Michael G. Levine: Atomzertrümmerung

Zeit / -lose…

Die Sekunde, diese Kunde: Lapsus Linguae

Doch was ist Schmerz? Der Schmerz reißt. Er ist der Riß. Allein er zerreißt nicht in auseinanderfahrende Splitter. Der Schmerz reißt zwar auseinander, er scheidet, jedoch so, daß er zugleich alles auf sich zieht, in sich versammelt. Sein Reißen ist als das versammelnde Scheiden zugleich jenes Ziehen, das wie der Vorriß und Aufriß das im Schied Auseinandergehaltene zeichnet und fügt. Der Schmerz ist das Fügende im scheidend-sammelnden Reißen. Der Schmerz ist die Fuge des Risses. Sie ist die Schwelle. Sie trägt das Zwischen aus, die Mitte der zwei in sie Geschiedenen. Der Schmerz fügt den Riß des Unter-Schiedes. Der Schmerz ist der Unter-Schied selber.
(Martin Heidegger. Unterwegs zur Sprache)

Ach, ach, weh mir! Es kann und wird, geht die Mär, vom frühesten endlosen Anfang menschlicher Verlautbarung an und bis wohl in alle Zeiten, im Sagen, vor allem anderen besonderen Inhalt, vor allem kategorial zum Genre spezifizierten Lamento und Lamentoso, dem Klagen in Stoßseufzer und Ächzen, deren prominenteste und atomar-urteilchenhafteste die onomatopoietische Symptominterjektion Ach* zu sein scheint, Ausdruck verliehen worden sein und werden. In Sprache, als Sprache, aus deren Wortgestalt das eine ungeteilte Ach herausbricht, sich ungeregelt bricht, welche es einfasst. “Zu sagen, was ich leide”, und überhaupt das “Dass” als das erste Was, von einem Gott — wohl dem selbst sprechenden des Logos — zuteil gewordene Gabe des Menschen, ausgezeichnet vor dem, weil angeblich zur artikulierten Explikation qua Prädikation nicht fähigen und deshalb vermeintlich zum Verstummen verurteilten Tier (aber wohl doch zum stummen Schrei fähig), gilt als Inbegriff des dem Menschen vorbehaltenen sprachlichen Ausdrucks.

»klagen verhält sich zu klang, klingen ganz wie sagen zu sang, singen. klingen galt nämlich auch für singen, klagen aber bedeutet nach allen spuren ursprünglich schreien«

Weil sagen, vor allem anderen Inhalt, bekundet, dass ihm die Sprache fehlt, die richtigen Worte, der gemäße Hörer immer ausssteht und gar der Sprecher als zoon logon echon selbst sich nicht “hat” im Sinne der restlosen Bemeisterung seines Sinns und seiner selbst — eher „hat“ er die Sprache wie man eine Krankheit hat, ist von ihr befallen und erleidet sie — sagt es seine irreduzible Sprachlosigkeit. Spricht nicht nur von, sondern vor allem aus ihr. Aus dem Versagen und dem Vor dieses Ver-, da besagter Gott des Logos durch den Algos von sich selbst getrennt, in und als Sprache, über seinen eigenen Tod, das Verlassenwordersein von sich, klagt.

as the algos in which the logos separates from the logos. With it, onto-theo-logy lapses into onto-theo-algy. (Hamacher, Other Pains)

Sagen ist somit immer zunächst — das heisst, bevor es sich zum Anklagen im Sinne des Kategorisierens bindet und verfestigt, welches wiederum wohl vor allem dieses vorgänge Lamento, das es ist, anklagt und benennend, Schuldige isolierend, einzugrenzen versucht — Klagen, Leidensbekundung. Und Unbehagen, Weh, Leid, Kummer, Trauer, der drückende, quälende Schmerz, gr. achos, macht etwa, vertraut man Schadewaldt, neben dem unaufhaltsam weiter wie ein Flächenbrand um sich greifenden Zorn, bereits die eigentliche Grundstimmung des Achill, dessen Namen zumindest nach manchen Spekulationen auf achos, den Schmerz, zurückgeht, aus. Er ist als Kraft dieses Zersetzende, das die gesamte Homerische Welt des Epos sadomasochistisch dünkender Sprach-Tat-Handlungen überhaupt aus sich gebiert.

Auch die Anklage des für weiblich denunzierten Klagens, etwa im Ciceronischen, tugendhaft virilen Niederzwingen des Schmerzes, bietet die ganze geballte Gewalt des Klageschmerzes auf, um sie gegen sich selbst zu wenden: im Sich-Zusammenreißen bleibt dieses das Zusammen eines Auseinandergerissenwerdens und proliferiert es.
Wäre somit Klage für etwas außer der Sprache als Äußerung Befindliches zu nehmen, was sich in ihr artikuliert? Oder gibt es nicht zumindest einen Schmerz vor der Unterscheidung in seelischen und körperlichen, inneren und geäußertem, der sich in einem Sprechen und Schreiben selbst findet und dem Sich-aus-ein-ander-Setzen der Zeichen (oder, wie Derrida sagen, wird: Marken, oder, um, nochmal anders, die Verwundung zu kennzeichnen: Male) mit- und in- *sich* bis in ihre kleinsten Elemente hinein geschuldet ist? Eine “Differenzierung”, die nicht nur unterschiedene Identitäten scheidet, sondern noch die Differenz “in” sich selbst von sich selbst, infradifferentiell. Letzte Atome erweisen sich dann als Hypothesen, von denen sich sukzessive herausstellen wird, dass es sie nicht gibt, nur gibt als weiter sich teilende. Sie zertrümmern sich, wo Sprache und ihr markendes Mark, ihre Mark und Marsch, sbricht, von Anfang an. Eine Freisetzung von Kräften (der Freisetzung), die weht wie ein Luftzug, aber auch Wehen und Wehe erzeugt wie die einer Geburt, der Amputation eines Gliedes, des Scheidens bei Abschied und Tod, entbindet und bahnt sich.

Empfindet die Sprache etwas wie Schmerz bei der Freisetzung solcher Kräfte? Gibt es etwas wie einen sprachspezifischen Schmerz, einen zerreißenden Schmerz der sprachlichen Zerreißung?

Jener Schmerz, der die abschiedliche, sich von sich abscheidende Sprache selbst zerreisst und sie zu und als solche Zerreissung wiewohl in Versammlung und Zusammen-Reißung präzisierend, sukzessive zertrümmert und aufsprengt, verdichtet sich in Dichtung, die damit, scheint´s paradox, eine Lockerung und Lösung ins Werk setzt. Einzig diese Undichte verdichtet und Text zum klaffenden Gelände der Verbrachung, zum Gebräch, markt, indem sie, gleichsam, den Acker der Sprache, ihre Brache, fortwährend eggt.

that, in short, every voice—and every language—however vital, powerful, or imperial it may be, remains dependent on an anontological remainder of pain and could never be sounded without that which in it can never be sounded. This must be a pain that is more lowly than lowly, softer than soft, more formless than formless: an infra nihil that withdraws from formation, regulation, and binding, and, even enchained, slips out of its chains. (Hamacher, Other Pains)

Paul Celans Poetik geht es darum — so Levines mikrologische -lyse seiner Lyrik, die dieses strukturelle Geschehen, das die Temporalisierung (und man müsste hinzufügen: Spatio-Temporalisierung) von Sprache überhaupt darstellt, anhand des von Paul Celan in dessen Gedicht “Die Silbe Schmerz” aus dem Band Die Niemandsrose gefundenen Syntagmas “die Zeit-/lose” aufschließt — dieses Andere/diesen Anderen (welches auch “Zeit des Anderen” genannt werden kann) auf je singuläre und unvorhersehbare Weise mitsprechen zu lassen. Der Andere, das heisst, dessen Zeit, muss, paradox, beim Sprechen als das, was nicht spricht, mitsprechen. Und das ist, was das Gedicht tut: es lässt. Lässt Zeit, eine andere Zeit, die Zeit des Anderen und etwas anderes als Zeit, mitsprechen. Levine zitiert an dieser Stelle beinahe Levinasschen Celan der Meridian-Rede:

Noch im Hier und Jetzt des Gedichts – das Gedicht selbst hat ja immer nur diese eine, einmalige, punktuelle Gegenwart -, noch in dieser Unmittelbarkeit und Nähe läßt es das ihm, dem Anderen, „Eigenste mitsprechen: dessen Zeit. Wir sind, wenn wir so mit den Dingen sprechen, immer auch bei der Frage nach ihrem Woher und Wohin: bei einer »offenbleibenden«, »zu keinem Ende kommenden«, ins Offene und Leere und Freie weisenden Frage – wir sind weit draußen.

Levine:

In “Die Silbe Schmerz” gehen Trennungen nicht nur durch Zeilenbrüche oder Wörter wie das Verb “buchstabieren” hindurch, sondern auch und vor allem durch den Buchstaben selbst. Und wenn der Buchstabe von sich getrennt ist, kann die Rede nicht mehr von stabilen sprachlichen Einheiten — auch nicht von den minimalsten — oder von klar erkennbaren Zwischenräumen sein. Stattdessen geht es um ein allgemein verbreitetes, nirgendwo lokalisierbares Zögern. Und es idz gerade dieses konstitutive Zögern, diese zögernde Unberechenbarkeit des Gedicht, die ihm eine Chance gibt, die Chance, als Flachenpost ans Herzland gespült zu werden — die Chance irgendwo anders anzukommen als man erwartet hatte. (36)

Irgendwo anders, und, könnte man hinzufügen: nirgends, also nicht anzukommen. Im Sinne der Unzeit einer Unankünftigkeit.

Die Silbe Schmerz aus der Niemandsrose ist vielleicht eine Umschrift der “Zehnten Elegie” — eine Elegie über die Elegie oder gar ein Trauergesang für die Elegie selbst — Rilkes und lässt Levine vermuten, dass Celan, der Rilkes Dichtung kannte und schätzte, dichterisch da anfängt, wo dieser aufhörte.(54) Beim Unbegangenen.

Während Rilkes Poetik dieser Zeit nämlich das -los als Suffix der radikalen Insuffizienz loszuwerden bemüht zu sein scheint, ist es Celan — für den das Poetische für das Unabgeschlossene und Nicht-Identische steht (14) — um das Los, das Schicksal dieses entbundenen -los, vielleicht Sprache selbst, emphatisch zu tun. Seine Dazwischenkunft, Intervention im wörtlichen Sinne, markiert eine Temporalität des oder der Zeit-/losen, dem Celans epikurisch-demokritisch-lukrezsches Interesse an der Selbst-Abweichung und mithin auch an der Unterteilung der Sprache in immer kleinere Elemente (17), einer methodischen Atomzertrümmerung gleich, zu entsprechen versucht.

Es war im Zusammenhange eines Gesprächs, in dem ich darlegte, wie diese Arbeit – vergleichbar der Methode der Atomzertrümmerung – die
ungeheuren Kräfte der Geschichte freimacht, die im „Es war einmal“ der klassischen Historie gebunden liegen. Die Geschichte, welche die Sache zeigte, „wie sie eigentlich gewesen ist“, war das stärkste Narkotikum des Jahrhunderts.“

So gesehen ist dieses für nichts als Fehlleistungen (71) offen haltende Dichten des Zer- und Zufalls, der Chancen der Abweichung, ein Los-, und damit: Zeitlassen. Lassen jener Zeit, die nicht aus der Vergangenheit kommend eine Kette aus Schuld und Sühne knüpft, sondern die aus der Zukunft kommt und eine Nichtvollstreckung vollstreckt, als epoché jedes Urteil (nicht vergeltend, sondern vergebend) aussetzt und unaufhörlich alles Determinierte einer radikalen Bestimmungslosigkeit in ihrer Mitte öffnet.

Tillmann Reik

* Im ach, „dem Inbegriff klagenden Klangs“ klinge, nach Thomas Schestag, „die Klaglosigkeit der Klage an, oder nach, und nah.“ (Die unbewältigte Sprache, S.24)

 

 

Jean-Luc Nancy: Der ausgeschlossene Jude in uns

Gespaltener Doppelkomplex

1.

Zwei kompulsive Repetitionsautomatismen, einer verfolgt den anderen und dabei verfolgt vielleicht doch, in letzter Instanz, nur: ein Selbst: sich…

Mit einer schlichten, die banale schlechte Unendlichkeit — als Figur, die beim frühen Hegel selbst mit “dem Juden” intim verknotet ist — eines über 2200 Jahren währenden repetitiven Automatismus benennenden Feststellung

„Unablässig wiederholt sich der Antisemitismus.“ (21)

eröffnet Nancy seine komplexe Studie. Ein Buch, das auf der Suche nach zureichenden Gründen des mit „Judenhass“ wohl immer noch unzureichend übersetzten Phänomens zum Gründen und Instituieren selbst vorstoßen wird. Zum archein wie es sich im Akzident des sich von Griechenland herschriebenden Okzident kristallisiert. Zum prinzipialen onto-logischen Grund-Satz der Identität und dem Sprung und Riss in seiner Mitte. Ur-Sprung. Sodann zu dieser sich teilenden, wandernden, exzentrischen Mitte selbst.

Es handelt sich offenbar, bei besagter Unendlichkeit dieser Unsäglichklichkeit, so wird das Weitere darlegen, um einen in sich gedoppelten Wiederholungszwang. Soweit das zu verstehen ist, kann er als die aporetische, topologisch verwickelte Un-Figur eines von einer Spaltung ausgehenden Mechanismus der Auschließung einer Einschließung einer Ausschließung präzisiert werden kann. -Klusion eines das Ganze und dessen Bewegung einfassen wollenden Syllogismus. Wobei das Auszuschließende jenes wäre, was die Selbst-Einschließung zur autonomen Autarkie verunmöglicht. Was sich also, unablässig und ohne aufzuhören immer wieder anfangend, wiederholt, ist einmal und zunächst der Wille zur Ausschließung eines eingeschlossen Anderen — das Phantasma vom auszuschließenden Juden in all seinen Gestalten — als Verlangen eine inhärente Widersprüchlichkeit zu beseitigen. Dieser jedoch auf so komplexe Weise gebrochen und in sich widersprüchlich erscheint, das mit dessen Feststellung — der Konstatierung einer virtuell unaufdröselbaren Verknotung — allein noch nicht allzu viel gewonnen wäre. Gleichwohl wiederholen wird sich jedoch ebenso, ohne Unterlass, ein anderer Anfang, der Wille nicht zu wollen, das Ausschließen auszuschließen, mit dem Anfangen, das Schluß machen will, aufzuhören. Sind diese beiden Anfänge, in letzter Instanz, ein und derselbe? Die doppelnde Spaltung lässt sich auch ausdrücken als die Zweifachheit eines Gründens: der Selbstgründung gesellt sich ein konkurrierendes wie auch supplementierendes Modell zu: die Anrufung durch einen ganz Anderen, der in die Verantwortung ruft. Autonomie versus Hetero(auto)nomie.

Woher rührt in letzter Instanz — wenn man so weit kommt… — eine Konfiguration, die so komplex ist, so verdreht, um es mit der Ausdruckskraft dieses gewöhnlichen (banalen) Wortes zu sagen? (69)

Dieser nur aufgrund ihrer Dysfunktionalität funktionierenden Schließungsapparatur im Zentrum der Aufmerksamkeit verdankt die Untersuchung es hingegen gerade, Verwicklungen und Intrikationen nachspüren zu können, die sonst bei der Behandlung des Antisemitismus meist gedanklich notwendig ausgespart werden. Die ihrerseits exkludiert bleiben, sofern solche Untersuchungen bestrebt sind, nicht-widersprüchliche Erklärungen zu liefern für etwas, das mit dem Verhältnis zum Unterschied als Widerspruch gefasst selbst zusammenfällt. Mit einer nur als tragischer und zu beseitigender Widerspruch erscheindenden Erfahrung von Selbst-Differenz. Die Widerspruchslosigkeitsforderung nach logischer Konsistenz verfahrender Begründungen hat womöglich an dem zu untersuchenden Problem eines gewissen sui-adversiven Auto-Exorzismus, einer überschießenden Autoimmunreaktion eines Selbstschutzes gegen sich als Anderes, schon Teil. Müsste insofern mit in die Überlegung hinein genommen werden.
Das Phantasma vom auszuschließenden Juden jedenfalls scheint alles andere als bloß unliebsamer Auswuchs der in ihrem festen Fundament freiheitlichen abendländischen Kultur und Zivilisation, welche mit der Kontra-Repetierung einer antifaschistischen Litanei (27) — ein zweiter Wiederholungszwang gegen den ersten Wiederholungszwang — in Zaum zu halten wäre. Eine solche, die den Faschismus des 20. Jahrhunderts zum absolut Bösen stempelt, um das Problem zum eingrenzbaren Phänomen auszufällen, in Quarantäne nehmend zu isolieren, und von weiteren Nachfragen über dessen Fortleben noch in diesem Anti- einer Welt, die offiziell in ihren Grundlagen vom Faschismus sich befreit zu haben vorgibt, zu dispensieren.

Der unablässigen Wiederholung des Antisemitismus und seiner Banalisierung einher geht also eine andere banalisierende Wiederholung, die ihn jagd, verfolgt und, durch ihr Anti- auf erschreckende Art in ihn verwickelt bleibt. Wenn nicht, ihn subtil fortschreibt.

Diese umgekehrte Banalität, die darin besteht, die Faschismen (oft zusammen mit anderen “totalitär” genannten Herrschaftsformen) zum absolut Bösen zu stempeln, scheint in ihrer unablässigen Wiederholung auch als Garantie einer Gutmenschlichkeit zu fungieren, die nicht weiter nachforschen will. “Weiter nachforschen” bedeutet hier: nach den Bedingungen der Möglichkeit zu fragen, die von den Demokratien und von der Kultur oder Zivilisation für dieses brutale Geschehen geboten wurden. Sich zu fragen, ob es vom Himmel gefallen ist (oder vielmehr aus der Hölle) oder ob es nicht seine Einbruchsstellen in den Mängeln der Demokratie, des Humanismus, des Technizismus oder des Ökonomismus fand. (26)

Der Antisemitismus ist somit vielmehr dem Abendland, seinem „Herzen der Finsternis“ inhärent und für dessen Selbstbezug — für dessen Willen zum konsistenten Selbst — bis in die Verfassung des psychischen Apparat eines jeden, zentral.

Das führt uns zu der Frage, oder dem Verdacht, ob nicht der Judenhass mit der Entstehung des Okzidenz selbst verbunden ist. (27)

2.

Es erfolgt die Eröffung durch die zitierte Wendung jedoch erst, nachdem zwei für die deutsche und amerikanische Ausgabe bestimmte Vorworte den Antisemitismus als ein zunächst nicht nur europäisches, sondern abendländisches Grund-Problem (oder Problem mit dem Grund und Gründenen), ein Problem des sich globalisierenden Westens zu dem auch Amerika gehört, markiert haben. Zu einem Problem also einer sich universalisierenden Welt-Zivilisation, von der auch Russland, Japan nicht ausgenommen sind. Wenngleich immerhin doch die Entdeckung der “neuen Welt”, und ihre Zweiteilung, dem Selbstverständis ihrer sie besetzend-besiedelnden Bewohner entsprechen eine Zäsur bedeuten soll und das Phantasma eines neuen, unabhängig sich erklärenden Anfangs in die Welt bringt, die den neuen Kontinent zugleich als etwas anderes denn eine blosse Expansion Europas dastehen lassen wollte. Etwas anderes also als jenes Europa, das seine Staatsgründungen noch im Schatten Roms inszeniert. So gilt es dementsprechend

den Begründungscharakter dieser Unabhängigkeiten hervorzuheben. Der Akt der Trennung von den Staaten Europas ist untrennbar verbunden mit einem Gründungsakt: eine andere Geschichte beginnt. Was auch immer die Unterschiede zwischen Unabhägigkeit der “Dreizehn Kolonien” und den nachfolgenden sein mögen, sie sind anderer Natur als die europäischen Staatsgründungen. (13)

Mit einem sich explizit aus göttlichem Recht gründenden Amerika habe diese eine Alterität als Legitimation anrufende Selbstgründung im bestimmten Sinne mit der Gründungsgeste Roms gebrochen und weise in dieser Hinsicht mehr Ähnlichkeit auf mit der jüdischen Vorstellung als der christlichen. (14)

Und dennoch: da die Shoa aus dem Herzens Europas hervorgegangen ist, gelte es, ihren Ursprung ebendort zu lokalisieren und analysieren.So gilt den Ursprung einer Weltordnung zu denken, die sich archäeoteleologisch und entelechisch entwirft und mit einem Streuungs-Geschehen sich konfrontiert sieht, das diesen Willen zur Versammlung unablässig bricht und die Perfektibilität verdeutlicht, die allein einer Vollendung einer Endlosigkeit vorbehalten scheint.

3.

Es handelt sich im Kern ihrer Analysen um eine Arbeit, die ein bereits in Banalité de Heidegger für die Ausarbeitung des Problems des Judenhasses bedeutende Rolle spielendes Motiv wieder aufnimmt und weiterführt. Dort lautet die sich auf Überlegungen von Lacoue-Labartes La Réponse d’Ulysse berufende, und sodann antwortend bejahte Frage: Lässt sich dergleichen wie ein „haine de soi de l’Occident“ denken? Und zwar als etwas diesem sich als Philosophie instaurierenden universalistischen Welt-Denken selbst Inhärentes und für es Konstitutives? Ein Selbsthass also, rancoeur, Groll, Grimm, einer europäischen Kultur, der in dem Zorn und der Verzweifung des Abendlandes besteht, insofern es sich in sich selbst gründen und seiner Konsistenz versichern will und dieses entscheidendste Können aller Können — es selbst und ganz bei sich zu sein — doch aus strukturellen Gründen nicht vermag? Zumindest dies doch nur erreicht, indem es ihm stetig mißlingt. (Die Diagnose Nietzsche von der Krankheitsgeschichte des Ressentiments ist nicht weit.) Was eine nach allen Richtungen hin offene Geschichtlichkeit der Schickungsirre ermöglicht, aber die ihr inhärente auf vervollkomnenden Abschluß drängende unidirektionale Teleologie und Soteriologie doch unablässig enttäuschen und vor den Kopf stossen muss. Heideggers Fundamentalontologie, schon in Sein und Zeit, da sie sich diesen Titel selbst noch verlieh, im Begriff, sich zur einer Anontologie des Affundamentalen freizusetzen, wäre in seiner süchtigen Suche nach dem anderen Anfang diesem Groll jener Arche zumindest zuzeiten seines von Lacoue-Labarthe Archi-faschismus genannten sublimierten Hyperfaschismus anheimgefallen. Dem Groll jener Arche als deren Kult er Metaphysik doch erkannte. Und umwillen eines Anderen — nicht mehr anderen Anfangs, sondern etwas anderem als eines Anfangs — abzubauen gedachte. So heisst es im früheren Text Nancy, Banalität Heideggers:

Heidegger konnte wissen, welche Falle die Sucht des Anfänglichen oder des Ur- birgt. Er musste es wissen. Sein Denken hat es impliziert. Aber in der Gewalt des Paradigmas des Anfänglichen verdeckte der alte Selbsthass, der Groll des Abendlandes gegen sich selbst, fortdauernd dieses Wissen.

[…]

Von Groll zu sprechen ist vielleicht richtiger als von Hass (gemäß der bekannten Figur des “Selbsthasses”, die gleichzeitig sehr nahe liegt). Groll bezeichnet das verbitterte und wütende Gefühl, Opfer einer Ungerechtigkeit oder falschen Versprechung geworden, getäuscht oder abgelehnt worden zu sein. Vielleicht ist das ganze Abendland von Anfang an infiziert von Groll gegen sich selbst, und zwar in genau dem Maße, wie es sich eine Vollendung versprochen und bis in unsere Zeit nicht aufgehört hat, sich zu versprechen — eine Vollendung der Natur, des Menschen, des Staates, der Gerechtigkeit oder des Wissens. (Banalität Heideggers, S.50)

Folglich muss also, für den Selbsthass — diese böse Banalität — Gründe haben, dass das vom götzendienerischen Mythos und den alten Autochthonien sich abstossende, autonome, autarke Gründen Griechenlands auf Prinzipien, dem einen Prinzip: der arché eines Zusammenhang stiftenden logos, nicht (ganz) gelingt, und somit, da es um dieses Ganze geht: gar nicht. Dass es sich verliert, fragmentiert, schief läuft, nur auf diese Art läuft. Und diese Gründe für das Mißlingen des Gründens können nicht länger in einem Außen zu verorten sein, weil Okzidentalität sich als Weltlichkeit selbst globalisiert und kein ihr anderes mehr denken kann und will. Sondern die Gründe, bzw. der eine Grund für das Scheitern des Grundes, müssen in einer Verderbnis liegen, die das ansonsten doch so Heile oder die zumindest zum integeren Ganzen berufene, potentielle Intaktheit unterminiert, aus dem innersten Inneren heraus zersetzt. Unser Unglück, ein anderer Name für es, wird in einer radikal mimetischen Figur der absoluten Uneigentlichkeit, der Eigentlichkeitsverhinderung durch bloße Eigentlichkeitssimulation ihre Repräsentation finden. Dem Juden, den Juden, dem Jüdischen.

Dies macht den von vornherein als abendändisches Phänomen im Ganzen in Erscheinung tretenden Antisemitismus, der für Nancy nichts anderes als ein anderer Name für diesen Selbsthass darstellt, seit 20 Jahrhunderten zu etwas von bloßer Xenophobie entscheidend Verschiedenem. Er hat zu kämpfen mit der ungreifbaren Verschiedenheit selbst, und zwar: in sich.
Während nämlich der genuine (gewissermaßen native) Fremde Angehöriger einer anderen Volksgruppe ist, die sich, selber distinkt konturiert nach identischen Formationsprinzipien, klar von der eigenen abgetrennt werden kann, steht „der Jude“ als Chiffre für ein die Selbstidentität des gesunden Volks- oder Geschichtskörper als solche befallenes Übel im Inneren. Steht für einen Fremdkörper und autoimmunitären Schädling, der selbst keine Zugehörigkeit kennt (sich nachgerade von aller Zugehörigkeit zu Volksgruppen — goyim — und ihren Institutionen exkludiert), es sei denn die Zugehörigkeit zu einer Ungruppe der schlechthin Unzugehörigen. Allenfalls in der Lage teilzuhaben (oder böswillig: parasitieren) stellt er die Möglichkeit von Konsistenz und Identität wie sie sich tribal-stammesgesellschaftlich oder später nach dem Bilde der polis, der civitas synthetisierenden und konstituieren will, selbst in Frage und unterminiert sie. Genauso wird die Möglichkeit — die Rolle, die der Jude bei der Konstruktion der hegelschen „schlechten Unendlichkeit“ und dem „unglücklichen Bewusstsein spielt ist untersucht — das eine Bewegung sich sättigt und glücklich in sich selbst zurückrollt, ihre Bestimmung erfüllt, ein Schicksal ist, radikal sabotiert.

„How can everything start with a complication?“ hatte Derrida gefragt. Nancy nun konstatiert eine Spaltung im Ursprung, den Ursprung als Spaltung, innerer Zwist, Widerspruch, Zerissenheit (8,11) des Abendlands als Selbst und sieht in diesem Spaltung-Ursprung, dieser Ursprungs-Spaltung den Ursprung des Selbsthasses als Antisemitismus als einer Banalisierung von Steroptypen:

Die besagte Banalität ist keineswegs entschuldbar — im Gegenteil. Ihre Existenz zeugt von einer Banalisierung, das heißt: von einer der Trägheit geschuldeten Akzeptanz von Stereotypen, die einem unergründlichen Hass entsprungen. (22)

Grund für den Antisemitismus als unergründlichem Sebstthass einer ganzen Kultur und Zivilisation ist der Riss im Grund. Grund für den Hass ist der Ungrund.

4.

Wie genau lässt sich eine derartige Spaltung aber verstehen, bei der es sich um den Ausschluß eines Einschlusses handeln soll und von deren In-Rechnung-Stellung Nancy sich einen tiefgreifenden Wandel verspricht?

Denn die Notwendigkeit eines solchen Wandels wird immer wieder betont und es ist schwer zu glauben, dass dieses Erfordernis nur eine weitere Aufklärung über die Aufklärung meinen könnte und nicht vielmehr doch eine Konversio, eine Bewusstwerdung voraussetzt, die fernöstliche Heillehren wie Psychoanalyse auf den Plan rufen, weil eine andere “Lösung” gesucht wäre, die nicht bemächtigen will, sondern sich einer gewissen Dissolution zu übereignen vermag.

Dieser Zwist, dieser Widerspruch, diese Zerissenheit und dieser Hass hat Europa nicht nur nicht losgelassen. Es wird nach wie vor davon heimgesucht, auch in der völligen Ernüchterung über sich selbst. Der Mut verflogen, nicht der Hass. Man darf vermuten, dass es ihn nicht wieder finden wird, wenn es sich nicht von diesem Hass freimacht. Aber der Wunsch genügt nicht. Es genügt nicht einmal der Wille. Es bedarf wohl einer tiefgreifenden Veränderung dessen, was wie “abendländische Kultur” oder “westliche Zivilisation” nennen.

[…]erst wenn wie die “geschichtliche” und “geistige” Bedeutung einer Aversion erkennen, die den gesamten Gang unserer Geschichte begleitet, können wir vielleicht in diesem Gang einen Wandel einleiten, der so tiefgreifend wie der ist, aus dem er hervorging. (67)

Besteht das Ausgeschlossene im Innen dieser gar nicht so sehr einfachen Spaltung as vielmehr vielfältig verwickelten Komplikation — vielleicht der Reflexivitätsbemühung einer Irreflexvität — genau in jenem, was sich selbst ausschließt, also der Verfügbarkeit entzieht? Sofern das Eigene und seine ersehnte Selbstheit alles ausschließt (und damit einschließt), dem es sich verdankt: Uneigentlichkeit, Widersprüchlichkeit, Abgründigkeit, Grundlosigkeit also Gestalten einer Aporie, die als solche sich gerade entzieht, wie könnte mit diesem die eigene Schließung anstrebenden Ausschließen Schluß gemacht werden zugunsten einer Öffnung eines Anfangens, das nicht aufhört stets neu anzufangen; das nur aufhört, um neu anzufangen und zunächst nichts Bestimmtes sondern dieses Anfangen selbst neu und anders fortzusetzen? Nancy scheint keinen Zweifel zu lassen, dass es ihm um ein Schluß machen, mit einem gewissen Schlußmachen zu tun ist:

Artaud wollte Schluss machen mit dem Gottesgericht: um mit ihm Schluss zu machen, müssen wir Schluss machen mit dem Antisemitismus — mit dem mörderischen Gegeneinander wie auch mit dem tödlichen Miteinander, in Gott, der zwei Prinzipien von Autonomie und Heteronomie und dem Krebsgeschwür ihrer Konfrontation.

Wir müssen Schluss machen mit den Prinzipien, mit dem Prinzip, auf Prinzipien (“Ursprünge”, “Naturen”, “Subjekte”) zu vertrauen, weil es prinzipiell ausschließend, austreibend und vernichtend ist. Es ermöglicht, zusammen mit dem Antisemitismus, jede Art von Rassismus. Unsere Kultur ist nur rassistisch geworden, weil sie dazu den Keim in sich trug. Aber sie ist im Begriff, sich von der Idee der “Kultur” selbst auszuschließen, was alles erwarten (oder erhoffen) lässt. (76)

Schluss machen mit dem Prinzip, auf Prinzipien und gründende und begründende Gründe zu vertrauen, hieße wohl auch, denn es soll das Programm einer Archäoteleologie durchbrochen oder von diesem abgerückt werden, dem das sich globalisierende Abendland bis heute folgt, einmal mehr, Schluss machen mit dem Schlussmachenwollen, mit dem Endlösen, wodurch sich das Schließen schließlich fortsetzt und als Akt verkennt. Mit einem nur vermeintlichen Vertrauen zu brechen, was deswegen keines ist, weil es Absicherungsinstanzen installiert, um das Mißtrauen, das es ist, zu betäuben. Während was nicht mehr in Prinzipien und letzte Gründe vertraut und sich also auch nicht mehr mit einem Versicherungsunternehmen verwechselt, der rückhaltlosen vertrauensvollen Hingabe entsprechen müsste, die Nancy bereits in seinen Büchern zur Dekonstruktion des Christentums als jenen emphatisch anarchischen Glauben konturiert hat, der aller Religionshaftigkeit, wo sie in Heilsökononomie verwickelt und sich in der Observanz vorgegebener Präskriptionen erschöpft, heterogen bleiben muss. Weiter könnte es erfordern, wie Nancy in einem zusammen mit einem Astrophysiker verfassten Buch der die Kosmologie dekonstruierenden Pluri- und Multiversen des frei übersetzten Titels “In welcher Welt leben wir eigentlich?”, nahelegt, eine Haltung des Sich-Versenkens ins Chaos und die Unordnung, sich aufmerksam Einlassen auf eine Streuung, statt der wütenden Bündelung und Zusammenfassung, der ordnenden Domestifikation sich zu verschreiben, welcher die Dispersion nichts als ein Ärgernis ist, das es immer wieder, und eines Tages hoffentlich gänzlich, zu beseitigen trachtet.

Es ginge, mit nochmal anderen Worte, vielleicht darum, die Gewahrung nicht zu vergröbern, sondern die diffizilen Subtitlitäten eines denkenden Innewerdens bis zur äußersten Präzision ihrer irreduziblen aporetischen Impräsizion zu verschärfen. Das heisst, sie zu teilen und sondern bis auf die Sonderung selbst. Auf diese sich teilende Mitte hin fokusieren, in der das Eigentlichste des Eigensten in einem Bruch (Aufbruch, Auseinanderbruch) liegt, in einer mit sich selbst nicht identischen Differenz. Was dem ergründenden Blick also in äußerster Nahsicht in den Fokus rückt, erweist sich als so bestimmungslose wie grundlose Abweichung. Der andere Anfang einer sich in ihrem Irrgeschick bejahenden Anarché ohne allen Grund. „Sine fundamento, sine culpa et causa.“

Tillmann Reik

François Laruelle: General Theory of Victims

Radikal verletzliche Letztlichkeit: Paraphrasen zur Philosophie und ihren Opfern

We pursue a more rigorous and more „human“ theory than philosophy usually pursues, devoted as it is to the cosmos and to being, to the sciences and to the gods. A certain theoretical practice is capable of itself being the „compassion “ philosophy scarcely shows. (6)

We have another idea of style. Style is the imitation of the real and not reality, style alone has the right to be“specular”or uni-specular without being a reflection or mirror, just a uni-side [uni-face] (of) the One. The real itself does not have this right, but its unifaciality is woven from the heterogeneous methods and processes taken from reality, hence its baroque character. It is a fiction which is as rigorous as possible considering its initial axioms.The art of the fluidly imprecise [l’art duflou], of the “wave” or “vague,” of the echo and resonance, of the orphaned amphi-biology of Logos, forms a rigorous sub-rationality within its order but which is certainly not a return to the old case of nihilism. (Laruelle,Philosophie non-standard, 477)

But we are looking for a thinking that, however inventive it is, is the action of a non-acting, an anti-activist wager, a per-formation without performance, how can we“weaken”the excess of action and its decision?

(Philosophie non-standard, 222)

1.

„Solange Einzelne geopfert werden, solange das Opfer den Gegensatz von Kollektiv und Individuum einbegreift, solange ist objektiv der Betrug am Opfer mitgesetzt […]. Jedes Opfer ist eine Restauration, die von der geschichtlichen Realität Lügen gestraft wird, in der man sie unternimmt. Der ehrwürdige Glaube ans Opfer aber ist wahrscheinlich bereits ein eingedrilltes Schema, nach welchen die Unterworfenen das ihnen angetane Unrecht sich selber nochmals antun, um es ertragen zu können. Es rettet nicht durch stellvertretende Rückgabe die unmittelbare, nur eben unterbrochene Kommunikation, welche die heutigen Mythologen ihm zuschreiben, sondern die Institution des Opfers selber ist das Mal einer historischen Katastro- phe, ein Akt von Gewalt, der Menschen und Natur gleichermaßen widerfahrt. […] Auf einer Stufe der Vorzeit mögen die Opfer eine Art blutige Rationalität besessen haben, die freilich schon damals kaum von der Gier des Privilegs zu trennen war. (…] Die vielberufene Irrationalität des Opfers ist nichts anderes als der Ausdruck dafür, daß die Praxis der Opfer länger währte als ihre selber schon unwahre, nämlich partikulare rationale Notwendigkeit. (…] Alle Entmythologisierung hat die Form der unaufhaltsamen Erfahrung von der Vergeblichkeit und Überflüssigkeit von Opfern“ (Horkheimer/Adorno 1988, S. 58 ff.).

Täter machen (zu) Opfer(n), weil sie, tuend, Male zufügen. Und, sei hinzugefügt, wo also das zufügende Tun und Machen, die Tat und die Produktion im Spiel sind (wo nicht? wo nicht nicht?) und gesellschaftliche Interaktion zum perpetuierten Ernst eines immer schon virtuellen, und oft genug schmerzhaft aktuellen, Kriegs-Spiels sogenannter konkurrenzkapitalistischer Aneignungskämpfe werden lassen, ist das Opfer, scheint es, nicht weit. Und in seiner tragenden Funktion unverzichtbar.
“Viktimisierung” firmiiert als Branding einer Debatte über die rechtmässige Benutzung des Begriffs “Opfer” und ist in den Massen-Medien öffentlicher Diskursmärkte seit den 90er Jahren in aller Munde. Zum Opfer werden oder geworden sein gilt — trotz der Erfahrungen, die nach dem Ende des zweiten Weltkrieges diese Debatte mitangestossen hatten und ihre Folie bilden — als eine, wenn auch zu häufig anfallende, bedauerliche Ausnahme, deren Vorkommen exekutiv sanktionierend ein Riegel vorgeschoben und deren Vorgekommensein ökonomisch entschädigt werden kann und muss. Deren Grundlage als solche in der Betriebsamkeit ihrer Procederes aber nicht belangt werden soll. Umso mehr gilt es darum, zu kontrollieren, was und wer als Opfer gelten und als solches, zur Bemitleidung, ausgestellt werden darf und wem das zu verwehren ist. Selbstviktimisierung muss demzufolge zur Sicherung der richtigen Rechtsansprüche unter anderem, aber allem voran, den Ruf haben, ein perfides inflationierendes Laster zu sein. Denn insofern es sich auf Erschwindlung eines Status verlegt, der ihm von Rechts wegen nicht zu kommt, begeht es das Delikt einer Erschwindelung. Sich selbst zum Opfer eines Unrechts machen (wo doch nur andere einen dazu machen können, die welche etwas antun, und jene die dieses Angetane in seinem Status anerkennen), sei illegitim. Zum Täter einer solchen Inszenierung zu werden, die sich Vorteile und Privilegien durch die Behauptung einer Benachteiligung verschaffen will und mithilfe dieser Tat die anderen zu Tätern im nicht mehr “guten” Sinne subjektiver konkurrierender ins Werk setzender Tathandlungen macht, sondern diese tätige Sich-Durchsetzen, zu dem die Gesellschaft ermutigt und ermuntert, weil sie sich auf ihm gründen will, selbst als virtuelle Un- und Missetat erscheinen lässt, kann und darf im moralischen Bereich — dem umschriebenen Distrikt der Sicherstellung guter Taten — keine Bonität genießen. Denn er macht, sich zum Opfer machend, Unschuldige zum Opfer seiner Täter-Titulierung.
Weil sie derart eine Verdrehung, Verkehrung oder Kollabierung jener binären Hierarchie bewirken soll, auf deren einzuhaltender digitaler Zweiwertigkeit die Gesellschaftsordnung beruht — eine Ordnung aus klar von Tätern zu scheidenden Opfern — muss sie — diese Torsion oder Perversion der Selbstviktimisierung, verworfen werden. Muss verfemt sein, vor dem Hintergrund, dass diese Vertauschung und Verwechslung unablässig konstitutiv stattfindet. Opfer/Nicht-Opfer oder Opfer/Täter: produziert diese binäre Algorithmik, ausgehend von einem primären Dezisionismus, nicht ihrerseits Opfer, die in der Rechnung und den Rechenschaftsberichten nicht auftauchen?

2.

Opfer….La victime, das Wort, bedeutet dabei nicht nur Opfer, sondern Verletzer und Geschädigter. Im heutigen französischen Sprachgebrauch: Leidtragender und im juristischen Sinne der Viktimologie, Teildiszplin der Kriminologie, Opfer eines Verbrechens oder einer Straftat, die sich in erster Linie als Verletzung der Rechte der geschädigten Person versteht. Hier im Besondern die Verletzung der Nicht-Benachteiligungs-Forderung. Wird dieser Status anerkannt, entsteht ein Anspruch auf Entschädigungsleistungen:

“Voraussetzung für Leistungen nach dem bundesdeutschen Opferentschädigungsgesetz ist eine „Viktimisierung“, nämlich die Feststellung, dass ein Antragsteller „Opfer“ im Sinne des Gesetzes ist. “

“Als Viktimisierung wird von Juristen auch die ungerechtfertigte Benachteiligung von Menschen, die Klage gegen ihre Ungleichbehandlung eingereicht haben, bezeichnet, sofern die geltend gemachte Schädigung als „Diskriminierung“ anerkannt wird. Die vier Anti-Diskriminierungs-Richtlinien der EU verbieten diese Form der Viktimisierung (Antirassismusrichtlinie Richtlinie 2000/43/EG, Rahmenrichtlinie Richtlinie 2000/78/EG, Genderrichtlinie (2002) Richtlinie 2002/73/EG, Genderrichtline (2004) Richtlinie 2004/113/EG). “

Die Überzeugung, Conviction, das Wort fände, in der Bedeutung, der Besiegte, seine Wurzeln im Gewinnen — vincere — hat etymologisch nicht den Sieg davon getragen. Wenngleich Ovid in seinen Fasti Überlegungen anstellt, die darauf hinauslaufen, dem “victum” seinen Namen aus der Tatsache seines Gefälltwerdens von der siegreichen, rechten Hand des Victors herzuschreiben.

victima quae dextra cecidit victrice vocatur*1

Für wahrscheinlicher jedoch gilt eine indoeuropäische Wurzel, die auch dem “Weihen” seinen Namen schenkt: eine Gabe für die Gottheit, was die sakrifiziellen Wurzlen der abendländischen Opferkultur in ihrer onto-theo-teleo-technologischen Verfassung brachlegt. Jener Kultur, die einer nicht untrifftigen Hypothese nach auf einer Tauschgesellschaft des quid pro quo und do ut des gründet. Insofern mutet eine weitere Hypothese zur Herkunft des lateinischen Wortes victima ebenfalls plausibel an: die, welche in ihm einen Verwandten von “vicis” sieht. Jenen vitiös kreisenden und lasterhaften Wechsel und Tausch, in dem das Eine das Andere ablöst und als die zweite Seite des Selben stellvertritt.

3.

Allen positiven Definitionen zum Trotz wissen wir jedoch, so jedenfalls Laruelle, bestimmt, in letzter Instanz und mit letzter Autorität, nicht, nicht zureichend begründet jedenfalls — denn jedes Zuviel an positiver Bestimmung wäre hier ein Zuwenig, weil es die Opfer dieser Bestimmung von Opfer und nicht Nicht-Opfern — das, was stellvertretend-vikarisch als übrigbleibender Rest um der Erwirtschaftung des definitorischen Resultats Willen dran glauben und unter den Tisch fallen muss — selbst nicht erfassen kann — was ein Opfer ist. Sonst hätten wir, wüssten wir es, über es gesiegt, oder es zu einem Sieg umgewendet. Was da bleibt, ist hingegen nicht in einfachem vice versa das Opfer als Sieger, victor quia victima, sondern etwas um Sieg und Niederlage gänzlich Unbekümmertes, diesen Kategorien Fremdes. Auf dieses und auf dieses gewisse Unwissen von ihm und seine Unverortbarkeit wäre eine generische Ethik zu gründen:

It is a question of founding ethics on the unlocalizable and sometimes unidentifiable victim rather than on the metaphysical or philosophical force that took him for profit or loss. This would follow a movement of thought begun, for example, by Levinas (Humanism of the Other), and would better agree with our experience of the past century and draw out its consequences. (5)

Wissen wir, abgesehen von philosophischen Definitionen, die sich seiner bemächtigen wollen, was ein Opfer ist, zwar nicht, spüren wir es vielleicht, letztlich, jedoch. D.h. entnehmen es, ohne zu wissen, was das ist, dem gleichsam unmittelbar sich mitteilenden einer non-thetischen, non-reflexiven transzendentalen Empirie. Damit ist gemeint, dem Realen der “gelebten Erfahrung”, des Erlebnisses — le vécu — habe sie auch die — vom Standpunkt philosophischer Non-Kontradiktionalität und logischer Konsistenz aus betrachtet – aporetische und inkonsistente Gestalt einer immer latent traumatischen Erfahrung der Unerfahrbarkeit. Erfahrung der Ohnmacht und Unmöglichkeit. Dem schieren Statt-Haben ausgesetzt ist diese gleichsam gnostische und proto-häretische Erkenntnis der dritten Art. Sei sie also die Erleidnis, passio (sowohl Freud wie Leid, Schmerz wie Lust), Handeln des Nicht-Handelns, eine Erfahrung der Aporie und Aporie der Erfahrung: Schwäche, die eine andere seltsam alles bestimmende Kraft zu sein scheint. Auf die Verhör-Frage ontologischer Ermittlung, “Was ist das?”, Interrogation und Inquisition, bliebe eine Antwort, die sich dem Opfer weiht, nicht über es urteilt, sondern ihm gemäß denkt mit Kompassion und ohne Bemitleidung, und es nicht ein weiteres Mal opfern will, in bestimmter Hinsicht notwendig aus, versagte, hielte sich in der Schwebe oder setzte sich in Klammern. Epoché. Eine Auskunft hingegen, die sich in der Verlegenheit über die Fraglichkeit, von der aus sich die Frage stellt und letztere noch mit in sich hinein zieht, nicht zu halten versteht und mit Prädikationen und Urteilen aufwartet, opfert das Opfer erneut, siegt über es und hat somit zugleich nicht geantwortet. Nicht verantwortlich geantwortet. Gefordert scheint mithin eine aktive Zurückhaltung.
Obzwar sich in der Verquickung von operari und offere, auf die das Wort “Opfer” zurückgeht, anzeigt, dass eine im Rahmen des reinen Tuns und Wirkens geleistet Darbietung und Abgabe an eine Gottheit, welche die Welt der Arbeit und der Tat und ihre tauschgesellschaftliche Ökonomie der reziproken Schuld und Schulden, wechselseitiger Oblilationen, als eine des Bezugs auf eine ideale, hierarchisch übergeordnete Sphäre erkennen lässt, im Spiel ist. Eine teleo-theologische Welt, in der beim Wirken für den guten Gott oder die gute Sache (des Allgemeinen als Zweck und Ziel, der alles als Mittel in seinen Dienst nimmt) anfallende Kollateralschäden des Partikularen unvermeidlich sind und nicht nur zur Tagesordnung gehören, sondern gleichsam die conditio sine qua non allen Funktionierens abgeben. Sie wäre, diese Welt und die sie unterfütternde Philosophie mit ihrer humanistischen Anthropologie, gerade an ihrem Zuviel an Suffizienz als radikal insuffizient zu erkennen, hinsichtlich nämlich des Wichtigsten: der Verteidigung und Parteinahme für das “Menschliche,” vor allem Begriff. Vor allem Humanismus philosophisch-anthropologischen Zuschnitts. Generische Menschlichkeit des Menschen als Gattungswesens (Marx) wäre das, was die Allgemeinbegriffe vom Menschen und der Menschheit ihrerseits schon voraussetzen.

Philosophy has become insufficient – it had to recognize or deny this – through an excess of “ sufficiency “ to ensure that which seems to us to be the first task of an ethics : the defense of humans divided up or divided against themselves. (20)

Es bleibt jedoch unbestimmt, von dieser Unbestimmbarkeit letztinstanzlich bestimmt und der Ordnung des Wissenwollens (als Können) letztlich entzogen, was sich als solches den diversen ins Werk setzenden Operationen handelnder Täter und Töter, die etwas, wenn auch “nur” Thesen, antun und beifügen, als potentielle Schädigungsempfänger immer schon offeriert. Philosophie und ihre intellektuellen Vollstrecker mögen es als Thema verfolgen, aber dabei radikal verfehlen. Das Opfer, victima, bleibt das Ungedachte der als reine Unschuld vorurteilsfreier zureichender All-Reflektierbarkeit sich inszenierenden Philosophie schlechthin, sofern es alle Verfolgung, alle konsequente Persekution von Fragestellungen als von diesen Vorausgesetztes ermöglicht und zulässt, wenn nicht dazu einläd. Wir wissen vielleicht deshalb nicht, mit zureichendem Grund, was ein Opfer ist, weil das Opfer der unbegründeten Unzureichendheit, der Unfertigkeit und vielleicht schlechthinnigen Impotenz anderer Name ist. Und diese vikarisch-viktimarische Unzureichendheit die unilaterale letztinstanzliche Bestimmung bleibt. Reine endliche Letztlichkeit (und: kann man sagen: Lässlichkeit, Lässigkeit und Losigkeit), die schwache und durch diese Schwäche resistente Kraft einer determinierenden Un-, Unter- und Indetermination, deren einer Name “Opfer” lauten könnte.

4.

Indem Francois Laruelle in seiner Allgemeinen Theorie des Opfers in idiosynkratischer Signatur die alle Allgemeinverbindlichkeit aus den Sphären universeller Allgemeinbegriffe in die Dimension des unterdeterminierenden Generischen umlenkt und das Opfer als das schlechthin Humane dieser humiden radikalen Unterdetermination einsenkt, versucht er mit Mitteln seiner generischen Wissenschaft der Non-Philosophie, etwas zu vermeiden: Dadurch nämlich, dass bestimmt würde, wer und was ein Opfer sei, wem das Recht auf diesen Status zukommt und wem es verweigert werden muss — die dialektische Digitalisierung in Opfer und Nicht-Opfer — diesem, qua definitionem die Gewalt ein zweites Mal anzutun. Um die radikale Unbestimmtheit des Opfers,das Menschliche selbst und in Person, dieses — vom Stanpunkt der Suffzienz aus — Kenotische, diese Vakanz und Vakuität zu wahren gilt es also gleichsam asketisch einen Verzicht zu üben, der sich zum Verzicht eines Verzichts verdeutlichen lässt. Es geht, ganz einfach, darum, jenen Verzicht, der im Opfern besteht und womöglich die sakrifzielle Struktur unserer Kultur gefangen in einer Dialektik von Herr und Knecht, Täter und Opfer, bestimmt, zu unterlassen.

Seine mitunter recht harschen Rügen des nicht im Dienste des Menschlichen sondern idealistischer Werte und Zwecke stehenden, engagierten Medienintellektuellen gründen sich denn auch auf eben diese Diagnose: der überexponierte, überrepräsentierte Intellektuelle (Sartre sei sein klassisches Beispiel, aber Zolas “J´accuse” hat das Paradigma vielleiht begründet und Badiou fungiert als zeitgenössische Zielscheibe) unter der Flagge einer (wenn auch verwässerten Philosophie) opfert im Scheinwerferlicht der plusquam-präsenten Phänomenalität das Opfer, in dem er, seinem Narzißmus frönend, diesem selbst zum Opfer fallend,

Derrida, for example, says that narcissism pursues us to death. (102)

der die Arbeitsteilung “Die einen leidend, die anderen reden darüber und prangern es an” freudig bejaht, das Opfer selbst opfert.

But the embedded intellectual in fact orbits around power (which he must seduce to be able to limit), rather than around victims, whose defense becomes a pretext for the exercise of the intellectual’s narcissism. (54)

Was opfert er dabei, selbst dort und gerade, wo er es, mit besten Intentionen, einem idealisierenden Erinnerungskult einverleibt und als Opfer verewigt? Wohl doch die radikale Bestimmungslosigkeit eines X, die -barkeit dieser generischen Menschlichkeit selbst,welche nicht als über- sondern irredzuibel unterdeterminiert zu denken wäre. Als radikale Fremdheit und Sonderbarkeit — strangeness. Durch das Herauszerren seines Entzugs in die Überrepräsentation und -ausstellung des medialen Zirkulations-Zirkus wiederholt sich jener Verrat, der das Opfer zum Opfer macht und je schon gemacht hat.

Anstellle solcher Intellektualität zu treten hätte, so kann man Laurelle ablauschen, eine generische Intellektualität der Imitation viktimarischer Generetizität. Es bedeutet, Unterrepräsentation und -exposition, Unterbestimmtheit seinerselbst als Clone dieser determinierend-unterdeterminierenden Letztlichkeit gleichsam zu “kultivieren”. Die, letztlich, radikale Bestimmungslosigkeit zu retten hieße dann, in einem Denken gemäß (selon de, according to) dem Realen, der Desidentifikation und De-Indivuation sich zu überlassen. Ihm entlang und in Anschmiegung an es. In Mimikry und Mimesis seiner Syntax, die am ehesten als eine A-Taxis oder Anataxis zu beschreiben sein dürfte. Oder gemäß einer Identität, die sich nicht als logischen Syllogismus sondern als quantentheoretische Superposition, der Überlagerung unzählicher möglicher Zustände (auch einander auschließender) zu verstehen gibt. Und so zu denken und schreiben bedeutet eine radikale Um-Orientierung des vom epistemologischen Automaton beherrschten Denkens. Umorientierung zur Anschmiegsamkeit an eine fraktalisierte Desorientierung.

When it is understood that philosophy is a rational mythology become indispensable and planetarily hegemonic, a thought that never admits to being outdated [depassee] because it is racing ahead [depassante] , that it is made to resist all counterexamples and refutations as if it were a reasoning and perhaps rational hallucination, that it is the argued system of its own self-defense like a belief impervious to the doubt it brings about, that it is its own protestation of good faith and of its love of truth, then it is no longer necessary to bother with an internal auto-critique or an external hetero-critique, such as undertaking to limit its sufficiency to a precise point, arguing indefinitely against it for the right to treat it with a certain local exteriority, as do materialisms. (22)

Last and least, after all is said and done: Laruelles Détermination-en-dernièreinstance (DDI), die verbindlich alles entbindende, anfängliche Letztlichkeit und Verletzlichkeit als eine andere primäre (und aller Priorität vorausgehende) ultima ratio, das Ultimum und Ultimatum der zuverlässigen De-Determination, ist auch in der Bedeutung “letzte Instanz” fürs Höchstgericht eine Art Pindarscher nomos basileus in der Auslegung Hölderlins.2 Sie ist jene Voraussetzung, die nicht gesetzt, sondern nur im Axiom gewürdigt werden kann, weil alles Setzen sie voraussetzt und sie nur als dasjenige Setzen kann, was sie nicht setzen kann. Während solcherlei Aporien im philosophischen Kontext und dessen Logik als das Versagen epistemologischer Performanz aufgelöst oder umgangen werden müssen, stehen sie hier für eine Resistenz und immanente Restanz des Realen gegen seine vollständige Repräsentanz in einem Teil seinerselbst. Was sich allein vollständig repräsentiert, jedes mal ganz, auf ein Mal und in Einem perfekt, ist diese Unvollständigkeit und Insuffizienz. Sie kann also als Gesagtes nicht gesagt werden, und versteht man Sprache als den alleinigen Akkumulator von Bedeutungen, verengt sie also semantistisch auf ihre prädikative und urteilende Schicht, muss das als generische Immanenz verstandene Reale und Eine (eher No-One, None, Ohne, Plus d´Un) vor und jenseits der Sprache verortet werden. Aber es liegt auch IN ihr, als ihre Auseinandersetzung und kommt insofern weniger im Gesagten hervor als im Sagen selbst, dem Geschehnis des Sprechens und Schreibens zu Wort. Das “le réel” des Laruelle könnte sich, einem nicht-standardmässigen und nicht standesgemäßen Denken, also am Gemäßesten dort zeigen, wo eine De-Formation sich — in den Worten Werner Hamachers — sprachgerecht ausspricht. Laruelles Übungen in extravaganter Sterilität (Ray Brassier) sind selbst in diesem Sinne Exerzitien einer aus der Zukunft kommenden monotonen Maschinensprache von mitunter ennervierender, wenn nicht quälender Sterilität und Stereotypie. Aber vielleicht kann Denken als Dichten sich (heute) — nicht ein Nicht-Rechen als bestimmte Operation, sondern Non-Computing als Erweitertes Kalkül — nur auf solch verschrobene Weise formulieren, in einem Duktus, der weniger mit subjektiver Erlebnislyrik zu tun hat, als mit einer inhumanen Tier- oder Computersprache. Um dann deren intime Verwandtschaft mit den Musen offenbar werden zu lassen. Das heißt auch: mit der techné musiké:

Nevertheless, we are still dealing with a surface-inventory that has to move from discursive themes to another model, for example to leitmotifs à la Wagner. Non-philosophy is doubled more globally by a musical organization or tissue. Vertically, it is a spiraled thought, contrapuntal in spirit or with superposed themes (in a musical rather than quantum sense, but the former announces the latter). Horizontally, it is a melody that exposes and reexposes the themes. Its profound or desired model is musical. To be sure, its form is still too classical and insufficiently inventive, and nowadays it dares to go beyond the academic form only in some experimental texts grounded in repetition. It is born of relatively precise obsessions, of repetition through a system of variations, the ideal of a repetitive or variational thought from the great classical models (Bach, Beethoven, Brahms, Wagner) up to the most recent (Cage).

Tillmann Reik