François Laruelle: General Theory of Victims

Radikal verletzliche Letztlichkeit: Paraphrasen zur Philosophie und ihren Opfern

We pursue a more rigorous and more „human“ theory than philosophy usually pursues, devoted as it is to the cosmos and to being, to the sciences and to the gods. A certain theoretical practice is capable of itself being the „compassion “ philosophy scarcely shows. (6)

We have another idea of style. Style is the imitation of the real and not reality, style alone has the right to be“specular”or uni-specular without being a reflection or mirror, just a uni-side [uni-face] (of) the One. The real itself does not have this right, but its unifaciality is woven from the heterogeneous methods and processes taken from reality, hence its baroque character. It is a fiction which is as rigorous as possible considering its initial axioms.The art of the fluidly imprecise [l’art duflou], of the “wave” or “vague,” of the echo and resonance, of the orphaned amphi-biology of Logos, forms a rigorous sub-rationality within its order but which is certainly not a return to the old case of nihilism. (Laruelle,Philosophie non-standard, 477)

But we are looking for a thinking that, however inventive it is, is the action of a non-acting, an anti-activist wager, a per-formation without performance, how can we“weaken”the excess of action and its decision?

(Philosophie non-standard, 222)

1.

„Solange Einzelne geopfert werden, solange das Opfer den Gegensatz von Kollektiv und Individuum einbegreift, solange ist objektiv der Betrug am Opfer mitgesetzt […]. Jedes Opfer ist eine Restauration, die von der geschichtlichen Realität Lügen gestraft wird, in der man sie unternimmt. Der ehrwürdige Glaube ans Opfer aber ist wahrscheinlich bereits ein eingedrilltes Schema, nach welchen die Unterworfenen das ihnen angetane Unrecht sich selber nochmals antun, um es ertragen zu können. Es rettet nicht durch stellvertretende Rückgabe die unmittelbare, nur eben unterbrochene Kommunikation, welche die heutigen Mythologen ihm zuschreiben, sondern die Institution des Opfers selber ist das Mal einer historischen Katastro- phe, ein Akt von Gewalt, der Menschen und Natur gleichermaßen widerfahrt. […] Auf einer Stufe der Vorzeit mögen die Opfer eine Art blutige Rationalität besessen haben, die freilich schon damals kaum von der Gier des Privilegs zu trennen war. (…] Die vielberufene Irrationalität des Opfers ist nichts anderes als der Ausdruck dafür, daß die Praxis der Opfer länger währte als ihre selber schon unwahre, nämlich partikulare rationale Notwendigkeit. (…] Alle Entmythologisierung hat die Form der unaufhaltsamen Erfahrung von der Vergeblichkeit und Überflüssigkeit von Opfern“ (Horkheimer/Adorno 1988, S. 58 ff.).

Täter machen (zu) Opfer(n), weil sie, tuend, Male zufügen. Und, sei hinzugefügt, wo also das zufügende Tun und Machen, die Tat und die Produktion im Spiel sind (wo nicht? wo nicht nicht?) und gesellschaftliche Interaktion zum perpetuierten Ernst eines immer schon virtuellen, und oft genug schmerzhaft aktuellen, Kriegs-Spiels sogenannter konkurrenzkapitalistischer Aneignungskämpfe werden lassen, ist das Opfer, scheint es, nicht weit. Und in seiner tragenden Funktion unverzichtbar.
“Viktimisierung” firmiiert als Branding einer Debatte über die rechtmässige Benutzung des Begriffs “Opfer” und ist in den Massen-Medien öffentlicher Diskursmärkte seit den 90er Jahren in aller Munde. Zum Opfer werden oder geworden sein gilt — trotz der Erfahrungen, die nach dem Ende des zweiten Weltkrieges diese Debatte mitangestossen hatten und ihre Folie bilden — als eine, wenn auch zu häufig anfallende, bedauerliche Ausnahme, deren Vorkommen exekutiv sanktionierend ein Riegel vorgeschoben und deren Vorgekommensein ökonomisch entschädigt werden kann und muss. Deren Grundlage als solche in der Betriebsamkeit ihrer Procederes aber nicht belangt werden soll. Umso mehr gilt es darum, zu kontrollieren, was und wer als Opfer gelten und als solches, zur Bemitleidung, ausgestellt werden darf und wem das zu verwehren ist. Selbstviktimisierung muss demzufolge zur Sicherung der richtigen Rechtsansprüche unter anderem, aber allem voran, den Ruf haben, ein perfides inflationierendes Laster zu sein. Denn insofern es sich auf Erschwindlung eines Status verlegt, der ihm von Rechts wegen nicht zu kommt, begeht es das Delikt einer Erschwindelung. Sich selbst zum Opfer eines Unrechts machen (wo doch nur andere einen dazu machen können, die welche etwas antun, und jene die dieses Angetane in seinem Status anerkennen), sei illegitim. Zum Täter einer solchen Inszenierung zu werden, die sich Vorteile und Privilegien durch die Behauptung einer Benachteiligung verschaffen will und mithilfe dieser Tat die anderen zu Tätern im nicht mehr “guten” Sinne subjektiver konkurrierender ins Werk setzender Tathandlungen macht, sondern diese tätige Sich-Durchsetzen, zu dem die Gesellschaft ermutigt und ermuntert, weil sie sich auf ihm gründen will, selbst als virtuelle Un- und Missetat erscheinen lässt, kann und darf im moralischen Bereich — dem umschriebenen Distrikt der Sicherstellung guter Taten — keine Bonität genießen. Denn er macht, sich zum Opfer machend, Unschuldige zum Opfer seiner Täter-Titulierung.
Weil sie derart eine Verdrehung, Verkehrung oder Kollabierung jener binären Hierarchie bewirken soll, auf deren einzuhaltender digitaler Zweiwertigkeit die Gesellschaftsordnung beruht — eine Ordnung aus klar von Tätern zu scheidenden Opfern — muss sie — diese Torsion oder Perversion der Selbstviktimisierung, verworfen werden. Muss verfemt sein, vor dem Hintergrund, dass diese Vertauschung und Verwechslung unablässig konstitutiv stattfindet. Opfer/Nicht-Opfer oder Opfer/Täter: produziert diese binäre Algorithmik, ausgehend von einem primären Dezisionismus, nicht ihrerseits Opfer, die in der Rechnung und den Rechenschaftsberichten nicht auftauchen?

2.

Opfer….La victime, das Wort, bedeutet dabei nicht nur Opfer, sondern Verletzer und Geschädigter. Im heutigen französischen Sprachgebrauch: Leidtragender und im juristischen Sinne der Viktimologie, Teildiszplin der Kriminologie, Opfer eines Verbrechens oder einer Straftat, die sich in erster Linie als Verletzung der Rechte der geschädigten Person versteht. Hier im Besondern die Verletzung der Nicht-Benachteiligungs-Forderung. Wird dieser Status anerkannt, entsteht ein Anspruch auf Entschädigungsleistungen:

“Voraussetzung für Leistungen nach dem bundesdeutschen Opferentschädigungsgesetz ist eine „Viktimisierung“, nämlich die Feststellung, dass ein Antragsteller „Opfer“ im Sinne des Gesetzes ist. “

“Als Viktimisierung wird von Juristen auch die ungerechtfertigte Benachteiligung von Menschen, die Klage gegen ihre Ungleichbehandlung eingereicht haben, bezeichnet, sofern die geltend gemachte Schädigung als „Diskriminierung“ anerkannt wird. Die vier Anti-Diskriminierungs-Richtlinien der EU verbieten diese Form der Viktimisierung (Antirassismusrichtlinie Richtlinie 2000/43/EG, Rahmenrichtlinie Richtlinie 2000/78/EG, Genderrichtlinie (2002) Richtlinie 2002/73/EG, Genderrichtline (2004) Richtlinie 2004/113/EG). “

Die Überzeugung, Conviction, das Wort fände, in der Bedeutung, der Besiegte, seine Wurzeln im Gewinnen — vincere — hat etymologisch nicht den Sieg davon getragen. Wenngleich Ovid in seinen Fasti Überlegungen anstellt, die darauf hinauslaufen, dem “victum” seinen Namen aus der Tatsache seines Gefälltwerdens von der siegreichen, rechten Hand des Victors herzuschreiben.

victima quae dextra cecidit victrice vocatur*1

Für wahrscheinlicher jedoch gilt eine indoeuropäische Wurzel, die auch dem “Weihen” seinen Namen schenkt: eine Gabe für die Gottheit, was die sakrifiziellen Wurzlen der abendländischen Opferkultur in ihrer onto-theo-teleo-technologischen Verfassung brachlegt. Jener Kultur, die einer nicht untrifftigen Hypothese nach auf einer Tauschgesellschaft des quid pro quo und do ut des gründet. Insofern mutet eine weitere Hypothese zur Herkunft des lateinischen Wortes victima ebenfalls plausibel an: die, welche in ihm einen Verwandten von “vicis” sieht. Jenen vitiös kreisenden und lasterhaften Wechsel und Tausch, in dem das Eine das Andere ablöst und als die zweite Seite des Selben stellvertritt.

3.

Allen positiven Definitionen zum Trotz wissen wir jedoch, so jedenfalls Laruelle, bestimmt, in letzter Instanz und mit letzter Autorität, nicht, nicht zureichend begründet jedenfalls — denn jedes Zuviel an positiver Bestimmung wäre hier ein Zuwenig, weil es die Opfer dieser Bestimmung von Opfer und nicht Nicht-Opfern — das, was stellvertretend-vikarisch als übrigbleibender Rest um der Erwirtschaftung des definitorischen Resultats Willen dran glauben und unter den Tisch fallen muss — selbst nicht erfassen kann — was ein Opfer ist. Sonst hätten wir, wüssten wir es, über es gesiegt, oder es zu einem Sieg umgewendet. Was da bleibt, ist hingegen nicht in einfachem vice versa das Opfer als Sieger, victor quia victima, sondern etwas um Sieg und Niederlage gänzlich Unbekümmertes, diesen Kategorien Fremdes. Auf dieses und auf dieses gewisse Unwissen von ihm und seine Unverortbarkeit wäre eine generische Ethik zu gründen:

It is a question of founding ethics on the unlocalizable and sometimes unidentifiable victim rather than on the metaphysical or philosophical force that took him for profit or loss. This would follow a movement of thought begun, for example, by Levinas (Humanism of the Other), and would better agree with our experience of the past century and draw out its consequences. (5)

Wissen wir, abgesehen von philosophischen Definitionen, die sich seiner bemächtigen wollen, was ein Opfer ist, zwar nicht, spüren wir es vielleicht, letztlich, jedoch. D.h. entnehmen es, ohne zu wissen, was das ist, dem gleichsam unmittelbar sich mitteilenden einer non-thetischen, non-reflexiven transzendentalen Empirie. Damit ist gemeint, dem Realen der “gelebten Erfahrung”, des Erlebnisses — le vécu — habe sie auch die — vom Standpunkt philosophischer Non-Kontradiktionalität und logischer Konsistenz aus betrachtet – aporetische und inkonsistente Gestalt einer immer latent traumatischen Erfahrung der Unerfahrbarkeit. Erfahrung der Ohnmacht und Unmöglichkeit. Dem schieren Statt-Haben ausgesetzt ist diese gleichsam gnostische und proto-häretische Erkenntnis der dritten Art. Sei sie also die Erleidnis, passio (sowohl Freud wie Leid, Schmerz wie Lust), Handeln des Nicht-Handelns, eine Erfahrung der Aporie und Aporie der Erfahrung: Schwäche, die eine andere seltsam alles bestimmende Kraft zu sein scheint. Auf die Verhör-Frage ontologischer Ermittlung, “Was ist das?”, Interrogation und Inquisition, bliebe eine Antwort, die sich dem Opfer weiht, nicht über es urteilt, sondern ihm gemäß denkt mit Kompassion und ohne Bemitleidung, und es nicht ein weiteres Mal opfern will, in bestimmter Hinsicht notwendig aus, versagte, hielte sich in der Schwebe oder setzte sich in Klammern. Epoché. Eine Auskunft hingegen, die sich in der Verlegenheit über die Fraglichkeit, von der aus sich die Frage stellt und letztere noch mit in sich hinein zieht, nicht zu halten versteht und mit Prädikationen und Urteilen aufwartet, opfert das Opfer erneut, siegt über es und hat somit zugleich nicht geantwortet. Nicht verantwortlich geantwortet. Gefordert scheint mithin eine aktive Zurückhaltung.
Obzwar sich in der Verquickung von operari und offere, auf die das Wort “Opfer” zurückgeht, anzeigt, dass eine im Rahmen des reinen Tuns und Wirkens geleistet Darbietung und Abgabe an eine Gottheit, welche die Welt der Arbeit und der Tat und ihre tauschgesellschaftliche Ökonomie der reziproken Schuld und Schulden, wechselseitiger Oblilationen, als eine des Bezugs auf eine ideale, hierarchisch übergeordnete Sphäre erkennen lässt, im Spiel ist. Eine teleo-theologische Welt, in der beim Wirken für den guten Gott oder die gute Sache (des Allgemeinen als Zweck und Ziel, der alles als Mittel in seinen Dienst nimmt) anfallende Kollateralschäden des Partikularen unvermeidlich sind und nicht nur zur Tagesordnung gehören, sondern gleichsam die conditio sine qua non allen Funktionierens abgeben. Sie wäre, diese Welt und die sie unterfütternde Philosophie mit ihrer humanistischen Anthropologie, gerade an ihrem Zuviel an Suffizienz als radikal insuffizient zu erkennen, hinsichtlich nämlich des Wichtigsten: der Verteidigung und Parteinahme für das “Menschliche,” vor allem Begriff. Vor allem Humanismus philosophisch-anthropologischen Zuschnitts. Generische Menschlichkeit des Menschen als Gattungswesens (Marx) wäre das, was die Allgemeinbegriffe vom Menschen und der Menschheit ihrerseits schon voraussetzen.

Philosophy has become insufficient – it had to recognize or deny this – through an excess of “ sufficiency “ to ensure that which seems to us to be the first task of an ethics : the defense of humans divided up or divided against themselves. (20)

Es bleibt jedoch unbestimmt, von dieser Unbestimmbarkeit letztinstanzlich bestimmt und der Ordnung des Wissenwollens (als Können) letztlich entzogen, was sich als solches den diversen ins Werk setzenden Operationen handelnder Täter und Töter, die etwas, wenn auch “nur” Thesen, antun und beifügen, als potentielle Schädigungsempfänger immer schon offeriert. Philosophie und ihre intellektuellen Vollstrecker mögen es als Thema verfolgen, aber dabei radikal verfehlen. Das Opfer, victima, bleibt das Ungedachte der als reine Unschuld vorurteilsfreier zureichender All-Reflektierbarkeit sich inszenierenden Philosophie schlechthin, sofern es alle Verfolgung, alle konsequente Persekution von Fragestellungen als von diesen Vorausgesetztes ermöglicht und zulässt, wenn nicht dazu einläd. Wir wissen vielleicht deshalb nicht, mit zureichendem Grund, was ein Opfer ist, weil das Opfer der unbegründeten Unzureichendheit, der Unfertigkeit und vielleicht schlechthinnigen Impotenz anderer Name ist. Und diese vikarisch-viktimarische Unzureichendheit die unilaterale letztinstanzliche Bestimmung bleibt. Reine endliche Letztlichkeit (und: kann man sagen: Lässlichkeit, Lässigkeit und Losigkeit), die schwache und durch diese Schwäche resistente Kraft einer determinierenden Un-, Unter- und Indetermination, deren einer Name “Opfer” lauten könnte.

4.

Indem Francois Laruelle in seiner Allgemeinen Theorie des Opfers in idiosynkratischer Signatur die alle Allgemeinverbindlichkeit aus den Sphären universeller Allgemeinbegriffe in die Dimension des unterdeterminierenden Generischen umlenkt und das Opfer als das schlechthin Humane dieser humiden radikalen Unterdetermination einsenkt, versucht er mit Mitteln seiner generischen Wissenschaft der Non-Philosophie, etwas zu vermeiden: Dadurch nämlich, dass bestimmt würde, wer und was ein Opfer sei, wem das Recht auf diesen Status zukommt und wem es verweigert werden muss — die dialektische Digitalisierung in Opfer und Nicht-Opfer — diesem, qua definitionem die Gewalt ein zweites Mal anzutun. Um die radikale Unbestimmtheit des Opfers,das Menschliche selbst und in Person, dieses — vom Stanpunkt der Suffzienz aus — Kenotische, diese Vakanz und Vakuität zu wahren gilt es also gleichsam asketisch einen Verzicht zu üben, der sich zum Verzicht eines Verzichts verdeutlichen lässt. Es geht, ganz einfach, darum, jenen Verzicht, der im Opfern besteht und womöglich die sakrifzielle Struktur unserer Kultur gefangen in einer Dialektik von Herr und Knecht, Täter und Opfer, bestimmt, zu unterlassen.

Seine mitunter recht harschen Rügen des nicht im Dienste des Menschlichen sondern idealistischer Werte und Zwecke stehenden, engagierten Medienintellektuellen gründen sich denn auch auf eben diese Diagnose: der überexponierte, überrepräsentierte Intellektuelle (Sartre sei sein klassisches Beispiel, aber Zolas “J´accuse” hat das Paradigma vielleiht begründet und Badiou fungiert als zeitgenössische Zielscheibe) unter der Flagge einer (wenn auch verwässerten Philosophie) opfert im Scheinwerferlicht der plusquam-präsenten Phänomenalität das Opfer, in dem er, seinem Narzißmus frönend, diesem selbst zum Opfer fallend,

Derrida, for example, says that narcissism pursues us to death. (102)

der die Arbeitsteilung “Die einen leidend, die anderen reden darüber und prangern es an” freudig bejaht, das Opfer selbst opfert.

But the embedded intellectual in fact orbits around power (which he must seduce to be able to limit), rather than around victims, whose defense becomes a pretext for the exercise of the intellectual’s narcissism. (54)

Was opfert er dabei, selbst dort und gerade, wo er es, mit besten Intentionen, einem idealisierenden Erinnerungskult einverleibt und als Opfer verewigt? Wohl doch die radikale Bestimmungslosigkeit eines X, die -barkeit dieser generischen Menschlichkeit selbst,welche nicht als über- sondern irredzuibel unterdeterminiert zu denken wäre. Als radikale Fremdheit und Sonderbarkeit — strangeness. Durch das Herauszerren seines Entzugs in die Überrepräsentation und -ausstellung des medialen Zirkulations-Zirkus wiederholt sich jener Verrat, der das Opfer zum Opfer macht und je schon gemacht hat.

Anstellle solcher Intellektualität zu treten hätte, so kann man Laurelle ablauschen, eine generische Intellektualität der Imitation viktimarischer Generetizität. Es bedeutet, Unterrepräsentation und -exposition, Unterbestimmtheit seinerselbst als Clone dieser determinierend-unterdeterminierenden Letztlichkeit gleichsam zu “kultivieren”. Die, letztlich, radikale Bestimmungslosigkeit zu retten hieße dann, in einem Denken gemäß (selon de, according to) dem Realen, der Desidentifikation und De-Indivuation sich zu überlassen. Ihm entlang und in Anschmiegung an es. In Mimikry und Mimesis seiner Syntax, die am ehesten als eine A-Taxis oder Anataxis zu beschreiben sein dürfte. Oder gemäß einer Identität, die sich nicht als logischen Syllogismus sondern als quantentheoretische Superposition, der Überlagerung unzählicher möglicher Zustände (auch einander auschließender) zu verstehen gibt. Und so zu denken und schreiben bedeutet eine radikale Um-Orientierung des vom epistemologischen Automaton beherrschten Denkens. Umorientierung zur Anschmiegsamkeit an eine fraktalisierte Desorientierung.

When it is understood that philosophy is a rational mythology become indispensable and planetarily hegemonic, a thought that never admits to being outdated [depassee] because it is racing ahead [depassante] , that it is made to resist all counterexamples and refutations as if it were a reasoning and perhaps rational hallucination, that it is the argued system of its own self-defense like a belief impervious to the doubt it brings about, that it is its own protestation of good faith and of its love of truth, then it is no longer necessary to bother with an internal auto-critique or an external hetero-critique, such as undertaking to limit its sufficiency to a precise point, arguing indefinitely against it for the right to treat it with a certain local exteriority, as do materialisms. (22)

Last and least, after all is said and done: Laruelles Détermination-en-dernièreinstance (DDI), die verbindlich alles entbindende, anfängliche Letztlichkeit und Verletzlichkeit als eine andere primäre (und aller Priorität vorausgehende) ultima ratio, das Ultimum und Ultimatum der zuverlässigen De-Determination, ist auch in der Bedeutung “letzte Instanz” fürs Höchstgericht eine Art Pindarscher nomos basileus in der Auslegung Hölderlins.2 Sie ist jene Voraussetzung, die nicht gesetzt, sondern nur im Axiom gewürdigt werden kann, weil alles Setzen sie voraussetzt und sie nur als dasjenige Setzen kann, was sie nicht setzen kann. Während solcherlei Aporien im philosophischen Kontext und dessen Logik als das Versagen epistemologischer Performanz aufgelöst oder umgangen werden müssen, stehen sie hier für eine Resistenz und immanente Restanz des Realen gegen seine vollständige Repräsentanz in einem Teil seinerselbst. Was sich allein vollständig repräsentiert, jedes mal ganz, auf ein Mal und in Einem perfekt, ist diese Unvollständigkeit und Insuffizienz. Sie kann also als Gesagtes nicht gesagt werden, und versteht man Sprache als den alleinigen Akkumulator von Bedeutungen, verengt sie also semantistisch auf ihre prädikative und urteilende Schicht, muss das als generische Immanenz verstandene Reale und Eine (eher No-One, None, Ohne, Plus d´Un) vor und jenseits der Sprache verortet werden. Aber es liegt auch IN ihr, als ihre Auseinandersetzung und kommt insofern weniger im Gesagten hervor als im Sagen selbst, dem Geschehnis des Sprechens und Schreibens zu Wort. Das “le réel” des Laruelle könnte sich, einem nicht-standardmässigen und nicht standesgemäßen Denken, also am Gemäßesten dort zeigen, wo eine De-Formation sich — in den Worten Werner Hamachers — sprachgerecht ausspricht. Laruelles Übungen in extravaganter Sterilität (Ray Brassier) sind selbst in diesem Sinne Exerzitien einer aus der Zukunft kommenden monotonen Maschinensprache von mitunter ennervierender, wenn nicht quälender Sterilität und Stereotypie. Aber vielleicht kann Denken als Dichten sich (heute) — nicht ein Nicht-Rechen als bestimmte Operation, sondern Non-Computing als Erweitertes Kalkül — nur auf solch verschrobene Weise formulieren, in einem Duktus, der weniger mit subjektiver Erlebnislyrik zu tun hat, als mit einer inhumanen Tier- oder Computersprache. Um dann deren intime Verwandtschaft mit den Musen offenbar werden zu lassen. Das heißt auch: mit der techné musiké:

Nevertheless, we are still dealing with a surface-inventory that has to move from discursive themes to another model, for example to leitmotifs à la Wagner. Non-philosophy is doubled more globally by a musical organization or tissue. Vertically, it is a spiraled thought, contrapuntal in spirit or with superposed themes (in a musical rather than quantum sense, but the former announces the latter). Horizontally, it is a melody that exposes and reexposes the themes. Its profound or desired model is musical. To be sure, its form is still too classical and insufficiently inventive, and nowadays it dares to go beyond the academic form only in some experimental texts grounded in repetition. It is born of relatively precise obsessions, of repetition through a system of variations, the ideal of a repetitive or variational thought from the great classical models (Bach, Beethoven, Brahms, Wagner) up to the most recent (Cage).

Tillmann Reik

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