Bertram Reinecke: Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst

“Vnd bleibt ungebrochen” – Zeilen teilen[1]

“Also Schrift als das Melancholicum selber.” (Rudolf Heinz)[2]

“Indessen überrascht mich nun vor allem, daß, wenn man so will, das Geschriebene fast ganz aus Zitaten besteht.” (Brief Walter Benjamins an Gershom Scholem vom 22.12. 1924)

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Sprache spricht versatil, in ungebrochen zungenbrecherischer -lalie, babbelndem Palaver, von sich, lädt sich vor und ein, in/als Fremdsprache ihrer selbst, translational und transnational deterritorialisierend und macht, von Anfang an, frei-sprechend ohröffnend, unschlüssig: Inwiefern,

„Ich sag es frey: Wer Ohren hat der öffne sie“ (S.10),

bietet der auf Niederländisch vom Schlüssel zum Hochdeutschen sprechende Titel einer alten Sprachschule,

Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst

als pars pro toto herausgegriffene Zeile (und diese “gehört wahrscheinlich im Sinne von ‘Abgeteiltes’ zur Tiefstufe ie. *dī̌- der unter Teil und Zeit (s. d.) angeführten Wurzel ie. *dā(i)- ‘teilen, zerschneiden, zerreißen’.” Wie übrigens auch, das tut alles und nichts zur Sache, der gute Dämon der Glückseligkeit, Eudaimonia[3]), aus dem Band, in dem er enthalten ist aufgeklaubt, Einblick gewährenden Aufschluß über das unter ihm Befasste: repräsentiert er alles folgende paradigmatisch, beinhaltet er es gar? Dass besagter den Schritt über die Schwelle(n)[4] des Hauses der Sprache(n)

Es gibt so viele Arten von Sprachen in der Welt, und nichts ist ohne Sprache“ (1. Korinther 14,10, bei Reinecke in Einen anderen Glanz hat die Sonne, S.20)

ermöglichende “Schlüssel” (in der Fülle seines Spiels mit Homonymie, Äquivokation und Polysemie) als Zeichen eines außersprachlich referenzierten, zum Öffnen oder Sperren eines Interieurs per Drehung von außen (oder umgekehrt: jene aristotelisch-euklidische Topologie wird ohnehin, im Handumdrehen — denn Schloß und sein Loch befinden sich weder hüben noch drüben, sondern dazwischen — verwickelter: der Schlüssel spielt hier wie überall die chiastische key role eines radartig drehenden, addierend multiplizierenden Über-Kreuz´: +x) dienenden technischen Zeugs (womöglich doch eher zum Lösen und Anziehen der Mutter(n)-Sprache), sobald er auf ein Textcorpus zum Zwecke von dessen Benennung angewandt wird,

“Den Schlüssel zu einer Sache haben, das Mittel das Verborgene oder Unbekannte in derselben zu entdecken.” (Adelung)[5]

“3) schlüssel, sinnbildlich für macht, insofern er sowol gewährt wie verwehrt” (Grimm)

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„Äußerlich und stilistisch – in der Drastik des Schriftsatzes wie in der überladenen Metapher – drängt das Geschriebene zum Bilde.“ (Benjamin)

wiederum nur aus dem überreichen Fundus der Lingua und ihren Zungen zusammengesetzt sein kann, bedarf vermutlich keines weiteren Winks. Die faszinierenden allegorischen Texte, die folgen, sagt (vielleicht) der Titel, sollen, einzeln oder in Gesamtheit (wie) (ein) Sleutel/Schlüssel sein. Geboten wird mithin, dies wäre zumindest eine provisorische exegetische Erstanmutung, Sprache als hermeneutischer Aufschließungsmechanismus — man spricht auch vom “Interpretationsschlüssel” — zur chiffrierten, kryptischen, opaken Hermetizität von Sprache überhaupt (denn das, was sich hier zwischen zweien ereignet, ereignet sich im Zwischen ihrer selbst) und die entsperrende Rotation, Vers-Versionen generierende Dauer-Perversion, erfolgt im Modus der Transplantation genuin ursprungsloser, ausgelegter

“Und nichts mehr das uns deute.”

(d.h. aus definiter Auslegung herausgelegter, somit eigentlich un-ausgelegter) Sätze, Stellen[6], eben Verse, die wie abgetrennte Gliedmaßen, lose, neue Gemeinschaften (derer, die keine Gemeinschaft haben und eifersüchtig ihre Einsamkeit verteidigen[7]) eingehen.

Gelingt es Sprache auf diesem Wege, der auch jener einer „Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik des Gehens“ (auf Vers-Füßen?) sein wird, sich, in und auf sich selbst, einzulassen, Zugang zu erlangen, oder wird sie zwangsläufig, immer und ewig wartend, außen “voor”[8], vor sich, bleiben müssen? Von sich selbst, ihren Türstehern und deren Vorgesetzten, gleichsam per Dekret, unerbittlich exkludiert, wie Kafkas Parabel „Vor dem Gesetz“ (sein „Schloß“ wird immer auch als ein Roman über die hier verhandelte -klusion deutbar sein), in einer möglichen ihrer Lesarten, es verheißt?

Komm blasser Geist komm vor / aus deiner Ruhe-Kammer

(Am Deutschen Literaturinstitut; aus “Cardenio und Celinde oder unglücklich Verliebte” von Andreas Gryphius[9]).

Auferweckung des Lazarus von Rembrandt Harmensz. van Rijn um 1630.

Auferweckung des Lazarus von Rembrandt Harmensz. van Rijn um 1630.

Dieses Vo(o)rkommen (im Wortsinne e(x)-ventus) des aus allem Komfort der stillen Klause, des Sargs, der Gruft, des Grabs (im Griechischen mit sêma ebenso das Zeichen), herausreißenden Veni foras-Rufs (Komm vor!, Joh 11,43), ein Weck-Ruf, eine evocatio, benennt den fürs Zustandekommen des Bandes entscheidenden Hinblick auf Sprache: die Lektion der Selektion besteht somit darin, Sprache als lazarushaftes Zitat, als evozierende Inzitation — das heißt in Bewegung versetzendes, aufrüttelndes, auch zur Verhandlung und Zeugenaussage ladendes, Heraus-, Herbei- und Anrufen ihrerselbst: Kommen-Heißen — erfahrbar werden zu lassen. (Leibhaftige Geistesgegenwart: Dabei liegt der gespenstige “Geist” der Sprache, zerstückelnder Dämon und durcheinanderwerfender diabolos, im besten Falle Genius, womöglich in jenem Moment des von sich selbst beschworenen Vor- und Herauskommens, ihrer vorgriffigen, proleptischen, aus-ein-ander-setzenden Künftigkeit und Kunft: “denn gheis besagt: aufgebracht, entsetzt, außer sich sein.” Heidegger).

Veni, Creator Spiritus,
mentes tuorum visita:
imple superna gratia,
quae tu creasti pectora.

(Hymnus des Rabanus Maurus)

In permanenter selbststimulativer Exzitation (Sprache: eine Erregung) sind ihre geschichtlichen (d.h. temporär befristeten) Schichtungen vor allem von Labilität gezeichnete, vulnerable Anordnungen lebendiger Toter. Das Zitat – fragiles Fraktal, untoter Wiedergänger, Leichnam mit gelösten Binden – zittert.

[…] es handelt sich um eine ungeheure Bewegung einer Unruhe über die Sprache — die nur eine Unruhe in der Sprache und der Sprache selbst sein kann […]

Denn in den Epochen historischer Dislokation, wenn wir des Ortes vertrieben werden, entwickelt sich diese strukturalistische Leidenschaft, die in einem eine Art experimentellen Überschwangs und ein überhandnehmender Schematismus ist, um ihrer selbst willen. Der Barockismus wäre nur ein Beispiel.[10]

Die Sprache des Barock ist allezeit erschüttert von Rebellionen ihrer Elemente.[11]

Allerdings mag zwar das “Verfahren” in seinen erschütternden De- und Re-Strukturationen

Die „Konstruktion“ setzt die“ Destruktion“ voraus. (Benjamin, V/I, 587)

der zum Irren verdammten, primordial dekontextualisierten walking deads (und dads, da es durchweg die Geister der toten Väter sind, die, im und als Zitat, heimsuchend wiedergängerisch herumwandern:

GHOST

I am thy father’s spirit,
Doomed for a certain term to walk the night
And for the day confined to fast in fires,
Till the foul crimes done in my days of nature
Are burnt and purged away. But that I am forbid
To tell the secrets of my prison house,
I could a tale unfold whose lightest word
Would harrow up thy soul, freeze thy young blood,

) barock beschaffen sein, in avantgardistischer Manier, manieristisch verwendeter allegorischer Barockismus,

“Die sprachtheoretischen Grundsätze und die Gepflogenheiten dieser Dichter treiben ein Grundmotiv allegorischer Anschauung an einer durchaus überraschenden Stelle hervor. In den Anagrammen, den onomatopoetischen Wendungen und vielen Sprachkunststücken anderer Art stolziert das Wort, die Silbe und der Laut, emanzipiert von jeder hergebrachten Sinnverbindung, als Ding, das allegorisch ausgebeutet werden darf.”[12]

sein “Material” (gelegentlich von Reinecke als “Fremdmaterial” bezeichnet, ohne dass der Gegenbegriff des Eigenen sich noch in gewohnt pausbäckiger Hemdsärmeligkeit irgendwo behaupten könnte), überzeitliche barocke Brocken,

Was da in Trümmern abgeschlagen liegt, das hochbedeutende Fragment, das Bruchstück: es ist die edelste Materie der barocken Schöpfung. (Benjamin, I 354)

bezieht es nichtsdestotrotz in methodisch anarchistischem Anachronismus ebenso aus Antike, Romantik und Moderne (mithin kommen etwa voor die Autornamen Paulus, Dante, Dach, Gryphius, Eichendorff, Brentano, Droste-Hülshoff, Felix Dörrmann, Fontane, Däubler, Rilke, Benn, Norbert Lange, Elke Erb, Sandra Trojan, Jürgen Becker …).

Es ist, als wollten Beine, Rümpfe sich erheben
In Widerspruch uns mit uns selbst zu bringen

(Des Wasser Klarheit wird ihnen entstreben, S.31. Hier paart sich eine Zeile von Däubler mit einer Fontanes.)

Immer wieder begegnet in den improvisierten Versuchen, den Sinn dieser Epoche zu vergegenwärtigen, das bezeichnende Schwindelgefühl, in das der Anblick ihrer in Widersprüchen kreisenden Geistigkeit versetzt. »Auch die intimsten Wendungen des Barock, auch seine Einzelheiten – vielleicht sie gerade – sind antithetisch.« (Benjamin, a.a.O.)

Paradoxe Elevation also, vertiginöse Kontra-Diktion angesichts derer, schreibt Benjamin, es schwer wird, „seiner mächtig zu bleiben“: Frei flottierende (oder vertriebene?), “auferstandene” Corpus-Segmente bilden ungeahnte neue bändefüllende Verbünde. Aufschlußreich ist, was sich zwischen ihnen ereignet, ob die Schnittstellen (diese schwellenartigen “Unds” ihres Mit-Seins) verschwinden und unkenntlich werden durch organisches Anwachsen oder die Teile einander fortwährend, unerbittlich aversiv, abstossen. Markant bleibt, die für diese wie jede Propftechnik eigenartige, zu keiner Seite hin auflösbare Spannung zwischen Assimilation und Dissimilation. Der Wind saust durch die Fugen bei solchen „Versuchen in gebundener Schreib-Art“ auf dem Boden der löchrigen Losigkeit, und heraus, d.h. hervor, kommt in jedem Fall ein, selbst für alle elegische, saturnische Melancholie in ihrer uferlosen Trauer über die kreatürliche Verfallenheit letztlich unbeklagbarer „toller Mischmasch“, der einem über kurz oder lang alles andere als einerley bleiben wird:

Es macht sich mancher breit mit seiner Dichterey
Er ruffet seinen Schaafen mit Nahmen und führet sie aus.
Und dennoch kommt zuletzt ein toller Mischmasch raus
Und nun genug geklagt! Mir ist es einerley

(Christiana Mariana von Ziegler; aus Christiana Mariana von Ziegler „Versuch in gebundener Schreib-Art“, „Gedichte“)

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Sofern es ein charakteristisches, allen in Bertram Reineckes “Zyklus” (der sich nicht rundend in sich selbst schließt, sondern darin bereits barock, kantig aufklafft: also besser: Kollektion genannt würde) aufgenommenen Centos und Nachdichtungen gemeinsames Signum gäbe, das sie wie ein Axiom prägt, dann wohl das der die Form/Inhalt-Opposition wie die gesamte eigentumsrechtliche Besitzordnung komplizierende Unmöglichkeit einfacher Beinhaltung und — das durchaus ebenso im Sinne analer Retention — Einbehaltung: die Rede ist bei Sprache nicht nur von unaufhebbarer Inkonsistenz, es geht ebenso um Inkontinenz in der Weise eines Unvermögens, bei sich zu behalten, nicht „sich“ zu entäußern, nicht „sich“ zu fliehen und flüchten. Die sich schon darin zeigt, dass IN einer, ein und derselben Sprache bereits von einer anderen, einer anderen zu, sprechen heißt. Plus d´une langue[13]. Der Puls einer Sprache ist ihr Plus: beständige ergänzende (Z)ersetzung, deren Symbol, mathematischer Operator der Addition, gekippter Chiasmus und Kreuzeszeichen, die Abschnitte dieses Textes (mitbedenkend, dass die Anfänge der Schrift in den Rechnungen administrativer Buchhaltungen zu finden sind) trennt.

Das Kreuz ist als Symbol seit der Steinzeit bekannt (etwa in Steinritzungen), aber meist nicht deutbar. Als Rechenzeichen ist es jüngeren Datums. Noch im 15. Jahrhundert war es üblich, die Wörter „plus“ und „minus“ auszuschreiben.

Das erste Pluszeichen im Druck erschien im Werk Mercantile Arithmetic oder Behende und hüpsche Rechenung auff allen Kauffmanschafft von Johannes Widmann, erschienen 1489 in Leipzig. (Quelle)

Die treffendste Übersetzung von Sprache, jener Unmittelbarkeit der reinen Mitteilbarkeit, dem Medium aller Medien[14], lautet darum, dem Transitorischen und letztlich Un-Gerechten,

Denn messianisch ist das Gehen aus seiner ewigen und totalen
Vergängnis
Aber bös sind die Pfade nämlich ungerecht.

(Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik des Gehens, XI, S.76, zugleich der letzte, den Band beschließende Text.)

der auseinanderdriftenden out-of-jointness, dem Un-Fug all ihrer Gefüge Rechnung tragend, Übersetzung, sie ist ihr all ihren Regeln zugrundeliegendes Un-Gesetz, Aus-, Ent- und Übersetz, und also -sätz und -satz. Auch eine weitere Übersetzung (also übertragene Bedeutung), die das Grimmsche Wörterbuch der Deutschen Sprache für “Schlüssel” zu bieten hat, übersetzt (und das heißt eben auch: transportiert) in Richtung der Übersetzung:

 

4c) übersetzung aus einer sprache in eine andere, aus einer schrift in die andere, zur erleichterung des lernenden oder lehrenden, besonders bei schulbüchern gebräuchlich.

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Da Sprache, einer verbreiteten Ansicht nach, in Sätzen (und Versatzstücken von Sätzen) spricht, ein Satz (das sedentäre, die Seßhaftigkeit einer zeitweiligen Bleibe setzt sich dem Strom ihrer Fluchtbewegungen somit offenbar entgegen), in einem Satz (unter dem man einen propositionalen, prädikativen, thetischen Akt, ein Urteil und eine Schlußfolgerung verstehen kann, die durch ihr Geradeheraus straft: sentence hat im Englischen eben auch diese Bedeutung angenommen und behalten) gesagt, immer auch ein Sprung ist, sich immer schon auf einem solchen befindet, also kaum gesetzt, sich selbst ab- und entsetzt, im Begriff anderswohin,

Die „Definition der Einheit Satz stellt eines der großen Probleme sprachwissenschaftlicher Theorien dar. Es existieren annähernd 200 Definitionen von Satz.”[15]

lässt (auch dieser Gedankenschritt ist nicht ganz ohne Sprung zu schaffen) Umschrift als weiteren Kandidaten innersprachlicher Paraphrase oder Metapher von “Sprache” in Frage kommen. Reinecke bewegt sich, ob in Centos oder Nachdichtungen im Milieu von Sprache als Umschrift, Para- und Periphrase. Gibt es nunmehr keine Bewahrung und Sprache verlöre sich unendlich, aller Bedeutungen bar in unaufhörlichem Murmeln? Keineswegs, denn sobald Text, textus, textura, symploké (besser: periploké) folglich Gewebe und Verknüpfung, Umflechtung von Elementen Bezüge und Relationen, Zusammenhänge herstellt (also von Anfang an), gibt es Gedächtnis: “Text” benennt jenen Aspekt einer Mnemotechnik von Sprache, der versammelt, bewahrt, zurückbehält und archiviert. Allerdings derart, das in alle aus den stetigen migrativen Bewegungen hervorgehenden Veränderungen, die Unendlichkeit aller ihrer möglichen und unmöglichen, gewesenen und noch kommenden Konstellationen palimpsestartig eingeschrieben ist. Umschrift als Über-Schreibung alles Geschriebenen und zu Schreibenden.

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Fragen der Möglichkeit autochthoner Zugehörigkeit werden dadurch in Reineckes poetischer Verfertigungsweise aufgeworfen und der simplizistischen Beantwortung klar bestimmbarer Eigentumsverhältnisse entzogen; kein gestaltpsychologischer Holismus macht die Behauptung geltend, das Ganze sei mehr als die Summe seiner Teile/Zeile(n). Das Kontinuum der Überlieferung aufsprengen, im Sinne Benjamins, der das Barock, das die Dekomposition komponierte, mit Begriffen der Schädelstätte, des Trümmerfelds, des Verfalls beschrieb, hieße auch, gewahr zu werden, dass jenes tradierte Vermächtnis bereits das Kontinuum diskontinuierlicher Streuung ist, Geschehen de-struktiver Ent-Originalisierung, um sodann in der Rekombination von Versatzstücken aus dem randlosen Pool des dichterisch je verlauteten, die deutungslose Verwaisung der Zeichen (oder Zeilen, der im Sleutel letzten atomartigen Unspaltbarkeit als resistenter Verbund) freizulegen, als das, was sich bereits immer schon von selbst freilegt. In dieser definiten Unbindbarkeit, Bar- und Losigkeit,

Löst die Binden und lasst ihn gehen! (Joh 11,44)

der regellosen Teilbarkeit, Mit-Teilbarkeit, der Entbindung liegt die Bewegung, der vielleicht eher die Treue jeder poetischen Pose gilt als einem von der Kultur als unantastbares symbolisches Kapital akkumuliertem sog. Meisterwerk, mit dem diese ihre Barbarei ästhetisierend vergötzt, die konzeptuelle Ruine, die ein Werk darstellt, symbolisch aufhebt und zur organischen Totalität verklärt.

„Als Stückwerk aber starren aus dem allegorischen Gebild die Dinge.“

„Das allegorische Werk trägt die Zersetzung gewissermaßen schon in sich.“ (Benjamin, a.a.O.)

Hannah Arendts Wort “die einzigen, die noch an die Welt glauben, sind die Künstler – die Beständigkeit der Kunstwerke reflektiert den Bestandscharakter der Welt.” wäre deshalb anzureichern: Nicht der Glaube an Beständigkeiten (noch der daran, die Welt bestünde aus Beständen und schon gar nicht jener, Glaube glaubte an Bestand) schlichtweg bestimmt den künstlerischen Prozeß. Es geht um die Beständigkeit allein des Unbeständigen. Nicht den unantastbaren Resultaten kultureller Hervorbringungen in ihrer gerundeten Ganzheit gilt die Aufmerksamkeit, sondern ihren zerfallenden Fetzen und Fragmenten, die größer sind als der Kontext, der sie jeweils einverleibt, tranzendental flüchtig und heimatlos.

Sprach Adorno von Fremdwörtern als den Juden der Sprache, so wäre zu überlegen, ob es überhaupt Elemente einer Sprache geben kann, denen dieser Status (keinen festen Status zu haben) nicht eignet, d.h. denen diese für ihr Funktionieren unverzichtbare Uneigentlichkeit, Bodenlosigkeit, schlechthinnige Ungebungenheit[16] nicht Haupteigenschaft ist. Es gibt keine Sprachbestandteile, die nicht, sich und dem Kontext, dem man sie einbettet unaufhebbar fremd blieben, bereits anderswohin unterwegs und von anderswo kommend, immer, in jeder zeitweiligen Bleibe, im Exil.

 

“Der Text ist vollständig aus fremden Zeilen zusammengesetzt.” (S.78)

„Der Text ist ein Geflecht von Zitaten, die aus den tausend Brennpunkten der Kultur stammen“ (R. Barthes, Das Rauschen der Sprache, S.60)

sagt jeder, noch der eingängig konventionellste, über sich, sofern man ihn als Sprache, d.h. Zusammen eines Unzusammen, Sammlung, Formation oder Konstellation einer unaufhaltsamen Streuung liest.

“Wie überhaupt die meisten Zeilen im Band nicht er- sondern aufgefunden wurden.” (ebenda).

Dichtung findet sich, indem sie objets trouvés auf- und ausliest, klaubt und klaut. Sprache ist ihr nicht nur Form, sondern vor allem Inhalt und Stoff; ihr radikaler Moterialismus (nach einem auf Demokrit gemünzten Wortspiel Lacans) grenzenlos auto-expropriativ.

Es gibt, letztlich, nichts Nicht-Fremdes, nichts Nicht-Zugehöriges, und diese Texten abzulauschende unaufhaltsam expropriative, auf nichts denn aufs Unvertraute vertrauende Alienantionsbewegung, deren Affirmation sich in solch kreativen Nichtungen vollzieht, nennt man, als die Bezeichnung des mit-teilenden Nennens für sich selbst: Sprache. Als etwas, worauf allein alle Gerechtigkeitsbemühungen gerichtet sind, bleibt sie selbst strange, extraneus: von Außen kommend.

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Centones, Flickgedichte aus Versatzteilen montiert, Collagen, Montagen, Patchwork, Ekletizismus, Plagiat. Eigenes als Fremdes. Darum geht es, lose gesprochen und vage, irgendwie sicher, ohne dass sich dies terminal ganz aufdröseln oder völlig verzurren ließe. Obwohl Reineckes, sich ebenso etwa in der Herausgeberschaft von Titus Meyers Palindromtexten bezeugende Sympathie fürs formal “sehr Strenge” (ein Wort, das, wie das Strikte mit dem Strick, mit dem Zwang ausübenden Strang verwandt ist) anzeigt, inwieweit sich Struktur einem Vorgang des Bindens, Bündelns, Zurrens und Schnürens verdankt (und Kunst als Ars – einer Wurzel gemäß, die auch die (H)ar-monia prägt und einem Paradigma gehorcht, das das artgerechte Zusammenstellen allem verrenkten Un-Fug entgegensetzt – sich selbst meist als diese schickliche Geschicktheit des wohlgeratenden Fügens versteht), gilt das Strenge und Strikte hier der Verpflichtung zur Oberservanz eines autonom vorgegebenen Gesetztes als neue Möglichkeiten freisetzende Spielregel; mag sie auch (bis auf ein paar Ausnahmen:) sehr ernst genommen werden. Das Spiel mit der Streuung ist zwar einer Art von Stimmigkeit, Passung und ZuPasskommen[17] verpflichtet (nicht: anything goes, sondern “es geht nur, was geht”, was sich etwa in ein sich herausbildendes formales Gerüst integrieren lässt: die Satz-Versatzstücke müssen “sitzen”), aber es ist auch ein Spiel mit dem “Spiel” im mechanischen Sinne, der unverzichtbaren Bewegungsfreiheit der Teile, dem nötigen Un-Passenden ihrer Fügung, die jede Artikulation von einer irreduziblen Desartikulation abhängig macht. Es ist ein Spiel mit der Janusköpfigkeit des “Und”. Kreative Un-Stimmigkeit.

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Kulminiert im Gedicht “Lamento; aus Simon Dach”, das um die Frage “Was bleibt?” organisiert ist und zu einem für die melancholische Vanitasdichtung des Barock typischen Befund eines “Fast nichts.” vorstößt, alles auf die Zeile “Vnd bleibt ungebrochen”, so lässt sich diese — alles andere als ungebrochene — Zeile von einer investigativen Ahnenforschung als aus Dachs “Klage über Menschliche Hinfälligkeit” herausgebrochene identifizieren. Was jedoch, betrachtete man diesen früheren Kontext als ihren genuinen, originären Heimatort, den vagabundierenden, vogelfreien Charakter jenes (wie jedes) Zitats verkennen würde:

 

Nicht der Zungen Milch vnd Reben
Die Zunge bleibet stehn
Bleibt dabey, führt aus und ein
Vnd bleibt ungebrochen

Bei Dach:

Nur was Gottes Mund
Trewlich vns versprochen,
Hat bewehrten Grund
Vnd bleibt ungebrochen,
Wenn nun gleich die Welt
In einander fällt.

Den konsolatorischen, kondolierenden und konsolidieren Bruch mit Gebrochenheit über allen Zerfall, alle Hinfälligkeit hinaus und ungeachtet dessen, den man in dem „un-“ des freiflottierenden Vers-Versatzes lesen könnte, bände sich im einen Fall ans gegebene Wort des ver-sprechenden Gottes, im anderen an die Zunge, d.h. Sprache selbst in ihrer Idiomatizität (eine Zunge ist auch ein Dia-Lekt, der die Hoogspraak nur gesprochen spricht) und ihre Ein- und Ausfuhr, ihren Im- und Export. War der sprechend erschaffende Gott (dessen Namen Etymologien auf den Ruf zurückführen und der nach Johannes das Wort/beim Wort ist) nichts anderes als eine Allegorie der babylonischen Erfahrung mit Sprache, die (sich) selbst nach den Worten de Mans verspricht und damit eine De-Struktur quasi-messianischer Antizpation von etwas, das anders wäre als alles Erwartbare, “verkörpert”?

Was passiert, wenn die Zeile, mit ihrem Subjekt (das die Zunge sein könnte als ungebrochene Instanz aller Brechung und Sprechung), im Umbruch, bricht, und sich verwundert desorientiert ihrer „Wilder-Art“ ausgeliefert findet:

Ach, wo verfiel ich hin: Wer bin ich vo(o)r (!) gewesen!
Mein Wahn / mein eign Sinn / verlor sich allgemach.
Und meine Wilder-Art gab jhren Sitten nach.

(S.9)

Zum autonomen Partialobjekt geworden, der Bindung an einen Hauptsatz verlustigt, bricht sich die elliptische Sentenz, zu dürftig für einen vollgültigen Aussagesatz, grammatikalisch um: das Bindewort wird, in Absenz eines Nomens und als dessen Stellvertreter zum substantivischen Subjekt, oder zum versalen Eigennamen einer Person, souveräne Majestät mit Majuskel:

„daß Worte, Silben, Buchstaben als Personen auftreten.“ (Benjamin, a.a.O.)

“Und bleibt ungebrochen” oder “Und bleibt/ungebrochen” spricht jene inkorruptible Beständigkeit, Resistenz und Konstanz der nebenordnenden, parataktischen Konjunktion als substantivischem Akteur zu, die im gleichen Zuge wie sie zusammenfügt auseinanderhält. Deleuze spricht von einem Streit zwischen “und” und “ist”, der kopulativen und konjunktiven Funktion von Sprache. Aber ist nicht, im radikalen Sinne, auch das “ist” noch ein “Und”, indem es dem als seßhafte Subsistenz gesetzten Subjekt ein flüchtiges Prädikat “zusetzt”, bis sich ersteres als nichts denn Ort oder Platzhalter dieses unaufhaltsamen ent-setzenden Zusetzungs-geschehens entpuppt?

 

 ET… ET… ET… . Il y a toujours eu une lutte dans le langage entre le verbe „être“ et la conjonction „et“, entre est et et. Ces deux termes ne s’entendent et ne se combinent qu’en apparence, parce -que l’un agit dans le langage comme une constante et forme l’échelle diatonique de la langue, tandis que l’autre met tout en variation, constituant les lignes d’un chromatisme généralisé. (Mille Plateaux, p.124)

Auferweckung des Lazarus von Michelangelo Caravaggio, 1609.

Auferweckung des Lazarus von Michelangelo Caravaggio, 1609.

Indem es, das endlose Und[18] der Sprache (oder das “plus d´une langue”), immer zusätzliches setzt (somit über-setzt auch im Sinne einer Hyperpositionalität, durch welche sich die Setzung des Satzes stetig übersteigt), zersetzt es Sätze wie Kontexte. In diesem Zersatz (den das Barock zwar vor allem in der Entsetzlichkeit seines Ver-gehens, seiner Vergänglichkeit sah, doch, wie Benjamin nahelegt, als Allegorie der Auferstehung – deren Emblem der voorgerufene Lazarus sein könnte – las), weder Konstruktion noch Destruktion, liegt, vielleicht, schließlich, der Sleutel und die Schleuse: das Radkreuz des Chiasmus. Im Zwischen der rotierenden Über-Setzung als zungenbrecherisches Sprachgeschehen selbst nämlich, das als solches in Reineckes Texten fast unverstellt hervoorkommt.

Spraakkunst[19]:“Ihr Wandern endet” nicht.

“Und / nichts mehr das uns deute.”

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Tillmann Reik

Se tenir dans le langage, c’est toujours déjà être au dehors (MB)

[1] Das Verfahren, die formalen Besonderheiten der einzelnen Gebilde weitestgehend außen vor zu lassen, die neu sich konstituierten Gemeinschaften ihrerseits als ephemer und transitorisch zu begreifen und Zeilen daraus gleichsam allegorisch auszubeuten, (siehe das Benjamin-Zitat über Zitate) kann (und will) seine Willkür und Gewaltsamkeit nicht verhehlen oder entschuldigen und hofft doch auf Amnestie. Einer Des-Orientierung sich ausliefernd, nichts weiter; oder eben dem in einen Abgrund führenden manischen Furor überbordender Bedeutungsproduktion und -entleerung, -setzung und -ensetzung (stets beides ineins) folgen, wie er dem unter dem Emblem Barock zusammengefassten Sprachdenken zugeschrieben wird, darum könnte es gehen. Immerhin schreibt Benjamin in seiner Rezension über Gundels Gryphiusbuch: „Beschäftigung mit deren Formenwelt, das ist der einzige Zugang zu dieser Dichtung. Und damit hat es seine eigene Bewandtnis. Denn diese Form wirkt um so spröder und grandioser, je besser dem Betrachtenden gelingt, sie lediglich als solche, in ihrem Umriß, unangesehen der Gestalt, die sie im Einzelwerke annimmt, ins Auge zu fassen. Das heißt aber im Grunde nichts anderes, als man begreift sie nur aus der Sprache.“http://gutenberg.spiegel.de/buch/kritiken-und-rezensionen-1912-1931-2981/36

[2] So dieser in einem unter http://pathognostik.net/melancholieinterview.htm abrufbaren Interview.

[3] Zur Etymologie der Zeile siehe dwds, abrufbar unter: http://dwds.de/wb/Zeile. Zum Daimon: “Der Gegenstand der Zerteilung ist Beute, konkret Speise, d.h. aber Fleisch. […] Danach scheint aber die konkrete Bedeutung der Wurzel dai,da, im Griechischen, soweit es sich aus Homer noch unmittelbar erkennen lässt, gewesen zu sein: ,zerreißend fressen, fressend zerreißen.´ von Raubtieren oder Raubvögeln an einem Kadaver […]. Heißt also daímonai ursprünglich ,zerreißen, fressen´, so wird damit das Wesen des daímon klar: er ist der Zerreißer, Fresser der Leichen […].” Walter Porzig, DAIMÔN, in «Indogermanische Forschungen 31, Berlin 1923, S.172-173. Angeregt sei, diesen Raub mit einem von Benjamins weiteren bekannten Zitaten über Zitate zusammen zu denken, das besagt, diese seien wie „Räuber am Weg, die bewaffnet hervorbrechen und dem Müßiggänger die Überzeugung abnehmen.“

[4] Über die hinweg nicht nur Hermes/Merkur, der Trickster seine Schmuggelware verschiebt, sondern, im römischen Mythenschatz, Janus, der doppelgesichtige Gott waltet. “Sein Name gehört zur gleichen Wortfamilie wie ianua, der lateinischen Bezeichnung für Tür und ianus für jeden unverschlossenen gewölbten Durchgang.”

[5] Interessanterweise wird die zum traditionell meist weiblich konnotierten Haus und Hof Zutritt gewährende und verwehrende Gewalt von Grimm ebenfalls weiblich konnotiert: “c) ebenso ist der schlüssel das zeichen hausfräulicher gewalt. rechtsalt. 176 fg.; deshalb die schlüssel kriegen, hausfrau werden: wie sie (die weiber) pflegen zu thun, wenn sie die schlüssel kriegen. Luther 4, 150a; wie ängstlich hatte ich die alte hausmutter geschildert mit dem rocken im gürtel, mit schlüsseln an der seite. Göthe 18, 42;

hörst du die schlüssel klingen? (Andererseits auch im weiteren Fortgang mit dem Kerkermeister.)

dein mutter ist nicht weit. des knaben wunderhorn 1, 105 Boxberger.”

[6] setzen, stellen, legen: dieser, einer, scheint´s, der Seßhaftigkeit der Substanzmetaphysik sich verschreibenden Grund-Trias der thetischen Setzungen des Satzes entkommt das Entkommen: Gehen ist den drei Posituren und Positionierungen offenbar fremdes Element, das stets von Außen hinzukommt. Aber vor allem um dieses Gehen (auch in der barocken Gestalt des Vergehens und der Vergänglichkeit) wird es im folgenden gehen.

[7] Diese Formel stammt aus Derridas “Politik der Freundschaft”.

[8]Die Unentschiedenheit der Präposition, des Vor-Worts “voor”, das zwar einen Hang zum vorwärtsdrängenden Für spüren lässt, aber dennoch nicht ganz das räumliche wie zeitliche Davor aus seinem Konnotationsbereich ausscheiden kann, gibt überdies zu denken: Kommt der Schlüssel (wie die gesamte Technizität der Schließanlage) VOR jeder Sprachkunst, ist er deren Bedingung? Oder bleibt er, der Schlüssel, von der Sprachkunst (die dem Schema des Öffnens und Schließens strukturell nichts zu schaffen hat) ewig ausgeschlossen?

[9] Im Gryphius, gryphus oder Greif, einem “aus Tierkörpern gebildetes, mythisches Mischwesen.” (“Es wird meist dargestellt mit löwenartigem Leib, dem Kopf eines Raubvogels, mit mächtigem Schnabel, spitzen Ohren, meist mit Flügeln, aber auch in abweichenden Varianten (mit Schlangenkopf, Vogelfüßen, Skorpionschwanz, mit knopf- oder kopfartigem Fortsatz auf dem Scheitel oder Rücken). Die ganze Geschichte hindurch sind Stärke und Wachsamkeit Eigenschaften des Greifs.”) klingt die Kompossibilität des Inkompatiblen durch, die hier beschäftigt. Gleichzeitig markiert der Griffel (der im Zusammenhang mit dem Schreiber Greif in den Sinn kommt) nicht nur ein ineinander von Schreiben und Propfen (gemäß der Derridaschen Gleichung “écrire veut dire greffer”, sofern beide auf gr.grapheion, den Stylus zurückgehen), sondern lässt das Greifen der Begriffe als ein transplantierendes Rauben mitverstehen.

[10] Jacques Derrida: Kraft und Bedeutung.In: ders.: Die Schrift und die Differenz. Aus dem Französischen von Rodolphe Gasché. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1972, S.9 und S.14

[11] Walter Benjamin, Gesammelte Schriften I/1, 381f.

[12] ebenda

[13] “Si j’avais à risquer une seule définition de la déconstruction, je dirais sans phrase : „plus d’une langue“. Mit diesem Definitionsversuch — mehr als eine Sprache/keine Sprache mehr — wendet sich Derrida im Kontext von Le Monolinguisme de l´autre vor allem auch gegen das Fantasma der Homo-Hegemonie einer Muttersprache. Diesen beiden Deutungen (in Wahrheit zwei von weiteren unzähligen) addiert sich jene auf, die den Puls einer Sprache in ihrem, und dadurch die Sprache als Plus sieht: Das Plus einer Sprache.

[14] „Die gängigen Medientheorien unterstellen samt und sonders, es könne Medien geben, auch wenn es Sprache nicht gäbe; Sprache sei ein Medium unter anderen. Dem ist nicht so. Gäbe es keine Sprache, so gäbe es kein einziges Medium. Sprache ist das Medium aller Medien. Sie alle sind auf je besondere Weise sprachlich, das Mienenspiel, die Gestik, die Anordnung der Räume in einem Gebäude, der Gebäude in einer Siedlung, die Farbverteilung, die Figuren, die Kadrierung eines Bildes, technische Konstruktionen jeder Art. Sie sind auf Widerruf gebaut. Sie gehen davon aus, daß sie zerstörbar, unverständlich oder mißbrauchbar werden, nicht an ihr Ziel gelangen, nicht ihren Zweck erreichen können. Nicht eine causa finalis, sondern eine causa finalis defecta bestimmt sie – und indeterminiert sie. Sie funktionieren nur, weil sie auch nicht funktionieren könnten. Sie alle beziehen sich auf
eine Zukunft, die nicht ihre Zukunft, nicht die von ihrer jeweiligen Konstruktion entworfene, von ihr
unterstellte oder angenommene Zukunft sein könnte; sie beziehen sich auf ihr Nicht.
Medien, das sind Sprachen, weil sie ihr Scheitern zu antizipieren versuchen und noch mit dem Scheitern dieses Versuchs spielen. Sie operieren mit möglichen Brüchen und den Abbrüchen ihrer Möglichkeiten. Soll heißen: sie operieren mit ihrer Nicht-Operationalität; sie mediieren ihre
Immedialität. Wenn den ‚media studies‘ diese Distruktur ihrer Gegenstände und ihrer selbst erkennbar wird, werden sie Philologie.“ Hamacher – 95 Thesen. 81. These.

[15] https://de.wikipedia.org/wiki/Satz_(Grammatik)

[16] Unschwer zu erkennen sein dürfte in diesen nicht als Zitat deklarierten Attributen, jene für den vermeintlichen Antisemitismus Heideggers verantwortlichen Zuschreibungen aus den Schwarzen Heften, die sich erstaunlich mit der Selbstcharakterisierung eines bestimmten Judentums (oder einer bestimmten Jüdischkeit) decken. Vgl.etwa Maurice Blanchot, Jude sein, in: Das Unzerstörbare, Ein unendliches Gespräch über Sprache, Literatur und Existenz, Hanser, München/ Wien 1991,184f. Dort heißt es unter anderem: ““ Wenn das Judentum dazu bestimmt ist, einen Sinn für uns zu haben, dann
gerade indem es uns zeigt, daß man jederzeit bereit sein muß, sich auf den Weg zu machen, weil hinausgehen (nach draußen gehen) die Forderung ist, der man sich nicht entziehen kann, wenn man an der Möglichkeit einer gerechten Beziehung festhalten will. Forderung der Trennung, Bejahung der nomadenhaften Wahrheit. Hierdurch hebt es sich vom Heidentum ab (von jedem Heidentum): Heide sein, das bedeutet, sich an die Erde binden, sich in gewisser Weise in sie einrammen, sich durch
eine Übereinkunft mit der Dauer niederlassen, die den Aufenthalt gewährt und durch die Gewißheit des Bodens beglaubigt wird. Das Nomadentum entspricht einer Beziehung, die der Besitz nicht befriedigt. Jedesmal wenn der jüdische Mensch uns in der Geschichte ein Zeichen gibt, dann geschieht dies durch den Aufruf zu einer Bewegung. Abraham, der sich glücklich in der sumerischen Kultur niedergelassen hat, bricht zu einem bestimmten Zeitpunkt mit dieser Kultur und verzichtet auf den festen Aufenthalt. Später macht sich das Jüdische Volk durch den Exodus zum Volk. Und wohin führt dieses Dunkel des Exodus, der sich Jahr um Jahr erneuert, es jedesmal? An einen Ort, der kein Ort ist und an dem es
unmöglich ist, ansässig zu werden. Die Wüste macht aus den Sklaven Ägyptens ein Volk, aber ein Volk ohne Land, durch eine Sprache verbunden. Später wird der Exodus zum Exil, das alle Prüfungen einer
verfolgten Existenz mit sich bringt, das im Inneren eines jeden die Angst, die Unsicherheit, das Unglück, die Hoffnung einziehen läßt. Dieses Exil aber, so schwer es auch ist, wird nicht nur als ein
unverständlicher Fluch begriffen. Es gibt eine Wahrheit des Exils, es gibt eine Bestimmung des Exils, und wenn Jude sein bedeutet, der Zersplitterung geweiht zu sein, dann deshalb, weil die Zersplitterung,
so wie sie zu einem Aufenthalt ohne Ort aufruft, so wie sie jede feste Beziehung der Macht mit einem Individuum, einer Gruppe oder einem Staat zerstört, angesichts der Forderung nach dem Ganzen auch eine andere Forderung beseitigt und schließlich die Versuchung der Einheit-Identität verbietet.“

[17] vgl. etwa die Anmerkung zur kongenialen Rückübersetzung von Rilkes Blauer Hortensie aus der englischen Übersetzung: “Dabei kam mir der Umstand zupass, dass ich dieses sehr prominente Rilkegedicht bis dahin nicht kannte.” S.80

[18] Da jedes “end” ein “and”, aber eben auch ein “ent-” ist (und ein ent-und: „ vnd ist dahin„), entspricht die hier wie grenzenlose Abundanz erscheinende, additive Seite von Sprache (ihr ewiges n+1) in ihrer vermeintlich suisuffizienten Omnipotenz genauso einem Mangel und einer Subtraktion. Somit läge die Macht der Sprache in einer findigen supplementären Dauer-Kompensation ihrer Impotenz wie Inkompetenz.

[19] Und Kunst kommt hier nicht nur nicht von können, nicht nur (wie Schönberg postulierte) von müssen, sondern vor allem von künden und bekunden und vielleicht: von kündenmüssen, einem Proferationsbegehren, das sich als Befriedigung seiner selbst nicht nichtbefriedigen kann und sich deshalb immer schon noch bevorsteht (“Nichts ist noch gesagt.” Schlegel). Kunst kommt von Kunft.

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