenüber einer Mantik, Wahrsagerei und Seherkunde, auf. Entomo- und Etymologie treten im Verlauf in faszinierenden Austausch.

Mantis_religiosa

002754.bigHyper-demokritischer Moterialismus

Jene „Technik“ wäre falsch verstanden, würde man sie lediglich als sektiererische und elitäre Produktion wohlfeiler Kleinodien für schöngeistige Happy Few begreifen: eher scheint ein hermeneutischer, hyper-demokritischer „Moterialismus“ (nach dem pun Lacans) mit Basisarbeit vorzuliegen, der semiotisch beim kleinsten, letzten, Unteilbaren nicht innehält. Diese Mikrophilologie arbeitet mit einer vivisektorischen Zergliederungspraxis, der Extrapolation infinitesimaler bedeutungstragender Einheiten, die aus der oft „Uneindeutbarkeit“ genannten Pseudoganzheit auf-, an- und ausbrechen, um als autonome, nomadisierende Partialobjekte die Schrift weitschweifig zu durchwandern; dabei die Intaktheit der Bedeutungsentitäten aufstörend. Vagabundierende Teile, die an diesen und jenen stets nur statistischen Ganzheiten teilhaben, ohne ihnen untrennbar zuzugehören; Bruchstücke, Fraktale, die das vermeintlich organische Ganze, dem sie scheinbar subordiniert, integriert sind, ihrerseits auf  verstörende Weise enthalten und bestimmen. Philologische Teilchenphysik.

In Lesen – Sprechen – Schreiben (Kritzeln), einem Buch, das wie alle seines Autors vollständig aus dem Nachvollzug seines verfahrenen Verfahrens besteht und deshalb unmöglich thesenhaft zu referieren ist, spielen Betschemel, Wolken und deren Deutung, zum Beispiel durch Hamlet, Flecken im Rorschachtest eine prominente Rolle (doch: „nicht die Deutung einer Wolke oder eines Fleckens steht hier auf dem Spiel, sondern das Wolkige und Fleckichte im Deuten überhaupt. Verdichtet in Hamlet, der – in eine Übersetzung […] des englischen Nomens hamlet verkeilt – das Wort Flecken im Namen träg.“). Aber auch die Hand, die, nach Augustinus, am meisten und besten nimmt, indem sie lässt. Drei Aufsätze sind enthalten, allesamt Gelegenheitsarbeiten, wie das Vorwort verrät und nur durch die Nähe ihrer ersten Sätze miteinander verbunden.

Sektion II
In minimis tota est –Onto-Enzyklopädie des Infinitesimalen

Die bibliophil aufgemachte Insektopädie von Hugh Raffles aus der von Judith Schalansky herausgegebenen Reihe „Naturkunden“ von Matthes & Seitz stellt zwar im Aufbau keine wohlgeordete Zusammenfassung zum Thema bereit, ein Auschreiten des Kreises der Bildung im Zuge der systematischen Darstellung des gesamten bekannten Wissens, wie der Leser moderner Nachschlagewerke sie gewohnt ist. Hinsichtlich der Themenbreite und Ausführlichkeit, Kuriosität und Kostbarkeit ihrer „Objekte“ kann sie sich jedoch durchaus mit der ersten bekannten Enzyklopädie, der Naturalis historia des Plinius messen, welcher sein Werk, in dem die vielbeachtete Devise „in minimis tota est“ auftaucht, folgendermaßen beschrieb:

„Zwanzigtausend merkwürdige Gegenstände, gesammelt durch das Lesen von etwa zweitausend Büchern, unter welchen erst wenige ihres schwierigen Inhalts wegen von den Gelehrten benutzt sind, von Hundert der besten Schriftsteller, habe ich in 36 Büchern zusammengefasst, dazu aber noch vieles gefügt, wovon entweder unsere Vorfahren nichts wussten oder was das Leben erst später ermittelt hat.“

Naturalis historia, Praef. 17

IJ KHK RundtanzRundum – Maxima miranda in minimis

Es bietet sich ein bizarres, nur einer willkürlichen (?) alphabetischen Ordnung der 26 Überschriften folgendes Bestiarium von Geschichten rund ums wunderliche Kleinstvieh. Von dem das tänzelnd Zeichen aussendende und decodierende being of the bee erforschenden österreichischen Ethologen Karl von Frisch, der bei seinen Lieblingstieren eine komplexe, an die des Menschen erinnernde Sprache entdeckte (während später noch Lacan alles daran gesetzt hat, in dezidierter Absetzung von von Frisch, dem „Tier“ im Generealsingular alle sprachähnlichen — Sprache in Emphase sei dem Menschen vorbehalten! — Verständigungsmöglichkeiten zu bestreiten, um ihnen den fixen „Code“ gegenüber zu stellen.[ii]). Über Jean-Henri Fabre, den Homer der Insekten (Victor Hugo) und seine (jetzt bei Matthes und Seitz in deutscher Übersetzung vorliegende!) Souvenirs Entomologiques. Études sur l’instinct et les moeurs des insectes (wo auch die Schestagsche Gottesanbeterin wieder auftauchen wird), Anhängern des sich am Geräusch zertretener Insektenpanzer erregenden „Crushing“-Fetischs, den Londoner Arzt Thomas Moffett und sein Werk Insectorum sive Minimorum Animalium Theatrum und vieles Kuriose mehr.

Aber diese „Rundung“,  der Umring, das zirkelnd Enzyklische (wie der Rundtanz der Bienen), dem Hegel noch zutraute, ein sich selbst durch die Entfremdung hindurch wieder aneignendes Ganzes zu sein oder werden, wird im Buch von Raffles durch auseinandertreibende Fliehkräfte zum Elliptischen mit mehr als einem Zentrum aufgewimmelt. Es verliert sich somit nolens volens, leider oder Gottseidank, abschweifend, mehr als einmal ins Nebensächliche. „Queres und Schräges“, stets noch steigerbar (so heißt der eben zitierte Kapiteltitel im Original „The Quality of Queerness Is Not Strange Enough“), bestimmt die Geometrie dieser gaya scienza nicht nur dort, wo das regeldeviante, selbstzweckhafte (also nicht bloß einer Funktion dienende, sondern den Spaß an der Sache zur l´art pour l´art erhebende) Sexualverhalten der Tiere zur Sprache kommt.

„Auch über schräge Insekten brauchen wir bessere Geschichten. Entomologen spitzt eure Federn! Es ist so frustierend, in all diesen nachcartesianischen Jahrhunderten mit mechanistischen Modellen hantieren zu müssen. Lust und Begehren müssen wiederkehren. Selbst und vor allem tiefes, dunkles, komplizietes, paraphiles, gottesanbeterinnenhaftes Lust-Begehren.“

Durch diesen verqueren Zug rückt Raffles fast 400-seitige „Pädie“– weit davon entfernt noch an ihre ontotheologische, anthropologische, ja, eben humanistische Geschichte denken zu lassen, wo das Wort mit ganzer um den Menschen und seine entbarbarisierende und ent-tierende Formung und Prägung kreisender Emphase „Bildung“ ausdrücken sollte – wieder hin zu dem, was paideia etymologisch mit paidia verbindet. Kinderspiel und Scherz. Sollte das doch einem anthropomorphen Humanismus entsprechen (und Raffles Sympathien weisen oft genug in diese Richtung), dann einem, der sich auf sein Anderes hin geöffnet hat:

„(Sollten wir diesen Geist einen Humanismus nennen, großzügig genug, das Nichtmenschliche einzuschließen?)“ S.179

Vielleicht wäre auch Humanismalismus hierfür kein schlechtes animot, Tierwort …[iii]

Wenn es darum geht, das mengentheoretische Verhältnis der Teile zum Ganzen zu komplizieren, vom Primat des Letzteren über Erstere nach dem Schema bruchloser Be-Inhaltung zu befreien, Wortpartikel, letztlich untotalisierbar in ihrer wundersamen immer weiter Unterteilbarkeit zu studieren, dann stehen beide Werke, über das verbindende Glied der Insignie TS(CH) hinaus, in lebendigem Austausch. Zeichen und Wunder, Schaben und -staben: hier wie dort lassen sie dem Bachelardzitat „das Winzige, eine schmale Pforte, eröffnet eine Welt“ gemäß, mit dem das Buch beginnt und endet, das staunende Forschen nicht zum Abschluss kommen.

Das Insektenvertilgungsmittel, das vom Anbeginn auf die Vernichtungslager hinauswollte, wird zum Endprodukt der Naturbeherrschung, die sich selbst erledigt. (Adorno, Noten zur Literatur)

Tillmann Reik

Hugh Raffles · Judith Schalansky (Hg.). Insektopädie.[Insectopedia]. Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Schestag.Kleinquart-Format (17 x 23cm), durchgängig zweifarbig, mit Kopfschnitt und Lesebändchen.Matthes & Seitz. 2013 · 380 Seiten · 38,00 Euro
Thomas Schestag. Lesen – Sprechen – Schreiben (Kritzeln), Matthes und Seitz Verlag Berlin, 2014, 120 S., Klappenbroschur, 12,80 Euro

[i] Insect und incest sind, das spielte in Tom McCarthys K. bzw C., einem Roman über unter anderem ein wälsungenhaftes Zwillingspaar, eine Rolle, sind (zumindest im Englischen) Anagramme.
[ii] vgl. dazu und zur Derridaschen Kritik: http://tinyurl.com/l8qzfoq 
[iii] http://tinyurl.com/p55fqn7

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