Derrida: The Beast and the Sovereign II

 9780226144306Auto-Persekution

Mensch, hüte dich vor dir selbst, so hast du wohl gehütet
Meister Eckhart

I, that was born to be my own destroyer
Defoe, Robinson Crusoe

Welche Richtung? Leitung und Folge

Was heißt: sich, sich selbst überlassen, im Denken orientieren, wenn das Gebiet, die Gegend unüberschaubar sind, ein weites Feld, und man, isolierter und insularer Robinson, Karte und Navigationssystem entbehrt. Wem folgt man dann; wer oder was leitet und geleitet, führt?

What is an island?” [Questce qu’une île?] What is an island? [Qu’est une île?]

Hin und hergeworfen zwischen Tier/Bestie/Biest und Souverän, aber auch femininum und maskulinum (la bête/le souverain, Was ist eine „er“/qu´est-ce que une „il“?); in diesem Zwischen verloren. Das Tier als Souverän, der Souverän als Tier, das Weibliche als männliches, et vice versa. Wie findet man sich zurecht oder gar ein Zuhause? Woran sich halten, was sind die zielführenden Koordinaten, anhand deren sich die Position im Denkraum ohne externe Referenz — denn: il n’y a pas de hors-texte — lokalisieren ließe? Fragen, denen nachzugehen ist, die zu verfolgen sind. Kants Antwort im einschlägigen Aufsatz, sowie der Kritik der reinen Vernunft, wo Welt rein als regulative Idee konzipiert wird, sieht den pragmatischen Ausweg aus der Weglosigkeit, der Aporetik orientierungslosen Denkens, in der Postulation der Postulation: eines Vernunftglaubens, dem Alsob, dem Fürwahrhalten von Zwecken, die wegmarkengleich Denkbemühungen, zum Geleit, teleologisch ausrichten. Teloi, Zwecke, Ziele: Tun, als ob es sie gäbe, damit das Selbstgesetzte, als Anderes, verfolgt werden kann.

Ein reiner Vernunftglaube ist also der Wegweiser oder Kompaß, wodurch der spekulative Denker sich auf seinen Vernunftstreifereien im Felde übersinnlicher Gegenstände orientieren, der Mensch von gemeiner doch (moralisch) gesunder Vernunft aber seinen Weg, so wohl in theoretischer als praktischer Absicht, dem ganzen Zwecke seiner Bestimmung völlig angemessen vorzeichnen kann; und dieser Vernunftglaube ist es auch, der jedem anderen Glauben, ja jeder Offenbarung, zum Grunde gelegt werden muß.

Kant articulates his question as would a Robinson who was at once a seafarer, an astronomer, and a geographer and who, left to himself, wonders how to orient himself, and what “to orient oneself” means.

Als ob die „Als-Struktur“ des Verstehens, die Heidegger dem Dasein zu und dem Tier abspricht, von hieraus als ein Spezialfall einer allgemeinen Fiktionalität, eines tranzendentalen Quasi zu verstehen sein könnte. Einer Lüge, die der Wahrheit gleichursprünglich wäre und den logos apophantikos des animal rationale in seinem Bedeuten zu einem echten, (selbst-)verfolgenden (Selbst-)Täuschungsmanöver je schon ent-authentifiziert. Das Tier (immer noch im Generalsingular) kann nicht täuschen, ist dazu unvermögend, postuliert Lacan wie so viele Andere. Einer klassischen Geste getreu, die im Absprechen von Vermögen, die dem Menschen genuin und vorbehalten sein sollen, besteht und sich darin begnügt.

These would be the structural limits of an insular contour, in a word, the limits of a Homo Robinsoniensis who would perceive, who would interpret, who would project everything, the animal in particular, solitarily, solipsistically, in proportion to the insularity of his interest or his need, even his desire, in any case to his anthropocentric and Robinson- centered phantasm.

Neben dem Täuschen (der Unfähigkeit die eigene Spur zu löschen) sind dies etwa auch das Sterbenkönnen (das Tier verendet bloß nach Heidegger), das Antworten (das Tier reagiert bloß nach Lacan), das Sprechen als solches und überhaupt (das Tier bedient sich eines starren Signalcodes). Das Tier ist weltarm. Der Mensch, als Tier, nicht? Überhaupt, wer hat schonmal eine Welt als solche gesehen, erfahren, zu ihr Zugang gehabt?

Was ist Welt? Die Welt ist fort, ich muss dich tragen. Between my world, the “my world,” what I call “my world”—and there is no other for me, as any other world is part of it—between my world and any other world there is first the space and the time of an infinite difference, an interruption that is incommensurable with all attempts to make a passage, a bridge, an isthmus, all attempts at communication, translation, trope, and transfer that the desire for a world or the want of a world, the being wanting a world will try to pose, impose, propose, stabilize. There is no world, there are only islands.

Furchendes Forschen nach dem gangbaren Weg jedenfalls zur Erschließung des Terrains, gleicht dann, wenn eine heuristische Methode nicht vorliegt, die im Vorhinein die Prinzipien des Vorgehens festlegt (um die schon Descartes sich verzweifelt bemüht hatte) und die Ziele genau im Auge hat, einem Witterung aufnehmenden Erkundungsabenteuer im Wortsinne, bei dem an jeder Gabelung, souverän, eine Entscheidung getroffen werden muss. Oder jede Entscheidung eine Gabelung hervorbringt. Dadurch gerät das, was verfolgt wird schemenhaft und der Vorgang des jagenden Nachstellens konsequent und konsekutiv, persekutiv, da schrittweise.

Spu(e)ren

Eine Spur lässt erahnen: da ist etwas (Tier, Souverän, das Ding, der Andere) das, obgleich man selbst (einsam und ohne Gefährten, Homo Robinsoniensis) ihm folgt, nicht aufhört, sich seinerseits zu nähern, heranzukommen (advenire). Gerade wenn es entweicht, unheimliche Ent-fernung — vielleicht in freundlicher Absicht oder doch um einen bei lebendigem Leibe zu verschlingen — und dadurch in nicht abklingende freudige Erregung und/oder schiere Panik versetzt.Dreifache Angst firmiert dabei als Triebkraft: Verschlungen werden von Erdboden, Meer oder, am Schlimmsten, seinesgleichen, dem Kanibalen (in sich selbst) erscheint als reale Drohung, wo immer der Mensch, nach Heidegger, den dieser Begriff umtreibt, physis, dem Walten, dem Überwaltigen, dieser Hypersouveränität, ausgesetzt ist.

Robinson Crusoe’s fundamental fear, the fundamental, foundational fear, the basic fear [peur de fond] from which all other fears are derived and around which everything is organized, is the fear of going to the bottom [au fond], precisely, of being “swallow’d up alive” [.. .]. He is afraid of dying a living death [mourir vivant, also “dying alive”] by being swallowed or devoured into the deep belly of the earth or the sea or some living creature [. . .]. That is the great phantasm, the fundamental phantasm or the phantasm of the fundamental. (77)

Das Gewaltige, das Überwältigende ist der Wesenscharakter des Waltens selbst

Angst als conditio sine qua non des Muts. Es braucht Mut, Courage (die mit dem Herzen zu tun hat), um zu denken. Und sei es nur der Mut zur Angst, den Mut der Angst.

because obscurely, although courage is not fear, there is no courage without fear, no absolute state of courage, and of heart, without absolute panic.

Man ist ergriffen worden, schon bevor man zum Befreifen und Ergreifen gekommen sein wird.

Vor allem aber, diese Begriffe und ihre begriffliche Strenge werden wir nie begriffen haben, wenn wir nicht zuvor ergriffen sind von dem, was sie begreifen sollen.

Am Ende erweist sich der Fußabdruck im Sand vielleicht als der je eigene. Ausdruck eines Gegen-Narzißmus, der auto-immunitär nur auf sich selbst stets wieder zurückkommt, um sich zu zerstören.

this autoimmune automatism that looks like the mechanics of a counter- narcissism that returns to itself only to ruin itself, to ruin the self

Am Ende kreist man hermetisch-hermeneutisch um sich selbst, Getriebener („Unser Sein ist diese Getriebenheit„) einer Nostalgie, Heimweh nach einem Zuhause, einer Welt, die fort ist, an der wir arm sind oder die wir doch nur haben im Modus des Nichthabens. Wie Heidegger es dem Tier attestiert.

Das Tier hat eine Welt in der Weise des Nichthabens, oder umgekehrt: es entbehrt eine Welt, weil es eine Welt haben kann.

Allein schon in Hinblick auf die Versuchsanordnung lässt sich diese Quest, zu finden in der letzten Vorlesung Jacques Derridas „The Beast and the Sovereign II“ an Kühnheit kaum überbieten: eine bilaterale, stereoskope Doppellektüre zweier Texte wird unternommen, die heterogener, disparater nicht hätten ausfallen können. Einander gegenüber wenn nicht gleichgültig, so womöglich sogar feindselig gesinnt, gestimmt (Sinn und Stimmung werden keine Nebenrolle spielen!). Welche Affinität besteht, wie hat das so augenscheinlich Inkompatible miteinander zu schaffen? Heideggers Freiburger Vorlesung Wintersemester 1929/30 Die Grunbegriffe der Metaphysik: Welt – Endlichkeit – Einsamkeit und Daniel Defoes Robinson Crusoe?

(On my computer, the title of the document for this seminar is hei / foe (board), and you know that foe in English means enemy. In fact, Defoe’s real name, his family’s real name, was Foe: his name was Daniel Foe, Daniel Enemy, Daniel the Enemy

Nach der Lektüre dieser 300 Seiten wird nicht nur ein neuer Blick unter gänzlich ungeahnten Vorzeichen auf Defoes Opus Magnum möglich; die Entdeckungen zum Wuchern der Ultra-Souveränitat des „Waltens“in Heideggers Denken ab dem Wintersemester 29/30 allein bereits lassen diese an Material überreichen Vorlesungen, bestimmt vom kreisenden, tastenden „repetitiven Spätstil“ (J.Hillis Miller) Derridas zu einem Abenteuer sui generis werden.

Jacques Derrida’s The Beast and the Sovereign Volume II (University of Chicago Press, 2011)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s