Ursula Timea Rossel: Man nehme Silber und Knoblauch, Erde und Salz

„Hochheilige Quantenverschränkung“

Au commencement était la fable (Paul Valéry)

Eine – im besten Verstand – irrsinnige Love Story zweier Nichtidentitäten, die sich aufgrund ihrer Grundverschiedenheit einander zugehörig fühlen, legt die 1975 geborene Schweizer Autorin Ursula Timea Rossel mit ihrem barocken Quantenroman „Man nehme Silber und Knoblauch, Erde und Salz“ einem wohl ordentlich verdutzen Lesepublikum zu Füßen.

Gunst dem Beginnen: Ausuferndes Mind-Mapping

Vielleicht lässt sich, was über den mit Kalendern und Karten gespickten, zweifarbig gedruckten Band (in schwarz und marienkäferrot) verknappend referiert werden kann, auf obige, gleichwohl irreführende Weise am besten einleiten. Weil irgendwie nun mal begonnen werden muss, die Umrisse zu zeichnen. Man sich rezensierend nicht mehr als nötig verstricken sollte. Heißt es. Und pünktlich auf den Punkt kommen, der akkurat kartesianisch kartiert werde.

Nur wie? Punkte und Linien sind pulsierende Gewimmel, die exzessiv wachsen und wabern, sind Völker und Stämme, sind immer schon mindestens zweigeteilt. Lernt man. (Überhaupt und vorgreifend: selten so gelernt!). König Atlas sei unser Zeuge: Wer sich an der Vermessung dieser Prosawelt versucht, wer Karte und Gebiet in Kongruenz zu bringen trachtet, gerät ins Taumeln…

„Die Krankheit selbst hiess Raumzeit oder Zeitraum.“

Spielte bloß nicht die Autorin, pointiert gesagt, als dezidierter advocatus diaboli einer assoziativen Verschwendungssucht die stärkste all ihrer Karten aus. Kann man dieser Passioniertheit zurückhaltend und sparsam begegnen? Oder wird man ihr nur ausschweifend, verschwenderisch und zeitraubend am Ziel vorbeischießend gerecht werden?

„Das neue Pünktchen wuchs und wuchs und war bald grösser als das Herrscherpaar von Kleinbritannien.[…] Das Ding – was oder wer auch immer es war – pulste und waberte.“

Kartographische Darstellung des Golfs von Biscaya, Waghenaer, 1586

Kartographische Darstellung des Golfs von Biscaya, Waghenaer, 1586

Wigand der Verirrungs-, Sybille die Verspätungsphobiker/in also.

Die Rede ist mithin, bei besagtem Paar, von Wigand Behaim (man beachte den anspielungsreichen Nachnamen!), dem aus Verirrungsangst vom perfekten Atlanten („die abgeplattete Kugelform der Erde in Echtraum“) besessenen Kartographen mit dermatologischen Auffälligkeiten; sowie der mit wechselnden Geschlechtern und Hautfarben schwindelerregend durch Zeit und Raum geisternden Zahnärztin Sibylle Blauwelsch (alias Segundo Quinto, Samia, Senge…)

Damit fängt es an. Freilich erst gegen Mitte, wenn es zum Rendezvous kommt. Doch dieses „unbändige Buch“ (Peter von Matt), dieses kulinarische Ragout der Gestalt-, Seelen- und Bedeutungswandlungen und -rungen, der Metamorphosen und Illusionszaubereien hebt, je üppiger und strotzender es sich entfaltet und erblüht, auch das System kausaler Bestimmbarkeit von Anfängen, Mitten und Enden, Ursachen und Wirkungen, Wegen und Zielen – kurz: die gesamte lineare Raumzeitordnung – aus den Angeln („Wir biegen uns der Akausalität und Synchronizität, ohne uns zu verbiegen.” ).

Entzogen wird der Kredit der wohlgeordneten kartesisch-euklidisch-newtonschen Weltsicht, während das Theorem der Quantenverschränkung, von Einstein ehemals zur „spukhaften Fernwirkung“ verniedlicht, zum poetologischen Paradigma eines neuen Hyperrealismus avanciert. Es evoziert beim Lesen, durch die Einmaligkeit und Unerhörtheit seiner erzählten Begebenheiten hindurch, die Vorstellung einer mythisch-zirkulären Beginnlosigkeit.

„In der Literatur fasziniert uns nur das Wilde. Langweiligkeit ist ein anderes Wort für Zahmheit“, bemerkt Henry David Thoreau in „Walking“. Und in seiner komplexen Ungezähmtheit nimmt, ganz in diesem (hier allerdings recht unamerikanischen, eher helvetischen) Faszinationssinne, „Man nehme…“ den perplexen Leser mit auf eine Expedition „Into the Wild.“

Der akausalen Synchronzität verschrieben

Näher besehen stellt sich somit die einleitende Reduktion auf eine Art „Pas de deux“ (WB+SB) vielleicht doch noch als brauchbares pars pro toto für die Konstruktion des Ganzen heraus. Sobald man nämlich bereit ist, den französischen Ausdruck im Zuge eines poststruktualistischen Pun mit der Doppelbedeutung „Schritt von Zweien/keine zwei“ zu versehen. Als „Tanz der Duplizitäten“, bei dem sich das binäre Schema immer wieder selbst in Frage stellt:

„Bin ich zwei, sind wir eins?“

Ein Motiv, das seinerseits in unterschiedlichsten Inkarnationsformen die ungemein formstrenge Anarchie dieses Kompakt-Ovid aus dem Geiste der neuerfundenen Para- und Grenzwissenschaft „Kryptogeographie“ konstituiert.

„Das wesentliche Merkmal der Kryptogeographie ist neben einer selektiven Respektlosigkeit ihre exzessive Unökonomie.[…]Die Kryptogeographie, und das verdankt sie natürlich ihrem Gegenstand, dem sie ihre Form anpasst, ist opulent, arabesk, barock, ornamental, oriental, knorrig und verzworgelt.”

Himmlische Höllenmaschine

Als Maskottchen aller „Zwischenzwei“, z.B. dessen von S.B. und W.B., fungiert ein Chef-Emblem, das selbst einer Wissenschaftsdisziplin zurechnet, die seit jeher wankelmütig pendelt zwischen avanciertester Naturwissenschaft und heillos versponnenem Eso-Kitsch: Schrödingers Katze, der frühen Quantentheorie liebstes Kind. Physikalische Modellierung einer Unentscheidbarkeit, die quält, weil sie ein mögliches Entweder-Oder klar umrissener Zustände (Katze beim Öffnen tot/lebendig) zwar in Aussicht stellt, aber aufschiebt.

In Rossels Version unterdessen bleibt das nicht länger ein harmloses Gedankenexperiment („burlesker Fall”, Erwin Schrödinger) – wie es ihrem Erfinder so gepasst hätte, der die „Höllenmaschine“ als sadistische Blausäurevergasungsapparatur konstruierte, gleichwohl leider darüber das Schicksal seiner seit 1935 in der Todeszelle verharrenden Versuchspussy für zweitrangig erachtet haben muss. Nein, hier wird´s – von allen laboratorischen Einhegungen befreites – magisches Ereignis.

Timea (im Buch als Erzählerin jobmäßig mit dem pet-sitting jener Pandorra-Büchse betraut, die, gegen alle Verbote zu öffnen, sie nicht widerstehen kann) schießt den Vogel ab, wenn sie das feline Wesen, das sich als wilder Löwe bombastisiert, im Jahr 2008 aus dem Sack lässt („ich hatte etwas entfesselt”). Und im Zuge dessen eine Organisationsweise von Überraschungen in Szene setzt, ein Verfahren der Textgeneration sich Bahn brechen lässt, das seinesgleichen sucht. Plotting at its highest level, das sich bei aller Mythenhaftigkeit niemals davontragen lässt ins bedeutungslose ad libitum. Oder es zumindest versteht, dem Beliebigen bei seiner Emanzipation zum Bedeutsamen gleichsam unter die Arme zu greifen – durch Einflechtung ins soziale Netzwerk der narrativen Gespinste. Mundus est fabula. Legendär!

Grundlose Mannigfaltigkeit

Damit hat es beileibe nicht sein Bewenden. Plot – darunter versteht Rossel eben Komplott, Verstrickung, Verschwörung und Überlagerung von inkompossiblen, „sich an jeder Weggabelung multiplizierender Universen„. Abschweifung wird vom stilistischen Manko zu des Pudels Kern aller Mannigfaltigkeit aufgewertet. Genauso stellt ein konstitutives „too much“ von vermeintlich disparaten Ingredienzien keinen beklagenswerten Unfall mehr dar.

So kommt es mithin auch, so zufällig wie zwangsläufig, dass die durch die Zeit reisende heilige Ursula (lat. Bärin) von Köln, deren Legende um die tausend Jungfrauen und das gewaltsame Techtelmechtel mit Attila, dem Hunnenkönig, sich als zweite von drei lebensunterhaltsichernden Auftragsarbeiten der Autorin/Ich-Erzählerin neu erdichtet (die dritte Tätigkeit besteht übrigens im Verfassen einer Abhandlung über die doppelbödigen Bedeutungs-Wandlungen des Wortes Atlas), mit ihrem schwesterlichen Widerpart, der Löwin (unter den Wandelnamen Leonie, Lew, Leonidas; bedenke: auch die Schrödingerkatz ist ein Löwe!) eine weitere mysteriöse Dyade bereitstellt.

„Schlagartig wurde mir klar, worum es schon die ganze Zeit gegangen war, gehen würde: Löwin gegen Bärin.“

Da haben wir´s! Ach ja, apropos Hunnen: Dieser sagenumwobene Nomadenstamm, ohne ethnologisch klar fassbare Konturen… mittelamerikanische Guerillas, Sherpas…: Rossels luftiger, federleichter, unbekümmert mit sämtlichen constraints brechender Wurf wimmelt von nicht-sedentären Völkern und Stämmen. („Wohnen ist unnatürlich. Der Mensch wandert umher, richtet sich ein Nachtlager, bricht wieder auf und macht unterwegs Karten.“)

Die Erde flutet ihn, er selbst ein gebrochener Deich, und sein Geist, eine Nehrung, die auch bald weggeschwemmt werden wird, erstickt daran, kein adäquates Bild wiedergeben zu können.

Ursula Timea Rossel (Foto: Adrian Moser, Quelle: bilgerverlag.ch)

Löwenanteil und Bärendienst: Tolle lege!

Noch Fragen? Hoffentlich!

Um nicht zu viel zu verraten, wurde viel Nichtssagendes gesagt, was als Scheitern interpretiert werden kann, aber nicht muss. („In keinem anderen Beruf muß man das Versagen so beherrschen wie in der Kartographie„). Ob damit insgesamt der Autorin und ihrem Roman ein Gefallen oder nicht vielmehr ein Bärendienst erwiesen wurde, bleibt dahingestellt. Dem Gutwilligen, der bis hierhin durchgehalten oder aus Ungeduld die Zwischenzeilen übersprungen hat, sei abschließend immerhin das ballaststoffreiche Rezept mit auf den Weg gegeben, mit dem er´s halte, wie er mag („…nicht ist der Weg ein Ziel, wie die Binsenlüge suggeriert. Der Weg ist der Weg, das ist alles.„). Keine noch so üppige Wiedergabe dispensiert von der wiederholten Lektüre, bei der allein der Nuancenreichtum dieser gehaltvollen Kreation umfassend erschmeckt werden kann, drum: Nimm „Man nehme…” und lies!

Tillmann Reik

Ursula Timea Rossel: Man nehme Silber und Knoblauch, Erde und Salz. Roman. Bilger Verlag. 338 Seiten. 28 Euro. Verlagsinformationen zum Buch. Homepage der Autorin.

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